die antiken Volksversammlungen nur abstimmen, nicht beraten, so ist
der Prozeß vor den Rostra +eine Form des Parteikampfes+ und
die eigentliche Schule +politischer+ Beredsamkeit. Der junge
Politiker begann seine Laufbahn, indem er eine große Persönlichkeit
anklagte und womöglich vernichtete,[575] wie der 19jährige Crassus
den berühmten Papirius Carbo, den Freund der Gracchen, der später zu
den Optimaten übergegangen war. Cato wurde aus diesem Grunde 44mal
angeklagt und immer freigesprochen. Die Rechtsfrage tritt dabei ganz
zurück.[576] Die Parteistellung der Richter, die Zahl der Patrone und
der Umfang des Gefolges ist ausschlaggebend, und die Zahl der Zeugen
ist eigentlich nur da, um die politische und finanzielle Macht des
Klägers ins Licht zu rücken. Ciceros ganze Beredsamkeit gegen Verres
will die Richter unter der Maske eines prachtvollen sittlichen Pathos
überzeugen, daß seine Verurteilung in ihrem +Standes+interesse
liegt. Nach allgemein antiker Auffassung ist es selbstverständlich,
daß der Sitz im Gericht den Privatinteressen und denen der Partei zu
dienen hat. Demokratische Ankläger in Athen pflegten am Schluß ihrer
Rede die Geschwornen aus dem Volke darauf aufmerksam zu machen, daß
sie durch Freisprechung des reichen Angeklagten um ihre Prozeßgebühren
kämen.[577] Die gewaltige Macht des Senats beruht zum großen Teil
darauf, daß er durch die Besetzung aller Gerichte das Schicksal jedes
Bürgers in Händen hatte; danach kann man die Tragweite des gracchischen
Gesetzes von 122 ermessen, das die Gerichte dem Ritterstand übertrug
und die Nobilität, das heißt die hohen Beamten damit der Finanzwelt
auslieferte.[578] Sulla hat im Jahre 83 zugleich mit den Proskriptionen
der großen Geldleute auch die Gerichte wieder dem Senat zurückgegeben,
+als politische Waffe+, wie sich versteht, und der Endkampf der
Machthaber findet auch in dem beständigen Wechsel der Richterauswahl
ihren Ausdruck.
Aber während die Antike, an der Spitze das Forum von Rom, die
Volksmasse zu einem sichtbaren und dichten Körper zusammenzog, um ihn
zu zwingen, von seinen Rechten den Gebrauch zu machen, den man wollte,
schuf „gleichzeitig“ die europäisch-amerikanische Politik +durch
die Presse+ ein Kraftfeld von geistigen und Geldspannungen über
die ganze Erde hin, in das jeder einzelne eingeordnet ist, ohne daß
es ihm zum Bewußtsein kommt, so daß er denken, wollen und handeln
muß, wie es irgendwo in der Ferne eine herrschende Persönlichkeit
für zweckmäßig hält. Das ist Dynamik gegen Statik, faustisches gegen
apollinisches Weltgefühl, das Pathos der dritten Dimension gegen die
reine, sinnliche Gegenwart. Man spricht nicht von Mann zu Mann; die
Presse und in Verbindung mit ihr der elektrische Nachrichtendienst
halten das Wachsein ganzer Völker und Kontinente unter dem betäubenden
Trommelfeuer von Sätzen, Schlagworten, Standpunkten, Szenen, Gefühlen,
Tag für Tag, Jahr für Jahr, so daß jedes Ich zur bloßen Funktion eines
ungeheuren geistigen Etwas wird. Das Geld nimmt seinen politischen Weg
nicht als Metall aus einer Hand in die andre. Es verwandelt sich nicht
in Spiele und Wein. Es wird in Kraft umgesetzt und bestimmt durch seine
Menge die Intensität dieser Bearbeitung.
Schießpulver und Buchdruck gehören zusammen, beide in der hohen Gotik
erfunden, beide aus germanischem technischen Denken heraus, als die
+beiden+ großen Mittel faustischer Ferntaktik. Die Reformation
sah zu Beginn der Spätzeit die ersten Flugschriften und Feldgeschütze,
die französische Revolution zu Beginn der Zivilisation den ersten
Broschürensturm vom Herbst 1788 und bei Valmy das erste Massenfeuer
einer Artillerie. Aber damit erhebt sich das in Masse hergestellte und
über endlose Flächen verbreitete gedruckte Wort zu einer unheimlichen
Waffe in den Händen dessen, der sie zu führen weiß. In Frankreich
handelte es sich 1788 noch um einen ursprünglichen Ausdruck privater
Überzeugungen, aber in England war man schon dabei, den +Ein+druck
auf die Leser planmäßig zu erzeugen. Der von London aus mit Artikeln,
Flugblättern, unechten Memoiren auf französischem Boden gegen Napoleon
geführte Krieg ist das erste große Beispiel. Die vereinzelten Blätter
der Aufklärungszeit verwandeln sich in „die Presse“, wie man mit
bezeichnender Anonymität[579] sagt. Der +Pressefeldzug+ entsteht
als die Fortsetzung -- oder Vorbereitung -- des Krieges mit andern
Mitteln, und seine Strategie der Vorpostengefechte, Scheinmanöver,
Überfälle, Sturmangriffe wird während des 19. Jahrhunderts bis zu dem
Grade durchgebildet, daß ein Krieg schon verloren sein kann, bevor der
erste Schuß fällt -- weil die Presse ihn inzwischen gewonnen hat.
Heute leben wir so widerstandslos unter der Wirkung dieser geistigen
Artillerie, daß kaum jemand den inneren Abstand gewinnt, um sich
das Ungeheuerliche dieses Schauspiels klar zu machen. Der Wille zur
Macht in rein demokratischer Verkleidung hat sein Meisterstück damit
vollendet, daß dem Freiheitsgefühl der Objekte mit der vollkommensten
Knechtung, die es je gegeben hat, sogar noch geschmeichelt wird. Der
liberale Bürgersinn ist +stolz+ auf die Abschaffung der Zensur,
der letzten Schranke, während der Diktator der Presse -- Northcliffe!
-- die Sklavenschar seiner Leser unter der Peitsche seiner Leitartikel,
Telegramme und Illustrationen hält. +Die Demokratie hat das Buch
aus dem Geistesleben der Volksmassen vollständig durch die Zeitung
verdrängt.+ Die Bücherwelt mit ihrem Reichtum an Gesichtspunkten,
die das Denken zur Auswahl und Kritik nötigte, ist nur noch für enge
Kreise ein wirklicher Besitz. Das Volk liest die +eine+, „seine“
Zeitung, die in Millionen Exemplaren täglich in alle Häuser dringt, die
Geister vom frühen Morgen an in ihren Bann zieht, durch ihre Anlage
die Bücher in Vergessenheit bringt und, wenn eins oder das andre
doch einmal in den Gesichtskreis tritt, seine Wirkung durch eine
vorweggenommene Kritik ausschaltet.
Was ist Wahrheit? Für die Menge das, was man ständig liest und hört.
Mag ein armer Tropf irgendwo sitzen und Gründe sammeln, um „die
Wahrheit“ festzustellen -- es bleibt +seine+ Wahrheit. Die andre,
die öffentliche des Augenblicks, auf die es in der Tatsachenwelt
der Wirkungen und Erfolge allein ankommt, ist heute ein Produkt der
Presse. Was sie will, ist wahr. Ihre Befehlshaber erzeugen, verwandeln,
vertauschen Wahrheiten. Drei Wochen Pressearbeit, und alle Welt hat
die Wahrheit erkannt.[580] Ihre Gründe sind so lange unwiderleglich,
als Geld vorhanden ist, um sie ununterbrochen zu wiederholen. Auch die
antike Rhetorik war auf den Eindruck und nicht den Inhalt berechnet
-- Shakespeare hat in der Leichenrede des Antonius glänzend gezeigt,
worauf es ankam -- aber sie beschränkte sich auf die Anwesenden und
den Augenblick. Die Dynamik der Presse will +dauernde+ Wirkungen.
Sie muß die Geister +dauernd+ unter Druck halten. Ihre Gründe
sind widerlegt, sobald die größere Geldmacht sich bei den Gegengründen
befindet und sie noch häufiger vor aller Ohren und Augen bringt. In
demselben Augenblick dreht sich die Magnetnadel der öffentlichen
Meinung nach dem stärkeren Pol. Jedermann überzeugt sich sofort von der
neuen Wahrheit. Man ist plötzlich aus einem Irrtum erwacht.
Mit der politischen Presse hängt das Bedürfnis nach allgemeiner
Schulbildung zusammen, das der Antike durchaus fehlt. Es ist ein ganz
unbewußter Drang darin, die Massen als Objekte der Parteipolitik
dem Machtmittel der Zeitung zuzuführen. Dem Idealisten der frühen
Demokratie erschien das als Aufklärung ohne Hintergedanken, und
heute noch gibt es hier und da Schwachköpfe, die sich am Gedanken
der Preßfreiheit begeistern, aber gerade damit haben die kommenden
Cäsaren der Weltpresse freie Bahn. Wer lesen gelernt hat, verfällt
ihrer Macht, und aus der erträumten Selbstbestimmung wird die späte
Demokratie zu einem radikalen Bestimmt+werden+ der Völker durch
die Gewalten, denen das gedruckte Wort gehorcht.
Man bekämpft sich heute, indem man sich diese Waffe entreißt. In
den naiven Anfängen der Zeitungsmacht wurde sie durch Zensurverbote
geschädigt, mit denen die Vertreter der Tradition sich wehrten, und das
Bürgertum schrie auf, die Freiheit des Geistes sei in Gefahr. Jetzt
zieht die Menge ruhig ihres Wegs; sie hat diese Freiheit endgültig
erobert, aber im Hintergrunde bekämpfen sich ungesehen die neuen
Mächte, indem sie die Presse kaufen. Ohne daß der Leser es merkt,
wechselt die Zeitung und damit er selbst den Gebieter.[581] Das Geld
triumphiert auch hier und zwingt die freien Geister in seinen Dienst.
Kein Tierbändiger hat seine Meute besser in der Gewalt. Man läßt das
Volk als Lesermasse los, und es stürmt durch die Straßen, wirft sich
auf das bezeichnete Ziel, droht und schlägt Fenster ein. Ein Wink an
den Pressestab und es wird still und geht nach Hause. Die Presse ist
heute eine Armee mit sorgfältig organisierten Waffengattungen, mit
Journalisten als Offizieren, Lesern als Soldaten. Aber es ist hier
wie in jeder Armee: der Soldat gehorcht blind, und die Wechsel in
Kriegsziel und Operationsplan vollziehen sich ohne seine Kenntnis. Der
Leser weiß nichts von dem, was man mit ihm vorhat, und soll es auch
nicht, und er soll auch nicht wissen, welch eine Rolle er damit spielt.
Eine furchtbarere Satire auf die Gedankenfreiheit gibt es nicht. Einst
durfte man nicht wagen, frei zu denken; jetzt darf man es, aber man
kann es nicht mehr. Man will nur noch denken, was man wollen soll, und
eben das empfindet man als seine Freiheit.
Und die andere Seite dieser späten Freiheit: es ist jedem erlaubt zu
sagen, was er will; aber es steht der Presse frei, davon Kenntnis
zu nehmen oder nicht. Sie kann jede „Wahrheit“ zum Tode verurteilen,
indem sie ihre Vermittlung an die Welt nicht übernimmt, eine furchtbare
Zensur des Schweigens, die um so allmächtiger ist, als die Sklavenmasse
der Zeitungsleser ihr Vorhandensein gar nicht bemerkt.[582] Hier
taucht, wie überall in den Geburtswehen des Cäsarismus, ein Stück
versunkener Frühzeit auf.[583] Der Bogen des Geschehens ist im
Begriff sich zu schließen. Wie in den Bauten von Beton und Stahl
noch einmal der Ausdruckswille der ersten Gotik hervorbricht, aber
nun kalt, beherrscht, zivilisiert, so meldet sich hier der eiserne
Machtwille der gotischen Kirche über die Geister -- als „Freiheit
der Demokratie“. Die Zeit des „Buches“ wird durch die Predigt und
die Zeitung eingefaßt. Bücher sind ein persönlicher +Ausdruck+,
Predigt und Zeitung gehorchen einem unpersönlichen +Zweck+. Die
Jahre der Scholastik bieten in der Weltgeschichte das einzige Beispiel
einer geistigen Zucht, die über alle Länder hin keine Schrift, keine
Rede, keinen Gedanken hervortreten ließ, die der +gewollten+
Einheit widersprachen. Das ist geistige Dynamik. Antike, indische,
chinesische Menschen würden entsetzt auf dies Schauspiel geblickt
haben. Aber gerade das kehrt als +notwendiges+ Ergebnis des
europäisch-amerikanischen Liberalismus wieder, so wie es Robespierre
meinte: „der Despotismus der Freiheit gegen die Tyrannei“. An Stelle
der Scheiterhaufen tritt das große Schweigen. Die Diktatur der
Parteihäupter stützt sich auf die Diktatur der Presse. Man sucht durch
das Geld Leserscharen und ganze Völker der feindlichen Hörigkeit
zu entreißen und unter die eigne Gedankenzucht zu bringen. Hier
erfahren sie nur noch, was sie wissen +sollen+, und ein höherer
Wille gestaltet das Bild ihrer Welt. Man braucht nicht mehr, wie die
Fürsten des Barock, die Untertanen zum Waffendienst zu verpflichten.
Man peitscht ihre Geister auf, durch Artikel, Telegramme, Bilder --
Northcliffe! -- bis sie Waffen +fordern+ und ihre Führer zu einem
Kampfe zwingen, zu dem diese gezwungen sein +wollten+.
Das ist das Ende der Demokratie. Wenn in der Welt der Wahrheiten
der +Beweis+ alles entscheidet, so in der Tatsachenwelt der
+Erfolg+. Erfolg, das bedeutet den Triumph eines Daseinsstromes
über die andern. Das Leben +hat+ sich durchgesetzt; die Träume
der Weltverbesserer sind Werkzeuge von +Herren+naturen geworden.
In der späten Demokratie bricht die +Rasse+ hervor und knechtet
die Ideale oder wirft sie mit Gelächter in den Abgrund. So war es
im ägyptischen Theben, in Rom, in China, aber in keiner zweiten
Zivilisation erhielt der Wille zur Macht eine so unerbittliche Form.
Das Denken und dadurch das Handeln der Masse wird unter eisernem
Druck gehalten. Deshalb und nur deshalb ist man Leser und Wähler,
also in zweifacher Sklaverei, während die Parteien zu gehorsamen
Gefolgschaften von Wenigen werden, über welche der Cäsarismus schon
seine ersten Schatten wirft. Wie das englische Königtum im 19.
Jahrhundert, so werden die Parlamente im 20. langsam ein feierliches
und leeres Schauspiel. Wie dort Szepter und Krone, so werden hier die
Volksrechte mit großem Zeremoniell vor der Menge einhergetragen und um
so peinlicher geachtet, je weniger sie bedeuten. Das ist der Grund,
weshalb der +kluge+ Augustus keine Gelegenheit versäumt hat, die
altgeheiligten Bräuche römischer Freiheit zu betonen. Aber die Macht
verlagert sich heute schon aus den Parlamenten in private Kreise, und
ebenso sinken die Wahlen unaufhaltsam zu einer Komödie herab, für uns
wie für Rom. Das Geld organisiert den Vorgang im Interesse derer, die
es besitzen,[584] und die Wahlhandlung wird ein verabredetes Spiel,
das als Selbstbestimmung des Volkes inszeniert ist. Und wenn eine Wahl
ursprünglich eine +Revolution in legitimen Formen war+,[585] so
hat sich diese Form erschöpft und man „wählt“ sein Schicksal wieder mit
den ursprünglichen Mitteln blutiger Gewalt, wenn die Politik des Geldes
unerträglich wird.
Durch das Geld vernichtet die Demokratie sich selbst, nachdem das Geld
den Geist vernichtet hat. Aber eben weil alle Träume verflogen sind,
daß die Wirklichkeit sich jemals durch die Gedanken irgend eines Zenon
oder Marx verbessern ließe, und man gelernt hat, daß im Reiche der
Wirklichkeit ein Machtwille +nur durch einen andern+ gestürzt
werden kann -- das ist die große Erfahrung im Zeitalter der kämpfenden
Staaten --, erwacht endlich eine tiefe Sehnsucht nach allem, was noch
von alten, edlen Traditionen lebt. Man ist der Geldwirtschaft müde bis
zum Ekel. Man hofft auf eine Erlösung irgendwoher, auf einen echten
Ton von Ehre und Ritterlichkeit, von innerem Adel, von Entsagung und
Pflicht. Und nun bricht die Zeit an, wo in der Tiefe die formvollen
Mächte des Blutes wieder erwachen, die durch den Rationalismus der
großen Städte verdrängt worden sind. Alles was sich an dynastischer
Tradition, an altem Adel für die Zukunft aufgespart hat, an vornehmer,
über das Geld erhabener Sitte, alles was in sich stark genug ist,
um nach dem Worte Friedrichs des Großen +Diener+ des Staats zu
sein in harter, entsagungsvoller, sorgender Arbeit, gerade im Besitz
einer schrankenlosen Gewalt, alles was ich dem Kapitalismus gegenüber
als Sozialismus bezeichnet hatte,[586] alles das wird plötzlich zum
Sammelpunkt ungeheurer Lebenskräfte. Der Cäsarismus +wächst+
auf dem Boden der Demokratie, aber seine Wurzeln reichen tief in die
Untergründe des Blutes und der Tradition hinab. Seine Gewalt verdankt
der antike Cäsar dem Tribunat, seine Würde und damit seine Dauer
besitzt er als Prinzeps. Auch hier erwacht die Seele der frühen Gotik
noch einmal: Der Geist der Ritterorden überwindet das beutelustige
Wikingertum. Mögen die Machthaber der Zukunft, da die große politische
Form der Kultur unwiderruflich zerfallen ist, die Welt als Privatbesitz
beherrschen, so enthält diese formlose und grenzenlose Macht doch eine
+Aufgabe+, die der unermüdlichen Sorge um diese Welt, die das
Gegenteil aller Interessen im Zeitalter der Geldherrschaft ist und die
ein hohes Ehrgefühl und Pflichtbewußtsein fordert. Aber eben deshalb
erhebt sich nun der Endkampf zwischen Demokratie und Cäsarismus,
zwischen den führenden Mächten einer diktatorischen Geldwirtschaft
und dem +rein politischen+ Ordnungswillen der Cäsaren. Um das zu
verstehen, diesen Endkampf zwischen +Wirtschaft und Politik+, in
welchem die Politik ihr Reich +zurück+erobert, bedarf es eines
Blickes auf die Physiognomie der Wirtschaftsgeschichte.
[533] „Reiche vergehen, ein guter Vers bleibt“, meinte W. v.
Humboldt auf dem Schlachtfeld von Waterloo. Aber die Persönlichkeit
Napoleons hat die Geschichte der nächsten Jahrhunderte im
voraus geformt. Die guten Verse -- er hätte doch einmal einen
Bauern am Wege nach ihnen fragen sollen. Sie bleiben -- für den
Literaturunterricht. Plato ist ewig -- für Philologen. Aber
Napoleon beherrscht +uns alle+ innerlich, unsere Staaten und Heere,
unsere öffentliche Meinung, unser ganzes politisches Sein, und um
so mehr, je weniger es uns zum Bewußtsein kommt.
[534] S. 446.
[535] S. 136. 419.
[536] S. 448.
[537] Das bedeutet der englische Grundsatz _men not measures_, und
damit ist eigentlich das Geheimnis aller erfolgreichen Politik
gegeben.
[538] S. 22. 449.
[539] S. 421
[540] Das gilt endlich auch von den Kirchen, die etwas ganz anderes
sind als Religionen, nämlich Elemente der Tatsachenwelt und deshalb
im Charakter ihrer Führung politisch und nicht religiös. Nicht die
christliche Predigt, der christliche Märtyrer hat die Welt erobert,
und daß er die Kraft dazu besaß, verdankt er nicht der Lehre,
sondern dem Vorbild des Mannes am Kreuz.
[541] Es sollte eigentlich kaum betont werden müssen, daß das nicht
die Grundsätze einer aristokratischen Regierung sind, sondern die
des Regierens überhaupt. Kein begabter Massenführer, weder Kleon
noch Robespierre noch Lenin hat sein Amt anders behandelt. Wer
sich wirklich als Beauftragter der Menge fühlt statt als Regent
von solchen, die nicht wissen was sie wollen, würde keinen Tag
lang Herr im Hause sein. Die Frage ist nur, ob gerade die großen
Volksführer ihre Stellung für sich oder für die andern verwalten,
und darüber ließe sich manches sagen.
[542] Ursprünglich eine Vereinigung von neunzehn Fürsten und freien
Städten (1529).
[543] S. 441. 496 ff.
[544] Deshalb nimmt auf dem Boden der bürgerlichen Gleichheit
sofort der Geldbesitz die Stelle des genealogischen Ranges ein.
[545] S. 439.
[546] S. 531 f. Vgl. auch Wellhausen, Die relig.-polit.
Oppositionsparteien im alten Islam (1901).
[547] Für die Demokratie in England und Amerika ist es wesentlich,
daß das Bauerntum dort abgestorben und hier nie vorhanden gewesen
ist. Der „Farmer“ ist seelisch Vorstädter und betreibt praktisch
die Landwirtschaft als Industrie. Statt der Dörfer gibt es nur
Fragmente von Großstädten.
[548] Und überall da, wo zwischen den Urständen auch ein
+politischer+ Gegensatz besteht wie in Ägypten, Indien und im
Abendland, noch eine klerikale, d. h. nicht etwa die Religion,
sondern die Kirche, nicht die Gläubigen, sondern die Priesterschaft
als Partei.
[549] Und ihr stärkerer Gehalt an Rasse gibt ihnen alle Aussicht
dazu.
[550] S. 510 f.
[551] Plebs entspricht dem _tiers_ -- Bürger und Bauern -- des
18., _populus_ der großstädtischen „Masse“ des 19. Jahrhunderts.
Der Unterschied kommt in der Haltung gegenüber den freigelassenen
Sklaven meist nichtitalischer Herkunft zum Ausdruck, welche die
Plebs als Stand in möglichst wenige Tribus zurückzudrängen sucht,
während sie im Populus als einer Partei bald die ausschlaggebende
Rolle spielen.
[552] S. 515.
[553] In aller Stille ging gleichzeitig die katholische Kirche
von der Standes- zur Parteipolitik über und zwar mit einer
strategischen Sicherheit, die nicht genug bewundert werden kann.
Im 18. Jahrhundert war sie, was den Stil ihrer Diplomatie, die
Vergebung der großen Stellen und den Geist ihrer höheren Kreise
betrifft, durchaus aristokratisch gewesen. Man denke an den Typus
des Abbé und an die Kirchenfürsten, welche Minister und Gesandte
wurden wie der junge Kardinal Rohan. Jetzt tritt, ganz „liberal“,
an Stelle der Abkunft die Gesinnung, an Stelle des Geschmacks die
Arbeitskraft, und die großen Mittel der Demokratie, die Presse, die
Wahlen, das Geld, werden mit einem Geschick gehandhabt, das der
eigentliche Liberalismus selten erreicht und nirgends übertroffen
hat.
[554] Zum folg.: M. Gelzer, Die Nobilität der römischen
Republik (1912) S. 43 ff. A. Rosenberg, Untersuch. zur röm.
Centurienverfassung (1911) S. 62 ff.
[555] Allbekannt ist Tammany Hall in New York, aber die
Verhältnisse nähern sich diesem Zustand in allen von Parteien
regierten Ländern. Der amerikanische „Caucus“, der die Staatsämter
unter seine Mitglieder verteilt und deren Namen dann der
Wählermasse aufzwingt, ist als National Liberal Federation von
Chamberlain in England eingeführt worden und seit 1919 auch an
Deutschland in rascher Entwicklung begriffen.
[556] S. 376.
[557] S. 22 f.
[558] Über die Geschichte dieses tragischen Experiments Ed. Meyer,
Gesch. d. Alt. V, § 987 ff.
[559] S. 522. Die „Pläne der kämpfenden Staaten“, das Tschun Tsiu
fan lu und die Biographien bei Se ma tsien sind voll von Beispielen
einer schulmeisterlichen Einmischung der „Weisheit“ in die Politik.
[560] Über dessen aus Sklaven und Tagelöhnern gebildeten
„Sonnenstaat“ vgl. Pauly-Wissowa, Real-Enc. 2, 961. Ebenso stand
der revolutionäre König Kleomenes III. von Sparta (235) unter
dem Einfluß des Stoikers Sphairos. Man begreift, weshalb der
römische Senat wiederholt die „Philosophen und Rhetoren“, d. h.
Geschäftspolitiker, Phantasten und Wühler auswies.
[561] S. 382.
[562] S. 133.
[563] Die frühe Demokratie, die der hoffnungsvollen
Verfassungsentwürfe, die für uns etwa bis zu Lincoln, Bismarck und
Gladstone reicht, muß diese Erfahrung +machen+; die späte, für uns
die des reifen Parlamentarismus, geht von ihr aus. Da haben sich
Wahrheiten und Tatsachen in Gestalt von Parteiideal und Parteikasse
endgültig getrennt. Der echte Parlamentarier fühlt sich eben durch
das Geld von der Abhängigkeit befreit, die in der naiven Auffassung
des Wählers vom Gewählten enthalten ist.
[564] S. 566.
[565] S. 439.
[566] Wenn sie sich trotzdem befreit +fühlt+, so beweist das
wiederum die tiefe Unverträglichkeit zwischen großstädtischem Geist
und gewachsener Tradition, während zwischen seiner Tätigkeit und
dem Regiertwerden durch das Geld eine innere Beziehung besteht.
[567] Die deutsche Verfassung von 1919, also schon an der Schwelle
der +absteigenden+ Demokratie entstanden, enthält in aller
Naivität eine Diktatur der Parteimaschinen, die sich selbst alle
Rechte übertragen haben und niemand ernsthaft verantwortlich
sind. Die berüchtigte Verhältniswahl und die Reichsliste sichern
ihnen die Selbstergänzung. Statt der Rechte des „Volkes“, wie
sie die Verfassung von 1848 der Idee nach enthielt, gibt es nur
solche der Parteien, was harmlos klingt, aber den Cäsarismus der
Organisationen in sich schließt. In diesem Sinne ist sie allerdings
die fortgeschrittenste Verfassung des Zeitalters; sie läßt das Ende
bereits erkennen; einige ganz kleine Änderungen, und sie verleiht
Einzelnen die unumschränkte Gewalt.
[568] Dagegen ist die Gesetzgebung mit einem Amt verbunden. Auch
wo die Annahme oder Verwerfung der Form nach einer Versammlung
zusteht, kann das Gesetz nur durch einen Beamten, etwa den
Tribun, eingebracht werden. Rechtswünsche der Menge, meist durch
die Machthaber suggerierte, äußern sich also im Ausfall von
Beamtenwahlen, wie die Gracchenzeit lehrt.
[569] Noch der 50jährige Cäsar mußte seinen Soldaten am Rubikon
diese Komödie vorspielen, weil sie daran gewöhnt waren, wenn man
etwas von ihnen wollte. Es entspricht etwa dem „Brustton der
Überzeugung“ in heutigen Versammlungen.
[570] Aber der Typus Kleon ist selbstverständlich damals in Sparta
und in Rom zur Zeit der Konsulartribunen (S. 508) ebenso vorhanden
gewesen.