Die Petersburger Straßen haben eine unleugbare Eigenschaft: sie verwandeln
die Passanten in Schatten; Schatten aber verwandeln sie in Menschen. Wir
sahen es an dem Beispiel mit dem geheimnisvollen Unbekannten.
Als der Gedanke im Senatorhirn entstanden, wurde er auf dem
Newskij-Prospekt zu etwas Festem und folgt nun dem Senator durch unsere
ganze bescheidene Erzählung.
Wir haben den Weg von der Straßenkreuzung bis zur Millionenstraße
beschrieben, den der Unbekannte gegangen war; wir beschrieben auch, wie er
in dem kleinen Restaurant saß, bis zu dem vielsagenden »Plötzlich«, bei dem
alles abbrach; mit dem Unbekannten geschah etwas plötzlich; eine
unangenehme Empfindung überkam ihn.
Untersuchen wir jetzt seine Seele; doch erst untersuchen wir das kleine
Restaurant; dafür haben wir Gründe; wenn wir, der Autor, mit pedantischer
Genauigkeit den Weg eines ersten besten Unbekannten beschreiben, so glaube
uns der Leser: die Zukunft wird unser Verhalten rechtfertigen.
Als der Unbekannte hinter der Tür des kleinen Restaurants verschwunden war
und wir den Drang verspürten, ihm zu folgen, wandten wir uns um und
bemerkten zwei Silhouetten, die langsam den Nebel durchquerten; eine der
Silhouetten war behäbig und groß, doch ihr Gesicht konnten wir nicht
unterscheiden (Silhouetten besitzen eben kein Gesicht); wir bemerkten
jedoch: einen neuen aufgespannten seidenen Regenschirm, blendend glänzende
Gummischuhe und eine Pelzmütze mit Ohrenklappen.
Der Hauptbestand der zweiten Silhouette war die ausgemergelte Gestalt eines
kleinen Männchens; das Gesicht zeichnete sich deutlich genug, doch wir
sahen es nicht, gefesselt von der riesigen Warze.
Wir taten, als betrachteten wir die Wolken und ließen das dunkle Paar an
uns vorbeigehen; vor der Tür des Restaurants blieb besagtes Paar stehen und
wechselte einige Worte:
»Hm?«
»Hier . . .«
»So dacht' ich's mir: Vorkehrungen sind getroffen; für den Fall, daß Sie
mir ihn an der Brücke nicht zeigten.«
»Und welche sind die Vorkehrungen?«
»Ich ließ jemand ins Restaurant sich hineinsetzen.«
»Ach, wozu Sie nur Vorkehrungen treffen! Ich habe Ihnen gesagt: hundertmal
hab' ich's Ihnen gesagt . . .«
»Verzeihung, ich tat es aus Eifer . . .«
»Erst hätten Sie sich mit mir beraten sollen . . . Ihre Vorkehrungen sind
gut . . .«
»Nun sagen Sie es selbst . . .«
»Ja, aber Ihre guten Vorkehrungen . . .«
»Hm . . .«
»Wie? . . . Ihre guten Vorkehrungen werden alles verwirren . . .«
* * *
Das Paar machte fünf Schritte, blieb stehen. Und wieder wechselte es einige
Worte:
»Hm! . . . Ich muß nun . . . Hm! . . . Ihnen Erfolg wünschen . . .«
»Wie können da Zweifel bestehen: das Unternehmen ist im Zug wie ein
Uhrmechanismus. Wenn ich selbst nicht dahinterstünde -- ich sagte Ihnen aus
Freundschaft: die Sache ist sicher.«
»Hm?«
»Was meinten Sie?«
»Verfluchter Schnupfen.«
»Ich spreche von der Sache . . .«
»Hm . . .«
»Die Seelen sind wie Instrumente gestimmt: und bilden ein Konzert -- was
meinen Sie? -- Dem Dirigenten hinter den Kulissen bleibt nur, das Stäbchen
zu schwingen. Senator Ableuchow wird ein Zirkular verfassen, der Unbekannte
aber . . .«
»Verfluchter Schnupfen . . .«
»Nikolai Apollonowitsch wird . . . Kurz: ein Konzerttrio, und Rußland ist
der Zuschauerraum; Sie verstehen mich? Verstehen? Warum schweigen Sie
immer?«
»Hören Sie: Sie sollten Ihr Gehalt beziehen . . .«
* * *
»Nein, Sie können mich nicht verstehen!«
»Ich kann's schon; hm -- hm -- hm -- wo soll einer nur so viel
Taschentücher hernehmen?«
»Was ist los?«
»Na, der Schnupfen! . . . Und wird das Tier -- hm -- hm -- hm -- nicht
inzwischen Reißaus nehmen . . .«
»Aber wo . . .«
»Sonst nehmen Sie lieber Ihr Gehalt . . .«
»Gehalt! Mir handelt es sich nicht um das Gehalt; ich bin Artist, verstehen
Sie, Artist!«
»In seiner Art . . .«
»Wie?«
»Nichts: ich kuriere mich mit Talglicht.«
Die Figur zog ein ganz durchnäßtes Taschentuch hervor und begann sich
wieder zu räuspern.
»Ich spreche ja von der Sache. Sie können es so ausrichten: Nikolai
Apollonowitsch hat das Versprechen gegeben . . .«
»Talglicht ist ein sehr gutes Mittel gegen Schnupfen . . .«
»Richten Sie bitte alles aus, was ich Ihnen sagte: die Sache ist
organisiert . . .«
»Du reibst abends die Nase ein -- und am Morgen ist der Schnupfen
verschwunden . . .«
»Ich sage nochmals, die Sache ist organisiert wie ein Uhrwerk . . .«
»Die Nase ist dann frei, du kannst wieder atmen . . .«
»Wie ein Uhrmechanismus! . . .«
»Ha?«
»Wie ein Uhr--mecha--nismus, zum Teufel.«
»Meine Ohren sind belegt, kann kaum hören.«
»Uhr--en--mech . . .«
»Apschi! . . .«
Das Taschentüchlein spazierte wieder unter die Warze: zwei Schatten
verloren sich wieder in naßkaltem Grau. Bald tauchte der Schatten mit der
Ohrenklappenmütze aus dem Nebel auf, blickte zerstreut auf die Spitze der
Petropawlowschen Festung hinüber.
Und trat ins Restaurant ein.