stellt die Stadt nun dem Geburtsadel die Begriffe des Geldadels und
des Geistesadels entgegen: der eine kein lauter Anspruch, aber eine um
so wirksamere Tatsache, der andre eine Wahrheit, aber weiter nichts
und für das Auge ein zweifelhaftes Schauspiel. In jeder Spätzeit
entwickelt sich zum Uradel -- Kreuzzugsadel ist ein gewichtiges Wort
-- in dem ein Stück gewaltiger Geschichte Form und Takt geworden ist
und der an den großen Höfen vielfach innerlich zugrunde geht, ein
echter Nachwuchs. So entsteht im 4. Jahrhundert durch das Eindringen
großer plebejischer Geschlechter als _conscripti_ in den römischen
Senat der _patres_ die Nobilität als grundbesitzender Amtsadel
innerhalb des Senatorenstandes. Im päpstlichen Rom bildet sich in ganz
ähnlicher Weise der Nepotenadel; es gab um 1650 kaum fünfzig Familien
von mehr als dreihundertjährigem Stammbaum. In den Südstaaten der Union
entwickelt sich seit dem späten Barock jene Pflanzeraristokratie,
die im Sezessionskriege von 1861-65 von den Geldmächten des Nordens
vernichtet wurde. Der alte Kaufmannsadel im Stile der Fugger, Welser,
Medici und der großen Häuser von Venedig und Genua, dem fast das
gesamte Patriziat der hellenischen Koloniestädte von 800 an zuzurechnen
ist, hat immer etwas Aristokratisches gehabt, Rasse, Tradition, gute
Sitte und den natürlichen Trieb, durch Grunderwerb die Verbindung
mit dem Boden wiederherzustellen (obwohl das alte Stammhaus in der
Stadt kein übler Ersatz war). Aber der neue Geldadel der Händler und
Spekulanten dringt mit seinem schnell erworbenen Geschmack an vornehmen
Formen zuletzt auch in den Geburtsadel ein -- in Rom als _equites_
seit dem 1. punischen Kriege, in Frankreich unter Ludwig XIV.[386] --,
erschüttert und verdirbt ihn, während der Geistesadel der Aufklärung
ihn mit Hohn überschüttet. Die Konfuzianer haben den altchinesischen
Begriff des _shi_ von der adligen Sitte zur geistigen Tugend
herabgezogen und das Pi-yung aus einer Stätte ritterlicher Kampfspiele
zur „geistigen Ringschule“, zum Gymnasium gemacht, ganz im Sinne des
18. Jahrhunderts.
Mit dem Ausgang der Spätzeit jeder Kultur kommt auch die
Ständegeschichte zu mehr oder weniger gewaltsamem Abschluß. Es ist
der Sieg des bloßen Lebenwollens in wurzelloser Freiheit über die
großen bindenden Kultursymbole, welche das jetzt ganz von der Stadt
beherrschte Menschentum weder versteht noch erträgt. Aus dem Geldwesen
verschwindet jeder Sinn für die bodenständigen, unbeweglichen Werte,
aus der wissenschaftlichen Kritik jeder Rest von Pietät. Ein Sieg über
sinnbildliche Ordnungen ist zum Teil auch die Bauernbefreiung; der
Bauer wird dem Druck der Hörigkeit enthoben, aber der Macht des Geldes
ausgeliefert, das nun den Boden zur beweglichen Ware macht; sie erfolgt
bei uns im 18. Jahrhundert, in Byzanz um 740 durch den Nomos Georgikos
des Gesetzgebers Leo III.,[387] womit der Kolonat langsam verschwindet,
in Rom im Zusammenhang mit der Begründung der Plebs im Jahre 471. In
Sparta hat damals Pausanias die Helotenbefreiung vergeblich angestrebt.
Die Plebs ist _der verfassungsmäßig als Einheit anerkannte_
_tiers_, der durch unverletzliche Tribunen, nicht Beamte, sondern
Vertrauensmänner, vertreten wird. Man hat den Vorgang von 471,[388]
der auch die altadligen etruskischen drei Geschlechtertribus durch
vier städtische Tribus (Bezirke) ersetzt hat, was manches Weitere
erraten läßt, als reine Bauernbefreiung angesehen[389] oder auch als
Organisation der Kaufmannschaft.[390] Aber die Plebs ist als dritter
Stand, als Rest, nur negativ zu bestimmen: Alles was +nicht+
Grundadel oder Inhaber der großen Priesterämter ist, gehört dazu.
Das Bild ist ebenso bunt wie das des _tiers_ von 1789. Nur der
Protest hält sie zusammen. Es gab Kaufleute, Handwerker, Lohnarbeiter,
Schreiber darunter. Das Geschlecht der Claudier enthielt patrizische
+und+ plebejische, also grundherrliche und großbäuerliche
Familien (wie die Claudii Marcelli). Innerhalb des Stadtstaates ist
die Plebs, was in einem abendländischen Staate des Barock +Bauern
und Bürger zusammen+ sind, wenn sie gegen fürstliche Allgewalt in
einer Ständeversammlung protestieren. Außerhalb der Politik, nämlich
gesellschaftlich, ist die Plebs im Unterschied von Adel und Priestertum
überhaupt nicht vorhanden, sondern zerfällt sofort in die Sonderberufe
von ganz verschiedenen Interessen. Sie ist +Partei+ und vertritt
als solche die Freiheit im städtischen Sinne. Das wird noch deutlicher
durch den Erfolg, den der Grundadel gleich darauf errungen hat, indem
er sechzehn ländliche, nach Geschlechtern benannte Tribus, in denen
er das unbedingte Übergewicht besaß, den vier städtischen hinzufügte,
die das eigentliche Bürgertum, Geld und Geist, vertreten. Erst in dem
großen Ständekampf während der Samnitenkriege, zur Zeit Alexanders,
der ganz der französischen Revolution entspricht und 287 mit der Lex
Hortensia endete, wurde der Standesbegriff rechtlich aufgehoben und
die Geschichte der ständischen Symbolik abgeschlossen. +Die Plebs
wird zum Populus Romanus+ in demselben Sinne, wie sich 1789 der
_tiers_ als Nation konstituierte. Was in allen Kulturen von da an
unter dem Bilde sozialer Kämpfe vor sich geht, ist etwas grundsätzlich
anderes.
Der Adel aller Frühzeiten war +der+ Stand im ursprünglichsten
Sinne gewesen, die fleischgewordene Geschichte, die Rasse in höchster
Potenz. Das Priestertum trat als Gegen-Stand neben ihn, überall Nein
sagend, wo der Adel bejahte, und damit die andere Seite des Lebens
durch ein großes Sinnbild zur Schau stellend.
Der dritte Stand, wie wir sahen, innerlich ohne alle Einheit, war der
Nichtstand, der Protest gegen das Ständewesen in ständischer Form,
und zwar nicht gegen diese oder jene, sondern gegen die sinnbildliche
Form des Lebens überhaupt. Er verwirft alle Unterschiede, die von der
Vernunft und durch den Nutzen nicht gerechtfertigt sind, aber trotzdem
bedeutet er selbst etwas und zwar mit voller Deutlichkeit: er ist
+das städtische Leben als Stand+ dem ländlichen entgegengesetzt;
er ist +die Freiheit als Stand+ gegenüber der Verbundenheit.
Aber er ist von sich selbst aus betrachtet keineswegs der Rest, wie
es von den Urständen aus erscheint. Das Bürgertum hat Grenzen; es
gehört zur Kultur; es umfaßt im besten Sinne alle ihr Zugehörigen und
zwar unter der Bezeichnung Volk, _populus_, _demos_, wobei
Adel und Priestertum, Geld und Geist, Handwerk und Lohnarbeit als
Einzelbestandteile ihm eingeordnet sind.
Diesen Begriff findet die Zivilisation vor und vernichtet ihn durch
den Begriff des vierten Standes, der +Masse+, der die Kultur mit
ihren gewachsenen Formen grundsätzlich ablehnt. Es ist das absolut
Formlose, das jede Art von Form, alle Rangunterschiede, den geordneten
Besitz, das geordnete Wissen mit Haß verfolgt. Es ist das neue
Nomadentum der Weltstädte,[391] für das Sklaven und Barbaren in der
Antike, der Tschudra in Indien, alles was Mensch ist, gleichmäßig ein
flutendes Etwas bilden, das mit seinem Ursprung gänzlich zerfallen ist,
seine Vergangenheit nicht anerkennt und eine Zukunft nicht besitzt.
Damit wird der vierte Stand zum Ausdruck der Geschichte, die ins
Geschichtslose übergeht. Die Masse ist das Ende, das radikale Nichts.
[353] Vgl. S. 3 und Anm. S. 3.
[354] Erst das Weib ohne Rasse, das Kinder nicht haben kann oder
will, das nicht mehr Geschichte +ist+, möchte die Geschichte
der Männer +machen+, nachmachen. Und umgekehrt hat es einen
tiefen Grund, wenn man die antipolitische Gesinnung von Denkern,
Doktrinären und Menschheitsschwärmern als altweiberhaft bezeichnet.
Sie wollen die andere Geschichte, die des Weibes, nachmachen,
obwohl sie es nicht -- können.
[355] S. 141 ff.
[356] Mitteis, Reichsrecht und Volksrecht (1891) S. 63.
[357] Sohm, Institutionen (1911) S. 614.
[358] Auf diesem Prinzip beruht der Dynastiebegriff der arabischen
Welt (der Ommaijaden, Komnenen, Sassaniden), der uns schwer
begreiflich ist. Wenn ein Usurpator den Thron erobert hat, so
vermählt er sich mit irgend einem weiblichen Mitgliede der
Blutsgemeinschaft und setzt so die Dynastie fort. Von einer
gesetzlichen Erbfolge ist der Idee nach nicht die Rede. Vgl. auch
J. Wellhausen, Ein Gemeinwesen ohne Obrigkeit (1900).
[359] S. 22.
[360] R. Fick, Die soziale Gliederung im nordöstlichen Indien zu
Buddhas Zeit (1897), S. 201. K. Hillebrandt, Alt-Indien (1899), S.
82.
[361] Die Leichtigkeit, mit welcher in Rußland die vier sogenannten
Stände der petrinischen Zeit -- Adel, Kaufleute, Kleinbürger,
Bauern -- durch den Bolschewismus ausgelöscht worden sind, beweist,
daß sie bloße Nachahmung und Verwaltungspraxis waren, aber ohne
alle Symbolik, die sich durch Gewalt nicht ersticken läßt. Sie
entsprechen den äußeren Rang- und Besitzunterschieden im Westgoten-
und Frankenreich und in mykenischer Zeit, wie sie in den ältesten
Teilen der Ilias noch durchschimmert. Erst in Zukunft werden sich
echter Adel und Priestertum russischen Stils herausbilden.
[362] Wonach sie ein Vertrag auf den wechselseitigen Besitz
zweier Personen ist, der durch den wechselseitigen Gebrauch der
Geschlechtseigentümlichkeiten verwirklicht wird.
[363] Oldenberg, Die Lehre der Upanishaden (1915), S. 5.
[364] S. 147.
[365] S. 4 ff.
[366] S. 332 ff.
[367] Jenseits von Gut und Böse § 260.
[368] Umgekehrt läßt es sich widerlegen, und das ist in der
chinesischen, antiken, indischen und abendländischen Philosophie
oft genug geschehen, aber man schafft es nicht ab.
[369] Jünger und von viel geringerer sinnbildlicher Kraft ist der
Besitz von +beweglichen+ Sachen, Nahrung, Geräten, Waffen, der auch
im Tierreich weit verbreitet ist. Dagegen ist das Nest eines Vogels
pflanzenhaftes Eigentum.
[370] Eigentum in diesem bedeutendsten Sinne, Verwachsensein mit
etwas, gibt es also weniger in bezug auf eine einzelne Person als
die Geschlechterfolge, der sie angehört. Das kommt in jedem Streit
innerhalb einer Bauernfamilie oder auch eines Fürstenhauses mit
Gewalt zum Durchbruch; der jeweilige Herr hat den Besitz nur im
Namen des Geschlechts. Daher die Angst vor dem Tode, wenn der Erbe
fehlt. +Auch das Eigentum ist ein Zeitsymbol+ und deshalb tief mit
der Ehe verwandt, die ein festes, pflanzenhaftes Verwachsensein und
Sichbesitzen zweier Menschen ist, das sich zuletzt selbst in der
zunehmenden Ähnlichkeit der Züge spiegelt.
[371] S. 304.
[372] Nach dem Tode sind die Irrlehrer ausgeschlossen von der
ewigen Seligkeit des Lehrbuchs und in das Fegefeuer der Anmerkungen
verwiesen, von wannen sie auf die Fürbitte der Gläubigen geläutert
aufsteigen in das Paradies der Paragraphen.
[373] Schwarze Juden, die durchweg Schmiede sind.
[374] Der ganz primitive Mir ist entgegen den Behauptungen
sozialistischer und panslawistischer Schwärmer erst seit 1600
entstanden und seit 1861 aufgehoben worden. Hier ist der Boden
+Gemeindeland+, und die Dorfbewohner werden nach Möglichkeit
festgehalten, um durch dessen Bestellung den Steuerertrag
aufbringen zu können.
[375] S. weiter unten.
[376] Brentano, Byzant. Volkswirtschaft (1917), S. 15.
[377] Der antike Sklave verschwindet in diesen Jahrhunderten ganz
von selbst, eins der deutlichsten Zeichen für das Erlöschen des
antiken Welt- und also auch Wirtschaftsgefühls.
[378] Belisar stellte aus seiner eigenen Herrschaft 7000 Reiter für
den Gotenkrieg. Das hätten unter Karl V. nur sehr wenige deutsche
Fürsten vermocht.
[379] Pöhlmann, Röm. Kaiserzeit (Pflugk-Harttungs Weltgesch. I), S.
600 f.
[380] S. 351.
[381] Trotz Ed. Meyer, Gesch. des Altertums I, § 243.
[382] Die chinesischen Rangstufen bei Schindler, Das Priestertum im
alten China (S. 61 f.), die ihnen genau entsprechenden ägyptischen
bei Ed. Meyer, Gesch. des Altertums I, § 222, die byzantinischen
in der Notitia dignitatum, zum Teil vom Sassanidenhof stammend. In
den antiken Poleis deuten einige uralte Beamtentitel auf Hofämter
(Kolakreten, Prytanen, Konsuln). S. weiter unten.
[383] Hardy, Indische Religionsgeschichte S. 26.
[384] M. Granet, Coutumes matrimoniales de la Chine antique, T’oung
Pao, 1912, S. 517 ff.
[385] Ein Beispiel ist das Leben des Johannes Chrysostomus.
[386] Die Memoiren des Herzogs von Saint Simon zeigen diese
Entwicklung sehr anschaulich.
[387] S. 88.
[388] Das entspricht unserm 17. Jahrhundert.
[389] K. J. Neumann, Die Grundherrschaft der römischen Republik
(1900); Ed. Meyer, Kl. Schriften S. 351 ff.
[390] A. Rosenberg, Studien zur Entstehung der Plebs, Herm. XLVIII,
1913, S. 359 ff.
[391] S. 121 ff.
STAAT UND GESCHICHTE
6
Innerhalb der Welt als Geschichte, in die wir lebend verwoben sind,
so daß unser Empfinden und Verstehen beständig dem Fühlen gehorcht,
erscheinen die kosmischen Flutungen als das, was wir Wirklichkeit,
wirkliches Leben nennen, Daseinsströme in leiblicher Gestalt. Man
kann sie, die das Merkmal der Richtung tragen, verschieden erfassen:
hinsichtlich der +Bewegung+ oder des +Bewegten+. Jenes heißt
Geschichte, dieses Geschlecht, Stamm, Stand, Volk, aber eins ist nur
durch das andre möglich und vorhanden. Geschichte gibt es nur von
etwas. Meinen wir die Geschichte der großen Kulturen, so ist Nation
das Bewegte. Staat, _status_ heißt Zustand. Den Eindruck des
Staates erhält man, wenn man von einem in bewegter Form dahinströmenden
Dasein die Form für sich ins Auge faßt, als etwas in zeitlosem
Beharren Ausgedehntes, und von der Richtung, dem Schicksal ganz
absieht. Der Staat ist die Geschichte als stillstehend, Geschichte der
Staat als fließend gedacht. Der wirkliche Staat ist die Physiognomie
einer geschichtlichen Daseinseinheit; nur der ausgedachte Staat der
Theoretiker ist ein System.
Eine Bewegung +hat Form+, das Bewegte +ist in Form+
oder, um wieder einen Sportausdruck von Bedeutung anzuwenden: ein
vollendet Bewegtes befindet sich in vollkommener +Verfassung+.
Das gilt von einem Rennpferde oder Ringer ebenso wie von einem Heer
oder Volk. Die vom Lebensstrom eines Volkes abgezogene Form ist
dessen Verfassung in bezug auf das Ringen in und mit der Geschichte.
Verstandesmäßig abziehen aber läßt sie sich nur zum kleinsten Teile.
Keine wirkliche Verfassung, für sich betrachtet und als System zu
Papier gebracht, ist vollständig. Das Ungeschriebene, Unbeschreibliche,
Gewohnte, Gefühlte, Selbstverständliche überwiegt in dem Grade -- was
Theoretiker nie begreifen werden --, daß eine Staatsbeschreibung oder
Verfassungsurkunde nicht einmal ein Schattenbild von dem geben, was der
lebendigen Wirklichkeit eines Staates als wesentliche Form zugrunde
liegt, so daß eine Daseinseinheit für die Geschichte verdorben wird,
wenn man ihre Bewegung einer geschriebenen Verfassung ernstlich
unterwirft.
Das Einzelgeschlecht ist die kleinste, das Volk die größte Einheit
im Strom der Geschichte.[392] Und zwar unterliegen Urvölker einer
Bewegung, die im höheren Sinne geschichtslos ist, langatmig oder
stürmisch, aber ohne organischen Zug, ohne tiefere Bedeutung. Immerhin
sind Urvölker durch und durch bewegt bis zu dem Grade, daß sie dem
flüchtigen Betrachter gänzlich formlos erscheinen; Fellachenvölker
dagegen sind starre Objekte einer von außen kommenden Bewegung,
die ohne Sinn und in zufälligen Stößen sich an ihnen übt. Zu jenen
gehört der „_status_“ der mykenischen, der Thinitenzeit, der
chinesischen Shangdynastie etwa bis zur Übersiedlung nach Yin (1400),
das Frankenreich Karls des Großen, das Westgotenreich Eurichs und
das petrinische Rußland, staatliche Formen von oft großartiger
Leistungsfähigkeit, aber noch ohne Symbolik, ohne Notwendigkeit, zu
diesen das römische, chinesische und die andern Imperien, deren Form
keinerlei Ausdrucksgehalt mehr besitzt.
Dazwischen aber liegt die Geschichte der hohen Kulturen. Ein Volk im
Stile einer Kultur, ein historisches Volk also heißt Nation.[393]
Eine Nation besitzt, insofern sie lebt und kämpft, einen Staat nicht
nur als Bewegungszustand, sondern vor allem +als Idee+. Mag der
Staat im einfachsten Sinne so alt sein wie das frei im Raum bewegliche
Leben überhaupt, so daß Schwärme und Herden selbst sehr einfacher
Tiergattungen in irgendeiner „Verfassung“ sind, die bei Ameisen,
Bienen, manchen Fischen, Wandervögeln und Bibern eine erstaunliche
Vollkommenheit erreicht: der Staat großen Stils ist nur so alt wie die
Urstände Adel und Priestertum, nicht älter: sie entstehen +mit+
einer Kultur, sie vergehen mit ihr, ihre Schicksale sind in hohem Maße
identisch. Kultur ist das Dasein von Nationen in staatlicher Form.
Ein Volk ist +als+ Staat, ein Geschlecht +als+ Familie
„in Form“. Das ist, wie wir sahen, der Unterschied von politischer
und kosmischer Geschichte, öffentlichem und privatem Leben, _res
publica_ und _res privata_. Und zwar sind +beide+ Symbole
der Sorge. Das Weib ist Weltgeschichte. Es sorgt durch Empfängnis und
Geburt für die Dauer des Blutes. Die Mutter, das Kind an der Brust,
ist das große Sinnbild kosmischen Lebens. Nach dieser Seite hin ist das
Leben von Mann und Weib „in Form“ als Ehe. Der Mann über +macht+
die Geschichte, die ein nie endender Kampf um die Erhaltung jenes
andern Lebens ist. Zur mütterlichen tritt die väterliche Sorge.
Der Mann, die Waffe in der Hand, ist das andre große Sinnbild
des Willens zur Dauer. Ein Volk „in Verfassung“ ist ursprünglich
eine Kriegerschaft, die tief-innerlich gefühlte Gemeinschaft der
Wehrfähigen. Staat ist eine Männersache, ist Sorge um die Erhaltung des
Ganzen, auch um jene seelische Selbsterhaltung, die man als Ehre und
Selbstachtung bezeichnet, ist Vereitelung von Angriffen, Voraussicht
von Gefahren und vor allem der eigne Angriff, der jedem im Aufstieg
begriffenen Leben natürlich und selbstverständlich ist.
Wäre alles Leben ein gleichförmiger Daseinsstrom, so würden wir die
Worte Volk, Staat, Krieg, Politik, Verfassung nicht kennen. Aber das
ewige und gewaltige +Verschiedensein+ des Lebens, das durch die
Gestaltungskraft der Kulturen bis aufs Äußerste gesteigert wird, ist
eine Tatsache, die mit all ihren Folgen geschichtlich schlechthin
gegeben ist. Pflanzenleben gibt es nur in bezug auf tierisches; die
beiden Urstände bedingen sich gegenseitig; +ebenso ist ein Volk nur
wirklich in bezug auf andre Völker+, und diese Wirklichkeit besteht
in natürlichen und unaufhebbaren Gegensätzen, in Angriff und Abwehr,
Feindschaft und Krieg. Der Krieg ist der Schöpfer aller großen Dinge.
Alles Bedeutende im Strom des Lebens ist durch Sieg und Niederlage
entstanden.
Ein Volk gestaltet Geschichte, soweit es sich in Verfassung befindet.
Es erlebt eine innere Geschichte, die es in diesen Zustand versetzt, in
dem allein es schöpferisch +wird+, und eine äußere Geschichte, die
in Schöpfung +besteht+. Die Völker als Staaten sind deshalb die
eigentlichen Mächte alles menschlichen Geschehens. Es gibt in der Welt
als Geschichte nichts über ihnen. Sie +sind+ das Schicksal.
_Res publica_, das öffentliche Leben, die „Schwertseite“
menschlicher Daseinsströme, ist in Wirklichkeit unsichtbar. Der Fremde
sieht nur die Menschen, nicht ihren innern Zusammenhang. Dieser ruht
vielmehr tief im Strome des Lebens und wird dort mehr gefühlt als
verstanden. Ebenso sehen wir in Wirklichkeit nicht die Familie, sondern
nur einige Menschen, deren Zusammenhalt in einem ganz bestimmten
Sinne wir aus innerer Erfahrung kennen und begreifen. Aber es gibt
für jedes dieser Gebilde einen Kreis von Zugehörigen, die durch
gleiche Verfassung des äußeren und inneren Seins zur Lebenseinheit
verbunden sind. Diese Form, in welcher das Dasein dahinströmt, heißt
+Sitte+, wenn sie unwillkürlich aus dessen Takt und Gang entsteht
und dann erst ins Bewußtsein tritt, +Recht+, wenn sie +mit
Absicht gesetzt+ und zur +Anerkennung+ gebracht wird.
Recht ist die +gewollte+ Form des Daseins, gleichviel ob sie
gefühlsmäßig und triebhaft anerkannt -- ungeschriebenes Recht,
Gewohnheitsrecht, _equity_ -- oder durch Nachdenken abgezogen,
vertieft und in ein System gebracht worden ist -- +Gesetz+. Das
sind zweierlei Rechtstatsachen von zeithafter Symbolik, zwei Arten
von Sorge, Vorsorge, Fürsorge, aber schon aus dem Gradunterschied der
Bewußtheit in ihnen ergibt sich, daß im ganzen Verlauf wirklicher
Geschichte sich zwei Rechte feindlich gegenüberstehen müssen: das
Recht der Väter, der Tradition, das verbriefte, ererbte, gewachsene,
bewährte Recht, das heilig ist, weil es von je war, aus Erfahrung
des Blutes stammend und deshalb den Erfolg verbürgend, und das
erdachte, entworfene Vernunft-, Natur- und allgemeine Menschenrecht,
aus Nachdenken hervorgegangen und deshalb der Mathematik verwandt,
vielleicht nicht erfolgreich, aber „gerecht“. In ihnen beiden reift der
Gegensatz von Landleben und Stadtleben, Lebenserfahrung und gelehrter
Erfahrung bis zu jener revolutionären Höhe der Erbitterung, wo man sich
ein Recht nimmt, das nicht gegeben wird, und eins zertrümmert, das
nicht weichen will.
Ein Recht, das von einer Gemeinschaft gesetzt ist, bedeutet eine
Pflicht für jeden Zugehörigen, aber es ist kein Beweis für dessen
+Macht+. Vielmehr ist es eine Schicksalsfrage, wer es setzt und
für wen es gesetzt +wird+. Es gibt Subjekte und Objekte der
Recht+setzung+, obwohl ein jeder Objekt der Rechts+geltung+
ist, und zwar gilt das ohne Unterschied vom inneren Recht der Familien,
Zünfte, Stände und Staaten. Für den Staat als das höchste in der
geschichtlichen Wirklichkeit vorhandene Rechtssubjekt tritt aber noch
ein Außenrecht hinzu, das er dem Fremden feindlich auferlegt. Zu jenem
gehört das bürgerliche Recht, zu diesem der Friedensvertrag. In jedem
Falle aber ist das Recht des Stärkeren auch das des Schwächeren.
Recht haben ist ein Ausdruck von Macht. Das ist eine geschichtliche
Tatsache, die jeder Augenblick bestätigt, aber sie wird im Reiche der
Wahrheit -- das +nicht+ von dieser Welt ist -- nicht anerkannt.
Unversöhnt stehen sich auch in der Auffassung des Rechts Dasein und
Wachsein, Schicksal und Kausalität gegenüber. Zur priesterlichen
und ideologischen Moral von gut und böse gehört der +moralische
Unterschied von Recht und Unrecht+; zur Rassemoral von gut und
schlecht gehört der +Rangunterschied von Gebern und Empfängern des
Rechts+. Ein abstraktes Ideal von Gerechtigkeit geht durch die Köpfe
und Schriften aller Menschen, deren Geist edel und stark und deren Blut
schwach ist, durch alle Religionen, durch alle Philosophien, aber die
Tatsachenwelt der Geschichte kennt nur den +Erfolg+, der das Recht
des Stärkeren zum Recht aller macht. Sie geht erbarmungslos über die
Ideale hin, und wenn je ein Mensch oder Volk auf die Macht der Stunde
verzichtet hat, um gerecht zu sein, so war ihm wohl der theoretische
Ruhm in jener zweiten Welt der Gedanken und Wahrheiten gewiß, aber auch
der Augenblick, wo er einer andern Lebensmacht erlag, die sich besser
auf Wirklichkeiten verstand als er.