Das gehört zum Wesen des Napoleonismus, und ebenso die Ausdehnung

der +persönlichen+ Herrschaft über Gebiete, deren Einheit weder

nationaler noch rechtlicher, sondern lediglich militärischer und

verwaltungstechnischer Natur ist. Aber gerade diese Ausdehnung ist mit

dem Wesen der Polis unvereinbar. Der antike Staat ist der einzige,

der keiner organischen Erweiterung fähig ist, und die Eroberungen

der zweiten Tyrannis führen deshalb zu einem +Nebeneinander+

von zwei politischen Einheiten, der Polis und dem unterworfenen

Gebiet, deren Zusammenhang zufällig und immer gefährdet bleibt. So

entsteht das merkwürdige und in seiner tieferen Bedeutung noch gar

nicht erkannte Bild der hellenistisch-römischen Welt: ein Kreis

von +Randgebieten+ und mitten darin das Gewimmel der winzigen

Poleis, mit denen der Begriff des eigentlichen Staates, der _res

publica_, ausschließlich verbunden bleibt. In dieser Mitte, und zwar

für jede dieser Herrschaften in einem einzigen Punkt, befindet sich

der Schauplatz aller wirklichen Politik. Der _orbis terrarum_

-- ein sehr bezeichnender Ausdruck -- ist lediglich ihr Mittel oder

Objekt. Die römischen Begriffe des _imperium_, der diktatorischen

Amtsgewalt jenseits des Stadtgrabens, die mit dem Überschreiten

des _pomerium_ sofort erlischt, und der _provincia_ als

Gegensatz zur _res publica_, entsprechen einem allgemein antiken

Grundgefühl, das nur den Körper der Stadt als Staat und politisches

Subjekt und in bezug auf ihn ein „draußen“ als Objekt kennt. Dionys

hat das festungsartig ausgebaute Syrakus „mit einem Trümmerfeld von

Staaten umgeben“ und sein Machtgebiet von hier aus über Unteritalien

und die dalmatische Küste bis in die nördliche Adria ausgedehnt, wo

er Ankona und Hatria an der Pomündung besaß. Den umgekehrten Plan

führte Philipp von Makedonien nach dem Vorbilde seines Lehrmeisters,

des 370 ermordeten Jason von Pherä, aus: den Schwerpunkt in das

Randgebiet, das heißt praktisch in das Heer zu verlegen und von da

aus eine Vorherrschaft über die hellenische Staatenwelt auszuüben.

So wurde Makedonien bis zur Donau ausgedehnt, und nach dem Tode

Alexanders traten das Seleukiden- und das Ptolemäerreich hinzu, die

je von einer Polis aus -- Antiochia und Alexandria -- regiert wurden

und zwar vermittels der vorgefundenen einheimischen Verwaltung,

die immer noch besser war als irgend eine antike. Rom selbst hat

gleichzeitig (etwa 326-265) sein mittelitalisches Reich +wie einen

Randstaat+ ausgebaut und nach allen Seiten durch ein System von

Kolonien, Bundesgenossen und Gemeinden latinischen Rechts befestigt.

Dann haben seit 237 Hamilkar Barkas für das längst in antiken Formen

lebende Karthago das spanische Reich, C. Flaminius seit 225 für Rom

die Po-Ebene und endlich Cäsar sein gallisches Reich erobert. Auf

dieser Unterlage beruhen zuerst die napoleonischen Kämpfe der Diadochen

im Osten, dann die westlichen zwischen Scipio und Hannibal, die

ebenfalls beide den Schranken der Polis entwachsen waren, und endlich

die cäsarischen der Triumvirn, die sich auf die Summe +aller+

Randgebiete und ihre Mittel stützten, um „in Rom der erste zu sein“.

13

In Rom hat die starke und glückliche Form des Staates, wie sie um 340

erreicht war, die soziale Revolution in verfassungsmäßigen Grenzen

gehalten. Eine napoleonische Erscheinung wie der Censor von 310,

Appius Claudius, Erbauer der ersten Wasserleitung und der Via Appia,

der in Rom fast wie ein Tyrann herrschte, ist sehr bald mit dem

Versuch gescheitert, die Bauernschaft durch die großstädtische Masse

auszuschalten und damit die Politik in eine einseitig athenische

Richtung zu lenken. Denn das war der Zweck jener Aufnahme von

Sklavensöhnen in den Senat, der neuen Centurienordnung nach Geld

statt nach Grundbesitz[476] und der Verteilung der Freigelassenen und

Besitzlosen über alle Tribus, wo sie die selten zur Stadt kommenden

Landleute überstimmen sollten und jederzeit konnten. Schon die nächsten

Censoren haben diese Leute ohne Grundbesitz wieder in die vier großen

Stadttribus überschrieben. Der Nichtstand selbst, der durch eine

Minderheit angesehener Geschlechter gut geführt wurde, sah das Ziel,

wie schon erwähnt, nicht mehr in der Zerstörung, sondern der Eroberung

des senatorischen Verwaltungsorganismus. Er hat endlich den Zugang zu

allen Ämtern erzwungen, durch die lex Ogulnia von 300 sogar zu den

politisch wichtigen Priestertümern der Pontifices und Auguren und durch

den Aufstand von 287 die Rechtsgültigkeit der Plebiszite auch ohne

Genehmigung des Senats.

Das praktische Ergebnis dieser Freiheitsbewegung war gerade das

Gegenteil von dem, was Ideologen -- die es in Rom nicht gab -- erwartet

hätten. Der große Erfolg nahm dem Protest des Nichtstandes das Ziel und

damit diesem selbst, der abgesehen von der Opposition politisch ein

Nichts war, die treibende Kraft. Seit 287 war die Staatsform da, um mit

ihr politisch zu arbeiten, und zwar in einer Welt, in der nur noch die

großen Randstaaten Rom, Karthago, Makedonien, Syrien, Ägypten ernsthaft

zählten; sie hatte aufgehört, als Objekt von „Volksrechten“ in Gefahr

zu sein, und eben darauf beruht der Aufstieg des Volkes, das allein in

Form geblieben war.

Einerseits hatte sich innerhalb der formlosen und durch die

Massenaufnahme von Freigelassenen in ihren Rassetrieben längst

erschütterten Plebs[477] eine durch große praktische Fähigkeiten, Rang

und Reichtum ausgezeichnete Oberschicht gebildet, die sich mit einer

entsprechenden innerhalb des Patriziats zusammenschloß. So entsteht

im engsten Kreise eine starke Rasse von vornehmen Lebensgewohnheiten

und weitem politischen Horizont, in deren Mitte sich der ganze Schatz

von Erfahrungen der Regierung, Heerführung und Diplomatie sammelt

und vererbt, welche die Leitung des Staates als ihren einzigen

standesgemäßen Beruf und als ihr überkommenes Vorrecht betrachtet

und den Nachwuchs allein auf die Kunst des Befehlens hin und im Bann

einer maßlos stolzen Tradition heranzüchtet. Ihr verfassungsmäßiges

Werkzeug findet diese staatsrechtlich nicht vorhandene Nobilität im

Senat, der ursprünglich die Interessenvertretung der Patrizier, also

des „homerischen“ Adels gewesen war, in dem seit Mitte des vierten

Jahrhunderts aber die ehemaligen Konsuln -- Herrscher und Heerführer

zugleich -- als lebenslängliche Mitglieder einen geschlossenen Kreis

großer Begabungen bilden, der die Versammlung und durch sie den Staat

beherrscht. Schon dem Gesandten des Pyrrhus, Kineas, erschien der

Senat wie ein Rat von Königen (279), und endlich kommen die Titel

_princeps_ und _clarissimus_ auf für eine kleine Gruppe von

Führern in ihm, die nach Rang, Macht und Auftreten den Herrschern der

Diadochenreiche vollkommen ebenbürtig waren.[478] Es entsteht eine

Regierung, wie sie kein Großstaat in irgendeiner andern Kultur jemals

besessen hat, und eine Tradition, die höchstens unter ganz anders

gearteten Bedingungen in Venedig und in der päpstlichen Kurie während

des Barock ihresgleichen findet. Es gibt hier keine Theorie, woran

Athen zugrunde ging, keinen Provinzialismus, durch den Sparta zuletzt

verächtlich wurde, nur eine Praxis großen Stils. Wenn das Römertum eine

ganz einzige, wundervolle Erscheinung innerhalb der Weltgeschichte ist,

so verdankt es das nicht dem „römischen Volk“, das an sich ebenso ein

Rohstoff ohne Form war wie jedes andere, sondern dieser Klasse, die es

in Form brachte und mit oder gegen seinen Willen hielt, so daß dieser

Daseinsstrom, der noch um 350 kaum eine mittelitalische Bedeutung

hatte, allmählich die gesamte antike Geschichte in sein Bett gefaßt und

ihre letzte große Zeit zu einer +römischen+ gemacht hat.

Die Vollendung seines politischen Taktes beweist dieser kleine Kreis,

der keinerlei öffentliches Recht besaß, in der Handhabung der von der

Revolution geschaffenen demokratischen Formen, die wie überall das

wert waren, was man aus ihnen machte. Gerade was in ihnen gefährlich

werden konnte, sobald man daran rührte, das Nebeneinander zweier sich

ausschließenden Gewalten, ist mit vollkommener Meisterschaft und

+schweigend+ so behandelt worden, daß die höhere Erfahrung stets

den Ausschlag gab, und das Volk stets überzeugt blieb, die Entscheidung

selbst und in seinem Sinne herbeigeführt zu haben. +Volkstümlich und

doch von höchstem geschichtlichen Erfolg+, das ist das Geheimnis

dieser Politik und die einzige Möglichkeit der Politik überhaupt in

allen solchen Zeiten, eine Kunst, in welcher das römische Regiment bis

jetzt unerreicht geblieben ist.

Aber auf der andern Seite war das Ergebnis der Revolution trotz

alledem +die Emanzipation des Geldes+, das von nun an in den

Zenturiatkomitien herrschte. Was hier sich _populus_ nannte,

wird mehr und mehr ein Werkzeug in der Hand der großen Vermögen,

und es bedurfte der ganzen taktischen Überlegenheit der regierenden

Kreise, um in der _plebs_ ein Gegengewicht aufrecht zu erhalten

und in ihren einunddreißig ländlichen Tribus wirklich eine Vertretung

des bäuerlichen Grundbesitzes unter Leitung der adligen Geschlechter

bereit zu haben, von welcher die großstädtische Masse ausgeschlossen

blieb. Daher die energische Art, mit welcher die Anordnungen des

Appius Claudius wieder beseitigt worden sind. Das natürliche Bündnis

zwischen Hochfinanz und Masse, wie es sich später unter den Gracchen

und dann unter Marius verwirklichte, um die Tradition des Blutes zu

zerstören, und wie es unter anderm auch den deutschen Umsturz von 1918

vorbereitet hat, ist auf viele Generationen hin unmöglich gemacht

worden. Bürgertum und Bauerntum, Geld und Grundbesitz hielten sich

in gesonderten Organen das Gleichgewicht und wurden durch den in der

Nobilität verkörperten Staatsgedanken zusammengefaßt und wirksam

gemacht, bis deren innere Form zerfiel und beide Tendenzen feindselig

auseinandertraten. Der erste punische Krieg war ein Handelskrieg und

gegen die Interessen der Landwirtschaft gerichtet, weshalb der Konsul

Appius Claudius, ein Nachkomme des großen Zensors, die Entscheidung

264 den Zenturiatkomitien vorlegte. Die Eroberung der Poebene seit 225

dagegen lag im Interesse der Bauernschaft und wurde durch den Tribun C.

Flaminius, die erste wirklich cäsarische Erscheinung Roms, den Erbauer

der Via Flaminia und des Circus Flaminius, in den Tributkomitien

durchgesetzt. Aber gerade weil er in Verfolgung dieser Politik als

Zensor von 220 den Senatoren Geldgeschäfte verbot und gleichzeitig

die altadligen Rittercenturien der Plebs zugänglich machte, was in

Wirklichkeit nur dem neuen Geldadel aus der Zeit des ersten punischen

Krieges zugute kam, ist er ganz gegen seinen Willen der Schöpfer

einer +als Stand organisierten Hochfinanz+ geworden, eben der

_equites_, welche ein Jahrhundert später der großen Zeit der

Nobilität ein Ende gemacht haben. Von da an -- seit dem Siege über

Hannibal, gegen den Flaminius fiel -- wird das Geld auch für die

Regierung das letzte Mittel, um ihre Politik fortzusetzen, die letzte

wirkliche Staatspolitik, die es in der Antike gab.

Als die Scipionen und ihr Kreis aufgehört hatten, die leitende

Macht zu sein, gab es nur noch eine Privatpolitik von Einzelnen,

die rücksichtslos ihr Interesse verfolgten und für die der _orbis

terrarum_ eine willenlose Beute war. Wenn Polybios, der jenem Kreis

angehörte, in Flaminius einen Demagogen und den Urheber des ganzen

Unglücks der Gracchenzeit sah, so irrte er sich vollkommen in dessen

Absichten, aber nicht in der Wirkung. Flaminius hat ebenso wie der

ältere Cato, der mit dem blinden Eifer des Bauernführers den großen

Scipio um seiner Weltpolitik willen stürzte, das Gegenteil von dem

erreicht, was er wollte. An Stelle des führenden Blutes trat das Geld,

und das Geld hat in weniger als drei Generationen den Bauernstand

vernichtet.

Wenn es inmitten der antiken Völkerschicksale ein unwahrscheinlicher

Glücksfall war, daß Rom als der einzige Stadtstaat die soziale

Revolution in fester Verfassung überstand, so war es im Abendlande mit

seinen auf die Ewigkeit gegründeten genealogischen Formen fast ein

Wunder, daß doch an einem Ort eine gewaltsame Revolution zum Ausbruch

kam, in Paris. Nicht die Stärke, sondern die Schwäche des französischen

Absolutismus ist es gewesen, welche hier die englischen Ideen in

Verbindung mit der Dynamik des Geldes zu einer Explosion führte, die

den Schlagworten der Aufklärung eine lebendige Gestalt gab, die Tugend

mit dem Schrecken, die Freiheit mit der Despotie verband und noch

in den kleinen Bränden von 1830 und 1848 und in der sozialistischen

Katastrophensehnsucht nachwirkte.[479] In England selbst, wo der

Adel absoluter herrschte als irgend jemand in Frankreich, hat zwar

ein kleiner Kreis um Fox und Sheridan die Ideen der französischen

Revolution -- sie waren sämtlich englischer Herkunft -- begrüßt; man

sprach von allgemeinem Stimmrecht und Parlamentsreform.[480] Aber das

genügte, um beide Parteien unter Führung eines Whig, des jüngeren

Pitt, zu den schärfsten Maßregeln zu veranlassen, die alle Versuche

vereitelt haben, das Adelsregiment zugunsten des dritten Standes auch

nur anzurühren. Der englische Adel hat den zwanzigjährigen Krieg gegen

Frankreich entfesselt und alle Monarchen Europas in Bewegung gesetzt,

um endlich bei Waterloo nicht dem Kaisertum, sondern der Revolution ein

Ende zu machen, die es gewagt hatte, die Privatansichten englischer

Denker ganz naiv in die praktische Politik einzuführen und damit dem

gänzlich formlosen Tiers eine Stellung zu geben, deren Folgen man nicht

in den Pariser Salons, aber um so besser im englischen Unterhause

voraussah.[481]

Was man hier Opposition nannte, war die Haltung der einen Adelspartei,

solange die andre die Regierung führte. Sie bedeutete hier nicht, wie

überall auf dem Festland, berufsmäßige Kritik an einer Arbeit, die zu

leisten der Beruf anderer war, sondern den praktischen Versuch, die

Regierungstätigkeit in eine Form zu zwingen, die man jeden Augenblick

bereit und fähig war, selbst aufzunehmen. Aber diese Opposition

wurde sofort unter völliger Unkenntnis ihrer gesellschaftlichen

Voraussetzungen vorbildlich für das, was die Gebildeten in Frankreich

und anderswo erstrebten, eine Standesherrschaft des Tiers unter den

Augen der Dynastie, über deren fernere Stellung man sich immerhin nicht

ganz klar war. Die Einrichtungen Englands wurden seit Montesquieu mit

einem begeisterten Mißverständnis gepriesen, obwohl all diese Staaten

keine Inseln waren und deshalb die wesentlichste Voraussetzung der

englischen Entwicklung nicht besaßen. Nur in einem Punkte war England

wirklich ein Vorbild. Als das Bürgertum daranging, den absoluten Staat

wieder in einen Ständestaat zu verwandeln, fand es drüben ein Gebilde,

das nie etwas andres gewesen war. Allerdings war es der Adel allein,

der regierte, aber zum wenigsten war es nicht die Krone.

Das Ergebnis der Epoche und die Grundform der Festlandstaaten zu

Beginn der Zivilisation ist die „konstitutionelle Monarchie“, als

deren äußerste Möglichkeit die Republik erscheint, so wie wir heute

das Wort verstehen. Denn man muß sich endlich von dem Geschwätz der

Doktrinäre befreien, die in zeitlosen und also wirklichkeitsfremden

Begriffen denken und für welche „die Republik“ eine Form an sich ist.

So wenig England eine Konstitution im festländischen Sinne besitzt,

so wenig hat das republikanische Ideal des 19. Jahrhunderts irgend

etwas mit der antiken _res publica_ oder auch nur mit Venedig

und den Schweizer Urkantonen zu tun. Was +wir+ so nennen, ist

eine +Negation+, die das Verneinte mit innerer Notwendigkeit

als beständig möglich voraussetzt. Es ist die Nichtmonarchie in

Formen, die der Monarchie entlehnt sind. Das genealogische Gefühl

ist im abendländischen Menschen so ungeheuer stark und straft sein

Bewußtsein bis zu dem Grade Lügen, daß die Dynastie die gesamte

politische Haltung bestimmt, auch wenn sie gar nicht mehr da ist.

In ihr verkörpert sich das Historische, und unhistorisch können wir

nicht leben. Es ist ein großer Unterschied, ob der antike Mensch das

dynastische Prinzip aus dem Grundgefühl seines Seins heraus überhaupt

nicht kennt oder ob es der abendländische Gebildete seit der Aufklärung

und für die Dauer von etwa zwei Jahrhunderten aus abstrakten Gründen

in sich niederzukämpfen sucht. Dies Gefühl ist der geheime Feind

aller entworfenen und nicht gewachsenen Verfassungen, die im letzten

Grunde nichts als Abwehrmaßregeln und aus Furcht und Mißtrauen geboren

sind. Der Freiheitsbegriff der Stadt -- frei sein +von+ etwas --

verengt sich bis zu einer lediglich antidynastischen Bedeutung; die

republikanische Begeisterung lebt nur von diesem Gefühl.

Zum Wesen einer solchen Verneinung gehört unvermeidlich ein Vorwiegen

der Theorie. Während die Dynastie und die ihr innerlich nahestehende

Diplomatie die alte Tradition, den Takt bewahren, haben in den

Verfassungen Systeme, Bücher und Begriffe ein Übergewicht, wie es in

England, wo der Regierungsform nichts Verneinendes und Defensives

anhaftet, ganz undenkbar ist. Nicht umsonst ist die faustische Kultur

die des Schreibens und Lesens. Das gedruckte Buch ist ein Sinnbild

der zeitlichen, die Presse ein Sinnbild der räumlichen Unendlichkeit.

Gegenüber der ungeheuren Macht und Tyrannei dieser Symbole erscheint

selbst die chinesische Zivilisation beinahe schriftlos. In den

Verfassungen wird die Literatur gegen die Kenntnis der Menschen und

Dinge, die Sprache gegen die Rasse, das abstrakte Recht gegen die

erfolgreiche Tradition angesetzt, ohne Rücksicht darauf, ob die

Nation mitten im Strom der Ereignisse noch arbeitsfähig und in Form

bleibt. Mirabeau hat ganz allein und vergeblich gegen eine Versammlung

gekämpft, welche „die Politik mit einem Roman verwechselte“. Nicht nur

die drei doktrinärsten Verfassungen des Zeitalters, die französische

von 1791, die deutschen von 1848 und 1919, sondern so gut wie alle

wollen das große Schicksal der Tatsachenwelt nicht sehen und glauben es

damit widerlegt zu haben. Statt des Unvorhergesehenen, des Zufalls der

starken Persönlichkeiten und Umstände soll die Kausalität herrschen,

zeitlos, gerecht, immer derselbe verständige Zusammenhang von Ursache

und Wirkung. Es ist bezeichnend, daß kein Verfassungstext das Geld als

politische Größe kennt. Sie enthalten sämtlich reine Theorie.

Dieser Zwiespalt im Wesen der konstitutionellen Monarchie läßt

sich nicht aufheben. Hier stehen Wirkliches und Gedachtes, Arbeit

und Kritik schroff gegen einander, und die wechselseitige Reibung

ist das, was dem Gebildeten vom Durchschnitt als innere Politik

erscheint. Nur in England -- wenn man von Preußen-Deutschland und von

Österreich absieht, wo anfangs eine Verfassung zwar vorhanden, aber

der politischen Tradition gegenüber nicht sehr einflußreich war --

erhielten sich Regierungsgewohnheiten aus einem Guß. Hier behauptete

sich die Rasse gegenüber dem Prinzip. Man ahnte, daß wirkliche, das

heißt ausschließlich auf den geschichtlichen Erfolg gerichtete Politik

auf Zucht und nicht auf Bildung beruhe. Das war kein aristokratisches

Vorurteil, sondern eine kosmische Tatsache, die in den Erfahrungen

englischer Vollblutzüchter viel deutlicher hervortritt als in

sämtlichen Philosophiesystemen der Welt. Bildung kann die Zucht

verfeinern, aber nicht ersetzen. Und so werden die hohe englische

Gesellschaft, die Schule von Eton, das Balliol College in Oxford, die

Stätten, wo Politiker gezüchtet werden mit einer Folgerichtigkeit, die

nur in der Züchtung des preußischen Offizierkorps ihresgleichen hatte,

Kenner nämlich, die den geheimen Takt der Dinge beherrschen, auch den

stillen Gang der Meinungen und Ideale, und die deshalb seit 1832 den

ganzen Strom der bürgerlich-revolutionären Grundsätze über das von

ihnen gelenkte Dasein hingehen ließen ohne die Gefahr, den Zügel aus

der Hand zu verlieren. Sie besaßen das _training_, die Biegsamkeit

und Beherrschtheit eines menschlichen Leibes, der, das jagende Pferd

unter sich, den Sieg heran+fühlt+. Man ließ die großen Grundsätze

die Masse bewegen, weil man wußte, daß es das Geld war, mit dem man

die großen Grundsätze bewegen konnte, und man fand statt der brutalen

Methoden des 18. Jahrhunderts feinere und nicht weniger wirksame, von

denen die Drohung mit den Kosten einer Neuwahl die einfachste ist. Die

doktrinären Verfassungen des Festlands sahen nur die eine Seite der

Tatsache Demokratie. Hier, wo man keine Verfassung hatte, sondern in

Verfassung war, übersah man sie ganz.

Ein dunkles Gefühl davon ist auf dem Festland nie verschwunden. Für den

absoluten Barockstaat gab es eine klare Form; für die konstitutionelle

Monarchie gab es nur schwankende Kompromisse, und die konservative und

liberale Partei unterschieden sich nicht wie in England -- seit Canning

-- nach längst erprobten Regierungsmethoden, die sie abwechselnd zur

Anwendung brachten, sondern nach der Richtung, in welcher sie die

Verfassung abzuändern wünschten, nämlich nach der Tradition oder der

Theorie hin. Sollte die Dynastie dem Parlament dienen oder umgekehrt?

Das war die Streitfrage, über welcher man den außenpolitischen Endzweck

vergaß. Die „spanische“ und die -- mißverstandene -- „englische“ Seite

der Verfassung wuchsen nicht zusammen und konnten es nicht, so daß

während des 19. Jahrhunderts der diplomatische Außendienst und die

parlamentarische Tätigkeit sich nach zwei ganz verschiedenen Seiten hin

entwickelten, sich dem Grundgefühl und der Methode nach vollkommen

fremd wurden und einander gründlich verachteten. Das Leben rieb sich

wund in einer Form, die es nicht aus sich selbst entwickelt hatte.

Frankreich verfiel seit dem Thermidor einer Herrschaft der Börse,

gemildert durch gelegentliche Aufrichtung einer Militärdiktatur: 1800,

1851, 1871, 1918. In der Schöpfung Bismarcks, die in den Grundzügen

dynastischer Natur war, mit einem entschieden untergeordneten

parlamentarischen Bestandteil, wurde die innere Reibung so stark,

daß sie die gesamte politische Energie und zuletzt, seit 1916, den

Organismus selbst verbraucht hat. Das Heer hatte seine eigne Geschichte

und eine große Tradition von Friedrich Wilhelm I. an, ebenso die

Verwaltung. Hier liegt der Ursprung des Sozialismus als einer Art,

politisch in Form zu sein, die der englischen streng entgegengesetzt

ist,[482] aber ebenso wie diese der vollkommene Ausdruck einer

starken Rasse. Der Offizier und der Beamte wurden in Vollendung

gezüchtet, aber die Aufgabe, den entsprechenden politischen Typus zu

züchten, wurde nicht erkannt. Die hohe Politik wurde „verwaltet“,

die niedere war hoffnungsloses Gezänk. So wurden Heer und Verwaltung

endlich Selbstzweck, seit mit Bismarck der Mann gegangen war, für den

sie Mittel sein konnten auch ohne die Mitarbeit eines Stammes von

Politikern, den nur eine Tradition erzeugt. Als mit dem Ausgang des

Weltkriegs der Oberbau verschwand, blieben die nur zur Opposition

erzogenen Parteien allein übrig und brachten die Regierungstätigkeit

plötzlich auf ein Niveau herab, das unter zivilisierten Staaten bis

jetzt unbekannt war.

Aber der Parlamentarismus ist heute in vollem Verfall begriffen.

Er war +eine Fortsetzung der bürgerlichen Revolution mit andern

Mitteln+, die Revolution des dritten Standes von 1789, in

gesetzmäßige Form gebracht und mit ihrer Gegnerin, der Dynastie, zur

Regierungseinheit verbunden. In der Tat ist jeder moderne Wahlkampf

ein mit dem Stimmzettel und allen Mitteln der Aufreizung durch Rede

und Schrift geführter Bürgerkrieg und jeder große Parteiführer eine

Art bürgerlicher Napoleon. Diese auf Dauer berechnete Form, die

ausschließlich der abendländischen Kultur angehört und in jeder andern

sinnlos und unmöglich wäre, enthüllt wieder den Hang zum Unendlichen,

die historische Voraussicht[483] und Vorsorge und den Willen, +die

ferne Zukunft zu ordnen+ und zwar nach bürgerlichen Grundsätzen der

Gegenwart.

Der Untergang des Abendlandes, Zweiter Band · 第 48 / 62 段