Eine Geschichte der Stände, die von den Berufsklassen grundsätzlich

abzusehen hat, ist also eine Darstellung des Metaphysischen im höheren

Menschentum, soweit es sich in Arten von dahinströmendem Leben zu

großer Symbolik erhebt, Arten, in und an denen die Geschichte der

Kulturen sich vollzieht.

Schon der scharf ausgeprägte Typus des Bauern am Anfang ist etwas

Neues. Zur Karolingerzeit und im zarischen Rußland des „Mir“[374]

gab es Freie und Knechte, die Landbau trieben, aber keine

+Bauernschaft+. Erst aus dem Gefühl eines tiefen Andersseins

gegenüber den beiden symbolischen „Leben“ -- wenn wir uns des Freidank

erinnern -- ist dieses Leben Stand geworden, +Nährstand+ in der

vollen Bedeutung des Wortes, nämlich die Wurzel der großen Pflanze

Kultur, die ihre Fasern tief in den mütterlichen Boden gesenkt hat

und dumpf und emsig alle Säfte an sich zieht und nach oben sendet, wo

Stamm und Wipfel in das Licht der Historie ragen. Er dient dem großen

Leben nicht nur durch die Nahrung, die er dem Boden abgewinnt, sondern

auch mit jenem andern Ertrag der Mutter Erde, seinem eigenen Blut,

das aus den Dörfern jahrhundertelang in die hohen Stände strömt, dort

ihre Formen empfängt und ihr Leben aufrecht erhält. Der ständische

Ausdruck dafür ist die +Hörigkeit+ -- mögen ihre Anlässe im

Oberflächenbild der Geschichte sein, welche sie wollen --, die sich

1000-1400 im Abendlande und „gleichzeitig“ in allen andern Kulturen

entwickelt hat. Das spartanische Helotentum gehört ebenso dahin wie

die altrömische Klientel, aus welcher seit 471 die +ländliche+

Plebs, also ein freier Bauernstand hervorgegangen ist.[375]

Erstaunlich ist die Macht dieses Strebens nach sinnbildlicher Form in

der Pseudomorphose des „spätrömischen“ Ostens, wo die von Augustus

begründete Kastenordnung des Prinzipats mit ihrer Unterscheidung von

senatorischem und ritterlichem Beamtentum sich rückwärts entwickelt,

bis sie um 300 überall dort, wo magisches Weltgefühl die Herrschaft

führt, auf dem frühgotischen Stande von 1300 und damit auf dem des

Sassanidenreichs[376] angelangt ist. Aus der Beamtenschaft einer

hochzivilisierten Verwaltung entwickelt sich ein kleiner Adel, die

Dekurionen, Dorfritter und Stadtpatrizier, die dem Herrn für alle

Abgaben mit Leib und Vermögen haftbar sind --ein durch Rückbildung

entstandenes Lehnswesen -- und deren Stellung allmählich erblich

wird, ganz wie unter der 5. ägyptischen Dynastie, wie in den ersten

Jahrhunderten der Dschou, wo schon I-Wang (934-909) die Eroberungen

den Vasallen überlassen mußte, die Grafen und Vögte ihrer Wahl

einsetzten, und wie während der Kreuzzüge. Ebenso wird der Offiziers-

und Soldatenstand erblich -- die Lehnspflicht der Heeresfolge --,

was alles Diokletian dann gesetzlich festgelegt hat. Der Einzelne

wird dem Stande fest eingegliedert (_corpori adnexus_), und das

Prinzip wird als Zunftzwang wie in gotischer und frühägyptischer

Zeit auf alle Gewerbe ausgedehnt. Vor allem aber entsteht mit

innerer Notwendigkeit aus der spätantiken Latifundienwirtschaft

mit Sklaven[377] der Kolonat erblicher Kleinpächter, während die

Gutsbezirke Verwaltungssprengel werden und der Gutsherr die Abgaben zu

erheben und das Soldatenkontingent zu stellen hat.[378] Zwischen 250

und 300 wird der Kolone gesetzlich an die Scholle gefesselt, _glebae

adscriptus_; +damit ist der ständische Unterschied von Feudalherrn

und Hörigen erreicht+.[379]

Adel und Priestertum sind als Möglichkeiten mit jeder neuen Kultur

gegeben. Die scheinbaren Ausnahmen beruhen lediglich auf einem Mangel

an greifbarer Überlieferung. Wir wissen heute, daß ein wirklicher

Priesterstand im alten China vorhanden war,[380] und für die Anfänge

orphischer Religiosität im 11. Jahrhundert v. Chr. ist die Annahme

eines Priestertums als Stand, der auch durch die epischen Gestalten des

Kalchas und Teiresias angedeutet wird, selbstverständlich. Ebenso setzt

die Entwicklung des ägyptischen Lehnsstaates einen Uradel schon für die

3. Dynastie voraus.[381] Aber in welcher Form und Stärke diese Stände

sich verwirklichen und dann in die folgende Geschichte eingreifen, sie

schaffen, tragen und sogar durch ihre eigenen Schicksale darstellen,

das hängt von dem Ursymbol ab, das jeder Kultur und ihrer gesamten

Formensprache zugrunde liegt.

Der Adel, ganz Pflanze, geht überall vom Lande als dem Ureigentum aus,

mit dem er fest verwachsen ist. Er besitzt überall die Grundform des

+Geschlechts+, in dem auch die „andere“ Geschichte, die des Weibes, zum

Ausdruck kommt, und stellt sich durch den Willen zur Dauer, nämlich des

Blutes, als das große Sinnbild von Zeit und Geschichte dar. Es wird

sich zeigen, daß das frühe, auf persönlichem Vertrauen beruhende hohe

Beamtentum des Vasallenstaates überall, in China und Ägypten so gut wie

in der Antike und im Abendland, vom Marschalk (chinesisch _sse-ma_),

Kämmerer (_chen_) und Truchseß (_ta-tsai_) bis zum Vogt (_nan_) und

Grafen (_peh_),[382] zuerst lehnsartige Hofämter und Würden schafft,

dann die erbliche Verbindung mit dem Boden sucht und so endlich zum

Ursprung adliger Geschlechter wird.

Der faustische Wille zum Unendlichen kommt in +dem genealogischen

Prinzip+ zum Ausdruck, das, so sonderbar es klingt, dieser Kultur

allein angehört, hier aber auch alle historischen Gebilde, vor allem

die Staaten selbst bis ins Innerste durchdringt und gestaltet. Der

historische Sinn, der über Jahrhunderte hinweg das Schicksal des eignen

Blutes kennen und das Wann und Woher bis zu den Urahnen +urkundlich+

belegt sehen will, die sorgfältige Gliederung des Stammbaums, die

den gegenwärtigen Besitz und seine Erbfolge vom Schicksal einer

Ehe abhängig machen kann, die vielleicht ein halbes Jahrtausend

vorher geschlossen worden ist, die Begriffe +des reinen Blutes+, der

Ebenbürtigkeit, der Mißheirat, das alles ist Wille zur Richtung in die

zeitliche Ferne, wie sie vielleicht nur noch im ägyptischen Adel zu

einer verwandten, aber sehr viel schwächeren Form gelangt ist.

Dagegen ist der Adel antiken Stils durchaus auf den augenblicklichen

Stand des agnatischen Geschlechts gerichtet, und dann auf einen

+mythischen+ Stammbaum, der nicht den geringsten historischen Sinn

verrät, sondern lediglich das um die historische Wahrscheinlichkeit

ganz unbekümmerte Bedürfnis nach einem prunkvollen Hintergrund für

das Jetzt und Hier der Lebenden. Daher die sonst ganz unerklärliche

Naivität, mit welcher der Einzelne hinter seinem Großvater gleich

Theseus und Herakles erblickt und sich einen phantastischen Stammbaum

zimmert, womöglich mehr als einen wie Alexander, und die Leichtigkeit,

mit welcher römische Familien angebliche Ahnen in die ältere

Konsulnliste hineinfälschen konnten. Bei den Begräbnissen der römischen

Nobilität wurden die Wachsmasken großer Vorfahren im Leichenzug

einhergetragen, aber es kam nur auf Zahl und Klang der berühmten Namen

an, nicht im geringsten auf den genealogischen Zusammenhang mit der

Gegenwart. Dieser Zug geht durch den gesamten antiken Adel, der wie der

gotische auch dem inneren Bau und Geiste nach eine Einheit bildet von

Etrurien bis nach Kleinasien hin. Auf ihm beruht die Macht, die noch

zu Beginn der Spätzeit die ordensartigen Geschlechterverbände durch

alle Städte hindurch besaßen, jene Phylen, Phratrien und Tribus, die

einen rein gegenwärtigen Bestand und Zusammenhang in sakraler Form

pflegten wie die drei dorischen, die vier jonischen Phylen und die

drei etruskischen Tribus, die im ältesten Rom als Tities, Ramnes und

Luceres erscheinen. In den Veden haben die „Väter“- und „Mütter“seelen

nur für drei nähere und drei fernere Generationen Anspruch auf den

Seelenkult,[383] dann verfallen sie der Vergangenheit, und weiter

zurück reichte auch der antike Seelenkult nirgends: das ist der

äußerste Gegensatz zum Ahnenkult der Chinesen und Ägypter, welcher

der Idee nach niemals endet und damit das Geschlecht selbst über den

leiblichen Tod hinaus in bestimmten Ordnungen aufrecht erhält. In

China lebt heute noch ein Herzog Kung als Nachkomme des Konfuzius und

ebenso ein Nachkomme des Laotse, des Tschang-lu und anderer. Von einem

weitverzweigten Stammbaum ist nicht die Rede; die Linie, das _tao_

des Wesens wird fortgeführt, augenscheinlich auch durch Adoption,

die den Adoptierten durch Verpflichtung zum Ahnenkult dem Geschlecht

seelisch einverleibt, oder andere Mittel.

Eine unbändige Lebenslust durchströmt die blühenden Jahrhunderte dieses

eigentlichsten Standes, der durch und durch Richtung, Schicksal und

Rasse ist. Das Weib, weil es Geschichte +ist+, und der Kampf,

weil er Geschichte +macht+, stehen unbedingt im Mittelpunkte

seines Denkens und Treibens. Der nordischen Skaldenpoesie und dem

südlichen Minnesang entsprechen die alten Liebeslieder im Shi-king

aus chinesischer Ritterzeit,[384] die im Pi-yung vorgetragen wurden,

der Stätte adliger Zucht, des Hiao; und ebenso gehört das feierliche

öffentliche Bogenschießen ganz im Geiste der frühantiken Agone und

der gotischen wie der persisch-byzantinischen Turniere zu dieser

+homerischen+ Seite des chinesischen Lebens.

Dem gegenüber steht die +orphische+, die durch den Stil des

Priestertums das Raumerlebnis einer Kultur ausdrückt. Es entspricht der

euklidischen Art der antiken Ausgedehntheit, die keines Vermittlers

bedarf, um mit den nahen leibhaften Göttern Verkehr zu pflegen,

wenn das Priestertum hier von den Anfängen eines Standes zu einer

Summe städtischer Ämter herabsinkt. Es entspricht dem _tao_ der

Chinesen, daß es statt des erblichen Priestertums am Anfang später nur

noch die Berufsklassen der Beter, Schriftkundigen und Orakelpriester

gibt, welche die Kulthandlungen der Behörden und Familienhäupter mit

den vorgeschriebenen Riten begleiten. Es entspricht dem sich in maßlose

Weiten verlierenden Weltgefühl des Inders, daß der Priesterstand dort

ein zweiter Adel wird, der sich mit ungeheurer Macht und in das gesamte

Leben eingreifend zwischen das Volk und seine wüste Götterwelt lagert;

und es ist endlich ein Ausdruck des Höhlengefühls, wenn der eigentliche

Priester magischen Stils der Mönch und Einsiedler ist, und zwar mit

steigendem Nachdruck, während die Weltpriesterschaft an sinnbildlicher

Bedeutung mehr und mehr verliert.

Dagegen erhebt sich nun das faustische Priestertum, das noch um 900

ohne jede tiefere Bedeutung und Würde gewesen war, in steilem Aufstieg

zu jener ungeheuren Mittlerrolle, die sich der Idee nach zwischen die

gesamte Menschheit und die mit dem vollen Pathos der dritten Dimension

ausgespannte Weite des Makrokosmos stellt, die aus der Geschichte

durch das Zölibat, aus der Zeit durch den _character indelebilis_

ausgeschlossen ist und im Papsttum gipfelt, das das größte überhaupt

denkbare Symbol des heiligen dynamischen Raumes darstellt und in der

protestantischen Idee des allgemeinen Priestertums der Gläubigen nicht

aufgehoben, sondern nur von einem Punkt und einer Person in die Brust

jedes einzelnen Gläubigen verlegt worden ist.

Der in jedem Mikrokosmos vorhandene Widerspruch zwischen Dasein

und Wachsein treibt mit innerer Notwendigkeit auch die beiden

Stände gegeneinander. Die Zeit will den Raum, der Raum die Zeit

sich einordnen. Geistliche und weltliche Macht sind Größen von so

verschiedener Ordnung und Tendenz, daß eine Versöhnung oder auch nur

Verständigung unmöglich erscheint. Aber in allen andern Kulturen ist

dieser Kampf nicht zu welthistorischem Ausbruch gekommen: in China war

dem Adel um des _tao_, in Indien dem Priestertum um des endlos

verschwimmenden Raumes willen die Vorherrschaft gesichert; innerhalb

der arabischen Kultur ist die Einordnung des sichtbar-weltlichen

Zusammenhangs der Rechtgläubigen in den großen geistigen Konsensus

mit dem magischen Weltgefühl unmittelbar gegeben und damit also

auch die Einheit von weltlichem und geistlichem Staat, Recht,

Herrschertum. Das hat die Reibungen beider Stände nicht verhindert und

im Sassanidenreich zu blutigen Fehden zwischen dem Adel der Dinkane

und der Magierpartei und zu Mordtaten selbst an einzelnen Herrschern

geführt, in Byzanz das ganze 5. Jahrhundert mit Kämpfen zwischen

Kaisergewalt und Geistlichkeit ausgefüllt, die überall im Hintergrunde

der monophysitischen und nestorianischen Streitigkeiten stehen,[385]

aber das grundsätzliche Verhältnis stand dabei +nicht+ in Frage.

In der Antike, die das Unendliche in jedem Sinne von sich wies,

waren die Zeit auf die Gegenwart, das Ausgedehnte auf den greifbaren

Einzelkörper zurückgeführt, und die Stände von großer Symbolik mithin

so bedeutungslos geworden, daß sie gegenüber dem Stadtstaat, der

das antike Ursymbol in denkbar stärkster Form zum Ausdruck bringt,

als selbständige Mächte nicht in Betracht kamen. Dagegen läßt die

Geschichte des ägyptischen Menschentums, in dem ein gewaltiger

Tiefendrang mit gleicher Kraft in die zeitliche und räumliche Ferne

strebt, das Ringen beider Stände und ihrer Symbolik bis in das

ausgebildete Fellachentum hinein beständig erkennen. Denn der Übergang

von der vierten zur fünften Dynastie ist auch mit einem deutlichen

Triumph des priesterlichen über das ritterliche Weltgefühl verbunden;

der Pharao wird vom Leibe und Träger zum Diener der höchsten Gottheit,

und das Heiligtum des Re überwindet an architektonischer wie an

sinnbildlicher Wucht den Totentempel des Herrschers. Das Neue Reich

sieht gleich nach den ersten großen Cäsaren die politische Allmacht der

Amonspriesterschaft von Theben und dagegen wieder die Umwälzung des

Ketzerkönigs Amenophis IV., die doch auch eine sehr fühlbare politische

Seite hat, bis die Geschichte der ägyptischen Welt nach endlosem Ringen

zwischen Krieger- und Priesterkaste mit der Fremdherrschaft zu Ende

geht.

Dieser Kampf zweier gleich mächtiger Symbole ist in der faustischen

Kultur mit verwandtem Geist, aber noch viel größerer Leidenschaft

geführt worden und läßt zwischen Staat und Kirche von der frühesten

Gotik an den Frieden nur als Waffenstillstand möglich erscheinen. In

diesem Kampfe aber kommt die Bedingtheit des Wachseins zum Ausdruck,

das vom Dasein unabhängig sein möchte und doch nicht kann. Die Sinne

bedürfen des Blutes, das Blut aber nicht der Sinne. Der Krieg gehört

in die Welt der Zeit und Geschichte -- +geistig ist nur der Streit

mit Gründen, die Disputation+ --, eine +kämpfende+ Kirche

begibt sich aus dem Reich der Wahrheiten in das der Tatsachen, aus

dem Reich Jesu in das des Pilatus; sie wird ein Element innerhalb

der Rassegeschichte und unterliegt durchaus der Gestaltungskraft

der +politischen+ Seite des Lebens; sie kämpft mit Schwert

und Geschütz, mit Gift und Dolch, mit Bestechung und Verrat, mit

allen Mitteln des jeweiligen Parteikampfes von der Feudalzeit bis

zur modernen Demokratie; sie opfert Glaubenssätze gegen weltliche

Vorteile und verbündet sich mit Ketzern und Heiden gegen rechtgläubige

Mächte. Das Papsttum +als Idee+ besitzt eine Geschichte für sich,

aber unabhängig davon waren die Päpste des 6. und 7. Jahrhunderts

byzantinische Statthalter syrischer und griechischer Herkunft, dann

mächtige Landbesitzer mit Scharen höriger Bauern; endlich wurde das

Patrimonium Petri zu Beginn der Gotik eine Art Herzogtum im Besitz der

großen Adelsgeschlechter der Campagna, die abwechselnd Päpste stellten,

voran die Colonna, Orsini, Savelli, Frangipani, bis das allgemein

abendländische Lehnswesen auch hier herrschend wurde und der Stuhl

Petri innerhalb der Familien römischer Barone zur Verleihung kam, so

daß der neue Papst wie jeder deutsche und französische König die Rechte

seiner Vasallen zu bestätigen hatte. Die Grafen von Tuskulum ernannten

1032 einen zwölfjährigen Knaben zum Papst. Achthundert Burgtürme

erhoben sich damals im Stadtgebiet zwischen und auf den antiken Ruinen.

Im Jahre 1045 hatten sich drei Päpste im Vatikan, Lateran und in Santa

Maria Maggiore verschanzt und wurden von ihrer adligen Gefolgschaft

verteidigt.

Dazu tritt nun die Stadt mit ihrer Seele, die sich von der Seele

des Landes erst löst, dann sich ihr gleichstellt, endlich sie

zu unterdrücken und auszulöschen sucht. Aber diese Entwicklung

vollzieht sich in +Arten des Lebens+ und gehört also auch der

Ständegeschichte an. Kaum ist das Stadt+leben+ als solches

aufgetaucht und in der Bewohnerschaft dieser kleinen Siedlungen

ein Gemeingeist erwachsen, der das eigne Leben als etwas anderes

empfindet als das Leben draußen, da beginnt der Zauber +persönlicher

Freiheit+ zu wirken und immer neue Daseinsströme in die Mauern

zu ziehen. Es gibt da eine Art Leidenschaft, Städter zu sein und

Stadtleben auszubreiten. Aus ihr und nicht aus materiellen Anlässen

geht das Fieber der antiken Gründungszeit hervor, die uns in ihren

letzten Ausläufern noch erkennbar ist und da nicht ganz richtig als

Kolonisation bezeichnet wird. Es ist die zeugende Begeisterung des

Menschen der Stadt, die seit dem 10. Jahrhundert in der Antike und

„gleichzeitig“ in den andern Kulturen immer neue Geschlechterfolgen in

den Bann eines neuen Lebens zwingt, mit dem zum ersten Male inmitten

der Menschengeschichte die +Idee der Freiheit+ erscheint. Sie ist

nicht politischen und noch viel weniger abstrakten Ursprungs, sondern

sie bringt die Tatsache zum Ausdruck, daß innerhalb der Stadtmauern

das pflanzenhafte Verbundensein mit dem Lande ein Ende hat und die das

ganze Landleben durchsetzenden Bindungen zerrissen sind. Ihr Wesen

hat deshalb immer etwas Verneinendes. Sie löst, erlöst, verteidigt;

frei ist man immer +von+ etwas. Die Stadt ist der Ausdruck

+dieser+ Freiheit; städtischer Geist ist freigewordnes Verstehen,

und alles was in Spätzeiten unter dem Namen Freiheit an geistigen,

sozialen und nationalen Bewegungen hervorbricht, leitet seinen Ursprung

zu dieser einen +Urtatsache des Freiseins vom Lande+ zurück.

Aber die Stadt ist älter als der „Bürger“. Sie zieht zunächst die

Berufsklassen an, die außerhalb der symbolischen Ständeordnung stehen

und hier die Form von Zünften erhalten, dann aber die Urstände

selbst, die wie der Kleinadel ihre Burgen und wie die Franziskaner

ihre Klöster in das Weichbild verlegen, ohne daß damit innerlich viel

geändert wäre. Nicht nur das päpstliche Rom, alle italienischen Städte

dieser Zeit sind mit den Festungstürmen der Geschlechter erfüllt,

von denen aus die Fehden in den Straßen ausgefochten werden. Auf

einem bekannten Gemälde von Siena aus dem 14. Jahrhundert ragen sie

wie Fabrikschlote rings um den Markt empor, und der florentinische

Palast der Renaissance ist nicht nur durch das prachtvolle Leben in

ihm ein Nachfolger der provençalischen Edelhöfe, sondern mit seiner

Rustikafassade auch ein Abkomme der gotischen Burg, welche die deutsche

und französische Ritterschaft noch für lange Zeit auf den Bergen

baute. Erst langsam sondert sich ein neues Leben ab. 1250-1450 haben

sich im ganzen Abendland die eingewanderten Geschlechter den Zünften

gegenüber zum Patriziat zusammengeschlossen und eben damit auch geistig

vom Landadel gelöst; genau dasselbe war im frühen China, Ägypten und

im byzantinischen Reiche der Fall, und erst von hier aus sind die

ältesten antiken Städtebünde wie der etruskische, vielleicht noch der

latinische, und die sakrale Verbindung der kolonialen Tochterstädte mit

der Mutterstadt zu verstehen: nicht die Polis als solche, sondern das

Patriziat der Phylen und Phratrien in ihnen ist Träger der Ereignisse.

+Die ursprüngliche Polis ist mit dem Adel identisch+, wie es in

Rom bis 471 und in Sparta und den etruskischen Städten dauernd der Fall

war; von ihm geht der Synoikismos und die Bildung des Stadtstaates aus,

aber auch in den andern Kulturen ist der Unterschied von Land- und

Stadtadel zunächst ganz ohne Bedeutung gegenüber dem starken und tiefen

zwischen dem Adel überhaupt und dem Rest.

Das Bürgertum entsteht erst aus dem grundsätzlichen Widerspruch

zwischen Stadt und Land, der die „Geschlechter und Zünfte“, so schroff

sie sich sonst bekämpfen, dem Uradel und dem Lehnsstaat überhaupt,

auch dem Lehnswesen der Kirche gegenüber sich als Einheit fühlen

läßt. Der Begriff des +dritten Standes+, des _tiers_, um

das berühmte Wort der französischen Revolution zu gebrauchen, ist

eine Einheit +lediglich des Widerspruchs+ und inhaltlich also

gar nicht zu bestimmen, ohne eigene Sitte und Symbolik, denn die

vornehme bürgerliche Gesellschaft artet dem Adel und die städtische

Frömmigkeit dem frühen Priestertum nach; und der Gedanke, daß das

Leben nicht einem praktischen Zweck, sondern vor allem mit seiner

ganzen Haltung dem Ausdruck der Symbolik von Zeit und Raum zu dienen

habe und allein dadurch einen hohen Rang in Anspruch nehmen dürfe,

reizt gerade die städtische Vernunft zu erbittertem Widerspruch.

Diese Vernunft, zu deren Domäne die gesamte politische Literatur

der Spätzeit gehört, nimmt eine neue Gruppierung der Stände von der

Stadt aus vor, die zunächst Theorie ist, aber durch die Allmacht

des Rationalismus endlich Praxis, sogar die blutige Praxis von

Revolutionen wird. Adel und Priestertum erscheinen, soweit sie noch

da sind, mit einer gewissen Betonung als privilegierte Stände, womit

stillschweigend ausgedrückt wird, daß ihr Anspruch auf verbriefte

Vorrechte auf Grund ihres geschichtlichen Ranges vor dem zeitlosen

Vernunft- oder Naturrecht veraltet und sinnlos ist. Sie haben jetzt

ihren Mittelpunkt in +Hauptstädten+ -- ein wichtiger Begriff

der Spätzeit -- und entwickeln erst jetzt die aristokratischen

Formen zu jener ehrfurchtgebietenden Vornehmheit, wie sie z. B. aus

den Bildnissen von Reynolds und Lawrence spricht. Ihnen treten die

geistigen Mächte der zur Herrschaft gelangten Stadt, +Wirtschaft und

Wissenschaft+ entgegen, die zusammen mit der Masse der Handwerker,

Beamten und Arbeiter sich als Partei fühlen, uneinig in sich selbst,

aber einig stets, sobald der Kampf der Freiheit, also der städtischen

Unverbundenheit gegen die großen Symbole der alten Zeit und die aus

ihnen fließenden Rechte beginnt. Sie alle sind als Bestandteile des

dritten Standes, der nicht nach dem Range, sondern nach Köpfen zählt,

in allen Spätzeiten aller Kulturen irgendwie „liberal“, nämlich frei

von den innerlichen Mächten nichtstädtischen Lebens, die Wirtschaft

frei für den Gelderwerb, die Wissenschaft frei in der Kritik, wobei

in allen großen Entscheidungen der Geist in Büchern und Versammlungen

das Wort führt -- Demokratie -- und das Geld den Vorteil zieht --

Plutokratie -- und das Ende nie der Sieg der Ideen ist, sondern der

des Kapitals. Aber das ist wieder der Gegensatz von Wahrheiten und

Tatsachen, so wie er sich aus dem Stadtleben entwickelt.

Der Untergang des Abendlandes, Zweiter Band · 第 41 / 62 段