Trotzdem ist der Parlamentarismus kein Gipfel wie die absolute

Polis und der Barockstaat, sondern ein kurzer Übergang, nämlich von

der Spätzeit mit ihren gewachsenen Formen zum Zeitalter der großen

Einzelnen inmitten einer formlos gewordenen Welt. Er enthält einen

Rest guten Barockstils wie die Häuser und Möbel aus der ersten Hälfte

des 19. Jahrhunderts. Die parlamentarische Sitte ist englisches

Rokoko, aber nicht mehr selbstverständlich und im Blute liegend,

sondern oberflächlich nachgeahmt und Sache des guten Willens. Nur

in den kurzen Zeiten anfänglicher Begeisterung besitzt sie einen

Schein von Tiefe und Dauer und nur deshalb, weil man eben gesiegt

hatte und aus Achtung vor dem eignen Stand die guten Manieren der

Besiegten sich zur Pflicht machte. Die Form zu wahren, auch wo

sie dem Vorteil widerspricht: auf dieser Übereinkunft beruht die

+Möglichkeit+ des Parlamentarismus. +Dadurch, daß er erreicht

ist, ist er eigentlich schon überwunden.+ Der Nichtstand zerfällt

wieder in natürliche Interessengruppen; das Pathos des leidenden

und siegreichen Widerstandes ist zu Ende. Und sobald die Form nicht

mehr die Anziehungskraft eines jungen Ideals besitzt, für das man

auf die Barrikaden geht, erscheinen die außerparlamentarischen

Mittel, um trotz der Abstimmung und ohne sie das Ziel zu erreichen:

darunter das Geld, der wirtschaftliche Druck, vor allem der Streik.

Weder die großstädtische Masse noch der starke Einzelne haben wahre

Achtung vor dieser Form ohne Tiefe und Vergangenheit, und sobald man

entdeckt, daß sie +nur+ Form ist, ist sie auch schon Maske und

Schatten geworden. Mit dem Anfang des 20. Jahrhunderts nähert sich

der Parlamentarismus, auch der englische, mit schnellen Schritten

der Rolle, die er selbst dem Königtum bereitet hat. Er wird ein

eindrucksvolles Schauspiel für die Menge der Gläubigen, während der

Schwerpunkt der großen Politik, wie er rechtlich von der Krone zur

Volksvertretung hinüberging, nun tatsächlich aus dieser in Privatkreise

und den Willen von Privatpersonen verlegt wird. Der Weltkrieg hat diese

Entwicklung beinahe abschlossen. Von der Herrschaft Lloyd Georges führt

kein Weg zum alten Parlamentarismus zurück und ebensowenig von dem

Napoleonismus der französischen Militärpartei. Und für Amerika, das

bis jetzt für sich dalag und eher ein Gebiet als ein Staat war, ist

mit dem Eintritt in die Weltpolitik das einer Theorie von Montesquieu

entstammende Nebeneinander von Präsidentschaft und Kongreß unhaltbar

geworden und wird in Zeiten wirklicher Gefahr formlosen Gewalten Platz

machen, wie sie Südamerika und Mexiko längst kennen gelernt haben.

14

Damit ist der Eintritt in das Zeitalter der Riesenkämpfe vollzogen, in

dem wir uns heute befinden. Es ist +der Übergang vom Napoleonismus

zum Cäsarismus+, eine allgemeine Entwicklungsstufe vom Umfang

wenigstens zweier Jahrhunderte, die in allen Kulturen nachzuweisen

ist. Die Chinesen nennen sie Tschan kuo, Zeit der kämpfenden Staaten

(480-230, antik etwa 300-50).[484] Am Anfang werden sieben Großmächte

gezählt, die erst planlos, dann mit immer klarerem Blick für das

unvermeidliche Endergebnis in diese dichte Folge von ungeheuren Kriegen

und Revolutionen eintreten. Ein Jahrhundert später sind es noch fünf.

441 wird der Herrscher der Dschou-Dynastie zum Staatspensionär des

„östlichen Herzogs“ und damit verschwindet der Rest von Land, den er

besaß, aus der ferneren Geschichte. Gleichzeitig beginnt der rasche

Aufstieg des Römerstaates Tsin im unphilosophischen Nordwesten,[485]

der seinen Einfluß nach West und Süd über Tibet und Yünnan ausdehnt

und die übrige Staatenwelt in weitem Bogen umklammert. Den Mittelpunkt

der Gegnerschaft bildet das Königreich Tsu im taoistischen Süden,[486]

von wo aus die chinesische Zivilisation langsam in die damals noch

wenig bekannten Länder jenseits des großen Stromes dringt. Das ist

in der Tat ein Gegensatz wie der zwischen Römertum und Hellenismus:

dort der harte und klare Wille zur Macht, hier der Hang zu Träumerei

und Weltverbesserung. 368-320 (antik etwa Zeit des zweiten punischen

Krieges) steigert sich der Kampf zu einem ununterbrochenen Ringen der

gesamten chinesischen Welt, mit Massenheeren, die bis zur äußersten

Anspannung der Bevölkerungszahl aufgebracht werden. „Die Verbündeten,

deren Länder zehnmal so groß waren als die von Tsin, wälzten umsonst

eine Million Menschen heran. Tsin hatte immer noch Reserven in

Bereitschaft. Von Anfang bis zu Ende fiel eine Million Mann“, schreibt

Se ma tsien. Su tsin, zuerst Kanzler von Tsin, der dann als Anhänger

der Völkerbundsidee (_hohtsung_) zu den Gegnern überging,

brachte zwei große Koalitionen zustande (333 und 321), die an innerer

Uneinigkeit mit den ersten Schlachten zusammenbrachen. Sein großer

Gegner, der Kanzler Tschang J, ein entschiedener Imperialist, war 311

nahe daran, die chinesische Staatenwelt zu freiwilliger Unterwerfung

zu bringen, als ein Thronwechsel seine Kombination vereitelte. 294

beginnen die Feldzüge des Pe ki.[487] Unter dem Eindruck seiner Siege

nimmt der König von Tsin 288 den mystischen Kaisertitel der Sagenzeit

an,[488] was den Anspruch auf Weltherrschaft zum Ausdruck bringt und

von dem Herrscher von Tsi im Osten[489] sofort nachgeahmt wird. Damit

beginnt ein zweites Maximum der Entscheidungskämpfe. Die Zahl der

selbständigen Staaten wird immer kleiner. 255 verschwindet auch der

Heimatstaat des Konfuzius, Lu, und 249 findet die Dschou-Dynastie

ihr Ende. 246 wird der gewaltige Wang Dscheng als 13jähriger Knabe

Kaiser von Tsin und führt mit Unterstützung seines Kanzlers Lui Schi,

des chinesischen Mäcenas,[490] den Endkampf durch, in dem der letzte

Gegner, das Reich von Tsu, 241 den letzten Angriff wagt. 221 hat er als

tatsächlicher Alleinherrscher den Titel Schi (Augustus) angenommen. Das

ist der Anfang der chinesischen Kaiserzeit.

Kein Zeitalter zeigt so deutlich wie das der kämpfenden Staaten

die weltgeschichtliche Alternative: +große Form oder große

Einzelgewalten+. In demselben Grade wie die Nationen aufhören,

politisch in Verfassung zu sein, wachsen die Möglichkeiten für den

energischen Privatmann, der politisch schöpferisch sein, der um jeden

Preis Macht besitzen will und durch die Wucht seiner Erscheinung das

Schicksal ganzer Völker und Kulturen wird. Die Ereignisse sind der Form

nach voraussetzungslos geworden. An Stelle der gesicherten Tradition,

die des Genies entbehren kann, weil sie selbst kosmische Kraft in

höchster Potenz ist, tritt nun der Zufall großer Tatsachenmenschen; der

Zufall ihres Aufstiegs führt ein schwaches Volk wie das makedonische

über Nacht an die Spitze der Ereignisse und der Zufall ihres Todes kann

die Welt aus persönlich gefestigter Ordnung unvermittelt in das Chaos

stürzen, wie die Ermordung Cäsars beweist.

Das hat sich früher schon in den kritischen Übergangszeiten offenbart.

Die Epoche der Fronde, der Mingdschu, der ersten Tyrannis, wo man

nicht in Form war, sondern um die Form kämpfte, hat jedesmal eine

Reihe großer Gestalten heraufgeführt, die über alle Schranken eines

Amtes hinauswuchsen. Die Wende von der Kultur zur Zivilisation tut

es noch einmal im Napoleonismus. Mit diesem aber, der das Zeitalter

der unbedingten geschichtlichen Formlosigkeit einleitet, bricht die

eigentliche Blütezeit der großen Einzelnen an, die für uns mit dem

Weltkrieg fast auf ihren Höhepunkt gelangt ist. In der Antike geschah

das mit Hannibal, der im Namen des Hellenismus, dem er innerlich

angehörte, den Kampf gegen Rom eröffnet hat, aber zugrunde ging, weil

der hellenistische Osten, ganz antik, den Sinn der Stunde zu spät oder

gar nicht begriff. Mit seinem Untergang beginnt jene stolze Reihe,

die von den beiden Scipionen über Aemilius Paullus, Flamininus, die

Catonen, die Gracchen, über Marius und Sulla zu Pompejus, Cäsar und

Augustus führt. Ihnen entspricht jene Folge von Staatsmännern und

Feldherrn im China der kämpfenden Staaten, die sich wie dort um Rom,

so hier um Tsin sammeln. Bei der Verständnislosigkeit, mit welcher

die politische Seite der chinesischen Geschichte behandelt zu werden

pflegt, hat man sie als Sophisten bezeichnet.[491] Sie waren es

auch, aber in dem Sinne, wie die vornehmen Römer der gleichen Zeit

Stoiker waren, nachdem sie im griechischen Osten philosophischen und

rhetorischen Unterricht empfangen hatten. Sie waren alle geschulte

Redner und haben alle gelegentlich über Philosophie geschrieben,

Cäsar und Brutus so gut wie Cato und Cicero, aber nicht als

Berufsphilosophen, sondern auf Grund einer vornehmen Sitte und aus

ihrem _otium cum dignitate_ heraus. Abgesehen davon waren sie

Meister der Tatsachen, auf dem Schlachtfelde wie in der hohen Politik,

und genau dasselbe gilt von den Staatskanzlern Tschang J und Su

tsin,[492] dem gefürchteten Diplomaten Fan sui, der den General Pe ki

gestürzt hat, dem Gesetzgeber von Tsin Wei yang, dem Mäcenas des ersten

Kaisers Lui Schi und andern.

Die Kultur hatte alle Kräfte in strenge Form gebunden. Jetzt sind

sie entfesselt und „die Natur“, das heißt das Kosmische, bricht

unvermittelt hervor. Die Wendung vom absoluten Staat zur -- kämpfenden

-- Völkergemeinschaft jeder beginnenden Zivilisation mag für Idealisten

und Ideologen bedeuten, was sie will; in der Tatsachenwelt bedeutet sie

den Übergang vom Regieren im Stil und Takt einer strengen Tradition

zu dem _sic volo, sic jubeo_ des schrankenlosen persönlichen

Regiments. Das Maximum von sinnbildlicher, +über+persönlicher

Form fällt mit dem Gipfel der Spätzeiten zusammen, in China um

600, in der Antike um 450, für uns um 1700; das Minimum liegt in

der Antike unter Sulla und Pompejus und wird für uns im nächsten

Jahrhundert erreicht und vielleicht schon durchschritten sein. Die

großen zwischenstaatlichen Kämpfe sind überall mit innerstaatlichen

durchsetzt, Revolutionen von einer furchtbaren Art, aber sie

dienen -- ob sie es wissen und wollen oder nicht -- ohne Ausnahme

außerstaatlichen und zuletzt rein persönlichen Machtfragen; was sie

selbst theoretisch erstreben, ist geschichtlich bedeutungslos, und wir

brauchen nicht zu wissen, unter welchen Schlagworten die chinesischen

und arabischen Revolutionen dieser Epoche ausbrachen oder ob sie ohne

dergleichen geführt worden sind. Keine der zahllosen Revolutionen

dieses Zeitalters, die mehr und mehr blinde Ausbrüche entwurzelter

großstädtischer Massen werden, haben je ein Ziel erreicht oder auch nur

erreichen können. Eine +geschichtliche Tatsache+ bleibt nur der

beschleunigte Abbau uralter Formen, der für cäsarische Gewalten freie

Bahn schafft.

Aber dasselbe gilt auch von den Kriegen, in denen die Heere und ihre

Taktik mehr und mehr Schöpfungen nicht mehr der Epoche, sondern

unumschränkter Einzelführer werden, die oft genug ihr Genie erst spät

und durch Zufall entdeckt haben. Um 300 gibt es +römische+ Heere,

seit 100 gibt es Heere des Marius, Sulla, Cäsar, und Oktavian wurde

von seinem Heere, dem der Veteranen Cäsars, mehr geführt als daß er es

führte. Aber damit nehmen die Methoden der Kriegführung, ihre Mittel

und Ziele ganz andere, naturalistische, erschreckende Formen an. Es

sind nicht mehr wie im 18. Jahrhundert Duelle in ritterlichen Formen

wie ein Zweikampf im Park von Trianon, bei denen es feste Regeln dafür

gibt, wann jemand seine Kräfte für erschöpft erklärt, was als das

Höchstmaß aufzubringender Streitkräfte gilt und welche Bedingungen der

Sieger als Kavalier stellen darf. Es sind Ringkämpfe wütender Menschen

mit allen Mitteln, mit Fäusten und Zähnen, die bis zum körperlichen

Zusammenbruch des einen und zur schrankenlosen Ausnutzung des Erfolgs

durch den andern geführt werden. Das erste große Beispiel dieser

Rückkehr zur Natur geben die Heere der Revolution und Napoleons, welche

an die Stelle kunstvollen Manövrierens mit kleinen Truppenkörpern den

Sturmangriff von Massen ohne Rücksicht auf die Verluste setzen und

damit die ganze feine Strategie des Rokoko in Trümmer schlagen. Die

Muskelkraft eines ganzen Volkes auf den Schlachtfeldern anzusetzen, wie

es durch die Anwendung der allgemeinen Wehrpflicht geschieht, ist ein

Gedanke, welcher dem Zeitalter Friedrichs des Großen gänzlich fern lag.

Und ebenso ist in allen Kulturen die Technik des Krieges der des

Handwerks zögernd gefolgt, bis sie zu Beginn einer jeden Zivilisation

plötzlich die Führung übernimmt, alle mechanischen Möglichkeiten

rücksichtslos in ihren Dienst stellt und ganz neue Gebiete durch das

militärische Bedürfnis überhaupt erst erschließt, damit aber auch das

persönliche Heldentum des Rassemenschen, das adlige Ethos und den

feinen Geist der Spätzeit in weitem Umfange ausschaltet. Innerhalb

der Antike, wo das Wesen der Polis Massenheere unmöglich machte -- im

Verhältnis zur Kleinheit aller antiken Formen, auch der taktischen,

sind die Zahlen von Cannä, Philippi und Aktium ganz ungeheuer -- hat

die zweite Tyrannis die mechanische Technik eingeführt und zwar durch

Dionys von Syrakus gleich in großartigem Maßstab.[493] Erst jetzt

werden Belagerungen möglich wie die von Rhodos (305), Syrakus (213),

Karthago (146) und Alesia (52), an denen sich zugleich die steigende

Bedeutung der Schnelligkeit selbst für die antike Kriegführung erkennen

läßt; und aus demselben Grunde wirkt eine römische Legion, deren Aufbau

ja erst eine Schöpfung der hellenistischen Zivilisation ist, wie

eine Maschine gegenüber den athenischen und spartanischen Aufgeboten

des 5. Jahrhunderts. Dem entspricht es, wenn im „gleichzeitigen“

China seit 474 Eisen für die Hieb- und Stichwaffen verarbeitet

wird, seit 450 die leichte Reiterei nach mongolischem Vorbild den

schweren Kriegswagen verdrängt und der Festungskampf plötzlich einen

gewaltigen Aufschwung nimmt.[494] Die Grundneigung des zivilisierten

Menschen zur Schnelligkeit, Beweglichkeit und Massenwirkung hat sich

endlich in der westeuropäisch-amerikanischen Welt mit dem faustischen

Willen zur Herrschaft über die Natur verbunden und zu dynamischen

Methoden geführt, die noch Friedrich der Große für wahnwitzig erklärt

haben würde, die aber in der Nachbarschaft unserer Verkehrs- und

Industrietechnik etwas ganz Natürliches haben. Napoleon machte die

Artillerie beritten und also schnell beweglich, wie er auch das

Massenheer der Revolution in ein System schnell zu verschiebender

Einzelkörper aufgelöst hat, und er hat schon bei Wagram und an der

Moskwa ihre rein physikalische Wirkung bis zu wirklichem Schnell-

und Trommelfeuer gesteigert. Die zweite Stufe bringt, was sehr

bezeichnend ist, der amerikanische Bürgerkrieg von 1861-65, der auch

hinsichtlich der Truppenstärke zum erstenmal die Größenordnung der

napoleonischen Zeit bei weitem überschritten hat,[495] und in dem

zuerst für die Verschiebung großer Truppenmassen die Eisenbahn, für

den Nachrichtendienst der elektrische Telegraph, für die Blockade

eine monatelang auf hoher See gehaltene Dampferflotte erprobt und das

Panzerschiff, der Torpedo, die gezogenen Schußwaffen und die ganz

großen Geschütze von außerordentlicher Tragweite erfunden wurden.[496]

Die dritte Stufe bezeichnet nach dem Vorspiel des russisch-japanischen

Krieges[497] der Weltkrieg, der die Luft- und Unterseewaffen in seinen

Dienst stellte, das Tempo der Erfindungen zu einer neuen Waffe erhob,

und mit dem vielleicht der Umfang, aber durchaus noch nicht die

Intensität der verwendeten Mittel den Höhepunkt erreicht hat. Aber dem

Aufwand an Kraft entspricht denn auch allenthalben in diesem Zeitalter

die Härte der Entscheidungen. Gleich am Eingang der chinesischen

Periode Tschan kuo steht die vollständige Vernichtung des Staates

Wu (472), die unter den ritterlichen Sitten der voraufgegangenen

Periode Tschun tsiu nicht möglich gewesen wäre; Napoleon überschritt

schon im Frieden von Campo Formio bei weitem die Konvenienz des 18.

Jahrhunderts und begründete seit Austerlitz eine Gewohnheit der

Ausnützung von kriegerischen Erfolgen, für die es andere als materielle

Schranken überhaupt nicht mehr gab. Den letzten noch möglichen Schritt

vollzieht der Typus des Versailler Friedens, der gar keinen Abschluß

mehr enthalten will, sondern die Möglichkeit offen läßt, aus jeder

Neugestaltung der Lage heraus neue Bedingungen zu stellen. Dieselbe

Entwicklung zeigt die Folge der drei punischen Kriege. Der Gedanke,

eine der führenden Großmächte von der Erdoberfläche zu vertilgen, wie

er durch Catos ganz nüchtern gemeintes _Carthaginem esse delendam_

jedem geläufig geworden war, ist dem Sieger von Zama nicht in den Sinn

gekommen und würde trotz der wilden Gewohnheiten der antiken Poleis dem

Lysander, als er Athen bezwungen hatte, wie ein Frevel an allen Göttern

erschienen sein.

Die Zeit der kämpfenden Staaten beginnt für die Antike mit der

Schlacht bei Ipsus (301), durch welche die Dreizahl der östlichen

Großmächte festgestellt wurde, und dem römischen Sieg von Sentinum

(295) über Etrusker und Samniten, der im Westen neben Karthago noch

eine mittelitalische Großmacht schuf. Das antike Haften an der Nähe und

Gegenwart hat dann aber bewirkt, daß Rom, ohne beobachtet zu werden,

durch das Abenteuer mit Pyrrhus den italischen Süden, durch den ersten

Krieg mit Karthago das Meer, durch C. Flaminius den keltischen Norden

gewann und daß selbst Hannibal noch unverstanden blieb, vielleicht der

einzige Mensch seiner Zeit, die Römer nicht ausgenommen, der den Gang

der Entwicklung deutlich voraussah. +Bei Zama+ und nicht erst bei

Magnesia und Pydna sind auch die hellenistischen Ostmächte besiegt

worden. Es war ganz umsonst, wenn der große Scipio mit wahrer Angst vor

dem Schicksal, dem eine mit den Aufgaben der Weltherrschaft belastete

Polis entgegenging, von nun an jede Eroberung zu vermeiden suchte. Es

war umsonst, wenn seine Umgebung gegen den Willen aller Kreise den

makedonischen Krieg durchsetzte, nur um den Osten dann gefahrlos sich

selbst überlassen zu können. Der Imperialismus ist ein so notwendiges

Ergebnis jeder Zivilisation, daß er ein Volk im Nacken packt und in die

Herrenrolle stößt, wenn es sie zu spielen sich weigert. Das römische

Reich ist +nicht+ erobert worden. Der _orbis terrarum_ hat

sich in diese Form hineingedrängt und die Römer gezwungen, ihr den

Namen zu geben. Das ist ganz antik. Während die chinesischen Staaten

auch noch den letzten Rest ihrer Selbständigkeit in erbitterten Kriegen

verteidigt haben, ging Rom seit 146 nur deshalb an die Verwandlung der

östlichen Ländermasse in Provinzen, weil es ein anderes Mittel gegen

die Anarchie nicht mehr gab. Und auch das hatte zur Folge, daß die

innere Form Roms, die letzte, die noch aufrecht geblieben war, sich

unter dieser Belastung in den gracchischen Unruhen auflöste. Es ist

ohne Beispiel, daß hier der Endkampf um das Imperium überhaupt nicht

mehr zwischen Staaten stattfindet, sondern zwischen den Parteien einer

Stadt; aber die Form der Polis ließ einen andern Ausweg gar nicht zu.

Was einst Sparta und Athen gewesen waren, heißt jetzt Optimaten- und

Popularpartei. In der gracchischen Revolution, der 134 schon der erste

Sklavenkrieg voraufging, wurde der jüngere Scipio heimlich ermordet

und C. Gracchus öffentlich erschlagen: das sind der erste Prinzeps

und der erste Tribun als die politischen Mittelpunkte einer formlos

gewordenen Welt. Wenn die stadtrömische Masse 104 zum erstenmal ein

Imperium in gesetzloser und tumultuarischer Weise einem Privatmann --

Marius -- übertrug, so ist die tiefere Bedeutung dieses Schauspiels der

Annahme des mythischen Kaisertitels durch Tsin 288 vergleichbar: der

unvermeidliche Ausgang des Zeitalters, der Cäsarismus, zeichnet sich

plötzlich am Horizont.

Der Erbe des Tribunen ist Marius, der wie jener den Mob mit der

Hochfinanz verbindet und 87 den alten Adel in Masse hinmordet; der

Erbe des Prinzeps war Sulla, der 82 den Stand der großen Geldleute

durch seine Proskriptionen vernichtet hat. Von nun an vollziehen sich

die letzten Entscheidungen schnell, wie in China seit dem Auftreten

des Wang Dscheng. Der Prinzeps Pompejus und der Tribun Cäsar -- Tribun

nicht dem Amte, aber der Haltung nach -- vertreten noch Parteien, aber

sie haben auch schon in Lucca zusammen mit Crassus zum ersten Male die

Welt unter sich verteilt. Als bei Philippi die Erben gegen die Mörder

Cäsars kämpften, waren es nur noch Gruppen; bei Aktium waren es nur

noch Einzelpersonen: damit ist auch auf diesem Wege der Cäsarismus

erreicht.

Der entsprechenden Entwicklung innerhalb der arabischen Welt liegt

statt der körperhaften Polis der magische Consensus als die Form

zugrunde, in welcher und durch welche die Tatsachen sich vollziehen,

und die eine Trennung politischer und religiöser Tendenzen bis zu

dem Grade ausschließt, daß selbst der städtische, bürgerliche Drang

nach Freiheit, mit dessen Ausbrüchen das Zeitalter der kämpfenden

Staaten auch hier beginnt, in orthodoxer Verkleidung erscheint und

deshalb bis jetzt kaum bemerkt worden ist.[498] Es ist das Loswollen

vom Khalifat, das einst von den Sassaniden und nach deren Vorbild

von Diokletian in den Formen des Feudalstaates begründet worden war.

Es hatte seit Justinian und Chosru Nuschirwan den Ansturm der Fronde

zu bestehen, in dem neben den Häuptern der griechischen und der

mazdaischen Kirche der persisch-mazdaische Adel vor allem des Irak,

der griechische vor allem Kleinasiens und der nach beiden Religionen

gespaltene armenische Hochadel voranstehen. Der im 7. Jahrhundert

schon fast erreichte Absolutismus ist dann durch den Ansturm des in

seinen +politischen+ Anfängen streng aristokratischen Islam

plötzlich gestürzt worden. Denn von dieser Seite aus betrachtet bilden

die wenig zahlreichen Arabergeschlechter,[499] die allenthalben die

Führung in der Hand behalten, in den eroberten Ländern sehr bald einen

neuen Hochadel von starker Rasse und ungeheurem Selbstgefühl, der die

islamische Dynastie auf den Rang der „gleichzeitigen“ englischen

herabdrückt. Der Bürgerkrieg zwischen Othman und Ali (656-61) ist der

Ausdruck einer echten Fronde und bewegt sich ausschließlich um die

Interessen zweier Sippen und ihres Anhangs. Die islamischen Tories und

Whigs des 8. Jahrhunderts machen wie die englischen des 18. die große

Politik +allein+, und ihre Koterien und Familienzwiste sind für

die Geschichte der Zeit wichtiger als alle Ereignisse im regierenden

Hause der Ommaijaden (661-750).

Aber mit dem Sturz dieser heitren und aufgeklärten Dynastie, die in

Damaskus, also im westaramäischen -- und monophysitischen -- Syrien

residiert hatte, wird der natürliche Schwerpunkt der arabischen Kultur

wieder bemerkbar: das ostaramäische Gebiet, einst Stützpunkt der

Sassaniden, jetzt der Abbassiden, das, gleichviel ob von persischer

oder arabischer Bildung, mazdaischer, nestorianischer oder islamischer

Religion, immer ein und dieselbe große Linie der Entwicklung zum

Ausdruck bringt und für Syrien wie für Byzanz immer vorbildlich

geblieben ist. Von Kufa geht die Bewegung aus, welche zum Untergang

der Ommaijaden und ihres _ancien régime_ führt, und sie hat, was

in seiner ganzen Tragweite bis jetzt noch nie erkannt worden ist,

den +Charakter einer sozialen, gegen die Urstände und die vornehme

Tradition überhaupt gerichteten Revolution+.[500] Sie beginnt

unter den Mavali, dem kleinen Bürgertum im Osten, und wendet sich

mit erbitterter Feindschaft gegen das Arabertum, nicht insofern es

Verfechter des Islam, sondern insofern es ein neuer Adel war. Die eben

bekehrten Mavali, fast sämtlich frühere Mazdaisten, nahmen den Islam

ernster als die Araber selbst, die außerdem noch ein Standesideal

vertraten. Schon im Heere Alis hatten sich die ganz demokratischen und

puritanischen Charidschiten abgesondert. In ihren Kreisen erscheint

jetzt zum erstenmal die Verbindung von fanatischem Sektenwesen und

Jakobinertum. Hier ist damals nicht nur die schiitische Richtung

entstanden, sondern auch der früheste Ansatz zur kommunistischen

Churramija, die sich bis auf Mazdak[501] zurückleiten läßt und später

die ungeheuren Aufstände unter Babak hervorrief. Die Abbassiden waren

den Aufständischen in Kufa durchaus nicht willkommen; sie verdankten

es nur ihrem großen diplomatischen Geschick, wenn sie als Offiziere

überhaupt zugelassen wurden und endlich -- fast wie Napoleon -- die

Erbschaft der über den ganzen Osten verbreiteten Revolution antreten

konnten. Nach dem Siege haben sie Bagdad erbaut, ein neu erstandenes

Ktesiphon und das Denkmal der Niederlage des feudalen Arabertums;

und diese erste Weltstadt der jungen Zivilisation wird 800-1050 der

Schauplatz jener Ereignisse, welche vom Napoleonismus zum Cäsarismus

führen, +vom Khalifat zum Sultanat+, denn das ist in Bagdad wie in

Byzanz der magische Typus der formlosen Gewalten, die endlich auch hier

allein noch möglich sind.

Der Untergang des Abendlandes, Zweiter Band · 第 49 / 62 段