„Cäsar“ den besten Überblick über die römische demokratische
Methode.
[572] _Inaurari_, zu welchem Zweck Cicero seinen Freund Trebatius
an Cäsar empfahl.
[573] _Tributim ad prandium vocare_, Cicero pro Murena 72.
[574] Es handelt sich um Milliarden von Sesterzen, die seitdem
durch seine Hände gingen. Die Weihgeschenke der gallischen Tempel,
die er in Italien ausbieten ließ, riefen einen Sturz des Goldwertes
hervor. Vom König Ptolemäos erpreßten er und Pompejus für die
Anerkennung 144 (und Gabinius noch einmal 240) Millionen. Der
Konsul Aemilius Paulus (50) wurde mit 36, Curio mit 60 Millionen
erkauft. Man kann daraus auf die vielbeneideten Vermögen seiner
näheren Umgebung schließen. Bei dem Triumph von 46 erhielt jeder
der weit über hunderttausend Soldaten je 24000 Sesterzen, die
Offiziere und Führer noch ganz andere Summen. Trotzdem reichte der
Staatsschatz nach seinem Tode aus, um die Stellung des Antonius zu
sichern.
[575] Gelzer S. 68.
[576] Es handelt sich meist um Erpressung und Bestechung. Da
das damals mit Politik identisch war, Richter wie Ankläger
ganz dasselbe getan hatten und jeder das wußte, so bestand die
Kunst darin, unter den Formen einer gutgespielten sittlichen
Leidenschaft eine Parteirede zu halten, deren eigentlichen Zweck
nur der Eingeweihte begriff. Das entspricht ganz dem modernen
parlamentarischen Brauch. Das „Volk“ würde sehr erstaunt sein,
wenn es nach wilden Reden in der Sitzung (für den Preßbericht) die
Parteigegner miteinander plaudern sähe. Es sei auch an die Fälle
erinnert, in denen eine Partei sich leidenschaftlich für einen
Antrag einsetzt, nachdem sie durch Übereinkunft mit den Gegnern die
Nichtannahme gesichert hat. In Rom kam es auch gar nicht auf das
Urteil an; es genügte, wenn der Angeklagte vorher freiwillig die
Stadt verließ und damit aus dem Parteikampf und der Ämterbewerbung
ausschied.
[577] v. Pöhlmann, Griech. Geschichte (1914) S. 236 f.
[578] So konnte Rutilius Rufus in dem berüchtigten Prozeß von 93
verurteilt werden, weil er als Statthalter gegen die Erpressungen
der Pachtgesellschaften pflichtgemäß vorgegangen war.
[579] Und wie im Anklang an „die Artillerie“.
[580] Das stärkste Beispiel wird für künftige Geschlechter die
Frage der „Schuld“ am Weltkrieg sein, das heißt die Frage, wer
durch Beherrschung der Presse und Kabel aller Erdteile die Macht
besitzt, für die Weltmeinung diejenige Wahrheit herzustellen,
die er für seine politischen Zwecke braucht, und sie solange zu
halten, als er sie braucht. Eine ganz andre Frage, die nur in
Deutschland noch mit der ersten verwechselt wird, ist die rein
wissenschaftliche, wer ein Interesse daran besaß, ein Ereignis
gerade im Sommer 1914 eintreten zu lassen, über das es damals schon
eine ganze Literatur gab.
[581] In Vorbereitung des Weltkriegs wurde die Presse ganzer Länder
finanziell unter das Kommando von London und Paris gebracht, und
damit die zugehörigen Völker in eine strenge geistige Sklaverei.
Je demokratischer die innere Form einer Nation, desto leichter und
vollständiger erliegt sie dieser Gefahr. Das ist der Stil des 20.
Jahrhunderts. Ein Demokrat vom alten Schlage würde heute nicht
Freiheit +für+ die Presse, sondern +von+ der Presse fordern, aber
inzwischen haben die Führer sich in „Angekommene“ verwandelt, die
ihre Stellung gegenüber der Masse sichern müssen.
[582] Die große Bücherverbrennung der Chinesen (S. 544) ist harmlos
dagegen.
[583] S. 546.
[584] Hier liegt das Geheimnis, weshalb alle radikalen, also
+armen+ Parteien notwendig die Werkzeuge der Geldmächte, der
equites, der Börse werden. Theoretisch greifen sie das Kapital an,
praktisch aber nicht die Börse, sondern in deren Interesse die
Tradition. Das war zur Zeit der Gracchen ebenso wie heute, und
zwar in allen Ländern. Die Hälfte der Massenführer ist durch Geld,
Ämter, Beteiligung an Geschäften zu erkaufen und mit ihnen die
ganze Partei.
[585] S. 519.
[586] Preußentum und Sozialismus S. 41 f.
FÜNFTES KAPITEL
DIE FORMENWELT DES WIRTSCHAFTSLEBENS
DAS GELD
1
Der Standpunkt, von dem aus die Wirtschaftsgeschichte der hohen
Kulturen verstanden werden kann, darf auf dem Boden der Wirtschaft
selbst nicht gesucht werden. Wirtschaftliches Denken und Handeln
ist eine +Seite+ des Lebens, die in falsche Beleuchtung rückt,
sobald man sie als eine selbständige +Art+ von Leben betrachtet.
Am allerwenigsten findet man ihn auf dem Boden der heutigen
Weltwirtschaft, die seit 150 Jahren einen phantastischen, gefährlichen,
zuletzt fast verzweifelten Aufstieg genommen hat, der ausschließlich
abendländisch und dynamisch ist und nichts weniger als allgemein
menschlich.
Was wir heute Nationalökonomie nennen, ist aufgebaut aus lauter
spezifisch englischen Voraussetzungen. Die allen andern Kulturen
ganz unbekannte Maschinenindustrie steht in der Mitte, als ob das
selbstverständlich wäre, und beherrscht durchaus die Begriffsbildung
und die Ableitung sogenannter Gesetze, ohne daß man sich dessen bewußt
wird. Das Kreditgeld in der besondern Gestalt, welche sich aus dem
englischen Verhältnis von Welthandel und Exportindustrie in einem
bauernlosen Lande ergeben hat, dient als Unterlage von Definitionen
der Worte Kapital, Wert, Preis, Vermögen, die dann ohne weiteres auf
andere Kulturstufen und Lebenskreise angewandt werden. Die Insellage
Englands hat in allen ökonomischen Theorien die Auffassung der Politik
und ihrer Beziehung zur Wirtschaft bestimmt. Die Schöpfer dieses
Wirtschafts+bildes+ sind David Hume[587] und Adam Smith.[588] Was
seitdem über sie hinaus und gegen sie geschrieben worden ist, setzt
immer die kritische Anlage und Methode ihrer Systeme unbewußt voraus.
Das gilt von Carey und List so gut wie von Fourier und Lassalle. Und
was den größten Gegner von Adam Smith, Marx betrifft, so macht es wenig
aus, ob man, ganz in der Vorstellungswelt des englischen Kapitalismus
befangen, laut gegen ihn protestiert: man erkennt ihn eben damit an
und will nur durch eine andre Art von Verrechnung dessen Objekten den
Vorteil der Subjekte zuwenden.
Es handelt sich von Smith bis Marx um die bloße Selbstanalyse des
wirtschaftlichen Denkens einer einzigen Kultur und zwar auf einer
einzigen Stufe. Sie ist rationalistisch durch und durch und geht
also vom +Stoff+ aus und seinen Bedingungen, Nöten und Reizen,
statt von der +Seele+ der Geschlechter, Stände, Völker und
ihrer Gestaltungskraft. Sie betrachtet den Menschen als Zubehör
der Lage und weiß nichts von der großen Persönlichkeit und dem
geschichtsbildenden Willen einzelner und ganzer Scharen, der in den
wirtschaftlichen Tatsachen Mittel und nicht Zwecke sieht. Sie hält
das Wirtschaftsleben für etwas, das man ohne Rest aus sichtbaren
Ursachen und Wirkungen erklären kann, das ganz mechanisch angelegt und
völlig in sich abgeschlossen ist, und das endlich zu den ebenfalls für
sich gedachten Kreisen der Politik und Religion in einem irgendwie
kausalen Verhältnis steht. Weil diese Betrachtungsweise systematisch
und nicht geschichtlich ist, so glaubt sie an die zeitlose Gültigkeit
ihrer Begriffe und Regeln und hat den Ehrgeiz, die allein richtige
Methode „der“ Wirtschaftsführung aufstellen zu wollen. Deshalb hat
sie überall, wo ihre Wahrheiten mit den Tatsachen zusammentrafen, ein
vollkommenes Fiasko erlebt, wie es mit den Voraussagen für den Ausbruch
des Weltkriegs durch bürgerliche[589] und mit der Einrichtung der
Sowjetwirtschaft durch proletarische Theoretiker der Fall war.
Es gibt also noch keine Nationalökonomie, insofern man darunter eine
Morphologie der Wirtschafts+seite+ des Lebens versteht und zwar
des Lebens der hohen Kulturen mit ihrer nach Stufe, Tempo und Dauer
gleichartigen Ausbildung eines wirtschaftlichen +Stils+. Denn
die Wirtschaft besitzt kein System, sondern eine Physiognomie. Um
das Geheimnis ihrer inneren Form, ihrer +Seele+ zu ergründen,
bedarf es des physiognomischen Taktes. Um in ihr Erfolg zu haben,
muß man Kenner sein, so wie man Menschenkenner und Pferdekenner ist,
und braucht kein „Wissen“, so wenig der Reiter etwas von Zoologie zu
„wissen“ braucht. Aber diese Kennerschaft kann geweckt werden und zwar
durch einen mitfühlenden Blick auf die Geschichte, der eine Ahnung von
den geheimen Rassetrieben gibt, die auch in wirtschaftlich tätigen
Wesen am Werke sind, um die äußere Lage -- den ökonomischen „Stoff“,
die Not -- nach dem eignen Innern sinnbildlich zu gestalten. +Jedes
Wirtschaftsleben ist Ausdruck eines Seelenlebens.+
Das ist eine neue, eine deutsche Wirtschaftsauffassung, jenseits
von Kapitalismus +und+ Sozialismus, die beide aus der nüchtern
bürgerlichen Verständigkeit des 18. Jahrhunderts hervorgegangen
sind und die nichts sein wollten als eine stoffliche Analyse -- und
daraufhin eine Konstruktion -- der wirtschaftlichen Oberfläche. Was bis
jetzt gelehrt worden ist, bereitet nur vor. Das Wirtschaftsdenken steht
wie das Rechtsdenken noch vor seiner eigentlichen Entfaltung,[590] die
heute wie in hellenistisch-römischer Zeit erst dort einsetzt, wo Kunst
und Philosophie unwiderruflich Vergangenheit geworden sind.
Der folgende Versuch will nichts sein als ein flüchtiger Blick auf die
hier vorhandenen Möglichkeiten.
Wirtschaft und Politik sind Seiten des +einen+ lebendig
dahinströmenden Daseins, nicht des Wachseins, des Geistes.[591]
In beiden offenbart sich der Takt kosmischer Flutungen, die in
Geschlechterfolgen von Einzelwesen eingefangen sind. Sie +haben+
nicht etwa, sondern sie +sind+ Geschichte. Die nichtumkehrbare
Zeit, das Wann regiert in ihnen. Sie gehören beide zur Rasse und
nicht zur Sprache mit ihren raumhaft-kausalen Spannungen wie Religion
und Wissenschaft; sie richten sich beide auf Tatsachen und nicht auf
Wahrheiten. Es gibt politische und wirtschaftliche +Schicksale+,
so wie es in allen religiösen und wissenschaftlichen Lehren einen
zeitlosen +Zusammenhang von Ursache und Wirkung+ gibt.
Das Leben besitzt also eine politische und eine wirtschaftliche Art,
für die Geschichte „in Form“ zu sein. Sie überlagern, stützen oder
bekämpfen sich, aber die politische ist unbedingt die erste. Das Leben
will sich erhalten +und+ durchsetzen oder vielmehr, es will sich
stärker machen, um sich durchzusetzen. In wirtschaftlicher Verfassung
befinden sich die Daseinsströme nur für sich selbst, in politischer
für ihr Verhältnis zu den andern. Daran ändert sich nichts von den
einfachsten einzelligen Pflanzen bis zu den Schwärmen und Völkern der
höchsten frei im Raume beweglichen Wesen. Sich ernähren und sich
bekämpfen: den Rangunterschied beider Lebensseiten läßt ihr Verhältnis
zum Tode erkennen. Es gibt keinen tieferen Gegensatz als den von
+Hungertod und Heldentod+. Wirtschaftlich wird das Leben bedroht,
entwürdigt, +erniedrigt+ durch den Hunger im weitesten Sinne; auch
die Unmöglichkeit, seine Kräfte zur vollen Entwicklung zu bringen,
gehört dazu, die Enge im Lebensraum, die Dunkelheit, der Druck, nicht
nur die unmittelbare Gefahr. Ganze Völker haben durch die zehrende
Kümmerlichkeit ihrer Lebenshaltung die Spannkraft der Rasse verloren.
Hier stirbt man an etwas, nicht für etwas. Die Politik opfert Menschen
für ein Ziel; sie fallen für eine Idee; die Wirtschaft läßt sie nur
verderben. +Der Krieg ist der Schöpfer, der Hunger der Vernichter
aller großen Dinge.+ Dort wird das Leben durch den Tod gehoben,
oft bis zu jener unwiderstehlichen Kraft, deren bloßes Vorhandensein
schon den Sieg bedeutet; hier weckt der Hunger jene häßliche, gemeine,
ganz unmetaphysische Art von Lebensangst, unter welcher die höhere
Formenwelt einer Kultur jäh zusammenbricht, und der nackte Daseinskampf
menschlicher Bestien beginnt.
Es war schon die Rede von dem Doppelsinn aller Geschichte, wie er im
Gegensatz von Mann und Weib zutage tritt.[592] Es gibt eine private
Geschichte, die als Zeugungsfolge der Generationen das „Leben im
Raume“ +darstellt+, und eine öffentliche, die es als politisches
In-Form-sein +verteidigt und sichert+: die „Spindelhälfte“ und die
„Schwertseite“ des Daseins. Sie finden ihren Ausdruck in den Ideen der
Familie und des Staates, aber auch in der Urgestalt des Hauses,[593]
in dem die guten Geister des Ehebetts -- der Genius und die Juno jeder
altrömischen Wohnstätte -- von der Tür, dem Janus, geschützt werden.
Der +privaten+ Geschichte des Geschlechts tritt nun die der
Wirtschaft zur Seite. Von der Dauer eines blühenden Lebens kann seine
Kraft, vom Geheimnis der Zeugung und Empfängnis die Ernährung nicht
getrennt werden. Am reinsten erscheint der Zusammenhang im Dasein
rassestarker Bauerngeschlechter, die gesund und fruchtbar in ihrer
Scholle wurzeln. Und wie im Bilde des Leibes das Geschlechtsorgan mit
dem des Kreislaufs verbunden ist,[594] so bildet die Mitte des Hauses
im +andern+ Sinne der heilige Herd, die Vesta.
Eben deshalb bedeutet Wirtschaftsgeschichte etwas ganz anderes als
politische Geschichte. Hier stehen die großen einmaligen Schicksale
im Vordergrund, die sich zwar in den bindenden Formen der Epoche
vollziehen, aber jedes für sich streng persönlich sind. Dort handelt
es sich wie in der Geschichte der Familie um den Entwicklungsgang der
Formen+sprache+, und alles Einmalige und Persönliche ist wenig
bedeutendes Privatschicksal. Nur die Grundform von Millionen Fällen
kommt in Betracht. Aber die Wirtschaft ist doch nur die Unterlage
alles irgendwie sinnvollen Daseins. Es kommt nicht eigentlich darauf
an, +daß+ man in Verfassung, gut genährt und fruchtbar ist, als
Einzelner oder als Volk, sondern wofür man es ist, und je höher der
Mensch geschichtlich steigt, desto weiter überragt sein politisches
und religiöses Wollen an Innerlichkeit der Symbolik und Gewalt des
Ausdrucks alles, was das Wirtschaftsleben als solches an Form und
Tiefe besitzt. Erst wenn mit der Heraufkunft einer Zivilisation die
Ebbe der gesamten Formenwelt beginnt, treten die Umrisse der bloßen
Lebenshaltung nackt und aufdringlich hervor: das ist denn die Zeit,
wo der platte Spruch von „Hunger und Liebe“ als den Triebkräften des
Daseins aufhört, schamlos zu sein, wo nicht das Starkwerden für eine
Aufgabe, sondern das Glück der Meisten, Behagen und Bequemlichkeit,
„_panem et circenses_“ den Sinn des Lebens bilden und an Stelle
der großen Politik die Wirtschaftspolitik als Selbstzweck tritt.
Weil die Wirtschaft zur Rasseseite des Lebens gehört, so besitzt sie
wie die Politik eine Sitte und keine Moral,[595] denn das unterscheidet
Adel und Priestertum, Tatsachen und Wahrheiten. Jede Berufsklasse hat
wie jeder Stand ein +selbstverständliches+ Gefühl nicht für Gut
und Böse, sondern für Gut und Schlecht. Wer es nicht besitzt, ist
unehrenhaft und gemein. Denn die Ehre steht auch hier im Mittelpunkt
und trennt das Fein+gefühl+ für das, was sich schickt, das
Takt+gefühl+ wirtschaftlich tätiger Menschen von der religiösen
Welt+betrachtung+ und ihrem Grundbegriff der Sünde. Es gibt
eine sehr bestimmte Berufsehre unter Kaufleuten, Handwerkern, Bauern
mit feinen und doch nicht weniger bestimmten Abstufungen für den
Ladenbesitzer, Exportkaufmann, Bankier, Unternehmer, für Bergleute,
Matrosen, Ingenieure, sogar, wie jeder weiß, für Räuber und Bettler,
insofern sie sich als Berufsgenossen fühlen. Niemand hat diese Sitten
gesetzt oder aufgeschrieben, aber sie sind da; sie sind wie alle
Standessitten überall und zu allen Zeiten anders und jedesmal nur
innerhalb des Kreises der Zugehörigen verbindlich. Neben den adligen
Tugenden der Treue, Tapferkeit, Ritterlichkeit, Kameradschaft, die
keiner Berufsgenossenschaft fremd sind, erscheinen scharf ausgeprägte
Anschauungen über den ethischen Wert des Fleißes, des Erfolges, der
Arbeit und ein erstaunliches Distanzgefühl. Dergleichen hat man,
ohne viel darum zu wissen -- erst der Verstoß bringt die Sitte zum
Bewußtsein, -- im Gegensatz zu religiösen Geboten, die zeitlos und
allgemeingültig sind, aber als nie verwirklichte Ideale, und die man
lernen muß, um sie zu wissen und befolgen zu können.
Die religiös-asketischen Grundbegriffe wie „selbstlos“ und „sündlos“
sind innerhalb des Wirtschaftslebens ohne Sinn. Für den wahren Heiligen
ist die Wirtschaft überhaupt Sünde,[596] nicht nur das Zinsnehmen und
die Freude am Reichtum oder der Neid der Armen darauf. Das Wort von
den Lilien auf dem Felde ist für tief religiöse -- und philosophische
-- Naturen unbedingt wahr. Sie stehen mit dem ganzen Schwergewicht
ihres Wesens außerhalb der Wirtschaft und Politik und aller andern
Tatsachen „dieser Welt“. Das lehrt die Zeit Jesu ebenso wie die des
heiligen Bernhard und das Grundgefühl im heutigen Russentum, und
ebenso die Lebensführung eines Diogenes oder Kant. Deshalb wählt man
freiwillige Armut und Wanderschaft und flüchtet sich in Mönchszellen
und Gelehrtenstuben. Wirtschaftlich betätigt sich nie eine Religion
oder Philosophie, sondern immer nur der politische Organismus einer
+Kirche+ oder der soziale einer theoretisierenden Genossenschaft.
Es ist immer ein Kompromiß mit „dieser Welt“ und ein Zeichen des
Willens zur Macht.[597]
2
Was man das Wirtschaftsleben einer Pflanze nennen darf, vollzieht
sich an und in ihr, ohne daß sie selbst etwas andres wäre als der
Schauplatz und willenlose Gegenstand eines Naturvorgangs.[598] Dies
pflanzenhafte, traumhafte Element liegt unverändert der „Wirtschaft“
auch noch des menschlichen Leibes zugrunde, wo es in Gestalt der
Kreislauforgane sein fremdartiges und willenloses Dasein führt. Mit
dem frei im Raum beweglichen Leibe des Tieres aber tritt zum Dasein
das Wachsein, das verstehende Empfinden und damit der Zwang, für
die Erhaltung des Lebens selbständig zu +sorgen+. Hier beginnt
die Lebens+angst+ und führt zu einem Tasten, Wittern, Spähen,
Horchen mit immer schärferen Sinnen und daraufhin zu Bewegungen im
Raume, zum Suchen, Sammeln, Verfolgen, Überlisten, Rauben, das sich
bei manchen Arten wie den Bibern, Ameisen, Bienen, vielen Vögeln
und Raubtieren bis zu den Anfängen einer wirtschaftlichen Technik
steigert, welche Überlegung, das heißt eine gewisse Ablösung des
Verstehens vom Empfinden voraussetzt. Der Mensch ist eigentlich
Mensch in dem Grade, als sich sein Verstehen vom Empfinden befreit
hat und als Denken in die Beziehungen zwischen Mikrokosmos und
Makrokosmos schöpferisch eingreift.[599] Ganz tierhaft ist noch die
Frauenlist dem Manne gegenüber und jene Bauernschlauheit im Erobern
kleiner Vorteile, die sich beide von der Schlauheit des Fuchses in
nichts unterscheiden und mit +einem+ verstehenden Blick das
ganze Geheimnis ihres Opfers durchdringen; aber darüber erhebt sich
nun das Wirtschafts+denken+, das den Acker bestellt, das Vieh
zähmt, die Dinge verwandelt, veredelt, tauscht und tausend Mittel
und Methoden erfindet, um die Lebenshaltung zu erhöhen und die
Abhängigkeit von der Umwelt in eine Herrschaft über sie zu verwandeln.
Dies ist die Unterlage aller Kulturen. Die Rasse bedient sich eines
Wirtschaftsdenkens, das so mächtig werden kann, daß es sich von seinen
Zwecken löst, abstrakte Theorien aufbaut und sich in utopische Weiten
verliert.
Alles höhere Wirtschaftsleben entwickelt sich an und über einem
Bauerntum. Nur das Bauerntum selbst setzt nichts andres voraus.[600]
Es ist gewissermaßen die Rasse an sich, pflanzenhaft und
geschichtslos[601], ganz für sich erzeugend und verbrauchend, mit einem
Blick auf die Welt, vor dem sich alles andre Wirtschaftswesen beiläufig
und verächtlich ausnimmt. Dieser +erzeugenden+ tritt nun eine
+erobernde+ Art von Wirtschaft entgegen, die sich der ersten als
eines Objekts bedient, sich von ihr nähren läßt, sie tributpflichtig
macht oder beraubt. Politik und Handel sind in den Anfängen durchaus
untrennbar, beide herrenmäßig, persönlich, kriegerisch, mit einem
Hunger nach Macht und Beute, der einen ganz andern Blick auf die Welt
mit sich führt -- nicht aus einem Winkel auf sie hinaus, sondern auf
ihr Gewimmel herab -- wie er sich in der Wahl des Löwen, Bären, Geiers,
Falken zu Wappentieren deutlich genug ausspricht. Der Urkrieg ist immer
auch Raubkrieg, der Urhandel mit Plünderung und Piraterie aufs engste
verwandt. Die isländischen Sagas erzählen, wie die Wikinger oft mit der
Bevölkerung einen Marktfrieden von zwei Wochen verabreden, um Handel zu
treiben, worauf man zu den Waffen greift und das Beutemachen beginnt.
Politik und Handel in entwickelter Form -- die Kunst, durch geistige
Überlegenheit Sacherfolge über den Gegner zu erzielen -- sind beide
ein Ersatz des Krieges durch andere Mittel. Jede Art Diplomatie ist
geschäftlicher, jedes Geschäft diplomatischer Natur, und beide beruhen
auf eindringender Menschenkenntnis und physiognomischem Takt. Der
Unternehmungsgeist großer Seefahrer, wie wir sie unter den Phönikern,
Etruskern, Normannen, Venezianern, Hanseaten finden, kluger Bankherren
wie der Fugger und Medici, mächtiger Geldleute wie Crassus und die
Minen- und Trustmagnaten unserer Tage erfordert die strategische
Begabung von +Feldherrn+, wenn die Operationen glücken sollen. Der
Stolz auf das Stammhaus, das väterliche Erbe, die Familientradition
bilden sich hier wie dort in gleicher Weise heraus; die „großen
Vermögen“ sind wie Königreiche und haben ihre Geschichte;[602] und
Polykrates, Solon, Lorenzo de’ Medici, Jürgen Wullenweber sind durchaus
nicht die einzigen Beispiele von politischem Ehrgeiz, der sich aus
kaufmännischem entwickelt hat.
Aber der echte Fürst und Staatsmann will herrschen, der echte
Geschäftsmann will nur reich sein; hier trennt sich die erobernde
Wirtschaft als Mittel und als Zweck.[603] Man kann die Beute um
der Macht und die Macht um der Beute willen suchen. Auch der
große Herrscher wie Hoangti, Tiberius oder Friedrich II. will
„reich an Land und Leuten“ sein, aber mit dem Bewußtsein einer
vornehmen Verpflichtung. Man nimmt mit gutem Gewissen und als etwas
Selbstverständliches die Schätze der ganzen Welt in Anspruch und kann
ein Leben in strahlendem Glanz und selbst in Verschwendung führen,
wenn man sich nur als Träger einer Sendung fühlt wie Napoleon, Cecil
Rhodes und auch der römische Senat des 3. Jahrhunderts, und deshalb den
Begriff des Privatbesitzes in bezug auf sich selbst kaum kennt.