Der zweite Raum des Senators

Das Schlafzimmer Apollon Apollonowitschs war einfach und klein: vier graue

perpendikuläre Wände und ein einziger Fensterausschnitt mit weißen

Spitzengardinen; ebenso weiß waren die Bettlaken, Handtücher und

Kissenüberzüge; vor dem Schlafengehen des Senators spritzte der

Kammerdiener die Bettlaken mit einem Pulverisator ein.

Apollon Apollonowitsch gebrauchte nur das Eau de Cologne des Petersburger

Chemischen Laboratoriums.

Weiter stellte der Kammerdiener ein Glas mit Zitronenlimonade auf das

Nachttischchen und entfernte sich dann, Apollon Apollonowitsch entkleidete

sich selbst.

Mit großer Korrektheit zog er seinen Schlafrock aus, mit ebensolcher

Korrektheit faltete er ihn zusammen und warf ihn geschickt über die Lehne

des Stuhles; mit größter Korrektheit zog er dann auch Sakko und Hose aus;

in gestrickter, fest anliegender, weißer Unterhose und im Hemd pflegte er

vor dem Schlafengehen seine gymnastischen Übungen zu machen.

Diese nützlichen Übungen machte er besonders eifrig an jenen Tagen, an

denen er an Hämorrhoiden litt.

Nach den nützlichen Übungen zog er die Decke über sich, um sich der

friedlichen Ruhe hinzugeben und die Reise zu beginnen: denn der Schlaf (das

fügen wir von uns hinzu) ist eben nichts anderes als eine Reise.

Das alles vollführte Apollon Apollonowitsch auch heute. Bis zum Kopf in die

Decke gehüllt, schwebte er bereits in der zeitlosen Leere.

Aber da werden wir unterbrochen, und man fragt uns: »Wieso Leere? Und die

Wände, der Boden? Und . . . so weiter? . . .«

Wir antworten:

Apollon Apollonowitsch sah immer zwei Räumlichkeiten vor Augen: eine war

die _materielle_ (die Zimmerwände, die Wände des Wagens usw.), die andere

-- nicht gerade die _geistige_ . . . (die materielle aber keinesfalls)

. . . Also, über seinem Kopf sah der Senator Ableuchow sonderbare

Strömungen: funkelnde, gleißende, aber auch neblige, irisierende Flecke,

aus sich drehenden Zentren hervorgehend, im Halbdämmer die Grenzlinien der

materiellen Flächen verschleiernd; so schwirrte Raum im Raum, und

letzterer, alles andere verdeckend, verband sich mit dem Unermeßlichen der

sich bewegenden, sich biegenden Perspektiven, deren Inhalt aus . . . so

etwas wie Tannennadeln, Sternchen, Fünkchen, Flämmchen bestand. Apollon

Apollonowitsch pflegte vor dem Einschlafen die Augen zu schließen und sie

dann wieder zu öffnen; wobei sich folgendes ergab: die Flämmchen,

Nebelflecke, Fäden und Sternchen fügten sich wie aufsteigender heller

Schaum brausender, übergroßer Dunkelheiten plötzlich zu wahrnehmbaren,

deutlichen Bildern (für eine Viertelsekunde nur): zu einem Kreuz, zu einem

Brillanten, zu einem Vieleck, zu einem Schwan, zu einer lichterfüllten

Pyramide. Dann zerstob alles. --

Apollon Apollonowitsch besaß ein seltsames Geheimnis: die Welt der

mathematischen Figuren, der Konturen, der Zitterigkeiten, der

absonderlichen physischen Empfindungen -- kurz: ein All der Seltsamkeiten.

Dieses _All_ entstand immer vor dem Schlafengehen und entstand so, daß

Apollon Apollonowitsch in diesem Augenblick alle früheren

Unvernehmbarkeiten, Geräusche, kristallographischen Figürchen, goldene, im

Finstern sich tummelnde chrysanthemenartige Sterne auf vielfüßigen Strahlen

wahrnahm (manchmal übergoß ein solcher Stern des Senators Schädel mit

flüssigem Gold, dann lief es ihm kalt über den Schädel); kurz, er erinnerte

sich alles dessen, was er am Tage vorher gesehen hatte und dessen er sich

folgenden Morgen wohl nicht mehr erinnerte.

Manchmal (nicht immer) merkte Apollon Apollonowitsch beim Schlafengehen, in

den letzten Momenten seines Tagesbewußtseins, daß alle Fäden, alle Sterne,

einen kochenden Wirbel bildend, aus sich einen Korridor bauten, der ins

Unendliche lief; und (was das Seltsamste war) er fühlte, daß dieser

Korridor seinen Anfang im Senatorkopfe hatte, daß er, der Korridor -- eine

unendliche Fortsetzung des Kopfes selbst sei, seines Kopfes, dessen

Scheitel sich öffnete, um eine Fortsetzung zum Unermeßlichen zu bilden; und

so gewann der alte Senator vor dem Einschlafen den höchst sonderbaren,

eigentümlichen Eindruck, als sähe er nicht mit den Augen, sondern mit dem

Zentrum seines Kopfes, das heißt, als sei er, Apollon Apollonowitsch, nicht

_er_, sondern ein Etwas, das in seinem Hirn saß und von dort aus alles

ansah; wurde der Scheitel geöffnet, konnte jenes _Etwas_ frei und ohne

Hemmung über den Korridor bis zu dem in unendlich weiter Ferne liegenden

Abgrundsrand laufen.

Das war die zweite Räumlichkeit des Senators -- das Land seiner

allnächtlichen Reisen; und nun genug davon . . . ja.

Den Senatorkopf in die Decke gehüllt, schwebte er bereits über der

zeitlosen Leere, der lackierte Fußboden löste sich schon von den Beinen des

Bettes, und dieses stand sozusagen im Unbekannten -- als des Senators Ohren

sonderbare Laute vernahmen, ähnlich denen aufschlagender Hufe.

»Tra -- ta -- ta . . . Tra -- ta -- ta . . .«

Die Laute kamen näher.

Seltsam, höchst seltsam: der Senator schob ein Ohr aus der Decke hervor --

ja: es _scheint_ richtig -- aus dem Spiegelsaal kam das Geräusch.

Apollon Apollonowitsch schob den Kopf hervor.

Die Laute klangen noch immer: Apollon Apollonowitsch sprang auf und lief in

den Korridor.

Der Mond beschien die stillen Zimmer.

Mit bloßen Beinen, mit brennender Kerze in der Hand spazierte der Senator

durch die Räume. Die plötzlich aufgetauchte Bulldogge folgte ihrem

beunruhigten Herrn und wedelte wohlwollend mit dem abgehackten, halben

Schwanze.

Wie ein flacher Holzdeckel wiegte sich keuchend die haarige Brust, während

das blaßgrüne Ohr lauschte. Zufällig fiel der Blick des Senators in einen

Spiegel; der zeigte ein seltsames Bild: seine Arme, Beine und Brust waren

mit dunkelblauem Atlas überzogen.

Apollon Apollonowitsch schöpfte Atem und lief in den Saal: von woher die

Laute drangen.

»Tra -- ta -- ta . . . Tra -- ta -- ta . . .«

Schimpfend hallte des Senators Stimme:

»Nach welchem Paragraphen des Gesetzes?«

Dies rufend sah er, daß die gleichmütige Bulldogge, friedlich und

verschlafen, neben ihm herlief. Doch -- welche Frechheit! -- Aus dem Saal

erwiderte eine Stimme:

»Auf Grund einer außerordentlichen Verfügung.«

Über die freche Antwort empört, lief der blaue Ritter in den Saal, und

Apollon Apollonowitsch sah jetzt: die Laute waren nichts anderes als das

Zungenschnalzen eines elenden, tanzenden Mongolen: eines dicken Mongolen,

dessen Physiognomie er in Tokio gesehen hatte (der Senator war einmal nach

Tokio geschickt worden) --, und dieser dicke Mongole eignete sich das

Gesicht des Nikolai Apollonowitsch an; _eignete_ es sich an, sagte ich,

denn er war nicht Nikolai Apollonowitsch, sondern ein gewöhnlicher Mongole,

den der Senator früher in Tokio gesehen hatte. Dies zu begreifen, weigerte

sich der Senator, mit den Fäustchen die erstaunten Augen reibend. Der

Mongole aber (Nikolai Apollonowitsch) näherte sich ihm in eigennütziger

Absicht.

Da rief der Senator zum zweitenmal:

»Nach welchem Gesetz? Und nach welchem Paragraphen?«

Und die Räumlichkeit antwortete ihm:

»Es gibt jetzt schon keine Paragraphen und keine Gesetze.«

* * *

Plötzlich der Schwere beraubt, ja selbst des Empfindens der Körperlichkeit,

ganz Gesicht und Gehör, von jedem anderen Gefühl befreit, hob er die

Stellen der Augen (denn die Augen waren nicht mehr: jede Körperlichkeit war

ja entschwunden!) in die Richtung seines eigenen Scheitels und merkte, daß

kein Scheitel mehr existierte, denn dort, wo sonst das Hirn von festen

Knochen gehalten wurde, war jetzt eine runde Öffnung, die zur dunkelblauen

Ferne strahlte, und über dieser Öffnung hing ein rotierendes Rad aus

tanzenden, sprühenden Funken; im Augenblick, als Apollon Apollonowitsch den

Mongolen an seinen kraftlosen Körper heranschleichen fühlte -- im selben

Augenblick begann ein Etwas, das wie der Wind im Schornstein heulte und

pfiff, das Bewußtsein Apollon Apollonowitschs in die unendlichen

Sternfernen emporzuziehen.

Hier geschah ein Skandal (das Bewußtsein Apollon Apollonowitschs

konstatierte, daß schon einmal ein ähnlicher Fall vorgekommen war: wo, wann

-- dessen erinnerte er sich nicht) -- hier geschah ein Skandal: der Wind

blies das Bewußtsein Apollon Apollonowitschs aus Apollon Apollonowitsch.

Durch die runde, strahlende Öffnung flog er hinaus in das Blau der Gestirne

als goldener, federleichter Stern; als er genügend hoch über seinem eigenen

Kopfe schwebte (der ihm als _Planet_ erschien); zerstob der goldene Stern,

einer Rakete gleich, lautlos in Luft . . .

Ende des dritten Kapitels.

Petersburg · 第 41 / 112 题