Nikolai Apollonowitsch lehnte über die Treppenbalustrade und warf auf alle
Seiten irisierenden Glanz, der ganz im Gegensatz zu der Säule stand und zum
Alabaster, von dem aus die Niobe ihre Alabasteraugen gen Himmel hob.
Über das Geländer gebeugt, rief Nikolai Apollonowitsch etwas hinunter, doch
auf seinen Ruf erwiderte erst nur die Stille; dann aber antwortete mit
übertriebener Deutlichkeit eine Fistelstimme:
»Sie hatten mich sicher für jemand anders gehalten . . . Ich bin es -- ich
. . .«
Unten stand der Unbekannte mit dem schwarzen Schnurrbärtchen, im Mantel mit
aufgeschlagenem Kragen.
Nikolai Apollonowitsch verzog darauf das Gesicht in ein unangenehmes
Lächeln:
»Sie sind es, Alexander Iwanowitsch? . . . Höchst angenehm!«
Dann fügte er heuchlerisch hinzu:
»Ich erkannte Sie ohne Brille nicht . . .«
* * *
Das unangenehme Empfinden überwindend, das in ihm die Anwesenheit des
Unbekannten im lackierten Haus hervorrief, fuhr Nikolai Apollonowitsch
fort, mit dem Kopfe nach unten zu winken:
»Ich bin eigentlich gerade aus dem Bette gekommen, deshalb auch noch im
Schlafrock.« (Dies wie nebenbei erwähnend, wollte Nikolai Apollonowitsch
dem Besucher zu verstehen geben, daß er zur ungeeigneten Zeit gekommen sei;
wir fügen von uns hinzu: Nikolai Apollonowitsch hatte all die letzten
Nächte außer dem Hause verbracht.)
Auf dem reichen Fond des Ornaments aus altertümlichen Waffen machte der
Unbekannte mit dem schwarzen Schnurrbärtchen eine recht klägliche Figur,
doch nahm er sich zusammen und begann eifrig Nikolai Apollonowitsch zu
beruhigen:
»Das macht gar nichts, Nikolai Apollonowitsch, daß Sie gerade aus dem Bette
sind . . . Ich versichere Sie, es hat gar nichts zu bedeuten. Sie sind ja
keine Dame, und auch ich bin's nicht . . . Ich selbst bin nämlich auch erst
jetzt aufgestanden . . .«
Vor der Eichentür zum Arbeitszimmer drehte sich Nikolai Apollonowitsch
plötzlich zu dem Unbekannten; über beide Gesichter flog ein Lächeln: beide
sahen einander erwartungsvoll an.
»Also bitte, . . . Alexander Iwanowitsch!«
»Nur ja keine Umstände . . .«
Der Salon Nikolai Apollonowitschs war der vollständige Gegensatz zu der
Strenge seines Arbeitszimmers: er war bunt. Wie . . . der bucharische
Schlafrock. Der Schlafrock Nikolai Apollonowitschs setzte sich
gewissermaßen in allen Gegenständen des Zimmers fort; so im niederen Sofa,
das einem orientalischen Ruhebett aus bunten Geweben glich; der bucharische
Schlafrock setzte sich weiter fort im Taburett von verschiedenen Tönen; das
Dunkelbraun inkrustiert mit Streifchen aus Elfenbein und Perlmutter; der
Schlafrock fand seine Fortsetzung auch in einem Negerschild aus der dicken
Haut eines einst erlegten Nashorns, dann im sudanischen, verrosteten Pfeil
mit massivem Griff, der -- weiß Gott warum -- hierher gehängt wurde;
endlich setzte sich der Schlafrock in dem gestreiften Pelz eines Leoparden
fort, der mit aufgesperrtem Rachen auf den Boden geworfen ward; eine
dunkelblaue, türkische Wasserpfeife stand auf dem Taburett und dabei ein
dreibeiniges, goldenes Rauchzeug, gebildet aus einer durchlöcherten Kugel,
über der ein Halbmond schwebte; das Wunderlichste aber war ein bunter
Käfig, in dem von Zeit zu Zeit kleine, grüne Papageien mit den Flügeln zu
schlagen begannen.
Nikolai Apollonowitsch reichte dem Besucher das bunte Taburett: der
Unbekannte mit dem Schnurrbärtchen setzte sich auf den Rand und zog ein
billiges Zigarettenetui aus der Tasche.
»Sie gestatten?«
»Bitte.«
»Sie rauchen nicht?«
»Nein, ich habe diese Gewohnheit nicht.« Und verlegen setzte er sofort
hinzu:
»Übrigens, wenn andere rauchen . . .«
»Machen Sie das Fenster auf?«
* * *
Verteidigen Sie den Tabak nicht, Nikolai Apollonowitsch. Ich sage es Ihnen
aus eigener Erfahrung . . . Der Rauch durchsetzt den grauen Hirnstoff. Die
Hemisphären des Hirns werden verstopft: eine allgemeine Mattigkeit ergießt
sich in den Organismus . . .
Der Unbekannte zwinkerte Nikolai Apollonowitsch familiär zu.
»Sehen Sie mein Gesicht?«
Ohne die Brille gefunden zu haben, näherte Nikolai Apollonowitsch seine
Augen dem Gesicht des Unbekannten.
»Sehen Sie das Gesicht?«
»Ja, das Gesicht . . .«
»Das Gesicht ist blaß . . .«
»Ja, es ist etwas blaß --« Ableuchows Wangen wurden von Höflichkeitswellen
in verschiedenen Nuancen überströmt.
»Ein ganz grünes, verändertes Gesicht«, unterbrach ihn der Unbekannte, »Das
Gesicht eines Rauchers.«
Nikolai Apollonowitsch spürte schon längst eine beunruhigende Schwere, als
füllte das Zimmer sich nicht mit Rauch, sondern eher mit Blei; Nikolai
Apollonowitsch fühlte, wie sich die Hemisphären seines Hirns verstopften
und eine allgemeine Mattigkeit seinen Körper durchzog; er dachte aber nicht
an die Wirkungen des Tabakrauches -- er dachte vielmehr daran, wie er sich
mit Würde aus der peinlichen Lage zurückziehen könnte; er dachte, was er
wohl im bedenklichen Fall tun sollte, wenn der Unbekannte . . . wenn
. . .
Diese bleierne Schwere kam nicht von der billigen Zigarette; sie kam
vielmehr von der gedrückten Stimmung des Wirtes. Er erwartete von Sekunde
zu Sekunde, daß sein unruhiger Besucher nun das Geschwätz abbräche, dessen
eigenster Zweck zu sein schien -- ihn durch Erwartung zu quälen; ja: daß er
es abbrechen würde, um ihn daran zu erinnern, daß er, Nikolai
Apollonowitsch, seinerzeit durch ihn, den sonderbaren Unbekannten -- wie es
nur deutlicher aussprechen? . . .
Kurz, daß er seinerzeit die für ihn furchtbare Verpflichtung übernommen
hatte, der gerecht zu werden, ihm nicht bloß die Ehre gebot; dieses
furchtbare Versprechen aber hatte Nikolai Apollonowitsch damals nur aus
Verzweiflung gegeben; ein Mißerfolg hatte ihn dazu bewogen; die Spuren
dieses Mißerfolges verwischten sich nun allmählich. Das furchtbare
Versprechen müßte, schien es ihm, von selbst weggefallen sein; doch es
blieb bestehen; es blieb schon deswegen bestehen, weil es nicht
zurückgenommen ward; aufrichtig gestanden hatte es Nikolai Apollonowitsch
einfach gründlich vergessen; und so blieb dieses Versprechen bestehen und
lebte im Kollektivbewußtsein einer gewissen Partei fort, während in ihm
selbst die Empfindung von der Bitternis des Seins entschwunden war; und er
sein Versprechen gern als ein scherzhaftes betrachtet hätte.
Das Erscheinen des Individuums mit dem Schnurrbärtchen erfüllte Nikolai
Apollonowitsch mit Angst.
Warum denn aber -- warum hatte er sein Versprechen gegeben? -- Und das wäre
nicht das Wichtigste: warum hatte er aber sein furchtbares Versprechen
einer leichtfertigen Partei gegeben?
Die Antwort wäre einfach: Nikolai Apollonowitsch, beschäftigt mit der
Methodik der sozialen Erscheinungen, hatte die Welt dem Feuer und Schwert
preisgegeben.
»Wissen Sie, Nikolai Apollonowitsch,« (Nikolai Apollonowitsch fuhr
erschreckt auf) »ich kam eigentlich nicht zu Ihnen wegen des Tabaks . . .
das heißt das mit dem Tabak war ganz zufällig . . .«
»Ich verstehe schon.«
»Der Tabak ist eine Sache für sich; ich kam aber nicht wegen des Tabaks,
sondern einer Sache wegen . . .«
»Sehr angenehm . . .«
»Eigentlich ist es auch gar keine Sache; es handelt sich nur um eine
Gefälligkeit -- und diese Gefälligkeit werden Sie mir sicher erweisen
. . .«
»Gewiß doch, sehr angenehm . . .«
Nikolai Apollonowitsch wurde blau; er saß und bemühte sich, einen Knopf vom
Sofa zu lösen.
»Mir ist es höchst peinlich, aber eingedenk . . .«
Nikolai Apollonowitsch fuhr zusammen: die scharfe, hohe Fistelstimme des
Unbekannten fuhr wie ein Messer durch die Luft; eine Sekunde des Schweigens
war dieser Fistelstimme vorangegangen; diese Sekunde aber glich einer
Stunde -- einer unendlichen Stunde.
Doch nahm er sich sofort zusammen; er meinte nur:
»So, ich stehe zu Ihren Diensten --« Und dabei dachte er: die Höflichkeit
habe ihn vernichtet . . .
»Eingedenk Ihres Mitfühlens mit uns, kam ich . . .«
»Alles, was ich nur kann« -- schrie Nikolai Apollonowitsch heraus und
dachte: er sei doch ein vollendeter Esel . . .
»Eine kleine, o, eine ganz kleine Gefälligkeit . . .« (Nikolai
Apollonowitsch horchte gespannt):
»Pardon . . . darf ich um die Aschenschale bitten?«