Leben der Kultur und ihre Symbolik nicht in Betracht kommt und von
dem bei jeder bedeutungsvollen Einteilung von vornherein abgesehen
wird, etwa das, was man heute in Ostasien _outcast_ nennt. In dem
gotischen Begriff des _corpus christianum_ ist ausgesprochen,
daß der jüdische Konsensus +nicht+ dazu gehört. Innerhalb
der arabischen Kultur ist im Bereiche der jüdischen, persischen,
christlichen und vor allem islamischen Nation der Andersgläubige nur
geduldet und im übrigen mit Verachtung seiner eigenen Verwaltung und
Rechtsprechung überlassen. In der Antike sind „_outcast_“ nicht
nur Barbaren, sondern in gewissem Sinne auch die Sklaven, vor allem
aber Reste der Urbevölkerung wie die Penesten in Thessalien und die
Heloten in Sparta, deren Behandlung durch ihre Herren wieder an die
Haltung der Normannen im angelsächsischen England und der Ordensritter
im slawischen Osten erinnert. Im Gesetzbuch des Manu erscheinen als
Namen von Tschudraklassen alte Völkernamen des „Kolonialgebiets“ am
unteren Ganges, darunter Magadha -- danach könnte Buddha so gut wie
der Cäsar Asoka, dessen Großvater Tschandragupta von niedrigster
Herkunft war, ein Tschudra gewesen sein -- andre sind Namen von Berufen
und das erinnert daran, daß auch im Abendland und anderswo gewisse
Berufe _outcast_ waren, so die Bettler -- bei Homer ein Stand! --
Schmiede, Sänger und die berufsmäßig Erwerbslosen, die in frühgotischer
Zeit durch die Caritas der Kirche und die Wohltätigkeit frommer Laien
in Massen förmlich gezüchtet worden sind.
Aber endlich ist Kaste überhaupt ein Wort, das weniger gebraucht als
mißbraucht worden ist. Kasten haben im Ägypten des Alten und Mittleren
Reiches ebensowenig bestanden wie im vorbuddhistischen Indien und in
China vor der Hanzeit. Erst in sehr späten Zuständen tauchen sie auf,
dann aber auch in allen Kulturen. Von der 21. Dynastie an (um 1100)
befindet sich Ägypten bald in den Händen der thebanischen Priester-,
bald der libyschen Kriegerkaste, und die Erstarrung ist dann beständig
fortgeschritten bis zu den Tagen Herodots, der den Zustand seiner
Zeit ebenso falsch als spezifisch ägyptisch betrachtet hat, wie wir
den indischen. +Stand und Kaste unterscheiden sich wie früheste
Kultur und späteste Zivilisation.+ In der Heraufkunft der Urstände
Adel und Priestertum entfaltet sich die Kultur, in den Kasten drückt
sich das endgültige Fellachentum aus. Der Stand ist das Lebendigste
von allem, Kultur in Vollendung begriffen, „geprägte Form, die lebend
sich entwickelt“; die Kaste ist das absolute Fertigsein, die Zeit der
Vollendung als unbedingte Vergangenheit.
Die großen Stände sind aber auch etwas ganz andres als die
+Berufsgruppen+ etwa der Handwerker, Beamten, Künstler, die
durch technische Tradition und den Geist ihrer Arbeit zunftmäßig
zusammengehalten werden: nämlich +Symbole in Fleisch und Blut+,
deren gesamtes Sein nach Erscheinung, Haltung und Denkart sinnbildliche
Bedeutung besitzt. Und zwar ist innerhalb jeder Kultur das Bauerntum
ein reines Stück Natur und Wachstum und also +unpersönlicher+
Ausdruck, Adel und Priestertum aber das Ergebnis einer hohen Zucht
und Bildung und also Ausdruck einer +ganz persönlichen Kultur+,
die nicht nur den Barbaren, den Tschudra, sondern nun auch alle
andern dem Stand nicht Zugehörigen +als Rest+, vom Adel aus
gesehen als „Volk“, vom Priester aus als Laientum durch die Höhe der
Form abweist. Und dieser +Stil der Persönlichkeit+ ist es, der
im Fellachentum versteinert und zum Typus einer Kaste wird, die nun
unverändert durch alle Jahrhunderte fortbesteht. Wenn innerhalb der
lebendigen Kultur sich Rasse und Stand als das unpersönliche und
persönliche gegenüberstehen, so in Fellachenzeiten +die Masse und die
Kaste+, der Kuli und der Brahmane oder Mandarin als +das Formlose
und das Förmliche+. Die lebendige Form ist zur Formel geworden, die
ebenfalls Stil besitzt, aber stilvolle Starrheit, den versteinerten
Stil der Kaste, etwas von höchster Feinheit, Würde und Durchgeistigung,
den im Werden begriffenen Menschen einer Kultur sich unendlich
überlegen fühlend -- wir machen uns kaum eine Vorstellung davon, aus
welcher Höhe ein Mandarin oder Brahmane auf europäisches Denken und Tun
herabblickt, und wie gründlich die ägyptischen Priester ihre Besucher
wie Pythagoras und Platon verachtet haben müssen -- aber unbewegt durch
alle Zeiten schreitend mit der byzantinischen Erhabenheit einer Seele,
die alle Rätsel und Probleme längst hinter sich hat.
2
In karolingischer Vorzeit unterschied man Knechte, Freie und Edle.
Das ist ein primitiver Rangunterschied auf Grund bloßer Tatsachen
des äußeren Lebens. In frühgotischer Zeit heißt es in Freidanks
Bescheidenheit:
Got hât driu leben geschaffen,
Gebûre, ritter, phaffen.
Das sind Standesunterschiede einer hohen, eben erwachenden Kultur. Und
zwar stehen „Stola und Schwert“ dem Pfluge gegenüber als die Stände im
anspruchsvollsten Sinne dem Übrigen, dem Nichtstand, dem was ebenfalls
Tatsache ist, aber ohne tiefere Bedeutung. Der innere, gefühlte Abstand
ist so schicksalhaft und gewaltig, daß kein Verstehen hinüberführt. Haß
quillt aus den Dörfern empor, Verachtung strahlt von den Burgen zurück.
Weder Besitz noch Macht noch Beruf haben diesen Abgrund zwischen den
„Leben“ aufgerichtet. Er läßt sich logisch überhaupt nicht begründen.
Er ist metaphysischer Natur.
Später erscheint mit der Stadt, aber jünger als diese, +das
Bürgertum+, der „dritte Stand“. Auch der Bürger sieht jetzt
verächtlich auf das Land herab, das dumpf, unverändert, Geschichte
duldend um ihn liegt, dem gegenüber er sich wacher und freier und
deshalb fortgeschrittener auf dem Wege der Kultur empfindet. Er
verachtet auch die Urstände, „Junker und Pfaffen“, als etwas das
geistig unter ihm und geschichtlich hinter ihm liegt. Aber den
beiden Urständen gegenüber ist der Bürger wie der Bauer ein Rest,
ein Nichtstand. Der Bauer zählt im Denken der „Privilegierten“ kaum
noch mit. Der Bürger zählt, aber als Gegensatz und Hintergrund. Er
ist das, woran die andern sich ihrer jenseits alles Praktischen
liegenden Bedeutung bewußt werden. Wenn das in allen Kulturen in genau
derselben Form der Fall ist und der Gang der Geschichte sich überall
in und mit den Gegensätzen dieser Gruppen vollzieht, so daß triebhafte
Bauernkriege die Frühzeit, geistig begründete Bürgerkriege die Spätzeit
durchsetzen -- mag die Symbolik der einzelnen Kulturen sonst noch so
verschieden sein --, so muß der Sinn dieser Tatsache in den letzten
Gründen des Lebens selbst gesucht werden.
Es ist eine +Idee+, welche den beiden Urständen +und ihnen
allein+ zugrunde liegt. Sie gibt ihnen das mächtige Gefühl eines von
Gott verliehenen und deshalb aller Kritik enthobenen Ranges, welche
Selbstachtung und Selbstbewußtsein, aber auch die härteste Selbstzucht,
unter Umständen selbst den Tod zur Pflicht macht und beiden die
geschichtliche Überlegenheit, den Zauber der Seele verleiht, der Macht
nicht voraussetzt, sondern erzeugt. Menschen, welche diesen Ständen
innerlich und nicht nur dem Namen nach angehören, sind wirklich etwas
andres als der Rest; ihr Leben ist im Gegensatz zum bäuerlichen und
bürgerlichen durch und durch von einer sinnbildlichen Würde getragen.
Es ist nicht da, um geführt zu werden, sondern um Bedeutung zu haben.
Es sind die beiden Seiten alles frei beweglichen Lebens, die in diesen
Ständen zum Ausdruck gelangen, +von denen der eine ganz Dasein, der
andre ganz Wachsein ist+.
Jeder Adel ist ein lebendiges Symbol +der Zeit+, jede
Priesterschaft eins +des Raumes+. Schicksal und heilige
Kausalität, Geschichte und Natur, das Wann und das Wo, Rasse und
Sprache, Geschlechtsleben und Sinnenleben: das alles kommt darin zum
höchst möglichen Ausdruck. Der Adel lebt in einer Welt von Tatsachen,
der Priester in einer Welt von Wahrheiten; jener ist Kenner, dieser
Erkenner, jener Täter, dieser Denker. Aristokratisches Weltgefühl ist
durch und durch Takt, priesterliches verläuft durchaus in Spannungen.
Zwischen den Zeiten Karls des Großen und Konrads II. hat sich im
Strome des Daseins etwas herausgebildet, das man nicht erklären kann,
sondern fühlen muß, um den Anbruch einer neuen Kultur zu verstehen.
Edle und Geistliche gab es längst, Adel und Priestertum im großen
Sinne und mit der vollen Wucht sinnbildlicher Bedeutsamkeit gibt es
erst jetzt und nicht für lange Zeit.[361] Die Gewalt dieser Symbolik
ist so groß, daß zunächst jeder andre Unterschied nach Landschaften,
Völkern und Sprachen dagegen zurücktritt. Die gotische Geistlichkeit
bildet durch alle Länder hin, von Irland bis nach Kalabrien, eine
einzige große Gemeinschaft; die frühantike Ritterschaft vor Troja und
die frühgotische vor Jerusalem wirken wie +eine+ große Familie.
Die altägyptischen Gaue und die Lehnsstaaten der ersten Dschouzeit
erscheinen den Ständen gegenüber +deshalb+ als matte Gebilde
ganz wie das Burgund und Lothringen der Stauferzeit. Kosmopolitisches
gibt es am Anfang und am Ende einer Kultur, aber dort, weil die
sinnbildliche Gewalt der ständischen Formen noch über die der Nationen
hinausragt, hier weil die formlose Masse unter sie herabsinkt.
Beide Stände schließen sich der Idee nach aus. Der Urgegensatz von
Kosmischem und Mikrokosmischem, der alle frei im Raum beweglichen
Wesen durchdringt, liegt auch ihrem Doppeldasein zugrunde. Jeder ist
nur durch den andern möglich und notwendig. In der homerischen Welt
herrscht feindliches Schweigen über die orphische, und jene wird für
diese, wie die vorsokratischen Denker bezeugen, ein Gegenstand des
Zorns und der Verachtung. In gotischer Zeit sind die reformatorischen
Geister den Renaissancenaturen in heiliger Begeisterung in den Weg
getreten, Staat und Kirche sind nie zu einem Ausgleich gekommen, und
dieser Gegensatz hat sich in dem Kampf zwischen Kaisertum und Papsttum
zu einer Höhe gesteigert, die nur dem faustischen Menschen möglich war.
Und zwar ist der Adel +der eigentliche Stand+, der Inbegriff von
Blut und Rasse, ein Daseinsstrom in denkbar vollendeter Form. Adel ist
eben damit höheres Bauerntum. Noch um 1250 galt weithin im Abendlande
der Spruch: „Wer morgens ackert, reitet nachmittags zum Turnier“ und
die Sitte, daß Ritter Bauerntöchter freiten. Die Burg ist im Gegensatz
zum Dom auf dem Wege über den ländlichen Edelsitz etwa der Frankenzeit
aus dem Bauernhause herangewachsen. In den isländischen Sagas werden
Bauernhöfe wie Burgen belagert und erstürmt. Adel und Bauerntum sind
ganz pflanzenhaft und triebhaft, tief im Stammlande wurzelnd, im
Stammbaum sich fortpflanzend, züchtend und gezüchtet. Im Vergleich
dazu ist das Priestertum der eigentliche Gegenstand, der Stand des
Verneinens, die Nichtrasse, die Unabhängigkeit vom Boden; das freie,
zeitlose, geschichtslose Wachsein. In jedem Bauerndorf von der
Steinzeit bis zu den Höhepunkten der Kultur, in jedem Bauerngeschlecht
spielt sich Weltgeschichte im Kleinen ab. Es sind statt der Völker
Familien, statt der Länder Höfe, aber die letzte Bedeutung dessen,
um das hier wie dort gekämpft wird, ist dieselbe: die Erhaltung des
Blutes, die Geschlechterfolge, das Kosmische, das Weib, die Macht.
Macbeth und König Lear hätten auch als Dorftragödien erdacht werden
können; das ist ein Beweis von echter Tragik. In allen Kulturen
erscheinen Adel und Bauerntum in der Form von +Geschlechtern+, und
das Wort dafür berührt sich in allen Sprachen mit der Bezeichnung der
beiden Geschlechter, durch die das Leben sich fortpflanzt, Geschichte
hat und Geschichte macht. Und da das Weib Geschichte +ist+, so
bestimmt sich der innere Rang von Bauern- und Adelsgeschlechtern
danach, wieviel Rasse ihre Frauen haben, bis zu welchem Grade
sie Schicksal +sind+. Deshalb liegt ein tiefer Sinn in der
Tatsache, daß Weltgeschichte, je echter und rassehafter sie ist, um
so mehr den Strom des öffentlichen Lebens in das Privatleben großer
Einzelgeschlechter hinüberleitet und ihm einordnet. Eben darauf beruht
das dynastische Prinzip, aber auch der Begriff der welthistorischen
Persönlichkeit. Die Schicksale ganzer Staaten werden von dem zu
ungeheuren Dimensionen gesteigerten Privatschicksal Weniger abhängig.
Die Geschichte Athens im 5. Jahrhundert ist zum großen Teil die der
Alkmäoniden, die Geschichte Roms die von einigen Geschlechtern von
der Art der Fabier und Claudier. Die Staatengeschichte des Barock
ist im Umriß identisch mit den Wirkungen der habsburgischen und
bourbonischen Familienpolitik, und ihre Krisen haben die Form von
Heiraten und Erbfolgekriegen. Die Geschichte von Napoleons zweiter
Ehe umfaßt auch den Brand von Moskau und die Schlacht bei Leipzig.
Die Geschichte des Papsttums ist bis ins 18. Jahrhundert hinein die
Geschichte einiger Adelsgeschlechter, welche die Tiara erstrebten, um
einen fürstlichen Familienbesitz zu gründen. Aber das gilt auch von
byzantinischen Würdenträgern und von englischen Premierministern, wie
die Familiengeschichte der Cecils zeigt, und sogar noch von sehr vielen
Führern großer Revolutionen.
Alles das wird vom Priestertum verneint und also auch von der
Philosophie, soweit sie Priestertum ist. Der Stand des reinen
Wachseins und der ewigen Wahrheiten richtet sich gegen die Zeit,
die Rasse, das Geschlecht in jedem Sinne. Der Mann als Bauer oder
Ritter ist dem Weibe als dem Schicksal zu-, der Mann als Priester
ist ihm abgewandt. Der Adel ist stets in Gefahr, das öffentliche
Leben im Privatleben verschwinden zu lassen, indem er den breiten
Daseinsstrom in das Bett des kleineren seiner Ahnen und Enkel leitet.
Der echte Priester erkennt das Privatleben, das Geschlecht, das
„Haus“ der Idee nach überhaupt nicht an. Für den Menschen von Rasse
ist erst der Tod ohne Erben der wahre und furchtbare Tod, wie die
isländischen Sagas so gut als der chinesische Ahnenkult lehren. Wer
in Söhnen und Enkeln fortlebt, stirbt nicht ganz. Aber für den wahren
Priester gilt das _media vita in morte sumus_: Sein Erbe ist
geistig und verwirft den Sinn des Weibes. Die überall wiederkehrenden
Erscheinungsformen dieses zweiten Standes sind die Ehelosigkeit, das
Kloster, die Bekämpfung des Geschlechtlichen bis zur Selbstentmannung,
die Verachtung des Muttertums, die sich im Orgiasmus und der heiligen
Prostitution ausspricht und in der begrifflichen Herabwürdigung des
Geschlechtslebens bis zu jener unflätigen Definition der Ehe durch
Kant.[362] Für die gesamte Antike gilt das Gesetz, daß im heiligen
Tempelbezirk, dem Temenos, niemand geboren werden und sterben darf.
Das Zeitlose darf mit der Zeit nicht in Berührung kommen. Es ist
möglich, daß ein Priester die großen Augenblicke von Zeugung und Geburt
begrifflich anerkennt und durch Sakramente ehrt, aber erleben darf er
sie nicht.
Denn der Adel +ist+ etwas, das Priestertum +bedeutet+ etwas.
Auch damit erscheint es als das Gegenteil von allem, was Schicksal,
Rasse, Stand ist. Auch die Burg mit ihren Gemächern, Türmen, Wällen und
Gräben redet von einem mächtig strömenden Sein; der Dom mit Wölbung,
Pfeilern und Chor aber ist durch und durch Bedeutung, nämlich Ornament;
und jede alte Priesterschaft hat sich zu einer wundervoll schweren und
prächtigen Art von Haltung entwickelt, in welcher jeder Zug von Miene
und Tonfall bis zu Tracht und Gang Ornament ist, und das Privatleben,
auch das Innenleben als wesenlos verschwindet, während gerade im
Gegenteil eine reife Aristokratie, wie die französische des 18.
Jahrhunderts, ein vollendetes Leben zur Schau stellt. Wenn gotisches
Denken aus der Idee des Priesters den _character indelebilis_
entwickelte, wonach die Idee unzerstörbar und in ihrer Würde von
der Lebensführung ihres Trägers in der Welt als Geschichte gänzlich
unabhängig ist, so gilt das unausgesprochen von jedem Priestertum und
also auch von aller Philosophie im Sinne der Schulen. Hat ein Priester
Rasse, so führt er ein äußeres Dasein wie jeder Bauer, Ritter oder
Fürst. Die Päpste und Kardinäle der gotischen Zeit waren Lehnsfürsten,
Heerführer, Jagdfreunde, Liebhaber und trieben Familienpolitik. Unter
den Brahmanen des vorbuddhistischen „Barock“ gab es Großgrundbesitzer,
gepflegte Abbés, Hofleute, Verschwender, Feinschmecker,[363] aber
gerade die Frühzeit hat im Priestertum die Idee von der Person zu
unterscheiden gewußt, was dem Wesen des Adels gänzlich widerspricht,
und erst die Aufklärung beurteilte den Priester nach seinem
Privatleben, nicht weil ihre Augen schärfer sahen, sondern weil ihr die
Idee abhanden gekommen war.
Der Adlige ist der +Mensch als Geschichte+, der Priester +der
Mensch als Natur+. Geschichte großen Stils ist immer Ausdruck und
Nachwirkung des Daseins einer adligen Gemeinschaft gewesen, und der
innere Rang der Ereignisse bestimmt sich nach dem Takt in diesem
Daseinsstrom. Das ist der Grund, weshalb die Schlacht von Cannä
viel und die Schlachten spätrömischer Kaiser gar nichts bedeuten.
Der Anbruch einer Frühzeit sieht regelmäßig auch die Geburt eines
Uradels -- der Fürst wird als _primus inter pares_ empfunden
und mit Mißtrauen betrachtet, denn eine starke Rasse hat den großen
Einzelnen nicht nötig; er stellt ihren Wert sogar in Frage, und
deshalb sind Vasallenkriege die vornehmste Form, in der frühzeitliche
Geschichte sich vollzieht -- und dieser Adel hat fortan das Schicksal
der Kultur in Händen. Hier wird in schweigender und deshalb um so
nachdrücklicherer Gestaltungskraft das Dasein in Form gebracht,
der Takt im Blute herangebildet und gefestigt und zwar +für alle
Zukunft+. Denn was für jede Frühzeit dieser schöpferische Aufstieg
zur lebendigen Form, das ist für jede Spätzeit +die Macht der
Tradition+, nämlich die alte und feste Zucht, der sicher gewordene
Takt von solcher Stärke, daß er das Absterben der alten Geschlechter
überdauert und unaufhörlich neue Menschen und Daseinsströme aus der
Tiefe in seinen Bann zieht. Es kann gar nicht bezweifelt werden, daß
alle Geschichte später Zeitalter nach Form, Takt und Tempo schon in den
ersten Generationen und zwar unwiderruflich angelegt ist. Ihre Erfolge
sind genau so groß wie die Macht der im Blute liegenden Tradition.
Es ist in der Politik wie in jeder großen und reifen Kunst: Erfolge
setzen voraus, daß das Dasein vollkommen in Form ist, daß der große
Schatz uralter Erfahrungen Instinkt und Trieb geworden ist und ebenso
unbewußt als selbstverständlich. Eine andere Art von Meisterschaft
gibt es nicht; der große Einzelne ist nur dadurch Herr der Zukunft und
mehr als ein Zwischenfall, daß er in dieser Form und aus ihr heraus
wirkt oder wirkend gemacht wird, Schicksal ist oder Schicksal hat.
Das unterscheidet notwendige und überflüssige Kunst und also auch
+historisch notwendige und überflüssige Politik+. Mögen dann
noch so viel Männer aus dem Volk -- das ist hier der Inbegriff der
Traditionslosen -- in die leitende Schicht gelangen, mögen sie endlich
sogar allein übrig sein, sie selbst sind ahnungslos besessen von dem
großen Schwung der Tradition, die ihre geistige und praktische Haltung
formt, ihre Methoden regelt und die nichts ist als der Takt längst
erstorbener Geschlechterfolgen.
Zivilisation aber -- wirkliche Rückkehr zur Natur -- ist das Erlöschen
des Adels nicht als Stamm, was von geringer Bedeutung wäre, sondern
als lebendiger Tradition, und der Ersatz des schicksalhaften Taktes
durch kausale Intelligenz. Der Adel ist dann nur noch Prädikat; aber
zivilisierte Geschichte ist eben damit Oberflächengeschichte, auf
zerstreute und nahe Zwecke gerichtet und also formlos im Kosmischen
geworden, vom Zufall der großen Einzelnen abhängig, ohne innere
Sicherheit, ohne Linie, ohne Sinn. Mit dem Cäsarismus kehrt die
Geschichte wieder ins Geschichtslose zurück, in den primitiven Takt der
Urzeit und zu den ebenso endlosen als bedeutungslosen Kämpfen um die
materielle Macht, welche die Zeit der römischen Soldatenkaiser des 3.
Jahrhunderts und der ihnen entsprechenden „sechzehn Staaten“ Chinas
(265-420) von den Ereignissen im Wildbestand eines Waldes nur noch
unwesentlich unterscheidet.
3
Und daraus folgt, daß echte Geschichte +nicht+ „Kulturgeschichte“
in dem antipolitischen Sinne ist, wie er unter Philosophen und
Doktrinären jeder beginnenden Zivilisation und also gerade heute
wieder beliebt wird, sondern ganz im Gegenteil Rassegeschichte,
Kriegsgeschichte, diplomatische Geschichte, das Schicksal von
Daseinsströmen in Gestalt von Mann und Weib, Geschlecht, Volk, Stand,
Staat, die sich im Wellenschlag der großen Tatsachen verteidigen und
gegenseitig überwältigen wollen. +Politik im höchsten Sinne ist
Leben und Leben ist Politik.+ Jeder Mensch, er mag wollen oder
nicht, ist Glied dieses kämpfenden Geschehens, als Subjekt oder Objekt;
etwas drittes gibt es nicht. Das Reich des Geistes ist +nicht+
von dieser Welt, gewiß, aber es setzt sie voraus, wie das Wachsein
das Dasein voraussetzt; es ist nur möglich als ein beständiges
Nein+sagen+ zur Wirklichkeit, die eben und trotzdem +da+
ist. Die Rasse kann des Sprache entbehren, aber schon das Sprechen
der Sprache ist Rasseausdruck,[364] und ebenso ist alles, was in der
Geistes+geschichte+ erfolgt -- daß es eine solche Geschichte
überhaupt gibt, beweist schon die Macht des Blutes über das Empfinden
und Verstehen -- alle Religionen, alle Künste, alle Gedanken, weil
sie tätiges Wachsein in Form sind, mit allen ihren Entwicklungen,
ihrer ganzen Symbolik, ihrer ganzen Leidenschaft Ausdruck auch noch
des Blutes, das diese Formen im Wachsein ganzer Geschlechterfolgen
durchströmt. Ein Held braucht von dieser zweiten Welt gar nichts zu
ahnen, er ist Leben durch und durch, aber ein Heiliger kann nur durch
die strengste Askese das Leben in sich niederzwingen, um mit seinem
Geist allein zu sein -- und die Kraft dazu ist doch wieder das Leben
selbst. Der Held verachtet den Tod und der Heilige verachtet das Leben,
aber da dem Heroismus der großen Asketen und Märtyrer gegenüber die
Frömmigkeit der meisten von der Art ist, von welcher es in der Bibel
heißt: „Weil Du weder kalt noch warm bist, will ich Dich ausspeien aus
meinem Munde“, so entdeckt man, daß selbst Größe im Religiösen Rasse
voraussetzt, ein starkes Leben, an dem es etwas zu überwinden gibt --
der Rest ist bloße Philosophie.
Aber deshalb ist auch Adel im welthistorischen Sinne unendlich
viel mehr, als bequeme Spätzeiten gelten lassen, nämlich nicht
eine Summe von Titeln, Rechten und Zeremonien, sondern ein innerer
Besitz, der schwer zu erwerben und schwer zu halten ist und der,
wenn man ihn begreift, schon das Opfer eines ganzen Lebens wert
erscheint. Ein altes Geschlecht bedeutet nicht einfach eine Reihe
von Vorfahren -- Ahnen haben wir alle -- sondern von Vorfahren, die
durch ganze Geschlechterfolgen auf den Höhen der Geschichte lebten
und Schicksal nicht nur hatten, sondern auch waren, in deren Blut
durch jahrhundertelange Erfahrung die Form des Geschehens bis zur
Vollendung gezüchtet worden ist. Da Geschichte im großen Sinne mit
einer Kultur beginnt, so ist es bloße Spielerei, wenn etwa die
Colonna ihr Geschlecht bis in die Römerzeit zurückverfolgen. Aber
es hat einen Sinn, wenn es im späten Byzanz für vornehm galt, vom
Stamme des großen Konstantin entsprossen zu sein, und heute in den
Vereinigten Staaten, seine Familie bis zu einem der 1620 mit der
„Mayflower“ Eingewanderten zurückzuführen. In Wirklichkeit beginnt
der antike Adel mit der trojanischen Zeit, nicht mit Mykene, und der
abendländische mit der Gotik und nicht mit den Franken und Goten, in
England mit den Normannen und nicht mit den Sachsen. Erst von da an
gibt es Geschichte und also kann es erst von da an statt der Edlen
und Helden einen Uradel von sinnbildlichem Range geben. Was am Anfang
als kosmischer Takt bezeichnet worden war,[365] erhält in ihm seine
Vollendung. Denn alles, was wir in reifen Zeiten diplomatischen und
gesellschaftlichen Takt nennen, und dazu gehören der strategische und
der geschäftliche Blick, das Auge des Sammlers kostbarer Dinge und
das Feingefühl des Menschenkenners, überhaupt alles was man nicht
lernt, sondern +hat+, was bei den übrigen den ohnmächtigen Neid
des Nichtmitkönnens weckt und was als Form den Gang der Ereignisse
leitet, ist nichts als ein Einzelfall jener kosmischen und traumhaften
Sicherheit, die in den Wendungen eines Vogelschwarms und den
beherrschten Bewegungen edler Pferde sichtbar zum Ausdruck gelangt.