und Minimum von +Organisation+, die dem antiken Menschen selbst
als Begriff vollkommen gefehlt hat. Seine Finanzwirtschaft ist das
zur Regel erhobene Provisorium: da werden reiche Bürger in Athen und
Rom mit der Ausrüstung von Kriegsschiffen belastet; die politische
Macht des römischen Ädils und seine Schulden beruhen darauf, daß er
Spiele, Straßen und Gebäude nicht nur ausführt, sondern auch bezahlt,
und sich später allerdings durch die Plünderung seiner Provinz wieder
bezahlt machen durfte. An Einnahmequellen dachte man erst, wenn man sie
brauchte, und man nahm sie ohne jedes Vorausdenken so in Anspruch, wie
es der augenblickliche Bedarf forderte, auch wenn sie dadurch zerstört
werden mußten. Plünderung der eignen Tempelschätze, Seeraub an Schiffen
der eignen Stadt, Konfiskation von Vermögen der eignen Mitbürger waren
alltägliche Finanzmethoden. Waren Überschüsse vorhanden, so wurden
sie an die Bürger verteilt, ein Verfahren, dem z.B. Eubulos in Athen
seinen Ruf verdankte.[659] Es gab weder einen Etat noch etwas wie
Wirtschaftspolitik. Die „Bewirtschaftung“ der römischen Provinzen
war ein öffentlicher und privater Raubbau, der von Senatoren und
Geldleuten betrieben wurde ohne Rücksicht darauf, ob und wie die
abgeführten Werte wieder ergänzt werden konnten. Der antike Mensch hat
nie an eine planmäßige Steigerung des Wirtschaftslebens gedacht, nur
an das augenblickliche Ergebnis, das erreichbare Quantum von barem
Geld. Ohne das alte Ägypten wäre das kaiserliche Rom verloren gewesen:
hier lag zum Glück eine Zivilisation, die seit einem Jahrtausend
an +nichts+ gedacht hatte als an die Organisation ihrer
Wirtschaft. Der Römer verstand weder diesen Lebensstil noch konnte er
ihn nachahmen,[660] aber der Zufall, daß hier eine unerschöpfliche
Quelle von Geld für den floß, welcher die politische Macht über diese
Fellachenwelt besaß, hat die Erhebung der Proskriptionen zu einer
+Sitte+ unnötig gemacht. Die letzte dieser Finanzoperationen
in Gestalt einer Schlächterei war die vom Jahre 43,[661] kurze Zeit
vor der Einverleibung Ägyptens. Die Goldmasse, welche Brutus und
Cassius damals aus Asien heranführten und die ein Heer und damit
die Weltherrschaft bedeutete, machte die Ächtung der 2000 reichsten
Bewohner Italiens nötig, deren Köpfe um der ausgesetzten Belohnung
willen in Säcken auf das Forum geschleppt wurden. Man war nicht mehr in
der Lage, die eignen Verwandten, Kinder und Greise, Leute, die sich nie
mit Politik befaßt hatten, zu schonen, wenn sie einen Schatz an barem
Gelde besaßen. Das Ergebnis wäre zu gering geworden.
Aber mit dem Hinschwinden des antiken Weltgefühls in der frühen
Kaiserzeit erlischt auch diese Art des Denkens in Geld. +Die
Geldmünzen werden wieder zu Gütern+, weil der Mensch wieder
bäuerlich lebt,[662] und so erklärt sich das ungeheure Abströmen des
Goldes seit Hadrian in den fernen Osten, für das man bis jetzt keine
Erklärung fand. Das Wirtschaftsleben in Gestalt eines Goldstroms war
unter dem Heraufdringen einer jungen Kultur erloschen und deshalb hat
auch der Sklave aufgehört, Geld zu sein. Dem Abfluß des Goldes geht
jene massenhafte Freilassung der Sklaven zur Seite, die durch keins der
zahlreichen kaiserlichen Gesetze seit Augustus aufzuhalten war, und
unter Diokletian, dessen berühmter Maximaltarif sich überhaupt nicht
mehr auf eine Geldwirtschaft bezieht, sondern +eine Tauschordnung
für Güter+ darstellt, ist der Typus des antiken Sklaven nicht mehr
vorhanden.
[587] _Political discourses_, 1752.
[588] Der berühmte „_Inquiry_“, 1776.
[589] Die gelehrte Auffassung war allgemein, daß die
wirtschaftlichen Folgen der Mobilmachung den Abbruch des Krieges in
einigen Wochen erzwingen würden.
[590] S. 95.
[591] S. 1 ff. 413.
[592] S. 404 ff.
[593] S. 105. 141 ff.
[594] S. 6.
[595] S. 422.
[596] „_Negotium_ (damit ist jede Art von Erwerbstätigkeit gemeint;
das Geschäft heißt _commercium_) _negat otium neque quaerit veram
quietem, quae est deus_“, heißt es im Decretum Gratiani (vgl. S.
91).
[597] Die Frage des Pilatus stellt auch das Verhältnis von
Wirtschaft und Wissenschaft fest. Der religiöse Mensch wird
vergebens, den Katechismus in der Hand, das Treiben seiner
politischen Umwelt zu bessern suchen. Sie geht ruhig ihres Weges
und überläßt ihn seinen Gedanken. Der Heilige hat nur die Wahl,
sich anzupassen -- dann wird er Kirchenpolitiker und gewissenlos
-- oder sich aus der Welt zu flüchten, in die Einsiedelei, selbst
ins Jenseits. Aber dasselbe wiederholt sich, nicht ohne Komik,
innerhalb der städtischen Geistigkeit. Hier möchte der Philosoph,
der ein ethisch-soziales System errichtet hat, das voll von
abstrakter Tugend ist und allein richtig, wie sich versteht, das
Wirtschaftsleben darüber aufklären, wie es sich zu verhalten und
wohin es zu streben habe. Es ist immer das gleiche Schauspiel,
sei das System liberal, anarchistisch oder sozialistisch und
stamme es von Platon, Proudhon oder Marx. Aber auch die Wirtschaft
geht unbekümmert weiter und überläßt dem Denker die Wahl, sich
zurückzuziehen und seinen Jammer über diese Welt auf dem Papier
auszuströmen, oder in sie als Wirtschaftspolitiker einzutreten, wo
er sich entweder lächerlich macht oder alsbald seine Theorie zum
Teufel schickt, um sich einen führenden Platz zu erkämpfen.
[598] S. 1 ff.
[599] S. 7.
[600] Es ist mit den Wanderscharen von Jägern und Viehzüchtern
ganz ebenso, aber die wirtschaftliche Grundlage der hohen Kulturen
bildet immer eine Menschenart, die fest am Boden haftet und die
höheren Wirtschaftsformen ernährt und trägt.
[601] S. 408.
[602] Undershaft in Shaws „Major Barbara“ ist eine echte
Herrschergestalt in diesem Reiche.
[603] S. 426. Als Mittel von Regierungen heißt sie
+Finanzwirtschaft+. Die ganze Nation ist hier Objekt einer
Tributerhebung in Gestalt von Steuern und Zöllen, deren Verwendung
nicht etwa ihre Lebenshaltung bequemer gestalten, sondern ihre
geschichtliche Lage sichern und ihre Macht erhöhen soll.
[604] Im weitesten Sinne, wozu auch der Aufstieg von Arbeitern,
Journalisten, Gelehrten zu einer führenden Stellung gehört.
[605] S. 408.
[606] S. 38.
[607] S. 206. 344.
[608] Einschließlich der Ärzte, die in Urzeiten von Priestern und
Zauberern nicht zu trennen sind.
[609] Hirten, Fischer und Jäger gehören dazu. Außerdem besteht
eine seltsame und sehr tiefe Beziehung zum Bergbau, wie die
Verwandtschaft der alten Sagen und Bräuche lehrt. Die Metalle
werden dem Schacht nicht anders abgelockt wie das Korn der Erde und
das Wild dem Forst. Aber für den Bergmann sind die Metalle auch
etwas, das +lebt+ und +wächst+.
[610] Von der urzeitlichen Seefahrt bis zum weltstädtischen
Börsengeschäft. Aller Verkehr auf Flüssen, Straßen, Bahnen gehört
dazu.
[611] S. 431. Auch die Maschinenindustrie gehört hierher mit dem
rein abendländischen Typus des Erfinders und Ingenieurs, und
praktisch ein großer Teil der modernen Landwirtschaft, z. B. in
Amerika.
[612] Auch heute noch wird die Hütten- und Metallindustrie
als irgendwie vornehmer empfunden wie etwa die chemische und
elektrische. Sie hat den ältesten Adel der Technik und ein Rest von
kultischem Geheimnis liegt über ihr.
[613] Bis zur Hörigkeit und Sklaverei, obwohl gerade die
Sklaverei sehr oft, z.B. im heutigen Orient und in Rom bei den
_vernae_, wirtschaftlich nichts als eine Form des aufgezwungenen
Arbeitsvertrages ist und abgesehen davon kaum fühlbar wird. Der
freie Angestellte lebt oft in viel härterer Abhängigkeit und
geringerer Achtung, und das formelle Kündigungsrecht ist in vielen
Fällen praktisch ganz bedeutungslos.
[614] S. 69.
[615] Wir kennen es aus den ägyptischen und gotischen Anfängen
genau, in China und der Antike in großen Zügen; und was die
+wirtschaftliche Pseudomorphose+ der arabischen Kultur betrifft
(S. 227 ff. 432), so erfolgt seit Hadrian ein innerer Abbau
der hochzivilisierten antiken Geldwirtschaft bis zu einem
frühzeitlichen Güterumlauf, der unter Diokletian erreicht ist,
worauf im Osten der eigentlich magische Anstieg sichtbar wird.
[616] S. 425.
[617] Weder die Kupferstücke der italischen Villanovagräber
aus frühhomerischer Zeit (Willers, Geschichte der römischen
Kupferprägung, S. 18) noch die frühchinesischen Bronzemünzen in
Gestalt von Frauengewändern (_pu_), Beilen, Ringen oder Messern
(_tsien_, Conrady, China, S. 504) sind Geld, sondern deutlich genug
als Symbole von Gütern bezeichnet; und auch die Münzen, welche die
Regierungen der frühgotischen Zeit in Nachahmung der Antike als
Hoheitszeichen schlagen ließen, treten in das Wirtschaftsleben nur
als Güter ein: ein Stück Gold ist soviel wert wie eine Kuh, nicht
umgekehrt.
[618] Deshalb geht er so oft nicht aus dem fest in sich
geschlossenen Landleben hervor, sondern erscheint in ihm als
Fremder, gleichgültig und voraussetzungslos. Das ist die Rolle
der Phöniker in der frühesten Antike, der Römer im Osten zur Zeit
des Mithridates, der Juden und daneben der Byzantiner, Perser,
Armenier im gotischen Abendland, der Araber im Sudan, der Inder in
Ostafrika, der Westeuropäer im heutigen Rußland.
[619] Und deshalb in sehr geringem Umfange. Weil der Fremdhandel
damals abenteuerlich ist und die Phantasie beschäftigt, pflegt man
ihn maßlos zu überschätzen. Die „großen“ Kaufherren Venedigs und
der Hansa waren um 1300 den angeseheneren Handwerksmeistern kaum
ebenbürtig. Die Umsätze selbst der Medici und Fugger entsprachen um
1400 etwa denen eines Ladengeschäfts in einer heutigen Kleinstadt.
Die größten Handelsschiffe, an denen in der Regel eine Gruppe
von Kaufleuten beteiligt war, standen hinter den Flußkähnen
der Gegenwart weit zurück und machten jährlich vielleicht
+eine+ größere Fahrt. Die berühmte englische Wollausfuhr, ein
Hauptgegenstand des hansischen Handels, umfaßte um 1270 jährlich
kaum die Ladung von zwei heutigen Güterzügen (Sombart, Der moderne
Kapitalismus I, S. 280 ff.).
[620] S. 107.
[621] Zum folgenden vgl. Bd. I, Kap. I.
[622] Mark und Dollar sind so wenig „Geld“ wie Meter und Gramm
Kräfte sind. +Geldstücke+ sind Sachwerte. Nur weil wir die antike
Physik nicht kannten, haben wir Gravitation und Gewichtsstück nicht
verwechselt, wie wir es auf Grund der antiken Mathematik mit Zahl
und Größe und infolge der Nachahmung antiker Münzen mit Geld und
Geldstück getan haben und noch tun.
[623] Deshalb könnte man umgekehrt das metrische (cm-g) System
eine Währung nennen, und in der Tat gehen sämtliche Geldmaße von
physikalischen Gewichtsätzen aus.
[624] Ebenso sind alle Werttheorien, obwohl sie objektiv sein
sollen, aus einem subjektiven Prinzip entwickelt, und es kann auch
gar nicht anders sein. Die von Marx z. B. definiert „den“ Wert so,
wie es das Interesse des Handarbeiters fordert, so daß die Leistung
des Erfinders und Organisators als wertlos erscheint. Aber es wäre
verfehlt, sie als falsch zu bezeichnen. All diese Lehren sind
richtig für ihre Anhänger und falsch für ihre Gegner, und ob man
Anhänger oder Gegner +wird+, entscheiden nicht die Gründe, sondern
das Leben.
[625] Jene in sehr bescheidenem Maße seit Ende des 18. Jahrh. durch
die Bank von England eingeführt, diese zur Zeit der kämpfenden
Staaten.
[626] Die „Höhe“ des Vermögens, was man mit dem „Umfang“ eines
Güterbesitzes vergleiche.
[627] Bis zu den modernen Piraten des Geldmarktes, welche die
Vermittlung vermitteln und mit der Ware „Geld“ ein Glücksspiel
treiben, wie es Zola in seinem berühmten Roman beschrieben hat.
[628] Preisigke, Girowesen im griechischen Ägypten (1910); die
damaligen Verkehrsformen standen schon unter der 18. Dynastie auf
gleicher Höhe.
[629] Es steht mit dem bürgerlichen Ideal der Freiheit nicht
anders. In der Theorie und also auch in Verfassungen mag man
+grundsätzlich+ frei sein. Im wirklichen Privatleben der Städte ist
man unabhängig nur durch das Geld.
[630] Die man auch in den übrigen Kulturen Börsenplätze nennen
kann, wenn man unter Börse das +Denkorgan+ einer vollendeten
Geldwirtschaft versteht.
[631] Vorwort zu „Major Barbara“.
[632] S. 425.
[633] Der „Farmer“ ist der Mensch, den nur noch eine +praktische+
Beziehung mit einem Stück Land verbindet.
[634] Die zunehmende Intensität dieses Denkens erscheint im
Wirtschaftsbilde +als Wachstum der vorhandenen Geldmasse+, die als
etwas ganz abstraktes und eingebildetes mit dem sichtbaren Vorrat
von Gold als einer Ware gar nichts zu tun hat. Die „Versteifung
des Geldmarkts“ z. B. ist ein rein geistiger Vorgang, der sich
in den Köpfen einer ganz kleinen Zahl von Menschen abspielt. Die
steigende Energie des Gelddenkens erweckt deshalb in allen Kulturen
das Gefühl, daß der „Geldwert sinkt“, in gewaltigem Maße z. B. von
Solon bis Alexander, nämlich im Verhältnis zur Rechnungseinheit.
In Wirklichkeit sind die geschäftlichen Werteinheiten etwas
künstliches geworden und mit den erlebten Urwerten der bäuerlichen
Wirtschaft gar nicht mehr vergleichbar. Es ist zuletzt
gleichgültig, mit was für Zahlen beim attischen Bundesschatz auf
Delos (454), bei den karthagischen Friedensschlüssen (241, 201)
und dann bei der Beute des Pompejus (64) gerechnet wird und ob wir
in einigen Jahrzehnten von den um 1850 noch unbekannten und uns
heute ganz geläufigen Milliarden zu Billionen übergehen werden.
Es fehlt an jedem Maßstab, um etwa den Wert eines Talents in den
Jahren 430 und 30 zu vergleichen, denn das Gold wie das Vieh und
Getreide haben nicht nur ihren Ziffernwert, sondern auch ihre
Bedeutung innerhalb der vorschreitenden Stadtwirtschaft fortgesetzt
verändert. Es bleibt nur die Tatsache, daß die Geldmenge,
welche mit dem Bestand an Wertzeichen und Zahlungsmitteln nicht
verwechselt werden darf, ein _alter ego_ des Denkens ist.
[635] Zum folgenden vgl. Bd. I, Kap. I.
[636] Friedländer, Rom. Sittengesch. IV (1921), S. 301.
[637] Sallust, Catilina 35, 3.
[638] S. 574.
[639] Wie schwer es dem antiken Menschen war, sich den Umsatz einer
körperlich nicht allseitig abgegrenzten Sache wie Grund und Boden
in körperliches Geld vorzustellen, zeigen die Steinpfähle (ὅροι)
auf griechischen Grundstücken, welche die Hypothek +darstellen+
sollten, und der römische Kauf _per aes et libram_, wobei gegen
eine Münze eine Erdscholle vor Zeugen überreicht wurde. Einen
wirklichen Güterhandel hat es infolgedessen nie gegeben, und
ebensowenig etwas wie Tagespreise für Ackerland. Ein regelmäßiges
Verhältnis zwischen Bodenwert und Geldwert ist im antiken Denken
ebenso unmöglich wie ein solches zwischen Kunstwert und Geldwert.
Geistige, also unkörperliche Erzeugnisse wie Dramen oder Fresken
besaßen wirtschaftlich überhaupt keinen Wert. Über den antiken
Rechtsbegriff der Sache vgl. S. 96.
[640] Schon zur Zeit des Augustus kann von den antiken Kunstwerken
aus Edelmetall und Bronze nicht viel übrig gewesen sein. Selbst der
gebildete Athener dachte viel zu unhistorisch, um eine Statue aus
Gold und Elfenbein nur deshalb zu schonen, weil sie von Phidias
war. Man erinnere sich, daß an dessen berühmter Athenefigur
die Goldteile abnehmbar angefertigt waren und von Zeit zu Zeit
nachgewogen wurden. Die wirtschaftliche Verwendung war also von
vornherein ins Auge gefaßt.
[641] Ges. Schriften IV, 200 ff.
[642] S. 69.
[643] Der Glaube, daß die Sklaven selbst in Athen oder Ägina
jemals auch nur ein Drittel der Bevölkerung ausgemacht hätten, ist
vollkommen sinnlos. Die Revolutionen seit 400 (S. 506) setzen im
Gegenteil eine gewaltige Überzahl der freien Armen voraus.
[644] S. 601.
[645] Das ist der Gegensatz zur Negersklaverei unserer Barockzeit,
die eine +Vorstufe der Maschinenindustrie+ darstellt: eine
Organisation von „lebendiger“ Energie, bei welcher man vom
Menschen endlich zur Kohle überging, und das erste erst dann als
unmoralisch empfand, als das zweite eingebürgert war. Von dieser
Seite betrachtet bedeutet der Sieg des Nordens im amerikanischen
Bürgerkrieg (1865) den wirtschaftlichen Sieg der konzentrierten
Energie der Kohle über die einfache Energie der Muskeln.
[646] S. 460 f. Die Verwandtschaft mit der ägyptischen Verwaltung
des Alten Reiches und der chinesischen der frühesten Dschouzeit ist
unverkennbar.
[647] S. 461. Die _clerici_ in diesen Rechnungskammern sind das
Urbild der modernen Bankbeamten.
[648] Hampe, Deutsche Kaisergeschichte, S. 246. Leonardo Pisano,
dessen Liber Abaci (1202) für das kaufmännische Rechnen weit über
die Renaissance hinaus maßgebend war, und der außer dem arabischen
Ziffernsystem auch die negativen Zahlen als Debitum eingeführt hat,
wurde von dem großen Hohenstaufen gefördert.
[649] S. 89.
[650] Sombart, Der moderne Kapitalismus II, S. 119.
[651] Eng verwandt mit unserm Bilde vom Wesen der Elektrizität
ist der Vorgang des Clearing, bei dem der positive oder negative
Geldstand mehrerer Firmen (Spannungszentren) untereinander durch
einen reinen Denkakt ausgeglichen und der wahre Stand durch eine
Buchung versinnbildlicht wird. Vgl. Bd. I, Kap. VI.
[652] Bd. I, Kap. I.
[653] S. 98.
[654] Der Kredit eines Landes beruht in unsrer Kultur auf seiner
wirtschaftlichen Leistungsfähigkeit und deren politischer
Organisation, welche den Finanzoperationen und Buchungen den
Charakter wirklicher Geldschöpfungen gibt, und nicht auf einer
irgendwo eingelagerten Goldmenge. Erst der antikisierende
Aberglaube erhebt die Goldreserve zum wirklichen Kreditmesser, weil
ihre Höhe nun nicht mehr vom Wollen, sondern vom Können abhängt.
Die umlaufenden Münzen aber sind eine +Ware+, die im Verhältnis zum
Landeskredit einen Kurs besitzt -- je schlechter der Kredit, desto
höher steht das Gold, bis zu dem Punkte, wo es unbezahlbar wird und
aus dem Verkehr verschwindet, so daß man es nur noch gegen +andere+
Waren erhalten kann; das Gold wird also wie jede Ware an der
buchmäßigen Rechnungseinheit gemessen, nicht umgekehrt, wie es das
Wort Goldwährung andeutet -- und bei kleinen Zahlungen als Mittel
dient, wie gelegentlich die Briefmarke auch. In Ägypten, dessen
Gelddenken dem abendländischen erstaunlich ähnlich ist, hat es auch
im Neuen Reiche nichts der Münze irgendwie ähnliches gegeben. Die
schriftliche Überweisung genügte vollkommen, und von 650 an bis zur
Hellenisierung durch die Gründung von Alexandria wurden die ins
Land kommenden antiken Münzen in der Regel zerhackt und als Ware
nach Gewicht verrechnet.
[655] Und für unser Sachenrecht also bis jetzt nicht vorhanden.
[656] Gesetzt den Fall, daß Arbeiter die Führung der Werke
übernähmen, so würde damit nichts geändert. Entweder sie können
nichts: dann geht alles zugrunde; oder sie können etwas: dann
werden sie innerlich selbst Unternehmer und denken nur noch an die
Behauptung ihrer Macht. Keine Theorie schafft diese Tatsache aus
der Welt; so +ist+ das Leben.
[657] Erst seit 1770 also werden die Banken als Kreditmittelpunkte
eine wirtschaftliche Macht, die auf dem Wiener Kongreß zum
erstenmal in die Politik eingreift. Bis dahin besorgte der Bankier
vorwiegend Wechselgeschäfte. Die chinesischen und selbst die
ägyptischen Banken haben eine andere Bedeutung, und die antiken
Banken auch im cäsarischen Rom sollte man besser +Kassen+ nennen.
Sie sammelten Steuererträge in Bargeld ein und liehen Bargeld gegen
Wiedererstattung aus; so werden die Tempel mit ihrem Metallvorrat
an Weihgeschenken zu „Banken“. Der Tempel von Delos lieh
jahrhundertelang zu 10% aus.
[658] Der Begriff der Firma war schon in spätgotischer Zeit als
ratio oder negotiatio ausgebildet und läßt sich durch kein Wort
einer antiken Sprache wiedergeben. Negotium bezeichnet für den
Römer einen konkreten Vorgang („ein Geschäft machen“, nicht
„haben“).
[659] Pöhlmann, Griech. Gesch. (1914), S. 216 f.
[660] Gercke-Norden, Einl. in die Altertumswiss. III, S. 291.
[661] Kromayer in Hartmanns Röm. Gesch. S. 150.
[662] Die Juden dieser Zeit waren die Römer (S. 392). Dagegen
sind die Juden damals Bauern, Handwerker, kleine Gewerbetreibende
(Parván, Die Nationalität der Kaufleute im römischen Kaiserreich,
1909; ebenso Mommsen, Röm. Gesch. V, S. 471), d.h. sie üben
die Berufe aus, welche in gotischer Zeit das +Objekt+ ihrer
Handelsgeschäfte geworden waren. In derselben Lage befinden
sich heute „Europa“ gegenüber die Russen, deren ganz mystisches
Innenleben das Denken in Geld +als Sünde+ empfindet. (Der Pilger
in Gorkis Nachtasyl und die ganze Gedankenwelt Tolstois [S.
234. 340].) Hier liegen heute wie in Syrien zur Zeit Jesu zwei
Wirtschaftswelten übereinander (S. 231 ff.), eine obere, fremde,
zivilisierte, die von Westen eingedrungen ist und zu der als
Hefe der ganz abendländische und unrussische Bolschewismus der
ersten Jahre gehört, und eine stadtlose, nur unter Gütern lebende
in der Tiefe, die nicht rechnet, sondern ihren unmittelbaren
Bedarf eintauschen möchte. Man muß die Schlagworte der Oberfläche
als eine Stimme auffassen, aus welcher der ganz mit seiner
Seele beschäftigte einfache Russe den Willen Gottes heraushört.
Der Marxismus unter Russen beruht auf einem inbrünstigen
Mißverständnis. Man hat das höhere Wirtschaftsleben des Petrinismus
ertragen, aber weder geschaffen noch anerkannt. Der Russe bekämpft
das Kapital nicht, sondern er +begreift+ es nicht. Wer Dostojewski
zu lesen versteht, wird hier eine junge Menschheit ahnen, für
die es +noch gar kein Geld gibt+, nur Güter in bezug auf ein
Leben, dessen Gewicht +nicht+ auf der Wirtschaftsseite liegt.
Die „Angst vor dem Mehrwert“, die vor dem Kriege manchen bis zum
Selbstmord getrieben hat, ist eine unverstandene literarische
Verkleidung der Tatsache, daß der Gelderwerb durch Geld für das
stadtlose Güterdenken ein Frevel ist, aus der werdenden russischen
Religion heraus gedacht eine +Sünde+. So wie heute die Städte
des Zarentums verfallen und der Mensch in ihnen wieder wie im
Dorfe lebt, unter der Kruste des städtisch denkenden, rasch
hinschwindenden Bolschewismus, so hat er sich von der westlichen
Wirtschaft befreit. Der apokalyptische Haß -- der auch das einfache
Judentum zur Zeit Jesu gegen Rom beherrschte -- richtete sich
nicht nur gegen Petersburg als Stadt, als Sitz einer politischen
Macht westlichen Stils, sondern auch als Mitte eines Denkens in
westlichem Geld, was das ganze Leben vergiftet und in eine falsche
Bahn gelenkt hat. Das Russentum der Tiefe läßt heute eine noch
priesterlose, auf dem +Johannesevangelium+ aufgebaute dritte Art
des Christentums entstehen, die der magischen unendlich viel näher
steht als der faustischen, die deshalb auf einer neuen Symbolik der
+Taufe+ beruht und, weit entfernt von Rom und Wittenberg, in einer
Vorahnung künftiger Kreuzzüge über Byzanz hinweg nach Jerusalem
blickt. Damit +allein+ beschäftigt, wird es sich die Wirtschaft
des Westens wieder gefallen lassen, wie der Urchrist die römische,
der gotische Christ die jüdische, aber es beteiligt sich innerlich
nicht mehr an ihr. (Hierzu S. 231 ff. 277. 340. 360. 363).
DIE MASCHINE
6
Die Technik ist so alt wie das frei im Raum bewegliche Leben überhaupt.
Nur die Pflanze ist, so wie wir die Natur sehen, der bloße Schauplatz
technischer Vorgänge. Das Tier hat, da es sich bewegt, auch eine
Technik der Bewegung, um sich zu erhalten und zu wehren.
Die ursprüngliche Beziehung zwischen einem wachen Mikrokosmos
und seinem Makrokosmos -- der „+Natur+“ -- besteht in einem
Abtasten durch die Sinne,[663] das sich vom bloßen +Eindruck+
der Sinne zum +Urteil+ der Sinne erhebt, und damit schon
kritisch („scheidend“) oder was dasselbe ist, +kausal zerlegend+
wirkt.[664] Das Festgestellte wird zu einem möglichst vollständigen
System ursprünglichster Erfahrungen -- „Kennzeichen“ -- ergänzt,[665]
eine unwillkürliche Methode, durch die man sich in seiner Welt zu
Hause fühlt, die bei vielen Tieren zu einer erstaunlichen Fülle von
Erfahrungen geführt hat und über die kein menschliches Naturwissen
hinausführt. Aber ursprüngliches Wachsein ist immer +tätiges+
Wachsein, fernab von aller bloßen „Theorie“, und so ist es die kleine
Technik des Alltags, an welcher diese Erfahrungen ohne Absicht erworben
werden, und zwar an Dingen, +insofern sie tot sind+.[666] Es ist
der Unterschied von Kultus und Mythus,[667], denn auf dieser Stufe
gibt es keine Grenze zwischen Religion und Profanem. Alles Wachsein
+ist+ Religion.