Man mache sich also klar, daß Demokratie auch in der arabischen

Welt ein Standesideal und zwar von Stadtmenschen und ein Ausdruck

ihres Freiseinwollens von den alten Bindungen des Landes, sei es

Wüste oder Ackerboden, ist. Das Nein gegenüber der Khalifentradition

verkleidet sich in sehr viele Formen und kann des Freidenkertums und

der Verfassung in unserem Sinne ganz entbehren. +Magischer Geist und

magisches Geld sind in anderer Weise „frei“.+ Das byzantinische

Mönchtum ist liberal bis zum Aufruhr und zwar nicht nur gegen Hof und

Adel, sondern auch gegen die hohen geistlichen Gewalten, die sich,

der gotischen Hierarchie entsprechend, schon vor dem Konzil von Nikäa

herausgebildet hatten. Der Consensus der Rechtgläubigen, das „Volk“

im verwegensten Sinne, ist von Gott -- Rousseau würde gesagt haben

von der Natur -- +gleich+ gewollt und frei von allen Mächten des

Blutes. Die berühmte Szene, in welcher der Abt Theodor von Studion

dem Kaiser Leo V. den Gehorsam kündigte (813), hat die Bedeutung

eines Bastillesturms in magischen Formen.[502] Nicht lange danach

beginnt der Aufstand der sehr frommen und in sozialen Dingen ganz

radikalen Paulikianer,[503] die jenseits des Taurus einen eigenen

Staat aufrichteten, ganz Kleinasien brandschatzten, ein kaiserliches

Aufgebot nach dem andern schlugen und erst 874 niedergeworfen werden

konnten. Das entspricht durchaus der kommunistisch-religiösen Bewegung

der Churramija östlich des Tigris bis nach Merw hin, deren Führer

Babak erst nach 20jährigem Kampf (817-837) unterlag,[504] und jener

andern der Karmaten im Westen (890-904), deren Verbindungen von Arabien

aus durch alle syrischen Städte reichten und den Aufruhr bis zur

persischen Küste verpflanzten. Aber daneben gab es noch ganz andere

Verkleidungen für den politischen Parteikampf. Wenn wir hören, daß die

byzantinische Armee bilderfeindlich war und der Militärpartei deshalb

eine bilderfreundliche Mönchspartei gegenüberstand, so erscheint die

Leidenschaft im Jahrhundert des Bildersturms (740-840) plötzlich in

einem ganz neuen Licht und wir verstehen, daß das Ende der Krise

(843), die endgültige Niederlage der Bilderfeinde +und zugleich+

der freikirchlichen Mönchspolitik, die Bedeutung einer Restauration

im Sinne von 1815 hatte.[505] Und endlich fällt in diese Zeit der

furchtbare Sklavenaufstand im Irak, dem Kerngebiet der Abbassiden,

der plötzliches Licht auf eine ganze Reihe von andern sozialen

Erschütterungen wirft, von denen die landläufigen Historiker nichts

erzählen. Ali, der Spartakus des Islam, gründete 869 südlich von Bagdad

mit den entlaufenen Massen einen wirklichen Negerstaat, erbaute sich

eine Residenz, Muchtara, und dehnte seine Macht tief nach Arabien und

Persien hinein aus, wo ganze Stämme sich mit ihm verbündeten. 871 wurde

Basra, die erste Hafenstadt der islamischen Welt mit beinahe einer

Million Einwohnern, genommen, ausgemordet und niedergebrannt; erst 883

ist dieser Sklavenstaat vernichtet worden.

So wird die sassanidisch-byzantinische Staatsform langsam ausgehöhlt,

und an die Stelle uralter Traditionen der hohen Beamtenschaft und

des Hofadels tritt die voraussetzungslose, ganz persönliche Gewalt

zufälliger Begabungen: +das Sultanat+. Denn das ist die spezifisch

arabische Form, die in Byzanz und Bagdad gleichzeitig erscheint und von

den napoleonischen Anfängen um 800 bis zum vollendeten Cäsarismus der

seldschuckischen Türken seit 1050 fortschreitet. Diese Form ist rein

magisch; sie gehört nur dieser Kultur an und ist ohne die tiefsten

Voraussetzungen ihrer Seele nicht zu verstehen. Das Khalifat, ein

Inbegriff politischen, um nicht zu sagen kosmischen Taktes und Stils,

wird nicht aufgehoben, denn der Khalif ist heilig als der durch den

Consensus der Berufenen erkannte Vertreter Gottes; aber es wird ihm

alle Macht entzogen, welche mit dem Begriff des Cäsarismus verbunden

ist, genau wie Pompejus und Augustus tatsächlich und Sulla und Cäsar

auch dem Namen nach diese Macht von den alten Verfassungsformen Roms

abgezogen haben. Es bleibt dem Khalifen zuletzt ebensoviel von seiner

Gewalt wie dem Senat und den Komitien etwa unter Tiberius. Die ganze

Fülle hohen Geformtseins in Recht, Tracht und Sitte war einst Symbol

gewesen. Jetzt ist sie Kostüm geworden, und zwar das des formlosen,

rein tatsächlichen Regiments.

So steht neben Michael III. (842-67) Bardas, neben Konstantin VII.

(912-59) der zum Mitkaiser ernannte Romanos.[506] Im Jahre 867 stürzt

der frühere Stallknecht Basileios, eine napoleonische Erscheinung,

den Bardas und gründet die Säbeldynastie der Armenier (bis 1081),

in der meist Generale statt der Kaiser regieren, Gewaltmenschen wie

Romanos, Nikephoros und Bardas Phokas. Der größte unter ihnen ist

Johann Tzimiskes (969-76), armenisch Kiur Zan. In Bagdad haben die

+Türken+ die Rolle der Armenier gespielt. Einem ihrer Führer hat

der Khalif Al Watik 842 zuerst den Sultanstitel verliehen. Seit 862

üben die türkischen Prätorianer die Vormundschaft über den Herrscher

aus, und 945 wird der abbassidische Khalif durch Achmed, den Begründer

der Sultansdynastie der Bujiden, in aller Form auf die geistliche

Würde beschränkt. Von da an erhebt sich in beiden Weltstädten ein

rücksichtsloser Kampf der mächtigen Provinzgeschlechter um die

höchste Gewalt. Wenn auf der christlichen Seite vor allem Basileios

II. gegen die großen Latifundienbesitzer vorgeht, so hat das nicht

im geringsten die Bedeutung einer sozialen Gesetzgebung. Es ist ein

Akt der Verteidigung des augenblicklichen Gewalthabers gegen die

möglichen Erben und deshalb am nächsten den Proskriptionen Sullas

und der Triumvirn verwandt. Den Dukas, Phokas und Skleros gehörte

halb Kleinasien; der Kanzler Basileios, der mit seinem fabelhaften

Vermögen eine Armee bezahlen konnte,[507] ist längst mit Crassus

verglichen worden. Aber die eigentliche Kaiserzeit beginnt erst mit

den seldschuckischen Türken.[508] Ihr Führer Togrulbek nahm 1043 den

Irak, 1049 Armenien und zwang 1055 den Khalifen, ihm das erbliche

Sultanat zu übertragen. Sein Sohn Alp Arslan eroberte Syrien und durch

die Schlacht von Mantzikert 1071 das östliche Kleinasien. Der Rest von

Byzanz ist von da an ohne alle Bedeutung für das weitere Schicksal des

türkisch-arabischen Imperiums.

Und dieses Zeitalter ist es, das sich in Ägypten hinter dem Namen der

Hyksoszeit verbirgt. Zwischen der 12. und 18. Dynastie liegen zwei

Jahrhunderte,[509] welche mit dem Zusammenbruch des unter Sesostris

III.[510] auf den Gipfel gelangten _ancien régime_ beginnen und an

deren Ende die Kaiserzeit des Neuen Reiches steht. Schon die Zählung

der Dynastien läßt eine Katastrophe erkennen. In den Königslisten

erscheinen die Namen dicht nach- und nebeneinander, Usurpatoren

dunkelster Herkunft, Generale, Leute mit seltsamen Titeln, manchmal nur

einige Tage regierend. Ägypten zerfällt in eine Anzahl ephemerer Völker

und Herrschaftsgebiete. Gleich mit dem ersten König der 13. Dynastie

brechen die Nilhöheangaben in Semne ab, mit seinem Nachfolger die

Urkunden in Kahun. Es ist die Zeit, aus welcher der Leidener Papyrus

ein Bild der großen sozialen Revolution entwirft.[511] Auf den Sturz

der Regierung und den Sieg der Masse folgen die Aufstände im Heer und

der Aufstieg ehrgeiziger Soldaten. Hier taucht, seit 1680 etwa, der

Name der „Verruchten“, der Hyksos[512] auf, mit dem die Historiker

des Neuen Reiches, die den Sinn der Epoche nicht mehr begriffen oder

begreifen wollten, die Schmach dieser Jahre zugedeckt haben. Diese

Hyksos haben ganz ohne Zweifel die Rolle der Armenier in Byzanz

gespielt, und nicht anders wäre das Schicksal der Kimbern und Teutonen

geworden, wenn sie über Marius und seine aus der großstädtischen Hefe

ergänzten Legionen gesiegt, mit ihren stets erneuerten Massen die Heere

der Triumvirn gefüllt und ihre Führer zuletzt vielleicht an deren

Stelle gesetzt hätten. Was Landfremde damals wagen durften, zeigt

das Beispiel Jugurthas. Es ist ganz gleichgültig, welcher Herkunft

und Zusammensetzung sie waren, ob Leibwachen, aufständische Sklaven,

Jakobiner oder ganze fremde Stämme. Was sie für die ägyptische Welt

ein Jahrhundert lang gewesen sind, darauf kommt es an. Im östlichen

Delta haben sie zuletzt einen Staat begründet und eine Residenz,

Auaris, gebaut.[513] Einer ihrer Führer, Chian, der sich statt des

Pharaonentitels die ganz revolutionären Namen „Umarmer der Länder“ und

„Fürst der jungen Mannschaft“ gab -- ebenso revolutionär wie „_consul

sine collega_“ und „_dictator perpetuus_“ in cäsarischer Zeit

--, ein Mann vielleicht wie Johann Tzimiskes, gebot über ganz Ägypten

und trug seinen Namen bis nach Kreta und an den Euphrat. Aber nach

ihm beginnt der Kampf aller Gaue um das Imperium und aus ihm geht mit

Amosis die Dynastie von Theben als Sieger hervor.

Für uns hat das Zeitalter der kämpfenden Staaten mit Napoleon und der

Gewaltsamkeit seiner Maßregeln begonnen. In seinem Kopf ist zuerst der

Gedanke einer militärischen und zugleich volkstümlichen Weltherrschaft

wirksam geworden, etwas ganz anderes als das Reich Karls V. und das

englische Kolonialreich noch zu seiner Zeit. Wenn das 19. Jahrhundert

an großen Kriegen -- und Revolutionen -- arm gewesen ist und die

schwersten Krisen auf Kongressen diplomatisch überwunden hat, so beruht

das gerade auf einer beständigen so ungeheuren Bereitschaft zum Kriege,

daß die Furcht vor den Folgen in letzter Stunde immer wieder zur

Vertagung der endgültigen Entscheidung und zum Ersatz des Krieges durch

politische Schachzüge geführt hat. Denn dieses Jahrhundert ist das der

stehenden Riesenheere und der allgemeinen Wehrpflicht. Wir sind ihm

noch zu nahe, um das Schauerliche dieses Anblicks und das Beispiellose

innerhalb der gesamten Weltgeschichte zu empfinden. Seit Napoleon

stehen beständig Hunderttausende, zuletzt Millionen, marschbereit,

liegen gewaltige Flotten, die alle zehn Jahre erneuert werden, in den

Häfen. Es ist ein Krieg ohne Krieg, ein Krieg des Überbietens mit

Rüstungen und Schlagfertigkeit, ein Krieg der Zahlen, des Tempo, der

Technik, und die Diplomaten verhandeln nicht von Hof zu Hof, sondern

von Hauptquartier zu Hauptquartier. Je länger die Entladung verzögert

wird, desto ungeheuerlicher werden die Mittel, desto unerträglicher

wächst die Spannung. Das ist die faustische, die dynamische Form der

kämpfenden Staaten in ihrem ersten Jahrhundert, aber sie ist mit der

Entladung des Weltkriegs zu Ende. Denn durch das Aufgebot dieser vier

Jahre ist das der französischen Revolution entstammende, in dieser

Form durch und durch revolutionäre Prinzip der allgemeinen Wehrpflicht

samt den aus ihr entwickelten taktischen Mitteln überwunden.[514] An

Stelle der stehenden Heere werden von nun an allmählich Berufsheere

freiwilliger und kriegsbegeisterter Soldaten treten, an Stelle der

Millionen wieder die Hunderttausende, aber eben damit wird dieses

zweite Jahrhundert wirklich das der kämpfenden Staaten sein. Das bloße

Dasein +dieser+ Heere ist kein Ersatz des Krieges. Sie sind für

den Krieg da und sie wollen ihn. In zwei Generationen werden sie es

sein, deren Wille stärker ist als der aller Ruhebedürftigen. In diesen

Kriegen um das Erbe der ganzen Welt werden Kontinente angesetzt,

Indien, China, Südafrika, Rußland, der Islam aufgeboten, neue

Techniken und Taktiken gegeneinander ausgespielt werden. Die großen

weltstädtischen Machtmittelpunkte werden über die kleineren Staaten,

ihr Gebiet, ihre Wirtschaft und Menschen nach Gutdünken verfügen; das

alles ist nur noch Provinz, Objekt, Mittel zum Zweck; sein Schicksal

ist ohne Bedeutung für den großen Gang der Dinge. Wir haben in wenigen

Jahren gelernt, Ereignisse kaum noch zu beachten, die vor dem Kriege

die Welt hätten erstarren lassen. Wer denkt heute ernsthaft an die

Millionen, die in Rußland zugrunde gehen?

Daß zwischen diesen Katastrophen voller Blut und Entsetzen immer wieder

der Ruf nach Völkerversöhnung und Frieden auf Erden erschallt, ist in

dem Grade notwendig, als Hintergrund und Widerhall eines großartigen

Geschehens, daß man es auch dort noch annehmen muß, wo nichts davon

überliefert ist wie im Ägypten der Hyksoszeit, in Bagdad und Byzanz.

Man mag den Wunsch einschätzen, wie man will, aber man sollte den Mut

haben, die Dinge zu sehen, wie sie sind. Das zeichnet den Menschen von

Rasse aus, durch dessen Dasein +allein+ es Geschichte gibt. Das

Leben ist hart, wenn es groß sein soll. Es läßt +nur+ die Wahl

zwischen Sieg und Niederlage, nicht zwischen Krieg und Frieden, und die

Opfer des Sieges gehören zum Siege. Denn es ist nichts als Literatur,

geschriebene, gedachte, gelebte Literatur, die hier anklagend und

eifernd neben den Ereignissen einhergeht. Es sind bloße Wahrheiten,

die sich im Gedränge der Tatsachen verlieren. Die Geschichte hat

nie geruht, von diesen Vorschlägen Kenntnis zu nehmen. In der

chinesischen Welt hat Hiang-sui schon 535 eine Friedensliga zu stiften

versucht. Zur Zeit der kämpfenden Staaten wird dem Imperialismus

(_lienheng_) vor allem in den südlichen Ländern am Jangtse die

Völkerbundsidee (_hohtsung_)[515] entgegengesetzt; sie war von

Anfang an zum Tode verurteilt wie alles Halbe, das dem Ganzen in den

Weg tritt, und verschwand schon vor dem Endsieg des Nordens. Aber beide

wandten sich gegen den antipolitischen Geschmack der Taoisten, die

in diesen furchtbaren Jahrhunderten eine geistige Selbstentwaffnung

vornahmen und sich damit zum bloßen Material herabsetzten, das in

den großen Entscheidungen von andern und für andre verbraucht wurde.

Auch die römische Politik, so fern dem antiken Geiste sonst das

Vorausdenken liegt, hat doch einmal versucht, die Welt in ein System

gleichgeordneter Mächte zu bringen, das fernere Kriege zwecklos

machen sollte: damals, als sie nach der Niederlage Hannibals auf die

Einverleibung des Ostens verzichtete. Das Ergebnis war so, daß die

Partei des jüngeren Scipio zum entschiedenen Imperialismus überging,

um dem Chaos ein Ende zu machen, obwohl ihr Führer mit klarem Blick

das Schicksal seiner Stadt voraussah, welche die antike Unfähigkeit,

irgend etwas zu organisieren, im höchsten Grade besaß. Aber der Weg von

Alexander zu Cäsar ist eindeutig und unvermeidlich, und die stärkste

Nation jeder Kultur hat ihn gehen müssen, ob sie es wollte und wußte

oder nicht.

Vor der Härte dieser Tatsachen gibt es keine Ausflucht. Die

Friedenskonferenz im Haag von 1907 war das Vorspiel zum Weltkrieg,

die in Washington von 1921 wird das Vorspiel neuer Kriege sein. Die

Geschichte dieser Zeit ist nicht mehr ein geistreiches Spiel in

guten Formen um ein Mehr oder Weniger, aus dem man sich jederzeit

zurückziehen kann. Standhalten oder untergehen -- ein drittes gibt

es nicht. Die einzige Moral, welche die Logik der Dinge uns heute

gestattet, ist die eines Bergsteigers auf steilem Grat. Ein Augenblick

der Schwäche, und alles ist zu Ende. Aber alle „Philosophie“ ist

heute nichts als ein innerliches Abdanken und Sichgehenlassen und die

feige Hoffnung, durch Mystik den Tatsachen zu entschlüpfen. Sie war

zur Römerzeit nichts anderes. Tacitus erzählt,[516] wie der berühmte

Musonius Rufus durch Vorträge über die Güter des Friedens und die

Übel des Krieges auf die Legionen, die im Jahre 70 vor den Toren

Roms standen, einzuwirken versuchte und ihren Schlägen kaum entging.

Der Heerführer Avidius Cassius nannte den Kaiser Marc Aurel ein

philosophisches altes Weib.

Was den Nationen des 20. Jahrhunderts an alter und großer Tradition

erhalten bleibt, an historischem Geformtsein, an Erfahrung, die ins

Blut gedrungen ist, erhebt sich damit zu einer Macht ohnegleichen.

Die +schöpferische+ Pietät oder, um es tiefer zu fassen, ein

uralter Takt aus ferner Frühzeit, der im Wollen gestaltend weiterwirkt,

haftet für uns nur an Formen, die älter sind als Napoleon und die

Revolution,[517] die gewachsen und nicht entworfen sind. Jeder noch so

bescheidene Rest davon, der sich im Dasein irgend einer geschlossenen

Minderheit erhält, wird bald genug zu unermeßlichem Werte steigen und

geschichtliche Wirkungen hervorbringen, die im Augenblick noch niemand

für möglich hält. Die Traditionen einer alten Monarchie, eines alten

Adels, einer alten vornehmen Gesellschaft, soweit sie noch gesund genug

sind, um die Politik als Geschäft oder um einer Abstraktion willen

von sich fernzuhalten, soweit sie Ehre, Entsagung, Disziplin, das

echte Gefühl einer großen Sendung besitzen, +Rasseeigenschaften+

also, Zucht, Sinn für Pflichten und Opfer, können zu einem Mittelpunkt

werden, der den Daseinsstrom eines ganzen Volkes zusammenhält, es diese

Zeit überdauern und die Küste der Zukunft erreichen läßt. In Verfassung

sein ist alles. Es handelt sich um die schwerste Zeit, welche die

Geschichte einer hohen Kultur kennt. Die letzte Rasse in Form, die

letzte lebendige Tradition, der letzte Führer, der beides hinter sich

hat, gehen als Sieger durchs Ziel.

15

Cäsarismus nenne ich die Regierungsart, welche trotz aller

staatsrechtlichen Formulierung in ihrem inneren Wesen wieder gänzlich

formlos ist. Es ist gleichgültig, ob Augustus in Rom, Hoangti in

China, Amosis in Ägypten, Alp Arslan in Bagdad ihre Stellung mit

altertümlichen Bezeichnungen umkleiden. Der Geist dieser alten Formen

ist tot.[518] Und deshalb sind alle Institutionen, sie mögen noch so

peinlich aufrecht erhalten werden, von nun an ohne Sinn und Gewicht.

Bedeutung hat nur die ganz persönliche Gewalt, welche der Cäsar oder

an seiner Stelle irgend jemand durch seine Fähigkeiten ausübt. Es

ist die Heimkehr aus einer formvollendeten Welt ins Primitive, ins

Kosmisch-Geschichtslose. Biologische Zeiträume nehmen wieder den Platz

historischer Epochen ein.[519]

Am Anfang, dort, wo die Zivilisation sich zur vollen Blüte entfaltet

-- heute -- steht das Wunder der Weltstadt, das große steinerne

Sinnbild des Formlosen, ungeheuer, prachtvoll, im Übermut sich dehnend.

Sie zieht die Daseinsströme des ohnmächtigen Landes in sich hinein,

Menschenmassen, die wie Dünen aus einer in die andre verweht werden,

wie loser Sand zwischen den Steinen verrieseln. Hier feiern Geist

und Geld ihre höchsten und letzten Siege. Es ist das Künstlichste

und Feinste, was in der Lichtwelt des menschlichen Auges erscheint,

etwas Unheimliches und Unwahrscheinliches, das fast schon jenseits der

Möglichkeiten kosmischer Gestaltung steht.

Dann aber treten die ideenlosen Tatsachen wieder nackt und riesenhaft

hervor. Der ewig-kosmische Takt hat die geistigen Spannungen einiger

Jahrhunderte endgültig überwunden. In Gestalt der Demokratie hatte

das Geld triumphiert. Es gab eine Zeit, wo es allein oder fast

allein Politik machte. Aber sobald es die alten Ordnungen der Kultur

zerstört hat, taucht aus dem Chaos eine neue, übermächtige, bis in den

Urgrund alles Werdens hinabreichende Größe empor: die Menschen von

cäsarischem Schlage. An ihnen geht die Allmacht des Geldes zugrunde.

+Die Kaiserzeit bedeutet, und zwar in jeder Kultur, das Ende der

Politik von Geist und Geld.+ Die Mächte des Blutes, die urwüchsigen

Triebe alles Lebens, die ungebrochne körperliche Kraft treten ihre

alte Herrschaft wieder an. Die Rasse bricht rein und unwiderstehlich

hervor: der Erfolg des Stärksten und der Rest als Beute. Sie ergreift

das Weltregiment, und das Reich der Bücher und Probleme erstarrt

oder versinkt in Vergessenheit. Von nun an werden Heldenschicksale

im Stil der Vorzeit wieder möglich, die nicht durch Kausalitäten für

das Bewußtsein verschleiert sind. Es gibt keinen inneren Unterschied

mehr zwischen dem Leben des Septimius Severus und Gallienus oder

dem Alarichs und Odoakers. Ramses, Trajan, Wu-ti gehören in das

gleichförmige Auf und Nieder geschichtloser Zeiträume.[520]

Seit dem Anbruch der Kaiserzeit gibt es keine politischen Probleme

mehr. Man findet sich ab mit den Lagen und Gewalten, die vorhanden

sind. Ströme von Blut hatten zur Zeit der kämpfenden Staaten das

Pflaster aller Weltstädte gerötet, um die großen Wahrheiten der

Demokratie in Wirklichkeit zu verwandeln und Rechte zu erkämpfen, ohne

die das Leben nicht wert schien, gelebt zu werden. Jetzt +sind+

diese Rechte erobert, aber die Enkel sind selbst durch Strafen nicht

mehr zu bewegen, von ihnen Gebrauch zu machen. Hundert Jahre später,

und sogar die Historiker verstehen die alten Streitfragen nicht mehr.

Schon zur Zeit Cäsars beteiligte sich die anständige Bevölkerung

kaum noch an den Wahlen.[521] Es hat dem großen Tiberius das Leben

verbittert, daß die fähigsten Männer seiner Zeit sich von aller

Politik zurückhielten, und Nero konnte auch durch Drohungen die Ritter

nicht mehr zwingen, zur Ausübung ihrer Rechte nach Rom zu kommen. Das

ist das Ende der großen Politik, die einst ein Ersatz des Krieges

durch geistigere Mittel gewesen war und nun dem Kriege in seiner

ursprünglichsten Gestalt wieder Platz macht.

Der Untergang des Abendlandes, Zweiter Band · 第 50 / 62 段