Aber der Verzicht darauf steht ihm nicht frei. Alle modernen

Verfassungen verleugnen die Stände und sind auf die Partei als die

selbstverständliche Grundform der Politik hin angelegt. Das 19.

Jahrhundert, und also auch das vorchristliche dritte, ist die Glanzzeit

der Parteipolitik. Ihr demokratischer Zug erzwingt die Bildung von

+Gegenparteien+, und während einst -- noch im 18. Jahrhundert!

-- der _tiers_ sich nach dem Vorbild des Adels als Stand

konstituierte, so entsteht jetzt nach dem Vorbild der liberalen das

+Abwehrgebilde+ der konservativen Partei,[548] durchaus von deren

Formen beherrscht, verbürgerlicht, ohne bürgerlich zu sein, und auf

eine Taktik verwiesen, deren Mittel und Methoden ausschließlich durch

den Liberalismus bestimmt sind. Sie haben nur die Wahl, diese Mittel

besser zu handhaben als der Gegner[549] oder zu unterliegen, aber es

ist tief im Wesen eines Standes begründet, daß er diese Lage nicht

begreift und nicht den Feind, sondern die Form bekämpfen will: Ein

Appell an die äußersten Mittel, der zu Beginn jeder Zivilisation die

Innenpolitik ganzer Staaten verheert und sie dem äußeren Gegner wehrlos

überliefert. Der Zwang jeder Partei, der Erscheinung nach bürgerlich zu

sein, erhebt sich zur Karikatur, sobald sich unterhalb der städtischen

Schichten von Bildung und Besitz auch noch der Rest als Partei

organisiert. Der Marxismus z. B., der Theorie nach eine Verneinung des

Bürgertums, ist als Partei nach Haltung und Führung spießbürgerlich

durch und durch. Es besteht ein fortwährender Konflikt zwischen dem

Wollen, das notwendig aus dem Rahmen der Parteipolitik und damit jeder

Verfassung heraustritt -- beides ist ausschließlich liberal -- und

ehrlicherweise nur als Bürgerkrieg bezeichnet werden kann, und dem

Auftreten, das man sich schuldig zu sein glaubt und das man jedenfalls

haben muß, um in dieser Zeit irgendeinen dauernden Erfolg zu erzielen.

Aber das Auftreten einer Adelspartei in einem Parlament ist innerlich

ebenso unecht wie das einer proletarischen. Nur das Bürgertum ist hier

zu Hause.

In Rom haben Patrizier und Plebejer von der Einsetzung der Tribunen 471

bis zur Anerkennung ihrer gesetzgeberischen Vollmacht in der Revolution

von 287[550] im wesentlichen als Stände gekämpft. Von da an besitzt

dieser Gegensatz nur noch genealogische Bedeutung und es entwickeln

sich Parteien, die man sehr wohl als liberal und konservativ bezeichnen

kann: der auf dem Forum tonangebende Populus[551] und die Nobilität mit

ihrem Stützpunkt im Senat. Dieser hat sich um 287 aus einem Familienrat

der alten Geschlechter in einen Staatsrat der Verwaltungsaristokratie

verwandelt. Dem Populus stehen die nach dem Besitz abgestuften

Zenturiatkomitien und die Gruppe der großen Geldleute, der

_equites_, nahe, der Nobilität die in den Tributkomitien

einflußreiche Bauernschaft. Man denke dort an die Gracchen und Marius,

hier an C. Flaminius; und man braucht nur schärfer hinzusehen, um die

ganz veränderte Stellung der Konsuln und Tribunen zu bemerken. Sie

sind nicht mehr die ernannten Vertrauensmänner des ersten und dritten

Standes, deren Haltung damit bestimmt ist, sondern sie vertreten und

wechseln die Partei. Es gibt „liberale“ Konsuln wie den älteren Cato

und „konservative“ Tribunen wie Octavius, den Gegner des Ti. Gracchus.

Beide Parteien stellen für die Wahlen ihre Kandidaten auf und suchen

sie mit allen Mitteln demagogischer Bearbeitung durchzubringen, und

wenn das Geld bei den Wahlen keinen Erfolg gehabt hat, so gelingt es

ihm bei den Gewählten immer besser.

In England haben Tories und Whigs zu Beginn des 19. Jahrhunderts

sich selbst als Parteien konstituiert, der Form nach verbürgerlicht

und dem Wortlaut nach beide das liberale Programm angenommen,

wodurch die öffentliche Meinung wie immer vollkommen überzeugt und

zufriedengestellt war.[552] Durch diese meisterhaft und rechtzeitig

vollzogene Schwenkung ist es überhaupt nicht zur Bildung einer

standesfeindlichen Partei gekommen, wie in dem Frankreich von 1789.

Die Mitglieder des Unterhauses wurden aus Sendboten der herrschenden

Schicht zu Volksvertretern, die von ihr weiterhin finanziell abhängig

waren; die Führung blieb in derselben Hand und der Parteigegensatz, für

den sich seit 1830 die Worte liberal und konservativ wie von selbst

einstellten, beruhte auf einem Mehr oder Weniger, nicht auf einem

Entweder-Oder. Es sind dieselben Jahre, in denen die literarische

Freiheitsstimmung des „jungen Deutschland“ in eine Parteigesinnung

überging, und wo in Amerika unter Präsident Jackson sich der

republikanischen Partei gegenüber die demokratische organisierte und

der Grundsatz, daß Wahlen ein Geschäft und sämtliche Staatsämter die

Beute des Siegers seien, in aller Form anerkannt wurde.[553]

Aber die Form der regierenden Minderheit entwickelt sich +vom

Stand über die Partei hinaus unaufhaltsam weiter zur Gefolgschaft

von Einzelnen+. Das Ende der Demokratie und ihr Übergang zum

Cäsarismus äußert sich deshalb darin, daß nicht etwa die Partei des

dritten Standes, der Liberalismus verschwindet, sondern die Partei

als Form überhaupt. Die Gesinnung, das volkstümliche Ziel, die

abstrakten Ideale aller echten Parteipolitik lösen sich auf und an

ihre Stelle tritt die +Privat+politik, der ungehemmte Machtwille

weniger Rassemenschen. Ein Stand hat Instinkte, eine Partei hat ein

Programm, eine Gefolgschaft hat einen Herrn: das ist der Weg von

Patriziat und Plebs über Optimaten und Populären zu den Pompejanern

und Cäsarianern. Das Zeitalter der echten Parteiherrschaft umfaßt kaum

zwei Jahrhunderte und ist für uns seit dem Weltkrieg bereits in vollem

Niedergang begriffen. Daß die gesamte Masse der Wählerschaft aus einem

gemeinsamen Antrieb heraus Männer entsendet, die ihre Sache führen

sollen, wie es in allen Verfassungen ganz naiv gemeint ist, war nur im

ersten Anlauf möglich und setzt voraus, daß nicht einmal die Ansätze

zur Organisation bestimmter Gruppen vorhanden sind. So war es 1789

in Frankreich, 1848 in Deutschland. Mit dem Dasein einer Versammlung

ist aber sofort die Bildung taktischer Einheiten verbunden, deren

Zusammenhalt auf dem Willen beruht, die einmal errungene herrschende

Stellung zu +behaupten+, und die sich nicht im geringsten mehr

als Sprachrohr ihrer Wähler betrachten, sondern umgekehrt diese mit

allen Mitteln der Agitation sich gefügig machen, um sie für ihre

Zwecke einzusetzen. Eine Richtung im Volk, die sich organisiert hat,

ist damit bereits das +Werkzeug+ der Organisation geworden und

sie schreitet unaufhaltsam auf diesem Wege weiter, bis auch die

Organisation das Werkzeug der Führer geworden ist. Der Wille zur Macht

ist stärker als alle Theorie. Am Anfang entsteht die Führung und der

Apparat des Programms wegen; dann werden sie von den Inhabern um der

Macht und Beute willen verteidigt, wie es heute schon ganz allgemein

der Fall ist, wo in allen Ländern Tausende von der Partei und den von

ihr vergebenen Ämtern und Geschäften leben, und endlich verschwindet

das Programm aus der Erinnerung und die Organisation arbeitet für sich

allein.

Beim älteren Scipio und Qu. Flamininus ist noch von Freunden die

Rede, die sie in den Krieg begleiten, aber der jüngere Scipio hat

sich eine _cohors amicorum_ gebildet, wohl das erste Beispiel

eines organisierten Gefolges, das dann auch vor Gericht und bei den

Wahlen arbeitet.[554] Ebenso entwickelt sich das ursprünglich ganz

patriarchalische und aristokratische Treuverhältnis des Patrons zu

seinen Klienten zu einer Interessengemeinschaft auf sehr materieller

Grundlage, und schon vor Cäsar gibt es schriftliche Verträge zwischen

Kandidaten und Wählern mit genauer Festsetzung von Zahlung und

Gegenleistung. Auf der andern Seite bilden sich, ganz wie im heutigen

Amerika,[555] die Klubs und Wahlvereine der Tribulen, welche die

Masse der Wähler des Bezirks beherrschen oder verscheuchen, um mit

den großen Führern, den Vorläufern der Cäsaren, von Macht zu Macht

über das Wahlgeschäft zu verhandeln. Das ist nicht ein Scheitern,

sondern der Sinn und das notwendige Endergebnis der Demokratie, und die

Klage weltfremder Idealisten über diese Zerstörung ihrer Hoffnungen

kennzeichnet nur deren Blindheit für das unerbittliche Zweierlei von

Wahrheiten und Tatsachen und die innere Verbundenheit von Geist und

Geld.

Die politisch-soziale +Theorie+ ist nur eine, aber eine notwendige

Unterlage der Parteipolitik. Die stolze Reihe von Rousseau bis Marx

hat ihr Seitenstück in der antiken von den Sophisten bis zu Platon

und Zenon. In China sind die Grundzüge der entsprechenden Lehren aus

der konfuzianischen und taoistischen Literatur noch zu ermitteln;

es genügt, den Namen des Sozialisten Moh ti zu nennen. In der

byzantinischen und arabischen Literatur der Abbassidenzeit, wo der

Radikalismus stets in strenggläubiger Fassung auftritt, nehmen sie

einen breiten Raum ein und wirken als treibende Kräfte in allen Krisen

des 9. Jahrhunderts; in Ägypten und Indien wird ihr Vorhandensein durch

den Geist der Ereignisse zur Zeit Buddhas und der Hyksos bewiesen.

Einer literarischen Fassung bedürfen sie nicht; ebenso wirksam ist die

mündliche Verbreitung, die Predigt und Propaganda in Sekten und Bünden,

wie sie am Ausgang puritanischer Strömungen, also im Islam und im

englisch-amerikanischen Christentum ganz allgemein ist.

Ob diese Lehren „wahr“ oder „falsch“ sind, ist für die Welt der

politischen Geschichte -- das muß immer wieder betont werden -- eine

Frage ohne Sinn. Die „Widerlegung“ etwa des Marxismus gehört in den

Bereich akademischer Erörterungen oder öffentlicher Debatten, wo

jeder recht hat und die andern immer unrecht. Ob sie +wirksam+

sind; seit wann und für wie lange der Glaube, die Wirklichkeit nach

einem Gedankensystem verbessern zu können, überhaupt eine Macht ist,

mit der die Politik zu rechnen hat, darauf kommt es an. Wir befinden

uns in einer Zeit grenzenlosen Vertrauens auf die Allmacht der

Vernunft. Die großen allgemeinen Begriffe Freiheit, Recht, Menschheit,

Fortschritt sind heilig. Die großen Theorien sind Evangelien. Ihre

Überzeugungskraft beruht nicht auf Gründen, denn die Masse einer Partei

besitzt weder die kritische Energie noch die Distanz, um sie ernsthaft

zu prüfen, sondern auf der sakramentalen Weihe ihrer Schlagworte.

Allerdings beschränkt sich dieser Zauber auf die Bevölkerung der

großen Städte und das Zeitalter des Rationalismus, dieser „Religion

der Gebildeten“.[556] Auf das Bauerntum wirkt er gar nicht und auf die

städtischen Massen nur für gewisse Zeit, da aber mit der Gewalt einer

neuen Offenbarung. Man wird bekehrt, man hängt mit Inbrunst an Worten

und ihren Verkündern; man wird zum Märtyrer auf Barrikaden, auf den

Schlachtfeldern, am Galgen; vor den Blicken öffnet sich ein politisches

und soziales Jenseits und die nüchterne Kritik erscheint niedrig und

profan und ist des Todes würdig.

Aber damit sind Schriften wie der Contrat social und das kommunistische

Manifest Machtmittel ersten Ranges in der Hand von Gewaltmenschen, die

innerhalb des Parteilebens emporgekommen sind und die Überzeugung der

beherrschten Masse zu bilden und benützen wissen.[557]

Indessen, diese abstrakten Ideale besitzen eine Macht, die sich kaum

über zwei Jahrhunderte -- die der Parteipolitik -- erstreckt. Sie

werden zuletzt nicht etwa widerlegt, sondern langweilig. Rousseau ist

es längst und Marx wird es in kurzem sein. Man gibt endlich nicht

diese oder jene Theorie auf, sondern den Glauben an Theorien überhaupt

und damit den schwärmerischen Optimismus des 18. Jahrhunderts,

unzulängliche Tatsachen durch Anwendung von Begriffen verbessern zu

können. Als Platon, Aristoteles und ihre Zeitgenossen die antiken

Verfassungsarten definierten und mischten, um die weiseste und schönste

zu erhalten, hörte alle Welt zu, und gerade Platon hat mit seinem

Versuch, Syrakus nach einem ideologischen Rezept umzugestalten,

diese Stadt zugrunde gerichtet.[558] Es scheint mir ebenso sicher,

daß die südlichen Staaten Chinas durch philosophische Experimente

gleicher Art außer Form gebracht und damit dem Imperialismus von

Tsin ausgeliefert worden sind.[559] Die jakobinischen Fanatiker der

Freiheit und Gleichheit haben Frankreich seit dem Direktorium für

immer der wechselnden Herrschaft von Armee und Börse ausgeliefert,

und jeder sozialistische Aufruhr bricht dem Kapitalismus neue Bahnen.

Aber als Cicero sein Buch vom Staate für Pompejus und Sallust seine

beiden Mahnschriften an Cäsar schrieb, achtete niemand mehr darauf. Bei

Ti. Gracchus wird man vielleicht noch einen Einfluß jenes stoischen

Schwärmers Blossius entdecken, der später Selbstmord beging, nachdem

er auch Aristoneikos von Pergamon ins Verderben geführt hatte,[560]

aber im letzten vorchristlichen Jahrhundert sind die Theorien ein

verbrauchtes Schulthema geworden und es handelt sich von da an um die

Macht allein.

Niemand sollte sich darüber täuschen, daß das Zeitalter der Theorie

auch für uns zu Ende geht. Die großen Systeme des Liberalismus

und Sozialismus sind sämtlich zwischen 1750 und 1850 entstanden.

Das von Marx ist heute schon fast ein Jahrhundert alt und ist das

letzte geblieben. Innerlich bedeutet es mit seiner materialistischen

Geschichtsauffassung die äußerste Konsequenz des Rationalismus und

demnach einen Abschluß. Aber wie der Glaube an Rousseaus Menschenrechte

etwa mit 1848, so hat der Glaube an ihn mit dem Weltkrieg seine Kraft

verloren. Wer die Hingabe bis zum Tode, die Rousseaus Gedanken in

der französischen Revolution gefunden haben, mit der Haltung der

Sozialisten von 1918 vergleicht, die eine Überzeugung, welche sie

nicht mehr besaßen, vor ihrer Anhängerschaft und in ihr aufrecht

erhalten mußten, nicht um der Idee, sondern um der Macht willen, die

davon abhängig war, der sieht auch den ferneren Weg vorgezeichnet,

auf dem endlich jedes Programm fallen wird, weil es dem Kampf um

die Gewalt nur noch im Wege steht. Der Glaube daran hatte die

Großväter +ausgezeichnet+; für die Enkel ist er ein Beweis von

Provinzialismus. An seiner Stelle keimt heute schon aus Seelennot und

Gewissensqual eine neue resignierte Frömmigkeit empor, die es aufgibt,

ein neues Diesseits zu begründen, die statt der grellen Begriffe das

Geheimnis sucht und es in den Tiefen der zweiten Religiosität[561] auch

endlich finden wird.

19

Dies ist die eine, die sprachliche Seite der großen Tatsache

Demokratie. Es bleibt übrig, die andere und entscheidende zu

betrachten, die der Rasse.[562] Die Demokratie würde in den Köpfen und

auf dem Papier geblieben sein, wenn unter ihren Verfechtern nicht echte

Herrennaturen gewesen wären, für die das Volk nichts als Objekt und die

Ideale nichts als Mittel waren, so wenig sie sich dessen oft bewußt

geworden sind. Alle, auch die unbedenklichsten Methoden der Demagogie,

die innerlich ganz dasselbe ist wie die Diplomatie des _ancien

régime_, nur statt auf Fürsten und Gesandte auf Massen, statt auf

erlesene Geister auf wüste Meinungen, Stimmungen, Willensausbrüche hin

angelegt, ein Orchester von Blechinstrumenten statt alter Kammermusik,

sind von ehrlichen, aber praktischen Demokraten ausgebildet worden, und

die Parteien der Tradition haben sie erst von ihnen gelernt.

Aber es kennzeichnet allerdings den Weg der Demokratie, daß die

Urheber volkstümlicher Verfassungen niemals die tatsächliche Wirkung

ihrer Entwürfe geahnt haben, weder der Schöpfer der „servianischen“

Verfassung in Rom noch die Nationalversammlung in Paris. Da alle diese

Formen nicht gewachsen sind wie das Lehnswesen, sondern ausgedacht, und

zwar nicht auf Grund einer tiefen Kenntnis der Menschen und Dinge,

sondern abstrakter Vorstellungen von Recht und Gerechtigkeit, so

klafft ein Abgrund zwischen dem Geist der Gesetze und den praktischen

Gewohnheiten, die sich unter ihrem Druck in der Stille herausbilden, um

sie dem Takt des wirklichen Lebens anzupassen oder fernzuhalten. Erst

die Erfahrung hat gelehrt und erst am Ende der ganzen Entwicklung, daß

Rechte des Volkes und Einfluß des Volkes zweierlei sind. Je allgemeiner

das Wahlrecht, desto +geringer+ wird die Macht einer Wählerschaft.

In den Anfängen einer Demokratie gehört dem Geiste das Feld allein. Es

gibt nichts Edleres und Reineres als die Nachtsitzung des 4. August

1789 und den Schwur im Ballhause oder die Gesinnung in der Frankfurter

Paulskirche, wo man mit der Macht in Händen so lange über allgemeine

Wahrheiten beriet, bis die Mächte der Wirklichkeit sich gesammelt

hatten und die Träumer beiseite schoben. Bald genug indessen meldet

sich die andere Größe jeder Demokratie und mahnt an die Tatsache,

daß man von verfassungsmäßigen Rechten nur Gebrauch machen kann,

wenn man Geld hat.[563] Daß ein Wahlrecht annähernd leistet, was der

Idealist sich dabei denkt, setzt voraus, daß es keine organisierte

Führerschaft gibt, die in +ihrem+ Interesse und im Maßstabe des

verfügbaren Geldes auf die Wähler einwirkt. Sobald sie da ist, hat

die Wahl nur noch die Bedeutung einer Zensur, welche die Menge den

einzelnen Organisationen erteilt, auf deren Gestaltung sie zuletzt

nicht den geringsten Einfluß mehr besitzt. Und ebenso bleibt das ideale

Grundrecht abendländischer Verfassungen, das der Masse, ihre Vertreter

frei zu bestimmen, bloße Theorie, denn jede entwickelte Organisation

ergänzt sich in Wirklichkeit selbst.[564] Endlich erwacht ein Gefühl

davon, daß das allgemeine Wahlrecht überhaupt kein wirkliches Recht

enthält, nicht einmal das der Wahl zwischen den Parteien, weil die auf

seinem Boden erwachsenen Machtgebilde durch das Geld alle geistigen

Mittel der Rede und Schrift beherrschen und damit die Meinung des

Einzelnen +über+ die Parteien nach Belieben lenken, während sie

andrerseits durch ihre Verfügung über Ämter, Einfluß und Gesetze einen

Stamm unbedingter Anhänger züchten, eben den „Caucus“, der den Rest

ausschaltet und ihn zu einer Wahlmüdigkeit führt, die endlich selbst in

den großen Krisen nicht mehr überwunden werden kann.

Scheinbar besteht ein gewaltiger Unterschied zwischen der

abendländischen, parlamentarischen Demokratie und denen der

ägyptischen, chinesischen, arabischen Zivilisation, welchen der

Gedanke allgemeiner Volkswahlen ganz fremd ist. Aber für uns ist in

diesem Zeitalter die Masse +als Wählerschaft+ „in Form“, in genau

demselben Sinne, wie sie es vorher als Untertanenverband gewesen war,

+als Objekt nämlich für ein Subjekt+, und wie sie es in Bagdad

und Byzanz als Sekte oder Mönchtum und anderswo als regierendes Heer,

Geheimbund oder Sonderstaat im Staate ist. Die Freiheit ist wie

immer lediglich +negativ+.[565] Sie besteht in der Ablehnung

der Tradition, der Dynastie, der Oligarchie, des Khalifats; aber die

ausübende Macht geht von diesen sofort und ungeschmälert an neue

Gewalten über, an Parteihäupter, Diktatoren, Prätendenten, Propheten

und ihren Anhang, und ihnen gegenüber bleibt die Menge weiterhin

+bedingungslos Objekt+.[566] „Selbstbestimmungsrecht des Volkes“

ist eine höfliche Redensart; tatsächlich hat mit jedem allgemeinen --

anorganischen -- Wahlrecht sehr bald der ursprüngliche Sinn des Wählens

überhaupt aufgehört. Je gründlicher die gewachsenen Gliederungen der

Stände und Berufe politisch ausgelöscht werden, desto formloser, desto

hilfloser wird die Wählermasse, desto unbedingter ist sie den neuen

Gewalten ausgeliefert, den Parteileitungen, welche der Menge mit allen

Mitteln geistigen Zwanges ihren Willen diktieren, den Kampf um die

Herrschaft unter sich ausfechten, mit Methoden, von denen die Menge

zuletzt weder etwas sieht noch versteht, und welche die öffentliche

Meinung lediglich als selbstgeschmiedete Waffe gegen einander erheben.

Aber eben deshalb treibt ein unwiderstehlicher Zug jede Demokratie

auf diesem Wege weiter, der sie zu ihrer Aufhebung durch sich selbst

führt.[567]

Die Grundrechte eines antiken Volkes (_demos_, _populus_)

erstrecken sich auf die Besetzung der hohen Staatsämter und die

Rechtsprechung.[568] Dafür war man „in Form“ auf dem Forum, ganz

euklidisch, als körperhaft gegenwärtige Masse an einem Punkt

versammelt, und hier war man Objekt einer Bearbeitung antiken Stils,

nämlich mit körperlichen, nahen, sinnlichen Mitteln, mit einer

Rhetorik, die unmittelbar auf jedes Ohr +und Auge+ wirkte,

und die mit ihren uns zum Teil widerlichen und kaum zu ertragenden

Mitteln, einstudierten Tränen, zerrissenen Gewändern,[569] mit

schamlosem Lob der Anwesenden, wahnwitzigen Lügen über den Gegner,

einem festen Bestand glänzender Wendungen und wohlklingender Kadenzen

ausschließlich an dieser Stelle und zu diesem Zweck entstanden ist;

mit Spielen und Geschenken, mit Drohungen und Schlägen, vor allem aber

mit Geld. Wir kennen die Anfänge aus dem Athen von 400,[570] das Ende

in erschreckendem Maßstabe aus dem Rom Cäsars und Ciceros. Es ist wie

überall: die Wahlen sind aus der Ernennung von Standesvertretern zum

Kampf zwischen Parteikandidaten geworden. Aber damit ist die Arena

gegeben, in der das Geld angreift und zwar seit Zama mit ungeheurer

Steigerung der Dimensionen. „Je größer der Reichtum wurde, der sich in

den Händen einzelner konzentrieren konnte, desto mehr gestaltete sich

der Kampf um die politische Macht zu einer Geldfrage.“[571] Damit ist

alles gesagt. Aber es ist in einem tieferen Sinne trotzdem falsch, von

Korruption zu reden. Es ist nicht die Ausartung der Sitte, es ist die

Sitte selbst, die der reifen Demokratie, welche mit schicksalhafter

Notwendigkeit solche Formen annimmt. Der Censor Appius Claudius

(310), ohne Zweifel ein echter Hellenist und Verfassungsideologe (wie

nur irgend jemand aus dem Kreise der Madame Roland), hat bei seinen

Reformen sicherlich stets an Wahlrechte und nicht an die Kunst, Wahlen

zu machen, gedacht, aber jene Rechte bereiten dieser Kunst nur den Weg.

Die Rasse kommt erst in dieser zum Vorschein und setzt sich sehr bald

vollkommen durch. Innerhalb einer Diktatur des Geldes kann aber die

Arbeit des Geldes nicht als Verfall bezeichnet werden.

Die römische Ämterlaufbahn forderte, seit sie sich in der Form von

Volkswahlen vollzog, ein Kapital, das den angehenden Politiker zum

Schuldner seiner ganzen Umgebung machte. Vor allem die Ädilität, wo man

durch öffentliche Spiele die Vorgänger überbieten mußte, um später die

Stimmen der Zuschauer zu haben. Sulla fiel bei der ersten Bewerbung um

die Prätur durch, weil er nicht Ädil gewesen war. Dann das glänzende

Gefolge, mit dem man sich täglich auf dem Forum zu zeigen hatte, um

der müßigen Menge zu schmeicheln. Ein Gesetz verbot das Geleit gegen

Bezahlung, aber die Verpflichtung von Vornehmen durch Darlehen,

Empfehlung zu Ämtern und Geschäften und Verteidigung vor Gericht,

die diese wiederum zur Begleitung und zu täglichen Morgenbesuchen

verpflichtete, war teurer. Pompejus war Patron der halben Welt, von

den picenischen Bauern an bis zu den Königen im Orient; er vertrat

und beschützte alles; das war sein politisches Kapital, das er gegen

die zinslosen Darlehen des Crassus und die „Vergoldung“[572] aller

Ehrgeizigen durch den Eroberer Galliens einsetzen konnte. Man läßt den

Wählern bezirksweise Frühstücke servieren,[573] Freiplätze für die

Gladiatorenspiele anweisen oder auch wie Milo unmittelbar Geld ins Haus

senden. Cicero nennt das die Sitten der Väter achten. Das Wahlkapital

nahm amerikanische Dimensionen an und betrug zuweilen Hunderte von

Millionen Sesterzen. Bei den Wahlen von 54 stieg der Zinsfuß von 4

auf 8%, weil der größte Teil der ungeheuren Bargeldmasse, die in Rom

vorhanden war, in der Agitation festgelegt wurde. Cäsar hatte als Ädil

so viel ausgegeben, daß Crassus für 20 Millionen bürgen mußte, damit

die Gläubiger ihm die Abreise in die Provinz gestatteten, und bei

der Wahl zum Pontifex Maximus hatte er seinen Kredit noch einmal so

überspannt, daß sein Gegner Catulus ihm Geld für den Rücktritt bieten

konnte, weil er im Fall einer Niederlage verloren war. Aber die auch

deshalb unternommene Eroberung und Ausbeutung Galliens machte ihn zum

reichsten Mann der Welt; hier ist eigentlich Pharsalus schon gewonnen

worden.[574] Denn Cäsar hat diese Milliarden um der +Macht+

willen erobert, wie Cecil Rhodes, und nicht aus Freude am Reichtum,

wie Verres und im Grunde auch Crassus, ein großer Geldmann mit

politischem Nebenberuf. Er begriff, daß auf dem Boden einer Demokratie

die verfassungsmäßigen Rechte ohne Geld nichts, mit Geld alles

bedeuten. Als Pompejus noch davon träumte, er könne Legionen aus der

Erde stampfen, hatte sie Cäsar durch sein Geld längst zur Wirklichkeit

verdichtet. Er hatte diese Methoden vorgefunden; er beherrschte

sie, aber er identifizierte sich nicht mit ihnen. Man muß sich klar

machen, daß sich etwa seit 150 die um Grundsätze versammelten

Parteien zu persönlichen Gefolgschaften auflösen um Männer, die ein

privatpolitisches Ziel hatten und sich auf die Waffen ihrer Zeit

verstanden.

Der Untergang des Abendlandes, Zweiter Band · 第 54 / 62 段