Als Karl I. hingerichtet wurde, kam es auch in Paris zum Aufstand,

der die königliche Familie zur Flucht zwang. Man baute Barrikaden

und rief die Republik aus. Wäre der Kardinal von Retz Cromwell

ähnlicher gewesen, so war ein Sieg der Ständepartei über Mazarin wohl

möglich. Aber der Ausgang dieser großen abendländischen Krise ist

durchaus vom Gewicht und Schicksal weniger Persönlichkeiten bestimmt

und gestaltete sich deshalb so, daß in England +allein+ die im

Parlament vertretene Fronde den Staat und das Königtum ihrer Führung

unterwarf und diesen Zustand in der „glorreichen Revolution“ von

1688 dauernd begründet hat, so daß heute noch wesentliche Teile des

alten Normannenstaates zu Recht bestehen. In Frankreich und Spanien

siegte das Königtum unbedingt. In Deutschland wurde im westfälischen

Frieden für die große Fronde der Reichsfürsten gegen den Kaiser das

englische, für die kleine Fronde den Landesfürsten gegenüber das

französische Verhältnis durchgesetzt. Im Reich regieren die Stände,

in deren Gebieten die Dynastie. Von da an war das Kaisertum wie das

englische Königtum ein Name, umgeben mit Resten des spanischen Prunks

aus dem frühen Barock; die Einzelfürsten und ebenso die führenden

Familien der englischen Aristokratie erlagen dem Vorbild von Paris,

und ihr Absolutismus kleinen Formats ist der Träger des Stils von

Versailles geworden, politisch wie sozial. Damit war zugleich der Sieg

des Hauses Bourbon über das Haus Habsburg entschieden, was schon im

Pyrenäenfrieden von 1659 vor aller Welt zum Ausdruck kam.

Mit dieser Epoche war der im Dasein jeder Kultur als Möglichkeit

angelegte Staat verwirklicht und eine Höhe des politischen Geformtseins

erreicht, die nicht mehr überboten, aber auch nicht lange aufrecht

erhalten werden konnte. Ein leiser herbstlicher Zug geht schon durch

die Zeit, als Friedrich der Große in Sanssouci Tafel hielt. Es sind die

Jahre, in welchen auch die großen Sonderkünste ihre letzte, zarteste,

geistigste Reife erlangen, neben den Rednern der athenischen Agora

Zeuxis und Praxiteles, neben dem Filigran der Kabinettsdiplomatie die

Musik von Bach und Mozart.

Diese Kabinettspolitik ist selbst eine hohe Kunst geworden, ein

artistischer Genuß für den, der seine Finger darin hatte, wundervoll

in ihrer Feinheit und Eleganz, höflich, raffiniert, unheimlich in

die Ferne wirkend, wo jetzt schon Rußland, die nordamerikanischen

Kolonien, selbst die indischen Staaten angesetzt werden, um an ganz

andern Punkten der Erde durch das bloße Gewicht einer überraschenden

Kombination Entscheidungen herbeizuführen. Es ist ein Spiel in strengen

Regeln mit eröffneten Briefen und geheimen Vertrauten, mit Allianzen

und Kongressen innerhalb eines Systems von Regierungen, das damals

schon mit tief bedeutendem Ausdruck das Konzert der Mächte genannt

worden ist, voller _noblesse_ und _esprit_, um die Worte der

Zeit zu gebrauchen, eine Art, Geschichte in Form zu halten, wie sie nie

und nirgends sonst auch nur denkbar ist.

In der abendländischen Welt, deren Einflußgebiet jetzt schon mit

der Erdoberfläche beinahe gleichbedeutend war, umfaßt die Zeit des

absoluten Staates kaum eineinhalb Jahrhunderte von 1660, wo im

Pyrenäenfrieden das Haus Bourbon über Habsburg triumphiert und die

Stuarts nach England zurückkehren, bis zu den Koalitionskriegen gegen

die französische Revolution, in denen London über Paris siegt, oder

dem Wiener Kongreß, auf welchem die alte Diplomatie des Blutes, nicht

des Geldes, der Welt zum letzten Male ein großes Schauspiel gab. Das

entspricht dem Zeitalter des Perikles in der Mitte zwischen erster und

zweiter Tyrannis, und dem Tschun-tsiu, „Frühling und Herbst“, wie die

Chinesen die Zeit zwischen den Protektoren und den „Kämpfenden Staaten“

nennen.

In dieser letzten Zeit vornehmer Politik in den Formen eines

Herkommens, das Abstand besitzt, werden die Höhepunkte dadurch

bezeichnet, daß die beiden habsburgischen Linien rasch nacheinander

aussterben, und die diplomatischen wie die kriegerischen Ereignisse

sich 1710 um die spanische, 1760 um die österreichische Erbfolge

drängen.[453] Es ist der Höhepunkt auch des genealogischen Prinzips.

_Bella gerant alii, tu felix Austria nube_ -- das war in der Tat

eine Fortsetzung des Krieges mit andern Mitteln. Das Wort ist einst mit

Beziehung auf Maximilian I. geprägt worden, aber das Prinzip erlangt

erst jetzt seine höchste Wirkung. Die Kriege der Fronde gehen in

Erbfolgekriege über, die im Kabinett beschlossen und mit kleinen Heeren

kavaliermäßig und nach strengen Regeln ausgefochten werden. Es handelt

sich um die Erbschaft der halben Welt, welche durch die habsburgische

Heiratspolitik des frühen Barock zusammengekommen war. Der Staat ist

noch immer fest in Form; der Adel ist loyal, Dienst- und Hofadel

geworden; er führt die Kriege der Krone und organisiert die Verwaltung.

Neben dem Frankreich Ludwigs XIV. entsteht in Preußen ein Meisterstück

staatlicher Organisation. Der Weg vom Kampfe des Großen Kurfürsten mit

seinen Ständen (1660) bis zum Tode Friedrichs des Großen, der Mirabeau

1786, drei Jahre vor dem Bastillesturm noch empfangen hat, ist genau

derselbe und hat zur Schöpfung eines Staates geführt, der wie der

französische in jedem Punkt das Gegenteil der englischen Gestaltung der

Dinge ist.

Denn es steht anders im Reich und in England, wo die Fronde siegreich

war und die Nation nicht absolut, sondern ständisch regiert wurde.

Aber es besteht der gewaltige Unterschied, daß hier das Inseldasein

den größten Teil der staatlichen Vorsorge ersetzte und der herrschende

erste Stand, die Peers im Oberhaus wie die Gentry die Größe

Englands als selbstverständliches Ziel ihren Handlungen zugrunde

legten, während im Reich die Oberschicht der Landesfürsten -- mit

dem Reichstag in Regensburg als Oberhaus -- bestrebt war, die von

ihnen beherrschten zufälligen Fragmente der Nation zu „Völkern“ zu

erziehen und deren zerstreute Vaterländer so schroff als möglich gegen

einander abzugrenzen. An Stelle des Welthorizonts, der zur Zeit der

Gotik vorhanden war, wurde hier ein Provinzhorizont in Tun und Denken

gezüchtet. Die Idee der Nation selbst verfiel dem Reich der Träume,

jener +andern+ Welt nicht der Rasse sondern der Sprache, nicht

des Schicksals sondern der Kausalität. Es entstand die Vorstellung und

endlich die Tatsache des Volkes der Dichter und Denker, das sich eine

Republik im Wolkenreiche der Verse und Begriffe gründete und zuletzt zu

dem Glauben kam, daß Politik in idealem Schreiben, Lesen und Reden und

nicht in Tat und Entschluß bestehe, so daß man sie noch heute mit dem

Ausdruck von Gefühlen und Gesinnungen verwechselt.

In England war in der Tat mit dem Sieg der Gentry und der Declaration

of rights von 1689 der Staat abgeschafft. Das Parlament hat damals

Wilhelm von Oranien als König eingesetzt und später Georg I. und II. an

der Abdankung verhindert, und zwar beides im Standesinteresse. Das noch

unter den Tudors ganz geläufige Wort _state_ kommt außer Gebrauch,

so daß man Ludwigs XIV.: „_L’état c’est moi_“ und Friedrichs des

Großen: „Ich bin der erste Diener meines Staates“ heute nicht mehr ins

Englische übersetzen kann. Dagegen bürgert sich _society_ ein

als Ausdruck dafür, daß die Nation ständisch, nicht staatlich in Form

ist, ein Wort, das mit bezeichnendem Mißverständnis von Rousseau und

überhaupt von den Rationalisten des Festlands übernommen wird, um dem

Haß des +dritten+ Standes gegen die Autorität zu dienen.[454] Aber

die Autorität ist in England als _government_ sehr nachdrücklich

ausgeprägt und sie wird +verstanden+. Ihr Mittelpunkt liegt seit

Georg I. in dem verfassungsmäßig gar nicht vorhandenen Kabinett als

dem regierenden Ausschuß der gerade herrschenden Adelsfaktion. Der

Absolutismus ist vorhanden, aber er ist der einer Standesvertretung.

Der Begriff der Majestätsbeleidigung wird auf das Parlament

übertragen, wie die Unverletzlichkeit der römischen Könige auf die

Tribunen. Auch das genealogische Prinzip ist da, aber es kommt in den

Familienbeziehungen innerhalb des hohen Adels zum Ausdruck, welche auf

die parlamentarische Lage einwirken. Im Familieninteresse der Cecils

hat 1902 Salisbury seinen Neffen Balfour an Stelle Chamberlains als

Nachfolger vorgeschlagen. Die Adelsfaktionen der Tories und Whigs

sondern sich immer deutlicher, und zwar sehr oft innerhalb derselben

Familie, nach dem Überwiegen des Macht- oder des Beutestandpunkts,

nach der höheren Wertschätzung von Grundbesitz also und von Geld[455],

was noch im 18. Jahrhundert innerhalb des höheren Bürgertums die

Begriffe _respectable_ und _fashionable_ entstehen läßt,

als zwei entgegengesetzte Auffassungen des Gentleman. Die staatliche

Sorge für alle ist unbedingt durch das Standesinteresse ersetzt, für

das der einzelne Freiheit in Anspruch nimmt -- das ist englische

Freiheit --, aber das Inseldasein und der Aufbau der _society_

haben Verhältnisse geschaffen, in welchen zuletzt jeder, +der dazu

gehört+, -- ein wichtiger Begriff in einer Standesdiktatur -- sein

Interesse in dem einer der beiden Adelsparteien vertreten findet.

Diese aus dem historischen Gefühl des abendländischen Menschen

entspringende Beständigkeit der letzten, tiefsten und reifsten Form ist

der Antike versagt. Die Tyrannis verschwindet. Die strenge Oligarchie

verschwindet. Der Demos, den die Politik des 6. Jahrhunderts als die

Summe aller einer Polis zugehörigen Menschen geschaffen hatte, bricht

in Adel und Nichtadel zerfallen in ungeregelten Stößen hervor und

beginnt einen Kampf, in den Staaten und +zwischen+ den Staaten, in

dem beide Parteien den Gegner auszurotten suchen, um nicht ausgerottet

zu werden. Als Sybaris noch im Zeitalter der Tyrannis 511 von den

Pythagoräern vernichtet wurde, wirkte das erste Ereignis dieser Art

erschütternd auf die ganze antike Welt. Selbst im fernen Milet legte

man Trauer an. Jetzt wird die Vertilgung einer Polis oder Partei so

gewöhnlich, daß sich feste Sitten und Methoden ausbilden, entsprechend

dem Schema der abendländischen Friedensschlüsse des späten Barock:

ob man die Bewohner tötet oder als Sklaven verkauft, ob man die

Häuser dem Erdboden gleichmacht oder als Beute austeilt. Der Wille

zum Absolutismus ist da und zwar seit den Perserkriegen überall, in

Rom und Sparta so gut wie in Athen, aber die +gewollte+ Enge der

Polis, des politischen Punktes, und die +gewollte+ Kurzfristigkeit

ihrer Ämter und Ziele machen eine geordnete Entscheidung darüber

unmöglich, wer „der Staat sein soll“.[456] Jener Meisterschaft der

mit Tradition gesättigten abendländischen Kabinettsdiplomatie tritt

hier ein Dilettantismus entgegen, der nicht im zufälligen Mangel an

Persönlichkeiten begründet ist -- die waren vorhanden -- sondern allein

in der politischen Form. Der Weg dieser Form von der ersten zur zweiten

Tyrannis ist unverkennbar und entspricht ganz der Entwicklung in allen

Spätzeiten, aber der spezifisch antike Stil ist die Unordnung, der

Zufall, wie es in diesem am Augenblick haftenden Leben nicht anders

sein kann.

Das wichtigste Beispiel dafür ist die Entwicklung Roms während des

5. Jahrhunderts, die bis jetzt auch deshalb so umstritten geblieben

ist, weil man in ihr eine Beständigkeit suchte, die hier wie in allen

antiken Staaten gar nicht vorhanden sein kann. Es kommt dazu, daß

man diese Entwicklung wie etwas ganz Primitives behandelt, während

in Wirklichkeit die Stadt der Tarquinier schon sehr fortgeschrittene

Zustände besessen haben muß und das primitive Rom viel weiter

zurückliegt. Die Verhältnisse des 5. Jahrhunderts sind klein gegenüber

der Zeit Cäsars, aber nicht altertümlich. Allein da die schriftliche

Überlieferung mangelhaft war -- wie überall außer in Athen --, so hat

der literarische Geschmack seit den punischen Kriegen die Lücken mit

Dichtung ausgefüllt und zwar, wie das in der Zeit des Hellenismus

nicht anders zu erwarten ist, mit idyllischer Altertümelei; man denke

an Cincinnatus. Die moderne Forschung glaubt nichts mehr von diesen

Geschichten, aber sie steht unter dem Eindruck des Geschmacks, in dem

sie erfunden sind, und verwechselt ihn mit den Zeitumständen, um so

mehr, als griechische und römische Geschichte wie zwei getrennte Welten

behandelt werden und man nach schlechter Gewohnheit den Anfang der

Geschichte mit dem Anfang der gesicherten Kunde von ihr gleichsetzt.

Aber die Zustände von 500 v. Chr. sind nichts weniger als homerisch.

Rom war unter den Tarquiniern, wie der Umfang der Mauern beweist, neben

Kapua die größte Stadt Italiens und größer als das themistokleische

Athen.[457] Eine Stadt, mit der Karthago Handelsverträge schließt, ist

keine Bauerngemeinde. Aber daraus folgt, daß die Bevölkerung der vier

städtischen Tribus von 471 sehr stark und vielleicht größer gewesen ist

als die der sechzehn räumlich unbedeutenden Landtribus zusammen.

Der große Erfolg des Grundadels, der im Sturz der sicherlich sehr

volkstümlichen Tyrannis und in der Aufrichtung einer unumschränkten

Senatsherrschaft lag, ist durch eine Gruppe gewaltsamer Ereignisse um

471 wieder vernichtet worden: den Ersatz der Geschlechtertribus durch

die vier großen Stadtbezirke, deren Vertretung durch Tribunen, die

sakrosankt sind, also ein Königsrecht besitzen, das keinem einzigen der

adligen Verwaltungsämter zukommt, endlich die Befreiung der kleinen

Bauernschaft aus der Klientel des Adels.

Das Tribunat ist die glücklichste Schöpfung dieser Zeit und damit der

antiken Polis überhaupt. Es ist +die Tyrannis zum integrierenden

Bestandteil der Verfassung erhoben+ und zwar +neben+ den

oligarchischen Ämtern, die sämtlich fortbestehen. Aber damit ist

auch die soziale Revolution in +gesetzmäßige Formen+ geleitet,

und während sie sich überall sonst in wilden Stößen entlud, ist sie

hier zu einem Kampf auf dem Forum geworden, der sich im allgemeinen in

den Grenzen von Redestreit und Abstimmung hielt. Man brauchte keinen

Tyrannen auszurufen, denn er war da. Der Tribun besitzt Hoheitsrechte,

kein Amtsrecht, und er konnte vermöge seiner Unverletzlichkeit

revolutionäre Akte vollziehen, die in jeder andern Polis ohne

Straßenkämpfe nicht denkbar waren. Diese Schöpfung ist ein Zufall,

aber kein anderer hat den Aufstieg Roms in gleichem Grade unterstützt.

Hier allein hat sich der Übergang von der ersten zur zweiten Tyrannis

und die fernere Entwicklung noch über Zama hinaus ohne Katastrophen

vollzogen, wenn auch nicht ohne Erschütterung. Der Tribun leitet von

den Tarquiniern zu den Cäsaren hinüber. Mit der lex Hortensia von 287

wird er allmächtig: +Es ist die zweite Tyrannis in verfassungsmäßiger

Form.+ Im 2. Jahrhundert haben die Tribunen Konsuln und Censoren

verhaften lassen. Die Gracchen waren Tribunen, Cäsar übernahm das

beständige Tribunat, und im Prinzipat des Augustus ist diese Würde der

wesentliche Bestandteil, der einzige, der ihm Hoheitsrechte verleiht.

Die Krise von 471 war allgemein antik und richtete sich gegen die

Oligarchie, die auch jetzt noch innerhalb des von der Tyrannis

geschaffenen Demos, der Gesamtheit aller Zugehörigen, den Ausschlag

geben wollte. Es ist nicht mehr die Oligarchie als Stand gegenüber dem

Nichtstand wie zur Zeit Hesiods, sondern +als Partei gegenüber einer

zweiten+ und zwar innerhalb des absoluten Staates, der schlechthin

gegeben war. In Athen erfolgte 487 der Sturz der Archonten und die

Übertragung ihrer Rechte an das Strategenkollegium.[458] 461 wurde

der dem Senat entsprechende Areopag gestürzt. Auf Sizilien, das mit

Rom in engem Verkehr stand, siegte die Demokratie 471 in Akragas, 465

in Syrakus, 461 in Rhegion und Messana. In Sparta haben die Könige

Kleomenes (488) und Pausanias (470) vergeblich versucht, die Heloten,

römisch gesprochen die Klientel, zu befreien und damit dem Königtum

selbst den oligarchischen Ephoren gegenüber die Bedeutung des römischen

Tribunats zu geben. Hier fehlt wirklich, was die Forschung in Rom nur

übersieht, die Bevölkerung einer Verkehrsstadt, die solchen Bewegungen

die Führung und die Wucht gibt, und daran ist endlich auch der große

Helotenaufstand von 464 gescheitert, nach welchem vielleicht die

römische Legende von einer Auswanderung der Plebs auf den heiligen Berg

erfunden worden ist.

In einer Polis fallen Landadel und städtisches Patriziat zusammen

-- das ist, wie wir sahen, der Zweck des Synoikismos -- Bürger und

Bauern aber nicht. Diese sind im Kampf gegen die Oligarchie +eine

einzige+ Partei, die demokratische nämlich, abgesehen davon aber

sind es +zwei+. Das kommt in der nächsten Krise zum Ausdruck, in

welcher das römische Patriziat um 450 seine Macht +als Partei+

wieder herzustellen versucht. Denn so hat man die Einsetzung von

Dezemvirn zu verstehen, mit welcher das Tribunat fortfiel, das

Zwölftafelrecht, in welchem der eben erst zum politischen Dasein

gelangten Plebs Conubium und Commercium versagt wurden, und vor allem

die Schaffung der kleinen Landtribus, in denen der Einfluß der alten

Geschlechter nicht rechtlich, aber tatsächlich vorherrschte, und die

in den Tributkomitien, die jetzt neben die früheren Zenturiatkomitien

traten, die unbedingte Stimmenmehrheit besaßen: 16 gegen 4. Damit war

die Bürgerschaft durch das Bauerntum entrechtet, und das war sicherlich

ein Schachzug der patrizischen Partei, welche die von ihr geteilte

Abneigung des Landes gegen die Geldwirtschaft der Stadt in einem

gemeinsamen Schlage wirksam machte.

Die Gegenwirkung erfolgte rasch und ist in der Zehnzahl von Tribunen

erkennbar, welche nach dem Rücktritt der Dezemvirn erscheinen,[459]

aber von diesem Ereignis sind der Tyrannisversuch des Sp. Maelius

(439), die Einsetzung von Konsulartribunen durch das Heer an Stelle der

Zivilbeamten (438) und die lex Canuleja (445), welche das Verbot des

Conubiums zwischen Patriziern und Plebejern wieder aufhob, nicht zu

trennen.

Daß es damals in Rom Faktionen unter Patriziern wie Plebejern gegeben

hat, welche den Grundzug der römischen Polis, das Gegenüber von

Senat und Tribunat antasten und je nachdem eine der beiden Größen

beseitigen wollten, kann gar nicht zweifelhaft sein, aber diese Form

war so glücklich geraten, daß sie nie ernsthaft in Frage gestellt

worden ist. Mit der vom Heere durchgesetzten Zulassung der Plebs zum

höchsten Staatsamt (399) nahm der Kampf eine ganz andere Richtung.

Man kann das 5. Jahrhundert innerpolitisch als das des Ringens um die

gesetzmäßige Tyrannis bezeichnen; von da an ist die polare Ordnung

anerkannt und die Parteien kämpfen nicht mehr um die Aufhebung,

sondern um die Eroberung der großen Ämter. Das ist der Inhalt der

Revolution zur Zeit der Samnitenkriege. Mit dem Jahre 287 hat die

Plebs den Zutritt zu +allen+ Ämtern erlangt, und die von ihr

genehmigten Anträge der Tribunen erhalten ohne weiteres Gesetzeskraft;

andrerseits ist es von da an dem Senat praktisch immer möglich,

wenigstens einen der Tribunen, etwa durch Bestechung, zur Interzession

zu veranlassen und damit die Macht der Institution aufzuheben. In dem

+Ringen zweier Kompetenzen+ hat sich das juristische Feingefühl

der Römer entwickelt. Während anderswo die Entscheidungen mit Fäusten

und Knütteln üblich wurden -- der technische Ausdruck dafür ist

Cheirokratie -- gewöhnte man sich in der klassischen Zeit des römischen

Staatsrechts, dem 4. Jahrhundert, an den Wettstreit der Begriffe

und Interpretationen, in welchem die leiseste Unterscheidung im

gesetzlichen Wortlaut den Ausschlag geben konnte.

Aber mit diesem Gleichgewicht von Senat und Tribunat stand Rom in der

Antike ganz allein. Überall sonst gab es nicht ein Mehr oder Weniger,

sondern ein Entweder-Oder, nämlich zwischen Oligarchie und Ochlokratie.

Die absolute Polis und die mit ihr identische Nation waren gegeben,

aber von inneren Formen stand nichts fest. Der Sieg einer Partei führte

zur Beseitigung auch aller Institutionen der andern, und man gewöhnte

sich daran, nichts für so ehrwürdig oder zweckmäßig zu halten, daß es

über dem Kampf des Tages stünde. Sparta war, wenn man so sagen darf, in

senatorischer, Athen in tribunizischer Form, und die Alternative war zu

Beginn des peloponnesischen Krieges (431) derart zur festen Meinung

geworden, daß es andre als radikale Lösungen nicht mehr gab.

Damit war die Zukunft Roms gesichert. Es war der einzige Staat, in

dem die politische Leidenschaft sich gegen Personen, nicht mehr gegen

Institutionen richtete, der einzige, welcher fest in Form war --

_senatus populusque Romanus_, +das heißt Senat und Tribunat+,

ist die eherne Form, die keine Partei mehr angreift -- während alle

andern durch die Grenzen ihrer Machtentfaltung innerhalb der antiken

Staatenwelt aufs neue beweisen, daß Innenpolitik lediglich da ist, um

Außenpolitik möglich zu machen.

12

An diesem Punkte, wo die Kultur im Begriff ist, Zivilisation zu werden,

greift der Nichtstand entscheidend in die Ereignisse ein und zwar zum

ersten Male als selbständige Macht. Unter der Tyrannis und Fronde

hatte der Staat ihn gegen die eigentlichen Stände zu Hilfe gerufen und

er hatte sich erst damit als Macht fühlen gelernt. Jetzt verwendet

er diese Macht +für sich+ und zwar als Stand der Freiheit gegen

den Rest, und er sieht im absoluten Staate, in der Krone, in den

starken Institutionen die natürlichen Verbündeten der Urstände und die

eigentlichen und letzten Vertreter der sinnbildlichen Tradition. Das

ist der Unterschied zwischen erster und zweiter Tyrannis, zwischen

Fronde und bürgerlicher Revolution, zwischen Cromwell und Robespierre.

Der Untergang des Abendlandes, Zweiter Band · 第 46 / 62 段