Es geht ein Verzweiflungskampf durch die Wirtschaftsgeschichte jeder

Kultur, den die im Boden wurzelnde Tradition einer Rasse, ihre

+Seele+, gegen den Geist des Geldes führt. Die Bauernkriege zu

Beginn einer Spätzeit -- in der Antike 700-500, bei uns 1450-1650,

in Ägypten am Ausgang des Alten Reiches -- sind die erste Auflehnung

des Blutes gegen das Geld, das von den mächtig werdenden Städten her

seine Hand nach dem Boden ausstreckt.[632] Die Warnung des Freiherrn

vom Stein: „Wer den Boden mobilisiert, löst ihn in Staub auf,“ deutet

auf eine Gefahr +jeder+ Kultur; kann das Geld den Besitz nicht

angreifen, so dringt es in das bäuerliche und adlige Denken selbst

ein; der ererbte, mit dem Geschlecht verwachsene Besitz erscheint dann

als Vermögen, das in Grund und Boden nur angelegt und an und für sich

beweglich ist.[633] Das Geld erstrebt die Mobilisierung +aller+

Dinge. Weltwirtschaft ist die zur Tatsache gewordene Wirtschaft in

abstrakten, vom Boden völlig fortgedachten, verflüssigten Werten.[634]

Das antike Gelddenken hat seit den Tagen Hannibals ganze Städte in

Münze, ganze Völkerschaften in Sklaven verwandelt und damit in Geld,

das sich von allen Seiten nach Rom bewegt, um dort als Macht zu

wirken. Das faustische Gelddenken „erschließt“ ganze Kontinente, die

Wasserkräfte riesenhafter Stromgebiete, die Muskelkraft der Bevölkerung

weiter Landschaften, Kohlenlager, Urwälder, Naturgesetze und wandelt

sie in finanzielle Energie um, die irgendwo in Gestalt der Presse,

der Wahlen, der Budgets und Heere angesetzt wird, um Herrscherpläne

zu verwirklichen. Immer neue Werte werden aus dem geschäftlich noch

indifferenten Weltbestand abgezogen, „des Goldes schlummernde Geister“,

wie John Gabriel Borkman sagt; was die Dinge abgesehen davon noch sind,

kommt wirtschaftlich nicht in Betracht.

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Jede Kultur besitzt, wie ihre eigne Art in Geld zu denken, so auch

ihr eignes Symbol des Geldes, durch das sie ihr Prinzip der Wertung

im Wirtschaftsbilde sichtbar zum Ausdruck bringt. Dies Etwas, eine

Versinnlichung des Gedachten, steht den für Ohr und Auge gesprochnen,

geschriebenen, gezeichneten Ziffern, Figuren und andern Symbolen der

Mathematik an Bedeutung völlig gleich, ein tiefes und reiches Gebiet,

das noch fast unerforscht daliegt. Nicht einmal die Grundfragen sind

richtig gestellt worden. Es ist deshalb heute noch ganz unmöglich,

die Geldidee zu umschreiben, welche dem ägyptischen Naturalien-

und Geldgiroverkehr, dem babylonischen Bankwesen, der chinesischen

Buchführung und dem Kapitalismus der Juden, Parsen, Griechen,

Araber seit Harun al Raschid zugrunde liegt. Möglich ist nur eine

Gegenüberstellung des apollinischen und faustischen Geldes: des

+Geldes als Größe+ und des +Geldes als Funktion+.[635]

Dem antiken Menschen erscheint auch wirtschaftlich die Umwelt als Summe

von Körpern, die ihren Ort wechseln, wandern, sich drängen, stoßen,

vernichten, so wie es Demokrit von der Natur beschreibt. Der Mensch ist

Körper unter Körpern. Die Polis ist als Summe davon ein Körper höherer

Ordnung. Der gesamte Lebensbedarf besteht aus körperlichen Größen.

Also stellt auch ein Körper das Geld dar, so wie eine Apollostatue die

Gottheit darstellt. Um 650 ist, gleichzeitig mit dem Steinkörper des

dorischen Tempels und der allseitig frei durchgebildeten Statue auch

die +Münze+ entstanden, ein Metallgewicht von schön geprägter

Form. Der +Wert als Größe+ war längst vorhanden und ist so alt

wie diese Kultur überhaupt. Bei Homer wird unter Talent eine kleine

Menge goldener Geräte und Schmucksachen von bestimmtem Gesamtgewicht

verstanden. Auf dem Schilde des Achill sind „zwei Talente“ abgebildet,

und noch zur Römerzeit war die Gewichtsangabe auf Silber- und

Goldgefäßen allgemein üblich.[636]

Die Erfindung des klassisch geformten Geldkörpers aber ist so

außerordentlich, daß wir seine tiefe, rein antike Bedeutung noch

gar nicht begriffen haben. Wir halten ihn für eine jener berühmten

„Errungenschaften der Menschheit“. Allenthalben werden seitdem Münzen

geprägt, so wie überall Statuen auf Straßen und Plätzen herumstehen.

Soweit reicht unsere Macht. Wir können die Gestalt nachahmen, aber

ihr die gleiche wirtschaftliche Bedeutung geben können wir nicht. Die

Münze +als Geld+ ist eine rein antike Erscheinung und nur in

einer ganz euklidisch gedachten Umgebung möglich; hier hat sie aber

auch das gesamte Wirtschaftsleben gestaltend beherrscht. Begriffe wie

Einkommen, Vermögen, Schuld, Kapital bedeuten in antiken Städten etwas

ganz anderes als bei uns, weil nicht wirtschaftliche Energie damit

gemeint ist, die von einem Punkte ausstrahlt, sondern eine Summe von

Wertgegenständen, die sich in einer Hand befinden. Vermögen ist immer

ein beweglicher +Barvorrat+, der durch Addition und Subtraktion

von Wertsachen verändert wird und mit Grundbesitz gar nichts zu tun

hat. Beide sind im antiken Denken völlig getrennt. Kredit besteht

im Leihen von Bargeld in der Erwartung, daß es als solches wieder

zurückgegeben werden kann. Katilina war arm, weil er trotz seiner

großen Güter[637] niemand fand, der ihm zu politischen Zwecken Bargeld

anvertraute, und die ungeheuren Schulden römischer Politiker[638]

haben nicht einen entsprechenden Grundbesitz zur Unterlage, sondern

die bestimmte Aussicht auf eine Provinz, deren bewegliche Sachwerte

ausgebeutet werden konnten.[639] Erst das Denken in +körperlichem+

Geld macht eine Reihe von Erscheinungen begreiflich: die

Massenhinrichtung von Reichen unter der zweiten Tyrannis und die

römischen Proskriptionen, um einen größeren Teil der umlaufenden

Bargeldmasse in die Hand zu bekommen, das Einschmelzen der delphischen

Tempelschätze durch die Phokier im heiligen Kriege, der Kunstschätze

von Korinth durch Mummius, der letzten römischen Weihgeschenke durch

Cäsar, der griechischen durch Sulla, der kleinasiatischen durch Brutus

und Cassius, ohne Rücksicht auf den Kunstwert, weil man die edlen

Stoffe, Metalle und Elfenbein, brauchte.[640] Was bei den Triumphen an

Statuen und Gefäßen aufgeführt wurde, war in den Augen der Zuschauer

bares Geld, und Mommsen konnte den Versuch machen,[641] den Ort der

Varusschlacht nach Münzfunden zu bestimmen, weil der römische Veteran

sein ganzes Vermögen in Edelmetall auf dem Körper trug. Antiker

Reichtum ist kein Guthaben, sondern ein Geldhaufen; ein antiker

Geldplatz ist nicht ein Mittelpunkt des Kredits wie die heutigen

Börsenplätze und das ägyptische Theben, sondern eine Stadt, in welcher

sich ein erheblicher Teil des Bargeldbestandes der Welt gesammelt hat.

Man darf annehmen, daß zur Zeit Cäsars weit über die Hälfte des antiken

Goldes sich jederzeit in Rom befand.

Aber als diese Welt in das Zeitalter der unbedingten Geldherrschaft

getreten war, etwa seit Hannibal, reichte die natürlich begrenzte Masse

von Edelmetall und stofflich wertvollen Kunstwerken innerhalb ihres

Machtgebiets bei weitem nicht mehr aus, um den Bedarf an Barmitteln zu

decken, und es entstand ein wahrer Heißhunger nach neuen geldfähigen

Körpern. Da fiel der Blick auf den Sklaven, der eine andere Art von

Körper, aber nicht Person, sondern Sache war[642] und deshalb als

Geld gedacht werden konnte. Erst von da an wird der antike Sklave

etwas Einzigartiges in der gesamten Wirtschaftsgeschichte. Die

Eigenschaften der Münze haben sich auf lebendige Objekte ausgedehnt,

und damit tritt neben den Metallbestand der durch die Plünderungen

von Statthaltern und Steuerpächtern wirtschaftlich „erschlossenen“

Gebiete deren Menschenbestand. Es entwickelt sich eine bizarre Art

von Doppelwährung. Der Sklave hat einen Kurs, was vom Grund und Boden

nicht gilt. Er dient zur Anhäufung großer Barvermögen, und erst infolge

davon erscheinen jene ungeheuren Sklavenmassen der Römerzeit, die aus

einem andern Bedarf gar nicht zu erklären sind. Solange man nur soviel

Sklaven hielt, als man gewerblich brauchte, war ihre Zahl gering und

aus Kriegsbeute und Schuldknechtschaft leicht zu decken.[643] Erst

im sechsten Jahrhundert hat Chios mit der Einfuhr gekaufter Sklaven

(Argyroneten) den Anfang gemacht. Ihr Unterschied gegen die viel

zahlreicheren Lohnarbeiter war zunächst politisch-rechtlicher und nicht

wirtschaftlicher Natur. Da die antike Wirtschaft statisch und nicht

dynamisch ist und die planmäßige Erschließung von Energiequellen nicht

kennt, so waren die Sklaven der Römerzeit nicht da, um ausgebeutet zu

werden, sondern sie wurden beschäftigt, so gut es ging, um in möglichst

großer Zahl gehalten werden zu können. Man bevorzugte Prunksklaven,

die sich auf irgend etwas verstanden, weil sie bei gleichem Unterhalt

einen höheren Wert darstellten; man vermietete sie, wie man bares

Geld auslieh; man ließ sie Geschäfte auf eigene Rechnung treiben, so

daß sie reich werden konnten;[644] man unterbot mit ihnen die freie

Arbeit, alles nur, um wenigstens die Erhaltungskosten dieses Kapitals

zu decken.[645] Die Mehrzahl konnte gar nicht voll beschäftigt

werden. Sie erfüllten ihren Zweck, indem sie einfach da waren, als

ein Geldvorrat, den man zur Hand hatte und dessen Umfang nicht an

die natürlichen Grenzen der damals vorhandenen Goldmenge gebunden

war. Und damit stieg allerdings der Sklavenbedarf ins Ungemessene und

führte über Kriege, die nur der Sklavenbeute wegen unternommen wurden,

hinaus zu Sklavenjagden von Privatunternehmern längs aller Küsten des

Mittelmeeres, die von Rom geduldet wurden, und zu einer neuen Art,

Vermögen zu machen, indem man als Statthalter die Bevölkerung ganzer

Landstriche aussog und dann in die Schuldknechtschaft verkaufte. Auf

dem Markt von Delos sollen an einem Tage zehntausend Sklaven verkauft

worden sein. Als Cäsar nach Britannien ging, wurde die Enttäuschung

in Rom über die Goldarmut des Volkes durch die Aussicht auf reiche

Sklavenbeute aufgewogen. Für antikes Denken war es ein und dieselbe

Operation, wenn etwa bei der Zerstörung von Korinth die Statuen

ausgemünzt und die Einwohner auf den Sklavenmarkt gebracht wurden: in

beiden Fällen hatte man körperliche Gegenstände in Geld verwandelt.

Den äußersten Gegensatz dazu bildet das Symbol des faustischen

Geldes, des Geldes als Funktion, als Kraft, dessen Wert in seiner

Wirkung, nicht in seinem bloßen Dasein liegt. Der neue Stil dieses

Wirtschaftsdenkens erscheint schon in der Art, wie die Normannen

um 1000 ihre Beute an Land und Leuten +zu einer wirtschaftlichen

Macht organisierten+.[646] Man vergleiche den reinen Buchwert im

Rechnungswesen ihrer Herzöge, aus dem die Worte Scheck, Konto und

Kontrolle stammen,[647] mit den gleichzeitigen „Talenten Goldes“

der Ilias, und man erhält gleich am Anfang den Begriff des modernen

Kredits, der aus dem Vertrauen auf die Kraft und Dauer einer

Wirtschaftsführung hervorgeht und mit der Idee unseres Geldes beinahe

identisch ist. Diese durch Roger II. auf das sizilische Normannenreich

übertragene Finanzmethode hat der Hohenstaufe Friedrich II. um 1230

zu einem gewaltigen System ausgebaut, das in seiner Dynamik weit über

das Vorbild hinausging und ihn „zur ersten Kapitalkraft der Welt“[648]

machte. Und während diese Verschwisterung von mathematischer Denkkraft

und königlichem Machtwillen von der Normandie nach Frankreich eindrang

und 1066 auf das erbeutete England in großartigem Maßstabe angewandt

wurde -- der englische Boden ist heute noch dem Namen nach königliche

Domäne --, wurde sie in Sizilien von den italienischen Städterepubliken

nachgeahmt, deren regierende Patrizier sie bald vom Gemeindehaushalt

auf ihre eignen Handelsbücher und damit auf das kaufmännische Denken

und Rechnen der ganzen abendländischen Welt übertrugen. Wenig

später wurde die sizilische Praxis auch vom Deutschritterorden und

der aragonischen Dynastie übernommen, worauf sich vielleicht das

mustergültige Rechnungswesen Spaniens unter Philipp II. und Preußens

unter Friedrich Wilhelm I. zurückführen läßt.

Entscheidend aber wurde, „gleichzeitig“ mit der Erfindung der antiken

Münze um 650, die der doppelten Buchführung durch Fra Luca Pacioli

(1494). „Es ist eine der schönsten Erfindungen des menschlichen

Geistes“, heißt es in Goethes Wilhelm Meister. In der Tat darf sich

ihr Urheber seinen Zeitgenossen Kolumbus und Kopernikus ohne Scheu

zur Seite stellen. Den Normannen verdanken wir die Kontenrechnung,

den Lombarden diese Buchführung. Es sind die germanischen Stämme,

welche die +beiden+ verheißungsvollsten Rechtswerke der frühen

Gotik geschaffen haben[649] und von deren Sehnsucht nach fernen Meeren

die +beiden+ Entdeckungen Amerikas ihren Anstoß erhielten. „Die

doppelte Buchhaltung ist aus demselben Geiste geboren wie die Systeme

Galileis und Newtons .... Mit denselben Mitteln wie diese ordnet sie

die Erscheinungen zu einem kunstvollen System, und man kann sie als

den ersten auf dem Grundsatz des mechanischen Denkens aufgebauten

Kosmos bezeichnen. Die doppelte Buchhaltung erschließt uns den Kosmos

der wirtschaftlichen Welt nach derselben Methode, wie später die

großen Naturforscher den Kosmos der Sternenwelt .... Die doppelte

Buchhaltung ruht auf dem folgerichtig durchgeführten Grundgedanken,

alle Erscheinungen nur als Quantitäten zu erfassen.“[650]

+Die doppelte Buchführung ist eine reine Analysis des Wertraums,

bezogen auf ein Koordinatensystem, dessen Anfangspunkt „die

Firma“ ist.+ Die antike Münze hatte nur ein arithmetisches

Rechnen mit Wert+größen+ gestattet. Wiederum stehen sich

Pythagoras und Descartes gegenüber. Man darf von der Integration

eines Unternehmens sprechen, und die graphische Kurve ist in der

Wirtschaft wie der Wissenschaft das gleiche optische Hilfsmittel.

Die antike Wirtschaftswelt gliedert sich wie der Kosmos Demokrits

nach +Stoff und Form+. Ein Stoff in der Form der Münze ist

Träger der wirtschaftlichen Bewegung und drängt die Bedarfsgrößen

von gleichem Wertquantum an den Ort ihrer Verwendung. +Unsere+

Wirtschaftswelt gliedert sich nach +Kraft und Masse+. Ein

Kraftfeld von Geldspannungen liegt im Raume und erteilt jedem Objekt,

unter Absehen von dessen besonderer Art, einen positiven oder negativen

Wirkungswert,[651] der durch einen Bucheintrag dargestellt wird.

„_Quod non est in libris, non est in mundo._“ Aber das Sinnbild

des hier gedachten funktionalen Geldes, das was +allein+ mit

der antiken Münze verglichen werden darf, ist nicht der Buchvermerk

und auch nicht der Wechsel, Scheck oder die Banknote, +sondern der

Akt, durch welchen die Funktion schriftlich vollzogen wird+ und

als dessen bloßes +geschichtliches Zeugnis+ das Wertpapier im

weitesten Sinne zu gelten hat.

Aber daneben hat das Abendland in starrer Bewunderung der Antike Münzen

geprägt, nicht nur als Hoheitszeichen, sondern in dem Glauben, daß das

bewiesenes Geld sei, dem Wirtschaftsdenken wirklich entsprechendes

Geld. Ganz ebenso ist schon in gotischer Zeit das römische Recht

übernommen worden mit seiner Gleichsetzung von Sache und körperlicher

Größe, und die euklidische Mathematik, die auf dem Begriff der Zahl

als Größe aufgebaut war. So kam es, daß die Entwicklung dieser drei

geistigen Formenwelten sich nicht wie die der faustischen Musik in

rein aufblühender Entfaltung vollzog, sondern in Gestalt +einer

fortschreitenden Emanzipation vom Größenbegriff+. Die Mathematik

ist bereits mit dem Ausgang des Barock zum Ziele gelangt.[652] Die

Rechtswissenschaft hat ihre eigentliche Aufgabe bis jetzt noch nicht

einmal erkannt,[653] aber sie ist diesem Jahrhundert gestellt und

zwar fordert sie, was für den römischen Juristen selbstverständlich

war, die innere Kongruenz von Wirtschaftsdenken und Rechtsdenken

und die gleiche Vertrautheit mit beiden. Der durch die Münze

symbolisierte Geldbegriff deckt sich vollkommen mit dem Geist des

antiken Sachenrechts; für uns ist das nicht im entferntesten der

Fall. Unser gesamtes Leben ist dynamisch angelegt, nicht statisch und

stoisch; deshalb sind Kräfte, Leistungen, Beziehungen, Fähigkeiten

-- Organisationstalent, Erfindergeist, Kredit, Ideen, Methoden,

Energiequellen -- das wesentliche, und nicht das bloße Dasein

körperlicher Sachen. Das „römische“ Sachdenken unsrer Juristen ist

deshalb ebenso lebensfremd wie eine Geldtheorie, die bewußt oder

unbewußt vom Geldstück ausgeht. Der gewaltige Münzbestand, der in

Nachahmung der Antike bis zum Ausbruch des Weltkriegs stets vermehrt

worden ist, hat sich zwar eine Rolle abseits vom Wege geschaffen,

aber mit der inneren Form der modernen Wirtschaft, ihren Aufgaben und

Zielen hat er +nichts+ zu tun, und sollte er infolge des Krieges

endgültig aus dem Verkehr verschwinden, so würde damit nichts verändert

sein.[654]

Unglücklicherweise entstand die moderne Nationalökonomie im Zeitalter

des Klassizismus, wo nicht nur Statuen, Vasen und steife Dramen als

die allein wahre Kunst galten, sondern auch schön geprägte Münzen als

das allein wahre Geld. Was Wedgwood seit 1768 mit seinen zartgetönten

Reliefs und Tassen, das erstrebte im Grunde Adam Smith eben damals

mit seiner Werttheorie: die reine Gegenwart greifbarer Größen. Denn

es entspricht durchaus der Verwechslung von Geld und Geldstück, wenn

der Wert einer Sache an der Größe einer Arbeitsmenge gemessen wird.

Da ist „Arbeit“ nicht mehr ein +Wirken+ innerhalb einer Welt von

Wirkungen, +das Arbeiten+, das dem inneren Range, der Intensität

und der Tragweite nach unendlich verschieden ist, in immer weiteren

Kreisen fortwirkt und wie ein elektrisches Kraftfeld gemessen, aber

nicht abgegrenzt werden kann, sondern das ganz stofflich vorgestellte

+Resultat davon+, +das Gearbeitete+, ein greifbares Etwas, an

dem nichts bemerkenswert erscheint als eben der Umfang.

Aber die Wirtschaft der europäisch-amerikanischen Zivilisation ist

ganz im Gegenteil auf einer Arbeit aufgebaut, die einzig durch ihren

inneren Rang gekennzeichnet ist, mehr als jemals in China und Ägypten,

um von der Antike zu schweigen. Wir leben nicht umsonst in einer

Welt wirtschaftlicher Dynamik: die Arbeit der Einzelnen wird nicht

euklidisch addiert, sondern steht in funktionaler Beziehung zueinander.

Die lediglich +ausführende+ Arbeit, von der Marx allein Kenntnis

nimmt, ist nichts als die Funktion einer erfindenden, anordnenden,

organisierenden Arbeit, die der andern erst Sinn, relativen Wert

und die Möglichkeit gibt, überhaupt getan zu werden. Die ganze

Weltwirtschaft seit Erfindung der Dampfmaschine ist die Schöpfung einer

ganz kleinen Zahl überlegener Köpfe, ohne deren hochwertige Arbeit

alles andere nicht da wäre, aber diese Leistung ist schöpferisches

Denken und kein „Quantum“[655], und ihr Gegenwert besteht also

auch nicht in einer Anzahl von Geldstücken, sondern sie +ist+

Geld, faustisches Geld nämlich, das nicht geprägt, sondern +als

Wirkungszentrum gedacht+ wird aus einem Leben heraus, dessen innerer

Rang den Gedanken zur Bedeutung einer Tatsache erhebt. +Denken in

Geld erzeugt Geld+: das ist das Geheimnis der Weltwirtschaft. Wenn

ein Organisator großen Stils eine Million auf ein Papier schreibt,

so ist sie da, denn seine Persönlichkeit als Wirtschaftszentrum

bürgt für eine entsprechende Erhöhung der Wirtschaftsenergie seines

Gebietes. Das und nichts anderes bedeutet für uns das Wort Kredit.

Aber alle Goldstücke der Welt würden nicht ausreichen, der Tätigkeit

des Handarbeiters einen Sinn und damit Geldwert zu geben, wenn mit

der berühmten „Expropriation der Expropriateure“ die überlegenen

Fähigkeiten aus ihren Schöpfungen beseitigt und diese damit entseelt,

willenlos, zu leeren Gehäusen würden. Darin ist Marx Klassizist

wie Adam Smith und ein echtes Produkt des römischen Rechtsdenkens:

er sieht nur die fertige Größe, nicht die Funktion. Er möchte die

Produktionsmittel von denen trennen, deren Geist durch Erfindung von

Methoden, Organisation von leistungsfähigen Betrieben, Eroberung von

Absatzgebieten aus einem Haufen Stahl und Mauerwerk erst eine Fabrik

macht, und die ausbleiben, wenn ihre Kraft keinen Spielraum findet.[656]

Wer eine Theorie der modernen Arbeit geben will, der denke an

diesen Grundzug alles Lebens; es gibt Subjekte und Objekte jeder

Art von Lebensführung, und der Unterschied ist um so ausgeprägter,

je bedeutender, je formvoller das Leben ist. Jeder Strom von Dasein

besteht aus einer Minderheit von Führern und einer gewaltigen Mehrheit

von Geführten, +jede Art von Wirtschaft also aus Führerarbeit und

ausführender Arbeit+. Aus der Froschperspektive von Marx und den

sozialethischen Ideologen überhaupt wird nur die letzte, kleine,

massenhafte sichtbar, aber sie ist nur vermöge der ersten da, und der

Geist dieser Welt von Arbeit kann nur von den höchsten Möglichkeiten

aus erfaßt werden. Der Erfinder der Dampfmaschine ist maßgebend, nicht

der Heizer. Auf das +Denken+ kommt es an.

Und ebenso gibt es Subjekte und Objekte des Denkens in Geld: solche,

die es kraft ihrer Persönlichkeit erzeugen und lenken und solche, die

von ihm erhalten werden. Das Geld faustischen Stils ist die aus der

Wirtschaftsdynamik faustischen Stils abgezogene +Kraft+, und es

gehört zum Schicksal des Einzelnen -- zur Wirtschaftsseite seines

Lebensschicksals --, ob er durch den inneren Rang seiner Persönlichkeit

einen Teil dieser Kraft darstellt oder ihr gegenüber nichts als Masse

ist.

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Das Wort Kapital bezeichnet den Mittelpunkt dieses Denkens, nicht den

Inbegriff der Werte, sondern das, was sie als solche +in Bewegung

hält+. Kapitalismus gibt es erst mit dem weltstädtischen Dasein

einer Zivilisation, und er beschränkt sich auf den ganz kleinen Kreis

derer, welche dies Dasein durch ihre Person und Intelligenz darstellen.

Der Gegensatz dazu ist Provinzwirtschaft. Erst die unbedingte

Herrschaft der Geldmünze über das antike Leben, auch dessen politische

Seite, erzeugt das statische Kapital, die ἀφορμή, den „Ausgangspunkt“,

der durch sein Vorhandensein immer neue Massen von Dingen mit einer Art

von Magnetismus an sich zieht. Erst die Herrschaft der Buchwerte, deren

abstraktes System durch die doppelte Buchführung von der Persönlichkeit

gleichsam abgelöst ist und mit eigener innerer Dynamik fortarbeitet,

hat das moderne Kapital hervorgebracht, dessen Kraftfeld die Erde

umspannt.[657]

Unter der Einwirkung des antiken Kapitals nimmt das Wirtschaftsleben

die Form eines Goldstroms an, der von den Provinzen nach Rom und

zurück fließt und der immer neue Gebiete sucht, deren Bestände an

verarbeitetem Gold noch nicht „erschlossen“ sind. Brutus und Cassius

führten das Gold der kleinasiatischen Tempel in langen Maultierkolonnen

auf das Schlachtfeld von Philippi -- man begreift, was für eine

Wirtschaftsoperation die Plünderung eines Lagers nach der Schlacht

sein konnte -- und schon C. Gracchus wies darauf hin, daß die mit Wein

gefüllten Amphoren, die von Rom in die Provinzen gingen, mit Gold

gefüllt zurückkehrten. Dieser Zug nach dem Goldbesitz fremder Völker

entspricht durchaus dem heutigen Zug zur Kohle, die im tieferen Sinn

keine „Sache“, sondern ein Schatz von Energie ist.

Es entspricht aber auch dem antiken Hang zur Nähe und Gegenwart,

wenn zum Ideal der Polis das +Wirtschaftsideal der Autarkeia+

tritt. Der politischen Atomisierung der antiken Welt sollte die

wirtschaftliche entsprechen. Jede dieser winzigen Lebenseinheiten

wollte einen eignen und ganz in sich geschlossenen Wirtschaftsstrom

haben, der unabhängig von allen andern und zwar +in Sehweite+

kreiste. Den äußersten Gegensatz dazu bildet der abendländische

Begriff der +Firma+, ein ganz unpersönlich und unkörperlich

gedachtes Kraftzentrum, dessen Wirkung nach allen Seiten ins

Unendliche ausstrahlt und das der „Inhaber“ durch seine Fähigkeit,

in Geld zu denken, nicht darstellt, sondern wie einen kleinen Kosmos

+besitzt+ und +leitet+, das heißt in seiner Gewalt hat.

Diese Zweiheit von Firma und Inhaber wäre dem antiken Denken gänzlich

unvorstellbar gewesen.[658]

Der Untergang des Abendlandes, Zweiter Band · 第 58 / 62 段