Der feuchte Herbst lagerte über Petersburg, und traurig glomm der
septemberliche Tag.
Wie ein grünlicher Schwarm zogen Wolkenflocken dahin, und verdichtet zum
gelblichen Rauch, fielen sie auf die Dächer wie eine Drohung nieder.
Über den Himmel einen Trauerbogen spannend, erhob sich ein dunkler
Rußstreifen von den Rauchfängen der Dampfer, der seinen Schwanz in die Newa
versenkte.
Und die Newa dröhnte, stieß durch die Pfeife des kleinen Dampfers gellende
Schreie aus, ihre stählernen Wasserschuppen zerbrachen an den steinernen
Pfeilern; und ihre Zungen leckten den Granit; mit ihren kalten Newawinden
überfiel sie und zerrte an Mützen, Schirmen, Mänteln. Und überall in der
Luft lagerte die fahlgraue Fäulnis; von dort aber, wo auf dem Felsen[*] der
nasse Reiter steht, blinkte das gelbe, grünüberzogene Kupfer zur Newa, in
die fahlgraue Fäulnis hinüber.
[Fußnote *: Das berühmte aus Kupfer gegossene Denkmal Peters des Großen.]
Auf diesem düsteren Fond des schwänzigen, überhängenden Rußes der feuchten
Kaisteine, die Augen auf das bazillenerfüllte, trübe Newawasser gerichtet,
zeichnete sich deutlich die Silhouette Nikolai Apollonowitschs im grauen
Studentenmantel und seitlich sitzender Studentenmütze ab. Langsam bewegte
sich Nikolai Apollonowitsch gegen die graue, dunkle Brücke.
Vor der großen schwarzen Brücke blieb er stehen.
Ein unangenehmes Lächeln erleuchtete für einen Augenblick sein Gesicht und
erlosch gleich wieder; die Erinnerung an eine unglückliche Liebe hatte ihn
erfaßt, und er wurde von ihr wie vom Aufbrausen eines kalt-kalten Windes
bedrängt; Nikolai Apollonowitsch erinnerte sich einer nebligen Nacht; in
dieser Nacht hatte er sich übers Brückengeländer gebeugt; er hatte sich
umgewandt und gesehen, daß niemand ihm zusah; er hatte den Fuß hochgehoben,
und sein glatt-blanker Gummischuh hatte sich übers Geländer geschwungen und
-- so war er -- mit hochgehobenem Fuß stehengeblieben; es sollte scheinen,
daß daraus weitere Folgen sich ergeben müßten; doch . . . Nikolai
Apollonowitsch war mit hochgehobenem Fuß stehengeblieben.
Einige Augenblicke später hatte er seinen Fuß wieder zurückgezogen.
Damals eben reifte in ihm der unüberlegte Plan: einer leichtsinnigen Partei
ein furchtbares Versprechen zu geben.
Dieser unglücklichen Tat jetzt gedenkend, lächelte Nikolai Apollonowitsch
in unangenehmster Weise. So bog er auf den Newskij-Prospekt ein; es begann
zu dämmern; in den Auslagen blinkten bald da, bald dort Lichter auf.
»Ein schöner Mann«, hörte Nikolai Apollonowitsch immer wieder sagen.
»Eine antike Maske . . .«
»Apollo vom Belvedere.«
»Ein schöner Mann . . .«
So sprachen die ihm begegnenden Damen wohl von ihm.
»Dieses blasse Gesicht . . .«
»Dieses marmorne Profil . . .«
»Göttlich . . .«
Die ihm Begegnenden sagten es zueinander. Wäre Nikolai Apollonowitsch aber
mit einer der Damen ins Gespräch gekommen, sie würde für sich gedacht
haben:
»Scheusal . . .«
Dort, vor einer Einfahrt, wo zwei melancholische Löwen spöttisch die Tatzen
auf die grauen Granitplatten legten, dort, an diesem Platz, blieb Nikolai
Apollonowitsch stehen und sah verwundert in den Rücken eines vor ihm
schreitenden Offiziers. Er holte diesen ein:
»Ssergeij Ssergeijewitsch!«
Der Offizier wandte sich um und sah mit einem Schatten des Ärgers durch die
blauen Brillengläser, wie, sich ihm nähernd, die kleine Figur im
Studentenmantel von der Einfahrt herkam, wo zwei melancholische Löwen mit
glatten Granitmähnen spöttisch die Tatzen übereinander gelegt haben. Für
einen kurzen Augenblick wurde das Gesicht des Offiziers von einem Gedanken
erleuchtet; das leichte Beben der Lippen ließ vermuten, daß er erregt war;
als schwankte er: _erkennen_ oder _nicht_.
»Ah, guten Abend! Wohin?«
»Ich gehe zur Pantelemonstraße«, log Nikolai Apollonowitsch, um mit dem
Offizier durch die Moika zu gehen.
»Gehen wir zusammen, bitte.«
»Wohin gehen Sie?« log wieder Nikolai Apollonowitsch, um mit dem Offizier
durch die Moika zu gehen.
»Ich -- nach Hause.«
»Dann haben wir denselben Weg.«
Beide schienen das Berühren einer schweren Vergangenheit vermeiden zu
wollen, und sie leiteten sogleich das Gespräch auf anderes über: sie
sprachen vom Wetter, dann davon, daß die Unruhe der letzten Tage ungünstig
auf die philosophischen Arbeiten Nikolai Apollonowitsch' gewirkt, von den
Schwindeleien, die der Offizier in der Proviantierungskommission (er
versorgte dort irgendein Amt) aufgedeckt haben wollte.
So unterhielten sie sich während des ganzen Weges.
Und nun kam die Moikastraße.
»Adieu, also . . . Sie gehen ja weiter?«
Das Herz Nikolai Apollonowitschs begann eifrig zu pochen; etwas wollte er
sagen; und doch, nein: er sagte es nicht; einsam stand er nun vor der
zugeschlagenen Tür; ihn packte die Erinnerung an eine verunglückte Liebe,
vielmehr -- an einen sinnlichen Trieb -- und blau pulsierten die Äderchen
an den Schläfen; er sann jetzt über seine Rache; er sann über die boshafte
Verhöhnung seiner Gefühle von seiten der, die hinter diesem Vestibül
wohnte; schon seit nahezu einem Monat sann er über seine Rache; doch --
jetzt kein Wort mehr davon!
* * *
Nikolai Apollonowitsch sah nicht den Newskij-Prospekt, noch immer stand das
graue Haus vor seinen Augen; Fenster, hinter den Fenstern Schatten; hinter
den Fenstern vielleicht lustige Stimmen: die des gelben Kürassiers, Baron
Ommau-Ommergau; die des blauen Kürassiers, Graf Awen; und ihre -- ihre
Stimme . . . Da sitzt Ssergeij Ssergeijewitsch, der Offizier, und wirft
vielleicht unter den Witzen dazwischen:
»Und ich bin jetzt mit Nikolai Apollonowitsch gegangen.«