Der Staat mit seinen großen Forderungen an jeden einzelnen wird von

der städtischen Vernunft als Last empfunden, genau wie man eben jetzt

die großen Formen der Barockkünste als Last zu empfinden beginnt

und klassisch oder romantisch, das heißt schwächlich in der Form

oder formlos wird; die deutsche Literatur seit 1770 ist eine einzige

Revolution starker Einzelpersönlichkeiten gegen die strenge Poesie;

das „In Form sein für etwas“ der ganzen Nation wirkt unerträglich,

weil es der Einzelne innerlich selbst nicht mehr ist. Das gilt von der

Sitte, das gilt in den Künsten und im Gedankenbau, das gilt vor allem

in der Politik. Das Kennzeichen jeder bürgerlichen Revolution, als

deren Ort ausschließlich die große Stadt erscheint, ist der Mangel an

Verständnis für die alten Symbole, an deren Platz jetzt handgreifliche

Interessen treten und sei es auch nur der Wunsch begeisterter Denker

und Weltverbesserer, ihre Begriffe verwirklicht zu sehen. Wert

hat nur noch, was sich vor der Vernunft rechtfertigen läßt; aber

ohne die Höhe einer Form, die durch und durch symbolisch und eben

deshalb in metaphysischer Weise wirksam ist, verliert das nationale

Leben die Kraft, sich inmitten der geschichtlichen Daseinsströme zu

behaupten. Man verfolge die verzweifelten Versuche der französischen

Regierung, das Land in Form zu halten, die unter dem beschränkten

Ludwig XVI. von einer ganz kleinen Zahl fähiger und vorausblickender

Männer unternommen wurden, nachdem die äußere Lage sich durch den

Tod von Vergennes sehr ernst gestaltet hatte (1787). Mit dem Tode

dieses Diplomaten scheidet Frankreich auf Jahre aus den politischen

Kombinationen Europas aus; gleichzeitig bleibt die großartige Reform,

welche die Krone trotz aller Widerstände durchgeführt hat, vor allem

die allgemeine Verwaltungsreform dieses Jahres auf der Grundlage

freiester Selbstverwaltung, vollkommen unwirksam, weil für die Stände

angesichts der Nachgiebigkeit des Staates plötzlich die Machtfrage

in den Vordergrund rückte.[460] Ein europäischer Krieg nahte wie ein

Jahrhundert vorher und nachher mit unerbittlicher Notwendigkeit, der

dann in Form der Revolutionskriege zur Entwicklung gekommen ist, aber

niemand beachtete mehr die äußere Lage. Der Adel als Stand hat selten,

das Bürgertum als Stand aber nie außenpolitisch und weltgeschichtlich

gedacht: ob der Staat in einer neuen Form sich unter den andern Staaten

überhaupt noch halten kann, danach fragt man nicht; ob er die „Rechte“

sichert, ist alles.

Aber das Bürgertum, der Stand der städtischen „Freiheit“, so stark auch

sein Standesgefühl auf mehrere Generationen hin blieb, in Westeuropa

noch über die Märzrevolution hinaus, war durchaus nicht immer Herr

seiner Handlungen. Denn zunächst trat in jeder kritischen Lage der

Umstand hervor, daß diese Einheit +negativ+ und nur in Momenten

des Widerstandes gegen irgend etwas Andres wirklich vorhanden war

-- dritter Stand und Opposition sind beinahe identisch --, daß aber

überall da, wo etwas Eignes aufgebaut werden sollte, die Interessen

der einzelnen Gruppen weit auseinandergingen. Frei sein von etwas --

das wollten alle; aber der Geist wollte den Staat als Verwirklichung

der „Gerechtigkeit“ gegenüber der Gewalt geschichtlicher Tatsachen

oder der allgemeinen Menschenrechte oder der kritischen Freiheit

gegenüber der herrschenden Religion; das Geld wollte freie Bahn für

den geschäftlichen Erfolg. Es gab sehr viele, die Ruhe und Verzicht

auf geschichtliche Größe verlangten oder Achtung vor mancher Tradition

und ihren Verkörperungen, von denen sie -- leiblich oder seelisch --

lebten. Aber dazu kam von hier an ein Element, das in den Kämpfen der

Fronde und also der englischen Revolution und der ersten Tyrannis

noch gar nicht vorhanden war, nun aber eine Macht darstellte: das

was man in allen Zivilisationen eindeutig als Hefe, Mob oder Pöbel

bezeichnet. In den großen Städten, die jetzt allein entscheiden --

das flache Land kann höchstens zu vollzogenen Ereignissen Stellung

nehmen, wie das ganze 19. Jahrhundert beweist[461] -- sammelt sich

eine Masse wurzelloser Bevölkerungsteile an, die außerhalb jeder

gesellschaftlichen Bindung stehen. Sie fühlen sich weder einem

Stande zugehörig noch einer Berufsklasse -- im innersten Herzen auch

nicht der wirklichen Arbeiterklasse, obwohl sie zur Arbeit gezwungen

sind; dem Instinkt nach gehören Glieder aller Stände und Klassen

dazu, entwurzeltes Bauernvolk, Literaten, ruinierte Geschäftsleute,

vor allem aus der Bahn geratener Adel, wie die Zeit Katilinas mit

erschreckender Deutlichkeit gezeigt hat. Ihre Macht übersteigt bei

weitem ihre Zahl, denn sie sind immer am Platze, immer in der Nähe

der großen Entscheidungen, zu allem bereit und ohne jede Achtung vor

irgend etwas Geordnetem und sei es selbst die Ordnung innerhalb einer

Revolutionspartei. Sie erst geben den Ereignissen die vernichtende

Gewalt, welche die französische von der englischen Revolution und die

zweite von der ersten Tyrannis unterscheidet. Das Bürgertum wehrt sich

mit wahrer Angst gegen diese Menge, von der es sich unterschieden sehen

will -- einem dieser Abwehrakte, dem 13. Vendémiaire, verdankt Napoleon

seinen Aufstieg -- aber die Grenze läßt sich im Gedränge der Tatsachen

nicht ziehen und überall, wo das Bürgertum seine im Verhältnis zur Zahl

geringe Stoßkraft gegen die älteren Ordnungen ansetzt, gering, weil

die innere Einheit in jedem Augenblick auf dem Spiele steht, hat sich

diese Masse in seine Reihen und an die Spitze gedrängt, die Erfolge

zum weitaus größten Teil erst entschieden und die gewonnene Stellung

sehr oft für sich zu behaupten gewußt, und zwar häufig mit der ideellen

Unterstützung durch die Gebildeten, welche das Begriffliche daran

fesselte, oder der materiellen durch die Mächte des Geldes, welche die

Gefahr von sich auf Adel und Priestertum ablenkten.

Aber diese Epoche hat auch noch die Bedeutung, daß zum ersten Mal

die abstrakten Wahrheiten in den Bereich der Tatsachen einzugreifen

suchen. Die Hauptstädte sind so groß geworden und der städtische Mensch

so überlegen in seinem Einfluß auf das Wachsein der gesamten Kultur

-- +dieser Einfluß heißt öffentliche Meinung+ --, daß die Mächte

des Blutes und der im Blut liegenden Tradition in ihrer bis dahin

unangreifbaren Stellung erschüttert werden. Denn man bedenke, daß

gerade der Barockstaat und die absolute Polis in der letzten Vollendung

ihrer Form durch und durch lebendiger Ausdruck einer +Rasse+ sind,

und die Geschichte, so wie sie sich in dieser Form vollzieht, den

vollkommenen Takt dieser Rasse besitzt. Wenn es hier eine Staatstheorie

gibt, so ist sie aus den Tatsachen abgezogen und beugt sich vor deren

Größe. Die Idee des Staates hatte endlich das Blut der ersten Stände

gebändigt und ganz, ohne Rest, in ihren Dienst gestellt. Absolut -- das

bedeutet, daß der große Daseinsstrom +als Einheit+ in Form ist, +eine+

Art von Takt und Instinkt besitzt, möge er als diplomatischer oder

strategischer Takt, als vornehme Sitte oder als erlesener Geschmack an

Künsten und Gedanken in Erscheinung treten.

Im Widerspruch zu dieser großen Tatsache breitet sich nun der

Rationalismus aus, jene +Wachseinsgemeinschaft der Gebildeten+,[462]

deren Religion in Kritik besteht und deren Numina nicht Gottheiten

sind, sondern Begriffe. Jetzt gewinnen Bücher und allgemeine Theorien

Einfluß auf die Politik, im China des Laotse wie im sophistischen Athen

und zur Zeit Montesquieus, und die von ihnen gestaltete öffentliche

Meinung tritt als politische Größe von ganz neuer Art der Diplomatie

in den Weg. Es würde eine sinnlose Annahme sein, daß Peisistratos oder

Richelieu oder selbst Cromwell ihre Entschlüsse unter der Einwirkung

abstrakter Systeme gefaßt hätten, aber seit dem Sieg der Aufklärung ist

das der Fall.

Allerdings ist die geschichtliche Rolle der großen zivilisierten

Begriffe sehr verschieden von der Beschaffenheit, die sie innerhalb

der gelehrten Ideologien selbst besitzen. Die Wirkung einer Wahrheit

ist immer ganz anders als ihre Tendenz. In der Tatsachenwelt sind

Wahrheiten nur +Mittel+, insofern sie die Geister beherrschen

und damit die Handlungen bestimmen. Nicht ob sie tief, richtig oder

auch nur logisch sind, sondern ob sie wirksam sind, entscheidet über

ihren geschichtlichen Rang. Ob man sie mißversteht oder überhaupt

nicht zu verstehen vermag, ist vollkommen gleichgültig. Das liegt in

der Bezeichnung +Schlagwort+. Was für die großen Frühreligionen

einige zum Erlebnis gewordene Symbole sind, wie das Heilige Grab für

die Kreuzfahrer oder die Substanz Christi für die Zeit des Konzils

von Nikäa, das sind zwei oder drei begeisternde Wortklänge für jede

zivilisierte Revolution. Allein die Schlagworte sind Tatsachen; der

Rest aller philosophischen oder sozialethischen Systeme kommt für die

Geschichte nicht in Betracht. Aber als solche sind sie für etwa zwei

Jahrhunderte Mächte ersten Ranges und erweisen sich stärker als der

Takt des Blutes, der innerhalb der steinernen Welt ausgebreiteter

Städte matt zu werden beginnt.

Aber -- der kritische Geist ist nur +eine+ der beiden Tendenzen,

die sich aus der ungeordneten Masse des Nichtstandes herausheben.

Neben den abstrakten Begriffen erscheint das abstrakte, von den

Urwerten des Landes abgelöste Geld, neben der Denkerstube das Kontor

als politische Macht. Beide sind innerlich verwandt und untrennbar.

Es ist der frühe Gegensatz von Priestertum und Adel, der mit

ungeminderter Schärfe innerhalb des Bürgertums in städtischer Fassung

fortbesteht.[463] Und zwar erweist sich das Geld als reine Tatsache

den idealen Wahrheiten unbedingt überlegen, die wie gesagt nur als

Schlagworte, als Mittel für die Tatsachenwelt vorhanden sind. Versteht

man unter Demokratie die Form, welche der dritte Stand als solcher

dem gesamten öffentlichen Leben zu geben wünscht, so muß hinzugefügt

werden, daß Demokratie und Plutokratie gleichbedeutend sind. Sie

verhalten sich wie der Wunsch zur Wirklichkeit, wie Theorie und

Praxis, wie die Erkenntnis zum Erfolg. Es ist das Tragikomische an dem

verzweifelten Kampf, den Weltverbesserer und Freiheitslehrer auch gegen

die Wirkung des Geldes führen, daß sie es eben damit unterstützen.

Zu den Standesidealen des Nichtstandes gehört sowohl die Achtung vor

der großen Zahl, wie sie in den Begriffen der Gleichheit aller, der

angebornen Rechte und weiterhin im Prinzip des allgemeinen Wahlrechts

zum Ausdruck kommt, als auch die Freiheit der öffentlichen Meinung,

vor allem die Preßfreiheit. Das sind Ideale, aber in Wirklichkeit

gehört zur Freiheit der öffentlichen Meinung die Bearbeitung dieser

Meinung, die Geld kostet, zur Preßfreiheit der Besitz der Presse,

der eine Geldfrage ist, und zum Wahlrecht die Wahlagitation, die von

den Wünschen des Geldgebers abhängig bleibt. Die Vertreter der Ideen

erblicken nur die eine Seite, die Vertreter des Geldes arbeiten mit

der andern. Alle Begriffe des Liberalismus und Sozialismus sind erst

durch Geld in Bewegung gesetzt worden und zwar im Interesse des Geldes.

Die Volksbewegung des Ti. Gracchus ist durch die Partei der großen

Geldleute, der _equites_, erst möglich gemacht worden und war zu

Ende, sobald diese den für sie vorteilhaften Teil der Gesetze gesichert

sah und sich zurückzog. Cäsar und Crassus haben die katilinarische

Bewegung finanziert und statt gegen den Besitz gegen die Senatspartei

gerichtet. In England stellten angesehene Politiker schon um 1700 fest,

„daß man an der Börse mit Wahlen wie mit Wertpapieren handle und daß

der Preis einer Stimme ebenso wohl bekannt sei wie der eines Morgens

Land.“[464] Als die Kunde von Waterloo nach Paris kam, stieg dort der

Kurs der französischen Rente: die Jakobiner hatten die alten Bindungen

des Blutes zerstört und damit das Geld emanzipiert; jetzt trat es

hervor und ergriff die Herrschaft über das Land.[465] Es gibt keine

proletarische, nicht einmal eine kommunistische Bewegung, die nicht,

ohne daß es den Idealisten unter ihren Führern irgend zum Bewußtsein

käme, im Interesse des Geldes wirkte, in welcher Richtung das Geld es

will und solange es will.[466] Der Geist denkt, das Geld lenkt: so

ist es die Ordnung aller ausgehenden Kulturen, seit die große Stadt

Herr über den Rest geworden ist. Und zuletzt ist das nicht einmal

ein Unrecht gegen den Geist. Er hat damit doch gesiegt, im Reich der

Wahrheiten nämlich, dem der Bücher und Ideale, das nicht von dieser

Welt ist. Seine Begriffe sind der beginnenden Zivilisation heilig

geworden. Aber das Geld siegt eben durch sie in +seinem+ Reich,

das +nur+ von dieser Welt ist.

Innerhalb der abendländischen Staatenwelt haben beide Seiten der

bürgerlichen Standespolitik, die ideale wie die reale, ihre hohe Schule

in England durchgemacht. Hier allein war es möglich, daß der dritte

Stand nicht gegen einen absoluten Staat vorzugehen brauchte, um ihn zu

zerstören und auf den Trümmern seine eigne Herrschaft aufzurichten,

sondern in die starke Form des ersten Standes hineinwuchs, wo er

eine ausgebildete Interessenpolitik vorfand und als deren Methode

eine Taktik von altem Herkommen, die er für seine eignen Zwecke

nicht vollkommener wünschen konnte. Hier ist der echte und gar nicht

nachzuahmende Parlamentarismus zu Hause, der ein Inseldasein statt

des Staates und die Gewohnheiten des ersten statt des dritten Standes

voraussetzt und außerdem den Umstand, daß diese Form noch im blühenden

Barock gewachsen ist, also Musik in sich hat. Der parlamentarische Stil

ist völlig identisch mit dem der Kabinettsdiplomatie;[467] auf dieser

+antidemokratischen+ Herkunft beruht das Geheimnis seiner Erfolge.

Aber ebenso sind die rationalistischen Schlagworte sämtlich auf

englischem Boden entstanden und zwar in enger Fühlung mit den

Grundsätzen der Manchesterlehre: Hume war der Lehrer von Adam

Smith. _Liberty_ bedeutet mit Selbstverständlichkeit geistige

+und+ geschäftliche Freiheit. In England ist der Gegensatz von

Tatsachenpolitik und Schwärmerei für abstrakte Wahrheiten ebenso

unmöglich, wie er im Frankreich Ludwigs XVI. unvermeidlich war.

Später konnte Edmund Burke gegen Mirabeau betonen: „Wir verlangen

unsere Freiheiten nicht als Menschenrechte, sondern als Rechte von

Engländern.“ Frankreich hat die revolutionären Ideen ohne jeden Rest

von England erhalten, wie es den Stil des absoluten Königtums von

Spanien empfing; es hat beiden eine glänzende und unwiderstehliche

Fassung gegeben, die weit über das Festland hin vorbildlich blieb, aber

auf die praktische Verwendung verstand es sich nicht. Die Ausnützung

der bürgerlichen Schlagworte[468] für den politischen Erfolg setzt den

Kennerblick einer vornehmen Klasse für die geistige Verfassung der

Schicht voraus, die jetzt zur Herrschaft kommen wollte, ohne herrschen

zu können, und ist deshalb in England ausgebildet worden; aber ebenso

die rücksichtslose Anwendung des Geldes in der Politik, nicht jene

Bestechung einzelner Persönlichkeiten von Rang, wie sie dem spanischen

und venezianischen Stil geläufig war, sondern die Bearbeitung der

demokratischen Mächte selbst. Hier sind während des 18. Jahrhunderts

erst die Parlamentswahlen und dann die Entschließungen des Unterhauses

planmäßig durch Geld geleitet worden,[469] und hier hat man mit dem

Ideal der Preßfreiheit zugleich auch die Tatsache entdeckt, daß die

Presse dem dient, der sie besitzt. Sie verbreitet nicht, sondern sie

erzeugt die „freie Meinung“.

Beides +zusammen+ ist liberal, frei nämlich von den Hemmungen

des erdverbundenen Lebens, seien es Rechte, Formen oder Gefühle,

der Geist frei für jede Art von Kritik, das Geld frei für jede Art

von Geschäft. Beides ist aber auch rücksichtslos auf die Herrschaft

eines +Standes+ gerichtet, der die Hoheit des Staates über sich

nicht anerkennt. Geist und Geld, anorganisch wie sie sind, wollen

den Staat nicht als gewachsene Form von großer Symbolik, die Achtung

fordert, sondern als Einrichtung, die einem Zweck dient. Darin liegt

der Unterschied von den Mächten der Fronde, die nur die gotische Art,

lebendig in Form zu sein, gegen die des Barock verteidigt haben, und

die jetzt, in die Verteidigung gedrängt, von dieser kaum noch zu

unterscheiden sind. Allein in England, das muß immer wieder betont

werden, hat die Fronde nicht nur den Staat in offenem Kampf, sondern

auch den dritten Stand durch innere Überlegenheit entwaffnet und

deshalb die einzige Art von demokratischem In-Form-sein erreicht, die

nicht entworfen oder nachgeahmt, sondern herangereift ist, Ausdruck

einer alten Rasse und eines ungebrochnen und sicheren Taktes, der mit

jedem neuen, durch die Zeit gegebenen Mittel fertig zu werden weiß.

Deshalb hat das englische Parlament die Erbfolgekriege der absoluten

Staaten mitgeführt, aber als Wirtschaftskriege mit geschäftlichem

Endziel.

Das Mißtrauen gegen die hohe Form ist in dem innerlich formlosen

Nichtstand so groß, daß er immer und überall bereit gewesen ist, seine

Freiheit -- +von+ aller Form -- durch eine Diktatur zu retten,

die regellos und deshalb allem Gewachsenen feind ist, aber gerade

durch das Mechanisierende ihrer Wirksamkeit dem Geschmack von Geist

und Geld entgegenkommt; man denke an den Aufbau der französischen

Staatsmaschine, den Robespierre begonnen und Napoleon vollendet

hat. Die Diktatur im Interesse eines Standesideals haben Rousseau,

Saint Simon, Rodbertus und Lassalle ebenso gewünscht wie die antiken

Ideologen des 4. Jahrhunderts, Xenophon in der Kyrupädie und Isokrates

im Nikokles.[470]

In dem bekannten Satze Robespierres: „Die Regierung der Revolution

ist der Despotismus der Freiheit gegen die Tyrannei“ kommt aber

auch die tiefe Furcht zum Ausdruck, die jede Menge befällt, welche

sich im Angesicht ernster Ereignisse nicht sicher in Form fühlt.

Eine in ihrer Disziplin erschütterte Truppe räumt den Führern des

Zufalls und Augenblicks freiwillig eine Macht ein, die der legitimen

Führung weder dem Umfang noch dem Wesen nach erreichbar ist und

als legitim auch gar nicht ertragen werden könnte. Aber das, ins

Große übertragen, ist die Lage zu Beginn jeder Zivilisation. Nichts

ist für das Sinken der politischen Form bezeichnender als +die

Heraufkunft formloser Gewalten+, die man nach ihrem berühmtesten

Fall als +Napoleonismus+ bezeichnen kann. Wie vollständig war

noch das Dasein Richelieus und Wallensteins in das unerschütterliche

Herkommen ihrer Zeit gebunden! Wie formvoll ist die englische

Revolution gerade unter der Decke äußerer Unordnung! Hier steht

es umgekehrt. Die Fronde kämpft +um+ die Form, der absolute

Staat +in+ ihr, das Bürgertum +gegen+ sie. Nicht daß eine

verjährte Ordnung zertrümmert wird, ist neu. Das haben Cromwell

und die Häupter der ersten Tyrannis auch getan. Sondern daß hinter

den Ruinen der sichtbaren keine unsichtbare Form mehr steht, daß

Robespierre und Bonaparte nichts um sich und in sich finden, was die

+selbstverständliche+ Grundlage jeder Neugestaltung bleibt,

daß statt einer Regierung der großen Tradition und Erfahrung ein

Zufallsregiment unvermeidlich wird, dessen Zukunft nicht mehr durch

die Eigenschaften einer langsam herangezüchteten Minderheit gesichert

ist, sondern ganz davon abhängt, ob sich gerade ein Nachfolger von

Bedeutung findet -- das kennzeichnet diese Zeitwende und gibt den

Staaten, die sich eine Tradition länger als andere zu erhalten wissen,

auf Generationen hin ihre ungeheure Überlegenheit.

Die erste Tyrannis hatte mit Hilfe des Nichtadels die Polis vollendet;

der Nichtadel hat sie mit Hilfe der zweiten Tyrannis zerstört. Mit

der bürgerlichen Revolution des vierten Jahrhunderts geht sie als Idee

zugrunde, mochte sie als Einrichtung, als Gewohnheit, als Werkzeug der

jeweiligen Gewalt auch fortbestehen. Der antike Mensch hat niemals

aufgehört, in ihrer Form politisch zu denken und zu leben, aber ein mit

heiliger Scheu verehrtes Sinnbild war sie für die Menge nicht mehr, so

wenig wie die abendländische Monarchie von Gottes Gnaden, seit Napoleon

nahe daran gewesen war, „seine Dynastie zur ältesten von Europa zu

machen“.

Auch in dieser Revolution gibt es wie immer in der Antike nur örtliche

und augenblickliche Lösungen, nichts wie der prachtvolle Bogen, in

dem die französische Revolution mit dem Bastillesturm aufsteigt

und bei Waterloo endet; und die Szenen sind um so grauenvoller,

als das euklidische Grundgefühl dieser Kultur nur ganz körperhafte

Zusammenstöße der Parteien und statt der funktionalen Einordnung der

unterlegenen in die siegreiche nur deren Ausrottung möglich erscheinen

läßt. In Korkyra (427) und Argos (370) wurden die Besitzenden in Masse

erschlagen, in Leontinoi (422) trieben diese die Unterklasse aus der

Stadt und wirtschafteten mit Sklaven, bis sie aus Furcht vor einer

Rückkehr die Stadt überhaupt preisgaben und nach Syrakus übersiedelten.

Die Flüchtlinge aus Hunderten solcher Revolutionen überschwemmten alle

antiken Städte, füllten die Söldnerheere der zweiten Tyrannis und

machten die Landstraßen und Meere unsicher. Unter den Friedensgeboten

der Diadochen und später der Römer erscheint beständig die

Wiederaufnahme der vertriebenen Volksteile. Aber die zweite Tyrannis

stützte sich selbst auf Akte dieser Art. Dionysios I. (405-367)

sicherte sich die Herrschaft über Syrakus, dessen vornehme Gesellschaft

vor und neben der attischen der Mittelpunkt reifster hellenischer

Kultur war -- hier hat Aischylos um 470 seine Persertrilogie aufgeführt

--, durch Massenhinrichtung der Gebildeten und Beschlagnahme aller

Vermögen. Er hat dann die Einwohnerschaft ganz neu aufgebaut, oben

durch Verleihung des großen Besitzes an seine Anhänger, unten durch

Massenaufnahme von Sklaven, unter welche -- wie anderswo -- die Frauen

und Töchter der ausgerotteten Oberschicht verteilt wurden, in den

Bürgerstand.[471]

Es ist wieder für die Antike bezeichnend, daß der Typus dieser

Revolutionen nur eine Vergrößerung ihrer Zahl, nicht ihres Umfangs

gestattet. Sie treten in Masse auf, aber jede entwickelt sich

vollkommen für sich und an einem Punkte, und nur die Gleichzeitigkeit

aller gibt ihnen den Charakter einer Gesamterscheinung, die Epoche

macht. Dasselbe gilt vom Napoleonismus, mit dem sich zum ersten Mal

ein formloses Regiment über das Gefüge des Stadtstaates erhebt, ohne

sich innerlich ganz von ihm befreien zu können. Er stützt sich auf

das Heer, das sich gegenüber der außer Form geratenen Nation als

selbständige politische Größe zu fühlen beginnt. Das ist der kurze Weg

von Robespierre zu Bonaparte; mit dem Sturz der Jakobiner geht das

Schwergewicht von der Zivilverwaltung auf die ehrgeizigen Generale

über. Wie tief dieser neue Geist in alle Staaten des Abendlandes

eingedrungen war, zeigt neben der Laufbahn Bernadottes und Wellingtons

die Geschichte des Aufrufs „An mein Volk“ von 1813; hier wurde von

militärischer Seite die Fortdauer der Dynastie in Frage gestellt, falls

der König sich nicht zum Bruch mit Napoleon entschließe.

Die zweite Tyrannis kündigt sich denn auch an mit der die innere Form

der Polis aufhebenden Stellung, welche Alkibiades und Lysander gegen

Ende des peloponnesischen Krieges im Heer ihrer Stadt einnahmen. Der

erste übte seit 411, obwohl verbannt und also ohne Amt und gegen den

Willen der Heimat die tatsächliche Herrschaft über die athenische

Flotte aus; der zweite, der nicht einmal Spartiat war, fühlte sich im

Kommando eines ihm persönlich ergebenen Heeres vollkommen unabhängig.

Im Jahre 408 hatte sich der Kampf zweier Mächte in den zweier Männer

um die Herrschaft über die ägäische Staatenwelt entwickelt.[472] Bald

darauf hat Dionys von Syrakus dem antiken Krieg durch die Ausbildung

der ersten großen Berufsarmee -- er hat auch die Kriegsmaschinen und

Geschütze eingeführt[473] -- eine neue, auch für die Diadochen und

Römer vorbildliche Form gegeben. Von nun an ist der Geist des Heeres

eine politische Macht für sich und es wird eine sehr ernste Frage, bis

zu welchem Grade der Staat Herr oder Werkzeug der Soldaten ist. Daß die

Regierung Roms 390-367[474] ausschließlich von einem Militärausschuß

geführt wurde,[475] verrät eine Sonderpolitik des Heeres deutlich

genug. Es ist bekannt, daß Alexander, der Romantiker der zweiten

Tyrannis, in zunehmende Abhängigkeit vom Willen seiner Soldaten und

Generale geriet, die nicht nur den Rückzug aus Indien erzwangen,

sondern auch mit Selbstverständlichkeit über seinen Nachlaß verfügt

haben.

Der Untergang des Abendlandes, Zweiter Band · 第 47 / 62 段