[309] Wissowa, Religion und Kultus der Römer, S. 41. Von der

etruskischen Religion mit ihrer gewaltigen Bedeutung für ganz

Italien und damit die volle Hälfte der frühantiken Landschaft gilt

dasselbe, was oben über die talmudische bemerkt worden ist (S.

229). Sie liegt außerhalb der beiden „klassischen“ Philologien und

wird deshalb gegenüber der achäischen und dorischen Religion, mit

denen sie eine Einheit des Geistes und der Entwicklung bildet, wie

ihre Gräber, Tempel und Mythen beweisen, vollständig vernachlässigt.

[310] Es ist ganz gleichgültig, ob Dionysos aus Thrakien, Apollon

aus Kleinasien, Aphrodite aus Phönikien „entlehnt“ sind; daß aus

vielen tausend fremdartigen Motiven diese wenigen ausgewählt, so

umgefühlt und zu dieser prachtvollen Einheit verbunden wurden,

bedeutet eine vollkommene Neuschöpfung, ebenso wie der Marienkult

der Gotik, obwohl damals der gesamte Formbestand aus dem Osten

übernommen wurde.

[311] In de Groot, Universismus (1918), wo tatsächlich die Systeme

der Taoisten, Konfuzianer und Buddhisten mit Selbstverständlichkeit

als +die+ Religionen Chinas behandelt werden. Das ist, als wollte

man die antike Religion von Caracalla an datieren.

[312] Conrady in Wassiljew, Die Erschließung Chinas (1909), S. 232;

B. Schindler, Das Priestertum im alten China I (1919).

[313] Conrady, China, S. 516.

[314] Diese Vorstellung ist wesentlich verschieden von der

ägyptischen Zweiheit des geistigen _ka_ und des Seelenvogels _bai_

und noch viel mehr von den beiden magischen Seelensubstanzen.

[315] O. Franke, Studien zur Geschichte des Konfuzianischen Dogmas

(1920), S. 202.

[316] Es war in der Antike ganz ebenso. Die homerischen Gestalten

waren für den hellenistisch Gebildeten nichts als Literatur,

Vorstellung, künstlerisches Motiv und schon für die Zeit Platons

nicht viel mehr. Aber um 1100 brach ein Mensch vor der furchtbaren

Wirklichkeit der Demeter und des Dionysos zusammen.

[317] S. 91.

[318] Das ist das wirkliche Ergebnis von Burdachs „Reformation,

Renaissance, Humanismus“ (1918).

[319] Bezold, Hist. Ztschr. 45, S. 208.

[320] Oder gar wiederentdeckt. Der antike Mensch ist als

durchseelter Leib eine unter vielen voneinander ganz unabhängigen

Einheiten. Der faustische Mensch ist ein Mittelpunkt im All

und umfaßt mit seiner Seele +das Ganze+. Persönlichkeit

(Individualität) bedeutet aber nicht etwas einzelnes, sondern

einziges.

[321] Deshalb hat dies Sakrament dem abendländischen Priester eine

ungeheure Machtstellung verliehen. Er empfängt die persönliche

Beichte, er spricht persönlich im Namen des Unendlichen los.

Ohne ihn ist das Leben nicht zu ertragen. -- Der Gedanke der

Beicht+pflicht+, die 1215 endgültig festgesetzt wurde, stammt wie

die ersten Bußbücher (Pönitentiale) aus England. Eben dort ist der

Gedanke der unbefleckten Empfängnis entstanden, und auch die +Idee+

des Papsttums zu einer Zeit, wo es in Rom selbst noch als bloße

Macht- und Rangfrage behandelt wurde. Es beweist die Unabhängigkeit

des gotischen vom magischen Christentum, daß die entscheidenden

Ideen an der entferntesten Stelle, jenseits des Frankenreiches,

aufgewachsen sind.

[322] Den unermeßlichen Unterschied der faustischen und russischen

Seele verraten einige Wortklänge. Das russische Wort für Himmel

ist _njébo_, eine Verneinung (_n_). Der Mensch des Abendlandes

blickt hinauf, der Russe blickt zum Horizont ins Weite. Man muß

den Tiefendrang beider also dahin unterscheiden, daß er dort die

Leidenschaft des Vordringens nach allen Seiten in den unendlichen

Raum ist, hier ein Sichentäußern, bis das „Es“ im Menschen mit der

endlosen Ebene eins geworden ist. So versteht der Russe die Worte

Mensch und Bruder: er sieht auch das Menschentum als Ebene. Der

Gedanke, daß ein Russe Astronom ist? Er sieht die Sterne gar nicht;

er sieht nur den Horizont. Statt Himmelsdom sagt er Himmelsabhang.

Es ist das, was mit der Ebene irgendwo in der Ferne den Horizont

bildet. Das kopernikanische System ist seelisch für ihn etwas

Lächerliches, mag es mathematisch sein, was es will.

„Schicksal“ klingt wie eine Fanfare, „_ssudjbá_“ knickt ein.

Es gibt kein Ich unter diesem niedrigen Himmel. „+Alle sind an

allem schuldig+“, das „Es“ am „Es“ in dieser endlos gedehnten

Ebene -- das ist das metaphysische Grundgefühl aller Schöpfungen

Dostojewskis. Deshalb muß Iwan Karamasoff sich den Mörder nennen,

obwohl ein anderer den Mord begangen hat. Der Verbrecher ist +der

Unglückliche+ -- das ist die vollkommenste Verneinung faustischer

persönlicher Verantwortlichkeit. Russische Mystik besitzt nichts

von jener hinaufschwebenden Inbrunst der Gotik, Rembrandts,

Beethovens, die bis zum himmelstürmenden Jubel anwachsen kann. Gott

ist hier nicht die azurne Tiefe dort oben. Die mystische russische

Liebe ist die der Ebene, die zu den Brüdern unter gleichem Drucke,

immer längs der Erde -- längs der Erde; die zu den armen gequälten

Tieren, die auf ihr wandern, zu den Pflanzen, niemals zu den

Vögeln, Wolken und Sternen. Das russische _wolja_, unser Wille,

bedeutet vor allem Nicht-müssen, Freisein -- nicht für, sondern

+von etwas+, vor allem von der Verpflichtung zu persönlicher Tat.

Willensfreiheit erscheint als der Zustand, in dem kein anderes

„Es“ befiehlt und man sich also der Laune hingeben kann. Geist,

_esprit_, _spirit_ ist ↘, das russische _duch_ ist ⤷. Was für ein

Christentum wird aus diesem Weltgefühl einst hervorgehen?

[323] Und wie eine abgetrennte Reformationskirche notwendig

die Stammkirche umwandelt, so gab es auch +eine magische

Gegenreformation+. Im _decretum Gelasii_ (um 500 in Rom) wurden

sogar Clemens Alexandrinus, Tertullian, Lactanz, auf der Synode von

543 in Byzanz Origenes für Ketzer erklärt.

[324] Boehmer, Luther im Lichte der neueren Forschung (1918), S. 54

ff.

[325] M. Osborn, Die Teufelsliteratur des 16. Jahrh. (1893).

[326] M. Baumgartner, Gesch. der Philos. des Mittelalters (1915) S.

425 ff., 571 ff., 620 ff.

[327] 542, vgl. S. 238.

[328] Krumbacher, Byzant. Literaturgesch. S. 12.

[329] Met. XI, 8 p. 1074 b 1.

[330] Khalifen wie Al Maimun (813-33) und die letzten Ommaijaden

wären mit etwas Ähnlichem für den Islam durchaus einverstanden

gewesen. Es gab damals in Bagdad einen Klub, in dem Christen,

Juden, Moslime und Atheisten debattierten und die Berufung auf

Bibel und Koran nicht gestattet war.

[331] Gercke-Norden, Einl. in die Altertumswiss. II, S. 210.

[332] Wenn aber heute schon etwas diese Formen ahnen läßt, die

selbstverständlich zu gewissen Elementen des gotischen Christentums

zurückleiten, so ist es nicht der Literatengeschmack an

spätindischer und spätchinesischer Spekulation, sondern z. B. der

Adventismus und ähnliche Sekten.

[333] v. Arnim, Stoic. vet. fragm. 537.

[334] S. 243.

[335] Das Lü-shi Tschun-tsiu des Lü-pu-wei († 237 v. Chr.,

chinesische Augustuszeit) ist das erste Denkmal des Synkretismus,

dessen Niederschlag das während der Hanzeit entstandene Ritualwerk

Li-ki ist (B. Schindler, Das Priestertum im alten China I, S. 93).

[336] M. Horten, Die religiöse Gedankenwelt des Volkes im heutigen

Islam (1917).

[337] 1018-78, vgl. Dieterich, Byzant. Charakterköpfe (1909), S. 63.

[338] Sie haben sich beide erst im Alter und nach langen und

schweren Kriegen in eine milde, müde Frömmigkeit versenkt, sind

aber bestimmteren Religionen ferngeblieben. Dogmatisch betrachtet

war Asoka kein Buddhist; er hat diese Strömungen nur verstanden und

in Schutz genommen (Hillebrandt, Altindien S. 143).

[339] De Groot, Universismus (1918), S. 134.

[340] S. 202.

[341] Fromer, Der Talmud S. 217. Die „rote Kuh“ und das

Salbungsritual der jüdischen Könige werden darin mit demselben

Ernst behandelt wie die wichtigsten Bestimmungen des Privatrechts.

[342] Strunz, Gesch. der Naturwiss. im Mittelalter S. 89.

[343] S. 209.

[344] S. 208 ff.; 319 ff.

[345] S. 150 ff.

[346] S. 58.

[347] Dahin gehören außer dem Befehl des Mithridates das

Gemetzel auf Cypern (S. 239), der Seapoyaufstand in Indien, der

Boxeraufstand in China und das bolschewistische Wüten der Juden,

Letten und andrer Fremdvölker gegen das zarische Russentum.

[348] P. Levertoff, Die religiöse Denkweise der Chassidim (1918),

S. 128 ff.; M. Buber, Die Legende des Baalschem, 1907.

[349] Levertoff, S. 136.

[350] O. Weininger, Taschenbuch (1919), vor allem S. 19 ff.

[351] Ihr Schiffswesen war zur Römerzeit eher antik als phönikisch,

ihr Staat war als Polis organisiert, und unter den Gebildeten wie

Hannibal war das Griechische allgemein verbreitet.

[352] S. 321 f.

VIERTES KAPITEL

DER STAAT

DAS PROBLEM DER STÄNDE: ADEL UND PRIESTERTUM

1[353]

Ein unergründliches Geheimnis der kosmischen Flutungen, die wir

Leben nennen, ist ihre Sonderung in zwei Geschlechter. Schon in den

erdverbundenen Daseinsströmen der Pflanzenwelt strebt es auseinander,

wie das Sinnbild der Blüte zeigt: etwas das dieses Dasein +ist+, und

etwas, das es aufrecht erhält. Tiere sind frei, kleine Welten inmitten

einer großen; Kosmisches, als Mikrokosmos abgeschlossen und dem

Makrokosmos gegenübergestellt. Hier steigert sich und zwar im Verlauf

der Tiergeschichte mit immer größerer Entschiedenheit das Zweierlei der

Richtungen zu zweierlei Wesen, männlichen und weiblichen.

Das Weibliche steht dem Kosmischen näher. Es ist der Erde tiefer

verbunden und unmittelbarer einbezogen in die großen Kreisläufe der

Natur. Das Männliche ist freier, tierhafter, beweglicher auch im

Empfinden und Verstehen, wacher und gespannter.

Der Mann +erlebt+ das Schicksal und +begreift+ die Kausalität, die

Logik des Gewordnen nach Ursache und Wirkung. Das Weib aber +ist+

Schicksal, +ist+ Zeit, +ist+ die organische Logik des Werdens selbst.

Eben deshalb bleibt das Kausalprinzip ihm ewig fremd. So oft sich der

Mensch das Schicksal faßlich zu machen sucht, er hat immer den Eindruck

von etwas Weiblichem empfangen, von Moiren, Parzen und Nornen. Der

höchste Gott ist nie das Schicksal selbst, sondern er vertritt oder

beherrscht es -- wie der Mann das Weib. Das Weib ist in ursprünglichen

Zeiten auch die Seherin, nicht weil es die Zukunft kennt, sondern weil

es sie +ist+. Der Priester deutet nur, das Weib aber ist Orakel. Die

Zeit selbst redet aus ihm.

Der Mann +macht+ Geschichte, das Weib +ist+ Geschichte. In

geheimnisvoller Weise enthüllt sich hier ein doppelter Sinn alles

lebendigen Geschehens: Es ist kosmisches Dahinströmen an sich, und

dann doch wieder die Reihenfolge der Mikrokosmen selbst, die das

Strömen in sich faßt, schützt und erhält. Diese „zweite“ Geschichte

ist die eigentlich männliche, die politische und soziale; sie ist

bewußter, freier, bewegter. Sie reicht tief in die Anfänge der Tierwelt

zurück und empfängt in den Lebensläufen der hohen Kulturen ihre

höchste sinnbildliche und welthistorische Gestalt. Weiblich ist die

erste, die ewige, mütterliche, pflanzenhafte -- die Pflanze selbst hat

immer etwas Weibliches --, +die kulturlose Geschichte der Folge von

Generationen+, die sich nie ändert, die durch das Dasein aller Tier-

und Menschenarten, durch alle kurzlebigen Einzelkulturen gleichmäßig

und still hindurchgeht. Blickt man zurück, so ist sie gleichbedeutend

mit dem Leben selbst. Auch sie hat ihre Kämpfe und ihre Tragik. Das

Weib erringt seinen Sieg im Wochenbett. Bei den Azteken, den Römern der

mexikanischen Kultur, wurde die gebärende Frau als tapferer Krieger

begrüßt und die an der Geburt gestorbene unter denselben Formeln

bestattet wie die in der Schlacht gefallenen Helden. Des Weibes ewige

Politik ist die Eroberung des Mannes, durch den sie Mutter von Kindern,

durch den sie also Geschichte, Schicksal, Zukunft sein kann. Ihre tiefe

Klugheit und Kriegslist richtet sich stets auf den Vater ihres Sohnes.

Der Mann aber, der mit dem Schwergewicht seines Wesens der andern

Geschichte angehört, will +seinen+ Sohn haben als Erben, als

Träger seines Blutes und seiner geschichtlichen Tradition.

Hier kämpfen in Mann und Weib +die beiden Arten von Geschichte+

um die Macht. Das Weib ist stark und ganz, was es ist, und es erlebt

den Mann und die Söhne nur in bezug auf sich und seine Bestimmung. Im

Wesen des Mannes liegt etwas Zwiespältiges. Er ist dies und noch etwas

andres, was das Weib weder begreift noch anerkennt und als Raub und

Gewalt an seinem Heiligsten empfindet. Es ist der geheime Urkrieg der

Geschlechter, der ewig dauert, seit es Geschlechter gibt, schweigend,

erbittert, ohne Versöhnung, ohne Gnade. Es gibt auch da Politik,

Schlachten, Bündnisse, Vertrag und Verrat. Die Rassegefühle von Haß und

Liebe, die beide aus den Tiefen der Weltsehnsucht, aus dem Urgefühl der

Richtung stammen, herrschen zwischen den Geschlechtern unheimlicher

noch als in der andern Geschichte zwischen Mann und Mann. Es gibt

Liebeslyrik und Kriegslyrik, Liebestänze und Waffentänze und zwei

Arten der Tragödie -- Othello und Macbeth -- aber bis in die Abgründe

von Klytämnestras und Kriemhilds Rache reicht nichts in der politischen

Welt.

Deshalb verachtet das Weib diese andre Geschichte, die Politik des

Mannes, die sie nie versteht, von der sie nur weiß, daß sie ihr die

Söhne raubt. Was ist ihr eine siegreiche Schlacht, die den Sieg in

tausend Wochenbetten vernichtet? Die Geschichte des Mannes opfert

die des Weibes sich auf, und es gibt ein weibliches Heldentum, das

die Söhne mit Stolz zum Opfer bringt -- Katharina Sforza auf den

Wällen von Imola -- aber trotzdem ist es die ewige, geheime, bis in

die Anfänge der Tierwelt zurückreichende Politik des Weibes, den

Mann von ihr abzuziehen, um ihn ganz in die eigne, pflanzenhafte der

Geschlechterfolgen einzuspinnen, das heißt in sich selbst. Und trotzdem

erfolgt alles in der andern Geschichte, um diese ewige Geschichte des

Zeugens und Sterbens zu schützen und zu erhalten, man mag es ausdrücken

wie man will, für Haus und Herd, für Weib und Kind, für das Geschlecht,

das Volk, die Zukunft. Der Kampf zwischen Mann und Mann geschieht stets

um des Blutes, um des Weibes willen. +Das Weib als Zeit ist das,

wofür es Staatengeschichte gibt.+

Das Weib von Rasse fühlt das, auch wenn sie es nicht weiß. Sie ist das

Schicksal, sie spielt das Schicksal. Es beginnt mit dem Kampfe zwischen

Männern um ihren Besitz -- Helena; die Carmentragödie; Katharina II.,

Napoleon und Désirée Clary, die Bernadotte zuletzt auf die feindliche

Seite zog --, der schon die Geschichte ganzer Tiergattungen ausfüllt

und endet mit ihrer Macht als Mutter, Gattin, Geliebte über das

Schicksal von Reichen: die Hallgerd der Njalssaga; die Frankenkönigin

Brunhilde; Marozia, die den päpstlichen Stuhl an Männer ihrer Wahl

vergibt. Der Mann steigt in +seiner+ Geschichte empor, bis er die

Zukunft eines Landes in Händen hält -- dann kommt ein Weib und zwingt

ihn auf die Knie. Mögen darüber Völker und Staaten zugrunde gehen, sie

hat in +ihrer+ Geschichte gesiegt. Der politische Ehrgeiz des Weibes

von Rasse hat im letzten Grunde nie ein anderes Ziel.[354]

Geschichte besitzt demnach einen heiligen Doppelsinn. Sie ist kosmisch

oder politisch. Sie +ist+ das Dasein oder +bewahrt+ das Dasein. Es

gibt zwei Arten von Schicksal, zweierlei Krieg, zweierlei Tragik:

+öffentliche und private+. Nichts kann diesen Gegensatz aus der Welt

schaffen. Er ist von Anfang an im Wesen des tierischen Mikrokosmos

begründet, der zugleich etwas Kosmisches ist. Er tritt in allen

bedeutenden Lagen in Gestalt eines Konflikts der Pflichten hervor,

der nur für den Mann, nicht für das Weib vorhanden ist, und er wird

im Verlauf der hohen Kulturen nicht überwunden, sondern beständig

vertieft. Es gibt ein öffentliches und Privatleben, öffentliches und

privates Recht, Gemeinde- und Hauskulte. Als +Stand+ ist das Dasein

„in Form“ +für+ die eine, als +Stamm+ ist es in Fluß +als+ die andere

Geschichte. Das ist der altgermanische Unterschied der „Schwertseite“

und „Spindelhälfte“ einer Blutsverwandtschaft. Seinen höchsten Ausdruck

findet dieser Doppelsinn der gerichteten Zeit in den Ideen +des Staats

und der Familie+.

Die Gliederung der Familie ist in lebendigem, was die Gestalt des

Hauses in totem Stoff ist.[355] Ein Wandel in Aufbau und Bedeutung

des Familiendaseins, und der Grundriß des Hauses wird anders. Der

antiken Wohnweise entsprach die Agnatenfamilie antiken Stils, die in

hellenischen Stadtrechten noch schärfer ausgeprägt war wie in dem

jüngeren römischen.[356] Sie ist ganz auf den gegenwärtigen Stand,

das euklidische Jetzt und Hier gestellt, ebenso wie die als Summe

gegenwärtig vorhandener Körper aufgefaßte Polis. Blutsverwandtschaft

ist also für sie weder notwendig noch ausreichend; sie hört auf mit

der Grenze der _patria potestas_, des „Hauses“. Die Mutter ist

an sich mit ihren leiblichen Kindern agnatisch +nicht+ verwandt;

nur insofern sie der _patria potestas_ des lebenden Gatten

untersteht, ist sie die agnatische Schwester ihrer Kinder.[357] Dem

_consensus_ dagegen entspricht die magische Kognatenfamilie

(hebräisch Mischpacha), die durch die väterliche und mütterliche

Blutsgemeinschaft weithin dargestellt wird und einen „Geist“ besitzt,

einen _consensus_ im Kleinen, aber kein bestimmtes Oberhaupt.[358]

Es ist für das Erlöschen der antiken und die Entfaltung der magischen

Seele bezeichnend, daß das „römische“ Recht der Kaiserzeit von der

Agnation allmählich zur Kognation übergeht. Noch einige Novellen

Justinians (118, 127) schaffen eine Neuregelung des Erbrechts infolge

des Sieges der magischen Familienidee.

Auf der andern Seite erblicken wir Massen von Einzelwesen, die werdend

und vergehend, aber Geschichte +machend+ dahinströmen. Je reiner,

tiefer, stärker, selbstverständlicher der gemeinsame Takt dieser

Geschlechterfolgen, desto mehr Blut, desto mehr Rasse haben sie. Aus

der Unendlichkeit aller heben sich beseelte Einheiten ab,[359] Scharen,

die sich im gleichen Wellenschlag des Daseins als Ganzes fühlen, nicht

geistige Gemeinschaften wie Orden, Künstlergilden und Gelehrtenschulen,

die durch gleiche Wahrheiten verbunden sind, sondern Blutverbände

mitten im kämpfenden Leben.

Es sind Daseinsströme „+in Form+“, um einen Sportausdruck

zu gebrauchen, der in die Tiefe dringt. In Form ist ein Feld von

Rennpferden, das sicher in den Gelenken mit feinem Schwung über die

Hürde geht und sich dann wieder im gleichen Takt der Hufe über die

Ebene bewegt. In Form sind Ringer, Fechter und Ballspieler, denen

das Gewagteste leicht und selbstverständlich von der Hand geht. In

Form ist eine Kunstepoche, für welche die Tradition Natur ist wie der

Kontrapunkt für Bach. In Form ist eine Armee, wie sie Napoleon bei

Austerlitz und Moltke bei Sedan hatten. So gut wie alles, was in der

Weltgeschichte geleistet worden ist, im Krieg und in jener Fortsetzung

des Krieges durch geistige Mittel, die wir Politik nennen, alle

erfolgreiche Diplomatie, Taktik, Strategie, sei es die von Staaten,

Ständen oder Parteien, rührt von lebendigen Einheiten her, die sich in

Form befanden.

Das Wort für die rassemäßige Art von Erziehung ist +Zucht+,

+Züchtung+, im Unterschied von Bildung, die durch die Gleichheit

des Gelernten oder Geglaubten Wachseinsgemeinschaften begründet.

Zur Bildung gehören Bücher, zur Zucht gehört der stetige Takt und

Einklang der Umgebung, in die man sich hineinfühlt, hinein+lebt+:

Klostererziehung und Pagenerziehung der frühen Gotik. Alle guten Formen

einer Gesellschaft, jedes Zeremoniell ist versinnlichter Takt einer Art

von Dasein. Um sie zu beherrschen, muß man Takt +haben+. Deshalb

gewöhnen sich Frauen, weil sie triebhafter und dem Kosmischen näher

sind, schneller an die Formen einer neuen Umgebung. Frauen aus der

Tiefe bewegen sich nach ein paar Jahren mit voller Sicherheit in einer

vornehmen Welt, aber sie sinken ebenso schnell wieder herab. Der Mann

ändert sich schwerer, weil er wacher ist. Der Proletarier wird nie ganz

Aristokrat, der Aristokrat nie ganz Proletarier. Erst die Söhne haben

den Takt der neuen Umgebung.

Je tiefer die Form, desto strenger und abweisender ist sie. Dem nicht

Zugehörigen erscheint sie als Sklaverei; der Zugehörige beherrscht

sie mit vollkommener Freiheit und Leichtigkeit. Der Fürst von Ligne

war ebenso wie Mozart Herr, nicht Sklave der Form; und das gilt von

+jedem+ geborenen Aristokraten, Staatsmann und Heerführer.

Deshalb gibt es in allen hohen Kulturen ein +Bauerntum+,

das Rasse überhaupt und also gewissermaßen Natur ist, und eine

+Gesellschaft+, die in anspruchsvoller Weise „in Form“ ist, als

Gruppe von Klassen oder Ständen und ohne Zweifel künstlicher und

vergänglicher. Aber die Geschichte dieser Klassen und Stände ist

+Weltgeschichte in höchster Potenz+. Erst im Hinblick auf sie

erscheint das Bauerntum als geschichtslos. Die gesamte Geschichte

großen Stils von sechs Jahrtausenden hat sich in den Lebensläufen

der hohen Kulturen vollzogen nur, weil diese Kulturen selbst ihren

schöpferischen Mittelpunkt +in Ständen+ haben, die Zucht besitzen,

in Vollendung gezüchtet worden sind. Eine Kultur ist Seelentum, das

in sinnbildlichen Formen zum Ausdruck gelangt, aber diese Formen sind

lebendig und in Entwicklung begriffen, auch die der Kunst, deren wir

uns erst durch ihre Abziehung von der Kunst+geschichte+ bewußt

geworden sind; sie liegen im gesteigerten Dasein von Einzelnen und

Kreisen, eben in dem, was soeben „Dasein in Form“ genannt worden ist

und durch diese Höhe des Geformtseins erst die Kultur repräsentiert.

Das ist etwas Großes und Einziges innerhalb der organischen Welt. Es

ist der einzige Punkt, wo der Mensch sich über die Mächte der Natur

erhebt und selbst Schöpfer wird. Noch als Rasse ist er Schöpfung der

Natur; da +wird+ er gezüchtet; als Stand aber züchtet er sich

selbst, ganz wie die edlen Tier- und Pflanzenrassen, mit denen er sich

umgeben hat; und eben das ist im höchsten und letzten Sinne Kultur.

Kultur und Klasse sind Wechselbegriffe; sie entstehen als Einheit,

sie vergehen als Einheit. Die Züchtung erlesener Wein-, Obst- und

Blumenarten, die Züchtung von Pferden reinen Blutes +ist+ Kultur

und in genau demselben Sinne entsteht erlesene menschliche Kultur als

Ausdruck eines Daseins, das sich selbst in große Form gebracht hat.

Aber eben deshalb gibt es in jeder Kultur ein starkes Gefühl dafür,

ob jemand dazu gehört oder nicht. Der antike Begriff des Barbaren,

der arabische des Ungläubigen -- des Amhaarez oder Giaur --, der

indische des Tschudra mögen noch so verschieden gedacht sein, sie

drücken zunächst weder Haß noch Verachtung aus, sondern stellen eine

Verschiedenheit im Takt des Daseins fest, die eine unüberschreitbare

Grenze in allen tiefen Dingen zieht. Diese ganz klare und eindeutige

Tatsache ist durch den indischen Begriff der „vierten Kaste“ verdunkelt

worden, die es in Wirklichkeit, wie wir heute wissen, nie gegeben

hat.[360] Das Gesetzbuch des Manu mit seinen berühmten Bestimmungen

über die Behandlung des Tschudra entstammt dem ausgebildeten

Fellachentum Indiens und zeichnet ohne Rücksicht auf die rechtlich

vorhandene oder auch nur erreichbare Wirklichkeit das dünkelhafte

Brahmanenideal durch seinen Gegensatz, wie es mit dem Begriff des

arbeitenden Banausen in der spätantiken Philosophie nicht viel anders

gewesen ist. Das hat für uns dort zum Mißverstehen der Kaste als einer

spezifisch indischen Erscheinung, hier zu einer grundfalschen Meinung

von der Stellung des antiken Menschen zur Arbeit geführt.

Der Untergang des Abendlandes, Zweiter Band · 第 38 / 62 段