Nikolai Apollonowitsch dachte: »Es ist Zeit.«

Nikolai Apollonowitsch wußte, daß sie zum Meeting gegangen war (dafür

bürgte die Begleitung Warwara Ewgrafownas), Nikolai Apollonowitsch dachte,

daß schon zweieinhalb Stunden vergangen sind, seit er sie getroffen hatte;

jetzt dachte er: »Es ist Zeit . . .«

Tatam -- tam -- tam!

Es war schon spät.

Sofja Petrowna war auf dem Wege nach Hause, sie verbarg ihr Näschen in den

flaumigen Muff. Hinter ihrem Rücken dehnte sich die Troitzkibrücke, lief

endlos gegen die Inseln, die stumm in der Ferne sich dehnten; über die

große eiserne Brücke breiteten sich Schatten, legten sich auf das feuchte

Geländer, legten sich auf die grünlichen, von Bazillen wimmelnden

Wasserflächen.

Plötzlich weiteten sich Sofja Petrownas Augen, begannen zu zwinkern,

schielten: unter dem feuchten, feuchten Geländer lag mit gespreizten Beinen

ein dunkles tigerartiges Tier, in den Zähnen eine silberne Reitpeitsche;

die runde Schnauze des tigerartigen Tieres war zur Seite gewandt; als Sofja

Petrowna in diese Richtung den Blick warf, sah sie das wächserne Gesicht

mit den vorstehenden Lippen, den Blick auf das grünliche, von Bazillen

wimmelnde Wasser gerichtet; es schien, als barg dies Gesicht in sich einen

teuflischen Gedanken, der in ihr seinen Widerklang gefunden hatte; denn

quälend verfolgten sie in den letzten zwei Tagen die Worte aus der

allbekannten Romanze:

Wir standen am Ufer der Newa

Und sahen dem purpurnen Sonnenuntergang zu.

Und nun, er stand auf dem Ufer der Newa und sah dumpf auf das Grün, oder

nein -- er flog mit dem Blick in die Ferne, wo sich die Ufer breiteten, wo

sich resigniert die Inselhäuser duckten, wo über den weißen Festungswänden

hoffnungslos und kalt die qualvoll scharfe, herzlose, kalte Spitze der

Petropawlowski-Festung zum Himmel ragte.

Es zog sie zu ihm -- was sind Worte, was sind Gedanken! Aber er, er

bemerkte sie wieder nicht; mit den vorstehenden Lippen und glasig

erweiterten Augen ähnelte er in seinem weiten Mantel einem kleinen,

armlosen Krüppel.

Als sie vorbei war, wandte sich Nikolai Apollonowitsch langsam um und ging

mit raschem, trippelndem Schritt fort; an der Ecke vor der Brücke wartete

sein Wagen; der bald dahinraste; und als sein Wagen Sofja Petrowna

überholte, wandte Nikolai Apollonowitsch, während er, zum Hunde

niedergebeugt, mit den Händen dessen Halsband herunternahm, den Blick der

einsam schreitenden dunklen Gestalt zu, die ihr Näschen in den Muff

gesteckt hat; er sah sie an, lächelte; doch der Wagen raste vorbei.

Plötzlich, unerwartet, begann der erste Schnee zu fallen; seine lebendigen

Diamanten schimmerten tanzend im Lichtkreis der Laterne; nur ganz, ganz

matt beschien der Lichtkreis auch eine Mauer des Palais, den Kanal und die

kleine steinerne Brücke; leer war es rundum; eine einsame Droschke wartete

auf jemand an der Ecke, und der Kutscher pfiff sorglos ein Liedchen; in der

Droschke lag nachlässig hingeworfen ein weiter grauer Mantel.

Sofja Petrowna Lichutina blickte, auf der Brücke stehend, verträumt in die

Tiefe; Sofja Petrowna Lichutin war schon öfters dagestanden; einmal stand

sie auch mit ihm da; und sie sprach von den göttlichen, wundervollen,

zauberhaften Klängen einer Oper und, mit dem Fingerchen dirigierend, sang

sie halblaut:

»Tatam-tam-tam! . . . Tatam-tam-tam!«

Nun stand sie wieder da; ihre Lippen öffneten sich, das Fingerchen hob sich

in die Höhe:

»Tatam-tam-tam! . . . Tamtam-tam-tam!«

Plötzlich hörte sie Schritte, die sich ihr rasch näherten. Sie sah sich um

-- und schrie nicht einmal auf: hinter der Palaisecke erschien der rote

Domino, lief wie suchend bald hin, bald her und stürzte, die Frauengestalt

auf der Brücke entdeckend, ihr entgegen; er stolperte vom Laufen und hielt

die Maske weit vor sich, der kalte Newawind aber spielte mit dem schwarzen

breiten Spitzenfächer. Sofja Petrowna Lichutina hatte angesichts der

laufenden Maske kaum Zeit, sich klar darüber zu werden -- daß der rote

Domino eine Narrenmaske sei, daß ein geschmackloser Witzbold (und wir

wissen, wer es war) mit ihr einfach einen Scherz machen wollte, daß hinter

der Samtmaske sich ein menschliches Gesicht verbarg -- Sofja Petrowna

dachte (sie hatte ja so eine winzige Stirn), daß die Welt ein sonderbares

Loch bekommen habe und daß sich auf sie aus diesem Loch, keinesfalls aber

aus der umgebenden Welt, ein teuflischer Spaßvogel stürzte; wer dieser

teuflische Spaßvogel sei, das hätte sie kaum zu erklären vermocht.

Als die schwarze Spitzenmaske stolpernd die Brücke erreichte, riß ein

Windstoß an dem roten Narrenanzug so heftig, daß seine Flügel übers

Geländer in die dunkelfarbige Nacht flogen; zum Vorschein kam ein

wohlbekannter Anzug, und der furchtbare Domino verwandelte sich einfach in

den armseligen Witzbold; in diesem Augenblick rutschte der Witzbold aus und

fiel mit der ganzen Wucht seines Körpers zu Boden; über ihm aber klang

jetzt lautes, unbändiges Lachen:

»Kleiner Frosch, Scheusal -- roter Narr! . . .«

Ein flinker kleiner Frauenfuß stieß zornig gegen den Narren.

Längst des Kanals eilten inzwischen bärtige Männer daher, aus der Ferne

ertönte das Polizeisignal; der Narr sprang auf; der Narr stürzte zur

Droschke; man sah aus der Ferne, wie in der Droschke sich hilflos eine

Gestalt bewegte, bemüht, den Mantel wieder über die Schulter zu ziehen.

Sofja Petrowna begann zu weinen und verließ im Laufschritt die verruchte

Stelle. Vom Kanal her lief bellend in der Richtung der Droschke die

stumpfnasige Bulldogge: ihre kurzen Beine flitzten nur so dahin, und

hinterher raste ein Gefährt, in dem zwei Schutzleute saßen.

Petersburg · 第 39 / 112 题