Alexander Iwanowitsch kehrte in seine traurige Behausung zurück, um einsam
zwischen den vier kahlen, braungelben Wänden zu sitzen und das Leben der
Mauerkäfer in den feuchten Wandfalten zu studieren. Sein morgendlicher
Ausgang war eine Flucht vor den Mauerkäfern; er merkte schon längst, daß
die Ruhe seiner Nächte in direktester Weise von der Ruhe des
vorhergegangenen Tages abhänge: was er auf der Straße, im Wirtshaus, im
Café erlebte, das brachte er mit nach Hause.
Und was war nun heute?
Alexander Iwanowitsch dachte: wenn er nach Hause zurückgekehrt sein wird,
werden die Geschehnisse des Tages seine Tür zu sprengen beginnen.
Hinter sich ließ Alexander Iwanowitsch die diamantenschimmernde Brücke
zurück.
Weiter, hinter der Brücke, auf dem Fond des nächtlichen Issakijdoms, reckte
sich -- aus der grünen Wirrnis -- immer derselbe Granitblock, immer
derselbe geheimnisvolle Reiter hielt dort in der schweren, grünenden Hand
seinen kupfernen Lorbeerkranz hoch über die Newa; unter den weit
ausschlagenden Vorderhufen des Rosses stand schlummernd ein alter Grenadier
mit buschigem Helm auf dem Kopf.
Ein leicht wogender Halbschatten bedeckte des Reiters Angesicht, und die
Einheit des metallenen Antlitzes verlor sich im Doppelsinn des Ausdrucks;
die metallene Hand schnitt in die türkisblaue Luft ein.
Von jener schicksalsschwangeren Zeit, als der metallene Reiter an die Ufer
der Newa herangesprengt kam, von jener, mit kommenden Tagen schwangeren
Zeit, als er sein Roß auf das graue, finnische Granit warf -- von da ab --
spaltete sich Rußland; es spalteten sich auch die Schicksale des
Vaterlandes; diesen Riß trug Rußland leidend und weinend, trug und trägt
ihn bis zur heutigen Stunde . . .
Du, Rußland, bist wie ein Roß! Ins Dunkel, in die Leere schlägst du mit den
Vorderhufen aus; und fest verankert im Granit sitzen deine Hinterbeine.
Willst auch du dich von dem haltenden Stein lösen, wie sich manche deiner
wahnsinnigen Söhne vom Boden lösten -- willst auch du dich lösen von dem
haltenden Stein, um zaumlos in der Luft hängenzubleiben, um dann in das
undurchdringliche Wasserchaos zu stürzen? Oder wähnst du, durch die Lüfte,
Nebel zerreißend, mitsamt deinen Söhnen in die Wolken zu tauchen? Oder,
Rußland, bist du nur aufgebäumt, in Sinnen versunken über das grausige
Schicksal, das dich hierher verschlug -- in diesen Norden, wo selbst die
Sonne zögernd stundenlang nicht unterzugehen vermag; wo die Zeit fiebernd,
bald in frostiger Nacht, bald im tagelichten Schimmer sich dehnt? Oder
willst du, dich vor dem Sprunge fürchtend, deine Hufe dem Boden nähern und
wiehernd deinen großen Reiter aus den trügenden Landen zurück in die Tiefen
der Ebenen tragen?
Möge es nicht geschehen! . . .
Einmal hoch aufgebäumt, die Lüfte mit dem Blick messend, wird das kupferne
Roß nicht die Hufe senken: ein Sprung wird es sein in die Geschichte, ein
Brausen, ein mächtiges, wird es geben; spalten wird sich der Boden; die
Berge selbst werden stürzen von dem Sprung; und die geliebten Ebenen werden
höckerig werden; dann werden sich Nishnij Nowgorod und Wladimir und
Uglitsch erheben . . .
Du aber, Petersburg, wirst sinken.
Alle Völker werden dann ihre Plätze verlassen; einen großen Streit wird es
geben, einen Streit, wie ihn die Welt noch niemals gesehen: die gelben
Horden aus Asien, ihre festangesessenen Plätze verlassend, werden die
europäischen Fluren mit Ozeanen von Blut überströmen; es wird, es wird --
ein Zusima geben! Es wird -- eine neue Kalkschlacht geben! . . .
Schlachtfeld von Kulikowo -- ich harre deiner!
Aufgehen wird dann die letzte Sonne auch über meinem geliebten Land. Wenn
du, o Sonne, nicht aufgehst, dann versinken, o Sonne, unter den schweren
mongolischen Fersen die europäischen Ufer, und weiße Gischt wird diese Ufer
bespritzen, die Erdgeborenen werden wieder auf des Ozeans Grund sinken --
in das ureigene, in das längst vergessene Chaos . . .
Geh auf, o Sonne!
Geh auf!
* * *
Ein türkisblauer Durchblick glitt am Himmel hin; ihm entgegen flog durch
die Wolken ein brennender Phosphorfleck, der sich plötzlich in die
helleuchtende Mondscheibe wandelte; für einen Augenblick entflammte alles
rundum: Wasser, Rinnsteine, Granit, die zwei Göttinnen über dem Viadukt,
das Dach des vierstöckigen Hauses; hell blinkte die Kuppel des Issakijdoms;
entflammt waren auch -- des Reiters Angesicht und der Kupferlorbeerkranz;
allmählich erloschen die Lichter der Inseln, und das zweideutige Fahrzeug
inmitten der Newa erwies sich als ein einfacher Schoner; ein heller Punkt
leuchtete funkelnd von der kleinen Kapitänsbrücke: vielleicht das
Lichtsignal des rotnasigen Bootsmanns mit der holländischen Mütze,
vielleicht die helle Laterne des wachthabenden Matrosen.
Einem Rußwölkchen gleich, löste sich der Halbschatten vom kupfernen Reiter,
und schwärzer zeichneten sich auf den Steinen des Pflasters der
buschhaarige Grenadier und der Reiter.
Die Schicksale der Menschen sah Alexander Iwanowitsch plötzlich von hellem
Licht durchleuchtet: er vermochte klar zu erblicken, was einmal sein wird;
er vermochte es jetzt zu erfahren, was nie geschehen kann: alles war
deutlich; das Schicksal schien sichtbar geworden zu sein; doch in sein
_eigenes_ Schicksal zu blicken, davor bangte es ihm; erschüttert,
ergriffen, sehnsuchterfüllt stand er davor.
Und -- der Mond bohrte sich in eine Wolke hinein . . .
Wild jagend flogen die Flockenarme der Wolken dahin; neblige
Hexenhaarsträhnen durchzogen die Höhe; und zweideutig tanzte dazwischen ein
brennender Phosphorfleck . . .
Plötzlich -- ein betäubendes Brüllen: vom Viadukt her gegen den Newastrom
raste, mit riesigen Scheinwerfern blendend, petroleumkeuchend, ein Auto;
Alexander Iwanowitsch erblickte noch die gelben Mongolengesichter; dann
verließen ihn die Kräfte. Er fiel plötzlich zu Boden, und zu seinen Füßen
rollte seine durchnäßte Mütze, während er hinter seinem Rücken ein einem
Wehklagen ähnliches Lispeln vernahm:
»Herr Jesus Christus! Steh uns bei!«
Alexander Iwanowitsch wandte sich und gewahrte, daß es der Grenadier war.
»Herrgott, was war das?«
»Ein Auto: hohe japanische Gäste . . .«
Das Auto aber war nicht mehr zu sehen.