allem Kenner, Kenner der Menschen, Lagen, Dinge. Er hat den „Blick“,
der ohne Zögern, unbestechlich den Kreis des Möglichen umfaßt. Der
Pferdekenner prüft mit +einem+ Blick die Haltung des Tieres und
weiß, welche Aussichten es im Rennen besitzt. Der Spieler wirft einen
Blick auf den Gegner und kennt den nächsten Zug. Das Richtige tun,
ohne es zu „wissen“, die sichere Hand, die den Zügel unmerklich kürzer
faßt oder fallen läßt -- es ist das Gegenteil von der Begabung des
theoretischen Menschen. Der geheime Takt alles Werdens ist in ihm und
in den geschichtlichen Dingen ein und derselbe. Sie ahnen einander; sie
sind für einander da. Der Tatsachenmensch kommt nie in Gefahr, Gefühls-
und Programmpolitik zu treiben. Er glaubt nicht an die großen Worte.
Er hat die Frage des Pilatus beständig auf den Lippen. Wahrheiten
-- der geborne Staatsmann steht jenseits von wahr und falsch. Er
verwechselt die Logik der Ereignisse nicht mit der Logik der Systeme.
„Wahrheiten“ -- oder „Irrtümer“, was hier dasselbe ist -- kommen
für ihn nur als geistige Strömungen in Betracht, hinsichtlich ihrer
+Wirkung+, deren Stärke, Dauer und Richtung er überblickt und für
das Schicksal der von ihm gelenkten Macht in seine Rechnung stellt. Er
hat Überzeugungen, die ihm teuer sind, gewiß, aber als Privatmann; kein
Politiker von Rang hat sich, solange er handelte, von ihnen abhängig
gefühlt. „Der Handelnde ist immer gewissenlos; es hat niemand Gewissen,
als der Betrachtende“ (Goethe). Das gilt von Sulla und Robespierre so
gut wie von Bismarck und Pitt. Die großen Päpste und die englischen
Parteiführer haben, solange sie die Dinge zu meistern hatten, keine
andern Grundsätze befolgt als die Eroberer und Empörer aller Zeiten.
Man leite aus den Handlungen Innocenz III., der die Kirche beinahe zur
Weltherrschaft geführt hat, die Grundregeln ab und man erhält einen
Katechismus des Erfolges, der das äußerste Gegenteil aller religiösen
Moral darstellt, ohne den es aber keine Kirche, keine englischen
Kolonien, keine amerikanischen Vermögen, keine siegreiche Revolution
und endlich weder einen Staat noch eine Partei noch überhaupt ein Volk
in erträglicher Lage geben würde. Das +Leben+, nicht der Einzelne
ist gewissenlos.
Deshalb gilt es die Zeit verstehen, +für die+ man geboren ist.
Wer ihre geheimsten Mächte nicht ahnt und begreift, wer nicht in sich
selbst etwas Verwandtes fühlt, das ihn vorwärts drängt auf einer Bahn,
die sich mit Begriffen nicht umschreiben läßt, wer an die Oberfläche,
die öffentliche Meinung, die großen Worte und Ideale des Tages glaubt,
ist ihren Ereignissen nicht gewachsen. Sie haben ihn, nicht er sie in
der Gewalt. Nicht zurückblicken und den Maßstab aus der Vergangenheit
holen! Noch weniger zur Seite auf irgend ein System! Es gibt in Zeiten
wie der heutigen oder der des Gracchus zwei Arten von verhängnisvollem
Idealismus, den reaktionären und den demokratischen. Der eine glaubt
an die Umkehrbarkeit der Geschichte, der zweite an ein Ziel in ihr.
Aber für den notwendigen Mißerfolg, mit dem beide die Nation belasten,
über deren Schicksal sie Macht besitzen, ist es gleichgültig, ob man
sie einer Erinnerung opfert oder einem Begriff. Der echte Staatsmann
ist die Geschichte in Person, ihr Gerichtetsein als Einzelwille, ihre
organische Logik als Charakter.
Der Staatsmann von Rang sollte aber auch Erzieher in einem großen Sinne
sein, nicht Vertreter einer Moral oder Doktrin, sondern vorbildlich in
seinem Tun.[539] Es ist eine bekannte Tatsache, daß keine neue Religion
den Stil des Daseins je verändert hat. Sie durchdrang das Wachsein, den
+geistigen+ Menschen, sie warf neues Licht auf eine jenseitige Welt,
sie schuf unermeßliches Glück durch die Kraft des Sichbescheidens, des
Entsagens und des Duldens bis zum Tode; über die Mächte des Lebens
besaß sie keine Gewalt. Schöpferisch im Lebendigen, nicht bildend,
sondern züchtend, den Typus ganzer Stände und Völker verwandelnd wirkt
nur die große Persönlichkeit, das „es“, die Rasse in ihr, die in ihr
gebundene kosmische Kraft. Nicht +die+ Wahrheit, +das+ Gute, +das+
Erhabene, sondern +der+ Römer, +der+ Puritaner, +der+ Preuße ist eine
Tatsache. Ehrgefühl, Pflichtgefühl, Disziplin, Entschlossenheit -- das
lernt man nicht aus Büchern. Es wird im strömenden Dasein +geweckt+
durch ein lebendiges Vorbild. Deshalb war Friedrich Wilhelm I. einer
der größten Erzieher aller Zeiten, dessen persönliche rassebildende
Haltung aus der Folge von Generationen nicht wieder verschwindet. Es
unterscheidet den echten Staatsmann von dem Nurpolitiker, dem Spieler
aus Freude am Spiel, dem Glücksjäger auf den Höhen der Geschichte,
dem Habgierigen und Rangsüchtigen, dem Schulmeister eines Ideals, daß
er Opfer fordern darf und sie erhält, weil sein Gefühl, für die Zeit
und Nation notwendig zu sein, von Tausenden geteilt wird, sie bis ins
Innerste umgestaltet und zu Taten befähigt, denen sie sonst nicht
gewachsen wären.[540]
Das Höchste aber ist nicht handeln, sondern +befehlen können+.
Erst damit wächst der Einzelne über sich selbst hinaus und wird zum
Mittelpunkt einer tätigen +Welt+. Es gibt eine Art des Befehlens,
die das Gehorchen zu einer stolzen, freien und vornehmen Gewohnheit
macht und die z. B. Napoleon +nicht+ besaß. Ein Rest von
subalterner Gesinnung hat ihn verhindert, Männer und nicht Zubehöre
einer Registratur zu erziehen, durch Persönlichkeiten und nicht durch
Verordnungen zu herrschen; und weil er sich auf diesen feinsten Takt
des Befehlens nicht verstand und deshalb alles wirklich Entscheidende
selbst zu tun hatte, ist er am Mißverhältnis zwischen den Aufgaben
seiner Stellung und den Grenzen menschlicher Leistungsfähigkeit
langsam zugrunde gegangen. Wer aber diese höchste und letzte Gabe
vollkommensten Menschentums besitzt wie Cäsar oder Friedrich der
Große, der empfängt am Abend einer Schlacht, wenn die Operationen dem
gewollten Ende zueilen und mit dem Sieg der Feldzug sich entscheidet,
oder in einer Stunde, wo mit der letzten Unterschrift eine Epoche der
Geschichte beschlossen wird, ein wunderbares Gefühl von Macht, das dem
Wahrheitsmenschen für immer verschlossen bleibt. Es gibt Augenblicke,
und sie bezeichnen die Höhepunkte kosmischer Strömungen, in denen ein
Einzelner sich mit dem Schicksal und der Weltmitte identisch weiß
und seine Persönlichkeit beinahe als Hülle empfindet, in welche die
Geschichte der Zukunft sich zu kleiden im Begriff ist.
Die erste Aufgabe ist: selbst etwas zu machen; die zweite,
unscheinbarer, aber schwerer und größer in ihrer Fernwirkung: +eine
Tradition zu schaffen+, andere dahin zu bringen, daß sie das eigne
Werk fortsetzen, dessen Takt und Geist; einen Strom einheitlicher
Tätigkeit zu entfesseln, der des ersten Führers nicht mehr bedarf, um
in Form zu bleiben. Damit wächst der Staatsmann zu etwas empor, das
die Antike wohl als Gottheit bezeichnet hätte. Er wird zum Schöpfer
eines neuen Lebens, zum +geistigen+ Ahnherrn einer jungen Rasse.
Er selbst als Wesen entschwindet nach wenig Jahren aus diesem Strom.
Aber eine von ihm ins Dasein gerufene Minderheit, ein anderes Wesen
von seltsamster Art, tritt an seine Stelle und zwar für unabsehbare
Zeit. Dies kosmische Etwas, diese Seele einer herrschenden Schicht kann
ein Einzelner erzeugen und als Erben hinterlassen und das ist es, was
in aller Geschichte die Wirkungen von Dauer hervorgebracht hat. Der
große Staatsmann ist selten. Ob er kommt, ob er zur Geltung kommt, zu
früh, zu spät -- das alles ist Zufall. Die großen Einzelnen zerstören
oft mehr, als sie aufgebaut haben -- durch die Lücke, die ihr Tod im
Strom des Geschehens läßt. Aber eine Tradition schaffen heißt den
Zufall ausschalten. Eine Tradition züchtet einen hohen Durchschnitt,
mit dem die Zukunft sicher rechnen darf, keinen Cäsar, aber einen
Senat, keinen Napoleon, aber ein unvergleichliches Offizierkorps. Eine
starke Tradition zieht von allen Seiten die Talente an und erzielt
mit kleinen Begabungen große Erfolge. Das beweisen die Malerschulen
in Italien und Holland nicht weniger wie das preußische Heer und die
Diplomatie der römischen Kurie. Es war eine große Schwäche Bismarcks
im Vergleich zu Friedrich Wilhelm I., daß er zwar zu handeln, aber
keine Tradition zu bilden verstand, daß er neben dem Offizierkorps
Moltkes keine entsprechende Rasse von Politikern schuf, die sich
mit seinem Staat und dessen neuen Aufgaben identisch fühlte, die
fortgesetzt bedeutende Menschen von unten aufnahm und ihrem Takt des
Handelns für immer einverleibte. Geschieht das nicht, so bleibt statt
einer regierenden Schicht aus einem Guß eine Sammlung von Köpfen, die
dem Unvorhergesehenen hilflos gegenübersteht. Glückt es aber, +so
entsteht ein „souveränes Volk+“ in dem einzigen Sinne, der eines
Volkes würdig und in der Tatsachenwelt möglich ist: eine sich selbst
ergänzende hochgezüchtete Minderheit mit sicherer, in langer Erfahrung
gereifter Tradition, die jede Begabung in ihren Bann zieht und ausnützt
und sich eben deshalb mit dem von ihr regierten Rest der Nation in
Einklang befindet. Eine solche Minderheit wird langsam zur echten
Rasse, selbst wenn sie einmal Partei gewesen war, und sie entscheidet
mit der Sicherheit des Blutes, nicht des Verstandes. Eben deshalb
aber geschieht in ihr alles „von selbst“; sie bedarf des Genies nicht
mehr. Das bedeutet, wenn man so sagen darf, den Ersatz +des großen
Politikers durch die große Politik+.
Aber was +ist+ Politik? -- Die Kunst des Möglichen; das ist ein
altes Wort und mit ihm ist beinahe alles gesagt. Der Gärtner kann eine
Pflanze aus dem Samen ziehen oder ihren Stamm veredeln. Er kann die
in ihr verborgenen Anlagen, ihren Wuchs und ihre Tracht, ihre Blüten
und Früchte zur Entfaltung bringen oder verkümmern lassen. Von seinem
Blick für das Mögliche und also Notwendige hängt ihre Vollkommenheit,
ihre Kraft, ihr ganzes Schicksal ab. Aber die Grundgestalt und Richtung
ihres Daseins, dessen Stufen, Geschwindigkeit und Dauer, das „Gesetz,
nach dem sie angetreten“, stehen +nicht+ in seiner Gewalt. Sie muß
es erfüllen oder sie verdirbt, und dasselbe gilt von der ungeheuren
Pflanze „Kultur“ und den in ihre politische Formenwelt gebannten
Daseinsströmen menschlicher Geschlechter. Der große Staatsmann ist der
Gärtner eines Volkes.
Jeder Handelnde ist in eine Zeit und für eine Zeit geboren. Damit ist
der Umkreis des +für ihn+ Erreichbaren bestimmt. Für die Großväter
und Enkel ist etwas anderes gegeben und also Ziel und Aufgabe. Der
Kreis verengt sich weiter durch die Schranken seiner Persönlichkeit
und durch die Eigenschaften seines Volkes, der Lage und der Menschen,
mit denen er arbeiten muß. Es kennzeichnet den Politiker von Rang,
daß er selten Opfer zu bringen hat, weil er sich über diese Grenze
täuschte, daß er aber auch nichts, was sich verwirklichen ließe,
übersieht. Dahin gehört -- gerade unter Deutschen kann das nicht oft
genug wiederholt werden -- daß er das, was sein sollte, nie mit dem
verwechselt, was sein +wird+. Die Grundformen des Staates und des
politischen Lebens, die Richtung und der Stand ihrer Entwicklung sind
mit einer Zeit gegeben und unabänderlich. Alle politischen Erfolge
werden mit ihnen, nicht an ihnen erzielt. Die Anbeter politischer
Ideale allerdings schaffen aus dem Nichts. Sie sind in ihren Köpfen
erstaunlich frei; aber ihre Gedankenbauten aus den luftigen Begriffen
Weisheit, Gerechtigkeit, Freiheit, Gleichheit sind schließlich ewig
dieselben, und sie fangen immer wieder von vorn an. Dem Meister der
Tatsachen genügt es, das für ihn schlechthin Vorhandene unmerklich zu
lenken. Das erscheint wenig und doch beginnt erst hier die Freiheit
in einem großen Sinne. Auf die +kleinen+ Züge, den letzten
vorsichtigsten Druck auf das Steuerruder, das Feingefühl für die
zartesten Schwankungen der Völker- und Einzelseelen kommt es an.
Staatskunst ist der klare Blick für die großen Linien, die unverrückbar
gezogen sind, +und+ die sichere Hand für das +Einmalige+, das
+Persönliche+, das in ihrem Rahmen aus einem nahenden Verhängnis
einen entscheidenden Erfolg machen kann. Das Geheimnis aller Siege
liegt in der Organisation des Unscheinbaren. Wer sich darauf versteht,
kann als Vertreter des Besiegten den Sieger beherrschen wie Talleyrand
in Wien. Cäsar, dessen Lage damals fast verzweifelt war, hat in Luca
die Macht des Pompejus unvermerkt seinen Zielen dienstbar gemacht und
damit untergraben; aber es gibt eine gefährliche Grenze des Möglichen,
welche der vollendete Takt der großen Barockdiplomaten kaum je verletzt
hat, während es Vorrecht des Ideologen ist, beständig darüber zu
stolpern. Es gibt Wendungen in der Geschichte, von denen der Kenner
sich eine Zeitlang treiben läßt, um die Herrschaft nicht zu verlieren.
Jede Lage besitzt ihr Maß von Elastizität, über das man sich nicht
im geringsten täuschen darf. Eine zum Ausbruch gekommene Revolution
beweist immer einen Mangel an politischem Takt bei den Regierenden
+und+ ihren Gegnern.
Das Notwendige soll man +rechtzeitig+ tun, solange es nämlich
ein Geschenk ist, mit dem die regierende Macht sich das Vertrauen
sichert, und nicht als ein Opfer gebracht werden muß, das eine Schwäche
offenbart und Verachtung weckt. Politische Formen sind lebendige
Formen, die sich unerbittlich in einer bestimmten Richtung verändern.
Man hört auf „in Form“ zu sein, wenn man diesen Gang hemmen oder in
der Richtung eines Ideals ablenken will. Die römische Nobilität besaß
den Takt dafür, die spartanische nicht. Im Zeitalter der aufsteigenden
Demokratie ist immer wieder der verhängnisvolle Augenblick erreicht
worden, in Frankreich vor 1789, in Deutschland vor 1918, wo es zu
spät war, mit einer notwendigen Reform ein freies Geschenk zu machen,
und man sie also mit rücksichtsloser Energie hätte verweigern müssen,
weil sie nunmehr +als Opfer+ die Auflösung bedeutete. Wer aber
das erste nicht rechtzeitig sieht, wird die zweite Notwendigkeit noch
sicherer verkennen. Auch der Gang nach Canossa kann zu früh oder zu
spät angetreten werden; darin liegt die Entscheidung für ganze Völker,
ob man künftig ein Schicksal für andere ist oder von andern erleidet.
Aber die absteigende Demokratie wiederholt den gleichen Fehler, halten
zu wollen, was das Ideal von gestern war. Es ist die Gefahr des 20.
Jahrhunderts. Auf jedem Pfade zum Cäsarismus findet sich ein Cato.
Der Einfluß, den selbst ein Staatsmann von ungewöhnlich starker
Stellung auf die politischen +Methoden+ besitzt, ist sehr
gering, und es gehört zum Range des Staatsmannes, daß er sich darüber
nicht täuscht. Seine Aufgabe ist es, mit und in der vorliegenden
geschichtlichen Form zu arbeiten; nur der Theoretiker begeistert sich
daran, idealere Formen zu erfinden. Zum politischen „in Form sein“
gehört aber die unbedingte +Beherrschung der modernsten Mittel+.
Hier gibt es keine Wahl. Die Mittel und Methoden sind durch die Zeit
gegeben und gehören zur inneren Form einer Zeit. Wer sich in ihnen
vergreift, wer seinem Geschmack und Gefühl Macht über seinen Takt
gestattet, verliert die Tatsachen aus der Hand. Die Gefahr einer
Aristokratie ist es, konservativ in den Mitteln zu sein; die Gefahr der
Demokratie ist die Verwechslung der Formel mit der Form. Die Mittel der
Gegenwart sind noch auf Jahre hinaus die parlamentarischen: Wahlen
und Presse. Man kann über sie denken, wie man will, sie verehren
oder verachten, aber man muß sie +beherrschen+. Bach und Mozart
+beherrschten+ die musikalischen Mittel ihrer Zeit. Das ist das
Kennzeichen jeder Art von Meisterschaft. Mit der Staatskunst steht es
nicht anders. Aber die allgemein sichtbare Außenform ist allerdings
nicht die, auf welche es ankommt, sondern nur deren Verkleidung.
Deshalb läßt sie sich ändern, ohne daß am Wesen des Geschehens etwas
geändert wird, auf Begriffe und in Verfassungstexte bringen, ohne die
Wirklichkeit auch nur zu berühren, und der Ehrgeiz aller Revolutionäre
und Doktrinäre erschöpft sich darin, sich in dieses Spiel von Rechten,
Grundsätzen und Freiheiten an der geschichtlichen Oberfläche zu
mischen. Der Staatsmann weiß, daß die Ausdehnung eines Wahlrechts
ganz unwesentlich ist gegenüber der athenischen oder römischen,
jakobinischen, amerikanischen und nun auch deutschen Technik, Wahlen
+zu machen+. Wie die englische Verfassung lautet, ist gleichgültig
gegenüber der Tatsache, daß ihre Anwendung von einer kleinen Schicht
vornehmer Familien beherrscht wird, so daß Eduard VII. ein Minister
seines Ministeriums war. Und was die moderne Presse betrifft, so mag
der Schwärmer zufrieden sein, wenn sie verfassungsmäßig „frei“ ist; der
Kenner fragt nur danach, wem sie zur Verfügung steht.
Politik ist endlich die Form, in der die Geschichte einer Nation
innerhalb einer Mehrzahl von Nationen vollzogen wird. Die große
Kunst ist, die eigene innerlich in Form zu halten für die Ereignisse
draußen. Das ist nicht nur für Völker, Staaten und Stände, sondern für
lebendige Einheiten jeder Art bis zu den einfachsten Tierschwärmen
und bis zum einzelnen Körper hinab das natürliche Verhältnis von
Innen- und Außenpolitik, +von denen die erste ausschließlich für die
zweite da ist, nicht umgekehrt+. Der echte Demokrat pflegt jene
als Selbstzweck zu behandeln, der Durchschnittsdiplomat denkt nur an
diese. Aber eben deshalb hängen die Einzelerfolge beider in der Luft.
Der politische Meister zeigt sich ohne Zweifel am sichtbarsten in
der Taktik innerer Reformen, in seiner wirtschaftlichen und sozialen
Tätigkeit, in dem Geschick, die öffentliche Form des Ganzen, die
„Rechte und Freiheiten“ mit dem Zeitgeschmack in Einklang +und
zugleich+ leistungsfähig zu halten, in der Erziehung von Gefühlen,
ohne die es nicht möglich ist, daß ein Volk in Verfassung bleibt:
Vertrauen, Achtung vor der Führung, Machtbewußtsein, Zufriedenheit und,
wenn es notwendig wird, Begeisterung. Aber das alles erhält seinen
Wert erst im Hinblick auf die Grundtatsache der höheren Geschichte,
daß ein Volk nicht allein in der Welt ist und daß über seine Zukunft
durch das Kräfteverhältnis zu andern Völkern und Mächten entschieden
wird und nicht durch die bloße Ordnung in sich selbst. Und da der Blick
des gewöhnlichen Menschen so weit nicht reicht, ist es die regierende
Minderheit, welche ihn für den Rest besitzen muß, jene Minderheit,
in welcher der Staatsmann erst das Werkzeug findet, mit dem er seine
Absichten ausführen kann.[541]
18
Für die frühe Politik aller Kulturen sind die leitenden Mächte fest
gegeben. Das gesamte Dasein ist streng in patriarchalischer und
sinnbildlicher Form; die Bindungen des mütterlichen Landes sind so
stark, der Lehnsverband und auch noch der Ständestaat sind für das
in sie gebannte Leben etwas so Selbstverständliches, daß die Politik
der homerischen und gotischen Zeit sich darauf beschränkt, im Rahmen
der schlechthin gegebenen Form zu handeln. Diese Formen ändern sich
gewissermaßen von selbst. Daß das eine +Aufgabe+ der Politik
sei, kommt niemand deutlich zum Bewußtsein, selbst wenn ein Königtum
gestürzt oder ein Adel untertänig wird. Es gibt nur Standespolitik,
kaiserliche, päpstliche, Vasallenpolitik. Das Blut, die Rasse, spricht
aus triebhaften, halbbewußten Unternehmungen, denn auch der Priester,
soweit er Politik treibt, handelt hier als Mensch von Rasse. Die
„Probleme“ des Staates sind noch nicht erwacht. Das Herrschertum und
die Urstände, die ganze frühe Formenwelt überhaupt ist gottgegeben
und nur unter ihrer +Voraussetzung+ bekämpfen sich organische
Minderheiten, +Faktionen+.
Zum Wesen der Faktion gehört, daß ihr der Gedanke, die Ordnung der
Dinge könne planmäßig geändert werden, gar nicht zugänglich ist. Sie
will innerhalb dieser Ordnung einen Rang erkämpfen, Macht und Besitz,
wie alles Wachsende in einer wachsenden Welt. Es sind Gruppen, in
denen Verwandtschaft der Häuser, Ehre, Treue, Bündnisse von fast
mystischer Innerlichkeit eine Rolle spielen und abstrakte Ideen ganz
ausgeschlossen bleiben. So sind die Faktionen in homerischer und
gotischer Zeit, Telemach und die Freier in Ithaka, die Blauen und
Grünen unter Justinian, die Welfen und Waiblinger, die Häuser Lancaster
und York, die Protestanten,[542] die Hugenotten und auch noch die
treibenden Mächte der Fronde und der ersten Tyrannis. Das Buch von
Macchiavelli ruht ganz auf diesem Geist.
Die Wendung tritt ein, sobald mit der großen Stadt der Nichtstand, das
Bürgertum die Führung übernimmt.[543] Jetzt ist es im Gegenteil die
politische +Form+, die zum Gegenstand des Kampfes, zum Problem
erhoben wird. Bis dahin war sie gereift, jetzt soll sie geschaffen
werden. Die Politik wird wach, nicht nur begriffen, sondern auch
auf Begriffe gebracht. Gegen Blut und Tradition erheben sich die
Mächte des Geistes und Geldes. An Stelle des Organischen tritt das
Organisierte, +an Stelle des Standes die Partei+. Eine Partei
ist kein Rassegewächs, sondern eine Sammlung von Köpfen und deshalb
an Geist den alten Ständen ebenso überlegen, wie sie an Instinkt
ärmer ist als sie. Sie ist der Todfeind aller gewachsenen ständischen
Gliederung, deren bloßes Vorhandensein ihrem Wesen widerspricht.
Eben deshalb ist der Begriff der Partei immer mit dem unbedingt
+verneinenden+, auflösenden, gesellschaftlich einebnenden der
+Gleichheit+ verbunden. Nicht Standesideale, sondern nur noch
Berufsinteressen werden anerkannt.[544] Aber auch mit dem ebenso
verneinenden der Freiheit:[545] +Parteien sind eine rein städtische
Erscheinung+. Mit der völligen Befreiung der Stadt vom Lande weicht
die Standespolitik überall der Parteipolitik, ob wir davon Kenntnis
haben oder nicht, in Ägypten mit dem Ende des Mittleren Reiches,
in China mit den kämpfenden Staaten, in Bagdad und Byzanz mit der
Abbassidenzeit. In den Hauptstädten des Abendlandes bilden sich die
Parteien parlamentarischen Stils, in den Stadtstaaten der Antike die
Parteien des Forums, und Parteien magischen Stils kennen wir in den
Mavali und den Mönchen des Theodor von Studion.[546]
Immer aber ist es der +Nicht+stand, die Einheit des Protestes
gegen das Wesen des Standes überhaupt, dessen führende Minderheit
-- „Bildung und Besitz“ -- als Partei auftritt, mit einem Programm,
einem nicht gefühlten sondern definierten Ziel und der Ablehnung
alles dessen, was sich verstandesmäßig nicht erfassen läßt. +Es
gibt deshalb im Grunde nur eine Partei+, die des Bürgertums, die
liberale, und sie ist sich dieses Ranges auch vollkommen bewußt.
Sie setzt sich dem „Volke“ gleich. Ihre Gegner, die echten Stände
vor allem, „Junker und Pfaffen“, sind Feinde und Verräter „+des
Volkes+“, ihre Meinung ist die „+Stimme des Volkes+“, die
diesem mit allen Mitteln parteipolitischer Bearbeitung, der Rede des
Forums, der Presse des Abendlandes eingeimpft wird, um dann vertreten
zu werden.
Die +Urstände+ sind Adel und Priestertum. Die +Urpartei+ ist
die des Geldes und Geistes, die liberale, die der großen Stadt. Hier
liegt die tiefe Berechtigung der Begriffe Aristokratie und Demokratie,
und zwar für alle Kulturen. Aristokratisch ist die Verachtung des
Geistes der Städte, demokratisch die Verachtung des Bauern, der Haß
gegen das Land.[547] Es ist der Unterschied von Standespolitik und
Parteipolitik, von Standes+bewußtsein+ und Partei+gesinnung+,
von Rasse und Geist, Wachstum und Konstruktion. Aristokratisch ist
die vollendete Kultur, demokratisch die beginnende weltstädtische
Zivilisation, bis der Gegensatz im Cäsarismus aufgehoben wird. So
gewiß der Adel +der+ Stand ist, und der _tiers_ es niemals
dahin bringt, in dieser Weise wirklich in Form zu sein, so gewiß
mißlingt es dem Adel, als Partei sich nicht zu organisieren, aber zu
fühlen.