Den Priester +umgibt+ die Welt als Natur; er vertieft ihr Bild,

indem er es +durchdenkt+. Der Adel +lebt+ in der Welt als

Geschichte und vertieft sie, indem er ihr Bild +verändert+.

Beides entwickelt sich zur großen Tradition, aber die eine ist das

Ergebnis von +Bildung+, die andere das von +Zucht+. Dies ist

ein grundlegender Unterschied zwischen beiden Ständen, weshalb nur

der eine wirklicher Stand ist und der andere durch den aufs äußerste

getriebenen Gegensatz dazu als Stand +erscheint+. Zucht, Züchtung

erstreckt sich auf das Blut und geht von den Vätern zu den Söhnen

weiter. Bildung aber setzt Begabung voraus, und deshalb ist ein echtes

und starkes Priestertum stets eine Sammlung von Einzelbegabungen --

eine Wachseinsgemeinschaft -- ohne Rücksicht auf Herkunft im Rassesinne

und auch darin eine Verneinung von Zeit und Geschichte. Geistesverwandt

und blutsverwandt -- man vertiefe sich in den Unterschied dieser

Worte. Erbliches Priestertum ist ein Widerspruch in sich selbst.

Im vedischen Indien liegt ihm die Tatsache zugrunde, daß es einen

zweiten Adel gibt, der die priesterlichen Rechte den Begabungen aus

seiner Mitte vorbehält; das Zölibat macht aber anderswo selbst dieser

Grenzüberschreitung ein Ende. Der „Priester im Menschen“ -- mag dieser

Mensch von Adel sein oder nicht -- bedeutet einen Mittelpunkt der

heiligen Kausalität im Weltraume. Die priesterliche Kraft selbst ist

kausaler Natur, von höheren Ursachen bewirkt und als Ursache weiterhin

wirkend. Der Priester ist +der Mittler+ im zeitlos Ausgedehnten,

das zwischen dem Wachsein des Laien und dem letzten Geheimnis

ausgespannt ist, und damit ist das Priestertum aller Kulturen seiner

Bedeutung nach durch deren Ursymbol bestimmt. Die antike Seele verneint

den Raum und bedarf also des Mittlers nicht; deshalb schwand der antike

Priesterstand schon in den Anfängen hin. Der faustische Mensch steht

dem Unendlichen gegenüber und nichts schützt ihn vor der drückenden

Gewalt dieses Aspekts; deshalb hat das gotische Priestertum sich bis

zur Idee des Papsttums gesteigert.

Zwei Anschauungen der Welt, zwei Arten, wie das Blut in den Adern

fließt und das Denken ins tägliche Sein und Tun verflochten wird -- es

sind endlich mit jeder hohen Kultur zwei Moralen entstanden, von denen

jede auf die andere herabblickt: adlige Sitte und geistliche Askese,

die sich wechselseitig als weltlich oder sklavisch verwerfen. Es war

gezeigt worden,[366] wie die eine aus der Burg, die zweite aus Kloster

und Dom hervorgeht, die eine aus dem vollen Dasein mitten im Strom der

Geschichte, die andere abseits davon aus einem reinen Wachsein inmitten

einer gotterfüllten Natur. Späte Zeiten machen sich keine Vorstellung

mehr von der Gewalt dieser ursprünglichen Eindrücke. Das weltliche

und geistliche Standesgefühl sind im Aufstieg begriffen und prägen

sich ein +sittliches Standesideal+, das nur dem Zugehörigen und

diesem nur durch eine lange und strenge Schule erreichbar ist. Der

+große+ Daseinsstrom +fühlt+ sich als Einheit gegenüber dem

Rest, in dem das Blut träge und ohne Takt dahinfließt; die +große+

Wachseinsgemeinschaft +weiß+ sich als Einheit gegenüber dem Rest

der Nichteingeweihten. Das ist die Heldenschar und die Gemeinschaft der

Heiligen.

Es wird immer das große Verdienst Nietzsches bleiben, als erster das

Doppelwesen aller Moral erkannt zu haben.[367] Er hat mit seinen

Begriffen Herren- und Sklavenmoral die Tatsachen nicht richtig

gezeichnet und „das Christentum“ viel zu eindeutig auf die eine Seite

gestellt, aber +das+ liegt klar und stark all seinen Betrachtungen

zugrunde: +Gut und schlecht sind adlige, gut und böse priesterliche

Unterscheidungen.+ Gut und schlecht, die Totembegriffe schon der

primitiven Männerbünde und Sippen, bezeichnen nicht Gesinnungen,

sondern Menschen und zwar nach der Ganzheit ihres lebendigen Seins.

Die Guten sind die Mächtigen, Reichen, Glücklichen. Gut bedeutet

stark, tapfer, von edler Rasse, und zwar im Sprachgebrauch aller

Frühzeiten. Schlecht, feil, elend, gemein im ursprünglichen Sinne

sind die Machtlosen, Besitzlosen, Unglücklichen, Feigen, Geringen,

die Söhne Niemands, wie man im alten Ägypten sagte. Gut und böse, die

Tabubegriffe, werten den Menschen hinsichtlich seines Empfindens und

Verstehens, also seiner +wachen+ Gesinnung und +bewußten+

Handlungen. Gegen die Liebessitte im Rassesinne verstoßen ist gemein;

gegen das Kirchengebot der Liebe fehlen ist böse. Die vornehme Sitte

ist das ganz unbewußte Ergebnis einer langen und beständigen Zucht.

Man lernt sie im Umgang und nicht aus Büchern. Sie ist gefühlter

Takt und nicht Begriff. Die andre Moral aber ist Satzung, nach Grund

und Folge durchaus gegliedert und also lernbar und Ausdruck einer

+Überzeugung+.

Die eine ist durch und durch geschichtlich und erkennt alle

Rangunterschiede und Vorrechte als tatsächlich und gegeben an. Ehre

ist immer Standesehre; eine Ehre der ganzen Menschheit gibt es nicht.

Der Zweikampf steht dem Unfreien nicht zu. Jeder Mensch hat, sei er

Beduine, Samurai oder Korse, Bauer, Arbeiter, Richter oder Räuber,

seine eigenen, verpflichtenden Begriffe von Ehre, Treue, Tapferkeit,

Rache, die auf keine andre Art von Leben anwendbar sind. Jedes Leben

+hat+ Sitte; anders ist es gar nicht zu denken. Schon die Kinder

haben sie, wenn sie spielen. Sie wissen sofort und von selbst,

was sich schickt. Niemand hat diese Regeln gegeben, aber sie sind

da. Sie entstehen ganz unbewußt aus dem „Wir“, das sich durch den

einheitlichen Takt des Kreises gebildet hat. Auch im Hinblick darauf

ist jedes Dasein „in Form“. Jede Menge, die sich aus irgendeinem Anlaß

auf der Straße zusammenballt, hat im Augenblick auch ihre Sitte;

wer sie nicht als selbstverständlich in sich trägt -- „befolgen“

ist schon viel zu verstandesmäßig -- der ist schlecht, gemein, er

gehört nicht dazu. Ungebildete und Kinder besitzen eine erstaunliche

Feinfühligkeit dafür. Kinder haben aber auch den Katechismus zu

lernen. Da erfahren sie von gut und böse, die gesetzt sind und nichts

weniger als selbstverständlich. Sitte ist nicht, was +wahr+ ist,

sondern was +da+ ist. Sie ist gewachsen, angeboren, erfühlt, von

organischer Logik. Moral ist im Gegensatz dazu niemals Wirklichkeit --

sonst wäre alle Welt heilig --, sondern eine ewige Forderung, die über

dem Bewußtsein hängt und zwar der Idee nach über dem aller Menschen,

unabhängig von allen Unterschieden des wirklichen Lebens und der

Geschichte. Deshalb ist jede Moral verneinend, jede Sitte bejahend.

+Ehrlos+ ist hier das Schlimmste, +sündlos+ dort das Höchste.

Der Grundbegriff aller lebendigen Sitte ist die Ehre. Alles andere,

Treue, Demut, Tapferkeit, Ritterlichkeit, Selbstbeherrschung,

Entschlossenheit liegen darin. Und Ehre ist Sache des Blutes, nicht

des Verstandes. Man überlegt nicht -- sonst ist man schon ehrlos.

Die Ehre verlieren heißt für das Leben, die Zeit, die Geschichte

vernichtet sein. Die Ehre des Standes, der Familie, des Mannes und

Weibes, des Volkes und Vaterlands, die Ehre des Bauern, Soldaten,

selbst des Banditen: Ehre bedeutet, daß das Leben in einer Person

etwas wert ist, historischen Rang, Abstand, Adel besitzt. Sie gehört

zur gerichteten Zeit wie die Sünde zum zeitlosen Raume. Ehre im Leibe

haben heißt beinahe so viel wie Rasse haben. Das Gegenteil sind die

Thersitesnaturen, die Kotseelen, der Pöbel: „Tritt mich, aber laß mich

leben.“ Eine Beleidigung hinnehmen, eine Niederlage vergessen, vor

dem Feinde winseln -- das ist alles Zeichen wertlos und überflüssig

gewordenen Lebens und also etwas ganz anderes als priesterliche Moral,

die sich nicht an das wenn auch noch so verächtlich gewordene Leben

klammert, sondern vom Leben und damit der Ehre überhaupt absieht. Es

war schon gesagt worden: jede moralische Handlung ist im tiefsten

Grunde ein Stück Askese und Abtötung des Daseins. Und eben damit steht

sie außerhalb des Lebens und der geschichtlichen Welt.

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Hier muß etwas vorweggenommen werden, was der Weltgeschichte namentlich

in den Spätzeiten der großen Kulturen und der beginnenden Zivilisation

erst ihren Farbenreichtum und die sinnbildliche Tiefe der Ereignisse

gibt. Die Urstände Adel und Priestertum sind der +reinste+

Ausdruck der beiden Lebensseiten, aber nicht der +einzige+. Schon

ganz früh, und im primitiven Zeitalter vielfach vorgedeutet, brechen

noch andere Daseinsströme und Wachseinsverbindungen hervor, in denen

die Symbolik von Zeit und Raum zu lebendigem Ausdruck gelangt und die

erst zusammen mit jenen die ganze Fülle dessen ausmachen, was wir

+soziale Gliederung oder Gesellschaft+ nennen.

Das Priestertum ist mikrokosmisch und tierhaft, der Adel kosmisch

und pflanzenhaft; daher seine tiefe Verbundenheit mit dem Lande. Er

ist selbst eine Pflanze, fest in der Erde wurzelnd, bodenständig und

auch darin ein gesteigertes Bauerntum. Aus dieser Art von kosmischer

Verbundenheit ist die +Idee des Eigentums+ hervorgegangen, die

dem frei im Raume beweglichen Mikrokosmos als solchem ganz fremd

ist. Eigentum ist ein Urgefühl, kein Begriff und es gehört zur Zeit,

zur Geschichte und zum Schicksal und nicht zu Raum und Kausalität.

Begründen läßt es sich nicht, aber es ist da.[368] Das „Haben“

beginnt +mit der Pflanze+ und setzt sich in der Geschichte des

höheren Menschen genau so weit fort, als er Pflanzenhaftes, als er

Rasse in sich hat. Deshalb ist Eigentum im eigentlichsten Sinne immer

+Grundeigentum+ und der Trieb, Erworbenes in Grund und Boden zu

verwandeln, immer das Zeugnis für Menschen von gutem Schlage. Die

Pflanze +besitzt+ den Boden, in dem sie wurzelt. Er ist ihr

Eigentum,[369] das sie mit Verzweiflung ihr ganzes Dasein hindurch

verteidigt, gegen fremde Keime, gegen übermächtige Nachbarpflanzen,

gegen die ganze Natur. So verteidigt ein Vogel das Nest, in dem

er brütet. Die erbittertsten Kämpfe um das Eigentum werden nicht

in den Spätzeiten der großen Kulturen und zwischen Reich und Arm

um bewegliches Gut geführt, sondern hier, in den Anfängen der

Pflanzenwelt. Wer mitten in einem Walde fühlt, wie der schweigende

Kampf um den Boden rings um ihn vor sich geht, Tag und Nacht, ohne

Gnade, den erfaßt ein Grauen vor der Tiefe dieses Triebes, der mit dem

Leben beinahe eins ist. Hier gibt es jahrelanges, zähes, erbittertes

Ringen, aussichtslosen Widerstand des Schwachen gegen den Mächtigen,

der so lange dauert, bis auch der Sieger gebrochen ist, Tragödien, wie

sie sich nur im ursprünglichsten Menschentum wiederholen, wenn ein

altes Bauerngeschlecht von der Scholle, +aus dem Nest+ getrieben

oder eine Familie von adligem Stamm durch das Geld in des Wortes

eigentlichster Bedeutung entwurzelt wird.[370] Die weithin sichtbaren

Kämpfe in den späten Städten haben eine ganz andere Bedeutung,

denn hier, im Kommunismus jeder Art, handelt es sich nicht um das

Erlebnis, sondern den Begriff des Eigentums als eines rein materiellen

Mittels. Verneinung des Eigentums ist nie ein Rassetrieb -- ganz im

Gegenteil --, sondern der doktrinäre Protest des rein geistigen,

städtischen, entwurzelten, das Pflanzenhafte verleugnenden Wachseins

von Heiligen, Philosophen und Idealisten. Der mönchische Einsiedler

wie der wissenschaftliche Sozialist, heiße er Moh Ti, Zenon oder Marx,

verwerfen es aus demselben Grunde, die Menschen von Rasse verteidigen

es aus demselben Gefühl. Auch hier stehen sich Tatsachen und Wahrheiten

gegenüber. Eigentum ist Diebstahl; das ist in denkbar materialistischer

Form der alte Gedanke: Was hülfe es dem Menschen, wenn er die ganze

Welt gewönne und nähme doch Schaden an seiner Seele? Der Priester gibt

mit dem Eigentum etwas Gefährliches und Fremdes, der Adel sich selbst

auf.

Von hier aus entwickelt sich nun ein doppeltes Eigentumsgefühl:

+Haben als Macht und Haben als Beute+. Beides liegt im ursprünglichen

Rassemenschen unvermittelt nebeneinander. Jeder Beduine und Wikinger

will beides zugleich. Der Seeheld ist stets auch Seeräuber; jeder

Krieg geht auch um Besitz und zwar vor allem den Besitz von Land;

nur ein Schritt ist nötig und der Ritter wird zum Raubritter, der

Abenteurer zum Eroberer und König, wie der Normanne Rurik in Rußland

und mancher achäische und etruskische Pirat in homerischer Zeit. In

aller Heldendichtung findet sich neben der starken und natürlichen

Lust am Kampf, an der Macht, am Weibe, und den ungezügelten Ausbrüchen

von Glück, Schmerz, Zorn und Liebe die mächtige Freude am „Haben“.

Als Odysseus in seiner Heimat landet, zählt er zuerst die Schätze im

Boot, und als in der isländischen Saga die Bauern Hjalmar und Ölvarod

sehen, daß der andere keine Güter im Schiff hat, lassen sie sofort

vom Zweikampf ab: ein Tor, wer aus Übermut und um die Ehre kämpft. Im

indischen Heldenepos bedeutet kampflustig soviel wie viehlüstern, und

die „kolonisierenden“ Griechen des 10. Jahrhunderts waren zunächst

Räuber wie die Normannen. Auf dem Meere ist ein fremdes Schiff ohne

weiteres gute Prise. Aber aus den Fehden südarabischer und persischer

Ritter von 200 n. Chr. und den _guerres privées_ der provençalischen

Barone von 1200, die nicht viel mehr waren als Viehdiebstähle,

entwickelt sich mit dem Ende der Feudalzeit der große Krieg mit dem

Ziel der Eroberung von Land und Leuten. Alles das bringt die hohe

adlige Kultur zuletzt in Zucht und Form, während es Priester und

Philosophen verachten.

Diese Urtriebe treten mit steigender Kultur weit auseinander und

geraten unter sich in Kampf. +Die Geschichte davon ist beinahe die

Weltgeschichte.+ Aus dem Machtgefühl stammen +Eroberung, Politik

und Recht+, aus dem Beutegefühl stammen +Handel, Wirtschaft und

Geld+. Recht ist das Eigentum des Mächtigen. Sein Recht ist das

Recht aller. Geld ist die stärkste Waffe des Erwerbenden. Mit ihm

unterwirft er sich die Welt. Die Wirtschaft will einen Staat, der

schwach ist und ihr dient; die Politik fordert die Einordnung des

wirtschaftlichen Lebens in den Machtbereich des Staates: Adam Smith und

Friedrich List, Kapitalismus und Sozialismus. Es gibt in allen Kulturen

am Anfang einen Kriegs- und einen Kaufmannsadel, dann einen Grund- und

Geldadel, zuletzt eine militärische und wirtschaftliche Kriegführung

und einen ununterbrochenen Kampf des Geldes mit dem Rechte.

Auf der anderen Seite trennen sich +Priestertum und

Gelehrsamkeit+. Sie sind beide nicht auf das Tatsächliche, sondern

auf das Wahre gerichtet, beide zur Tabuseite des Lebens und zum Raume

gehörig. Die Furcht vor dem Tode ist nicht nur der Ursprung aller

Religion, sondern auch aller Philosophie und Naturwissenschaft.

Aber der heiligen wird nun die profane Kausalität entgegengestellt.

+Profan+ ist der neue Gegenbegriff zum Religiösen, das die

Gelehrsamkeit nur als Dienerin geduldet hatte. Profan ist die

gesamte späte Kritik, ihr Geist, ihre Methode und ihr Ziel. Auch die

späte Theologie macht davon keine Ausnahme; aber trotzdem bewegt

sich die Gelehrsamkeit aller Kulturen durchaus in den Formen des

voraufgegangenen Priestertums und beweist damit, daß sie nur aus

dem Widerspruch erwachsen und von dem Urbild in allem und jedem

abhängig ist und bleibt. Die antike Wissenschaft lebt deshalb

in Kultgemeinden orphischen Stils wie die milesische Schule, der

Pythagoräerbund, die Ärzteschulen von Kroton und Kos, die attischen

Schulen der Akademie, des Peripatos und der Stoa, deren Schulhäupter

insgesamt zum Typus des Opferpriesters und Sehers gehören, bis zu

den römischen Rechtsschulen der Sabinianer und Proculianer. Arabisch

ist auch in der Wissenschaft das heilige Buch, der Kanon wie der

naturwissenschaftliche des Ptolemäos (Almagest), der medizinische

des Ibn Sina, das philosophische Korpus des „Aristoteles“ mit vielen

unechten Stücken, und dazu wieder meist ungeschriebene Zitiergesetze

und -methoden,[371] der Kommentar als Form des Gedankenfortschritts,

die Hochschulen als Klosteranlagen (Medressen), welche den Lehrern

und Hörern eine Zelle, Kost und Kleidung gewährten, und die gelehrten

Richtungen als Bruderschaften. Die Gelehrtenwelt des Abendlandes

besitzt durchaus die Gestalt der katholischen Kirche, besonders in

den protestantischen Gebieten. Den Übergang von den gelehrten Orden

der gotischen Zeit zu den ordensartigen Schulen des 19. Jahrhunderts,

wie die Hegel-, Kant- und historische Rechtsschule, aber auch manche

englischen Colleges, bilden die Mauriner und Bollandisten Frankreichs,

die seit 1650 die historischen Hilfswissenschaften beherrscht und zum

Teil begründet haben. Es gibt in allen Fachwissenschaften, Medizin

und Kathederphilosophie einbegriffen, eine ausgebildete Hierarchie

mit Schulpäpsten, Graden, Würden -- der Doktor als die Priesterweihe

--, Sakramenten und Konzilen. Der Laienbegriff wird schroff aufrecht

erhalten und das allgemeine Priestertum der Gläubigen in Gestalt

der populären Wissenschaft wie der darwinistischen leidenschaftlich

bekämpft. Die Gelehrtensprache war ursprünglich das Latein; heute haben

sich überall Fachsprachen ausgebildet, die z. B. auf dem Gebiete der

Radioaktivität oder im Obligationenrecht nur noch dem verständlich

sind, der die höheren Weihen empfangen hat. Es gibt Sektenstifter wie

manche Jünger Kants und Hegels, eine Mission unter Ungläubigen wie

die der Monisten, Ketzer wie Schopenhauer und Nietzsche, den großen

Bann und als Index eine Übereinkunft des Schweigens. Es gibt ewige

Wahrheiten wie die Teilung der Rechtsobjekte in Personen und Sachen,

und Dogmen wie das von Energie und Masse und die Vererbungstheorie,

einen Ritus des Zitierens rechtgläubiger Schriften und eine Art von

wissenschaftlicher Seligsprechung.[372]

Dazu kommt, daß der Typus des abendländischen Gelehrten, der um die

Mitte des 19. Jahrhunderts seinen Höhepunkt erreichte -- gleichzeitig

mit dem Tiefpunkt des Priestertypus --, auch die Gelehrtenstube als

Zelle eines profanen Mönchtums und die unbewußten Gelübde dieses

Mönchtums zu hoher Vollendung gebracht hat: Armut in Gestalt einer

ehrlichen Geringschätzung von Wohlleben und Besitz, in Verbindung mit

der ungeheuchelten Verachtung des kaufmännischen Berufs und jeder

Verwertung wissenschaftlicher Ergebnisse zum Gelderwerb, Keuschheit

bis zur Entwicklung eines Gelehrtenzölibats, dessen Vorbild und Gipfel

Kant ist, Gehorsam bis zur Aufopferung für den Standpunkt der Schule.

Dazu kommt endlich eine Art von Weltfremdheit, welche der profane

Nachhall der gotischen Weltflucht ist und zur Geringschätzung fast des

gesamten öffentlichen Lebens und aller Formen der guten Gesellschaft

geführt hat: wenig Zucht und viel zu viel Bildung. Was für den Adel

auch noch in seinen späten Verzweigungen, für den Richter, Gutsbesitzer

und Offizier die naturwüchsige Freude an der Fortdauer des Stammes, an

Besitz und Ehre ist, das scheint ihm gering gegenüber dem Besitz eines

reines Gelehrtengewissens und der Fortdauer einer Methode oder Einsicht

fern von allen Händeln der Welt. Daß der Gelehrte heute aufgehört hat,

weltfremd zu sein, und die Wissenschaft oft mit großem Verständnis in

den Dienst der Technik und des Geldverdienens stellt, ist ein Zeichen

dafür, daß der reine Typus im Abstieg begriffen ist, und daß also die

große Zeit des Verstandesoptimismus, dessen lebendiger Ausdruck er ist,

bereits der Vergangenheit angehört.

Aus alledem ergibt sich ein natürlicher Aufbau der Stände, der in

seiner Entwicklung und Wirkung das Grundgerüst im Lebenslauf einer

jeden Kultur bildet. Kein Entschluß hat ihn geschaffen und kann ihn

abändern; Revolutionen ändern ihn nur, wenn sie Formen der Entwicklung

und nicht Ergebnis eines privaten Willens sind: er kommt dem handelnden

und denkenden Menschen in seiner letzten kosmischen Bedeutung gar nicht

zum Bewußtsein, weil er zu tief im menschlichen Dasein liegt und also

selbstverständlich ist; nur dem Oberflächenbild werden die Schlagworte

und Anlässe entnommen, um die man in jener Seite der Geschichte kämpft,

die von der Theorie als sozial abgetrennt wird und sich in Wirklichkeit

doch gar nicht trennen läßt. +Adel und Priestertum+ erwachsen

zuerst aus dem freien Lande und stellen die reine Symbolik von Dasein

und Wachsein, Zeit und Raum dar: aus den Seiten des Beutemachens und

Grübelns entwickelt sich dann ein doppelter Typus von geringerer

Symbolik, der in städtischen Spätzeiten in Gestalt von +Wirtschaft

und Wissenschaft+ zur Vormacht aufsteigt. In diesen beiden

Daseinsströmen sind rücksichtslos und traditionsfeindlich die Ideen von

Schicksal und Kausalität zu Ende gedacht; es entstehen Mächte, die eine

Todfeindschaft von den Standesidealen des Heldentums und der Heiligkeit

trennt: +das Geld und der Geist+. Sie verhalten sich beide zu

jenen wie die Seele der Stadt zu der des Landes. Eigentum heißt von

nun an Reichtum und Weltanschauung Wissen: entheiligtes Schicksal

und profane Kausalität. Aber auch Wissenschaft und Adel sind ein

Widerspruch. Der Adel beweist und forscht nicht, sondern +ist+.

Es ist bürgerlich-unvornehm, das _de omnibus dubitandum_, aber es

widerspricht andrerseits auch dem Grundgefühl des Priestertums, das

die Kritik in eine dienende Rolle verweist. Weiterhin stößt die reine

Wirtschaft hier auf eine asketische Moral, die den Geldgewinn verwirft,

so wie ihn der echte auf seinem Boden sitzende Adel verachtet. Selbst

der alte Kaufmannsadel ist vielfach zugrunde gegangen, z. B. in den

Hansastädten und in Venedig und Genua, weil er die unbedenklichen

Formen des großstädtischen Geschäfts aus Tradition nicht mitmachen

wollte oder konnte. Und endlich stehen Wirtschaft und Wissenschaft

selbst sich feindselig gegenüber und wiederholen in dem Kampfe zwischen

Geldgewinn und Erkenntnis, zwischen +Kontor und Gelehrtenstube+,

geschäftlichem und doktrinärem Liberalismus die alte große Gegnerschaft

von Handeln und Schauen, Burg und Dom. In irgend einer Gestalt

wiederholt sich diese Gliederung im Aufbau jeder Kultur und macht

damit eine vergleichende Morphologie auch im Sozialen möglich.

Ganz außerhalb der echten Standesordnung stehen überall die

+Berufsklassen+ der Handwerker, Beamten, Künstler und Arbeiter,

die z. B. in den Gilden der Schmiede (China), Schreiber (Ägypten)

und Sänger (Antike) bis in die Urzeit zurückreichen und zuweilen

infolge der beruflichen, bis zur Aufhebung des Conubiums gehenden

Absonderung zu wirklichen Volksstämmen geworden sind wie die Falascha

Abessiniens[373] und mehrere der im Gesetzbuch des Manu aufgezählten

Tschudraklassen. Ihre Sonderung beruht auf bloßen technischen

Fertigkeiten und also nicht auf der Symbolik von Zeit und Raum; ihre

Tradition beschränkt sich ebenfalls auf Technik und nicht auf eine

+eigne+ Sitte oder Moral, wie sie in Wirtschaft und Wissenschaft

durchaus vorhanden ist. Weil sie sich vom Adel ableiten, sind Offiziere

und Richter Stände, die Beamten ein Beruf; weil vom Priestertum

abgeleitet, ist der Gelehrte ein Stand, der Künstler ein Beruf.

Ehrgefühl und Gewissen haften dort am Stande, hier an der Leistung.

Es ist etwas Symbolisches, mag es auch noch so schwach sein, in der

Gesamtheit der ersten, was den letzten fehlt. Infolgedessen haftet

ihnen etwas Fremdes, Regelloses, oft etwas Verächtliches an; man denke

an den Scharfrichter, Schauspieler und fahrenden Sänger oder die

antike Einschätzung des bildenden Künstlers. Ihre Klassen und Gilden

sondern sich von der Gesellschaft ab oder suchen den Schutz der andern

Stände -- oder einzelner Patrone und Mäcene --, aber einfügen können

sie sich ihnen nicht, was in den Zunftkriegen der alten Städte und

den gesellschaftsfeindlichen Trieben und Gewohnheiten jeder Art von

Künstlerschaft zum Ausdruck kommt.

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Der Untergang des Abendlandes, Zweiter Band · 第 40 / 62 段