Zwei Jahrhunderte nach dem Puritanismus steht die mechanistische

Weltauffassung auf ihrem Gipfel. Sie ist die wirkliche Religion der

Zeit. Auch wer jetzt noch überzeugt ist, im alten Sinne religiös zu

sein, „an Gott zu glauben“, täuscht sich nur über die Welt, in der

sich sein Wachsein spiegelt. Religiöse Wahrheiten sind in seinem

Verstehen immer mechanistische Wahrheiten, und meist ist es nur die

Gewohnheit der Worte, welche die wissenschaftlich gesehene Natur

mythisch überfärbt. Kultur ist immer gleichbedeutend mit religiöser

Gestaltungskraft. Jede große Kultur beginnt mit einem gewaltigen

Thema, das sich aus dem stadtlosen Lande erhebt, in den Städten mit

ihren Künsten und Denkweisen vielstimmig durchgeführt wird und in den

Weltstädten im Finale des Materialismus ausklingt. Aber selbst die

letzten Akkorde halten streng die Tonart des Ganzen fest. Es gibt

einen chinesischen, indischen, antiken, arabischen, abendländischen

Materialismus, der in jedem einzelnen Falle nichts ist, als die

ursprüngliche mythische Gestaltenfülle, unter Abziehung alles Erlebten

und Erschauten mechanistisch gefaßt.

Yang Dschu hat in diesem Sinne den konfuzianischen Rationalismus zu

Ende gedacht. Das System des Lokayata setzt die dem Gotamo Buddha,

Mahavira und den übrigen Pietisten ihrer Zeit gemeinsame Verachtung

der entseelten Welt ebenso fort, wie diese Verachtung den Atheismus

der Sankhyalehre. Sokrates ist so gut der Erbe der Sophisten wie der

Ahnherr der kynischen Wanderprediger und der pyrrhonischen Skepsis. Es

ist stets die Überlegenheit des mit dem Irrationalen endgültig fertig

gewordenen Weltstadtgeistes, der mit Verachtung auf jedes Wachsein

herabsieht, das noch Geheimnisse kennt und anerkennt. Gotische Menschen

schauerten auf Schritt und Tritt vor dem Unergründlichen zurück, das

in den Wahrheiten der Lehre nur noch ehrfurchtgebietender vor sie

hin trat. Aber selbst der moderne Katholik empfindet diese Lehre nun

als System, das alle Welträtsel gelöst hat. Das Wunder erscheint

ihm gleichsam als physikalisches Ereignis höherer Ordnung, und ein

englischer Bischof glaubt an die Möglichkeit, die elektrische Kraft und

die Kraft des Gebets aus einem einheitlichen Natursystem ableiten zu

können. Es ist der Glaube allein an Kraft und Stoff, auch wenn man die

Worte Gott und Welt oder Vorsehung und Mensch gebraucht.

Ganz für sich steht wieder der faustische Materialismus im engeren

Sinne, in dem die technische Weltanschauung ihre Vollendung erreicht

hat. Die ganze Welt als dynamisches System, exakt, mathematisch

angelegt, experimentell bis in die letzten Ursachen aufzuschließen

und in Zahlen zu fassen, so daß der Mensch sie beherrschen kann: das

unterscheidet diese Rückkehr zur Natur von jeder andern. Wissen ist

Tugend -- das glaubten auch Konfuzius, Buddha und Sokrates. Wissen

ist Macht -- das hat nur innerhalb der europäisch-amerikanischen

Zivilisation einen Sinn. Diese Rückkehr zur Natur bedeutet die

Ausschaltung aller Mächte, die zwischen der praktischen Intelligenz

und der Natur stehen. Überall sonst hat sich der Materialismus

begnügt, scheinbar einfache Einheiten anschaulich oder begrifflich

festzustellen, deren kausales Spiel alles ohne jeden Rest von Geheimnis

erklärt, und das Übernatürliche auf Unwissenheit zurückzuführen.

Aber der große Verstandesmythus von Energie und Masse ist zugleich

eine ungeheure +Arbeitshypothese+. Er zeichnet das Naturbild

so, daß man es +gebrauchen+ kann. Das Schicksalhafte wird als

Evolution, Entwicklung, Fortschritt mechanisiert und mitten in das

System gestellt, der Wille ist ein Eiweißprozeß, und alle diese Lehren,

nenne man sie Monismus, Darwinismus, Positivismus, erheben sich damit

zu einer Zweckmäßigkeitsmoral, die dem amerikanischen Geschäftsmann

und englischen Politiker ebenso einleuchtet wie dem deutschen

Fortschrittsphilister und die im letzten Grunde nichts ist als eine

intellektuelle Karikatur der Rechtfertigung durch den Glauben.

Der Materialismus würde nicht vollständig sein ohne das Bedürfnis,

die geistige Spannung hin und wieder loszuwerden, sich in mythische

Stimmungen fallen zu lassen, irgend etwas Kultisches zu betreiben, um

zur innern Entlastung den Reiz des Irrationalen, des Wesensfremden, des

Absonderlichen, wenn es sein muß, auch des Albernen zu genießen. Was

in der Zeit etwa des Meng Tse (372-289) und der ersten buddhistischen

Brüdergemeinden noch jetzt deutlich hervortritt, gehört in ganz

derselben Bedeutung auch zu den wichtigsten Zügen des Hellenismus.

Um 312 wurde in Alexandria von dichtenden Gelehrten in der Art des

Kallimachos der Sarapiskult erfunden und mit einer ausgeklügelten

Legende versehen. Der Isiskult im republikanischen Rom war etwas,

das man mit dem nachmaligen Kult der Kaiserzeit und mit der sehr

ernsten Isisreligion Ägyptens nicht verwechseln darf, nämlich ein

religiöser Zeitvertreib der guten Gesellschaft, der den Anlaß teils

zu öffentlichem Spott gab, teils zu Skandalen und zur Schließung des

Kultgebäudes, die 59-48 viermal angeordnet wurde. Die chaldäische

Astrologie war damals eine +Mode+, weit entfernt von dem echt

antiken Orakelglauben und dem magischen Glauben an die Macht der

Stunde. Es war „Entspannung“; man machte sich und anderen etwas

vor, und dazu kamen die zahllosen Charlatane und Schwindelpropheten,

die alle Städte durchzogen und mit wichtigtuenden Bräuchen den

Halbgebildeten eine religiöse Erneuerung einzureden suchten. Dem

entspricht in der heutigen europäisch-amerikanischen Welt der

okkultistische, und theosophische Schwindel, die amerikanische

Christian Science, der verlogene Salonbuddhismus, das religiöse

Kunstgewerbe, das in Deutschland mehr noch als in England mit

gotischen, spätantiken und taoistischen Stimmungen in Kreisen und

Kulten betrieben wird. Es ist überall das bloße Spiel mit Mythen, an

die man nicht glaubt, und der bloße Geschmack an Kulten, mit denen man

die innere Öde ausfüllen möchte. Der wirkliche Glaube ist noch immer

der an Atome und Zahlen, aber er bedarf des gebildeten Hokuspokus,

um auf die Länge ertragen zu werden. Der Materialismus ist flach und

ehrlich, das Spielen mit Religion ist flach und unehrlich; aber damit,

daß es überhaupt möglich ist, verweist es schon auf ein neues und

echtes Suchen, das sich leise im zivilisierten Wachsein meldet und

zuletzt deutlich an den Tag tritt.

Was nun folgt, nenne ich die +zweite Religiosität+. Sie erscheint

in allen Zivilisationen, sobald diese zur vollen Ausbildung gelangt

sind und langsam in den geschichtslosen Zustand hinübergehen, für

den Zeiträume keine Bedeutung mehr haben. Daraus ergibt sich, daß

die abendländische Welt von dieser Stufe noch um viele Generationen

entfernt ist. Die zweite Religiosität ist das notwendige Gegenstück

zum Cäsarismus, der endgültigen +politischen+ Verfassung später

Zivilisationen. Sie wird demnach in der Antike etwa von Augustus

an sichtbar, in China etwa mit Schi Hoang Ti. Beiden Erscheinungen

fehlt die schöpferische Urkraft der frühen Kultur. Ihre Größe liegt

dort in der tiefen Frömmigkeit, welche das ganze Wachsein ausfüllt

-- Herodot nannte die Ägypter die frömmsten Menschen der Welt, und

denselben Eindruck machen China, Indien und der Islam auf den heutigen

Westeuropäer -- und hier in der fessellosen Gewalt ungeheuerster

Tatsachen, aber die Schöpfungen dieser Frömmigkeit sind ebensowenig

etwas Ursprüngliches wie die Form des römischen Imperiums. Es wird

nichts aufgebaut, es entfaltet sich keine Idee, sondern es ist, als

zöge ein Nebel vom Lande ab und die alten Formen träten erst ungewiß,

dann immer klarer wieder hervor. Die zweite Religiosität enthält, nur

anders erlebt und ausgedrückt, wieder den Bestand der ersten, echten

und frühen. Zuerst verliert sich der Rationalismus, dann kommen die

Gestalten der Frühzeit zum Vorschein, zuletzt ist es die ganze Welt

der primitiven Religion, die vor den großen Formen des Frühglaubens

zurückgewichen war und nun in einem volkstümlichen Synkretismus, der

auf dieser Stufe keiner Kultur fehlt, mächtig wieder hervordringt.

Jede Aufklärung schreitet von einem schrankenlosen

Verstandesoptimismus, der stets mit dem Typus des Großstadtmenschen

verbunden ist, zur unbedingten Skepsis fort. Das souveräne Wachsein,

das durch Gemäuer und Menschenwerk rings von der lebendigen Natur

und von dem Lande unter sich abgeschnitten ist, erkennt nichts an

außer sich. Es übt Kritik an seiner vorgestellten, vom alltäglichen

Sinneserleben abgezogenen Welt und zwar so lange, bis es das letzte

und feinste gefunden hat, die Form der Form -- sich selbst, also

nichts. Damit sind die Möglichkeiten der Physik als des kritischen

Weltverstehens erschöpft und der Hunger nach Metaphysik meldet sich

wieder. Aber es ist nicht der religiöse Zeitvertreib gebildeter und

literaturgesättigter Kreise und überhaupt nicht der Geist, aus dem die

zweite Religiosität hervorgeht, sondern ein ganz unbemerkter und von

selbst entstehender naiver Glaube der Massen an irgendwelche mythische

Beschaffenheit des Wirklichen, für die alle Beweisgründe ein Spiel

mit Worten, etwas Dürftiges und Langweiliges zu sein beginnen, und

zugleich ein naives Herzensbedürfnis, dem Mythus mit einem Kultus

demütig zu antworten. Die Formen beider können weder vorausgesehen noch

willkürlich gewählt werden. Sie erscheinen von selbst, und wir sind

weit von ihnen entfernt.[332] Aber die Meinungen von Comte und Spencer,

der Materialismus, Monismus und Darwinismus, die im 19. Jahrhundert die

Leidenschaft der besten Geister geweckt hatten, sind heute doch schon

die Weltanschauung der Provinz geworden.

Die antike Philosophie hatte um 250 v. Chr. ihre Gründe erschöpft.

Das „Wissen“ ist von nun an nicht mehr ein beständig durchgeprüfter

und vergrößerter Besitz, sondern der zur Gewohnheit gewordene Glaube

daran, der durch altgewohnte Methoden immer wieder Überzeugungskraft

erhält. Zur Zeit des Sokrates gab es den Rationalismus als Religion

der Gebildeten. Darüber stand die gelehrte Philosophie, darunter der

„Aberglaube“ der Massen. Jetzt entwickelt sich die Philosophie zu

einer geistigen, der Synkretismus des Volkes zu einer handgreiflichen

Religiosität von ganz derselben Tendenz, und zwar dringen Mythenglaube

und Frömmigkeit hinauf, nicht hinab. Die Philosophie hat viel zu

empfangen und wenig zu geben. Die Stoa war vom Materialismus der

Sophisten und Kyniker ausgegangen und hatte den gesamten Mythus

allegorisch erklärt, aber schon von Kleanthes († 232) stammt das

Tischgebet an Zeus,[333] eins der schönsten Stücke der antiken

zweiten Religiosität. Zur Zeit von Sulla gab es einen durch und durch

religiösen Stoizismus höherer Kreise und einen synkretistischen

Volksglauben, der phrygische, syrische, ägyptische Kulte und zahllose

antike, damals fast vergessene Mysterien verband, und das entspricht

genau der Entwicklung der aufgeklärten Weisheit Buddhas zum Hinayana

der Gelehrten und Mahayana der Menge, und dem Verhältnis des lehrhaften

Konfuzianismus zum Taoismus, der sehr bald das Gefäß des chinesischen

Synkretismus geworden ist.

Gleichzeitig mit dem „Positivisten“ Meng Tse (372-289) beginnt

plötzlich eine mächtige Bewegung von Alchymie, Astrologie und

Okkultismus. Es ist längst eine berühmte Streitfrage, ob hier etwas

Neues erscheint oder der frühchinesische Mythensinn wieder durchbricht,

aber die Antwort kann durch einen Blick auf den Hellenismus gegeben

werden. Dieser Synkretismus tritt „gleichzeitig“ in der Antike,

in Indien, in China, im volkstümlichen Islam auf. Er setzt sich

überall an rationalistische Lehren an -- die Stoa, Laotse, Buddha --

und durchsetzt sie mit bäuerlichen, frühzeitlichen und exotischen

Motiven jeder denkbaren Art. Der antike Synkretismus, der von dem der

späteren magischen Pseudomorphose wohl zu unterscheiden ist,[334]

holte sich seit 200 v. Chr. Motive aus der Orphik, aus Ägypten, aus

Syrien: der chinesische hat 67 n. Chr. den indischen Buddhismus in

der volkstümlichen Form des Mahayana eingeführt, wobei die heiligen

Schriften als Zaubermittel und die Buddhafiguren als Fetische für

kräftiger galten, weil sie fremd waren. Die ursprüngliche Lehre des

Laotse verschwindet sehr rasch. Zu Beginn der Hanzeit (um 200 v.

Chr.) werden die Scharen der Sen aus moralischen Vorstellungen zu

gütigen Wesen. Die Wind-, Wolken-, Donner-, Regengötter kommen wieder.

Massenhafte Kulte bürgern sich ein, durch welche die bösen Geister

mit Hilfe der Götter ausgetrieben werden. Damals entstand und zwar

sicherlich aus einem Grundbegriff der vorkonfuzianischen Philosophie

der Mythus von Panku, dem Urprinzip, von dem die Reihe der mythischen

Kaiser abstammt. Eine ähnliche Entwicklung nahm bekanntlich der

Logosbegriff.[335]

Die von Buddha gelehrte Theorie und Praxis der Lebensführung war aus

Weltmüdigkeit und intellektuellem Ekel hervorgegangen und stand zu

religiösen Fragen in gar keiner Beziehung, aber schon zu Beginn der

indischen „Kaiserzeit“ um 250 v. Chr. war er selbst ein sitzendes

Götterbild geworden, und an Stelle der nur dem Gelehrten verständlichen

Nirwanatheorie traten mehr und mehr handfeste Lehren von Himmel, Hölle

und Erlösung, die zum Teil vielleicht ebenfalls der Fremde, nämlich

der persischen Apokalyptik entlehnt sind. Schon zu Asokas Zeit gab es

achtzehn buddhistische Sekten. Der Erlösungsglaube des Mahayana hat

in dem Dichter und Gelehrten Asvagoscha (um 50 v. Chr.) den ersten

großen Verkünder, in Nagardschuna (um 150 n. Chr.) den eigentlichen

Vollender gefunden. Aber daneben wanderte die ganze Masse urindischer

Mythen wieder zurück. Die Vischnu- und die Shivareligion waren um 300

v. Chr. schon deutlich ausgebildet und zwar in synkretistischer Form,

so daß die Krishna- und die Ramalegende nun auf Vischnu übertragen

werden. Dasselbe Schauspiel bietet sich im ägyptischen Neuen Reiche,

wo der Amon von Theben den Mittelpunkt eines mächtigen Synkretismus

bildet, und im Arabertum der Abbassidenzeit, wo die Volksreligion mit

ihren Vorstellungen von Vorhölle, Hölle, Weltgericht, der himmlischen

Kaaba, dem Logos-Mohamed, den Feen, Heiligen und Gespenstern den

ursprünglichen Islam ganz in den Hintergrund drängen.[336]

Es gibt in diesen Zeiten noch einige hohe Geister wie den Erzieher

Neros, Seneka, und sein Ebenbild Psellos,[337] den Philosophen,

Prinzenerzieher und Politiker im cäsarischen Byzanz, wie den Stoiker

Mark Aurel und den Buddhisten Asoka, die selbst Cäsaren gewesen

sind,[338] und endlich den Pharao Amenophis IV., dessen tiefsinniger

Versuch von der mächtigen Priesterschaft des Amon als Ketzerei

aufgefaßt und vereitelt worden ist, eine Gefahr, die sicherlich auch

Asoka von den Brahmanen gedroht hat.

Aber gerade der Cäsarismus hat im chinesischen wie im römischen

Imperium einen Kaiserkult ins Leben gerufen und damit den Synkretismus

zusammengefaßt. Es ist ein absurder Gedanke, die chinesische Verehrung

des lebenden Kaisers sei ein Stück alter Religion gewesen. Kaiser

hat es während der ganzen Dauer der chinesischen Kultur überhaupt

nicht gegeben. Die Herrscher der Staaten hießen Wang, Könige, und

Meng Tse schrieb kaum hundert Jahre vor dem Endsieg des chinesischen

Augustus ganz im Sinne des 19. Jahrhunderts den Satz: „Das Volk ist

das wichtigste im Land; danach kommen die nützlichen Götter des Bodens

und Getreides; am wenigsten wichtig ist der Herrscher.“ Die Mythologie

von den Urkaisern ist ohne Zweifel erst von Konfuzius und seiner

Zeit und zwar in rationalistischer Absicht in eine staatsrechtliche

und sozialethische Fassung gebracht worden; diesem Mythus hat dann

der erste Cäsar Titel und Kultbegriff entnommen. Die Erhebung von

Menschen zu Göttern ist die Rückkehr zur Frühzeit, wo man Götter zu

Helden machte wie gerade die Urkaiser und die Helden Homers, und

sie ist ein bezeichnender Zug fast aller Religionen dieser zweiten

Stufe. Konfuzius selbst wurde 57 n. Chr. zum Gott mit offiziellem Kult

erhoben. Buddha war es damals längst. Al Ghazali (um 1050), der die

„zweite Religiosität“ der islamischen Welt vollenden half, ist für den

Volksglauben ein göttliches Wesen und einer der beliebtesten Heiligen

und Nothelfer geworden. In der Antike gab es in den Philosophenschulen

einen Kult des Platon und Epikur, und die Abstammung Alexanders von

Herakles und Cäsars von Venus leitet deutlich zum Kult des Divus

hinüber, in dem uralte orphische Vorstellungen und Geschlechterkulte

ebenso wieder auftauchen, wie im chinesischen Kult des Hoang Ti ein

Stück der ältesten Mythologie.

Mit diesen beiden Kaiserkulten beginnen aber schon die Versuche,

die zweite Religiosität in feste Organisationen zu bringen, die man

Gemeinden, Sekten, Orden, Kirchen nennen mag, die aber stets starre

Wiederholungen lebendiger Formen der Frühzeit sind und sich zu diesen

verhalten wie die Kaste zum Stand.

Etwas davon enthielt schon die Reform des Augustus mit ihrer

künstlichen Wiederbelebung längst erstorbener Stadtkulte, wie

der Bräuche der Arvalbrüder, aber erst die hellenistischen

Mysterienreligionen und selbst noch der Mithraskult, soweit er nicht

der magischen Religiosität zugerechnet werden muß, sind solche

Gemeinschaften, deren Weiterbildung dann durch den Untergang der Antike

abgebrochen worden ist; ihnen entspricht der theokratische Staat, den

die Priesterkönige von Theben im 11. Jahrhundert aufrichteten, und

die Taokirchen der Hanzeit, vor allem die von Tschang Lu begründete,

welche 184 n. Chr. den furchtbaren, an religiöse Provinzaufstände

der römischen Kaiserzeit erinnernden Aufstand der gelben Turbane

hervorrief, der weite Gebiete verwüstete und den Sturz der Handynastie

herbeigeführt hat.[339] Und diese asketischen Kirchen des Taoismus

finden mit ihrer Starrheit und wilden Mythologie ihr vollkommenes

Seitenstück in den spätbyzantinischen Mönchsstaaten, wie dem Kloster

Studien und dem 1100 begründeten reichsunmittelbaren Klosterverband des

Athos, der so buddhistisch als möglich wirkt.

Aus dieser zweiten Religiosität gehen endlich die

+Fellachenreligionen+ hervor, in denen der Gegensatz von

weltstädtischer und provinzialer Frömmigkeit ebenso wieder verschwunden

ist wie der von primitiver und hoher Kultur. Was das bedeutet,

lehrt der Begriff des Fellachenvolkes.[340] Die Religion ist völlig

geschichtslos geworden; wo einst Jahrzehnte eine Epoche bedeuteten,

haben jetzt Jahrhunderte keine Bedeutung mehr, und das Auf und Nieder

oberflächlicher Veränderungen beweist nur, daß die innere Gestalt

endgültig und fertig ist. Es ist ganz gleichgültig, ob um 1200 in

China eine Abart der konfuzianischen Staatslehre als Dschufuzianismus

erscheint, wann sie erscheint und ob sie Erfolg hat oder nicht,

ob in Indien der längst zu einer polytheistischen Volksreligion

gewordene Buddhismus vor dem Neubrahmanismus verschwindet, dessen

größter Theologe Sankara um 800 lebte, und wann dieser endlich in

die hinduistische Lehre von Brahma, Vischnu und Shiwa übergeht. Es

gibt stets eine kleine Zahl äußerst geistiger, überlegener, absolut

„fertiger“ Menschen, wie die Brahmanen Indiens, die Mandarinen Chinas

und die ägyptischen Priester, die Herodot in Erstaunen setzten. Aber

die Fellachenreligion selbst ist wieder durch und durch primitiv

wie die ägyptischen Tierkulte der 26. Dynastie, die aus Buddhismus,

Taoismus und Konfuzianismus gebildete Staatsreligion Chinas, wie der

Islam des heutigen Orients und vielleicht doch auch die Religion der

Azteken, wie sie Cortez antraf, die sich von der durchgeistigten

Mayareligion schon weit entfernt haben muß.

21

Eine Fellachenreligion ist auch das Judentum etwa seit Jehuda ben

Halevi, der wie sein islamischer Lehrmeister Al Ghazali (S. 387) die

wissenschaftliche Philosophie mit unbedingter Skepsis betrachtet und

sie im „Kuzari“ (1140) nur noch als Dienerin der gläubigen Theologie

gelten läßt. Das entspricht durchaus der Wendung von der mittleren

zur jüngeren Stoa der Kaiserzeit und dem Erlöschen der chinesischen

Spekulation unter der westlichen Handynastie. Noch bezeichnender ist

Moses Maimonides, der um 1175 den gesamten Lehrstoff des Judentums

als etwas Fertiges und Starres in einem großen Werk vom Schlage des

chinesischen Li-ki zusammengetragen hat, ohne die geringste Rücksicht

darauf, ob das Einzelne noch Sinn hatte oder nicht.[341] Weder in

dieser noch in einer andern Zeit ist das Judentum etwas Einzigartiges

in der Religionsgeschichte, aber von der Lage aus betrachtet, welche

die abendländische Kultur auf ihrem eigenen Boden geschaffen hat,

erscheint es so. Und ebensowenig ist die Tatsache, daß der jüdische

Name immer wieder etwas anderes bezeichnet, ohne daß seine Träger es

bemerken, etwas für sich Stehendes, denn sie wiederholt sich Schritt

für Schritt im Persertum.

In ihrer „Merowingerzeit“ (etwa 500-0) entwickeln sich beide aus

Stammesverbänden zu Nationen magischen Stils, ohne Land, ohne Einheit

der Abstammung und schon damals mit der Wohnweise des Ghetto, die bis

auf die Parsen in Bombay und die Juden in Brooklyn dieselbe geblieben

ist.

In der Frühzeit (etwa 0-500) wird dieser landlose _consensus_ von

Spanien bis nach Schantung verbreitet. Es war die jüdische Ritterzeit

und die „gotische“ Blütezeit religiöser Gestaltungskraft: Die späte

Apokalyptik, die Mischna und das Urchristentum, das erst seit Trajan

und Hadrian abgestoßen wurde, sind Schöpfungen dieser Nation. Es ist

bekannt, daß die Juden damals Bauern, Handwerker, Kleinstädter waren.

Die großen Geldgeschäfte führten Ägypter, Griechen, Römer, also „alte“

Menschen.

Um 500 beginnt das jüdische Barock, das dem abendländischen Betrachter

sehr einseitig im Bilde der spanischen Glanzzeit zu erscheinen pflegt.

Der jüdische _consensus_ tritt wie der persische, islamische und

byzantinische in ein städtisches und geistiges Wachsein und beherrscht

von nun an die Formen der städtischen Wirtschaft und Wissenschaft.

Tarragona, Toledo und Granada sind vorwiegend jüdische Großstädte.

Juden bilden einen wesentlichen Teil der vornehmen maurischen

Gesellschaft. Ihre vollendeten Formen, ihren _esprit_, ihre

Ritterlichkeit hat der gotische Kreuzzugsadel bewundert und nachzuahmen

versucht; aber auch die Diplomatie, Kriegführung und Verwaltung der

maurischen Staaten ist ohne die jüdische Aristokratie, welche hinter

der islamischen an Rasse nicht zurückstand, gar nicht zu denken.

Es gab, wie einst in Arabien einen jüdischen Minnesang, so jetzt

eine hohe Literatur und eine aufgeklärte Wissenschaft. Als Alfons

X. von Kastilien um 1250 unter Leitung des Rabbiners Isaak ben Said

Hassan durch jüdische, islamische und christliche Gelehrte ein neues

Planetenwerk ausarbeiten ließ,[342] war das immer noch eine Leistung

nicht des faustischen, sondern des magischen Weltdenkens. Erst seit

Nikolaus Cusanus wurde es umgekehrt. Aber in Spanien und Marokko lag

doch nur ein sehr kleiner Teil des jüdischen _consensus_ und

dieser selbst hatte nicht nur einen weltlichen, sondern vor allem

auch einen geistlichen Sinn. Es gab auch in ihm eine puritanische

Bewegung, die den Talmud verwarf und zur reinen Tora zurückkehren

wollte. Die Gemeinschaft der Karäer ist nach manchen Vorläufern um 760

im nördlichen Syrien entstanden, eben dort, von wo ein Jahrhundert

vorher die bilderstürmenden christlichen Paulikianer und etwas später

der islamische Sufismus ausgingen, drei magische Richtungen, deren

innere Verwandtschaft niemand verkennen wird. Die Karäer wurden wie

die Puritaner jeder andern Kultur von der Orthodoxie wie von der

Aufklärung bekämpft. Die rabbinischen Gegenschriften entstanden von

Kordova und Fes bis nach Südarabien und Persien hin. Aber damals

entstand auch, ein Produkt des „jüdischen Sufismus“ und zuweilen an

Swedenborg erinnernd, das Hauptwerk der rationalistischen Mystik, das

Buch Jezirah, dessen kabbalistische Grundvorstellungen sich mit der

byzantinischen Bildersymbolik und dem gleichzeitigen Zauberwesen des

griechischen „Christentums zweiter Ordnung“ ebenso berühren wie mit der

Volksreligion des Islam.

Der Untergang des Abendlandes, Zweiter Band · 第 36 / 62 段