Es heißt deshalb den Sinn der Zeit vollständig verkennen, wenn

Mommsen[522] eine tiefsinnige Zergliederung der von Augustus

geschaffenen „Dyarchie“ mit ihrer Gewaltenteilung zwischen Prinzeps

und Senat vornimmt. Ein Jahrhundert vorher wäre diese Verfassung

etwas Wirkliches gewesen, eben deshalb aber auch keinem der damaligen

Gewaltmenschen in den Sinn gekommen. Jetzt bedeutet sie nichts als

den Versuch einer schwachen Persönlichkeit, sich über unwiderrufliche

Tatsachen durch bloße Formen hinwegzutäuschen. Cäsar sah die Dinge,

wie sie waren, und richtete seine Herrschaft ohne Sentimentalität

nach praktischen Gesichtspunkten ein. Die Gesetzgebung seiner letzten

Monate beschäftigte sich ausschließlich mit Übergangsbestimmungen, von

denen keine einzige für die Dauer gedacht war. Eben das hat man immer

übersehen. Er war ein viel zu tiefer Kenner der Dinge, um in diesem

Augenblick, dicht vor dem Partherfeldzug, die Entwicklung vorauswissen

und endgültige Formen für sie festsetzen zu wollen. Augustus aber war

wie vor ihm Pompejus nicht der Herr seines Anhangs, sondern durchaus

von ihm und dessen Anschauungen abhängig. Die Form des Prinzipats ist

gar nicht seine Erfindung, sondern die doktrinäre Durchführung eines

veralteten Parteiideals, das ein anderer Schwächling, Cicero, entworfen

hatte.[523] Als Augustus am 13. Januar 27 in einer ehrlich gemeinten,

aber eben deshalb um so sinnloseren Szene dem „Senat und Volk von

Rom“ die Staatsgewalt zurückgab, behielt er das Tribunat für sich,

und das war in der Tat das einzige Stück politischer Wirklichkeit,

das damals zum Vorschein kam. Der Tribun war der legitime Nachfolger

des Tyrannen,[524] und schon C. Gracchus hatte 122 dem Titel einen

Inhalt gegeben, der nicht mehr durch die gesetzmäßigen Schranken eines

Amtes, sondern nur noch durch die persönlichen Talente des Inhabers

begrenzt wurde. Von ihm führt eine gerade Linie über Marius und Cäsar

zu dem jungen Nero, als er den politischen Absichten seiner Mutter

Agrippina entgegentrat. Dagegen war der Prinzeps[525] von nun an

ein Kostüm, ein Rang, vielleicht eine gesellschaftliche, sicherlich

aber nicht mehr eine politische Tatsache. Gerade dieser Begriff

war in der Theorie Ciceros mit einem verklärenden Schimmer umgeben

und +schon von ihm+ mit dem des Divus verbunden worden.[526]

Dagegen ist die „Mitarbeit“ von Senat und Volk eine altertümliche

Zeremonie, in der nicht mehr Leben enthalten war als in den ebenfalls

von Augustus wieder hergestellten Bräuchen der Arvalbrüder. Aus den

großen Parteien der Gracchenzeit waren längst Gefolgschaften geworden,

Cäsarianer und Pompejaner, und endlich war auf der einen Seite die

formlose Allgewalt geblieben, „die Tatsache“ im brutalsten Sinne,

„der Cäsar“ oder wer ihn unter seinen Einfluß zu bringen vermochte,

und auf der andern Seite das Häuflein beschränkter Ideologen, die

ihr Mißvergnügen hinter einer Philosophie verbargen und von da aus

mit Verschwörungen ihrem Ideal aufzuhelfen suchten. Es waren in Rom

die Stoiker, in China die Konfuzianer. Erst jetzt versteht man die

berühmte „große Bücherverbrennung“, die der chinesische Augustus 212

v. Chr. anordnete und die in den Köpfen später Literaten den Schein

einer ungeheuerlichen Barbarei angenommen hat. Aber Cäsar war den

stoischen Schwärmern für ein unmöglich gewordenes Ideal zum Opfer

gefallen;[527] dem Divuskult wurde in stoischen Kreisen ein Cato-

und Brutuskult entgegengestellt; die Philosophen im Senat (damals

nur noch eine Art Adelsklub) wurden nicht müde, den Untergang der

„Freiheit“ zu beklagen und Verschwörungen wie die pisonische von 65

anzustiften, was beim Tode Neros beinahe die Zustände der Zeit Sullas

wieder heraufbeschworen hätte. Deshalb ließ Nero den Stoiker Pätus

Thrasea, und Vespasian den Helvidius Priscus hinrichten, und deshalb

wurde das Geschichtswerk des Cremutius Cordus, in dem Brutus als der

letzte Römer gepriesen worden war, überall in Rom eingesammelt und

verbrannt. Es war ein Akt der Notwehr des Staates gegenüber einer

blinden Ideologie, wie wir ähnliche von Cromwell und Robespierre

kennen, und in genau derselben Lage befanden sich die chinesischen

Cäsaren gegenüber der Schule des Konfuzius, die einst ihr Ideal einer

Staatsordnung herausgearbeitet hatte und nun die Wirklichkeit nicht

zu ertragen verstand. Die große Bücherverbrennung war nichts als die

Zerstörung eines Teils der politisch-philosophischen Literatur und die

Aufhebung der Lehrbetriebe und geheimen Organisationen.[528] Diese

Abwehr hat in beiden Imperien ein Jahrhundert gedauert; dann war

selbst die Erinnerung an parteipolitische Leidenschaften geschwunden,

und die beiden Philosophien wurden die herrschende Weltstimmung der

reifen Kaiserzeit.[529] Die Welt aber ist nun der Schauplatz tragischer

+Familiengeschichten+, welche die Staatengeschichte ablösen,

wie sie das julisch-claudische Haus und das des Schi Hoang ti (schon

206 v. Chr.) vernichtet haben und wie sie aus den Schicksalen der

ägyptischen Herrscherin Hatschepsut und ihrer Brüder (1501-1447)

düster aufleuchten. Es ist der letzte Schritt zum Definitiven. Mit

dem Weltfrieden -- +dem Frieden der hohen Politik+ -- tritt die

„Schwertseite“[530] des Daseins zurück und die „Spindelhälfte“ herrscht

wieder; es gibt nur noch +Privat+geschichte, private Schicksale,

privaten Ehrgeiz, von den kümmerlichen Nöten des Fellachen angefangen

bis zu den wüsten Fehden der Cäsaren um den +Privatbesitz der

Welt+. Die Kriege im Zeitalter des Weltfriedens sind Privatkriege,

furchtbarer als alle Staatenkriege, weil sie formlos sind.

Denn der Weltfriede -- der oft schon dagewesen ist -- enthält den

privaten Verzicht der ungeheuren Mehrzahl auf den Krieg, damit aber

auch die uneingestandene Bereitschaft, die Beute der andern zu werden,

die +nicht+ verzichten. Es beginnt mit dem staatenzerstörenden

Wunsch einer allgemeinen Versöhnung und endet damit, daß niemand die

Hand rührt, sobald das Unglück nur den Nachbar trifft. Schon unter

Marc Aurel dachte jede Stadt und jeder Landstrich nur an sich, und die

Tätigkeit des Herrschers war eine Privatsache neben den andern. Den

Fernwohnenden waren er, seine Truppen und Ziele ebenso gleichgültig wie

die Absichten der germanischen Heerhaufen. Auf dieser +seelischen+

Voraussetzung entfaltet sich ein zweites Wikingertum. Das „in Form

sein“ geht von den Nationen auf die Scharen und Gefolgschaften von

Abenteurern über, mögen sie Cäsaren, abtrünnige Heerführer oder

Barbarenkönige heißen, für welche die Bevölkerung zuletzt nichts

als ein Bestandteil der Landschaft ist. Es besteht eine tiefe

Verwandtschaft zwischen den Helden der mykenischen Vorzeit und den

römischen Soldatenkaisern, zwischen Menes vielleicht und Ramses II. Für

die germanische Welt werden die Geister Alarichs und Theoderichs wieder

erwachen, wovon die Erscheinung Cecil Rhodes’ eine erste Ahnung gibt;

und die stammfremden Henker der russischen Vorzeit von Dschingiskhan

bis Trotzki, zwischen denen die Episode des petrinischen Zarentums

liegt, sind doch nicht allzu verschieden von manchen Prätendenten der

romanischen Republiken Mittelamerikas, deren Privatkämpfe dort die

formvolle Zeit des spanischen Barock längst abgelöst haben.

Mit dem geformten Staat hat auch die hohe Geschichte sich schlafen

gelegt. Der Mensch wird wieder Pflanze, an der Scholle haftend, dumpf

und dauernd. Das zeitlose Dorf, der „ewige“ Bauer[531] treten hervor,

Kinder zeugend und Korn in die Mutter Erde versenkend, ein emsiges,

genügsames Gewimmel, über das der Sturm der Soldatenkaiser hinbraust.

Mitten im Lande liegen die alten Weltstädte, leere Gehäuse einer

erloschenen Seele, in die sich geschichtslose Menschheit langsam

einnistet. Man lebt von der Hand in den Mund, mit einem kleinen,

sparsamen Glück, und duldet. Massen werden zertreten in den Kämpfen

der Eroberer um Macht und Beute dieser Welt, aber die Überlebenden

füllen mit primitiver Fruchtbarkeit die Lücken und dulden weiter. Und

während man in den Höhen siegt und unterliegt in ewigem Wechsel, betet

man in der Tiefe, betet mit jener mächtigen Frömmigkeit der zweiten

Religiosität, die alle Zweifel für immer überwunden hat.[532] Da,

in den Seelen, ist der Weltfriede Wirklichkeit geworden, der Friede

Gottes, die Seligkeit greiser Mönche und Einsiedler, und da allein. Er

hat jene Tiefe im Ertragen von Leid geweckt, welche der historische

Mensch in dem Jahrtausend seiner Entfaltung nicht kennen lernt. Erst

mit dem Ende der großen Geschichte tritt das heilige, stille Wachsein

wieder hervor. Es ist ein Schauspiel, das in seiner Zwecklosigkeit

erhaben ist, zwecklos und erhaben wie der Gang der Gestirne, die

Drehung der Erde, der Wechsel von Land und Meer, von Eis und Urwäldern

auf ihr. Man mag es bewundern oder beweinen -- aber es ist da.

[392] S. 189 ff.

[393] S. 204 ff.

[394] Deshalb verwerfen sie die Rechte von Adel und Geistlichkeit

und verteidigen die von Geld und Geist, mit einer ausgesprochenen

Parteinahme für den beweglichen gegenüber dem unbeweglichen Besitz.

[395] S. 89 ff. Der entsprechende Versuch der absolutistisch

gesinnten Stuarts, das römische Recht in England einzuführen, ist

vor allem durch den puritanischen Juristen Coke († 1634) vereitelt

worden, wieder ein Beweis dafür, daß der Geist eines Rechts immer

Parteigeist ist.

[396] S. 75 ff.

[397] Vor allem auf dem Gebiet der Ehescheidung, für welche die

staatliche und die kirchliche Auffassung unvermittelt nebeneinander

gelten.

[398] Das sind die Formen des „Nachtwächterstaates“ und des

„Kasernenstaates“, wie sie von Gegnern spöttisch und verständnislos

genannt worden sind. Ähnlich gedachte Bezeichnungen finden sich

auch in chinesischen und griechischen Staatstheorien: O. Franke,

Studien zur Geschichte des konfuzianischen Dogmas (1920), S.

211 ff.; R. v. Pöhlmann, Geschichte der sozialen Frage und des

Sozialismus in der antiken Welt (1912). Dagegen gehört der

politische Geschmack z. B. Wilhelms v. Humboldt, der als Klassizist

dem Staate das Individuum gegenüberstellt, überhaupt nicht in

die politische, sondern in die Literaturgeschichte. Denn hier

wird nicht die Lebensfähigkeit des Staates innerhalb der wirklich

vorhandenen Staatenwelt ins Auge gefaßt, sondern das Privatdasein

für sich ohne Rücksicht darauf, ob ein solches Ideal angesichts der

vernachlässigten äußeren Lage auch nur einen Augenblick bestehen

könnte. Es ist ein Grundfehler der Ideologen, daß sie gegenüber dem

Privatleben und dem ganz darauf bezogenen Innenbau eines Staates

von dessen äußerer Machtstellung, die in Wirklichkeit die Freiheit

der inneren Gestaltung ganz und gar bedingt, völlig absehen. Der

Unterschied der französischen und deutschen Revolution z. B.

besteht darin, daß die eine von Anfang an die äußere Lage und

+damit+ die innere beherrscht hat, die andre nicht. Damit war diese

von vornherein eine Farce.

[399] Die durchaus nicht mit Wirtschaftsgeschichte im Sinne des

historischen Materialismus identisch ist. Darüber im nächsten

Kapitel.

[400] Denn die hohen Kirchenwürden sind in diesen Jahrhunderten

ausschließlich an den Adel Europas vergeben worden, der die

politischen Eigenschaften seines Blutes in ihren Dienst stellte.

Aus dieser Schule sind dann wieder Staatsmänner wie Richelieu,

Mazarin und Talleyrand hervorgegangen.

[401] S. 434.

[402] Ed. Meyer, Gesch. d. Alt. I, § 244.

[403] Auch von der chinesischen Kritik. Dagegen Schindler, Das

Priestertum im alten China I, S. 61 ff.; Conrady, China, S. 533.

[404] S. 432 f.

[405] _Compotus_, _contrarotulus_ (die zur Prüfung aufbewahrte

Gegenrolle), _quittancia_, _recordatum_.

[406] S. 342.

[407] „Für den Herrscher der Mitte gibt es kein Ausland“

(Kung-Tang). „Der Himmel spricht nicht; er läßt durch einen

Menschen seine Gedanken verkünden“ (Tung Tschung-schu). Seine

Verfehlungen wirken durch den ganzen Kosmos hindurch und führen

zu Erschütterungen in der Natur (O. Franke, Zur Geschichte des

konfuzianischen Dogmas, 1920, S. 212 ff., 244 f.). Dem antiken

und indischen Staatsdenken liegt dieser mystisch-universale Zug

gänzlich fern.

[408] Es darf nicht vergessen werden, daß der ungeheure Grundbesitz

der Kirche Erblehen der Bistümer und Erzbistümer geworden war, die

gar nicht daran dachten, dem Papst als Lehnsherrn Eingriffe zu

gestatten.

[409] Nach dem Sturz der Tyrannis um 500 fuhren die beiden Regenten

des römischen Patriziats die Titel Prätor oder Judex, aber eben

deshalb scheint es mir wahrscheinlich, daß sie über die Tyrannis

und die ihr vorausliegende Zeit einer Oligarchie bis in das echte

Königtum hinaufragen und als Hofämter denselben Ursprung haben

wie der Herzog (_prae-itor_, Heerwart, in Athen Polemarch) und

Graf (Dinggraf, Erbrichter, in Athen Archon). Die Bezeichnung

Konsul (seit 366) ist sprachlich ganz archaisch und bedeutet also

keine Neuschöpfung, sondern die Wiederbelebung eines Titels (Rat

des Königs?), der vielleicht aus oligarchischen Stimmungen lange

verpönt gewesen war.

[410] Beloch, Griechische Geschichte I, 1, S. 214 ff.

[411] Die Spartiaten brachten in der besten Zeit des 6.

Jahrhunderts etwa 4000 wehrfähige Männer auf gegenüber einer

Gesamtbevölkerung von fast 300000 Heloten und Periöken (Ed.

Meyer, Gesch. d. Alt. III, § 264); etwa eben so stark werden auch

die römischen Geschlechter damals der Klientel und den Latinern

gegenüber gewesen sein.

[412] Ed. Meyer, Gesch. d. Alt. I, § 264.

[413] Ebda § 267 f.

[414] V. Ehrenberg, Die Rechtsidee im frühen Griechentum (1921), S.

65 ff.

[415] S. 22 f.

[416] S. 204 f.

[417] S. 217 ff.

[418] F. Cumont, Mysterien des Mithra (1910), S. 74 ff. Die

Sassanidenregierung, die um 300 vom Lehnswesen zum Ständestaat

überging, ist in jeder Beziehung das Vorbild von Byzanz geworden,

im Zeremoniell, im ritterlichen Kriegswesen, in der Verwaltung

und vor allem im Typus des Herrschers. Vgl. auch A. Christensen,

L’empire des Sassanides, le peuple, l’état, la cour (Kopenhagen

1907).

[419] Ed. Meyer, Kl. Schriften S. 146.

[420] S. 297.

[421] Krumbacher, Byzantin. Literaturgeschichte S. 918.

[422] Auf die Ausgestaltung dieses Bildes wirft die Tatsache ein

helles Licht, daß die Nachkommen der angeblich gestürzten Dynastien

Hia und Shang in den Staaten Ki und Sung während der ganzen

Dschouzeit herrschten (Schindler, Das Priestertum im alten China I,

S. 39). Das beweist erstens, daß das Bild des Kaisertums auf eine

frühere und vielleicht sogar gleichzeitige Machtstellung +dieser

Staaten+ zurückgespiegelt worden ist, vor allem aber, daß Dynastie

auch hier nicht die uns geläufige Größe ist, sondern einen ganz

anderen Familienbegriff voraussetzt. Damit vergleichbar ist die

Fiktion, daß der deutsche König, der stets auf fränkischem Boden

gewählt und in der Grabkapelle Karls des Großen gekrönt wird, als

„Franke“ gilt, woraus unter andern Umständen sich die Vorstellung

einer Frankendynastie von Karl bis Konradin hätte entwickeln können

(v. Amira, German. Recht bei Herm. Paul, Grundriß III, S. 147

Anm.). Seit der konfuzianischen Aufklärung ist dieses Bild dann

zur Grundlage einer Staatstheorie gemacht und noch später von den

Cäsaren benützt worden (S. 386).

[423] O. Franke, Stud. z. Gesch. d. Konf. Dogmas, S. 247, 251.

[424] Ein bezeichnendes Beispiel ist die als gesetzwidrig

bestrittene Personalunion der Staaten Ki und Tseng bei Franke S.

251.

[425] Ed. Meyer, Gesch. d. Alt. I, § 281.

[426] G. Busolt, Griech. Staatskunde (1920), S. 319 ff. Wenn U. v.

Wilamowitz (Staat und Gesellschaft der Griechen, 1910, S. 53) das

patriarchalische Königtum bestreitet, so verkennt er den gewaltigen

Abstand des in der Odyssee angedeuteten Zustandes des achten

Jahrhunderts von dem des zehnten.

[427] A. Rosenberg, Der Staat der alten Italiker (1913), S. 75 f.

[428] +Ständische+ Parteien waren auch die beiden großen

Genossenschaften in Byzanz, die ganz falsch als „Zirkusparteien“

bezeichnet werden. Diese Blauen und Grünen nannten sich Demoi und

hatten ihre Vorstände. Der Zirkus war wie 1789 das Palais Royal

nur der Ort der öffentlichen Kundgebungen, und hinter diesen

stand die Ständeversammlung des Senats. Als Anastasius I. 520

die monophysitische Richtung zur Geltung brachte, sangen die

Grünen dort tagelang orthodoxe Hymnen und zwangen den Kaiser zur

öffentlichen Abbitte. Das abendländische Seitenstück dazu bilden

die Pariser Parteien unter den „drei Heinrichen“ (1580), die

Guelfen und Ghibellinen in dem Florenz Savonarolas und vor allem

die aufständischen Faktionen in Rom unter Papst Eugen IV. Die

Niederschlagung des Nikaaufstandes 532 durch Justinian endet denn

auch mit der Begründung des staatlichen Absolutismus gegenüber den

Ständen.

[429] Daraus ergibt sich ein doppelter Siedlungsbegriff. Während

z. B. die preußischen Könige Ansiedler in ihr +Land+ riefen wie die

Salzburger Protestanten und die französischen Refugiés, hat Gelon

von Syrakus um 480 die Bevölkerung ganzer Städte zwangsweise nach

Syrakus geführt, das damit plötzlich die erste Großstadt der Antike

wurde.

[430] Aus dieser Zeit stammen die in Gräbern am Esquilin gefundenen

griechischen Lekythen.

[431] Wissowa, Religion der Römer S. 242.

[432] W. Schulze, Zur Geschichte lateinischer Eigennamen S. 379

ff., 580 f.

[433] S. 435.

[434] Das kommt auch in dem Verhältnis des Pontifex maximus zum Rex

sacrorum zum Ausdruck. Dieser gehört mit den drei großen Flamines

zum Königtum; die Pontifices und die Vestalinnen gehören zum Adel.

[435] S. 71 ff.

[436] S. 207 f.

[437] Das ist deutlich zu ersehen aus Wilcken, Grundzüge der

Papyruskunde, 1912, S. 1 ff.

[438] Ed. Meyer, Cäsars Monarchie (1918), S. 308.

[439] Plutarch und Appian beschreiben die Menschenmasse, die auf

allen Straßen Italiens zur Abstimmung über die Gesetze des Ti.

Gracchus nach Rom wandert. Aber daraus geht hervor, daß dergleichen

noch nie dagewesen war, und gleich nach seinem Gewaltschritt

gegen Oktavius sieht Gracchus den Untergang vor Augen, weil die

Menge wieder nach Hause geströmt und nicht zum zweiten Male

zusammenzubringen ist. Zur Zeit Ciceros bestanden die Komitien oft

nur in der Besprechung einiger Politiker, ohne daß sonst jemand

teilnahm; aber nie ist einem Römer der Gedanke gekommen, die

Abstimmung an den Wohnort der einzelnen zu verlegen, auch nicht den

für das Bürgerrecht kämpfenden Italikern (90), so stark war das

Gefühl der Polis.

[440] In den abendländischen Dynastiestaaten gilt das Privatrecht

für deren +Gebiet+ und also für alle darin Anwesenden ohne

Rücksicht auf ihre Staatsangehörigkeit. Im Stadtstaat aber ist die

Geltung des Privatrechts für den einzelnen erst eine Folge des

Bürgerrechts. Die _civitas_ bedeutet deshalb unendlich viel mehr

als die moderne Staatsangehörigkeit, denn ohne sie ist der Mensch

rechtlos und als Person nicht vorhanden.

[441] S. 69.

[442] Gercke-Norden, Einl. i. d. Alt-Wiss. II, S. 202.

[443] Busolt, Griech. Geschichte II, S. 346 ff.

[444] S. 346, 375. Die Fronde und Tyrannis ist mit dem Puritanismus

ebenso tief verwandt -- dieselbe Epoche, in der politischen statt

der religiösen Welt erscheinend -- wie die Reformation mit dem

Ständestaat, der Rationalismus mit der bürgerlichen Revolution und

die „zweite Religiosität“ mit dem Cäsarismus.

[445] G. Wissowa, Religion d. Römer S. 297 ff.

[446] Beloch, Griech. Geschichte I, 1, S. 354.

[447] Ed. Meyer, Gesch. d. Alt. I, § 281.

[448] ebda. § 280 ff.

[449] Über die Sicherung der Thronfolge vgl. S. 471.

[450] § 286.

[451] § 283. A. Erman, Die Mahnworte eines ägyptischen Propheten,

Sitz. Preuß. Ak. 1919, S. 804 ff.

[452] S. Plath, Verfassung und Verwaltung Chinas, Abh. Münch. Ak.

1864, S. 97. O. Franke, Stud. z. Gesch. d. Konf. Dogmas, S. 255 ff.

[453] Der fünfzigjährige Abstand dieser kritischen Punkte, der

sich in dem klaren geschichtlichen Aufbau des Barock besonders

deutlich abhebt und auch in der Folge der drei punischen Kriege

erkennbar wird, deutet wieder darauf hin, daß die kosmischen

Flutungen in Gestalt des menschlichen Lebens an der Oberfläche

eines kleinen Gestirns nichts irgendwie für sich Bestehendes sind,

sondern mit dem unendlichen Bewegtsein des Alls in tiefem Einklang

stehen. In einem kleinen merkwürdigen Buch: R. Mewes, Die Kriegs-

und Geistesperioden im Völkerleben und Verkündigung des nächsten

Weltkrieges (1896) ist die Verwandtschaft dieser Kriegsperioden

mit Perioden der Witterung, der Sonnenflecken und gewisser

Planetenkonstellationen festgestellt und daraufhin ein großer Krieg

für 1910-20 angesetzt worden. Aber diese und zahllose ähnliche

Zusammenhänge, die in den Bereich unsrer Sinne treten (vgl. S. 5

ff.), bergen ein Geheimnis, das wir zu ehren haben und nicht durch

kausale Erklärungen oder mystische Gedankengespinste antasten

sollten.

[454] Hierzu und zum Folgenden „Preußentum und Sozialismus“ S. 31

ff.

[455] _Landed_ und _funded interest_ (J. Hatschek, Engl.

Verfassungsgeschichte (1913), S. 589 ff.). R. Walpole, der

Organisator der Whigpartei (seit 1714), pflegte sich und den

Staatssekretär Townshend als „die Firma“ zu bezeichnen, die mit

verschiedenen Inhabern bis 1760 unumschränkt regiert hat.

[456] R. v. Pöhlmann, Griech. Gesch. (1914), S. 223-245.

[457] Ed. Meyer, Gesch. d. Alt. V, § 809. Wenn das Latein erst ganz

spät, nach Alexander dem Großen, Literatursprache wird, so folgt

daraus nur, daß unter den Tarquiniern der Gebrauch des Griechischen

und Etruskischen allgemein üblich war, was sich für eine Stadt

von dieser Größe und Lage, die mit Karthago in Beziehungen steht,

mit Kyme gemeinsam Kriege führt und das Schatzhaus von Massalia

in Delphi benützt, deren Maß- und Gewichtsordnung dorisch, deren

Kriegswesen sizilisch ist, und in der es eine große Fremdenkolonie

gab, von selbst versteht. Livius (IX, 36) bemerkt nach alten

Angaben, daß gegen 300 noch die römischen Knaben ebenso in

etruskischer Bildung erzogen wurden, wie später in griechischer.

Die uralte Form Ulixes für Odysseus beweist, daß die homerische

Heldensage hier nicht nur bekannt, sondern volkstümlich war

(vgl. S. 349). Die Sätze des Zwölftafelrechts (um 450) stimmen

mit den etwa gleichaltrigen des Rechts von Gortyn auf Kreta

nicht nur inhaltlich, sondern auch stilistisch so genau überein,

daß den römischen Patriziern, welche sich damit befaßten, das

Juristengriechisch ganz geläufig gewesen sein muß.

[458] Diese Maßregel -- eine Usurpation der Verwaltung durch das

Volksheer -- entspricht der Einsetzung von Konsulartribunen in Rom

durch die Militärunruhen von 438.

[459] Nach B. Niese. Daß das Dezemvirat zunächst als

vorübergehendes Amt gedacht war, darin hat die moderne Forschung

recht; es fragt sich aber, welche Absichten die hinter ihm stehende

Partei mit der Neuordnung der Ämter verband, und +darüber+ muß es

zu einer Krise gekommen sein.

[460] A. Wahl, Vorgeschichte der französischen Revolution Bd.

II (1907), die einzige Darstellung von weltgeschichtlichen

Gesichtspunkten. Alle Franzosen, auch die modernsten wie Aulard

und Sorel, sehen die Dinge von irgend einem Parteistandpunkt aus

an. Es ist materialistischer Unsinn, von wirtschaftlichen Ursachen

dieser Revolution zu reden. Die Lage war selbst unter den Bauern

-- von denen die Erregung gar nicht ausging -- besser als in den

meisten andern Ländern. Die Katastrophe beginnt vielmehr unter den

+Gebildeten+ und zwar +aller+ Stände, im hohen Adel und Klerus noch

etwas früher als im höheren Bürgertum, weil der Verlauf der ersten

Notabelnversammlung (1787) die Möglichkeit enthüllt hatte, die

Regierungsform nach Standeswünschen radikal umzugestalten.

[461] Selbst die sehr provinziale Märzrevolution in Deutschland war

eine rein städtische Angelegenheit und spielte sich deshalb unter

einem verschwindend kleinen Teil der Bevölkerung ab.

[462] S. 114, 375.

[463] S. 430, 441.

[464] J. Hatschek, Engl. Verfassungsgeschichte, S. 588.

[465] Aber selbst während der Schreckenszeit befand sich mitten in

Paris die Anstalt des Dr. Belhomme, in der Angehörige des höchsten

Adels tafelten und tanzten und außer aller Gefahr waren, solange

sie zahlen konnten (G. Lenôtre, Das revolutionäre Paris, S. 409).

[466] Die große Bewegung, welche sich der Schlagworte von Marx

bedient, hat das Unternehmertum nicht von den Arbeitern, sondern

beide von der Börse abhängig gemacht.

[467] Die beiden Parteien leiten ihre Tradition und Sitte bis 1680

zurück.

[468] Die moralisch-politische Aufklärung ist auch in England ein

Produkt des dritten Standes (Priestley, Paley, Paine, Godwin)

und weiß deshalb mit dem vornehmen Geschmack Shaftesburys nichts

anzufangen.

[469] Der Schatzkanzler Pelham, Nachfolger Walpoles, ließ durch

seinen Sekretär am Ende jeder Session den Mitgliedern des

Unterhauses 500-800 Pfund in die Hände drücken, je nach dem Wert

ihrer der Regierung, d. h. der Whigpartei, geleisteten Dienste.

Der Parteiagent Dodington schrieb 1741 über seine parlamentarische

Tätigkeit: „Ich war nie bei einer Debatte anwesend, wenn ich es

vermeiden, und nie bei einer Abstimmung abwesend, die ich mitmachen

konnte. Ich hörte manche Gründe, die mich überzeugten, aber nie

einen, der meine Abstimmung beeinflußt hat.“

[470] Daß ein solches Ideal des persönlichen Regiments hier

tatsächlich die Diktatur im Interesse bürgerlicher und aufgeklärter

Ideale bedeutet, ergibt sich aus dem Gegensatz zum strengen

Staatsideal der Polis, an welcher nach Isokrates der Fluch des

Nichtsterbenkönnens haftet.

[471] Diodor XIV, 7. Das Schauspiel wiederholt sich 317, als

Agathokles, ein ehemaliger Töpfer, seine Söldnerbanden und den

Mob über die neue Oberschicht herfallen ließ. Nach dem Gemetzel

trat „das Volk“ der „gereinigten Stadt“ zusammen und übertrug dem

„Retter der wahren und echten Freiheit“ die Diktatur: Diodor XIX, 6

ff. Über die ganze Bewegung Busolt, Griech. Staatskunde S. 396 ff.

und Pöhlmann, Gesch. d. soz. Frage I, S. 416 ff.

[472] Ed. Meyer, Gesch. d. Alt. IV, § 626, 630.

[473] H. Delbrück, Geschichte der Kriegskunst (1908) I, S. 142.

[474] Das Todesjahr des Dionys, was vielleicht kein Zufall ist.

[475] 3-6 _tribuni militares consulari potestate_ statt der

Konsuln. Gerade damals muß durch die Einführung des Soldes und

der langen Dienstzeit innerhalb der Legionen ein Stamm wirklicher

Berufssoldaten entstanden sein, welche die Wahl der Centurionen in

der Hand hatten und den Geist der Truppe bestimmten. Es ist ganz

falsch, jetzt noch vom Bauernaufgebot zu reden, ganz abgesehen

davon, daß die vier großen Stadttribus einen erheblichen Teil der

Mannschaft lieferten, deren Einfluß noch über die Zahl hinausging.

Selbst die altertümelnde Schilderung des Livius und anderer läßt

deutlich erkennen, welchen Einfluß die stehenden Verbände auf den

Kampf der Parteien ausgeübt haben.

[476] Die nach K. J. Neumann auf den großen Censor zurückgeht.

[477] Nach römischem Recht erhält der freigelassene Sklave ohne

weiteres das Bürgerrecht mit geringen Einschränkungen; da das

Sklavenmaterial dem ganzen Mittelmeergebiet und vor allem dem

Osten entstammte, so sammelte sich in den vier Stadttribus eine

ungeheure wurzellose Masse an, die allen Tendenzen des altrömischen

Blutes fern stand und diese rasch zerstört hat, als es ihr seit der

gracchischen Bewegung gelungen war, die große Zahl zur Geltung zu

bringen.

Der Untergang des Abendlandes, Zweiter Band · 第 51 / 62 段