Auf Grund dieser Einblicke darf der Versuch gewagt werden,

die Urgeschichte Roms unter allem Vorbehalt zu zeichnen. Der

römische Synoikismos, eine örtliche Zusammenfassung verbreiteter

adliger Geschlechter, ist identisch mit der „Gründung“ Roms,

einem etruskischen Unternehmen wahrscheinlich am Anfang des 7.

Jahrhunderts,[430] während schon lange vorher zwei Ansiedlungen auf dem

Palatin und Quirinal gegenüber der Königsburg des Kapitols bestanden

hatten. Zur ersten gehört die uralte Göttin Diva Rumina[431] und das

etruskische Geschlecht der Ruma,[432] zur zweiten der Gott Quirinus

pater. Von daher stammen der Doppelname Römer und Quiriten und die

doppelten Priestertümer der Salier und Luperci, die an den beiden

Hügeln haften. Da die drei Geschlechtertribus der Ramnes, Tities und

Luceres sich sicherlich durch +alle+ etruskischen Orte zogen,[433]

so müssen sie hier wie dort vorhanden gewesen sein, und daraus erklären

sich nach vollzogenem Synoikismos die Sechszahl der Reiterzenturien,

der Kriegstribunen und der hochadligen Vestalinnen, aber andrerseits

auch die +beiden+ Prätoren oder Konsuln, die dem Königtum schon

früh als Vertreter des Adels zur Seite gestellt wurden und ihm

allmählich jeden Einfluß entzogen. Schon um 600 muß die Verfassung Roms

eine starke Oligarchie der Patres mit einem Schattenkönigtum[434] an

der Spitze gewesen sein, aber daraus folgt wieder, daß die alte Annahme

einer Vertreibung der Könige und die moderne eines langsamen Abbaus der

Königsgewalt nebeneinander zu Recht bestehen, denn die eine bezieht

sich auf den Sturz der tarquinischen Tyrannis, die um die Mitte des

6. Jahrhunderts wie damals überall gegen die Oligarchie aufgerichtet

worden war, in Athen durch Peisistratos, die andere auf die langsame

Auflösung der Lehnsgewalt des, man darf auch hier sagen homerischen

Königtums +vor+ der „Gründung“ durch den Ständestaat der Polis,

eine Krise, die hier vielleicht durch das Hervortreten der Prätoren

ebenso bezeichnet wurde, wie anderswo durch das der Archonten und

Ephoren.

Diese Polis ist streng adlig wie der abendländische Ständestaat (dieser

einschließlich des höheren Klerus und der Städtevertreter). Der Rest

der Zugehörigen ist schlechthin Objekt -- der politischen Sorge,

hier also der Sorg+losigkeit+. Denn _Carpe diem_ ist der

Wahlspruch gerade auch dieser Oligarchie, wie die Lieder des Theognis

und des Kreters Hybrias laut genug verkünden; in der Finanzwirtschaft,

die bis in die spätesten Zeiten der Antike mehr oder weniger

gesetzloser Raub geblieben ist, um die Mittel für den Augenblick zu

beschaffen, von dem organisierten Piratentum des Polykrates seinen

eigenen Untertanen gegenüber bis zu den Proskriptionen der römischen

Triumvirn; in der Rechtssetzung bis zu der mit beispielloser Konsequenz

auf den Augenblick gerichteten Ediktalgesetzgebung des einjährigen

römischen Prätors;[435] endlich in der sich immer mehr verbreitenden

Sitte, gerade die wichtigsten Heeres-, Rechts- und Verwaltungsämter

durch das Los zu besetzen -- eine Art Huldigung an Tyche, die Göttin

des Augenblicks.

Ausnahmen von dieser Art, politisch in Form zu sein und entsprechend

zu fühlen und zu denken, gibt es nicht. Die Etrusker sind von ihr

ebenso beherrscht wie die Dorer und Makedonier.[436] Wenn Alexander

und seine Nachfolger den Osten weithin mit hellenistischen Städten

bedeckten, so geschah es ganz unbewußt auch deshalb, weil sie sich eine

andere Form der politischen Organisation nicht vorstellen konnten.

Antiochia sollte Syrien sein und Alexandria Ägypten. Und in der Tat

war Ägypten unter den Ptolemäern wie später unter den Cäsaren nicht

rechtlich, aber tatsächlich eine Polis in ungeheurem Maßstabe; das

längst fellachenhafte und wieder stadtlose Land lag mit seiner uralten

Verwaltungstechnik als Feldmark vor den Toren.[437] Das römische

Imperium ist nichts als der letzte und größte Stadtstaat der Antike

auf Grund eines riesenhaften Synoikismus. Der Redner Aristides konnte

unter Mark Aurel mit vollem Recht sagen (in seiner Rede auf Rom): „Rom

hat diese Welt im Namen +einer Stadt+ zusammengefaßt. Wo man auch

in ihr geboren sein mag, man wohnt doch in ihrer Mitte.“ Aber auch

die unterworfene Bevölkerung, wandernde Wüstenstämme und die Bewohner

kleiner Alpentäler, werden als _civitates_ konstituiert. Livius

denkt durchaus in den Formen des Stadtstaates, und für Tacitus ist

die Provinzialgeschichte überhaupt nicht vorhanden. Pompejus war im

Jahre 49 verloren, als er vor Cäsar zurückwich und das militärisch

bedeutungslose Rom preisgab, um sich im Osten eine Operationsbasis zu

schaffen. In den Augen der herrschenden Gesellschaft hatte er damit den

Staat preisgegeben. Rom war ihnen alles.[438]

Diese Stadtstaaten sind der Idee nach nicht erweiterungsfähig; ihre

Zahl kann wachsen, nicht ihr Umfang. Es ist nicht richtig, wenn man den

Übergang der römischen Klientel in die stimmberechtigte Plebs und die

Schaffung der ländlichen Tribus als Durchbrechung des Polisgedankens

auffaßt. Es ist hier wie in Attika: Das gesamte Leben des Staates, der

_res publica_ bleibt nach wie vor auf einen Punkt beschränkt und

dieser ist die Agora, das römische Forum. Mag das Bürgerrecht an noch

so viele Fernwohnende verliehen sein, zur Zeit Hannibals weithin in

Italien und später in der ganzen Welt, zur Ausübung der politischen

Seite dieses Rechts ist die +persönliche Gegenwart+ auf dem Forum

erforderlich. Damit ist die große Mehrzahl der Bürger nicht gesetzlich,

aber tatsächlich ohne Einfluß auf die politischen Geschäfte.[439] Das

Bürgerrecht bedeutet also für sie lediglich die Dienstpflicht und den

Genuß des städtischen Privatrechts.[440] Aber selbst für die nach

Rom kommenden Bürger ist die politische Macht durch einen zweiten,

+künstlichen Synoikismus+ beschränkt, der sich erst nach und

infolge der Bauernbefreiung vollzogen hat, sicherlich ganz unbewußt,

um die Idee der Polis streng aufrecht zu erhalten: die Neubürger werden

ohne Rücksicht auf ihre Zahl in ganz wenige Tribus eingeschrieben, nach

der _lex Julia_ in acht, und sind in den Komitien deshalb stets in

der Minderheit gegenüber der alten Bürgerschaft.

Denn diese Bürgerschaft wird durchaus als +ein+ Leib empfunden,

als Soma. Wer nicht dazu gehört, ist rechtlos, hostis. Die Götter

und Heroen stehen oberhalb, der Sklave, der nach Aristoteles

kaum ein Mensch zu nennen ist, unterhalb dieser Gesamtheit von

Personen.[441] Der einzelne aber ist ζῷον πολιτικόν in einem Sinne,

der uns aus dem Weitengefühl Denkenden und Lebenden als Inbegriff von

Sklaverei erscheinen würde; er existiert +nur+ vermöge seiner

Zugehörigkeit zu einer einzelnen Polis. Infolge dieses euklidischen

Gefühls war zuerst der Adel als festgeschlossenes Soma mit der Polis

gleichbedeutend, bis zu dem Grade, daß noch im Zwölftafelrecht die

Ehe zwischen Patriziern und Plebejern verboten war und in Sparta die

Ephoren nach alter Sitte bei ihrem Amtsantritt eine Kriegserklärung

gegen die Heloten erließen. Das Verhältnis kehrt sich um, ohne

seinen Sinn zu verändern, sobald infolge einer Revolution der Demos

gleichbedeutend mit den +Nicht+adligen wird. Und wie nach innen,

so ist nach außen das politische Soma die Grundlage aller Ereignisse

durch die ganze antike Geschichte hindurch. Zu Hunderten lagen diese

kleinen Staaten auf der Lauer, jeder nach Möglichkeit politisch und

wirtschaftlich in sich abgeschlossen, bissig, auf den geringsten

Anlaß losfahrend, um einen Kampf zu beginnen, dessen Ziel nicht die

Ausdehnung des eignen Staates ist, sondern die Vernichtung des fremden:

die Stadt wird zerstört, die Bürgerschaft getötet oder in die Sklaverei

verkauft, genau wie eine Revolution damit endet, daß die Unterliegenden

erschlagen oder vertrieben werden und ihre Habe der siegreichen

Partei zufällt. Der natürliche zwischenstaatliche Zustand ist in der

abendländischen Welt ein dichtes Netz diplomatischer Beziehungen, die

durch Kriege unterbrochen werden können. Das antike Völkerrecht setzt

aber den Krieg als normalen Zustand voraus, der durch Friedensverträge

zeitweise unterbrochen wird. Eine Kriegserklärung stellt hier also die

natürliche politische Lage wieder her; erst so lassen sich die 40-

und 50jährigen Friedensverträge, _spondai_, wie der berühmte des

Nikias von 421 erklären, die lediglich eine vorübergehende Sicherheit

gewährleisten sollen.

Diese beiden Staatsformen und damit die zugehörigen Stile der Politik

sind mit dem Ausgang der Frühzeit gesichert. Der Staatsgedanke hat über

den Lehnsverband gesiegt, aber vertreten wird er doch durch die Stände

und nur als ihre Summe ist die Nation politisch vorhanden.

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Eine entscheidende Wendung vollzieht sich mit dem Beginn der Spätzeit,

dort wo Stadt und Land sich im Gleichgewicht befinden und die

eigentlichen Mächte der Stadt, Geld und Geist, so stark geworden sind,

daß sie sich als Nichtstand den Urständen gewachsen fühlen. Es ist der

Augenblick, wo der Staatsgedanke sich endgültig über die Stände erhebt,

um sie durch den Begriff der Nation zu +ersetzen+.

Der Staat hatte sein Recht erkämpft auf dem Wege vom Lehnsverband zum

Ständestaat. In diesem sind die Stände nur noch vermöge des Staates

vorhanden, nicht umgekehrt. Aber es lag doch so, daß die Regierung

der regierten Nation nur derart gegenübertrat, als und soweit diese

ständisch gegliedert war. Der Nation zugehörig waren alle, den Ständen

aber eine Auswahl und nur diese kam politisch in Betracht.

Je mehr sich aber der Staat seiner reinen Form nähert, je

+absoluter+ er wird, abgelöst nämlich von jedem andern Formideal,

desto mehr gewinnt der Begriff der Nation dem des Standes gegenüber an

Gewicht und es kommt der Augenblick, wo die Nation +als solche+

regiert wird und die Stände nur noch gesellschaftliche Unterschiede

bezeichnen. Gegen diese Entwicklung, die zu den Notwendigkeiten der

Kultur gehört und unvermeidlich und unwiderruflich ist, erheben sich

noch einmal die frühen Mächte, Adel und Priestertum. Für sie steht

+alles+ auf dem Spiel, das Heldenhafte und Heilige, das alte

Recht, der Rang, das Blut, und von ihnen aus betrachtet -- gegen was?

Dieser Kampf der Urstände gegen die Staatsgewalt besitzt im Abendlande

die Gestalt der +Fronde+; in der Antike, wo keine Dynastie die

Zukunft vertritt und der Adel politisch allein da ist, +bildet+

sich etwas Dynastisches, das den Staatsgedanken verkörpert und,

gestützt auf den nichtständischen Teil der Nation, diesen selbst erst

zu einer Macht erhebt. Das ist die Mission der +Tyrannis+.

In dieser +Wendung vom Ständestaat zum absoluten Staat+, der alles

nur in bezug auf sich gelten läßt, haben die Dynastien des Abendlandes

und ebenso diejenigen Ägyptens und Chinas den Nichtstand zu Hilfe

gerufen und damit +als politische Größe anerkannt+. Darin liegt

die Bedeutung des Kampfes gegen die Fronde, und die Mächte der großen

Stadt konnten für sich zunächst nur einen Vorteil darin erblicken. Der

Herrscher steht hier im Namen des Staates, der Sorge für alle, und er

bekämpft den Adel, weil dieser den +Stand+ als politische Größe

aufrecht erhalten will.

In der Polis aber, wo der Staat ausschließlich in der Form lag und in

keinem Oberhaupt erblich verkörpert war, erhob sich aus dem Bedürfnis,

den Nichtstand für den Staatsgedanken einzusetzen, die Tyrannis, in

welcher eine Familie oder Faktion des Adels selbst die dynastische

Rolle übernahm, ohne welche eine Aktion des dritten Standes unmöglich

gewesen wäre. Spätantike Historiker haben den Sinn dieses Vorgangs

nicht mehr erkannt und sich an Äußerlichkeiten des Privatlebens

gehalten. In Wahrheit ist die Tyrannis +der Staat+, und sie wird

von der Oligarchie im Namen des Standes bekämpft. Deshalb stützt sie

sich auf Bauern und Bürger; in Athen waren das um 580 die Parteien der

Diakrier und Paralier. Deshalb hat sie die dionysischen und orphischen

Kulte zum Nachteil der apollinischen unterstützt; in Attika förderte

Peisistratos den Dionysoskult unter den Bauern,[442] in Sikyon verbot

um dieselbe Zeit Kleisthenes den Vortrag der homerischen Gesänge;[443]

in Rom wurde sicherlich noch unter den Tarquiniern die Götterdreiheit

Demeter (Ceres), Dionysos und Kore[444] eingeführt. Ihr Tempel

wurde 483 durch Sp. Cassius geweiht, der gleich danach bei einem

Versuch, die Tyrannis wieder aufzurichten, umkam. Dieser Cerestempel

war das Heiligtum der Plebs und seine Vorsteher, die Ädilen, deren

Vertrauensmänner, bevor es Tribunen gab.[445] Die Tyrannen waren wie

die Fürsten des abendländischen Barock in einem großen Sinne liberal,

wie es unter der späteren Herrschaft des dritten Standes gar nicht mehr

möglich ist. Aber damals kam auch in der Antike das Wort in Umlauf,

daß das Geld den Mann macht, χρήματ’ ἀνήρ.[446] Die Tyrannis des

sechsten Jahrhunderts hat den Polisgedanken zu Ende geführt und den

staatsrechtlichen Begriff des +Bürgers+, des Politen, des Civis

geschaffen, deren Summe ohne Rücksicht auf den Stand das _soma_

des Stadtstaates bildet. Als die Oligarchie dann doch wieder siegte,

und zwar infolge des antiken Hanges zur Gegenwart, der in der Tyrannis

die Neigung zur Dauer fürchtete und haßte, war der Begriff des Bürgers

fest vorhanden und der Nichtpatrizier hatte gelernt, sich dem Rest

gegenüber als Stand zu fühlen. Er war eine politische Partei geworden

-- das Wort Demokratie im spezifisch antiken Sinne bekommt jetzt

einen bedeutungsschweren Inhalt -- und er geht daran, nicht mehr dem

Staat zu Hilfe zu kommen, sondern wie vorher der Adel +der Staat zu

sein+. Er beginnt zu zählen -- das Geld wie die Köpfe, denn sowohl

der Geldzensus wie das allgemeine Wahlrecht sind bürgerliche Waffen;

der Adel zählt nicht, sondern wertet; er stimmt nach Ständen. Wie der

absolute Staat aus der Fronde und ersten Tyrannis hervorgegangen war,

so geht er mit der französischen Revolution und der zweiten Tyrannis zu

Ende. In diesem zweiten Kampfe, der schon Verteidigung ist, tritt die

Dynastie auf die Seite der Urstände zurück, um den Staatsgedanken gegen

eine neue Standesherrschaft, die bürgerliche, zu schützen.

Zwischen Fronde und Revolution liegt auch die Geschichte des Mittleren

Reiches in Ägypten. Hier hat die 12. Dynastie (2000-1788), voran

Amenemhet I. und Sesostris I., in schweren Kämpfen gegen die Barone

den absoluten Staat begründet. Der erste Herrscher ist, wie ein

berühmtes Gedicht dieser Zeit meldet, nur mit Mühe einer Verschwörung

am Hofe entgangen. Daß nach seinem zunächst geheim gehaltenen Tode

ein Aufruhr drohte, verrät die Lebensbeschreibung des Sinuhet;[447]

der dritte wurde von Palastbeamten ermordet. Aus den Inschriften im

Familiengrabe der Grafen Chnemhotep erfahren wir,[448] daß die Städte

reich und fast unabhängig geworden waren und Kriege untereinander

führten. Sicherlich sind sie damals nicht kleiner gewesen als die

antiken Städte zur Zeit der Perserkriege. Auf sie und auf eine Anzahl

treugebliebener Großen hat die Dynastie sich gestützt.[449] Sesostris

III. (1887-1850) konnte den Feudaladel endlich ganz aufheben. Es gab

von da an nur noch einen Hofadel und einen einheitlichen, mustergültig

geordneten Beamtenstaat,[450] aber schon jetzt erheben sich Klagen,

daß die Vornehmen ins Elend geraten und die „Söhne Niemands“ zu Rang

und Ansehen kommen.[451] Die Demokratie beginnt und die große soziale

Revolution der Hyksoszeit bereitet sich vor.

Dem entspricht in China die Zeit der Ming-Dschu (oder Pa, 685-591).

Es sind Protektoren fürstlicher Herkunft, die eine rechtlich nicht

begründete, aber tatsächliche Macht über diese ganze, in wüste Anarchie

versunkene Staatenwelt ausüben, Fürstenkongresse berufen, um die

Ordnung herzustellen und gewisse politische Grundsätze zur Anerkennung

zu bringen, sogar den gänzlich bedeutungslosen „Herrscher der Mitte“

aus dem Hause Dschou vorladen. Der erste war Hoang von Tsi († 645), der

den Fürstentag von 659 berief und von dem Konfuzius schrieb, daß er

China vor dem Rückfall in die Barbarei gerettet habe. Die Bezeichnung

Ming-Dschu ist später wie der Tyrannenname ein Schimpfwort geworden,

weil man in ihrer Erscheinung nur noch die Macht ohne Recht bemerken

wollte, aber diese großen Diplomaten sind ganz ohne Zweifel ein

Element, das sich voller Sorge um den Staat und die geschichtliche

Zukunft gegen die alten Stände richtet und dabei auf die jungen stützt,

auf Geist und Geld. Eine hohe Kultur spricht aus dem Wenigen, was bis

jetzt aus chinesischen Quellen über sie bekannt geworden ist. Einige

waren Schriftsteller, andere haben Philosophen zu Ministern berufen. Es

ist gleichgültig, ob man an Richelieu oder Wallenstein oder Periander

denkt -- jedenfalls tritt mit ihnen zuerst „das Volk“ als politische

Größe auf.[452] Das ist echte Barockgesinnung und Diplomatie von

hohem Rang. Der absolute Staat hat sich der Idee nach dem Ständestaat

gegenüber durchgesetzt.

Eben darin liegt die enge Verwandtschaft mit der abendländischen

Zeit der Fronde. Hier hat die Krone in Frankreich seit 1614 keine

Generalstände mehr berufen, nachdem diese sich den vereinigten Gewalten

von Staat und Bürgertum überlegen gezeigt hatten. In England versucht

Karl I. seit 1628 ebenfalls ohne Parlament zu regieren. In Deutschland

kommt der dreißigjährige Krieg, der doch auch, ganz abgesehen von

seiner religiösen Bedeutung, die Entscheidung zwischen Kaisergewalt

und der +großen+ kurfürstlichen Fronde einerseits und zwischen

den Einzelfürsten und der +kleinen+ Fronde ihrer Landstände

andrerseits herbeiführen sollte, dadurch zum Ausbruch, daß 1618 die

böhmischen Stände das Haus Habsburg absetzten und ihre Macht daraufhin

1620 durch ein furchtbares Strafgericht vernichtet wurde. Aber der

Mittelpunkt der Weltpolitik lag damals in +Spanien+, wo mit

der gesellschaftlichen Kultur überhaupt auch der diplomatische Stil

des Barock entstanden ist, nämlich im Kabinett Philipps II., und wo

das dynastische Prinzip, in dem sich der absolute Staat den Cortes

gegenüber verkörperte, seine gewaltigste Ausbildung erfahren hat und

zwar im Kampfe gegen das Haus Bourbon. Der Versuch, auch England

genealogisch dem spanischen System einzugliedern, war unter Philipp II.

gescheitert, weil der schon angekündigte Erbe aus seiner Ehe mit Maria

von England ausblieb. Jetzt, unter Philipp IV., taucht noch einmal der

Gedanke einer alle Ozeane beherrschenden Universalmonarchie auf, nicht

mehr jenes mystische Kaisertum der frühen Gotik, das heilige römische

Reich deutscher Nation, sondern das greifbare Ideal der Weltherrschaft

des Hauses Habsburg, die sich von Madrid aus auf den realen Besitz

von Indien und Amerika und auf die schon fühlbar hervortretende Macht

des Geldes stützen sollte. Damals haben es die Stuarts versucht, ihre

gefährdete Stellung durch die Ehe des Thronfolgers mit einer spanischen

Infantin zu verstärken, aber man zog in Madrid zuletzt die Verbindung

mit der eigenen Seitenlinie in Wien vor, und so wandte sich Jakob I.

-- ebenfalls vergeblich -- an die Gegenpartei der Bourbonen mit dem

Vorschlag eines Ehebündnisses. Der Mißerfolg dieser Familienpolitik hat

mehr als alles andre dazu beigetragen, die puritanische Bewegung mit

der Fronde zu einer großen Revolution zu verbinden.

In diesen großen Entscheidungen treten wie im „gleichzeitigen“ China

die Inhaber der Throne selbst ganz in den Hintergrund vor einzelnen

Staatsmännern, in deren Hand Jahrzehnte hindurch das Schicksal der

abendländischen Welt liegt. Graf Olivarez in Madrid und der spanische

Gesandte in Wien Oñate waren damals die mächtigsten Persönlichkeiten in

Europa; ihnen standen als Verteidiger des Reichsgedankens Wallenstein

und des absoluten Staatsgedankens in Frankreich Richelieu gegenüber,

und später sind in Frankreich Mazarin, in England Cromwell, in Holland

Oldenbarneveldt, in Schweden Oxenstierna gefolgt. Erst mit dem Großen

Kurfürsten erscheint wieder ein Monarch von staatsmännischer Bedeutung.

Wallenstein knüpft unbewußt dort an, wo die Hohenstaufen aufgehört

hatten. Nach dem Tode Friedrichs II. (1250) war die Gewalt der

Reichsstände eine unbedingte geworden und gegen diese, für einen

absoluten Kaiserstaat, trat er während seines ersten Kommandos ein.

Wäre er ein größerer Diplomat, klarer, vor allem entschlossener gewesen

-- er fürchtete sich vor Entscheidungen -- hätte er wie Richelieu

die Notwendigkeit erkannt, vor allem die Person des Monarchen unter

seinen Einfluß zu bringen, so wäre mit dem Reichsfürstentum vielleicht

aufgeräumt worden. Er sah in diesen Fürsten Rebellen, die abgesetzt und

deren Land konfisziert werden müßte, und auf dem Gipfel seiner Macht,

Ende 1629, als er Deutschland militärisch fest in der Hand hatte, ließ

er im Gespräch verlauten, der Kaiser müsse Herr im Reiche sein wie

die Könige von Frankreich und Spanien. Sein Heer, das „sich selbst

ernährte“ und auch durch seine Stärke von den Ständen unabhängig blieb,

war zum ersten Male in Deutschland eine Kaiserarmee von europäischer

Bedeutung; neben ihm kam das von Tilly geführte Heer der Fronde, denn

das war die Liga, nicht in Betracht. Als Wallenstein 1628 vor Stralsund

lag, um den Gedanken einer habsburgischen Seemacht in der Ostsee zu

verwirklichen, von wo aus das bourbonische System im Rücken gefaßt

werden konnte -- während gleichzeitig Richelieu mit besserem Erfolg La

Rochelle belagerte --, waren Feindseligkeiten zwischen der Liga und

ihm kaum noch zu vermeiden. Auf dem Reichstag zu Regensburg 1630 war

er abwesend, weil, wie er sagte, sein Quartier demnächst in Paris sein

werde. Es war der schwerste politische Fehler seines Lebens, denn hier

siegte die Fronde der Kurfürsten über den Kaiser durch die Drohung,

Ludwig XIII. an seine Stelle zu setzen, und erzwang die Abdankung

des Generals. Damit hatte die Zentralgewalt in Deutschland, ohne die

Tragweite des Schrittes zu erkennen, ihr Heer aus der Hand gegeben.

Von nun an unterstützte Richelieu die große Fronde in Deutschland, um

hier die spanische Stellung zu erschüttern, während auf deren Seite

Olivarez und der wieder zum Kommando gelangte Wallenstein sich mit

der Ständepartei in Frankreich verbündeten, die daraufhin unter der

Königin-Mutter und Gaston von Orleans zum Angriff überging. Aber die

kaiserliche Gewalt hatte den großen Augenblick versäumt. In beiden

Fällen behielt der Kardinal die Oberhand. Er ließ 1632 den letzten

Montmorency hinrichten und brachte die katholischen Kurfürsten

Deutschlands in ein offenes Bündnis mit Frankreich. Von da an trat

Wallenstein, der in seinen Endzielen unsicher wurde, mehr und mehr dem

spanischen Gedanken entgegen, den er von dem Reichsgedanken trennen

zu können glaubte, und näherte sich (wie in Frankreich der Marschall

Turenne) damit von selbst den Ständen. +Es ist die entscheidende

Wendung in der späteren deutschen Geschichte.+ Erst mit diesem

Abfall ist der absolute Kaiserstaat unmöglich geworden. Wallensteins

Ermordung 1634 änderte daran nichts mehr, denn man fand für ihn keinen

Ersatz.

Und eben jetzt wären die Umstände noch einmal günstig gewesen, denn

1640 brach in Spanien, Frankreich und England der Entscheidungskampf

zwischen Staatsgewalt und Ständen aus. Gegen Olivarez erhoben sich

die Cortes in fast allen Provinzen. Portugal und damit Indien und

Afrika gingen für immer verloren; Neapel und Katalonien konnten

erst nach Jahren wieder unterworfen werden. In England muß -- ganz

wie im dreißigjährigen Kriege -- der Verfassungskampf zwischen dem

Königtum und der im Unterhaus herrschenden Gentry von der religiösen

Seite der Revolution sorgfältig getrennt werden, so tief die beiden

Tendenzen sich auch durchdringen. Aber der wachsende Widerstand, den

Cromwell gerade in der Unterklasse gefunden hat und der ihn ganz

gegen seinen Willen in eine Militärdiktatur hineintrieb, und dann die

Volkstümlichkeit des zurückkehrenden Königtums beweisen, in welchem

Grade der Sturz der Dynastie über alle Zwistigkeiten in religiösen

Dingen hinaus durch ständische Interessen bewirkt war.

Der Untergang des Abendlandes, Zweiter Band · 第 45 / 62 段