Jahrhunderts zu einem geschlossenen Kreise der Familien, welche
Konsuln unter ihren Vorfahren hatten oder gehabt haben wollten.
Je strenger auf diese Bedingung gehalten wurde, desto häufiger
werden die Fälschungen der älteren Konsulnliste, um die im
Aufstieg begriffenen Familien von starker Rasse und Begabung zu
„legitimieren“. Der erste ganz revolutionäre Höhepunkt dieser
Fälschungen liegt in der Epoche des Appius Claudius, wo der
kurulische Ädil Cn. Flavius, Sohn eines Sklaven, die Liste
ordnete -- damals wurden auch die Beinamen römischer Könige
nach plebejischen Geschlechtern erfunden --, der zweite in
der Zeit der Schlacht von Pydna (168), als die Herrschaft der
Nobilität cäsarische Formen anzunehmen begann. (E. Kornemann, Der
Priesterkodex in der Regia, 1912, S. 56 ff.) Von den 200 Konsulaten
232-133 entfallen 159 auf 26 Familien, und von da an, wo die Rasse
verbraucht war und man deshalb um so peinlicher auf die Form als
solche hielt, wird der _homo novus_ -- wie Cato und Cicero -- eine
seltene Erscheinung.
[479] Und selbst in Frankreich, wo der Richterstand in den
Parlements die Regierung offen verhöhnte, sogar ungestraft
königliche Verfügungen von den Mauern reißen und eigne
_arrêts_ an ihre Stelle kleben ließ (R. Holtzmann, Französ.
Verfassungsgeschichte (1910), S. 353), wo „befohlen, aber nicht
gehorcht, Gesetze gemacht, aber nicht ausgeführt wurden“ (A. Wahl,
Vorgesch. d. franz. Revolution I, S. 29 und überall), wo die
Hochfinanz Turgot und jeden andern stürzen konnte, der ihr mit
seinen Reformplänen unbequem wurde, wo die gebildete Welt, Prinzen,
Adlige, hohe Geistliche und Militärs an der Spitze, der Anglomanie
verfallen war und jeder Art von Opposition Beifall klaschte, selbst
dort wäre nichts geschehen, hätte nicht eine plötzliche Reihe von
Zwischenfällen zusammengewirkt: die zur Mode gewordne Beteiligung
von Offizieren an dem Kampf amerikanischer Republikaner gegen
das englische Königtum, die diplomatische Niederlage in Holland
(27. Oktober 1787) mitten in der großartigen Reformtätigkeit der
Regierung und der fortgesetzte Ministerwechsel unter dem Druck
unverantwortlicher Kreise. Im britischen Reich war der Abfall der
amerikanischen Kolonien die Folge der Versuche hochtorystischer
Kreise, im Einverständnis mit Georg III., aber selbstverständlich
im eignen Interesse die Königsgewalt zu stärken. Diese Partei
besaß in den Kolonien eine starke Anhängerschaft von Royalisten,
namentlich im Süden, die auf englischer Seite kämpfend die Schlacht
von Camden entschieden hat und nach dem Sieg der Rebellen zum
größten Teil in das königstreu gebliebene Kanada ausgewandert ist.
[480] 1793 wurden 306 Mitglieder des Unterhauses von insgesamt 160
Personen gewählt. Der Wahlkreis des alten Pitt, Old Sarum, bestand
aus einem Pachthause, das zwei Abgeordnete entsandte.
[481] Seit 1832 hat der englische Adel dann selbst durch eine
Reihe von vorsichtigen Reformen das Bürgertum zur +Mitarbeit+
herangezogen, aber unter seiner beständigen Leitung und vor
allem im Rahmen seiner Tradition, in welche die jungen Talente
hineinwuchsen. Die Demokratie verwirklichte sich so, daß
die Regierung streng in Form blieb, und zwar in der alten
aristokratischen, es aber jedem (seiner Meinung nach) freistand,
Politik zu machen. Dieser Übergang mitten in einer bauernlosen und
von Geschäftsinteressen beherrschten Gesellschaft ist die größte
innerpolitische Leistung des 19. Jahrhunderts.
[482] Preußentum und Sozialismus S. 40 ff.
[483] Die Entstehung des römischen Tribunats ist ein blinder
Zufall, dessen glückliche Folgen niemand ahnte. Dagegen sind die
abendländischen Verfassungen wohl durchdacht und in ihren Wirkungen
genau berechnet worden, gleichviel ob die Rechnung falsch war oder
nicht.
[484] Aus den wenigen westeuropäischen Werken, die sich mit
Fragen der altchinesischen Geschichte befassen, geht hervor, daß
in der chinesischen Literatur sehr viel Material über diese der
Gegenwart genau entsprechende Zeit mit ihren zahllosen Parallelen
enthalten ist, aber es fehlt an jeder politisch ernst zu nehmenden
Behandlung. Z. folg. Hübotter, Aus den Plänen der kämpfenden Reiche
(1912); Piton, _The six great chancellors of Tsin_, China Rev.
XIII S. 102, 255, 365; XIV, S. 3; Ed. Chavannes, _Mém. hist. de
Se-ma-tsien_, 1895 ff.; Pfizmair, Sitz. Wien. Ak. XLIII (1863)
(Tsin), XLIV (Tsu); A. Tschepe, _Histoire du royaume de Ou_ (1896),
_de Tchou_ (1903).
[485] Heute etwa Provinz Schensi.
[486] Am mittleren Jangtse.
[487] Biographie 13 des Se ma tsien. Soweit man nach den
übersetzten Berichten urteilen darf, erscheint Pe ki durch
die Vorbereitung und Anlage seiner Feldzüge, die Kühnheit der
Operationen, durch welche er den Gegner auf das Gelände drängt, wo
er ihn schlagen kann, und die neuartige Durchführung der einzelnen
Schlachten als eins der größten militärischen Genies aller Zeiten,
das wohl eine sachkundige Behandlung verdiente. Aus dieser Zeit
stammt auch das einflußreiche Werk des Sun tse über den Krieg:
Giles, _Sun Tse on the art of war_ (1910).
[488] S. 386 f.
[489] Heute etwa Schantung und Petschili.
[490] Piton, Lü Puh Weih, China Rev. XIII, S. 365 ff.
[491] Wenn der Ausdruck in den chinesischen Texten annähernd
so töricht gemeint sein sollte, wie er von den Übersetzern
verstanden worden ist, so beweist das nur, daß das Verständnis
für politische Probleme in der chinesischen Kaiserzeit ebenso
schnell dahinschwand wie in der römischen -- weil man selbst keine
Probleme mehr erlebte. Der vielbewunderte Se ma tsien ist im Grunde
doch nur ein Kompilator etwa vom Range Plutarchs, dem er auch
zeitlich entspricht. Der Höhepunkt geschichtlichen Verstehens,
+der ein gleichwertiges Erleben voraussetzt+, muß in der Zeit der
kämpfenden Staaten selbst gelegen haben, wie er für uns mit dem 19.
Jahrhundert beginnt.
[492] Beide waren wie die meisten führenden Staatsmänner der Zeit
Hörer des Kwei ku tse gewesen, der durch seine Menschenkenntnis,
den tiefen Blick für das geschichtlich Mögliche und seine
Beherrschung der damaligen diplomatischen Technik -- der „Kunst
des Senkrechten und Wagerechten“ -- als eine der einflußreichsten
Persönlichkeiten des Zeitalters erscheint. Eine ähnliche Bedeutung
hatte nach ihm der eben erwähnte Denker und Kriegstheoretiker Sun
tse, unter anderm Erzieher des Kanzlers Li si.
[493] Das heißt im Vergleich zu der ganz geringfügigen sonstigen
Technik der Antike, während sie gegenüber etwa der assyrischen und
chinesischen nicht gerade bedeutend erscheint.
[494] Das Buch des Sozialisten Moh ti aus dieser Zeit handelt im
ersten Teil von der allgemeinen Menschenliebe, im zweiten von
der Festungsartillerie, ein seltsamer Beleg zum Gegensatz von
Wahrheiten und Tatsachen: Forke in der Ostasiat. Ztschr. VIII
(Hirthnummer).
[495] Mehr als 1½ Millionen Mann auf kaum 20 Millionen Einwohner
der Nordstaaten.
[496] Zu den ganz neuen Aufgaben gehörte auch der Schnellbau von
Bahnen und Brücken; die für die schwersten Militärzüge bestimmte
Chattanoogabrücke von 240 m Länge und 30 m Höhe wurde in 4½ Tagen
gebaut.
[497] Das moderne Japan gehört ebenso zur abendländischen
Zivilisation wie das „moderne“ Karthago von 300 v. Chr. zur antiken.
[498] Für die politisch-soziale Geschichte der arabischen Welt
fehlt es ebenso an jeder tiefer dringenden Untersuchung wie für die
chinesische. Nur die bis jetzt für antik gehaltene Entwicklung des
Westrandes bis auf Diokletian macht eine Ausnahme.
[499] Es sind einige tausend, die im Gefolge der ersten Eroberer
sich von Tunis bis nach Turkestan verbreiten und überall sofort
einen in sich geschlossenen Stand in der Umgebung der neuen
Machthaber bilden; von einer „arabischen Völkerwanderung“ kann gar
keine Rede sein.
[500] J. Wellhausen, Das arabische Reich und sein Sturz (1902) S.
309 ff.
[501] S. 322.
[502] K. Dieterich, Byz. Charakterköpfe S. 54: „Da du eine Antwort
von uns haben willst, so vernimm sie denn: Paulus hat gesagt:
Einige setzte Gott ein in der Kirche zu Aposteln, andere zu
Propheten; von Kaisern aber hat er nichts gesagt. -- Wir werden
+nicht+ folgen, auch wenn ein Engel es uns befiehlt, wieviel
weniger denn dir!“
[503] S. 389.
[504] Huart, Geschichte der Araber (1914) I, S. 299.
[505] Krumbacher, Byz. Lit-Gesch. S. 969.
[506] Z. folg. Krumbacher S. 969-990; C. Neumann, Die Weltstellung
des byzantinischen Reiches vor den Kreuzzügen (1894) S. 21 ff.
[507] Krumbacher S. 993.
[508] Auch der geniale Maniakes, der von dem Heer in Sizilien zum
Kaiser ausgerufen wurde und 1043 auf dem Marsch gegen Byzanz fiel,
soll ein Türke gewesen sein.
[509] 1785-1580. Z. folg. Ed. Meyer, Gesch. d. Alt. I, § 298 ff.
Weill, _La fin du moyen empire égyptien_ (1918). Daß Ed. Meyers
Ansatz richtig ist gegenüber dem von Petrie (1670 Jahre), ist durch
die Stärke der Fundschichten und das Tempo der Stilentwicklung,
auch der minoischen, längst bewiesen, und wird hier auch durch den
Vergleich mit den entsprechenden Abschnitten der andern Kulturen
bestätigt.
[510] S. 482.
[511] Erman, Mahnworte eines ägyptischen Propheten, Sitz. Preuß.
Ak. 1919, S. 804 ff.: „Die hohen Beamten sind abgetan, das Land
ist des Königtums beraubt von wenigen Wahnsinnigen, und die
Räte des alten Staates machen den Emporkömmlingen den Hof; die
Verwaltung hat aufgehört, die Akten sind vernichtet, alle sozialen
Unterschiede aufgehoben, die Gerichte in die Hand des Pöbels
gefallen. Die vornehmen Stände hungern und gehen in Lumpen; man
schlagt ihre Kinder an die Mauer und reißt die Mumien aus den
Gräbern; die Geringen werden reich und prahlen in den Palästen
mit ihren Herden und Schiffen, die sie den rechtmäßigen Besitzern
fortgenommen haben; ehemalige Sklavinnen führen das große Wort
und die Fremden machen sich breit. Raub und Mord herrschen, die
Städte werden verwüstet, die öffentlichen Bauten niedergebrannt.
Die Ernten gehen zurück, niemand denkt mehr an Reinlichkeit,
die Geburten werden selten; ›ach hätte es doch ein Ende mit den
Menschen!‹“ Das ist das Bild einer großstädtischen und späten
Revolution gleich den hellenistischen (S. 506) und denen von 1789
und 1871 in Paris. Es sind die weltstädtischen Massen, willenlose
Werkzeuge des Ehrgeizes ihrer Führer, die jeden Rest von Ordnung zu
Boden schlagen, die das Chaos in der Außenwelt sehen wollen, weil
sie es in sich selbst haben. Ob diese zynischen und hoffnungslosen
Versuche von Landfremden herrühren wie den Hyksos oder Türken oder
von Sklaven wie denen des Spartakus und Ali, ob man die Aufteilung
des Besitzes fordert wie in Syrakus oder ein Buch vor sich her
trägt wie das von Marx -- das alles ist Oberfläche. Es ist ganz
gleichgültig, welche Schlagworte in den Wind schallen, während
die Türen und Schädel eingeschlagen werden. Vernichtung ist der
wahre und einzige Trieb und Cäsarismus das einzige Ergebnis. Die
Weltstadt, der landverzehrende Dämon, hat ihre entwurzelten und
zukunftslosen Menschen in Bewegung gesetzt; sie sterben, indem sie
vernichten.
[512] Der Papyrus sagt „das Bogenvolk von draußen“. Das sind die
barbarischen Soldtruppen, zu denen die eigene junge Mannschaft
übergegangen ist.
[513] Ein Blick auf den Negerstaat im Irak und die „gleichzeitigen“
Versuche des Spartakus, Sertorius, Sextus Pompejus genügt, um
die Zahl der Möglichkeiten zu ahnen. Weill nimmt an: 1785-65
Zerfall des Reiches; ein Usurpator (General). 1765-1675 viele
kleine Machthaber, im Delta ganz unabhängig. 1675-33 Kämpfe um
die Einheit, vor allem der Fürsten von Theben mit ihrem stets
wachsenden Gefolge abhängiger Herrscher, darunter der Hyksos. 1633
Sieg der Hyksos und Niederlage der Thebaner. 1591-71 Endsieg der
Thebaner.
[514] Sie mag als begeisternde Idee festgehalten werden; in die
Wirklichkeit umgesetzt wird sie nie wieder.
[515] Vgl. die S. 521 genannte Arbeit von Piton.
[516] Hist. III, 81.
[517] Dazu gehört also auch die amerikanische Verfassung, und dies
allein erklärt die merkwürdige Ehrfurcht, welche der Amerikaner für
sie empfindet, auch wo er ihre Unzulänglichkeit klar erkennt.
[518] Cäsar hat das klar erkannt: _Nihil esse rem publicam,
appellationem modo sine corpore ac specie_ (Sueton, Cäs. 77).
[519] S. 58.
[520] S. 58.
[521] Cicero weist in der Rede für Sestius darauf hin, daß bei den
Plebisziten von jeder Tribus fünf Leute da seien, die noch dazu in
Wirklichkeit einer andern angehörten. Aber diese fünf waren auch
nur da, um sich von den Machthabern kaufen zu lassen. Und kaum
fünfzig Jahre vorher waren die Italiker in Masse für eben dieses
Wahlrecht gefallen.
[522] Und merkwürdigerweise auch Ed. Meyer in seinem Meisterwerk
„Cäsars Monarchie“, der einzigen Arbeit von staatsmännischem Range
über diese Zeit (und vorher schon in dem Aufsatz über Kaiser
Augustus, Kl. Schr. S. 441 ff.).
[523] _De re publica_ vom Jahre 54, eine für Pompejus bestimmte
Denkschrift.
[524] S. 492.
[525] S. 511.
[526] Im Somnium Scipionis VI, 26, wo der ein Gott genannt wird,
der den Staat so regiert, _quam hunc mundum ille princeps deus_.
[527] Es war vollkommen richtig, wenn Brutus neben der Leiche den
Namen Ciceros ausrief und Antonius diesen als intellektuellen
Urheber der Tat bezeichnete. Die „Freiheit“ bedeutete aber nichts
als die Oligarchie einiger Familien, denn die Menge war ihrer
Rechte längst müde geworden. Daß neben dem Geist das Geld hinter
der Tat stand, die großen Vermögen Roms, die im Cäsarismus das Ende
ihrer Allmacht heraufkommen sahen, war selbstverständlich.
[528] Dagegen wurde der Taoismus unterstützt, weil er die Abkehr
von aller Politik predigte. „Laßt wohlbeleibte Männer um mich
sein“, sagt Cäsar bei Shakespeare.
[529] Das hat Tacitus nicht mehr verstanden. Er haßt diese ersten
Cäsaren, weil sie mit allen denkbaren Mitteln sich gegen eine
schleichende Opposition -- in +seinen+ Kreisen -- wehrten, die seit
Trajan eben nicht mehr vorhanden war.
[530] S. 406.
[531] S. 105, 432.
[532] S. 382.
PHILOSOPHIE DER POLITIK
16
Über den Begriff der Politik haben wir mehr nachgedacht als für
uns gut war. Um so weniger verstanden wir uns auf die Beobachtung
wirklicher Politik. Die großen Staatsmänner pflegen unmittelbar zu
handeln und zwar aus einem sichern Sinn für die Tatsachen heraus.
Das ist für sie so selbstverständlich, daß die Möglichkeit, über
allgemeine Grundbegriffe dieses Handelns nachzudenken, ihnen gar
nicht in den Sinn kommt, gesetzt, daß es solche Begriffe überhaupt
gibt. Sie wußten von jeher, was sie zu tun hatten. Eine Theorie
darüber entsprach weder ihrer Begabung noch ihrem Geschmack. Denker
von Beruf aber, die ihren Blick auf die von Menschen geschaffenen
Tatsachen lenkten, standen diesem Handeln innerlich so fern, daß sie
sich in Abstraktionen vergrübelten, am liebsten in mythische Gebilde
wie Gerechtigkeit, Tugend, Freiheit, und danach dem historischen
Geschehen der Vergangenheit und vor allem der Zukunft das Maß anlegten.
Darüber vergaßen sie zuletzt den Rang bloßer Begriffe und kamen zu
der Überzeugung, daß Politik da sei, um den Lauf der Welt nach einem
idealischen Rezept zu gestalten. Da dergleichen nie und nirgends
geschah, so erschien ihnen das politische Tun dem abstrakten Denken
gegenüber so gering, daß sie sich in ihren Büchern darum stritten, ob
es ein „Genie der Tat“ überhaupt gebe.
Demgegenüber wird hier der Versuch gemacht, statt eines ideologischen
Systems eine +Physiognomik+ der Politik zu geben, wie sie im
Ablauf der gesamten Geschichte wirklich gemacht worden ist, und
nicht wie sie hätte gemacht werden sollen. In den letzten Sinn
großer Tatsachen eindringen, sie „sehen“, das symbolisch Bedeutsame
in ihnen erfühlen und umschreiben war die Aufgabe. Die Entwürfe von
Weltverbesserern haben mit der geschichtlichen Wirklichkeit nichts zu
tun.[533]
Die menschlichen Daseinsströme nennen wir Geschichte, sobald wir sie
als Bewegung; Geschlecht, Stand, Volk, Nation, sobald wir sie als etwas
Bewegtes ins Auge fassen.[534] Politik ist die Art und Weise, in der
dieses strömende Dasein sich behauptet, +wächst+, über andere
Lebensströme triumphiert. +Das ganze Leben ist Politik+, in jedem
triebhaften Zuge, bis ins innerste Mark.[535] Was wir heute gern als
Lebensenergie (Vitalität) bezeichnen, jenes „es“ in uns, das vorwärts
und aufwärts will um jeden Preis, der blinde, kosmische, sehnsüchtige
Drang nach Geltung und Macht, der pflanzenhaft und rassehaft mit
der Erde, der „Heimat“ verbunden bleibt, das Gerichtetsein und
Wirken+müssen+ ist es, was überall unter höheren Menschen als
politisches Leben die großen Entscheidungen sucht und suchen muß,
um ein Schicksal entweder zu sein oder zu erleiden. Denn man wächst
+oder stirbt ab+. Es gibt keine dritte Möglichkeit.
Deshalb ist der Adel als Ausdruck einer starken Rasse der eigentlich
politische Stand, und Zucht, nicht Bildung die eigentlich politische
Art der Erziehung. Jeder große Politiker, eine Kraftmitte im Strom
des Geschehens, hat etwas Adliges in seinem Sichberufenfühlen und
innerlichen Gebundensein. Dagegen ist alles Mikrokosmische, aller
„Geist“ unpolitisch, und deshalb besitzt alle Programmpolitik und
Ideologie etwas Priesterliches. Die besten Diplomaten sind die Kinder,
wenn sie spielen oder etwas haben wollen. Da bricht das im Einzelwesen
gebundene kosmische „es“ sich unmittelbar und mit nachtwandlerischer
Sicherheit Bahn. Sie lernen nicht, sie verlernen diese Meisterschaft
der ersten Jahre mit dem Wachwerden der Jugend. Eben deshalb ist unter
Männern der Staatsmann etwas so Seltenes.
Diese Daseinsströme im Bereich einer hohen Kultur, in und zwischen
denen allein es große Politik gibt, sind nur in Mehrzahl möglich.
Ein Volk ist wirklich nur in bezug auf andere Völker.[536] Aber das
natürliche, rassehafte Verhältnis zwischen ihnen ist eben deshalb der
Krieg. Das ist eine Tatsache, die durch Wahrheiten nicht verändert
wird. Der Krieg ist die Urpolitik +alles+ Lebendigen und zwar bis zu
dem Grade, daß Kampf und Leben in der Tiefe eins sind und mit dem
Kämpfenwollen auch das Sein erlischt. Altgermanische Worte dafür
wie _orrusta_ und _orlog_ bedeuten Ernst und Schicksal im Gegensatz
zu Scherz und Spiel; das ist eine Steigerung, nichts dem Wesen nach
Verschiedenes. Und wenn alle hohe Politik der Ersatz des Schwertes
durch geistigere Waffen sein will und der Ehrgeiz des Staatsmannes auf
der Höhe aller Kulturen dahin geht, den Krieg fast nicht mehr nötig
zu haben, so bleibt doch die Urverwandtschaft zwischen Diplomatie
und Kriegskunst bestehen: der Charakter des Kampfes, dieselbe
Taktik, dieselbe Kriegslist, die Notwendigkeit materieller Kräfte
im Hintergrund, um den Operationen Gewicht zu geben; und auch das
Ziel bleibt das gleiche: das Wachstum der eignen Lebenseinheit --
Stand oder Nation -- auf Kosten der andern. Und jeder Versuch, dies
rassemäßige Element auszuschalten, führt nur zu seiner Verlegung auf
ein andres Gebiet: statt zwischen Staaten zwischen Parteien, zwischen
Landschaften, oder wenn auch da der Wille zum Wachstum erlischt,
zwischen den Gefolgschaften von Abenteurern, denen sich der Rest der
Bevölkerung freiwillig fügt.
In jedem Kriege zwischen Lebensmächten handelt es sich darum, wer
das Ganze regiert. Es ist stets ein Leben, nie ein System, Gesetz
oder Programm, das im Strom des Geschehens den Takt angibt.[537]
Das Aktionszentrum, die handelnde Mitte einer Menge sein,[538] die
innere Form der eignen Person zur Form ganzer Völker und Zeitalter
erheben, das Kommando der Geschichte haben, um das eigne Volk oder
Geschlecht und seine Ziele an die Spitze der Ereignisse zu führen, das
ist der kaum bewußte und unwiderstehliche Trieb in jedem Einzelwesen
von historischem Beruf. Es gibt nur +persönliche+ Geschichte
und deshalb nur +persönliche+ Politik. Der Kampf nicht von
Grundsätzen, sondern von Menschen, nicht von Idealen, sondern von
Rassezügen um die ausübende Macht ist das erste und letzte, und auch
die Revolutionen bilden keine Ausnahme, denn „Souveränität des Volkes“
ist nichts als ein Wort dafür, daß die herrschende Gewalt den Titel
Volksführer statt König angenommen hat. Die Methode des Regierens
verändert sich damit kaum, die Lage der Regierten gar nicht. Und selbst
der Weltfriede, so oft er schon da war, ist nichts gewesen als die
Sklaverei einer ganzen Menschheit unter dem Regiment einer kleinen Zahl
zum Herrschen entschlossener Kraftnaturen.
Zum Begriff der ausübenden Gewalt gehört, daß eine Lebenseinheit --
schon unter Tieren -- in Subjekte und Objekte der Regierung zerfällt.
Das ist so selbstverständlich, daß diese innere Struktur jeder
Masseneinheit selbst in den schwersten Krisen wie der von 1789 auch
nicht einen Augenblick verloren geht. Nur der Inhaber verschwindet,
nicht das Amt, und wenn wirklich ein Volk im Strom der Ereignisse jede
Führung verliert und regellos dahintreibt, so bedeutet das nur, daß
seine Führung nach auswärts verlegt, daß es +als Ganzes+ Objekt
geworden ist.
Politisch begabte Völker gibt es nicht. Es gibt nur Völker, die fest
in der Hand einer regierenden Minderheit sind und die sich deshalb gut
in Verfassung fühlen. Die Engländer sind als Volk ebenso urteilslos,
eng und unpraktisch in politischen Dingen wie irgend eine andre Nation,
aber sie besitzen eine +Tradition des Vertrauens+, bei allem
Geschmack an öffentlichen Debatten. Der Unterschied besteht lediglich
darin, daß der Engländer Objekt einer Regierung von sehr alten und
erfolgreichen Gewohnheiten ist, der er zustimmt, weil er den Vorteil
davon aus Erfahrung kennt. Von dieser Zustimmung, die nach außen
als Verständnis erscheint, ist es nur ein Schritt zur Überzeugung,
daß diese Regierung von seinem Willen abhängt, obwohl es umgekehrt
+sie+ ist, die ihm diese Ansicht aus technischen Gründen immer
wieder einhämmert. Die regierende Klasse in England hat ihre Ziele und
Methoden ganz unabhängig vom „Volk“ entwickelt und sie arbeitet mit --
in -- einer ungeschriebenen Verfassung, deren im Gebrauch entstandene
völlig untheoretische Feinheiten dem Nichteingeweihten ebenso
undurchsichtig wie unverständlich sind. Aber der Mut einer Truppe hängt
vom Vertrauen auf die Führung ab; Vertrauen, das heißt unwillkürlicher
Verzicht auf Kritik. Der Offizier ist es, der Feiglinge zu Helden oder
Helden zu Feiglingen macht. Das gilt von Heeren, Völkern, Ständen
wie von Parteien. +Politische Begabung einer Menge ist nichts als
Vertrauen auf die Führung.+ Aber sie will erworben werden; sie will
langsam reifen, durch Erfolge bewährt und zur Tradition geworden sein.
Mangel an Führereigenschaften in der herrschenden Schicht ist es, was
als mangelndes Gefühl der Sicherheit bei den Beherrschten zum Vorschein
kommt, und zwar in jener Art von instinktloser, sich einmischender
Kritik, die durch ihr bloßes Vorhandensein ein Volk außer Form geraten
läßt.
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