Eine ganz neue Lage wird um die Jahrtausendwende durch den Zufall

geschaffen, daß der westlichste Teil des _consensus_ sich

plötzlich im Bereiche der jungen abendländischen Kultur befindet.

Die Juden waren wie die Parsen, Byzantiner und Moslime zivilisiert

und weltstädtisch geworden; die germanisch-romanische Welt lebte

im stadtlosen Lande, und kaum hatten sich um Klöster und Märkte

Ansiedlungen, noch auf Generationen hin ohne eigene Seele gebildet.

Die einen waren fast schon Fellachen, die anderen fast noch Urvolk.

Der Jude begriff die gotische Innerlichkeit, die Burg, den Dom, der

Christ die überlegene, fast zynische Intelligenz und das fertig

ausgebildete „Gelddenken“ nicht. Man haßte und verachtete sich, noch

kaum aus dem Bewußtsein eines Rasseunterschiedes, sondern aus Mangel

an „Gleichzeitigkeit“. Der jüdische _consensus_ baute in die

Flecken und Landstädte überall seine großstädtischen -- proletarischen

-- Ghettos ein. Die Judengasse ist der gotischen Stadt um tausend

Jahre voraus. Genau so lagen zur Zeit Jesu die Römerstädte zwischen den

Dörfern am See Genezareth.

Aber diese jungen Nationen waren außerdem mit dem Boden und der Idee

des Vaterlands fest verbunden; der landlose _consensus_, dessen

Zusammenhalt für seine Mitglieder keine Absicht und Organisation,

sondern ein ganz unbewußter, ganz metaphysischer Trieb war, ein

Ausdruck des unmittelbarsten magischen Weltgefühls, trat ihnen als

etwas Unheimliches und völlig Unverständliches entgegen. Damals

entstand die Sage vom ewigen Juden. Es war schon viel, wenn ein

schottischer Mönch in ein lombardisches Kloster kam, und das starke

Heimatgefühl nahm er dahin mit; aber wenn ein Rabbiner aus Mainz, wo

sich um 1000 die bedeutendste Talmudschule des Abendlandes befand,

oder Salerno nach Kairo, Basra oder Merw kam, so war er in jedem

Ghetto zu Hause. In diesem schweigenden Zusammenhalt lag die Idee der

magischen Nation;[343] er war Staat, Kirche und Volk zugleich ganz wie

im damaligen Griechentum, Parsentum und Islam -- was man im Abendland

nicht wußte. Spinoza und Uriel Akosta sind aus diesem +Staat+,

der sein eigenes Recht und sein von den Christen gar nicht bemerktes

öffentliches Leben hatte und auf die umgebende Welt der Wirtsvölker

wie auf eine Art von Ausland herabsah, durch einen wirklichen

Hochverratsprozeß ausgewiesen worden, ein Vorgang, dessen tiefern

Sinn diese Wirtsvölker überhaupt nicht verstehen konnten; und der

bedeutendste Denker der östlichen Chassiden, Senior Salman, ist 1799

von der rabbinischen Gegenpartei der Petersburger Regierung wie einem

fremden Staate ausgeliefert worden.

Das Judentum des westeuropäischen Kreises hatte die noch im maurischen

Spanien vorhandene Beziehung zum Lande vollständig verloren. Es

gibt keine Bauern mehr. Das kleinste Ghetto ist ein wenn auch noch

so armseliges Stück Großstadt, und seine Bewohner zerfallen wie die

des erstarrten Indien und China in Kasten -- die Rabbiner sind die

Brahmanen und Mandarinen des Ghetto -- und die Masse der Kuli mit

einer zivilisierten, kalten, weit überlegenen Intelligenz und einem

rücksichtslosen Geschäftssinn. Aber das ist wieder nur für einen engen

Geschichtshorizont eine einzigartige Erscheinung. +Alle magischen

Nationen+ befinden sich seit den Kreuzzügen auf dieser Stufe. Die

Parsen besitzen in Indien genau dieselbe geschäftliche Macht wie die

Juden in der europäisch-amerikanischen Welt und die Armenier und

Griechen in Südosteuropa. Die Erscheinung wiederholt sich in jeder

andern Zivilisation, sobald sie in jüngere Zustände eindringt: Die

Chinesen in Kalifornien -- sie sind der eigentliche Gegenstand des

westamerikanischen „Antisemitismus“ -- und in Java und Singapur,

der indische Händler in Ostafrika, +aber auch der Römer in der

früharabischen Welt+, wo die Lage gerade umgekehrt war. Die „Juden“

dieser Zeit waren die Römer, und in dem apokalyptischen Haß der Aramäer

gegen sie liegt auch etwas dem westeuropäischen Antisemitismus ganz

Verwandtes. Es war ein echter Pogrom, als im Jahre 88 auf einen Wink

von Mithridates hin an einem Tage 100000 römische Geschäftsleute von

der erbitterten Bevölkerung Kleinasiens ermordet worden sind.

Zu diesen Gegensätzen tritt der der Rasse, welcher in demselben

Maße aus Verachtung in Haß übergeht, als die abendländische Kultur

sich selbst der Zivilisation nähert und der „Altersunterschied“

mit seinem Ausdruck in der Lebenshaltung und Vorherrschaft der

Intelligenz geringfügiger wird. Aber er hat mit den törichten, der

Sprachwissenschaft entnommenen Schlagworten Arier und Semit gar nichts

zu tun. Die „arischen“ Perser und Armenier sind für uns von den Juden

gar nicht zu unterscheiden und schon in Südeuropa und auf dem Balkan

ist ein körperlicher Unterschied zwischen christlichen und jüdischen

Einwohnern kaum vorhanden. Die jüdische Nation ist wie jede andre

der arabischen Kultur das Ergebnis einer ungeheuren +Mission+

und bis in die Zeit der Kreuzzüge hinein durch massenhafte Zu- und

Austritte beständig verändert worden.[344] Ein Teil der Ostjuden stimmt

körperlich mit den christlichen Bewohnern des Kaukasus, ein andrer

mit den südrussischen Tartaren, ein großer Teil der westlichen mit

den nordafrikanischen Mauren überein. Es ist vielmehr der Gegensatz

zwischen +dem Rasseideal der gotischen Frühzeit+, das züchtend

gewirkt hat,[345] und dem Typus des sephardischen Juden, der sich erst

in den Ghettos des Abendlandes und zwar ebenfalls durch seelische Zucht

unter sehr harten äußeren Bedingungen ausgebildet hat, zweifellos

in dem wirksamen Banne der Landschaft und der Wirtsvölker und in der

metaphysischen Verteidigung gegen sie, namentlich seit dieser Teil

der Nation durch Verlust der arabischen Sprache eine Welt für sich

geworden ist. Dies Gefühl eines tiefen Andersseins tritt auf beiden

Seiten um so mächtiger hervor, je mehr Rasse der Einzelne hat. Nur

der Mangel an Rasse bei geistigen Menschen, Philosophen, Doktrinären,

Utopisten bewirkt es, daß sie diesen abgrundtiefen, metaphysischen Haß

nicht verstehen, in welchem der verschiedene Takt zweier Daseinsströme

wie eine unerträgliche Dissonanz zum Vorschein kommt, einen Haß, der

für beide tragisch werden kann und der auch die indische Kultur durch

den Gegensatz des Inders von Rasse und des Tschudra beherrscht hat.

Während der Gotik ist dieser Gegensatz tief religiös und richtet sich

vor allem gegen den _consensus_ als Religion; erst mit Beginn

der abendländischen Zivilisation ist er materialistisch geworden und

richtet sich gegen die plötzlich vergleichbar gewordene geistige und

geschäftliche Seite.

Am tiefsten trennend und erbitternd hat aber die Tatsache gewirkt,

welche in ihrer vollen Tragik am wenigsten begriffen worden ist:

Während der abendländische Mensch von den Tagen der Sachsenkaiser bis

zur Gegenwart Geschichte im allerbedeutendsten Sinne durchlebt und zwar

mit einer Bewußtheit, die in keiner andern Kultur ihresgleichen findet,

hat der jüdische _consensus_ aufgehört Geschichte zu haben.[346]

Seine Probleme waren gelöst, seine innere Form abgeschlossen und

unveränderlich geworden; Jahrhunderte hatten für ihn wie für den

Islam, die griechische Kirche und die Parsen keine Bedeutung mehr, und

deshalb kann, wer innerlich diesem _consensus_ verbunden ist, die

Leidenschaft gar nicht begreifen, mit welcher faustische Menschen die

in wenig Jahren zusammengedrängten Entscheidungen ihrer Geschichte,

ihres Schicksals durchleben, wie es zu Beginn der Kreuzzüge, in der

Reformation, der französischen Revolution, den Freiheitskriegen und an

allen Wendepunkten im Dasein der Einzelvölker der Fall war. Das alles

liegt für ihn um dreißig Generationen zurück. Geschichte größten Stils

strömt draußen vorüber, Epoche folgt auf Epoche, der Mensch ist mit

jedem Jahrhundert von Grund aus ein andrer, im Ghetto steht alles

still und auch in der Seele des einzelnen. Aber selbst wenn er sich

als Angehörigen seines Wirtsvolkes betrachtet und an dessen Geschick

teilnimmt, wie es 1914 in vielen Ländern der Fall war, so erlebt er

es in Wirklichkeit doch nicht als +sein+ Geschick, sondern er

nimmt dafür Partei, er beurteilt es als interessierter Zuschauer, und

gerade der letzte Sinn dessen, worum gekämpft wird, muß ihm stets

verschlossen bleiben. Es gab im dreißigjährigen Kriege einen jüdischen

Reitergeneral -- er liegt auf dem alten Judenfriedhof in Prag begraben

-- aber was waren die Gedanken Luthers und Loyolas für ihn? Was haben

die den Juden nahe verwandten Byzantiner von den Kreuzzügen verstanden?

Das gehört zu den tragischen Notwendigkeiten der höheren Geschichte,

die aus den Lebensläufen von Einzelkulturen besteht, und hat sich oft

wiederholt. Die Römer, damals ein altes Volk, hätten nie begreifen

können, was für die Juden in dem Prozeß Jesu und beim Aufstand des Bar

Kochba auf dem Spiele stand, und die europäisch-amerikanische Welt

hat in den fellachenhaften Revolutionen der Türkei (1908) und Chinas

(1911) ihre vollkommene Verständnislosigkeit für das bewiesen, was

dort vorging. Da ihr das ganz anders angelegte Denken und Innenleben

und also auch der Staatsgedanke und die Idee der Souveränität -- dort

des Khalifen, hier des Tien Tse -- verschlossen blieben, so hat sie

den Gang der Dinge nicht beurteilen und auch nicht vorausberechnen

können. Der Mensch einer fremden Kultur kann Zuschauer sein und also

beschreibender Historiker des Vergangenen, aber niemals Politiker,

d. h. ein Mann, der die Zukunft in sich wirken fühlt. Besitzt er nicht

die materielle Macht, um in der Form seiner eigenen Kultur handeln und

die der fremden mißachten oder lenken zu können, wie es allerdings die

Römer im jungen Osten und Disraeli in England durften, so steht er

den Ereignissen hilflos gegenüber. Der Römer und Grieche dachte immer

die Lebensbedingungen seiner Polis in die fremden Ereignisse hinein,

der moderne Europäer blickt überall durch die Begriffe Verfassung,

Parlament, Demokratie hindurch auf fremde Schicksale, obwohl die

Anwendung solcher Vorstellungen auf andere Kulturen lächerlich und

sinnlos ist, und der Angehörige des jüdischen _consensus_

verfolgt die Geschichte der Gegenwart, die nichts ist als die der

über alle Erdteile und Meere verbreiteten faustischen Zivilisation,

mit dem Grundgefühl des magischen Menschen, selbst wenn er von dem

abendländischen Charakter seines Denkens fest überzeugt ist.

Da jeder magische _consensus_ landfremd und geographisch

unbegrenzt ist, so sieht er unwillkürlich in allen Kämpfen um die

+faustischen+ Ideen des Vaterlandes, der Muttersprache, des

Herrscherhauses, der Monarchie, der Verfassung eine Rückkehr von

Formen, die ihm innerlich durchaus fremd und deshalb lästig und

sinnlos, zu denen, welche seiner Natur gemäß sind; und aus dem Wort

international, das ihn begeistern kann, hört er eben +das Wesen

des landlosen und grenzenlosen _consensus_+ heraus, ob es

sich um Sozialismus, Pazifismus oder Kapitalismus handelt. Wenn für

die europäisch-amerikanische Demokratie die Verfassungskämpfe und

Revolutionen eine Entwicklung zum zivilisierten Ideal bedeuten, so

sind sie für ihn -- was ihm so gut wie nie zum Bewußtsein kommt --

der Abbau alles dessen, was anders ist als er. Selbst wenn die Macht

des _consensus_ in ihm erschüttert ist und das Leben seines

Wirtsvolkes eine äußere Anziehung bis zu wirklichem Patriotismus

auf ihn übt, so ist seine Partei doch immer diejenige, deren Ziele

+dem Wesen der magischen Nation+ am vergleichbarsten sind.

Deshalb ist er in Deutschland Demokrat und in England -- wie der

Parse in Indien -- Imperialist. Genau dasselbe Mißverständnis liegt

vor, wenn der Westeuropäer die Jungtürken und Reformchinesen für

Geistesverwandte, nämlich für „konstitutionell“ hält. Der innerlich

zugehörige Mensch bejaht im letzten Grunde doch selbst dort, wo er

zerstört; der innerlich fremde verneint, selbst wo er aufbauen möchte.

Was die abendländische Kultur in ihren Machtgebieten durch Reformen

eigenen Stils vernichtet hat, ist nicht auszudenken, und ebenso

vernichtend wirkt das Judentum, wo es auch eingreift. Das Gefühl von

der Notwendigkeit dieses wechselseitigen Mißverstehens führt zu dem

furchtbaren, tief ins Blut gedrungenen Haß, der sich an sinnbildliche

Merkmale wie Rasse, Lebenshaltung, Beruf, Sprache heftet, und beide

Teile, so oft diese Lage bisher eingetreten ist, verzehrt, verdorben

und zu blutigen Ausbrüchen getrieben hat.[347]

Das gilt vor allem auch für die Religiosität der faustischen Welt,

die sich von einer fremden Metaphysik in ihrer Mitte bedroht, gehaßt,

untergraben fühlt. Was ist seit den Reformen Hugos von Cluny, dem

heiligen Bernhard, dem Lateranskonzil von 1215 über Luther, Kalvin und

den Puritanismus bis zur Aufklärung durch unser Wachsein gegangen,

während es für die jüdische Religion längst keine Geschichte mehr gab!

Innerhalb des westeuropäischen _consensus_ hat 1565 Josef Karo im

Schulchan Aruch denselben Stoff noch einmal und anders zusammengefaßt

wie ehemals Maimonides, aber es hätte auch 1400 oder 1800 sein oder

ganz unterbleiben können. Mit der Starrheit des heutigen Islam und des

byzantinischen Christentums seit den Kreuzzügen, aber auch des späten

Chinesentums und des Ägyptizismus bleibt alles formelhaft und gleich,

die Speiseverbote, die Schaufäden an den Kleidern, die Gebetsriemen,

die Denkzettel und die talmudische Kasuistik, die genau in dieser

Form seit Jahrhunderten auch in Bombay am Vendidad und in Kairo am

Koran geübt wird. Und ebenso ist die jüdische Mystik, die +reiner

Sufismus+ ist, seit den Kreuzzügen dieselbe geblieben, ganz wie

die islamische, und sie hat in den letzten Jahrhunderten noch drei

Heilige im Sinne des morgenländischen Sufismus hervorgebracht, die

man als solche nur erkennt, wenn man durch den Anflug abendländischer

Denkformen hindurchzusehen vermag. Spinoza ist mit seinem Denken in

Substanzen, statt in Kräften und seinem durch und durch magischen

Dualismus durchaus den letzten Nachzüglern der islamischen Philosophie

vergleichbar wie Murtada und Schirazi. Er bedient sich der ganzen

Begriffssprache des ihn umgebenden abendländischen Barock und hat

sich in dessen Vorstellungsweise bis zur vollkommenen Selbsttäuschung

hineingelebt, aber die Herkunft von Maimonides und Avicenna und die

talmudische Methode „_more geometrico_“ bleiben von allem, was

über die Oberfläche seiner Seele hinwegging, ganz unberührt. In dem

Baalschem, dem Stifter der Chassidensekte, der um 1698 in Wolhynien

geboren wurde, ist ein echter Messias aufgestanden, der lehrend und

Wunder vollbringend durch die Welt der polnischen Ghettos wanderte

und für den nur das Urchristentum als Vergleich herangezogen werden

kann;[348] diese aus uralten Strömungen magischer, kabbalistischer

Mystik hervorgegangene Bewegung, welche den größten Teil der Ostjuden

ergriffen hat, ohne Zweifel etwas Gewaltiges in der Religionsgeschichte

der arabischen Kultur, ist mitten unter einem andersartigen Menschentum

verlaufen und doch von diesem so gut wie nicht bemerkt worden. Der

friedliche Kampf des Baalschem gegen die damaligen Pharisäer des

Talmud und für einen innerweltlichen Gott, seine christusartige

Gestalt, die reiche Legende, die sehr bald um seine Person und die

seiner Jünger gesponnen worden ist, das ist alles von rein magischem

Geiste und uns abendländischen Menschen im letzten Grunde so fremd

wie das Urchristentum selbst. Die Gedankengänge der chassidischen

Schriften sind dem Nichtjuden so gut wie unverständlich, aber auch der

Ritus. In der Erregung der Andacht geraten die einen in Verzückung,

andere beginnen wie die Derwische des Islam zu tanzen.[349] Die

ursprüngliche Lehre des Baalschem hat einer der Apostel zum Zaddikismus

weiter entwickelt, und auch dieser Glaube an Heilige (Zaddiks), die

nacheinander von Gott herabgesandt werden und durch ihre bloße Nähe

Erlösung bringen, erinnert wieder an den islamischen Mahdismus und

noch viel mehr an die schiitische Lehre von den Imamen, in denen das

„Licht des Propheten“ Herberge genommen hat. Ein andrer Jünger, Salomon

Maimon, von dem es eine merkwürdige Selbstbiographie gibt, ging von dem

Baalschem zu Kant, dessen abstrakte Denkart auf talmudische Geister

immer eine ungeheure Anziehungskraft ausgeübt hat. Der dritte ist Otto

Weininger, dessen moralischer Dualismus eine rein magische Konzeption

und dessen Tod in einem magisch durchlebten Seelenkampf zwischen Gut

und Böse einer der erhabensten Augenblicke spätester Religiosität

ist.[350] Etwas Verwandtes können Russen erleben, aber weder der antike

noch der faustische Mensch ist dessen fähig.

Mit der Aufklärung des 18. Jahrhunderts wird auch die abendländische

Kultur großstädtisch und intellektuell und damit plötzlich der

Intelligenz des _consensus_ zugänglich. Und dieses Versetztsein

mitten in eine Epoche, die für den innerlich längst abgestorbenen

Daseinsstrom des sephardischen Judentums einer fernen Vergangenheit

angehört, aber doch in ihm ein verwandtes Gefühl erwecken mußte, +so

weit sie kritisch und verneinend war+, hat in verhängnisvoller Weise

verführerisch gewirkt, den geschichtlich fertigen und jeder organischen

Entwicklung unfähigen Zusammenhalt in die große Bewegung der

Wirtsvölker hineingezogen, ihn erschüttert, gelockert und bis in die

Tiefe hinein zersetzt und vergiftet. Denn für den faustischen Geist war

die Aufklärung ein Schritt vorwärts auf der eigenen Bahn, über Trümmer

hin, gewiß, aber doch im letzten Grunde bejahend, für das Judentum ist

sie Zerstörung und nichts andres, Abbau von etwas Fremdem, das es nicht

begreift. Sehr oft bietet sich dann ein Schauspiel, das auch der Parse

in Indien, der Chinese und Japaner in einer christlichen Umgebung und

der moderne Amerikaner in China geben: Aufklärung bis zum Zynismus

und schroffster Atheismus gegenüber der fremden Religion, während

die fellachenhaften Bräuche der eignen davon ganz unberührt bleiben.

Es gibt Sozialisten, die nach außen und zwar mit Überzeugung jede

Art von Religion bekämpfen, für sich aber die Speiseverbote und das

Ritual der Gebetriemen und Denkzettel ängstlich beobachten. Häufiger

ist der wirkliche innere Zerfall mit dem _consensus_, soweit

er ein Zusammenhang des Glaubens ist, ein Schauspiel wie das jener

indischen Studenten, die eine englische Universitätsbildung mit Locke

und Mill erhalten haben und nun mit der gleichen zynischen Verachtung

auf indische wie auf abendländische Überzeugungen herabsehen und an

ihrer innern Zersetzung endlich selbst zugrunde gehen müssen. Seit

der napoleonischen Zeit hat sich der altzivilisierte _consensus_

mit der neuzivilisierten abendländischen „Gesellschaft“ der Städte

unter deren Widerspruch vermischt, und ihre wirtschaftlichen und

wissenschaftlichen Methoden mit der Überlegenheit des Alters in

Gebrauch genommen. Ganz dasselbe hat einige Generationen später die

japanische, ebenfalls sehr alte Intelligenz getan, vielleicht mit noch

größerem Erfolge. Ein andres Beispiel sind die Karthager, Nachzügler

der babylonischen Zivilisation, die schon von der etruskisch-dorischen

Stufe der antiken Kultur angezogen wurden und endlich dem Hellenismus

ganz erlegen sind,[351] in allem Religiösen und Künstlerischen starr

und fertig, aber geschäftlich den Griechen und Römern weit voraus, und

ihnen deshalb bis zum äußersten verhaßt.

Nicht weil die Metaphysik beider Kulturen sich näher gekommen wäre

-- das ist ganz unmöglich -- sondern weil sie in den wurzellosen

Intelligenzen der Oberschicht auf beiden Seiten keine Rolle mehr

spielt, ist diese magische Nation in Gefahr, mit dem Ghetto und der

Religion selbst zu verschwinden. Sie hat alle Arten von innerlichem

Zusammenhalt verloren und ist lediglich als Zusammenhalt in praktischen

Fragen übriggeblieben. Aber der Vorsprung, den das uralte geschäftliche

Denken dieser magischen Nation besaß, wird geringer; dem Amerikaner

gegenüber ist er kaum noch vorhanden, und damit verschwindet das

letzte starke Mittel, den mit dem Lande zerfallenen _consensus_

aufrecht zu erhalten. In dem Augenblick, wo die zivilisierten Methoden

der europäisch-amerikanischen Weltstädte zur vollen Reife gelangt sein

werden, ist wenigstens innerhalb dieser Welt -- die russische bildet

ein Problem für sich -- das Schicksal des Judentums erfüllt.

Der Islam hat +Boden+ unter sich. Er hat den persischen,

jüdischen, nestorianischen und monophysitischen _consensus_ so gut

wie ganz in sich aufgenommen.[352] Der Rest der byzantinischen Nation,

die heutigen Griechen, sitzen auch auf eignem Land. Der Rest der Parsen

in Indien wohnt innerhalb der starren Formen einer noch älteren, noch

fellachenhafteren Zivilisation und ist dadurch in seinem Bestande

gesichert. Aber der westeuropäisch-amerikanische Teil des jüdischen

_consensus_, der die übrigen Teile meist an sich gezogen und an

sein Schicksal gebunden hat, ist nun in das Getriebe einer jungen

Zivilisation geraten, ohne Zusammenhang mit irgend einem Stück Land,

nachdem er sich Jahrhunderte hindurch ghettomäßig abgeschlossen und so

gerettet hatte. Damit ist er zersprengt und geht der völligen Auflösung

entgegen. Aber das ist ein Schicksal nicht innerhalb der faustischen,

sondern der magischen Kultur.

[292] Vgl. S. 3 ff. und Anm. S. 3.

[293] S. 137.

[294] „Wer Gott mit inbrünstiger Seele liebt, der verwandelt sich

in ihn“ (Bernhard von Clairvaux).

[295] Für das religiöse +Denken+ ist Schicksal stets eine kausale

Größe. Die Erkenntniskritik kennt es deshalb nur als ein unklares

Wort für Kausalität. Nur solange man +nicht+ daran denkt, kennt man

es wirklich.

[296] Vgl. S. 27.

[297] Beide unterscheiden sich durch die +innere+ Form. Ein Opfer,

das Sokrates darbringt, ist innerlich ein Gebet. Das antike Opfer

ist überhaupt als +Gebet in körperhafter Gestalt+ aufzufassen. Das

„Stoßgebet“ des Verbrechers aber ist in Wirklichkeit ein Opfer, zu

dem die Angst ihn drängt.

[298] Darin unterscheidet sich die Philosophie nicht im geringsten

vom urwüchsigen Volksglauben. Man denke an Kants Kategorientafel

mit ihren 3 × 4 Einheiten, an Hegels Methode, an Jamblichs Triaden.

[299] Vgl. S. 159.

[300] Vgl. S. 26.

[301] Und da ist primitives und kultiviertes, dann chinesisches,

indisches, antikes, magisches, abendländisches, endlich sogar

deutsches, englisches und französisches Denken anders angelegt,

und endlich gibt es überhaupt nicht zwei Menschen mit genau der

gleichen Methode.

[302] S. 38.

[303] Ist das hochzivilisierte Kreta darin als Vorposten

ägyptischer Denkweise vorbildlich gewesen (S. 101)? Aber die

zahlreichen Orts- und Stammesgötter der primitiven Thinitenzeit

(vor 3000), welche die Numina einzelner Tier+gattungen+

darstellten, hatten doch wohl eine wesentlich andere Bedeutung. Die

ägyptische Gottheit dieser Vorzeit besitzt, je mächtiger sie ist,

um so zahlreichere Einzelgeister (_ka_) und Einzelseelen (_bai_),

die überall in den einzelnen Tieren verborgen sind und lauern,

Bastet in den Katzen, Sechmet in den Löwen, Hathor in den Kühen,

Mut in den Geiern -- weshalb im Götterbilde der menschengestaltige

Ka sich hinter dem Tierkopf gleichsam versteckt -- und das älteste

Weltbild zu einer Ausgeburt der entsetzlichsten Angst machen; die

Mächte wüten gegen den Menschen selbst nach dem Tode und können

nur durch die schwersten Opfer besänftigt werden. Die Einigung des

Nord- und Südlandes ist damals durch die gemeinsame Verehrung des

Horusfalkens dargestellt worden, dessen erster Ka im regierenden

Pharao anwesend ist. Vgl. Ed. Meyer, Gesch. d. Alt. I, § 182 ff.

[304] Bernoulli, Die Heiligen der Merowinger (1900), eine gute

Schilderung dieser primitiven Religion.

[305] Kattenbusch, Lehrb. d. vgl. Konfessionsk. I (1892), S. 234

ff. N. P. Miljukow, Skizz. russ. Kulturgesch. (1901) II, S. 104 ff.

[306] Borchardt, Reheiligtum des Newoserrê Bd. I (1905). Der Pharao

ist nicht mehr Inkarnation der Gottheit und noch nicht, wie in

der Theologie des Mittleren Reiches, Sohn des Re; trotz seiner

irdischen Größe steht er klein, als Diener, vor dem Gotte da.

[307] Erman, Ein Denkmal memphitischer Theologie, Ber. Berl. Ak.

1911. S. 916 ff.

[308] Weil sie auch dem ewigen Bauerntum angehörten, haben sie die

olympischen Gestalten überlebt.

Der Untergang des Abendlandes, Zweiter Band · 第 37 / 62 段