[571] Gelzer, Nobilität S. 94. Das Buch enthält neben Ed. Meyers

„Cäsar“ den besten Überblick über die römische demokratische

Methode.

[572] _Inaurari_, zu welchem Zweck Cicero seinen Freund Trebatius

an Cäsar empfahl.

[573] _Tributim ad prandium vocare_, Cicero pro Murena 72.

[574] Es handelt sich um Milliarden von Sesterzen, die seitdem

durch seine Hände gingen. Die Weihgeschenke der gallischen Tempel,

die er in Italien ausbieten ließ, riefen einen Sturz des Goldwertes

hervor. Vom König Ptolemäos erpreßten er und Pompejus für die

Anerkennung 144 (und Gabinius noch einmal 240) Millionen. Der

Konsul Aemilius Paulus (50) wurde mit 36, Curio mit 60 Millionen

erkauft. Man kann daraus auf die vielbeneideten Vermögen seiner

näheren Umgebung schließen. Bei dem Triumph von 46 erhielt jeder

der weit über hunderttausend Soldaten je 24000 Sesterzen, die

Offiziere und Führer noch ganz andere Summen. Trotzdem reichte der

Staatsschatz nach seinem Tode aus, um die Stellung des Antonius zu

sichern.

[575] Gelzer S. 68.

[576] Es handelt sich meist um Erpressung und Bestechung. Da

das damals mit Politik identisch war, Richter wie Ankläger

ganz dasselbe getan hatten und jeder das wußte, so bestand die

Kunst darin, unter den Formen einer gutgespielten sittlichen

Leidenschaft eine Parteirede zu halten, deren eigentlichen Zweck

nur der Eingeweihte begriff. Das entspricht ganz dem modernen

parlamentarischen Brauch. Das „Volk“ würde sehr erstaunt sein,

wenn es nach wilden Reden in der Sitzung (für den Preßbericht) die

Parteigegner miteinander plaudern sähe. Es sei auch an die Fälle

erinnert, in denen eine Partei sich leidenschaftlich für einen

Antrag einsetzt, nachdem sie durch Übereinkunft mit den Gegnern die

Nichtannahme gesichert hat. In Rom kam es auch gar nicht auf das

Urteil an; es genügte, wenn der Angeklagte vorher freiwillig die

Stadt verließ und damit aus dem Parteikampf und der Ämterbewerbung

ausschied.

[577] v. Pöhlmann, Griech. Geschichte (1914) S. 236 f.

[578] So konnte Rutilius Rufus in dem berüchtigten Prozeß von 93

verurteilt werden, weil er als Statthalter gegen die Erpressungen

der Pachtgesellschaften pflichtgemäß vorgegangen war.

[579] Und wie im Anklang an „die Artillerie“.

[580] Das stärkste Beispiel wird für künftige Geschlechter die

Frage der „Schuld“ am Weltkrieg sein, das heißt die Frage, wer

durch Beherrschung der Presse und Kabel aller Erdteile die Macht

besitzt, für die Weltmeinung diejenige Wahrheit herzustellen,

die er für seine politischen Zwecke braucht, und sie solange zu

halten, als er sie braucht. Eine ganz andre Frage, die nur in

Deutschland noch mit der ersten verwechselt wird, ist die rein

wissenschaftliche, wer ein Interesse daran besaß, ein Ereignis

gerade im Sommer 1914 eintreten zu lassen, über das es damals schon

eine ganze Literatur gab.

[581] In Vorbereitung des Weltkriegs wurde die Presse ganzer Länder

finanziell unter das Kommando von London und Paris gebracht, und

damit die zugehörigen Völker in eine strenge geistige Sklaverei.

Je demokratischer die innere Form einer Nation, desto leichter und

vollständiger erliegt sie dieser Gefahr. Das ist der Stil des 20.

Jahrhunderts. Ein Demokrat vom alten Schlage würde heute nicht

Freiheit +für+ die Presse, sondern +von+ der Presse fordern, aber

inzwischen haben die Führer sich in „Angekommene“ verwandelt, die

ihre Stellung gegenüber der Masse sichern müssen.

[582] Die große Bücherverbrennung der Chinesen (S. 544) ist harmlos

dagegen.

[583] S. 546.

[584] Hier liegt das Geheimnis, weshalb alle radikalen, also

+armen+ Parteien notwendig die Werkzeuge der Geldmächte, der

equites, der Börse werden. Theoretisch greifen sie das Kapital an,

praktisch aber nicht die Börse, sondern in deren Interesse die

Tradition. Das war zur Zeit der Gracchen ebenso wie heute, und

zwar in allen Ländern. Die Hälfte der Massenführer ist durch Geld,

Ämter, Beteiligung an Geschäften zu erkaufen und mit ihnen die

ganze Partei.

[585] S. 519.

[586] Preußentum und Sozialismus S. 41 f.

FÜNFTES KAPITEL

DIE FORMENWELT DES WIRTSCHAFTSLEBENS

DAS GELD

1

Der Standpunkt, von dem aus die Wirtschaftsgeschichte der hohen

Kulturen verstanden werden kann, darf auf dem Boden der Wirtschaft

selbst nicht gesucht werden. Wirtschaftliches Denken und Handeln

ist eine +Seite+ des Lebens, die in falsche Beleuchtung rückt,

sobald man sie als eine selbständige +Art+ von Leben betrachtet.

Am allerwenigsten findet man ihn auf dem Boden der heutigen

Weltwirtschaft, die seit 150 Jahren einen phantastischen, gefährlichen,

zuletzt fast verzweifelten Aufstieg genommen hat, der ausschließlich

abendländisch und dynamisch ist und nichts weniger als allgemein

menschlich.

Was wir heute Nationalökonomie nennen, ist aufgebaut aus lauter

spezifisch englischen Voraussetzungen. Die allen andern Kulturen

ganz unbekannte Maschinenindustrie steht in der Mitte, als ob das

selbstverständlich wäre, und beherrscht durchaus die Begriffsbildung

und die Ableitung sogenannter Gesetze, ohne daß man sich dessen bewußt

wird. Das Kreditgeld in der besondern Gestalt, welche sich aus dem

englischen Verhältnis von Welthandel und Exportindustrie in einem

bauernlosen Lande ergeben hat, dient als Unterlage von Definitionen

der Worte Kapital, Wert, Preis, Vermögen, die dann ohne weiteres auf

andere Kulturstufen und Lebenskreise angewandt werden. Die Insellage

Englands hat in allen ökonomischen Theorien die Auffassung der Politik

und ihrer Beziehung zur Wirtschaft bestimmt. Die Schöpfer dieses

Wirtschafts+bildes+ sind David Hume[587] und Adam Smith.[588] Was

seitdem über sie hinaus und gegen sie geschrieben worden ist, setzt

immer die kritische Anlage und Methode ihrer Systeme unbewußt voraus.

Das gilt von Carey und List so gut wie von Fourier und Lassalle. Und

was den größten Gegner von Adam Smith, Marx betrifft, so macht es wenig

aus, ob man, ganz in der Vorstellungswelt des englischen Kapitalismus

befangen, laut gegen ihn protestiert: man erkennt ihn eben damit an

und will nur durch eine andre Art von Verrechnung dessen Objekten den

Vorteil der Subjekte zuwenden.

Es handelt sich von Smith bis Marx um die bloße Selbstanalyse des

wirtschaftlichen Denkens einer einzigen Kultur und zwar auf einer

einzigen Stufe. Sie ist rationalistisch durch und durch und geht

also vom +Stoff+ aus und seinen Bedingungen, Nöten und Reizen,

statt von der +Seele+ der Geschlechter, Stände, Völker und

ihrer Gestaltungskraft. Sie betrachtet den Menschen als Zubehör

der Lage und weiß nichts von der großen Persönlichkeit und dem

geschichtsbildenden Willen einzelner und ganzer Scharen, der in den

wirtschaftlichen Tatsachen Mittel und nicht Zwecke sieht. Sie hält

das Wirtschaftsleben für etwas, das man ohne Rest aus sichtbaren

Ursachen und Wirkungen erklären kann, das ganz mechanisch angelegt und

völlig in sich abgeschlossen ist, und das endlich zu den ebenfalls für

sich gedachten Kreisen der Politik und Religion in einem irgendwie

kausalen Verhältnis steht. Weil diese Betrachtungsweise systematisch

und nicht geschichtlich ist, so glaubt sie an die zeitlose Gültigkeit

ihrer Begriffe und Regeln und hat den Ehrgeiz, die allein richtige

Methode „der“ Wirtschaftsführung aufstellen zu wollen. Deshalb hat

sie überall, wo ihre Wahrheiten mit den Tatsachen zusammentrafen, ein

vollkommenes Fiasko erlebt, wie es mit den Voraussagen für den Ausbruch

des Weltkriegs durch bürgerliche[589] und mit der Einrichtung der

Sowjetwirtschaft durch proletarische Theoretiker der Fall war.

Es gibt also noch keine Nationalökonomie, insofern man darunter eine

Morphologie der Wirtschafts+seite+ des Lebens versteht und zwar

des Lebens der hohen Kulturen mit ihrer nach Stufe, Tempo und Dauer

gleichartigen Ausbildung eines wirtschaftlichen +Stils+. Denn

die Wirtschaft besitzt kein System, sondern eine Physiognomie. Um

das Geheimnis ihrer inneren Form, ihrer +Seele+ zu ergründen,

bedarf es des physiognomischen Taktes. Um in ihr Erfolg zu haben,

muß man Kenner sein, so wie man Menschenkenner und Pferdekenner ist,

und braucht kein „Wissen“, so wenig der Reiter etwas von Zoologie zu

„wissen“ braucht. Aber diese Kennerschaft kann geweckt werden und zwar

durch einen mitfühlenden Blick auf die Geschichte, der eine Ahnung von

den geheimen Rassetrieben gibt, die auch in wirtschaftlich tätigen

Wesen am Werke sind, um die äußere Lage -- den ökonomischen „Stoff“,

die Not -- nach dem eignen Innern sinnbildlich zu gestalten. +Jedes

Wirtschaftsleben ist Ausdruck eines Seelenlebens.+

Das ist eine neue, eine deutsche Wirtschaftsauffassung, jenseits

von Kapitalismus +und+ Sozialismus, die beide aus der nüchtern

bürgerlichen Verständigkeit des 18. Jahrhunderts hervorgegangen

sind und die nichts sein wollten als eine stoffliche Analyse -- und

daraufhin eine Konstruktion -- der wirtschaftlichen Oberfläche. Was bis

jetzt gelehrt worden ist, bereitet nur vor. Das Wirtschaftsdenken steht

wie das Rechtsdenken noch vor seiner eigentlichen Entfaltung,[590] die

heute wie in hellenistisch-römischer Zeit erst dort einsetzt, wo Kunst

und Philosophie unwiderruflich Vergangenheit geworden sind.

Der folgende Versuch will nichts sein als ein flüchtiger Blick auf die

hier vorhandenen Möglichkeiten.

Wirtschaft und Politik sind Seiten des +einen+ lebendig

dahinströmenden Daseins, nicht des Wachseins, des Geistes.[591]

In beiden offenbart sich der Takt kosmischer Flutungen, die in

Geschlechterfolgen von Einzelwesen eingefangen sind. Sie +haben+

nicht etwa, sondern sie +sind+ Geschichte. Die nichtumkehrbare

Zeit, das Wann regiert in ihnen. Sie gehören beide zur Rasse und

nicht zur Sprache mit ihren raumhaft-kausalen Spannungen wie Religion

und Wissenschaft; sie richten sich beide auf Tatsachen und nicht auf

Wahrheiten. Es gibt politische und wirtschaftliche +Schicksale+,

so wie es in allen religiösen und wissenschaftlichen Lehren einen

zeitlosen +Zusammenhang von Ursache und Wirkung+ gibt.

Das Leben besitzt also eine politische und eine wirtschaftliche Art,

für die Geschichte „in Form“ zu sein. Sie überlagern, stützen oder

bekämpfen sich, aber die politische ist unbedingt die erste. Das Leben

will sich erhalten +und+ durchsetzen oder vielmehr, es will sich

stärker machen, um sich durchzusetzen. In wirtschaftlicher Verfassung

befinden sich die Daseinsströme nur für sich selbst, in politischer

für ihr Verhältnis zu den andern. Daran ändert sich nichts von den

einfachsten einzelligen Pflanzen bis zu den Schwärmen und Völkern der

höchsten frei im Raume beweglichen Wesen. Sich ernähren und sich

bekämpfen: den Rangunterschied beider Lebensseiten läßt ihr Verhältnis

zum Tode erkennen. Es gibt keinen tieferen Gegensatz als den von

+Hungertod und Heldentod+. Wirtschaftlich wird das Leben bedroht,

entwürdigt, +erniedrigt+ durch den Hunger im weitesten Sinne; auch

die Unmöglichkeit, seine Kräfte zur vollen Entwicklung zu bringen,

gehört dazu, die Enge im Lebensraum, die Dunkelheit, der Druck, nicht

nur die unmittelbare Gefahr. Ganze Völker haben durch die zehrende

Kümmerlichkeit ihrer Lebenshaltung die Spannkraft der Rasse verloren.

Hier stirbt man an etwas, nicht für etwas. Die Politik opfert Menschen

für ein Ziel; sie fallen für eine Idee; die Wirtschaft läßt sie nur

verderben. +Der Krieg ist der Schöpfer, der Hunger der Vernichter

aller großen Dinge.+ Dort wird das Leben durch den Tod gehoben,

oft bis zu jener unwiderstehlichen Kraft, deren bloßes Vorhandensein

schon den Sieg bedeutet; hier weckt der Hunger jene häßliche, gemeine,

ganz unmetaphysische Art von Lebensangst, unter welcher die höhere

Formenwelt einer Kultur jäh zusammenbricht, und der nackte Daseinskampf

menschlicher Bestien beginnt.

Es war schon die Rede von dem Doppelsinn aller Geschichte, wie er im

Gegensatz von Mann und Weib zutage tritt.[592] Es gibt eine private

Geschichte, die als Zeugungsfolge der Generationen das „Leben im

Raume“ +darstellt+, und eine öffentliche, die es als politisches

In-Form-sein +verteidigt und sichert+: die „Spindelhälfte“ und die

„Schwertseite“ des Daseins. Sie finden ihren Ausdruck in den Ideen der

Familie und des Staates, aber auch in der Urgestalt des Hauses,[593]

in dem die guten Geister des Ehebetts -- der Genius und die Juno jeder

altrömischen Wohnstätte -- von der Tür, dem Janus, geschützt werden.

Der +privaten+ Geschichte des Geschlechts tritt nun die der

Wirtschaft zur Seite. Von der Dauer eines blühenden Lebens kann seine

Kraft, vom Geheimnis der Zeugung und Empfängnis die Ernährung nicht

getrennt werden. Am reinsten erscheint der Zusammenhang im Dasein

rassestarker Bauerngeschlechter, die gesund und fruchtbar in ihrer

Scholle wurzeln. Und wie im Bilde des Leibes das Geschlechtsorgan mit

dem des Kreislaufs verbunden ist,[594] so bildet die Mitte des Hauses

im +andern+ Sinne der heilige Herd, die Vesta.

Eben deshalb bedeutet Wirtschaftsgeschichte etwas ganz anderes als

politische Geschichte. Hier stehen die großen einmaligen Schicksale

im Vordergrund, die sich zwar in den bindenden Formen der Epoche

vollziehen, aber jedes für sich streng persönlich sind. Dort handelt

es sich wie in der Geschichte der Familie um den Entwicklungsgang der

Formen+sprache+, und alles Einmalige und Persönliche ist wenig

bedeutendes Privatschicksal. Nur die Grundform von Millionen Fällen

kommt in Betracht. Aber die Wirtschaft ist doch nur die Unterlage

alles irgendwie sinnvollen Daseins. Es kommt nicht eigentlich darauf

an, +daß+ man in Verfassung, gut genährt und fruchtbar ist, als

Einzelner oder als Volk, sondern wofür man es ist, und je höher der

Mensch geschichtlich steigt, desto weiter überragt sein politisches

und religiöses Wollen an Innerlichkeit der Symbolik und Gewalt des

Ausdrucks alles, was das Wirtschaftsleben als solches an Form und

Tiefe besitzt. Erst wenn mit der Heraufkunft einer Zivilisation die

Ebbe der gesamten Formenwelt beginnt, treten die Umrisse der bloßen

Lebenshaltung nackt und aufdringlich hervor: das ist denn die Zeit,

wo der platte Spruch von „Hunger und Liebe“ als den Triebkräften des

Daseins aufhört, schamlos zu sein, wo nicht das Starkwerden für eine

Aufgabe, sondern das Glück der Meisten, Behagen und Bequemlichkeit,

„_panem et circenses_“ den Sinn des Lebens bilden und an Stelle

der großen Politik die Wirtschaftspolitik als Selbstzweck tritt.

Weil die Wirtschaft zur Rasseseite des Lebens gehört, so besitzt sie

wie die Politik eine Sitte und keine Moral,[595] denn das unterscheidet

Adel und Priestertum, Tatsachen und Wahrheiten. Jede Berufsklasse hat

wie jeder Stand ein +selbstverständliches+ Gefühl nicht für Gut

und Böse, sondern für Gut und Schlecht. Wer es nicht besitzt, ist

unehrenhaft und gemein. Denn die Ehre steht auch hier im Mittelpunkt

und trennt das Fein+gefühl+ für das, was sich schickt, das

Takt+gefühl+ wirtschaftlich tätiger Menschen von der religiösen

Welt+betrachtung+ und ihrem Grundbegriff der Sünde. Es gibt

eine sehr bestimmte Berufsehre unter Kaufleuten, Handwerkern, Bauern

mit feinen und doch nicht weniger bestimmten Abstufungen für den

Ladenbesitzer, Exportkaufmann, Bankier, Unternehmer, für Bergleute,

Matrosen, Ingenieure, sogar, wie jeder weiß, für Räuber und Bettler,

insofern sie sich als Berufsgenossen fühlen. Niemand hat diese Sitten

gesetzt oder aufgeschrieben, aber sie sind da; sie sind wie alle

Standessitten überall und zu allen Zeiten anders und jedesmal nur

innerhalb des Kreises der Zugehörigen verbindlich. Neben den adligen

Tugenden der Treue, Tapferkeit, Ritterlichkeit, Kameradschaft, die

keiner Berufsgenossenschaft fremd sind, erscheinen scharf ausgeprägte

Anschauungen über den ethischen Wert des Fleißes, des Erfolges, der

Arbeit und ein erstaunliches Distanzgefühl. Dergleichen hat man,

ohne viel darum zu wissen -- erst der Verstoß bringt die Sitte zum

Bewußtsein, -- im Gegensatz zu religiösen Geboten, die zeitlos und

allgemeingültig sind, aber als nie verwirklichte Ideale, und die man

lernen muß, um sie zu wissen und befolgen zu können.

Die religiös-asketischen Grundbegriffe wie „selbstlos“ und „sündlos“

sind innerhalb des Wirtschaftslebens ohne Sinn. Für den wahren Heiligen

ist die Wirtschaft überhaupt Sünde,[596] nicht nur das Zinsnehmen und

die Freude am Reichtum oder der Neid der Armen darauf. Das Wort von

den Lilien auf dem Felde ist für tief religiöse -- und philosophische

-- Naturen unbedingt wahr. Sie stehen mit dem ganzen Schwergewicht

ihres Wesens außerhalb der Wirtschaft und Politik und aller andern

Tatsachen „dieser Welt“. Das lehrt die Zeit Jesu ebenso wie die des

heiligen Bernhard und das Grundgefühl im heutigen Russentum, und

ebenso die Lebensführung eines Diogenes oder Kant. Deshalb wählt man

freiwillige Armut und Wanderschaft und flüchtet sich in Mönchszellen

und Gelehrtenstuben. Wirtschaftlich betätigt sich nie eine Religion

oder Philosophie, sondern immer nur der politische Organismus einer

+Kirche+ oder der soziale einer theoretisierenden Genossenschaft.

Es ist immer ein Kompromiß mit „dieser Welt“ und ein Zeichen des

Willens zur Macht.[597]

2

Was man das Wirtschaftsleben einer Pflanze nennen darf, vollzieht

sich an und in ihr, ohne daß sie selbst etwas andres wäre als der

Schauplatz und willenlose Gegenstand eines Naturvorgangs.[598] Dies

pflanzenhafte, traumhafte Element liegt unverändert der „Wirtschaft“

auch noch des menschlichen Leibes zugrunde, wo es in Gestalt der

Kreislauforgane sein fremdartiges und willenloses Dasein führt. Mit

dem frei im Raum beweglichen Leibe des Tieres aber tritt zum Dasein

das Wachsein, das verstehende Empfinden und damit der Zwang, für

die Erhaltung des Lebens selbständig zu +sorgen+. Hier beginnt

die Lebens+angst+ und führt zu einem Tasten, Wittern, Spähen,

Horchen mit immer schärferen Sinnen und daraufhin zu Bewegungen im

Raume, zum Suchen, Sammeln, Verfolgen, Überlisten, Rauben, das sich

bei manchen Arten wie den Bibern, Ameisen, Bienen, vielen Vögeln

und Raubtieren bis zu den Anfängen einer wirtschaftlichen Technik

steigert, welche Überlegung, das heißt eine gewisse Ablösung des

Verstehens vom Empfinden voraussetzt. Der Mensch ist eigentlich

Mensch in dem Grade, als sich sein Verstehen vom Empfinden befreit

hat und als Denken in die Beziehungen zwischen Mikrokosmos und

Makrokosmos schöpferisch eingreift.[599] Ganz tierhaft ist noch die

Frauenlist dem Manne gegenüber und jene Bauernschlauheit im Erobern

kleiner Vorteile, die sich beide von der Schlauheit des Fuchses in

nichts unterscheiden und mit +einem+ verstehenden Blick das

ganze Geheimnis ihres Opfers durchdringen; aber darüber erhebt sich

nun das Wirtschafts+denken+, das den Acker bestellt, das Vieh

zähmt, die Dinge verwandelt, veredelt, tauscht und tausend Mittel

und Methoden erfindet, um die Lebenshaltung zu erhöhen und die

Abhängigkeit von der Umwelt in eine Herrschaft über sie zu verwandeln.

Dies ist die Unterlage aller Kulturen. Die Rasse bedient sich eines

Wirtschaftsdenkens, das so mächtig werden kann, daß es sich von seinen

Zwecken löst, abstrakte Theorien aufbaut und sich in utopische Weiten

verliert.

Alles höhere Wirtschaftsleben entwickelt sich an und über einem

Bauerntum. Nur das Bauerntum selbst setzt nichts andres voraus.[600]

Es ist gewissermaßen die Rasse an sich, pflanzenhaft und

geschichtslos[601], ganz für sich erzeugend und verbrauchend, mit einem

Blick auf die Welt, vor dem sich alles andre Wirtschaftswesen beiläufig

und verächtlich ausnimmt. Dieser +erzeugenden+ tritt nun eine

+erobernde+ Art von Wirtschaft entgegen, die sich der ersten als

eines Objekts bedient, sich von ihr nähren läßt, sie tributpflichtig

macht oder beraubt. Politik und Handel sind in den Anfängen durchaus

untrennbar, beide herrenmäßig, persönlich, kriegerisch, mit einem

Hunger nach Macht und Beute, der einen ganz andern Blick auf die Welt

mit sich führt -- nicht aus einem Winkel auf sie hinaus, sondern auf

ihr Gewimmel herab -- wie er sich in der Wahl des Löwen, Bären, Geiers,

Falken zu Wappentieren deutlich genug ausspricht. Der Urkrieg ist immer

auch Raubkrieg, der Urhandel mit Plünderung und Piraterie aufs engste

verwandt. Die isländischen Sagas erzählen, wie die Wikinger oft mit der

Bevölkerung einen Marktfrieden von zwei Wochen verabreden, um Handel zu

treiben, worauf man zu den Waffen greift und das Beutemachen beginnt.

Politik und Handel in entwickelter Form -- die Kunst, durch geistige

Überlegenheit Sacherfolge über den Gegner zu erzielen -- sind beide

ein Ersatz des Krieges durch andere Mittel. Jede Art Diplomatie ist

geschäftlicher, jedes Geschäft diplomatischer Natur, und beide beruhen

auf eindringender Menschenkenntnis und physiognomischem Takt. Der

Unternehmungsgeist großer Seefahrer, wie wir sie unter den Phönikern,

Etruskern, Normannen, Venezianern, Hanseaten finden, kluger Bankherren

wie der Fugger und Medici, mächtiger Geldleute wie Crassus und die

Minen- und Trustmagnaten unserer Tage erfordert die strategische

Begabung von +Feldherrn+, wenn die Operationen glücken sollen. Der

Stolz auf das Stammhaus, das väterliche Erbe, die Familientradition

bilden sich hier wie dort in gleicher Weise heraus; die „großen

Vermögen“ sind wie Königreiche und haben ihre Geschichte;[602] und

Polykrates, Solon, Lorenzo de’ Medici, Jürgen Wullenweber sind durchaus

nicht die einzigen Beispiele von politischem Ehrgeiz, der sich aus

kaufmännischem entwickelt hat.

Aber der echte Fürst und Staatsmann will herrschen, der echte

Geschäftsmann will nur reich sein; hier trennt sich die erobernde

Wirtschaft als Mittel und als Zweck.[603] Man kann die Beute um

der Macht und die Macht um der Beute willen suchen. Auch der

große Herrscher wie Hoangti, Tiberius oder Friedrich II. will

„reich an Land und Leuten“ sein, aber mit dem Bewußtsein einer

vornehmen Verpflichtung. Man nimmt mit gutem Gewissen und als etwas

Selbstverständliches die Schätze der ganzen Welt in Anspruch und kann

ein Leben in strahlendem Glanz und selbst in Verschwendung führen,

wenn man sich nur als Träger einer Sendung fühlt wie Napoleon, Cecil

Rhodes und auch der römische Senat des 3. Jahrhunderts, und deshalb den

Begriff des Privatbesitzes in bezug auf sich selbst kaum kennt.

Der Untergang des Abendlandes, Zweiter Band · 第 56 / 62 段