Wer auf bloße Wirtschaftsvorteile aus ist wie zur Römerzeit die

Karthager und heute in noch viel höherem Grade die Amerikaner, der

vermag auch nicht rein politisch zu +denken+. Er wird bei den

Entscheidungen der hohen Politik immer ausgenützt und betrogen

sein, wie das Beispiel Wilsons zeigt, zumal wenn der Mangel an

staatsmännischem Instinkt durch moralische Stimmungen ersetzt ist.

Deshalb häufen die großen Wirtschaftsverbände der Gegenwart wie

Unternehmertum und Arbeiterschaft einen politischen Mißerfolg auf

den andern, wenn sie nicht einen echten Politiker als Führer finden,

der -- sich ihrer bedient. Wirtschaftliches und politisches Denken

sind bei hoher Übereinstimmung der Form in der Richtung und damit in

allen taktischen Einzelheiten grundverschieden. Große geschäftliche

Erfolge[604] wecken ein schrankenloses Gefühl von +öffentlicher+

Macht. Man wird diesen Unterton im Worte „Kapital“ nicht verkennen.

Aber nur bei einzelnen ändert sich damit Farbe und Richtung ihres

Wollens und ihr Maßstab für die Lagen und Dinge. Erst wenn man wirklich

aufgehört hat, sein Unternehmen als Privatsache zu empfinden und als

dessen Ziel die bloße Anhäufung von Besitz, besteht die Möglichkeit,

aus einem Unternehmer ein Staatsmann zu werden. Das war der Fall von

Cecil Rhodes. Aber umgekehrt besteht für Menschen der politischen

Welt die Gefahr, daß ihr Wollen und Denken von geschichtlichen

Aufgaben zur bloßen Sorge für die private Lebenshaltung herabsinkt.

Dann wird aus dem Adel ein Raubrittertum; es erscheinen die bekannten

Fürsten, Minister, Volksmänner und Revolutionshelden, deren Eifer

sich in einem Schlaraffenleben und dem Sammeln gewaltiger Reichtümer

erschöpft -- zwischen Versailles und dem Jakobinerklub, Unternehmern

und Arbeiterführern, russischen Gouverneuren und Bolschewisten besteht

da kaum ein Unterschied --, und in der reifgewordenen Demokratie ist

die Politik der „Arrivierten“ nicht nur mit Geschäft, sondern mit den

schmutzigsten Arten großstädtischer Spekulationsgeschäfte identisch.

Gerade darin aber offenbart sich der geheime Gang einer hohen Kultur.

Am Anfang erscheinen die Urstände Adel und Priestertum mit ihrer

Symbolik von Zeit und Raum. Damit haben, in einer wohlgeordneten

Gesellschaft,[605] das politische Leben wie das religiöse Erleben

ihren festen Platz, ihre berufenen Träger und ihre für Tatsachen wie

für Wahrheiten schlechthin gegebenen Ziele, und in der Tiefe bewegt

sich das Wirtschaftsleben in einer unbewußten sicheren Bahn. Der Strom

des Daseins verfängt sich im steinernen Gehäuse der Stadt und von

hier aus übernehmen Geld und Geist die geschichtliche Führung. Das

Heldenhafte und Heilige mit der sinnbildlichen Wucht ihrer frühen

Erscheinung werden selten und ziehen sich in enge Kreise zurück. Eine

kühle bürgerliche Klarheit tritt an ihre Stelle. Im Grunde erfordern

ein Systemabschluß und ein Geschäftsabschluß ein und dieselbe Art von

fachmännischer Intelligenz. Durch den symbolischen Rang kaum noch

getrennt dringen politisches und wirtschaftliches Leben, religiöse und

wissenschaftliche Erkenntnis aufeinander ein, berühren und mischen

sich. Der Strom des Daseins verliert die strenge und reiche Form im

Treiben der großen Städte. Elementare Wirtschaftszüge treten an die

Oberfläche und treiben mit den Resten formvoller Politik ihr Spiel, wie

gleichzeitig die souveräne Wissenschaft die Religion unter ihre Objekte

aufnimmt. Ueber ein Leben von wirtschaftspolitischem Selbstgenügen

breitet sich eine kritisch-erbauliche Weltstimmung. Aber aus ihm treten

endlich an Stelle der zerfallenen Stände einzelne Lebensläufe von

echt politischer und religiöser Gewalt hervor, die für das Ganze zum

Schicksal werden.

Daraus ergibt sich die Morphologie der Wirtschaftsgeschichte. Es gibt

eine +Urwirtschaft+ „des“ Menschen, die ebenso wie die der Pflanze

und des Tiers ihre Form in biologischen Zeiträumen[606] verändert.

Sie beherrscht das primitive Zeitalter vollkommen und bewegt sich

zwischen und in den hohen Kulturen ohne erkennbare Regel unendlich

langsam und verworren fort. Tiere und Pflanzen werden herangezogen

und durch Zähmung, Züchtung, Veredlung, Aussaat umgeschaffen, das

Feuer und die Metalle ausgenützt, die Eigenschaften der unlebendigen

Natur durch technische Verfahren in den Dienst der Lebenshaltung

gestellt. Alles das ist durchdrungen von politisch-religiöser Sitte und

Bedeutung, ohne daß _totem_ und _tabu_, Hunger, Seelenangst,

Geschlechtsliebe, Kunst, Krieg, Opferbrauch, Glaube und Erfahrung

deutlich zu trennen wären.

Etwas ganz anderes nach Begriff und Entwicklung ist die strenggeformte

und in Tempo und Dauer scharf begrenzte +Wirtschaftsgeschichte

der hohen Kulturen+, von denen jede einzelne einen eignen

Wirtschaftsstil besitzt. Zum Lehnswesen gehört die Wirtschaft des

stadtlosen Landes. Mit dem von Städten aus regierten Staat erscheint

die Stadtwirtschaft des Geldes, die sich mit dem Anbruch jeder

Zivilisation zur Diktatur des Geldes erhebt, gleichzeitig mit dem Sieg

der weltstädtischen Demokratie. Jede Kultur besitzt ihre selbständig

entwickelte Formenwelt. Das körperhafte Geld apollinischen Stils --

die geprägte Münze -- steht dem faustisch-dynamischen Beziehungsgelde

-- der Buchung von Krediteinheiten -- ebenso fern wie die Polis dem

Staate Karls V. Aber das wirtschaftliche Leben bildet sich ganz wie das

gesellschaftliche zu einer Pyramide aus.[607] Im dörflichen Untergrunde

hält sich eine völlig primitive, kaum von der Kultur berührte Lage.

Die späte Stadtwirtschaft, bereits das Tun einer entschiedenen

Minderheit, sieht beständig auf eine frühzeitliche Landwirtschaft

herab, die rings umher ihr Wesen weiter treibt und voll Argwohn und

Haß auf den durchgeistigten Stil innerhalb der Mauern blickt. Zuletzt

führt die Weltstadt eine -- zivilisierte -- Weltwirtschaft herauf,

die von ganz engen Kreisen weniger Mittelpunkte ausstrahlt und den

Rest als Provinzwirtschaft sich unterwirft, während in entlegenen

Landschaften oft noch durchaus die primitive -- „patriarchalische“ --

Sitte herrscht. Mit dem Wachstum der Städte wird die Lebenshaltung

immer künstlicher, feiner, verwickelter. Der Großstadtarbeiter im

cäsarischen Rom, im Bagdad Harun al Raschids und im heutigen Berlin

empfindet vieles als selbstverständlich, was dem reichen Bauern fern im

Lande als wahnwitziger Luxus erscheint, aber dieses Selbstverständliche

ist schwer zu erreichen und schwer zu behaupten; das Arbeitsquantum

aller Kulturen wächst in ungeheurem Maße, und so entwickelt sich am

Anfang jeder Zivilisation eine Intensität des Wirtschaftslebens, die

in ihrer Spannung übertrieben und stets gefährdet ist und nirgends

lange aufrecht erhalten werden kann. Zuletzt bildet sich ein starrer

und dauerhafter Zustand heraus mit einem seltsamen Gemisch raffiniert

durchgeistigter und ganz primitiver Züge, wie ihn die Griechen in

Ägypten und wir im heutigen Indien und China kennen lernen, wenn

er nicht vor dem unterirdischen Nachdrängen einer jungen Kultur

dahinschwindet wie der antike zur Zeit Diokletians.

Dieser Wirtschaftsbewegung gegenüber sind die Menschen als

Wirtschafts+klasse+ in Form, wie sie es der Weltgeschichte

gegenüber als politischer +Stand+ sind. Jeder einzelne hat eine

wirtschaftliche Stellung +innerhalb der ökonomischen Gliederung+

so, wie er irgend einen Rang innerhalb der +Gesellschaft+

einnimmt. Beide Arten von Zugehörigkeit nehmen gleichzeitig sein

Fühlen, Denken und Sichverhalten in Anspruch. Ein Leben will da sein

und darüber hinaus noch etwas bedeuten; und die Verwirrung unserer

Begriffe ist endlich noch dadurch gesteigert worden, daß politische

Parteien, heute wie in hellenistischer Zeit, gewisse wirtschaftliche

Gruppen, deren Lebenshaltung sie glücklicher gestalten wollten, durch

Erhebung in einen politischen Stand gewissermaßen adelten, wie es Marx

mit der Klasse der Fabrikarbeiter getan hat.

Denn der erste und echte Stand ist der Adel. Von ihm leitet sich der

Offizier und Richter ab und alles, was zu den hohen Regierungs- und

Verwaltungsämtern gehört. Es sind standesartige Gebilde, die etwas

+bedeuten+. Ebenso gehört zum Priestertum die Gelehrtenschaft[608]

mit einer sehr ausgeprägten Art von ständischer Abgeschlossenseit. Aber

mit Burg und Dom ist die große Symbolik zu Ende. Der _tiers_ ist

bereits der Nichtstand, der Rest, eine bunte und vielfältige Sammlung,

die als solche wenig bedeutet außer in Augenblicken des politischen

Protestes, und die sich deshalb Bedeutung +gibt+, indem sie

Partei ergreift. Man fühlt sich, nicht als Bürger, sondern weil man

„liberal ist“, und also eine große Sache zwar nicht durch seine Person

+repräsentiert+, aber ihr durch seine Überzeugung +angehört+.

Infolge der Schwäche dieses gesellschaftlichen Geformtseins tritt das

wirtschaftliche in „bürgerlichen“ Berufen, Gilden und Verbänden um so

sichtbarer hervor. In den Städten wenigstens ist ein Mensch zuerst

durch das bezeichnet, wovon er lebt.

Wirtschaftlich ist das erste und ursprünglich fast das einzige das

Bauerntum,[609] die schlechthin +erzeugende+ Art von Leben,

die jede andre erst möglich macht. Auch die Urstände gründen ihre

Lebenshaltung in früher Zeit durchaus auf Jagd, Viehhaltung und

Ackerbesitz, und noch für Adel und Geistlichkeit der Spätzeiten ist

es die einzig vornehme Möglichkeit, „begütert“ zu sein. Ihr steht die

+vermittelnde+, erbeutende Lebensart des Handels[610] gegenüber,

im Verhältnis zur kleinen Zahl von gewaltiger Macht und schon ganz früh

unentbehrlich, ein feiner Parasitismus, vollkommen unproduktiv und

deshalb landfremd und schweifend, „frei“, auch seelisch unbeschwert von

Sitten und Bräuchen der Erde, ein Leben, das von anderem Leben sich

nährt. Dazwischen wächst nun eine dritte Art von Wirtschaft heran, die

+verarbeitende der Technik+ in zahllosen Handwerken, Gewerben

und Berufen, welche ein Nachdenken über die Natur zur schöpferischen

Anwendung bringen und deren Ehre und Gewissen an der Leistung

haftet.[611] Ihre älteste, bis in die Urzeit zurückreichende Zunft

und zugleich ihr Urbild mit einer Fülle dunkler Sagen, Bräuche und

Anschauungen sind die Schmiede, die infolge ihrer stolzen Absonderung

vom Bauerntum und der um sie verbreiteten Scheu, die zwischen Achtung

und Ächtung wechselt, oft zu wirklichen Volksstämmen eigner Rasse

geworden sind wie die Falascha in Abessinien.[612]

Im erzeugenden, verarbeitenden und vermittelnden Wirtschaftswesen

gibt es wie in allem, was zur Politik und überhaupt zum Leben gehört,

+Subjekte und Objekte der Leitung+ und also ganze Gruppen, die

anordnen, entscheiden, organisieren, erfinden, und andere, denen

lediglich die Ausführung zusteht. Der Rangunterschied kann schroff oder

kaum fühlbar,[613] der Aufstieg unmöglich oder selbstverständlich, die

Würde der Tätigkeit fast dieselbe mit langsamen Übergängen oder ganz

verschieden sein. Tradition und Gesetz, Begabung und Besitz, Volkszahl,

Kulturstufe und Wirtschaftslage beherrschen den Gegensatz, aber er ist

da und zwar mit dem Leben selbst gegeben +und unabänderlich+.

Trotzdem gibt es +wirtschaftlich keine „Arbeiterklasse“+; das ist

eine Erfindung von Theoretikern, welche die Lage der Fabrikarbeiter

in England, einem fast bauernlosen Industrielande, gerade in einer

Übergangszeit vor Augen hatten und das Schema auf alle Kulturen

zu allen Zeiten ausdehnten, bis es von Politikern zum Mittel von

Parteigründungen erhoben wurde. In Wirklichkeit gibt es eine

unabsehbare Zahl von Tätigkeiten rein dienender Art in Werkstatt und

Kontor, Schreibstube und Schiffsraum, auf Landstraßen, in Schächten

und in Wiese und Feld. Diesem Rechnen, Tragen, Laufen, Hämmern, Nähen,

Aufpassen fehlt oft genug, was dem Leben über seine bloße Erhaltung

hinaus Würde und Reiz gibt, wie es mit den standesgemäßen Aufgaben des

Offiziers und Gelehrten oder den persönlichen Erfolgen des Ingenieurs,

Verwalters und Kaufmanns der Fall ist, aber unter sich ist das alles

ganz und gar nicht vergleichbar. Geist und Schwere der Arbeit, ihr

Ort in Dorf oder Großstadt, Umfang und Gespanntheit des Betriebes

lassen den Bauernknecht, Bankbeamten, Heizer und Schneidergesellen

in ganz verschiedenen Welten der Wirtschaft leben und erst, ich

wiederhole es, die Parteipolitik sehr später Zustände hat sie durch

Schlagworte in eine Verbindung des Protestes gesetzt, um sich ihrer

Masse zu bedienen. Dagegen ist der antike Sklave ein staatsrechtlicher

Begriff, nämlich für den politischen Körper der antiken Polis +nicht

vorhanden+,[614] während er wirtschaftlich Bauer, Handwerker, selbst

Direktor und Großkaufmann mit gewaltigem Vermögen (_peculium_),

mit Palästen und Villen und einer Schar von Untergebenen, auch

„freien“, sein kann. Was er abgesehen davon in spätrömischer Zeit

+noch+ ist, wird sich weiter unten zeigen.

3

Mit dem Anbruch jeder Frühzeit beginnt ein Wirtschaftsleben in fester

Form.[615] Die Bevölkerung lebt durchaus bäuerlich im freien Lande.

Das Erlebnis der Stadt ist für sie nicht vorhanden. Was sich vom Dorfe,

von Burg, Pfalz, Kloster, Tempelbezirk abhebt, ist nicht eine Stadt,

sondern ein +Markt+, ein bloßer Treffpunkt bäuerlicher Interessen,

der gleichzeitig und selbstverständlich eine gewisse religiöse und

politische Bedeutung besitzt, ohne daß von einem Sonderleben die Rede

sein kann. Die Einwohner, auch wenn sie Handwerker oder Kaufleute sind,

+empfinden+ doch als Bauern und werden irgendwie auch als solche

tätig sein.

Was sich von einem Leben absondert, in dem jeder erzeugt und

verbraucht, sind +Güter+, und Güterumlauf ist das Wort für jeden

frühzeitlichen Verkehr, mag das Einzelne aus weiter Ferne herankommen

oder nur innerhalb des Dorfes oder selbst des Hofes wandern. Ein

Gut ist, was mit leisen Fäden seines Wesens, seiner +Seele+ an

dem Leben haftet, das es hervorgebracht hat oder braucht. Ein Bauer

treibt „seine“ Kuh zu Markte, eine Frau bewahrt „ihren“ Schmuck in

der Truhe. Man ist „begütert“, und das Wort Be-sitz führt bis in den

pflanzenhaften Ursprung des Eigentums zurück, mit dem gerade dieses

eine und kein anderes Dasein wurzelhaft verwachsen ist.[616] Tausch

ist in dieser Zeit ein Vorgang, durch den Güter aus einem Lebenskreise

in einen andern übergehen. Sie werden +vom Leben+ gewertet, nach

einem gleitenden, +gefühlten+ Maße des Augenblicks. Es gibt weder

einen Wertbegriff noch ein allgemein messendes Gut. Auch Gold und

Münzen sind nichts als Güter, deren seltene und unzerstörbare Art sie

wertvoll macht.[617]

In den Takt und Gang dieses Güterumlaufs greift der Händler nur als

+Mittler+ ein.[618] Auf dem Markt stoßen die erobernde und die

erzeugende Wirtschaft zusammen, aber selbst dort, wo Flotten landen und

Karawanen eintreffen, entwickelt sich der Handel nur als +Organ+

des ländlichen Verkehrs.[619] Es ist die „ewige“ Form der Wirtschaft,

die sich heute noch mit der ganz urzeitlichen Figur des Hausierers in

stadtarmen Landschaften hält, selbst in abgelegenen Vorstadtgassen,

wo sich kleine Umlaufskreise bilden, und im Privathaushalt von

Gelehrten, Beamten und überhaupt von Menschen, die dem großstädtischen

Wirtschaftsleben nicht tätig eingegliedert sind.

Eine ganz andere Art von Leben erwacht mit der Seele der Stadt.[620]

Sobald der Markt zur Stadt geworden ist, gibt es nicht mehr bloße

Schwerpunkte des Güterstroms, der durch eine rein bäuerliche Landschaft

geht, sondern eine zweite Welt innerhalb der Mauern, für die das

schlechthin erzeugende Leben „da draußen“ nichts ist als Mittel und

Objekt, und aus der heraus ein anderer Strom zu kreisen beginnt. Das

ist das Entscheidende: der echte Städter ist +nicht+ erzeugend im

ursprünglich erdhaften Sinne. Ihm fehlt die innere Verbundenheit mit

dem Boden wie mit dem Gut, das durch seine Hände geht. Er lebt nicht

mit ihm, sondern er betrachtet es von außen und nur in bezug auf seinen

Lebensunterhalt.

Damit wird das Gut zur Ware, der Tausch zum Umsatz, und an Stelle

+des Denkens in Gütern tritt das Denken in Geld+.

Damit wird ein rein ausgedehntes Etwas, eine Form der Grenzsetzung, von

den sichtbaren Wirtschaftsdingen abgezogen, ganz wie das mathematische

Denken von der mechanisch aufgefaßten Umwelt etwas abzieht, und das

Abstraktum Geld entspricht durchaus dem Abstraktum Zahl.[621] Beides

ist vollkommen anorganisch. Das Wirtschaftsbild wird ausschließlich

auf Quantitäten zurückgeführt, unter Absehen von der Qualität, die

gerade das wesentliche Merkmal des Gutes bildet. Für den frühzeitlichen

Bauern ist „seine“ Kuh zuerst gerade dieses eine Wesen und dann erst

Tauschgut; für den Wirtschaftsblick eines echten Städters gibt es nur

einen abstrakten Geldwert in der zufälligen Gestalt einer Kuh, der

jederzeit in die Gestalt etwa einer Banknote umgesetzt werden kann.

Ebenso erblickt der echte Techniker in einem berühmten Wasserfall

nicht ein einzigartiges Naturschauspiel, sondern ein reines Quantum

unverwerteter Energie.

Es ist ein Fehler aller modernen Geldtheorien, daß sie von den

Wertzeichen oder sogar vom Stoff der Zahlungsmittel statt von der Form

des wirtschaftlichen Denkens ausgehen.[622] Aber Geld ist wie Zahl und

Recht +eine Kategorie des Denkens+. Es gibt ein Gelddenken so wie

es ein juristisches, mathematisches, technisches Denken der Umwelt

gibt. Von dem Sinnenerlebnis eines Hauses wird ganz verschiedenes

abgezogen, je nachdem man es als Händler, Richter oder Ingenieur im

Geiste prüft und in bezug auf eine Bilanz, einen Rechtsstreit oder eine

Einsturzgefahr hin wertet. Am nächsten aber steht dem Denken in Geld

die Mathematik. Geschäftlich denken heißt rechnen. Der Geldwert ist ein

Zahlenwert, der an einer Rechnungseinheit gemessen wird.[623] Diesen

exakten „Wert an sich“ hat, wie die Zahl an sich, erst das Denken des

Städters, des wurzellosen Menschen hervorgebracht. Für den Bauern gibt

es nur flüchtige, gefühlte Werte in bezug auf ihn, die er im Tausch von

Fall zu Fall geltend macht. Was er nicht braucht oder besitzen will,

hat für ihn „keinen Wert“. Erst im Wirtschaftsbilde des echten Städters

gibt es objektive Werte und Wertarten, die als Elemente des Denkens

unabhängig von seinem privaten Bedarf bestehen und der Idee nach

allgemeingültig sind, obwohl in Wirklichkeit jeder einzelne sein eignes

Wertsystem und seine eigne Fülle der verschiedensten Wertarten besitzt

und von ihnen aus die geltenden Wertansätze (Preise) des Marktes als

teuer oder billig empfindet.[624]

Während der frühe Mensch Güter +vergleicht+, und nicht nur mit dem

Verstande, +berechnet+ der späte den Wert der Ware, und zwar nach

einem starren qualitätslosen Maß. Jetzt wird nicht mehr das Gold an

der Kuh, sondern die Kuh am Gelde gemessen und das Ergebnis durch eine

abstrakte Zahl, den Preis, ausgedrückt. Ob und in welcher Weise dieses

Wertmaß in einem Wert+zeichen+ sinnbildlichen Ausdruck findet -- so

wie das geschriebene, gesprochene, vorgestellte Zahlzeichen Sinnbild

einer Zahlenart ist -- das hängt vom Wirtschaftsstil der einzelnen

Kulturen ab, die jedesmal eine andre Art von Geld hervorbringen.

Diese Geldart ist vorhanden nur infolge des Vorhandenseins einer

städtischen Bevölkerung, die in ihr wirtschaftlich denkt, und sie

bestimmt weiterhin, ob das Wertzeichen zugleich als Zahlungsmittel

dient wie die antike Münze aus Edelmetall und +vielleicht+ die

babylonischen Silbergewichte. Dagegen ist der ägyptische _deben_, das

nach Pfunden abgewogene Rohkupfer, ein Tauschmaß, aber weder Zeichen

noch Zahlungsmittel, die abendländische und die „gleichzeitige“

chinesische Banknote[625] ein Mittel, aber kein Maß und über die Rolle,

welche Münzen aus Edelmetall in +unserer+ Art von Wirtschaft spielen,

pflegen wir uns vollkommen zu täuschen: sie sind eine in Nachahmung der

antiken Sitte hergestellte +Ware+ und besitzen deshalb, am Buchwert des

Kreditgeldes gemessen, einen +Kurs+.

Aus dieser Art von Denken heraus wird der mit dem Leben und dem Boden

verbundene +Besitz+ zum +Vermögen+, das dem Wesen nach beweglich und

qualitativ unbestimmt ist: es +besteht+ nicht in Gütern, sondern es

wird in solchen „+angelegt+“. An sich betrachtet ist es ein rein

zahlenmäßiges Quantum von Geldwert.[626]

Als Sitz dieses Denkens wird die Stadt zum Geldmarkt (Geldplatz) und

Wertmittelpunkt, und ein Strom von Geldwerten beginnt den Güterstrom

zu durchdringen, zu durchgeistigen und zu beherrschen. +Aber damit

erhebt sich der Händler vom Organ zum Herrn des Wirtschaftslebens.+

Denken in Geld ist immer irgendwie kaufmännisches, „+geschäftliches+“

Denken. Es setzt die erzeugende Wirtschaft des Landes voraus und ist

deshalb zunächst immer erobernd, denn es gibt nichts Drittes. Die

Worte Erwerb, Gewinn, Spekulation deuten auf einen Vorteil, welcher

den zum Verbraucher wandernden Dingen unterwegs abgelistet wird, auf

+intellektuelle Beute+, und sind deshalb auf das frühe Bauerntum nicht

anwendbar. Man muß sich ganz in den Geist und Wirtschaftsblick des

echten Städters versetzen. Er arbeitet nicht für den Bedarf, sondern

für den Verkauf, „für Geld“. Die geschäftliche Auffassung durchdringt

allmählich jede Art von Tätigkeit. Mit dem Güterverkehr innerlich

verbunden war der ländliche Mensch Geber und Nehmer zugleich; auch

der Händler auf dem frühen Markte macht kaum eine Ausnahme. Mit dem

Geldverkehr erscheint zwischen Erzeuger und Verbraucher wie zwischen

zwei getrennten Welten „+der Dritte+“, dessen Denken das Geschäftsleben

alsbald beherrscht. Er zwingt den ersten zum Angebot, den zweiten

zur Nachfrage an ihn; er erhebt die Vermittlung zum Monopol und dann

zur Hauptsache im Wirtschaftsleben, und zwingt die beiden andern, in

seinem Interesse in Form zu sein, die Ware nach +seiner+ Berechnung

herzustellen und unter dem Druck +seiner+ Angebote abzunehmen.

Wer dieses Denken beherrscht, ist Meister des Geldes.[627] Die

Entwicklung geht in allen Kulturen diesen Weg. Lysias stellt in

seiner Rede gegen die Getreidehändler fest, daß die Spekulanten im

Piräus manchmal das Gerücht verbreiteten, eine Getreideflotte sei

gescheitert oder ein Krieg ausgebrochen, um eine Panik hervorzurufen.

In hellenistisch-römischer Zeit war es eine verbreitete Sitte, auf

Verabredung den Anbau zu beschränken oder die Einfuhr stocken zu

lassen, um die Preise hinaufzutreiben. In Ägypten machte das dem

abendländischen Bankverkehr vollkommen ebenbürtige Girowesen des Neuen

Reiches[628] Getreidecorner amerikanischen Stils möglich. Kleomenes,

der Finanzverwalter Alexanders des Großen für Ägypten, konnte durch

Buchkäufe den gesamten Getreidevorrat in seine Hand bringen, was eine

Hungersnot weithin in Griechenland hervorrief und ungeheuren Gewinn

abwarf. Wer wirtschaftlich anders denkt, sinkt damit zum bloßen Objekt

großstädtischer Geldwirkungen herab. Dieser Stil ergreift bald das

Wachsein der gesamten Stadtbevölkerung und damit aller, welche für

die Lenkung der Wirtschaftsgeschichte ernsthaft in Betracht kommen.

Bauer und Bürger bedeutet nicht nur den Unterschied von Land und

Stadt, sondern auch den von Gut und Geld. Die prunkvolle Kultur der

homerischen und provençalischen Fürstenhöfe ist etwas, das mit dem

Menschen gewachsen und verwachsen ist wie heute noch vielfach das Leben

auf den Landsitzen alter Familien; die feinere Kultur des Bürgertums,

der „Komfort“, ist etwas von außen Kommendes, das +bezahlt+

werden kann.[629] Alle hochentwickelte Wirtschaft ist Stadtwirtschaft.

Die Weltwirtschaft, diejenige aller Zivilisationen, sollte man

Weltstadtwirtschaft nennen. Die Schicksale auch der Wirtschaft

entscheiden sich nur noch an wenigen Punkten, den Geldplätzen[630], in

Babylon, Theben, Rom, in Byzanz und Bagdad, in London, New York, Berlin

und Paris. Der Rest ist Provinzwirtschaft, die ihre Kreise dürftig im

Kleinen zieht, ohne sich des vollen Umfangs ihrer Abhängigkeit bewußt

zu sein. Geld ist zuletzt die Form von geistiger Energie, in welcher

der Herrscherwille, die politische, soziale, technische, gedankliche

Gestaltungskraft, die Sehnsucht nach einem Leben von großem Zuschnitt

zusammengefaßt sind. Shaw hat vollkommen recht: „Die allgemeine Achtung

vor dem Gelde ist die einzige hoffnungsvolle Tatsache in unserer

Zivilisation ... Geld und Leben sind unzertrennlich ... Geld ist das

Leben.“[631] Zivilisation bezeichnet also die Stufe einer Kultur,

auf welcher Tradition und Persönlichkeit ihre unmittelbare Geltung

verloren haben und jede Idee zunächst in Geld umgedacht werden muß, um

verwirklicht zu werden. Am Anfang war man begütert, weil man mächtig

war. Jetzt ist man mächtig, weil man Geld hat. Erst das Geld erhebt den

Geist auf den Thron. Demokratie ist die vollendete Gleichsetzung von

Geld und politischer Macht.

Der Untergang des Abendlandes, Zweiter Band · 第 57 / 62 段