wenn das Fest-stellen der Natur -- um sich danach zu richten -- in
ein Fest-machen übergeht, durch das sie +absichtlich verändert+
wird. Damit wird die Technik gewissermaßen souverän, und die triebhafte
Urerfahrung geht in ein +Urwissen+ über, dessen man sich deutlich
„bewußt“ ist. Das Denken hat sich vom Empfinden emanzipiert. Erst
die +Wortsprache+ hat diese Epoche heraufgeführt. Durch die
Ablösung der Sprache vom Sprechen[668] ist für die Mitteilungssprachen
ein Schatz von Zeichen entstanden, die mehr sind als Kennzeichen,
nämlich mit einem Bedeutungsgefühl verbundene +Namen+, mit
denen der Mensch das Geheimnis der Numina, seien es Gottheiten oder
Naturkräfte, in seiner Gewalt hat, und +Zahlen+ (Formeln, Gesetze
einfachster Art), durch welche die innere Form des Wirklichen vom
Zufällig-Sinnlichen abgezogen wird.[669]
Damit entsteht aus dem System von Kennzeichen eine Theorie, ein
+Bild+, das sich auf den Höhen zivilisierter Technik ebenso wie
in ihren primitiven Anfängen aus der Technik des Tages +ablöst+,
als ein Stück untätigen Wachseins, nicht umgekehrt sie hervorgebracht
hat.[670] Man „weiß“, was man will, aber es muß vieles geschehen
sein, um das Wissen zu haben und man täusche sich nicht über den
Charakter dieses „Wissens“. Durch die zahlenmäßige Erfahrung kann der
Mensch mit dem Geheimnis schalten, aber er hat es nicht enthüllt.
Das Bild des modernen Zauberers: eine Schalttafel mit ihren Hebeln
und Bezeichnungen, an welcher der Arbeiter durch einen Fingerdruck
gewaltige Wirkungen ins Dasein ruft, ohne von ihrem Wesen eine Ahnung
zu haben, ist das Symbol der menschlichen Technik überhaupt. Das
Bild der Lichtwelt um uns, so wie wir es kritisch, zerlegend, als
Theorie, als Bild entwickelt haben, ist nichts als eine solche Tafel,
auf der gewisse Dinge so bezeichnet sind, daß auf eine Berührung hin
gewisse Wirkungen mit Sicherheit erfolgen. Das Geheimnis bleibt nicht
weniger drückend.[671] Aber durch diese Technik greift das Wachsein
doch gewaltsam in die Tatsachenwelt; das Leben +bedient+ sich
des Denkens wie eines Zauberschlüssels, und auf der Höhe mancher
Zivilisation, in deren großen Städten, erscheint endlich der
Augenblick, wo technische Kritik es müde ist, dem Leben zu dienen
und sich zu seinem Tyrannen aufwirft. Eine Orgie dieses entfesselten
Denkens von wahrhaft tragischen Maßen erlebt die abendländische Kultur
eben jetzt.
Man hat den Gang der Natur belauscht und sich Zeichen gemerkt. Man
beginnt sie nachzuahmen durch Mittel und Methoden, welche die Gesetze
kosmischen Taktes sich zu nutze machen. Der Mensch wagt es, die
Gottheit zu spielen und man begreift, daß die frühesten Verfertiger
und Kenner dieser künstlichen Dinge -- denn hier ist +Kunst als
Gegenbegriff von Natur+ entstanden --, vor allem die Hüter der
Schmiedekunst von den andern als etwas ganz Seltsames betrachtet, scheu
verehrt oder verabscheut wurden. Es gab einen immer wachsenden Schatz
solcher Erfindungen, die oft gemacht, wieder vergessen, nachgeahmt,
gemieden, verbessert wurden und die endlich doch für ganze Erdteile
einen Bestand von +selbstverständlichen+ Mitteln ergaben, Feuer,
Metallbehandlung, Werkzeuge, Waffen, Pflug und Boot, Hausbau, Tierzucht
und Getreidesaat. Vor allem sind es die Metalle, an deren Ort ein
unheimlich mystischer Zug den primitiven Menschen lockt. Uralte
Handelsbahnen ziehen sich nach geheim gehaltenen Erzlagern durch das
Leben des besiedelten Landes und über durchruderte Meere hin, auf
denen dann später Kulte und Ornamente wandern; sagenhafte Namen wie
Zinninseln und Goldland haften in der Phantasie. Der Urhandel ist
Metallhandel: so dringt in die erzeugende und verarbeitende Wirtschaft
eine dritte, fremde und abenteuerliche, frei durch die Länder
schweifende ein.
Auf dieser Grundlage erhebt sich nun die Technik der hohen Kulturen,
in deren Rang, Farbe und Leidenschaft sich die ganze Seele dieser
großen Wesen ausspricht. Es versteht sich fast von selbst, daß der
antike Mensch, euklidisch wie er sich in seiner Umwelt fühlt, schon
dem Gedanken der Technik feindselig gegenübersteht. Meint man mit
antiker Technik etwas, das sich mit entschiedenem Streben über die
allverbreiteten Fertigkeiten der mykenischen Zeit erhebt, so gibt es
keine antike Technik.[672] Diese Trieren sind vergrößerte Ruderboote,
die Katapulte und Onager ersetzen Arme und Fäuste und können sich
mit den assyrischen und chinesischen Kriegsmaschinen nicht messen,
und was Heron und andere seines Schlages betrifft, so sind Einfälle
keine Erfindungen. Es fehlt das innere Gewicht, das Schicksalvolle
des Augenblicks, die tiefe Notwendigkeit. Man spielt hier und da mit
Kenntnissen -- warum auch nicht --, die wohl aus dem Osten stammten,
aber niemand achtet darauf und niemand denkt vor allem daran, sie
ernstlich in die Lebensgestaltung einzuführen.
Etwas ganz anderes ist die faustische Technik, die mit dem vollen
Pathos der dritten Dimension und zwar von den frühesten Tagen der Gotik
an auf die Natur eindringt, um sie zu +beherrschen+. Hier und nur hier
ist die Verbindung von Einsicht und Verwertung selbstverständlich.[673]
Die Theorie ist von Anfang an +Arbeitshypothese+.[674] Der antike
Grübler „schaut“ wie die Gottheit des Aristoteles, der arabische sucht
als Alchymist nach dem Zaubermittel, dem Stein der Weisen, mit dem
man die Schätze der Natur +mühelos+ in seinen Besitz bringt,[675] der
abendländische will die Welt nach seinem Willen +lenken+.
Der faustische Erfinder und Entdecker ist etwas Einziges. Die Urgewalt
seines Wollens, die Leuchtkraft seiner Visionen, die stählerne Energie
seines praktischen Nachdenkens müssen jedem, der aus fremden Kulturen
herüberblickt, unheimlich und unverständlich sein, aber sie liegen
uns allen im Blute. Unsre ganze Kultur hat eine Entdeckerseele.
Ent-decken, das was man +nicht+ sieht, in die Lichtwelt des
inneren Auges ziehen, um sich seiner zu bemächtigen, das war vom
ersten Tage an ihre hartnäckigste Leidenschaft. Alle ihre großen
Erfindungen sind in der Tiefe langsam gereift, durch vorwegnehmende
Geister verkündigt und versucht worden, um mit der Notwendigkeit eines
Schicksals endlich hervorzubrechen. Sie waren alle schon dem seligen
Grübeln frühgotischer Mönche ganz nahegerückt.[676] Wenn irgendwo,
so offenbart sich hier der religiöse Ursprung alles technischen
Denkens.[677] Diese inbrünstigen Erfinder in ihren Klosterzellen, die
unter Beten und Fasten Gott sein Geheimnis +abrangen+, empfanden
das als einen Gottesdienst. Hier ist die Gestalt Fausts entstanden,
das große Sinnbild einer echten Erfinderkultur. Die _scientia
+experimentalis+_, wie zuerst Roger Bacon die Naturforschung
definiert hatte, die +gewaltsame+ Befragung der Natur mit Hebeln
und Schrauben beginnt, was als Ergebnis in den mit Fabrikschloten und
Fördertürmen übersäten Ebenen der Gegenwart vor unsern Augen liegt.
Aber für sie alle bestand auch die eigentlich faustische Gefahr,
daß der Teufel seine Hand im Spiele hatte,[678] um sie im Geist auf
jenen Berg zu führen, wo er ihnen alle Macht der Erde versprach. Das
bedeutet der Traum jener seltsamen Dominikaner wie Petrus Peregrinus
vom _perpetuum mobile_, mit dem Gott seine Allmacht entrissen
gewesen wäre. Sie erlagen diesem Ehrgeiz immer wieder; sie zwangen der
Gottheit ihr Geheimnis ab, um selber Gott zu sein. Sie belauschten die
Gesetze des kosmischen Taktes, um sie zu vergewaltigen, und sie schufen
so die +Idee der Maschine+ als eines kleinen Kosmos, der nur noch
dem Willen des Menschen gehorcht. Aber damit überschritten sie jene
feine Grenze, wo für die anbetende Frömmigkeit der andern die Sünde
begann, und daran gingen sie zugrunde, von Bacon bis Giordano Bruno.
Die Maschine ist des Teufels: so hat der echte Glaube immer wieder
empfunden.
Eine Leidenschaft im Erfinden zeigt schon die gotische Architektur
-- die man mit der gewollten Formenarmut der dorischen vergleiche
-- und unsre gesamte Musik. Es erscheinen der Buchdruck und die
Fernwaffe.[679] Auf Kolumbus und Kopernikus folgen das Fernrohr, das
Mikroskop, die chemischen Elemente und endlich die ungeheure Summe der
technischen Verfahren des frühen Barock.
Dann aber folgt zugleich mit dem Rationalismus die Erfindung der
+Dampfmaschine+, die alles umstürzt und das Wirtschaftsbild von
Grund aus verwandelt. Bis dahin hatte die Natur Dienste geleistet,
jetzt wird sie +als Sklavin+ ins Joch gespannt und ihre Arbeit
wie zum Hohn nach Pferdekräften bemessen. Man ging von der Muskelkraft
des Negers, die in organisierten Betrieben angesetzt wurde, zu den
organischen Reserven der Erdrinde über, wo die Lebenskraft von
Jahrtausenden als Kohle aufgespeichert liegt, und richtet heute
den Blick auf die anorganische Natur, deren Wasserkräfte schon zur
Unterstützung der Kohle herangezogen sind. Mit den Millionen und
Milliarden Pferdekräften steigt die Bevölkerungszahl in einem Grade,
wie keine andre Kultur es je für möglich gehalten hätte. Dieses
Wachstum ist ein +Produkt der Maschine+, die bedient und gelenkt
sein will und dafür die Kräfte jedes Einzelnen verhundertfacht. Um der
Maschine willen wird das Menschenleben kostbar. +Arbeit+ wird das
große Wort des ethischen Nachdenkens. Es verliert im 18. Jahrhundert in
allen Sprachen seine geringschätzige Bedeutung. Die Maschine arbeitet
und zwingt den Menschen zur Mitarbeit. Die ganze Kultur ist in einen
Grad von Tätigkeit geraten, unter dem die Erde bebt.
Was sich nun im Laufe kaum eines Jahrhunderts entfaltet, ist ein
Schauspiel von solcher Größe, daß den Menschen einer künftigen Kultur
mit andrer Seele und andern Leidenschaften das Gefühl überkommen muß,
als sei damals die Natur ins Wanken geraten. Auch sonst ist die Politik
über Städte und Völker hinweggeschritten; menschliche Wirtschaft
hat tief in die Schicksale der Tier- und Pflanzenwelt eingegriffen,
aber das rührt nur an das Leben und verwischt sich wieder. Diese
Technik aber wird die Spur ihrer Tage hinterlassen, wenn alles andere
verschollen und versunken ist. Diese faustische Leidenschaft hat das
Bild der Erdoberfläche verändert.
Es ist das hinaus- und hinaufdrängende und eben deshalb der Gotik tief
verwandte Lebensgefühl, wie es in der Kindheit der Dampfmaschine durch
die Monologe des Goetheschen Faust zum Ausdruck gelangte. Die trunkene
Seele will Raum und Zeit überfliegen. Eine unnennbare Sehnsucht
lockt in grenzenlose Fernen. Man möchte sich von der Erde lösen, im
Unendlichen aufgehen, die Bande des Körpers verlassen und im Weltraum
unter Sternen kreisen. Was am Anfang die glühend hinaufschwebende
Inbrunst des heiligen Bernhard suchte, was Grünewald und Rembrandt
in ihren Hintergründen und Beethoven in den erdfernen Klängen seiner
letzten Quartette ersannen, das kehrt nun wieder in dem durchgeistigten
Rausch dieser dichten Folge von Erfindungen. Deshalb entsteht dieser
phantastische Verkehr, der Erdteile in wenigen Tagen kreuzt, der
mit schwimmenden Städten über Ozeane setzt, Gebirge durchbohrt, in
unterirdischen Labyrinthen rast, von der alten, in ihren Möglichkeiten
längst erschöpften Dampfmaschine zur Gaskraftmaschine übergeht und
von Straßen und Schienen sich endlich zum Flug in die Lüfte erhebt;
deshalb wird das gesprochene Wort in einem Augenblick über alle Meere
gesandt; deshalb bricht dieser Ehrgeiz der Rekorde und Dimensionen
hervor, die Riesenhallen für Riesenmaschinen, ungeheure Schiffe und
Brückenspannungen, wahnwitzige Bauten bis in die Wolken hinauf,
fabelhafte Kräfte, die auf einen Punkt zusammengedrängt sind und dort
der Hand eines Kindes gehorchen, stampfende, zitternde, dröhnende Werke
aus Stahl und Glas, in denen sich der winzige Mensch als unumschränkter
Herr bewegt und endlich die Natur unter sich fühlt.
Und diese Maschinen werden in ihrer Gestalt immer mehr entmenschlicht,
immer asketischer, mystischer, esoterischer. Sie umspinnen die Erde
mit einem unendlichen Gewebe feiner Kräfte, Ströme und Spannungen.
Ihr Körper wird immer geistiger, immer verschwiegener. Diese Räder,
Walzen und Hebel reden nicht mehr. Alles was entscheidend ist, zieht
sich ins Innere zurück. Man hat die Maschine als teuflisch empfunden,
und mit Recht. Sie bedeutet in den Augen eines Gläubigen die Absetzung
Gottes. Sie liefert die heilige Kausalität dem Menschen aus und sie
wird schweigend, unwiderstehlich, mit einer Art von vorausschauender
Allwissenheit von ihm in Bewegung gesetzt.
7
Niemals hat sich ein Mikrokosmos dem Makrokosmos überlegener gefühlt.
Hier gibt es kleine Lebewesen, die durch ihre geistige Kraft das
Unlebendige von sich abhängig gemacht haben. Nichts scheint diesem
Triumph zu gleichen, der nur +einer+ Kultur geglückt ist und
vielleicht nur für eine kleine Zahl von Jahrhunderten.
Aber gerade damit ist der faustische Mensch +zum Sklaven seiner
Schöpfung+ geworden. Seine Zahl und die Anlage seiner Lebenshaltung
werden durch die Maschine auf eine Bahn gedrängt, auf der es keinen
Stillstand und keinen Schritt rückwärts gibt. Der Bauer, der
Handwerker, selbst der Kaufmann erscheinen plötzlich unwesentlich
gegenüber den drei Gestalten, +welche sich die Maschine auf dem Weg
ihrer Entwicklung herangezüchtet hat: dem Unternehmer, dem Ingenieur,
dem Fabrikarbeiter+. Aus einem ganz kleinen Zweige des Handwerks,
der verarbeitenden Wirtschaft, ist +in dieser einen Kultur und
keiner andern+ der mächtige Baum aufgewachsen, welcher über alle
sonstigen Berufe seinen Schatten wirft: +Die Wirtschaftswelt der
Maschinenindustrie+.[680] Sie zwingt den Unternehmer wie den
Fabrikarbeiter zum Gehorsam. +Beide+ sind Sklaven, nicht Herren
der Maschine, die ihre teuflische geheime Macht erst jetzt entfaltet.
Aber wenn die sozialistische Theorie der Gegenwart nur die Leistung des
letzten hat sehen wollen und für sie allein das Wort Arbeit in Anspruch
nahm, so ist diese doch nur durch die souveräne und entscheidende
Leistung des ersten möglich. Das berühmte Wort von dem starken Arm,
der alle Räder stillstehen läßt, ist falsch gedacht. Anhalten -- ja,
aber dazu braucht man nicht Arbeiter zu sein. In Bewegung halten --
nein. Der Organisator und Verwalter bildet den Mittelpunkt in diesem
künstlichen und komplizierten Reich der Maschine. Der Gedanke hält es
zusammen, nicht die Hand. Aber gerade deshalb ist +eine+ Gestalt
noch wichtiger, um diesen stets gefährdeten Bau zu erhalten, als die
ganze Energie unternehmender Herrenmenschen, die Städte aus dem Boden
wachsen lassen und das Bild der Landschaft verändern, eine Gestalt, die
man im politischen Streit zu vergessen pflegt: der +Ingenieur+,
der wissende Priester der Maschine. Nicht nur die Höhe, das
+Dasein+ der Industrie hängt vom Dasein von hunderttausend
begabten, streng geschulten Köpfen ab, welche die Technik beherrschen
und immer weiter entwickeln. Der Ingenieur ist in aller Stille ihr
eigentlicher Herr und ihr Schicksal. Sein Denken ist als Möglichkeit,
was die Maschine als Wirklichkeit ist. Man hat, ganz materialistisch,
die Erschöpfung der Kohlenlager gefürchtet. Aber solange es technische
Pfadfinder von Rang gibt, gibt es keine Gefahren dieser Art. Erst wenn
der Nachwuchs dieser Armee ausbleibt, deren Gedankenarbeit mit der
Arbeit der Maschine eine innere Einheit bildet, muß die Industrie trotz
Unternehmertum und Arbeiterschaft erlöschen. Gesetzt den Fall, daß
das Heil der Seele den Begabtesten künftiger Generationen näher liegt
als alle Macht in dieser Welt, daß unter dem Eindruck der Metaphysik
und Mystik, die heute den Rationalismus ablösen, das wachsende Gefühl
für den +Satanismus+ der Maschine gerade die Auslese des Geistes
ergreift, auf die es ankommt -- es ist der Schritt von Roger Bacon
zu Bernhard von Clairvaux --, so wird nichts das Ende dieses großen
Schauspiels aufhalten, das ein Spiel der Geister ist, bei dem die Hände
nur helfen dürfen.
Die abendländische Industrie hat die alten Handelsbahnen der übrigen
Kulturen verlagert. Die Ströme des Wirtschaftslebens bewegen sich
nach den Sitzen der „Königin Kohle“ und den großen Rohstoffgebieten
hin; die Natur wird erschöpft, der Erdball dem faustischen Denken
in Energien geopfert. Die +arbeitende+ Erde ist der faustische
Aspekt; in ihrem Anblick stirbt der Faust des zweiten Teils, in
dem die unternehmende Arbeit ihre höchste Verklärung erfahren hat.
Nichts ist dem ruhend gesättigten Sein der antiken Kaiserzeit mehr
entgegengesetzt. Der Ingenieur ist es, der dem römischen Rechtsdenken
am fernsten steht, und er wird es durchsetzen, daß +seine+
Wirtschaft ihr eignes Recht erhält, in dem Kräfte und Leistungen die
Stelle von Person und Sache einnehmen.
8
Aber ebenso titanisch ist nun der Ansturm des Geldes auf diese geistige
Macht. Auch die Industrie ist noch erdverbunden wie das Bauerntum.
Sie hat ihren Standort und ihre dem Boden entströmenden Quellen der
Stoffe. Nur die Hochfinanz ist +ganz+ frei, ganz ungreifbar. Die
Banken und damit die Börsen haben sich seit 1789 am Kreditbedürfnis
der ins Ungeheure wachsenden Industrie zur eigenen Macht entwickelt
und sie wollen, wie das Geld in +allen+ Zivilisationen, die
+einzige+ Macht sein. Das uralte Ringen zwischen erzeugender und
erobernder Wirtschaft erhebt sich zu einem schweigenden Riesenkampf der
Geister, der auf dem Boden der Weltstädte ausgefochten wird. Es ist der
Verzweiflungskampf des technischen Denkens um seine Freiheit gegenüber
dem Denken in Geld.[681]
Die Diktatur des Geldes schreitet vor und nähert sich einem natürlichen
Höhepunkt, in der faustischen wie in jeder andern Zivilisation. Und nun
geschieht etwas, das nur begreifen kann, wer in das Wesen des Geldes
eingedrungen ist. Wäre es etwas Greifbares, so wäre sein Dasein ewig;
da es eine Form des Denkens ist, +so erlischt es, sobald es die
Wirtschaftswelt zu Ende gedacht hat+, und zwar aus Mangel an Stoff.
Es drang in das Leben des bäuerlichen Landes ein und setzte den Boden
in Bewegung; es hat jede Art von Handwerk geschäftlich umgedacht; es
dringt heute siegreich auf die Industrie ein, um die erzeugende Arbeit
von Unternehmern, Ingenieuren und Ausführenden gleichmäßig zu seiner
Beute zu machen. Die Maschine mit ihrer menschlichen Gefolgschaft, die
eigentliche Herrin des Jahrhunderts, ist in Gefahr, einer stärkeren
Macht zu verfallen. Aber damit steht das Geld am Ende seiner Erfolge,
und der letzte Kampf beginnt, in welchem die Zivilisation ihre
abschließende Form erhält: der zwischen +Geld und Blut+.
Die Heraufkunft des Cäsarismus bricht die Diktatur des Geldes und
ihrer politischen Waffe, der Demokratie. Nach einem langen Triumph der
weltstädtischen Wirtschaft und ihrer Interessen über die politische
Gestaltungskraft erweist sich die politische Seite des Lebens doch
als stärker. Das Schwert siegt über das Geld, der Herrenwille
unterwirft sich wieder den Willen zur Beute. Nennt man jene Mächte
des Geldes Kapitalismus[682], und Sozialismus den Willen, über alle
Klasseninteressen hinaus eine mächtige politisch-wirtschaftliche
Ordnung ins Leben zu rufen, ein System der +vornehmen+ Sorge und
Pflicht, die das Ganze für den Entscheidungskampf der Geschichte in
fester Form hält, so ist das.zugleich ein Ringen zwischen +Geld und
Recht+.[683] Die +privaten+ Mächte der Wirtschaft wollen freie
Bahn für ihre Eroberung großer Vermögen. Keine Gesetzgebung soll ihnen
im Wege stehen. Sie wollen die Gesetze machen, in ihrem Interesse,
und sie bedienen sich dazu ihres selbstgeschaffenen Werkzeugs,
der Demokratie, der bezahlten Partei. Das Recht bedarf, um diesen
Ansturm abzuwehren, einer vornehmen Tradition, des Ehrgeizes starker
Geschlechter, der nicht im Anhäufen von Reichtümern, sondern in den
Aufgaben echten Herrschertums jenseits aller Geldvorteile Befriedigung
findet. +Eine Macht läßt sich nur durch eine andere stürzen+,
nicht durch ein Prinzip, und es gibt dem Geld gegenüber keine andere.
Das Geld wird nur vom Blut überwältigt und aufgehoben. Das +Leben+
ist das erste und letzte, das kosmische Dahinströmen in mikrokosmischer
Form. Es ist +die+ Tatsache innerhalb der Welt als Geschichte. Vor
dem unwiderstehlichen Takt der Geschlechterfolgen schwindet zuletzt
alles hin, was das Wachsein in seinen Geisteswelten aufgebaut hat.
Es handelt sich in der Geschichte um das Leben und immer nur um das
Leben, die Rasse, den Triumph des Willens zur Macht, und nicht um den
Sieg von Wahrheiten, Erfindungen oder Geld. +Die Weltgeschichte ist
das Weltgericht+: Sie hat immer dem stärkeren, volleren, seiner
selbst gewisseren Leben Recht gegeben, Recht nämlich auf das Dasein,
gleichviel ob es vor dem Wachsein recht war, und sie hat immer die
Wahrheit und Gerechtigkeit der Macht, der Rasse geopfert und die
Menschen und Völker zum Tode verurteilt, denen die Wahrheit wichtiger
war als Taten, und Gerechtigkeit wesentlicher als Macht. So schließt
das Schauspiel einer hohen Kultur, diese ganze wundervolle Welt von
Gottheiten, Künsten, Gedanken, Schlachten, Städten wieder mit den
Urtatsachen des ewigen Blutes, das mit den ewig kreisenden kosmischen
Fluten ein und dasselbe ist. Das helle, gestaltenreiche Wachsein
taucht wieder in den schweigenden Dienst des Daseins hinab, wie es die
chinesische und römische Kaiserzeit lehren; die Zeit siegt über den
Raum, und die Zeit ist es, deren unerbittlicher Gang den flüchtigen
Zufall Kultur auf diesem Planeten in den Zufall Mensch einbettet, eine
Form, in welcher der Zufall Leben eine Zeitlang dahinströmt, während in
der Lichtwelt unserer Augen sich dahinter die strömenden Horizonte der
Erdgeschichte und Sternengeschichte auftun.
Für uns aber, die ein Schicksal in diese Kultur und diesen Augenblick
ihres Werdens gestellt hat, in welchem das Geld seine letzten Siege
feiert und sein Erbe, der Cäsarismus, leise und unaufhaltsam naht, ist
damit in einem eng umschriebenen Kreise die Richtung des Wollens und
Müssens gegeben, ohne das es sich nicht zu leben lohnt. Wir haben nicht
die Freiheit, dies oder jenes zu erreichen, aber die, das Notwendige
zu tun oder nichts. Und eine Aufgabe, welche die Notwendigkeit der
Geschichte gestellt hat, +wird+ gelöst, mit dem einzelnen oder
gegen ihn.
+Ducunt fata volentem, nolentem trahunt.+
+Ende.+
[663] S. 7.
[664] S. 11 f.
[665] S. 28.
[666] S. 27.
[667] S. 327.
[668] S. 160.
[669] S. 27 ff. 326 ff.
[670] S. 329.
[671] Die „Richtigkeit“ physikalischer Kenntnisse, d. h. ihre bis
zum Augenblick durch keine Erscheinung widerlegte Anwendbarkeit
+als „Deutung“+, ist ganz unabhängig von ihrem technischen Werte.
Eine sicherlich falsche und in sich widerspruchsvolle Theorie kann
für die Praxis wertvoller sein als eine „richtige“ und tiefe, und
die Physik hütet sich längst, die Worte falsch und richtig im
populären Sinne überhaupt auf ihre Bilder statt auf die bloßen
Formeln anzuwenden.
[672] Was Diels, „Antike Technik“, zusammengetragen hat, ist ein
umfangreiches Nichts. Zieht man ab, was noch der babylonischen
Zivilisation angehört wie die Sonnen- und Wasseruhren, oder schon
der arabischen Frühzeit wie die Chemie und die Wunderuhr von
Gaza, oder was in jeder andren Kultur durch seine bloße Anführung
beleidigen würde wie die Arten der Türverschlüsse, so bleibt kein
Rest.
[673] Die chinesische Kultur hat fast alle abendländischen
Erfindungen auch gemacht -- darunter Kompaß, Fernrohr, Buchdruck,
Schießpulver, Papier, Porzellan -- aber der Chinese schmeichelt der
Natur etwas ab, er vergewaltigt sie nicht. Er empfindet wohl den
Vorteil seines Wissens und macht Gebrauch davon, aber er stürzt
sich nicht darauf, um es auszubeuten.
[674] S. 370.
[675] Es ist derselbe Geist, der den Geschäftsbegriff der Juden,
Parsen, Armenier, Griechen, Araber von dem der abendländischen
Völker unterscheidet.