Mit dem Erscheinen des Senators im Hause wurde der Unbekannte von
Nervosität ergriffen; seine bis dahin glatt fließende Sprache wurde
holprig: wahrscheinlich die Wirkung des Alkohols; überhaupt schien sein
Gesundheitszustand bedenklich; die Gespräche, die er mit sich selbst und
mit anderen führte, lösten in ihm ein sündhaftes Gefühl aus und wirkten
quälend auf sein Rückenmark; er empfand einen sonderbaren, düsteren Ekel
vor seinen interessierenden Gesprächen; dieser Ekel übertrug sich dann auf
ihn selbst; diese äußerlich harmlosen Unterhaltungen schwächten ihn sehr;
doch am unangenehmsten war der Umstand, daß, je mehr er sprach, um so
unwiderstehlicher sich in ihm das Bedürfnis regte, noch weiterzusprechen;
er konnte nicht mehr Einhalt tun und erschöpfte sich mehr und immer mehr;
manchmal ging dies so weit, daß er dann vom Verfolgungswahn befallen ward;
in Träumen setzten sich diese Anfälle fort: er hatte furchtbare Träume; der
Albdruck kehrte oft dreimal in einer Nacht wieder.
All das fiel Alexander Iwanowitsch ein, und er schüttelte die Achseln: als
hätte die Rückkehr des Senators seine Seele wieder in Aufruhr gebracht; ein
fremder Gedanke beunruhigte ihn. Zuweilen näherte er sich der Tür und
horchte auf kaum vernehmbare, ferne Schritte: die Schritte des Senators,
der sich in seinem Zimmer bewegte.
»Nun hören Sie meinem Geschwätz weiter zu, Nikolai Apollonowitsch: in all
den Worten über die Selbstbehauptung meiner Persönlichkeit liegt ja
wiederum Krankhaftigkeit. Ich spreche mit Ihnen, debattiere -- aber nicht
mit Ihnen debattiere ich, sondern mit mir, nur mit mir selbst. Der Partner
bedeutet für mich gar nichts: ich spreche ebenso mit Wänden, mit
Laternenpfahlen, mit vollendeten Idioten. Ich höre nicht auf fremde
Gedanken, das heißt ich höre nur davon das, was mich selbst, was das
_meine_ betrifft. Ich kämpfe, Nikolai Apollonowitsch: die Einsamkeit ist
der Angreifer; ich sitze stunden-, tage-, wochenlang in meiner Mansarde und
rauche. Dann beginnt es mir zu scheinen, als wäre alles nicht das
Eigentliche. -- Kennen Sie das?«
»Ich kann es mir nicht deutlich vorstellen. Ich hörte, so was kommt bei
Herzschwäche vor. Beim Anblick von leeren Flächen, in deren Nähe sich
nichts befindet . . . Das versteh' ich eher.«
»Ich aber nicht; doch wenn ich so allein sitze . . . da sag' ich mir: warum
bin ich -- ich? Und da scheint es mir: ich bin es eben gar nicht. Oder: da
steht vor dir ein Tischchen. Weiß der Teufel: ist das ein Tischchen, oder
ist es keines? Und ich sage mir: was hat doch das Leben aus dir gemacht?
Aber glauben Sie: ich bin nur allein krank? Oho: auch Sie, Nikolai
Apollonowitsch, sind es. Fast alle sind -- krank. Lassen Sie, ich weiß
alles, was Sie sagen wollen, und doch: ha--ha--ha! -- Fast alle
Ideenarbeiter in der Partei sind in derselben Weise krank; nur bei mir
tritt es deutlicher hervor. Ich hab' auch in früherer Zeit, wissen Sie, die
Parteiarbeiter gern beobachtet: eine gefüllte Versammlung; Geschäfte,
Rauch, Gespräche -- über lauter Erhabenes, Edles; mein Genosse ist voll
Aufregung; dann aber lädt er mich ein, mit ihm ins Restaurant zu gehen.«
»Nun, und was dann?«
»Nun, da erscheint natürlich Wodka und dergleichen; ein Glas hübsch nach
dem anderen; ich beobachte nun: zeigte sich nach dem Wodka um den Mund
meines Partners so ein Schmunzeln (welches es ist, kann ich Ihnen nicht
sagen), dann wußte ich: auf diesen Ideenarbeiter ist kein Verlaß; seinen
Worten und seinem Tun ist kein Glauben zu schenken; dein Partner ist krank
-- an Willensschwäche, an Neurasthenie; und nichts, glauben Sie mir, nichts
in der Welt schützt ihn vor Gehirnerweichung: dieser Partner ist nicht nur
fähig, in schwieriger Situation sein Wort zu brechen (Nikolai
Apollonowitsch fuhr zusammen): er ist auch fähig zum ganz einfachen
Diebstahl und Verrat. Und sein Verbleiben in der Partei ist Provokation,
Provokation. Seither lernte ich die Bedeutung solcher, wissen Sie, Fältchen
um den Mund, kleiner Schwächen, eines Auflachens, einer Grimasse verstehen;
und wohin ich meine Augen wende, überall, überall stoße ich auf Zerrüttung
des Gehirns -- eine allgemeine, schleichende, nicht zu fassende Provokation
-- versteckt hinter einem solchen, wissen Sie, kurzen Auflachen; welcher
Art -- könnte ich Ihnen nicht sagen, aber ich erkenne es mit unfehlbarer
Sicherheit -- ich habe es auch bei Ihnen erkannt.«
»Dann sind aber auch Sie ein Provokateur. Nehmen Sie es mir nicht übel, ich
meine es in idealem Sinne.«
»Ich -- ja, ja, ja. Ich bin ein Provokateur. Aber meine ganze Provokation
betätigt sich im Namen einer großen, heimlich aus Fernen rufenden Idee;
eigentlich nicht einer Idee, sondern einer Strömung.«
Die Erregung des Unbekannten übertrug sich auf Ableuchow; die bläulichen
Tabakwellen und die zwölf zerknüllten Zigarettenstummel machten ihn
durchaus nervös. Als wäre ein unsichtbarer Dritter zwischen sie getreten.
»Warten Sie, ich geh' mit Ihnen; mir brummt der Schädel. Wir können draußen
ungestört weiterreden.«
»Ein vorzüglicher Gedanke.«
Ein scharfes Pochen an die Tür unterbrach ihn, und ehe Nikolai
Apollonowitsch fragen konnte, wer da sei, öffnete der halbberauschte
Alexander Iwanowitsch die Tür. Hart vor ihm, fast an seine Stirn stoßend,
befand sich ein nackter Schädel mit großen, allzu großen Ohren. Der
Unbekannte sprang zurück und sah zu Nikolai Apollonowitsch hinüber; doch
was er erblickte, war nur . . . eine Friseurladenpuppe: ein blasses,
schönes Wachsgesicht mit unangenehmem Lächeln auf dem bis zu den Ohren
gehenden Munde.
In der offenen Tür stand Apollon Apollonowitsch, eine riesige Melone unterm
Arm . . .
»So--o--o, so--o--o. Ich habe, scheint es, gestört . . . Ich brachte dir
dieses Melonchen da, Kolenka . . .«
Es war Tradition des Hauses, daß Apollon Apollonowitsch, wenn er in der
Herbstzeit vom Dienst nach Hause fuhr, eine Astrachaner Melone mitbrachte,
für die beide, sowohl er wie sein Sohn, eine Passion hatten.
Alle drei bewahrten einen Augenblick Schweigen; während dieses Augenblicks
empfand jeder von ihnen ganz offen eine tierische Angst.
»Mein Universitätskollege, Vater . . . Alexander Iwanowitsch Dudkin . . .«
»So--o--o . . . Sehr angenehm.«
Apollon Apollonowitsch reichte zwei Finger: _jene Augen_ -- ohne den
schrecklichen Blick; war es in Wahrheit jenes Gesicht, das ihn auf der
Straße anblickte? Apollon Apollonowitsch sah vor sich einen schüchternen,
offensichtlich von Not bedrückten Menschen.
Doch drei Herzen pochten laut; drei Augenpaare vermieden es, einander zu
begegnen. Nikolai Apollonowitsch rannte hinaus, um sich umzuziehen.
Inzwischen knüpfte Apollon Apollonowitsch mit dem Unbekannten ein Gespräch
an. Die Unordnung im Zimmer des Sohnes, der Kognak, die Zigarettenstummel
machten einen peinlichen Eindruck auf den Senator; aber die Antworten des
Unbekannten beruhigten ihn: diese waren völlig zusammenhanglos. Alexander
Iwanowitsch errötete immer wieder und gab zufällige Antworten. Er sah vor
sich nur gutmütige Fältchen, und aus diesen gutmütigen Fältchen blickten
gutmütige Augen: die Augen eines Gehetzten; und die knisternde Stimme
formte sich zu Worten, die Alexander Iwanowitsch kaum hörte; nur die
Endworte der Sätze fing sein Ohr auf:
»Wissen Sie . . . schon als Gymnasiast liebte Kolenka alle Vögel . . . Er
war wißbegierig . . . Jetzt ist er ganz anders: hat alles verworfen . . .
Und geht nicht zu den Kollegs . . .«
So redete im Schreiton Apollon Apollonowitsch, der achtundsechzigjährige
Greis; etwas wie Mitgefühl regte sich im Herzen des Unbekannten . . .
Nikolai Apollonowitsch trat wieder ein.
»Wo gehst du hin?«
»Ich muß geschäftlich wohin, Vater . . .«
»Zusammen mit . . . Alexander . . . mit Alexander . . .«
»Mit Alexander Iwanowitsch . . .«
»So--so . . . Also mit Alexander Iwanowitsch.« Bei sich dachte Apollon
Apollonowitsch: »Am Ende ist es vielleicht am besten: vielleicht waren die
_Augen_ nur Einbildung . . .« Weiter dachte Apollon Apollonowitsch, daß --
Not keine Schande sei . . . Warum nur der Kognak? (Apollon Apollonowitsch
haßte Alkohol.)
»Ja, wir gehen geschäftlich . . .«
Apollon Apollonowitsch suchte nach einem passenden Wort:
»Vielleicht essen wir erst zu Mittag? Alexander Iwanowitsch könnte mit uns
speisen . . .«
Apollon Apollonowitsch sah auf die Uhr:
»Übrigens ich will nicht stören.«
»Auf Wiedersehen, Vater . . . .«
»Adieu . . .«
* * *
Während sie über den helltönenden Korridor schritten, stand der kleine
Apollon Apollonowitsch hinten in der Korridorhalbdämmerung und blickte
neugierig den beiden nach.
Und doch, und doch . . . Gestern erblickten ihn diese Augen: Haß und Angst
waren in ihnen; und diese Augen: -- sie gehörten _ihm_. -- Und eine
Zickzackbewegung mit der Hand . . . eine höchst unangenehme -- oder war
alles gar nicht -- war es überhaupt nicht?
»Alexander Iwanowitsch Dudkin, Student . . .«
Apollon Apollonowitsch schritt hinter ihnen weiter.
* * *
Im prunkvollen Vorraum blieb Nikolai Apollonowitsch vor dem alten Diener
stehen und suchte nach dem Wort, das er sagen wollte.
»Ja--aa . . . aa . . .«
»Zu dienen!«
»Aha . . . das Mäuschen!«
»Jawohl! . . .«
»Bitte, was haben Sie damit gemacht?«
»Mit dem Mäuschen? Auf dem Kai in Freiheit gesetzt . . .«
»Ist es auch richtig?«
»Gewiß doch, gnädiger Herr: wie immer.«
Nikolai Apollonowitsch empfand besondere Zärtlichkeit gegen diese kleinen
Bestien.
Beruhigt über das Schicksal der Maus schritt er neben Alexander Iwanowitsch
weiter.
Beiden schien es, als blicke ihnen von der Balustrade jemand mit traurigem,
prüfendem Blick nach.
* * *