In diesen frostreichen Oktobertagen befand sich Sofja Petrowna in
ungewöhnlicher Aufregung; blieb sie allein in ihrem Treibhäuschen, dann
runzelte sich ihr Stirnchen, und ihr Gesicht wurde purpurn; sie trat ans
Fenster und wischte mit ihrem Taschentüchlein aus zartem Batist die
schweißbedeckten Scheiben, das Glas begann zu quieken, und öffnete einen
Augenblick auf den Kanal und auf einen vorübergehenden Herrn mit Zylinder
-- nichts weiter; als wäre sie in ihren Ahnungen getäuscht, begann Engel
Peri ihr angefeuchtetes Taschentuch mit den Zähnchen zu beißen und zu
zerren, dann lief sie hinaus, zog ihren schwarzen Plüschmantel an, setzte
die Mütze aus ebensolchem Plüsch auf (Sofja Petrowna kleidete sich sehr
bescheiden) und ging fort, um, die Nase in den Pelzmuff vergraben, zwischen
der Moikastraße und dem Kai zu schlendern.
Und einmal, während Lipantschenko da war, ergriff sie ihre Hutnadel und
stach sich ins kleine Fingerchen.
»Sehen Sie, es schmerzt nicht, und es kommt kein Blut: ich bin aus Wachs
. . . eine Puppe.«
Lipantschenko lachte und sagte:
»Sie sind keine Puppe, Herzchen.«
Erbost jagte ihn Engel Peri von sich. Er ergriff seine Ohrenklappenmütze
und ging.
Sie aber fuhr fort, ruhelos durchs Treibhäuschen zu wandern, runzelte das
Stirnchen, errötete, wischte die Scheiben; es eröffnete sich der Ausblick
auf den Kanal und auf eine vorüberfahrende Droschke -- nichts weiter.
Was aber weiter?
Die Sache war so: vor einigen Tagen kehrte Sofja Petrowna von der Baronin
R. R. nach Hause zurück. Bei der Baronin R. R. hatte es an diesem Abend
»geklopft«; weißliche Funken waren über die Wand gelaufen, und einmal hatte
der Tisch einen Sprung getan: sonst nichts; aber Sofja Petrownas Nerven
waren äußerst gespannt, und die Treppe zu ihrer Wohnung war nicht
beleuchtet (in Häusern mit billigen Wohnungen werden die Treppen
bekanntlich nicht beleuchtet): und im Dunkel der Stiege sah Sofja Petrowna
ganz deutlich einen noch schwärzeren Fleck, der sie wie eine schwarze Maske
anstarrte. Sofja Petrowna zog mit aller Kraft an der Glocke. Als sich die
Tür geöffnet und ein Lichtstrahl die Treppe beleuchtete, schrie das
Dienstmädchen Mawruscha auf und schlug die Hände zusammen: Sofja Petrowna
sah nichts, denn sie rannte in die Wohnung hinein: Mawruscha aber hatte
gesehen: hinter dem Rücken der gnädigen Frau stand ein roter Atlasdomino
mit schwarzer Maske, die von einem Fächer aus ebenso schwarzen Spitzen
umrahmt war; der rote Domino streckte Mawruscha seinen blutigen Ärmel
entgegen, aus dem eine Visitenkarte hervorlugte; und als die Tür vor dem
ausgestreckten Arm zugeschlagen ward, erblickte auch Sofja Petrowna die
Karte, die wahrscheinlich durch die Spalte hereinflog; was war aber auf der
Karte? An Stelle eines Wappens -- ein Schädel mit Knochen und darunter in
modernem Schriftsatz die Worte: »Ich erwarte Sie auf dem Maskenball« --
Ort, Datum und weiter die Unterschrift »_Der rote Narr_«.
Den ganzen Abend war Sofja Petrowna in größter Erregung. Wer mochte sich
als roter Domino verkleidet haben? Er natürlich, Nikolai Apollonowitsch: so
hatte sie ihn ja einmal genannt . . . Der rote Narr war also gekommen. Wie
war aber eine solche Handlungsweise einer wehrlosen Frau gegenüber zu
nennen? War das nicht eine Gemeinheit?
Gemeinheit, Gemeinheit, Gemeinheit.
Wäre doch nur schon der Gatte gekommen, der Offizier. Er würde es dem
Unverschämten gezeigt haben. Sofja Petrowna errötete, biß und zerrte ihr
Taschentüchlein und begann zu schwitzen. Wär' doch nur jemand gekommen.
Es kam jedoch niemand.
Aber vielleicht war er es nicht? Sofja Petrowna fühlte sich merklich
beunruhigt: es tat ihr leid, den Gedanken fallen lassen zu müssen: der Narr
sei -- er; in diesen Gedanken flocht sich zugleich mit dem Zorn das süße,
bekannte bange Empfinden; sie schien zu wünschen, er hätte sich als
vollendeter Schuft entpuppt.
Nein -- nicht er; er ist doch kein Schuft, kein dummer Knabe! -- Und ihr
Herz stand still: nicht er.
Unter ihren _sozusagen Besuchern_, die von Revolution -- Evolution
sprachen, befand sich einer, der Zeitungsreporter war und Neintelpfein
hieß. Sofja Petrowna schätzte ihn hoch, und ihm eröffnete sie sich: er
begleitete sie darauf zum Maskenball; dort gab es Harlekine,
Italienerinnen, Spanierinnen und orientalische Frauen, die einander durch
die schwarzen Masken in böser Weise zublinzelten. Gestützt auf
Neintelpfeins Arm schritt Sofja Petrowna bescheiden in ihrem schwarzen
Domino mit schwarzer Maske, jemand suchend, unstet durch die Säle.
Da eben war es, wo Sofja Petrowna mit der nötigen Vorsicht, Neintelpfein
von dem geheimnisvollen Vorfall erzählte. Der kleine Neintelpfein war
Zeitungsreporter und bekam fünf Kopeken für die Zeile: von diesem Abend
ging es an. Jeden Tag eine Notiz in der »Tagesschau«, »der rote Domino« und
wieder »der rote Domino«!
Man sprach über den Domino, debattierte und ereiferte sich unglaublich; die
einen erblickten darin einen revolutionären Terror; die anderen schwiegen
und zuckten die Achseln.