Die Zusammenstöße in den Straßen häuften sich

Es war eine nebelreiche, sonderbare Zeit: mit frostigem Schritt zog durch

Rußlands Norden der giftige Oktober; im Süden aber hingen bereits seine

Fäulnisnebel in der Luft. Er jagte das goldene Waldflüstern aus den Bäumen,

und das goldene Waldflüstern legte sich ergeben auf den Boden -- ergeben

fiel das Espenlaub zu Boden, wirbelte und klebte an den Füßen der

Passanten, wisperte und flocht gelbrote Worte aus Blättern. Das süße, in

der septemberlichen Laubwelle badende Piepsen der Meisen, es badete längst

nicht mehr in den Laubwellen; und die Meise selbst hüpfte jetzt verwaist im

Netzwerk der nackten Zweige umher.

Es war eine nebelreiche, sonderbare Zeit; die Froststürme nahten schon in

den bauschigen Wolken, die bleiern waren und blau, aber alle glaubten an

den Frühling: vom Frühling berichteten die Zeitungen, vom Frühling

unterhielten sich die Staatsbeamten der allerletzten Klasse; an den

Frühling mahnte ein damals populär gewesener Minister; und direkt nach

Maiveilchen dufteten die Seelenergüsse in den Briefen einer Petersburger

Studentin.

Die Bauern hatten längst aufgehört, den rauhen Boden zu pflügen; ihre

Pflüge warfen sie fort, die Bauern, ebenso ihre Eggen; sie sammelten sich

in Häuflein vor ihren Hütten und erörterten die Nachrichten der Zeitungen;

sie sprachen und debattierten und bereiteten sich vor, in einer vereinten

Schar gegen das Gutsherrenhaus zu ziehen, gegen das Haus mit den Säulen,

das sich in den Wolga-, Kama- und selbst in den Dnjeprwellen spiegelte; der

Feuerschein der brennenden Güter leuchtete in den langen Nächten über

Rußland; der Tag aber verwandelte das Leuchten in das Schwarz der

Rauchsäulen. Da aber konnte man in den entlaubten Büschen Haufen zerzauster

Kosaken erblicken, die die Läufe ihrer Flinten gegen den Alarmturm

richteten; auf ihren zerzausten Pferden sprengten dann ihre Abteilungen

hervor, blaue bärtige Menschen rasten, die Nagaiken schwangen durch die

herbstlichen Fluren dahin.

So war es auf dem Lande.

Aber so war es auch in den Städten. In den Werkstätten, Friseurläden,

Milchgeschäften, Wirtshäusern, überall trieb sich ein redseliges Subjekt

umher; die aus den blutgetränkten Feldern der Mandschurei mitgebrachte,

buschige Pelzmütze in die Stirn gedrückt, in der Seitentasche ein -- weiß

Gott woher herbeigeschaffter -- Browning, steckte das redselige Subjekt zum

soundsovielten Male dem Vorübergehenden ein schlecht gedrucktes Blättchen

in die Hand.

Alles wartete, hoffte und fürchtete sich; man lief beim leisesten Geräusch

auf die Straße, versammelte sich in Haufen und ging wieder auseinander; so

lebten in Archangelsk die Loparen, Korelen und Finnen; in Nischne-Kolymsk

die Tangusen; am Dnjepr -- die Juden und die Kleinrussen. In Petersburg und

Moskau lebten so alle: man wartete, fürchtete sich, hoffte; beim leisesten

Geräusch rannte man auf die Straße; man versammelte sich in Haufen und ging

wieder auseinander.

Die Zusammenstöße in den Straßen häuften sich: die Zusammenstöße mit den

Hausportiers, den Wächtern, den Revieraufsehern; die Hausportiers, die

Polizisten und besonders die Revieraufseher wurden von jedem belästigt: vom

Arbeiter, vom Abcschützen, vom Kleinbürger Iwan Iwanowitsch Iwanow und

seiner Gattin, selbst vom Ladeninhaber Pusanow, der in den vergangenen

besseren Tagen den Revieraufseher bald mit Lachs, bald mit kernigem Kaviar

beschenkt hatte. Jetzt wandte sich der wohlgeborene Kaufmann Pusanow gegen

den Revieraufseher und das andere »Gesindel«: so etwas schüchterte den

Polizeibeamten ein: grau, in grauem Mantel, wanderte er unbemerkt wie ein

Schatten daher und zog in Ehrfurcht beflissen seinen Säbel ein, mit zum

Boden gesenkten Augen.

So fristete zu jener Zeit seine Tage der Polizeibeamte in irgendeinem Kem;

so fristete er die Tage in Petersburg, Moskau, Orenburg, Taschkent, kurz,

in all den Städten, die zum Russischen Reiche gehörten.

Petersburg ist von einem Ring vielschlotiger Fabriken umgeben; die Vorstadt

ist wie ein Ameisenhaufen belebt. Zu jener Zeit waren alle in den Fabriken

höchst aufgeregt; und die Anführer der Haufen wurden alle zu redseligen

Subjekten; es zirkulierte unter ihnen der Browning; und noch etwas. Die

üblichen Schwärme wuchsen in jenen Tagen unmäßig an und verdichteten sich

zu vielköpfiger, vielstimmiger, riesenhafter Schwärze; und griff ein

Fabrikinspektor nach dem Telephonrohr, so wußte man schon: gleich wird ein

Steinhagel aus der Menge zu den Fenstern fliegen.

Petersburg selbst blieb unverändert; nur ein einziges Mal zogen Scharen von

Menschen, von Geistlichen gefolgt, über den Newskij-Prospekt: man trug den

Sarg eines Professors; voran wälzte sich ein Meer von Grün; blutrote

Atlasbänder wehten in der Luft.

Es war eine neblige, sonderbare Zeit; mit frostigen Fersen schritt der

Oktober durchs Land; frostiger Staub flog in braunen Stürmen durch die

Stadt; und ergeben legte sich das goldene Blättergeflüster auf die Wege des

Sommergartens, ergeben legte sich das raschelnde Laub zu den Füßen der

Passanten, um, vor ihnen herjagend, an ihren Füßen hängenzubleiben; raunend

flocht es gelbrote Worte aus Blätterbüscheln; das Meisengepiepse, das den

ganzen August in den Laubwellen gebadet hatte, badete längst nicht mehr in

den Wellen des Laubes; und die Meise im Sommergarten hüpfte verwaist im

Netz der trockenen Zweige umher, hüpfte auf dem bronzenen Gitter und flog

auf das Dach über dem Häuschen Peters des Großen.

So waren die Tage. Die Nächte aber -- -- Bist du schon nachts einmal

gewandert, befandest du dich da in einem entlegenen Vorstadtgehölz, und

hast du da die aufdringlichen, schreckenden U-Laute vernommen? »Uuuu --

uuuu -- uuuu«: so tönte es in der Ferne; war es überhaupt ein Laut? Wenn's

aber ein Laut war, so kam er sicher aus einer anderen Welt; von seltener

Stärke und Klarheit: »Uuuu -- uuuu -- uuuu«, tönte es in den Vorstädten von

Moskau, Petersburg, Saratow; doch die Fabrikpfeife hatte geschwiegen, der

Sturm hatte nicht gepfiffen, und stumm war der Haushund geblieben.

Hörtest auch du einmal das Oktoberlied von neunzehnhundertundfünf? Ein

solches Lied hatte es vorher nicht gegeben; ein solches Lied wird es nicht

mehr geben: nie mehr.

Petersburg · 第 29 / 112 题