Leser!
Du kennst das »Plötzlich«. Warum versteckst du dann wie der Vogel Strauß
den Kopf in die Federn, wenn du das verhängnisreiche, unabwendbare
»Plötzlich« nahen siehst?
Höre also . . . Dein »Plötzlich« schleicht hinter deinem Rücken; du fühlst
dich sehr beunruhigt: im Rücken entsteht eine unangenehme Empfindung, als
wälzte sich gegen ihn wie gegen eine offene Tür eine Schar Unsichtbarer; du
wendest dich und bittest die Wirtin:
»Gnädige Frau, gestatten Sie, daß ich die Tür schließe; ich ertrag's nicht,
mit dem Rücken gegen eine offene Tür zu sitzen.«
Dein »Plötzlich« nährt sich vom Spiel deines Hirns; gern frißt es wie ein
Hund die Gemeinheit deiner Gedanken; es schwillt an, du aber schmilzt dann
wie ein Licht; sind deine Gedanken gemein und erfaßt dich ein Zittern, dann
beginnt das »Plötzlich«, vollgefressen an allerhand Gemeinheit, wie ein
gemästeter, unsichtbarer Köter vor dir her zu laufen, und ein Fremder
bekommt den Eindruck, als seiest du durch eine schwarze unsichtbare Wolke
vor den Blicken verdeckt.
* * *
Wir verließen unseren Unbekannten im kleinen Restaurant. _Plötzlich_ wandte
sich der Unbekannte rasch um: es schien ihm, als kröche ein
widerwärtig-schleimiges Etwas ihm hinter den Kragen und über das Rückgrat
hinweg. Hinter seinem Rücken war aber nichts; düster gähnte die Türöffnung
des Einganges, und durch die Tür wälzte sich das Unsichtbare.
Da wurde es ihm klar: die von ihm erwartete Person schritt jetzt die Treppe
herauf; gleich, sofort wird sie eintreten; aber sie ist noch nicht
eingetreten; in der Tür hat sich noch niemand gezeigt.
Doch während mein Unbekannter sich von der Tür abwandte, trat auch schon
der unangenehme Dicke herein; während er sich dem Unbekannten näherte,
knarrte der Fußboden unter seinen Füßen; sein gelbliches, rasiertes, leicht
zur Seite geneigtes Gesicht schwamm gemächlich in dem eigenen Doppelkinn,
und dabei glänzte fettig sein Gesicht.
Da wandte sich mein Unbekannter um; die _Person_ winkte ihm freundlich mit
der Ohrenklappenmütze:
»Alexander Iwanowitsch . . .«
»Lipantschenko!«
»Ich bin's . . .«
»Sie ließen auf sich warten.«
An dem Tische des Unbekannten Platz nehmend, rief die Person
selbstzufrieden aus:
»Kaffee . . . Und -- hören Sie -- einen Kognak: meine Flasche haben Sie
dort mit meinem Namen vermerkt.«
Und um sie herum hörte man:
»Hast du mitgetrunken?«
»Jawohl . . .«
»Mitgegessen?«
»Jawohl . . .«
»Was bist du dann, mit Verlaub, für ein Schwein . . .«
* * *
»Vorsichtig!« rief mein Unbekannter: der Dicke, den der Unbekannte mit
Lipantschenko ansprach, wollte seinen Arm auf den Zeitungsfetzen legen, der
über dem Paket lag.
»Was denn?« Da hob Lipantschenko den Zeitungsfetzen, sah das nasse
Paketchen, und seine Lippen erbebten.
»Das . . . das . . . ist es?«
»Ja, _das_ -- ist es . . .«
Lipantschenkos Lippen bebten noch immer.
»Wie sind Sie doch unvorsichtig, Alexander Iwanowitsch.«
Lipantschenko streckte seine hölzernen Finger aus; die falschen Steine
seiner Ringe funkelten auf diesen geschwollenen Fingern mit den
abgebissenen Nägeln (auf den Nägeln sah man Spuren derselben braunen Farbe,
die seine Haare zeigten; ein aufmerksamer Beobachter würde daraus
schließen: die Haare der Person waren gefärbt).
»Eine Bewegung nur (hätte ich den Ellbogen darauf gelegt), dann wäre es zu
. . . einer Katastrophe gekommen . . .«
Und mit außerordentlicher Vorsicht legte die Person das Paket auf den
Stuhl.
»Ha, wir wären dann, beide«, witzelte unangenehm der Unbekannte. -- »Wir
würden beide . . .«
Er schien sich zu weiden an der Verlegenheit der Person, die er -- wie wir
von uns hinzufügen -- haßte.
»Nicht meinetwegen, natürlich, sondern . . .«
»Gewiß, Ihretwegen nicht, sondern . . .«
* * *
Und um sie herum hörte man:
»Mit >Schwein< haben Sie mich nicht zu beschimpfen . . .«
»Aber ich schimpfte ja doch gar nicht.«
»Freilich schimpften Sie: Sie warfen es mir vor, daß Sie gezahlt haben
. . . Was ist dabei? Neulich haben Sie gezahlt, heute zahl' ich . . .«
»Laß dich küssen, Freund, für diese Tat . . .«
»Essen Sie nur, essen Sie, das wird schon richtiger sein.«
»Na, das >Schwein< nicht übelnehmen und essen -- essen tu' ich auch so
schon . . .«
* * *
»Wissen Sie, Alexander Iwanowitsch, wissen Sie, mein Lieber, nehmen Sie
dieses Paketchen,« -- Lipantschenko schielte hinüber -- »und tragen Sie's
gleich zu Nikolai Apollonowitsch.«
»Ableuchow?«
»Eben: zu ihm; zur Aufbewahrung.«
»Aber gestatten Sie, aufbewahrt kann das Paket auch bei mir werden.«
»Das ist ungeschickt: Sie kann man abfassen; _dort_ aber ist es sicher.
Immerhin: das Haus des Senators Ableuchow . . . Übrigens, haben Sie schon
von dem letzten Wort des ehrenvollen Alterchens gehört?«
Da neigte sich der Dicke zum Unbekannten und flüsterte ihm etwas ins Ohr.
»Sch--sch--sch . . .«
»Ableuchow?«
»Sch . . .«
»Ableuchow?«
»Sch--sch--sch . . .«
»Mit Ableuchow?«
»Jawohl, nicht mit dem Senator, sondern mit des Senators Sohn: wenn Sie ihn
besuchen, übergeben Sie ihm gefälligst zugleich mit dem Paket auch dieses
Briefchen: da ist's . . .«
Lipantschenkos schmalstirniger Kopf wälzte sich wie eine Last gegen das
Gesicht des Unbekannten; in ihren Höhlen lauerten prüfend zwei bohrende
Äuglein; die Lippe bebte leicht und sog an der Luft. Der Unbekannte mit dem
Schnurrbärtchen horchte aufmerksam und suchte im Lärm der Stimmen den
Inhalt des Geflüsterten genau zu erfassen. Kaum hörbar flüsterten die
widerwärtigen Lippen, und es schien, als läge darin ein furchtbarer Inhalt,
als flüsterten sie von Welten und Planeten; bei genauem Zuhören aber erwies
sich der Inhalt von einfachster Alltäglichkeit.
»Sie übergeben ihm das Briefchen . . .«
»Wie, steht denn Nikolai Apollonowitsch selbst in Beziehungen?«
Die Person zwinkerte mit den Äuglein und schnalzte mit der Zunge.
»Ich dachte, nur durch mich wird der Verkehr mit ihm vermittelt . . .«
»Sie sehen nun -- das stimmt nicht . . .«
* * *
Um sie herum hörte man:
»Iß, Freund, iß . . .«
»Hau' mir ein Stück vom Aspikfleisch herunter.«
»Im Essen liegt die Wahrheit . . .«
»Was ist die Wahrheit?«
»Wahrheit ist das Eßbare . . .«
»Das weiß ich auch . . .«
»Wenn du's weißt -- dann ist's gut. Gib den Teller her und iß . . .«
* * *
Der dunkelgelbe Anzug Lipantschenkos erinnerte den Unbekannten an die
dunkelgelbe Tapete seines Zimmers auf der Wassiljewskiinsel -- an jene
Farbe, die sich für ihn mit der Schlaflosigkeit der weißen Frühlings- und
der düsteren Herbstnächte verband; und diese böse Schlaflosigkeit war es
wohl, die jetzt vor ihm ein unheilvolles Gesicht mit schmalen, mongolischen
Augen, das ihn so oft von jener gelben Tapete angesehen hatte, hervorrief.
* * *
»Verzeihung, Lipantschenko, sind Sie Mongole?«
»Warum diese sonderbare Frage?« . . .
»So, mir schien's . . .«
»In jedem Russen kreist ja mongolisches Blut . . .«
Was für Kostümeur?
Die Appartements Nikolai Apollonowitschs bestanden aus Schlaf-, Arbeits-
und Empfangszimmer.
Das Schlafzimmer: ein riesiges Bett, darauf eine rote Atlasdecke; ein
feiner Spitzenüberwurf über die hoch aufgeschlagenen Kopfkissen. An den
Wänden des Arbeitszimmers eichene Bücherschränke mit Seidenvorhängen, die
leicht auf ihren Messingringelchen nach links und rechts glitten; eine
sorgliche Hand konnte den Inhalt der Fächer vor dem Beschauer verdecken
oder aber eine Reihe von Einbandrücken sehen lassen, die mit der Aufschrift
»Kant« geziert waren.
Die Sitzmöbel hatten dunkelgrünen Bezug, und herrlich war die Büste . . .
eben desselben Kant natürlich.
Seit zwei Jahren stand Nikolai Apollonowitsch nie vor Mittag auf.
Zweieinhalb Jahre vorher pflegte er aber in früherer Stunde zu erwachen: um
neun; und um halb zehn erschien er in geschlossener Studentenuniform beim
Familienfrühstück.
Vor zweieinhalb Jahren spazierte Nikolai Apollonowitsch nicht im
bucharischen Schlafrock im Hause umher; das rote Käppchen hing nicht im
orientalischen Salon; vor zweieinhalb Jahren verließ Anna Petrowna, die
Mutter Nikolai Apollonowitschs, die Gattin Apollon Apollonowitschs, für
immer den häuslichen Herd, inspiriert von einem italienischen Sänger. Nach
ihrer Flucht mit dem Sänger erschien Nikolai Apollonowitsch auf dem Parkett
des erkalteten häuslichen Herdes im bucharischen Schlafrock; die täglichen
Begegnungen von Vater und Sohn beim Morgenkaffee hörten von selbst auf. Den
Kaffee bekam Nikolai Apollonowitsch ins Bett.
Zu erheblich früherer Stunde als der Sohn geruhte Apollon Apollonowitsch
seinen Kaffee zu trinken.
Vater und Sohn trafen sich nur bei Tische; und auch da nur ganz kurz; am
Morgen aber sah man Nikolai Apollonowitsch im Schlafrock; seine Füße staken
in pelzverbrämten, tatarischen Pantöffelchen, auf dem Kopfe aber hatte er
ein rotes Käppchen.
Der glänzende junge Mann wurde zum orientalischen Menschen.
Nikolai Apollonowitsch hatte soeben einen Brief erhalten; einen Brief mit
fremder Schrift; armselige Virsche von erotischer Nuance mit der
verblüffenden Unterschrift: »Die flammende Seele«. Nikolai Apollonowitsch
begann, um die Virsche genauer zu studieren, hilflos durchs Zimmer zu
kreisen; nach der Brille suchend, warf er Bücher, Federhalter und andere
Kleinigkeiten durcheinander und brummte vor sich hin:
»Ah -- ah . . . Wo ist doch nur die Brille?«
»Hol's der Teufel . . .«
»Verloren? . . .«
»Ha?«
»Nein, so was!«
Nikolai Apollonowitsch pflegte ebenso wie Apollon Apollonowitsch mit sich
selber zu sprechen.
Seine Bewegungen waren rasch wie die Bewegungen seines exzellenten Vaters;
wie Apollon Apollonowitsch war er klein von Gestalt, und das stets
lächelnde Gesicht hatte denselben ruhelosen Blick; versank er jedoch in
Betrachtung irgendeines Gegenstandes, dann wurde allmählich dieser Blick
steinern: trocken, klar und kalt zeichneten sich die Linien seines
Antlitzes, wie das eines Heiligenbildes, überraschend durch besonderen,
edlen Aristokratismus: das Edle des Gesichts zeigte sich besonders in der
Stirn, die wie gemeißelt war, mit angeschwollenen Äderchen: das rasche
Pulsieren dieser Äderchen war ein deutliches Voranzeichen frühzeitiger
Sklerose.
Diese bläulichen Äderchen entsprachen dem Blau um die riesigen
kornblumenblauen Augen (nur in Augenblicken der Erregung waren diese Augen
durch die erweiterten Pupillen schwarz).
Wir sehen Nikolai Apollonowitsch vor uns mit seinem Käppchen auf dem Kopf;
würde er es abnehmen, erblickten wir eine üppige flachsweiße Mähne, die den
Trotzausdruck dieses kalten, fast rauhen Antlitzes milderte; schwerlich
konnte man bald wieder bei einem Erwachsenen Haare von solcher Farbe
finden; oft finden wir sie nur bei Dorfkindern, besonders in Weißrußland.
Er warf den Brief unachtsam fort und setzte sich vor ein aufgeschlagenes
Buch hin; die gestrige Lektüre, eine Abhandlung, entstand deutlich vor ihm.
Er erinnerte sich des Kapitels und der Seite, des lenksamen Ganges der
Gedanken und der am Rand des Buches gemachten Notizen; sein Gesicht, noch
immer streng und klar, wurde lebhaft von Gedanken belebt.
Hier in seinem Zimmer wuchs Nikolai Apollonowitsch in Wahrheit zu einem
sich selbst überlassenen Zentrum; er wandelte sich in eine Serie aus dem
Zentrum entstammender, logischer, für Gedanken und Seele vorbestimmender
Voraussetzungen, und dieser Tisch da: er war hier das einzige Zentrum des
Alls -- des denkbaren und undenkbaren, alle Äonen der Zeit zyklisch
durchlaufend.
Aber kaum gelang es heute Nikolai Apollonowitsch, sich den Kleinlichkeiten
des Lebens zu entziehen, dem Wirbel allmöglicher Unvernehmbarkeiten,
genannt Leben und Welt; kaum gelang es ihm, sich zu sich selbst zu erheben,
als eine dieser Unvernehmbarkeiten sich in seine Welt gedrängt hat:
Nikolai Apollonowitsch riß sich von seinem Buche los, es wurde geklopft.
»Na? . . .«
»Was ist?«
Hinter der Tür antwortete eine dumpfe, ehrfurchtsvolle Stimme:
»Dort . . .«
». . . fragt jemand nach Ihnen . . .«
Wenn Nikolai Apollonowitsch sich auf einen Gedanken konzentrierte, sperrte
er die Tür seines Arbeitszimmers ab: dann begann es ihm zu scheinen, als
verwandelten sich augenblicklich er selbst und die Gegenstände des Zimmers
aus Dingen der realen Welt in nur gedanklich erfaßbare Symbole rein
logischer Konstruktionen; der Zimmerraum und sein eigener Körper, der die
Gefühlsfähigkeit verlor, wurden zum einzigen Sein-Chaos, von ihm das _All_
genannt; sein Bewußtsein aber, abgesondert vom Körper, verband sich
unmittelbar mit der elektrischen Lampe des Schreibtisches, von ihm genannt
»_Sonne des Bewußtseins_«. So hinter der abgesperrten Tür, Schritt für
Schritt seine zur Systemeinheit geschlossenen Sätze überdenkend, fühlte er
seinen Körper sich in das »_All_«, d. h. ins Zimmer, ergießen; der Kopf
dieses _Körpers_ aber fand seinen Platz im dickbäuchigen kleinen Zylinder
der elektrischen Lampe mit dem zierlichen Schirm.
Und so sich in einen anderen Raum versetzend, wurde Nikolai Apollonowitsch
ein wahrhaft schöpferisches Wesen.
Das ist es, warum er es liebte, sich einzusperren: eine Stimme, ein Schritt
oder ein fremdes Geräusch verwandelte das _All_ in ein Zimmer, das
_Bewußtsein_ in eine Lampe und zerstörte in Nikolai Apollonowitsch den
willkürlichen Bau der Gedanken.
So auch jetzt.
»Was ist's?«
»Ich höre nicht . . .«
Aus den Fernen des Raumes antwortete des Lakaien Stimme:
»Jemand ist hier.«
* * *
Das Gesicht Nikolai Apollonowitschs bekam den Ausdruck der Zufriedenheit.
»Ah, das ist wohl der Kostümeur? Er brachte mir das Kostüm.«
Was ist es nur für ein Kostümeur?
Nikolai Apollonowitsch ging hinaus, bog sich über die Brüstung der Treppe
und rief hinunter:
»Sind Sie's?«
»Der Kostümeur?«
»Vom Kostümeur?«
»Hat er das Kostüm geschickt?«
Und wieder fragen wir von uns aus: Was ist das nur für ein Kostümeur?
* * *
Im Zimmer Nikolai Apollonowitschs lag nun ein Karton. Er sperrte die Tür
ab; geschäftig zerschnitt er die Kordel; hob den Deckel; dann zog er aus
dem Karton: erst eine kleine Maske mit schwarzem Bart aus Spitzen, dann
folgte ein hellroter prächtiger Domino mit rauschenden Falten.
Bald stand er, ganz in Atlas und Rot, vor dem Spiegel, die Maske über dem
Gesicht hochhaltend, die schwarze Spitze des Bartes verschob sich und fiel
auf die Schultern, rechts und links, wie zwei phantastische Flügel; und
zwischen den schwarzen Spitzenflügeln blickte aus dem Spiegel
qualvoll-seltsam im Halbdunkel des Zimmers das Eigentliche: das Gesicht,
sein Gesicht, sein eigenes; Sie würden sagen, dort im Spiegel sah Nikolai
Apollonowitsch nicht sich selbst, sondern einen unbekannten, blassen,
sehnsuchtskranken -- Dämon des Raumes.
Nach dieser Maskerade packte Nikolai Apollonowitsch mit ungemein
zufriedenem Gesicht erst den roten Domino, dann auch die Maske in den
Karton.