Die Idee eines Herrschers, dessen Machtbereich die ganze geschichtliche

Welt, dessen Schicksal das der ganzen Menschheit ist, trat bis jetzt

dreimal in Erscheinung, zuerst in der Auffassung des Pharao als des

Horus,[406] dann in der gewaltigen chinesischen Vorstellung vom

Herrscher der Mitte, dessen Reich _tien-hia_ ist, alles unter

dem Himmel Liegende,[407] endlich in frühgotischer Zeit, als Otto

der Große 962 aus einem tiefen mystischen Gefühl und Sehnen nach

geschichtlicher und räumlicher Unendlichkeit, das damals durch alle

Welt ging, den Gedanken eines heiligen römischen Reiches deutscher

Nation empfing. Aber vorher schon hatte Papst Nikolaus I. (860), noch

ganz in augustinischen, also magischen Gedanken befangen, von einem

päpstlichen Gottesstaat geträumt, der über den Fürsten dieser Welt

stehen sollte, und seit 1059 ging Gregor VII. mit der vollen Urgewalt

seiner faustischen Natur daran, eine päpstliche Weltherrschaft in

den Formen eines universalen Lehnsverbandes mit Königen als Vasallen

zu verwirklichen. Das Papsttum selbst bildete zwar nach innen den

kleinen Lehnsstaat der Campagna, deren Adelsgeschlechter die Wahl

beherrschten und die sehr bald auch das 1059 mit der Papstwahl betraute

Kardinalskollegium in eine Art Adelsoligarchie verwandelten. Nach

außen aber hat Gregor VII. die Lehnshoheit über die Normannenstaaten

in England und Sizilien +erreicht+, die beide mit seiner

Unterstützung begründet wurden, und die Kaiserkrone vergab er wirklich,

wie vorher Otto der Große die Tiara. Aber dem Staufen Heinrich VI.

gelang wenige Jahre später das Gegenteil; selbst Richard Löwenherz

leistete ihm den Vasalleneid für England, und das allgemeine Kaisertum

war der Verwirklichung nahe, als der größte aller Päpste, Innocenz

III. (1198-1216) die Lehnshoheit der Welt für kurze Zeit zur Tatsache

machte. England wurde 1213 päpstliches Lehen, Aragonien, Leon,

Portugal, Dänemark, Polen, Ungarn, Armenien, das eben begründete

lateinische Kaisertum in Byzanz folgten, aber mit seinem Tode begann

der Zerfall innerhalb der Kirche selbst, und zwar mit dem Streben der

großen geistlichen Würdenträger, den durch die Investitur +auch zu

ihrem+ Lehnsherrn gewordenen Papst durch eine Standesvertretung zu

beschränken.[408] Der Gedanke, daß ein allgemeines Konzil über dem

Papst stehe, ist nicht religiösen Ursprungs, sondern zunächst aus dem

Lehnsprinzip hervorgegangen. Seine Tendenz entspricht genau dem, was

die englischen Großen durch die Magna Charta erreicht hatten. Auf den

Konzilen von Konstanz (seit 1414) und Basel (seit 1431) ist zum letzten

Male der Versuch gemacht worden, die Kirche nach ihrer weltlichen Seite

hin in einen Lehnsverband der Geistlichkeit zu verwandeln, wodurch eine

Kardinalsoligarchie Vertreterin des gesamten abendländischen Klerus an

Stelle des römischen Adels geworden wäre. Aber der Lehnsgedanke war

damals längst vor dem des Staates zurückgetreten, und so trugen die

römischen Barone, die den Wahlkampf auf den engsten Kreis der Umgebung

Roms beschränkten und eben damit dem Gewählten die unumschränkte Macht

nach außen im Organismus der Kirche sicherten, den Sieg davon, nachdem

das Kaisertum schon vorher ganz wie das ägyptische und chinesische ein

ehrwürdiger Schatten geworden war.

Im Vergleich zu der ungeheuren Dynamik dieser Entscheidungen baut

sich das antike Lehnswesen ganz langsam, statisch, fast geräuschlos

ab, so daß es beinahe nur aus den Spuren dieses Übergangs erkennbar

wird. Im homerischen Epos, wie es heute vorliegt, hat jeder Ort

seinen Basileus, der doch sicherlich einst Lehnsträger war, denn in

der Gestalt Agamemnons scheint noch ein Zustand durch, in welchem ein

Herrscher über weite Gebiete mit dem Gefolge seiner Pairs zu Felde zog.

Aber hier erfolgt die Auflösung der Lehnsgewalt im Zusammenhang mit

der Ausbildung des Stadtstaates, des politischen Punktes. Das hat zur

Folge, daß die höfischen Erbämter, die _archai_ und _timai_

wie die Prytanen, Archonten, vielleicht der urrömische Prätor,[409]

sämtlich städtischer Natur sind, und die großen Geschlechter also nicht

einzeln in ihren Grafschaften heranwachsen wie in Ägypten, China und im

Abendland, sondern in engster Fühlung innerhalb der Stadt, wo sie die

Rechte des Königtums eins nach dem andern in ihren Besitz bringen, bis

das Herrscherhaus allein übrig behält, was man ihm mit Rücksicht auf

die Götter nicht nehmen konnte: den Titel, den es bei Opferhandlungen

führt. So ist der _rex sacrorum_ entstanden. In den jüngeren

Teilen des Epos (seit 800) sind es die Adligen, welche den König zur

Sitzung laden, ihn sogar absetzen. Die Odyssee kennt das Königtum

eigentlich nur noch, weil es zur Sage gehört. In der wirklichen

Handlung ist Ithaka eine von Oligarchen beherrschte Stadt.[410]

Die Spartiaten sind ebenso wie das in den Kuriatkomitien tagende

römische Patriziat aus einem Lehnsverhältnis hervorgegangen.[411] In

den Phiditien erscheint noch ein Rest der früheren offenen Hoftafel,

aber die Macht der Könige ist bis zur Schattenwürde des Opferkönigs

in Rom (und Athen) und der spartanischen Könige gesunken, die von

den Ephoren jederzeit ins Gefängnis geworfen und abgesetzt werden

können. Die Gleichartigkeit dieser Zustände zwingt zu der Annahme, daß

in Rom der tarquinischen Tyrannis von 500 eine Zeit oligarchischer

Übermacht voraufgegangen ist, und das wird durch die zweifellos echte

Überlieferung vom Interrex bestätigt, den der Adelsrat des Senats aus

seiner Mitte bestellte, bis es ihm beliebte, wieder einen König zu

wählen.

Es gab hier wie überall eine Zeit, in welcher das Lehnswesen im

Zerfall begriffen, der heraufkommende Staat aber noch nicht vollendet,

die Nation noch nicht in Form war. Das ist die furchtbare Krise,

welche überall als Interregnum in Erscheinung tritt und die Grenze

+zwischen Lehnsverband und Ständestaat+ bildet. In Ägypten war

um die Mitte der fünften Dynastie das Lehnswesen voll entwickelt.

Gerade der Pharao Asosi gab Stück um Stück des Hausgutes an die

Vasallen preis, und dazu kamen die reichen geistlichen Lehen, die ganz

wie in gotischer Zeit abgabenfrei blieben und allmählich bleibendes

Eigentum der großen Tempel wurden.[412] Mit der fünften Dynastie (um

2530) ist die „Staufenzeit“ zu Ende. Unter der Schattenherrschaft

der kurzlebigen sechsten Dynastie werden die Fürsten (_rpati_)

und Grafen (_hetio_) selbständig; die hohen Ämter sind sämtlich

erblich geworden und in den Grabinschriften tritt der Stolz auf

alten Adel mehr und mehr hervor. Was späte ägyptische Historiker

unter einer angeblichen 7. und 8. Dynastie versteckt haben,[413] ist

ein halbes Jahrhundert voller Anarchie und regelloser Kämpfe der

Fürsten um ihre Gebiete oder den Pharaonentitel. In China wurde schon

I-Wang (934-909) von seinen Vasallen verpflichtet, alles eroberte

Land als Lehen zu vergeben, und zwar an Untervasallen ihrer Wahl.

842 wurde Li-Wang gezwungen, mit dem Thronfolger zu fliehen, worauf

die Reichsverwaltung durch zwei Einzelfürsten fortgeführt wurde. Mit

diesem Interregnum beginnt der Niedergang des Hauses der Dschou und

das Sinken des Kaisernamens zu einem ehrwürdigen, aber bedeutungslosen

Titel. Das ist das Seitenstück zur kaiserlosen Zeit in Deutschland, die

1254 beginnt und unter Wenzel um 1400 zum Tiefpunkt der Kaisergewalt

überhaupt führt, gleichzeitig mit dem Renaissancestil der Condottieri

und Stadttyrannen und dem vollen Verfall der päpstlichen Gewalt. Nach

dem Tode Bonifaz’ VIII., der 1302 in der Bulle _Unam sanctam_

noch einmal die Lehnsgewalt des Papstes vertreten hatte und daraufhin

von den Vertretern Frankreichs verhaftet worden war, erlebte das

Papsttum ein Jahrhundert in Verbannung, Anarchie und Ohnmacht, während

im folgenden der normannische Adel Englands in den Kämpfen der Häuser

Lancaster und York um den Thron größtenteils zugrunde ging.

9

Diese Erschütterung bedeutet +den Sieg des Staates über den

Stand+. Dem Lehnswesen lag das Gefühl zugrunde, daß Alle um

eines „Lebens“ willen da seien, das mit Bedeutung geführt wurde.

Die Geschichte erschöpfte sich in den Schicksalen adligen Blutes.

Jetzt bricht ein Gefühl hervor, daß es +noch etwas+ gibt,

dem auch der Adel untersteht und zwar in Gemeinschaft mit allem

andren, sei es Stand oder Beruf, etwas Ungreifbares, eine Idee. Die

unbeschränkte privatrechtliche Auffassung der Ereignisse geht in eine

staatsrechtliche über. Mag dieser Staat noch so sehr Adelsstaat sein,

und das ist er fast ohne Ausnahme, mag sich äußerlich im Übergang vom

Lehnsverband zum Ständestaat noch so wenig ändern, mag der Gedanke,

daß es außerhalb der Urstände nicht nur Pflichten, sondern auch

Rechte gibt, noch so unbekannt sein -- das Gefühl ist +doch+

anders geworden, und das Bewußtsein, daß das Leben auf den Höhen der

Geschichte da sei, um gelebt zu werden, ist dem andern gewichen,

daß es eine +Aufgabe+ enthält. Der Abstand wird sehr deutlich,

wenn man die Politik Rainalds von Dassel († 1167), eines der größten

deutschen Staatsmänner aller Zeiten, mit der Kaiser Karls IV. († 1378)

vergleicht, und damit den entsprechenden Übergang von der antiken

Themis der Ritterzeit zur Dike der werdenden Polis.[414] Themis enthält

nur einen Anspruch, Dike auch eine +Aufgabe+.

Der urwüchsige Staatsgedanke ist immer, mit einer bis tief in die

Tierwelt hineinragenden Selbstverständlichkeit mit dem Begriff des

Einzelherrschers verbunden. Das ist ein Zustand, der sich für jede

beseelte Menge in allen entscheidenden Lagen ganz von selbst einstellt,

wie es jede öffentliche Zusammenrottung und jeder Augenblick einer

plötzlichen Gefahr aufs neue beweisen.[415] Solche Mengen sind gefühlte

Einheiten, aber blind. „In Form“ sind sie für die andrängenden

Ereignisse nur in der Hand eines Führers, der plötzlich aus ihrer Mitte

entsteht und eben aus der Einheit des Fühlens mit einem Schlage ihr

Kopf wird und unbedingten Gehorsam findet. Das wiederholt sich in der

Bildung der großen Lebenseinheiten, die wir Völker und Staaten nennen,

nur langsamer und bedeutsamer, und es wird in den hohen Kulturen nur um

eines großen Symbols willen und künstlich zuweilen durch andere Arten

in Form zu sein ersetzt, aber so, daß unter der Maske dieser Formen

doch tatsächlich so gut wie immer eine Einzelherrschaft besteht, und

sei es die eines königlichen Ratgebers oder Parteiführers, und daß in

jeder revolutionären Erschütterung der Urzustand wieder zurückkehrt.

Mit dieser kosmischen Tatsache ist einer der innerlichsten Züge

alles gerichteten Lebens verbunden, der +Erbwille+, der sich in

jeder starken Rasse mit Naturgewalt meldet und selbst den Führer des

Augenblicks oft ganz unbewußt zwingt, seinen Rang für die Dauer seines

persönlichen Daseins oder darüber hinaus für das in seinen Kindern und

Enkeln fortströmende Blut zu behaupten. Der gleiche, tiefe, durch und

durch pflanzenhafte Zug beseelt jede wahre Gefolgschaft, die in der

Dauer des führenden Blutes auch die eigne verbürgt und sinnbildlich

vertreten sieht. Gerade in Revolutionen tritt dieses Urgefühl voll und

stark und im Widerspruch mit allen Grundsätzen hervor; deshalb sah das

Frankreich von 1800 in Napoleon und der Erblichkeit seiner Stellung die

eigentliche Vollendung der Revolution. Theoretiker, die wie Rousseau

und Marx von begrifflichen Idealen statt von den Tatsachen des Blutes

ausgehen, haben diese ungeheure Macht innerhalb der geschichtlichen

Welt nicht bemerkt und ihre Wirkungen deshalb als verwerflich und

reaktionär bezeichnet; aber sie sind da und zwar mit einer so

nachdrücklichen Gewalt, daß auch die Symbolik der hohen Kulturen sie

nur künstlich und vorübergehend überwinden kann, wie es der Übergang

antiker Wahlämter in den Besitz einzelner Familien und der Nepotismus

der Barockpäpste beweisen. Hinter der Tatsache, daß die Führung sehr

oft frei vergeben wird und hinter dem Spruch, daß dem Tüchtigsten der

erste Platz gehöre, verbirgt sich so gut wie immer die Rivalität der

Mächtigen, die eine Erbfolge nicht grundsätzlich, aber tatsächlich

verhindert, weil jeder sie insgeheim für sein Geschlecht in Anspruch

nimmt. Auf diesem Zustand schöpferisch gewordener Eifersucht beruhen

die Regierungsformen der antiken Oligarchie.

Beides zusammen ergibt den Begriff der +Dynastie+. Er ist so

tief im Kosmischen begründet und so eng mit allen Tatsachen des

geschichtlichen Lebens verflochten, daß die Staatsgedanken aller

einzelnen Kulturen +Abwandlungen dieses einen Prinzips+ sind, von

dem leidenschaftlichen Ja der faustischen bis zum entschiedenen Nein

der antiken Seele. Das Reifen der Staatsidee einer Kultur aber heftet

sich schon an die heranwachsende Stadt. Nationen, historische Völker

sind städtebauende Völker.[416] Die +Residenz+ wird statt der Burg

und Pfalz der Mittelpunkt großer Geschichte, und in ihr geht das Gefühl

des Ausübens von Macht -- der Themis -- in das des +Regierens+,

der Dike über. Hier wird der Lehnsverband innerlich durch die Nation

überwunden, gerade auch im Bewußtsein des ersten Standes selbst, und

hier erhebt sich die bloße Tatsache des Herrschertums zum Symbol der

+Souveränität+.

Und so wird mit dem Sinken des Lehnswesens die faustische

Geschichte dynastische Geschichte. Von kleinen Mittelpunkten, wo

Fürstengeschlechter sitzen-- „angestammt“ sind, wie der erdhafte, an

Pflanze und Eigentum gemahnende Ausdruck lautet --, geht die Bildung

von Nationen aus, die streng ständisch gegliedert sind, aber so, daß

der Staat das Dasein des Standes bedingt. Das schon im Lehnsadel

und in den Bauerngeschlechtern waltende genealogische Prinzip, der

Ausdruck des Weitengefühls und des Willens zur Geschichte, ist so

stark geworden, daß die Entstehung von Nationen über die mächtigen

Bindungen von Sprache und Landschaft hinaus vom Schicksal regierender

Häuser abhängig wird; Erbfolgeordnungen wie das salische Gesetz,

Urkundenbücher, in denen man die Geschichte des Blutes nachlas,

Heiraten und Todesfälle trennen oder verschmelzen das Blut ganzer

Bevölkerungen.[417] Weil es nicht zur Bildung einer lothringischen

und burgundischen Dynastie kam, sind auch die beiden im Keim schon

angelegten Nationen nicht zur Entwicklung gekommen. Das Verhängnis

über dem Hohenstaufengeschlecht hat in Deutschland und Italien

die Kaiserkrone und +mit ihr+ die einheitliche deutsche und

italienische Nation zu einer tiefen Sehnsucht durch Jahrhunderte hin

gemacht, während das Haus Habsburg nicht eine deutsche, sondern eine

österreichische Nation hat entstehen lassen.

Ganz anders gestaltet sich das dynastische Prinzip aus dem Höhlengefühl

der arabischen Welt. Der antike Prinzeps, der legitime Nachfolger der

Tyrannen und Tribunen, ist die Verkörperung des Demos. Wie Janus die

Tür, Vesta der Herd, so ist der Cäsar das Volk. Es ist die letzte

Schöpfung orphischer Religiosität. Magisch ist demgegenüber der Dominus

et Deus, der Schah, der des himmlischen Feuers teilhaftig geworden

ist (des _hvareno_ im mazdaistischen Sassanidenreich und danach der

Strahlenkrone, der Aureole im heidnischen und christlichen Byzanz), das

ihn umstrahlt und ihn _pius_, _felix_ und _invictus_ macht: dies die

offiziellen Titel seit Kommodus.[418] Im dritten Jahrhundert hat sich

in Byzanz im Typus des Herrschers derselbe Übergang vollzogen wie in

der Rückbildung des augustischen Beamtenstaates zum diokletianischen

Lehnsstaat. „Die Neuschöpfung, welche Aurelian und Probus begonnen,

Diokletian und Konstantin auf den Trümmern ausgeführt haben, steht

dem Altertum und dem Prinzipat bereits ungefähr ebenso fern wie das

Reichs Karls des Großen.“[419] Der magische Herrscher regiert den

sichtbaren Teil des allgemeinen _consensus_ der Rechtgläubigen, der

Kirche, Staat und Nation zugleich ist,[420] wie es Augustin in seinem

Gottesstaat beschrieben hat; der abendländische Herrscher ist von

Gottes Gnaden Monarch innerhalb der +geschichtlichen+ Welt; sein

Volk ist ihm untertan, weil Gott es ihm verliehen hat. In Sachen

des Glaubens aber ist er selbst Untertan, nämlich entweder der des

irdischen Stellvertreters Gottes oder der seines Gewissens. Das ist

die Trennung von Staatsgewalt und Kirchengewalt, der große faustische

Konflikt zwischen Zeit und Raum. Als im Jahre 800 der Papst den Kaiser

krönte, +wählte+ er sich einen neuen Gebieter, um selbst zu wachsen.

Der Kaiser in Byzanz war nach magischem Weltgefühl sein Herr auch im

Geistigen; der im Frankenland war in religiösen Dingen sein +Diener+,

in weltlichen -- vielleicht -- sein Arm. Das Papsttum konnte als Idee

nur durch die Trennung vom Khalifat entstehen, denn im Khalifen ist der

Papst +enthalten+.

Die Wahl des magischen Herrschers kann aber eben deshalb nicht durch

ein genealogisches Erbfolgegesetz festgelegt sein; sie erfolgt aus

dem _consensus_ der herrschenden Blutsgemeinschaft, aus dem der

heilige Geist spricht und den Erkorenen bezeichnet. Als Theodosius 550

starb, reichte eine Verwandte, die Nonne Pulcheria, dem greisen Senator

Markianos formell die Hand, um durch die Aufnahme dieses Staatsmannes

in den Familien verband ihm den Thron und damit der „Dynastie“ die

Fortdauer zu sichern,[421] und das ist wie zahlreiche verwandte Akte

auch im Sassaniden- und Abbassidenhause wie ein höherer Wink betrachtet

worden.

In China war der mit dem Lehnswesen fest verbundene Kaisergedanke der

frühesten Dschouzeit schnell ein Traum geworden, in dem sich bald und

zwar mit steigender Deutlichkeit auch die ganze Vorwelt in Gestalt von

drei Dynastien und einer Reihe noch älterer Sagenkaiser spiegelte.[422]

Für die Dynastien des nun heranwachsenden Staatensystems aber, in dem

der Titel Wang, König, zuletzt ganz allgemein üblich wird, bildeten

sich strenge Thronfolgeordnungen heraus, und die der Frühzeit ganz

fremde Legitimität wird eine Macht,[423] die in dem Aussterben

einzelner Linien, in Adoptionen und Mißheiraten wie im abendländischen

Barock Anlässe zu zahllosen Erbfolgekriegen findet.[424] Ein

Legitimitätsprinzip liegt sicherlich auch der seltsamen Tatsache

zugrunde, daß die Herrscher der 12. Dynastie Ägyptens, mit welcher die

Spätzeit endet, ihre Söhne schon zu Lebzeiten krönen lassen;[425] die

innere Verwandtschaft dieser drei dynastischen Ideen ist wieder ein

Beweis für die Verwandtschaft des Daseins in diesen Kulturen überhaupt.

Es bedarf eines tiefen Eindringens in die politische Formensprache

der frühen Antike, um zu erkennen, daß die Entwicklung der Dinge

hier ganz dieselbe ist und nicht nur den Übergang vom Lehnsverband

zum Ständestaat, sondern sogar das dynastische Prinzip enthält. Aber

das antike Dasein hat zu allem, was es zeitlich und räumlich in die

Ferne zog, Nein gesagt und auch in der Tatsachenwelt der Geschichte

sich rings mit Schöpfungen umstellt, denen etwas Defensives anhaftet.

Indessen setzt doch all diese Enge und Kürze das voraus, wogegen

sie aufrecht erhalten werden soll. Die dionysische Vergeudung und

die orphische Verneinung des antiken Leibes enthält gerade in der

+Form+ dieses Protestes das apollinische Ideal des vollkommenen

leiblichen Seins.

Die Einzelherrschaft und der Erbwille waren im frühesten Königtum

unzweideutig gegeben,[426] aber schon um 800 fragwürdig geworden,

wie die Rolle des Telemach in den älteren Teilen der Odyssee

zeigt. Der Königstitel wird oft auch von großen Vasallen und den

Angesehensten des Adels geführt. In Sparta und Lykien sind es zwei,

in der Phäakenstadt des Epos und in manchen wirklichen Städten noch

mehr. Dann kommt die Abspaltung der Ämter und Würden. Endlich wird

das Königtum selbst ein Amt, das der Adel vergibt, erst vielleicht

innerhalb der alten Königsfamilie wie in Sparta, wo die Ephoren als

Vertreter des ersten Standes an keine Wahlordnung gebunden sind,

und in Korinth, wo das Königsgeschlecht der Bakchiaden um 750 die

Erblichkeit aufhebt und aus seiner Mitte jedesmal einen Prytanen mit

Königsrang bestellt. Die großen Ämter, die zunächst ebenfalls erblich

waren, werden lebenslänglich, dann auf Frist, endlich auf ein Jahr

beschränkt und zwar so, daß bei einer Mehrzahl von Inhabern auch noch

ein regelmäßiger Wechsel der Führung eintritt, was bekanntlich den

Verlust der Schlacht von Kannä veranlaßt hat. Diese Jahresämter, von

der etruskischen Jahresdiktatur[427] bis zum dorischen Ephorat, das

auch in Herakleia und Messene vorkommt, sind mit dem Wesen der Polis

fest verbunden und erreichen ihre volle Ausbildung um 650 gerade dann,

als im abendländischen Ständestaat gegen Ende des 15. Jahrhunderts

die dynastische Erbgewalt durch Kaiser Maximilian I. und seine

Heiratspolitik -- den Wahlansprüchen der Kurfürsten gegenüber --,

durch Ferdinand von Aragonien, Heinrich VII. Tudor und Ludwig XI. von

Frankreich gesichert war.[428]

Aber durch die zunehmende Beschränkung auf das Jetzt und Hier war

gleichzeitig das Priestertum aus den Ansätzen zu einem Stande eine

bloße Summe staatlicher Ämter geworden; die Residenz des homerischen

Königstums, statt den Mittelpunkt eines nach allen Seiten ins Weite

strebenden Staatswesens zu bilden, zieht ihren Bannkreis zusammen,

bis Staat und Stadt identisch sind. Aber damit fallen auch Adel und

Patriziat zusammen, und da die Vertretung der frühen Städte auch in

gotischer Zeit, im englischen Unterhaus wie in den französischen

Generalständen ausschließlich eine solche der Patrizier ist, so stellt

sich der mächtige antike Ständestaat +nicht der Idee, aber den

Tatsachen nach+ als reiner, königloser Adelsstaat dar. Diese streng

apollinische Form der werdenden Polis heißt +Oligarchie+.

Und so stehen am Ausgang beider Frühzeiten das faustisch-genealogische

und das apollinisch-oligarchische Prinzip nebeneinander, zwei Arten von

staatlichem Recht, von Dike, die eine von unermeßlichem Weitengefühl

getragen, mit einer urkundlichen Tradition tief in die Vergangenheit

zurückreichend und mit dem gleichen Willen zur Dauer auf die

entlegenste Zukunft bedacht, in der Gegenwart aber auf die politische

Wirkung im weiten Raume, durch planvolle dynastische Heiraten und

durch jene echt faustische, dynamische, kontrapunktische Politik der

Ferne, die wir +Diplomatie+ nennen; die andre ganz körperhaft und

statuenhaft und sich durch die Politik der Autarkeia auf die strengste

Nähe und Gegenwart beschränkend, überall da schroff ablehnend, wo das

abendländische Dasein bejaht.

Der dynastische wie der Stadtstaat setzen die Stadt selbst

+voraus+, aber während die westeuropäischen Regierungssitze oft

bei weitem nicht die größten Orte des Landes sind, sondern Mittelpunkte

eines Kraftfeldes politischer Spannungen, in dem jedes Ereignis an noch

so entfernter Stelle mit einem fühlbaren Zittern das Ganze durchläuft,

drängt sich in der Antike das Leben immer enger zusammen und gelangt

so zu der grotesken Erscheinung des Synoikismos. Es ist der Gipfel

des euklidischen Formwollens innerhalb der politischen Welt. Man

kann sich den Staat nicht denken, solange nicht die Nation auf einem

Haufen, +als ein Leib+ ganz körperlich zusammensitzt; man will ihn

+sehen+, sogar übersehen, und während die faustische Tendenz dahin

geht, die Zahl der dynastischen Mittelpunkte immer mehr zu verringern,

und schon Maximilian I. eine genealogisch gesicherte Universalmonarchie

seines Hauses in der Ferne auftauchen sah, zerfällt die antike Welt

in zahllose solcher winzigen Punkte, die, sobald sie vorhanden sind,

in das für antike Menschen beinahe denknotwendige Verhältnis der

wechselseitigen Vernichtung als des reinsten Ausdrucks der Autarkeia

eintreten.[429]

Der Synoikismos und damit die Begründung der eigentlichen Polis ist

+ausschließlich ein Werk des Adels+, der für sich allein den

antiken Ständestaat darstellte und diesen also durch Zusammenziehung

von Landadel und Patriziat in Form brachte, wobei die Berufsklassen

ohnehin am Orte waren und der Bauer im Ständesinne nicht zählte. Durch

die Sammlung der adligen Macht an einem Punkte ist das Königtum der

Lehnszeit gebrochen worden.

Der Untergang des Abendlandes, Zweiter Band · 第 44 / 62 段