Innerhalb der Barockphilosophie steht die abendländische

Naturwissenschaft ganz für sich. Etwas Ähnliches besitzt keine

andere Kultur. Sicherlich war sie von Anfang an nicht die Magd der

Theologie, sondern +Dienerin des technischen Willens zur Macht und

nur deshalb+ mathematisch und experimentell gerichtet und von Grund

aus +praktische+ Mechanik. Da sie durch und durch zuerst Technik

ist und dann Theorie, so muß sie so alt sein wie der faustische Mensch

überhaupt. Technische Arbeiten von einer erstaunlichen Energie der

Kombination erscheinen schon um 1000. Schon im 13. Jahrhundert hat

Robert Grosseteste den Raum als Funktion des Lichtes behandelt, Petrus

Peregrinus 1289 die bis auf Gilbert (1600) herab beste, experimentell

begründete Abhandlung über den Magnetismus geschrieben und beider

Schüler Roger Bacon eine naturwissenschaftliche Erkenntnistheorie

als Grundlage für seine technischen Versuche entwickelt. Aber die

Kühnheit im Entdecken dynamischer Zusammenhänge geht noch viel

weiter. Das kopernikanische System ist in einer Handschrift von 1322

angedeutet und einige Jahrzehnte darauf von den Schülern Occams

zu Paris, Buridan, Albert von Sachsen und Nikolas von Oresme, in

Verbindung mit der vorweggenommenen Mechanik Galileis mathematisch

entwickelt worden.[326] Man täusche sich nicht über die letzten

Triebe, die all diesen Entdeckungen zugrunde liegen: das reine

Schauen hätte des Experiments nicht bedurft, aber das faustische

Symbol der Maschine, das schon im 12. Jahrhundert zu mechanischen

Konstruktionen trieb und das Perpetuum mobile zum Prometheusgedanken

des abendländischen Geistes gemacht hat, konnte es nicht entbehren.

+Die Arbeitshypothese ist immer das erste+, gerade das, was für

keine andre Kultur einen Sinn hatte. Man muß sich durchaus mit der

erstaunlichen Tatsache vertraut machen, daß der Gedanke, jede Kenntnis

von natürlichen Zusammenhängen sofort praktisch auszubeuten, den

Menschen durchaus fernliegt mit Ausnahme der faustischen und derer,

die wie die Japaner, Juden und Russen heute unter dem geistigen Zauber

ihrer Zivilisation stehen. Daß unser Weltbild dynamisch angelegt ist,

enthält schon den Begriff der Arbeitshypothese. Erst das zweite ist

für jene grübelnden Mönche die Theorie, das wirkliche „Schauen“, und

ganz unvermerkt, wie sie aus der technischen Leidenschaft entstanden

war, leitete sie nun hinüber zu der echt faustischen Auffassung

Gottes als des großen Maschinenmeisters, der alles konnte, was sie

selbst in ihrer Ohnmacht nur zu wollen wagten. Unvermerkt wird die

Welt Gottes von einem Jahrhundert zum andern dem Perpetuum mobile

ähnlicher. Und als, ebenfalls ganz unvermerkt, vor dem immer mehr

durch Experiment und technische Erfahrung geübten Blick auf die Natur

der gotische Mythus schattenhaft wurde, entstanden aus den Begriffen

mönchischer Arbeitshypothesen seit Galilei jene kritisch abgeklärten

_numina_ der modernen Naturwissenschaft, die Stoß- und Fernkräfte,

die Gravitation, die Lichtgeschwindigkeit, endlich „die“ Elektrizität,

die im elektrodynamischen Weltbilde durch Einverleibung der übrigen

Energieformen eine Art von physikalischem Monotheismus erreicht hat.

Es sind die Begriffe, welche den Formeln unterlegt werden, um ihnen

mythische Anschaulichkeit zu verleihen. Die Zahlen selbst sind Technik,

Hebel und Schrauben, abgelauschtes Weltgeheimnis. Das antike und jedes

andre Naturdenken brauchte keine Zahlen, weil es keine Macht erstrebte.

Die +reine+ Mathematik des Pythagoras und Platon steht zu den

Naturansichten des Demokrit und Aristoteles in gar keiner Beziehung.

Wie in der Antike Prometheus’ Trotz gegen die Götter als Hybris, so ist

vom Barock die Maschine als teuflisch empfunden worden. Der Höllengeist

hatte dem Menschen das Geheimnis verraten, sich des Weltmechanismus zu

bemächtigen und selbst den Gott zu spielen. Deshalb herrscht bei allen

rein priesterlichen Naturen, die ganz im Reiche des Geistes leben und

nichts von „dieser Welt“ erwarten, vor allem bei den idealistischen

Philosophen, den Klassizisten, den Humanisten, bei Kant, selbst bei

Nietzsche, ein feindseliges Schweigen über die Technik.

Jede späte Philosophie enthält den kritischen Protest gegen das

unkritische Schauen der Frühzeit. Aber diese Kritik eines seiner

Überlegenheit sicheren Geistes trifft auch den Glauben selbst und ruft

die einzige große Schöpfung im Religiösen hervor, die Eigentum der

Spätzeit ist und zwar jeder: den Puritanismus.

Er erscheint im Heere Cromwells und seiner eisernen, bibelfesten,

psalmensingend in die Schlacht ziehenden Independenten, im Kreise der

Pythagoräer, die im bittren Ernst ihrer Pflichtenlehre das fröhliche

Sybaris zerstörten und ihm für immer den Makel einer sittenlosen

Stadt anhängten, im Heere der ersten Khalifen, das nicht nur Staaten,

sondern auch die Seelen unterwarf. Miltons Verlorenes Paradies, manche

Suren des Koran, das wenige, was sich über pythagoräische Lehren

feststellen läßt -- das ist alles eins: Begeisterung eines nüchternen

Geistes, kalte Glut, trockne Mystik, pedantische Ekstase. Aber noch

einmal lodert doch eine wilde Frömmigkeit darin auf. Was die zur

unbedingten Herrschaft über die Seele des Landes gelangte große Stadt

an transzendenter Inbrunst aufbringen kann, das ist hier gesammelt,

wie mit der Angst, daß es künstlich und vorübergehend ist, und deshalb

ungeduldig, ohne Verzeihung, ohne Barmherzigkeit. Dem Puritanismus

nicht nur des Abendlandes, sondern aller Kulturen fehlen das Lächeln,

das die Religion aller Frühzeiten verklärt hatte, die Augenblicke

tiefer Lebensfreude, der Humor. Nichts von der stillen Glückseligkeit,

die in magischer Frühzeit in den Kindheitsgeschichten Jesu oder bei

Gregor von Nazianz so oft aufleuchtet, findet sich in den Suren des

Koran, nichts von der versonnenen Heiterkeit der Gesänge des heiligen

Franz bei Milton. Ein tödlicher Ernst ruht über den jansenistischen

Geistern von Port Royal und den Versammlungen der schwarzgekleideten

Rundköpfe, die das _old merry England_ Shakespeares, +auch+

ein Sybaris, in wenigen Jahren vernichtet haben. Der Kampf gegen den

Teufel, dessen leibhafte Nähe sie alle fühlten, wurde erst jetzt mit

einer finstren Erbitterung geführt. Im 17. Jahrhundert sind mehr als

eine Million Hexen verbrannt worden und nicht nur im protestantischen

Norden und katholischen Süden, sondern auch in Amerika und Indien.

Freudlos und gallig ist die Pflichtenlehre des Islam (_fikh_) mit

ihrer harten Verständigkeit so gut wie die des Westminsterkatechismus

(1643) und die Ethik der Jansenisten (Jansens „Augustinus“ 1640) --

denn auch im Reiche Loyolas gab es mit innerer Notwendigkeit eine

puritanische Bewegung. Religion ist erlebte Metaphysik, aber sowohl

die Gemeinschaft der Heiligen, wie die Independenten sich nannten, als

die Pythagoräer, als die Umgebung Mohameds erlebten sie nicht mit den

Sinnen, sondern zuerst als Begriff. Parshva, der um 600 v. Chr. am

Ganges die Sekte der „Entfesselten“ gründete, lehrte wie die andern

Puritaner seiner Zeit, daß nicht Opfer und Riten, sondern allein die

Erkenntnis der Identität von Atman und Brahman zur Erlösung führe.

Ein zügelloser und doch trockener allegorischer Geist ist in aller

puritanischen Dichtung an die Stelle gotischer Visionen getreten. Der

Begriff ist die wahre und einzige Macht im Wachsein dieser Asketen.

Um Begriffe und nicht wie Meister Eckart um Gestalten ringt Pascal.

Man verbrennt Hexen, weil sie bewiesen sind und nicht, weil man sie

nachts in den Lüften sieht; die protestantischen Juristen wenden

den Hexenhammer der Dominikaner an, weil er auf Begriffen errichtet

ist. Die Madonnen der frühen Gotik waren den Betenden erschienen,

die Madonnen Berninis hat niemand gesehen. Sie sind vorhanden,

weil sie bewiesen sind, und man begeistert sich für diese Art von

Existenz. Cromwells großer Staatssekretär Milton verkleidet Begriffe

in Gestalten und Bunyan hat einen ganzen Begriffsmythus in eine

ethisch-allegorische Handlung gebracht. Ein Schritt weiter und man

steht vor Kant, aus dessen Begriffsethik zuletzt der Teufel als Begriff

in Gestalt des Radikal-Bösen herauswuchs.

Man muß sich vom Oberflächenbilde der Geschichte befreien und ganz

über die künstlichen Grenzen hinwegsetzen können, welche die Methodik

abendländischer Einzelwissenschaften gezogen hat, um zu sehen, daß

Pythagoras, Mohamed und Cromwell in drei Kulturen ein und dieselbe

Bewegung verkörpern.

Pythagoras war kein Philosoph. Nach allen Aussagen der

vorsokratischen Denker war er ein Heiliger, Prophet und Stifter

eines fanatisch-religiösen Bundes, der seine Wahrheiten mit allen

politischen und militärischen Mitteln der Umgebung aufzwang. In der

Zerstörung von Sybaris durch Kroton, die sicherlich nur als Höhepunkt

eines wilden Religionskrieges in der geschichtlichen Erinnerung

haften blieb, entlud sich derselbe Haß, der auch in Karl I. von

England und seinen fröhlichen Kavalieren nicht nur eine Irrlehre,

sondern auch die weltliche Gesinnung ausrotten wollte. Ein gereinigter

und begrifflich befestigter Mythus mit einer rigorosen Sittenlehre

verlieh den Auserwählten des Pythagoräerbundes die Überzeugung,

vor allen andern zum Heil zu gelangen. Die in Thurioi und Petelia

gefundenen Goldtäfelchen, welche den Leichen der Geweihten in die Hand

gegeben wurden, enthielten die Versicherung des Gottes: Seliger und

Gebenedeiter, du wirst nicht mehr ein Sterblicher, sondern ein Gott

sein. Es ist dieselbe Überzeugung, die der Koran all denen verlieh, die

im heiligen Kriege gegen die Ungläubigen fochten -- „das Mönchtum des

Islam ist der Religionskrieg“ lautet ein Hadith des Propheten -- und

mit welcher Cromwells Eisenseiten die „Philister und Amalekiter“ des

königlichen Heeres bei Marston Moor und Naseby zersprengten.

Der Islam ist so wenig eine Wüstenreligion wie der Glaube Zwinglis eine

Religion des Hochgebirges. Es ist ein Zufall, daß die puritanische

Bewegung, für welche die magische Welt reif geworden war, von

einem Manne aus Mekka und weder von einem Monophysiten noch Juden

ausging. Denn im nördlichen Arabien lagen die christlichen Staaten

der Ghassaniden und Lachmiden, und im sabäischen Süden wurden

christlich-jüdische Religionskriege geführt, an denen die Staatenwelt

von Axum bis zum Sassanidenreich beteiligt war. Auf dem Fürstenkongreß

von Marib[327] wird kaum ein Heide erschienen sein, und bald darauf

kam Südarabien unter persische, also mazdaische Verwaltung. Mekka war

eine kleine Insel altarabischen Heidentums mitten in einer Welt von

Juden und Christen, ein kleiner Rest, der längst von den Gedanken der

großen magischen Religionen durchsetzt war. Das wenige, was von diesem

Heidentum in den Koran eindrang, ist durch den Kommentar der Sunna und

ihren syrisch-mesopotamischen Geist später forterklärt worden. Der

Islam ist eine neue Religion fast nur in dem Sinne, wie das Luthertum

eine war. In Wirklichkeit setzt er die großen Frühreligionen fort. Und

ebensowenig ist seine Ausbreitung, wie immer noch geglaubt wird, eine

Völkerwanderung, die von der arabischen Halbinsel ausgeht, sondern ein

Ansturm begeisterter Bekenner, der lawinengleich die Christen, Juden

und Mazdaisten mit sich reißt und als fanatische Moslime alsbald an der

Spitze führt. Es waren Berber aus der Heimat Augustins, die Spanien

eroberten, und Perser aus dem Irak, die zum Oxus vordrangen. Die Feinde

von gestern wurden die Vorkämpfer von morgen. Die meisten „Araber“, die

717 zum ersten Male Byzanz angriffen, sind als Christen geboren worden.

650 erlischt mit einem Schlage die byzantinische Literatur,[328]

ohne daß der tiefere Sinn davon bis jetzt bemerkt worden wäre: diese

Literatur setzte sich in der arabischen fort; die Seele der magischen

Kultur fand endlich im Islam ihren wahren Ausdruck. Damit ist diese

Kultur wirklich „arabisch“ und endgültig von der Pseudomorphose erlöst

worden. Der vom Islam geführte, von Monophysiten und Juden längst

vorbereitete Bildersturm fährt auch über Byzanz hin, wo der Syrer

Leo III. (717-41) diese puritanische Bewegung islamisch-christlicher

Sekten, der Paulikianer (um 650) und späteren Bogomilen, zur Herrschaft

brachte.

Die großen Gestalten der Umgebung Mohameds wie Abu Bekr und Omar

sind durchaus den puritanischen Führern der englischen Revolution

wie John Pym und Hampden verwandt, und diese Ähnlichkeit der

Gesinnung und Haltung würde noch größer sein, wüßten wir mehr von

den Hanifen, den arabischen Puritanern vor und neben Mohamed. Sie

besaßen alle das Bewußtsein einer großen Sendung, das sie Leben und

Besitz verachten ließ; sie hatten alle aus der Prädestination für

sich die Bürgschaft gewonnen, die Auserwählten Gottes zu sein. Der

großartig alttestamentliche Schwung in den Parlamenten und Heerlagern

der Independenten, der noch im 19. Jahrhundert in vielen englischen

Familien den Glauben zurückgelassen hatte, daß die Engländer Nachkommen

der zehn Stämme Israels seien, ein Volk von Heiligen, dem die Lenkung

der Welt bestimmt sei, hat auch die Auswanderung nach Amerika

beherrscht, die mit den Pilgervätern von 1620 ihren Anfang nahm; er hat

das geschaffen, was man heute die amerikanische Religion nennen darf,

und das herangezüchtet, was der Engländer noch jetzt an politischer

Unbedenklichkeit besitzt, die ganz religiös auf der Gewißheit der

Prädestination gegründet ist. Selbst die Pythagoräer haben -- etwas

Unerhörtes in der antiken Religionsgeschichte -- die politische Macht

zu religiösen Zwecken in die Hand genommen und den Puritanismus von

Polis zu Polis durchzusetzen versucht. Überall sonst gab es Einzelkulte

in Einzelstaaten, von denen jeder den andern in seinen religiösen

Übungen unbeachtet ließ; nur hier findet sich eine Gemeinschaft

von Heiligen, deren praktische Energie über die der alten Orphiker

ebensoweit hinausgeht wie die independentische Kampfbegeisterung über

die der Reformationskriege.

Aber im Puritanismus liegt schon der Rationalismus verborgen, der nach

einigen Generationen der Begeisterung überall hervorbricht und die

Herrschaft an sich nimmt. Es ist der Schritt von Cromwell zu Hume.

Nicht die Stadt überhaupt, auch nicht die große Stadt, sondern einzelne

wenige Städte sind nun Schauplatz der Geistesgeschichte geworden, das

sokratische Athen, das Bagdad der Abbassiden, das London und Paris des

18. Jahrhunderts. Aufklärung ist das Wort für diese Zeit, die Sonne

bricht hervor -- aber was ist es, was da am Himmel des kritischen

Bewußtseins abzieht?

Rationalismus bedeutet den Glauben +allein+ an die Ergebnisse des

kritischen Verstehens, also an den „Verstand“. Wenn in einer Frühzeit

das _credo quia absurdum_ ausgesprochen wurde, so lag darin die

Gewißheit, daß Begreifliches und Unbegreifliches erst +zusammen+

die Welt bilden, die Natur, die Giotto malte, in welche die Mystiker

sich versenkten, in welche der Verstand nur so tief dringen kann, als

die Gottheit es gestattet. Jetzt entsteht aus einem stillen Ärger der

Begriff des Irrationalen; es ist das, was durch seine Unbegreiflichkeit

bereits entwertet ist. Man kann es als Aberglauben offen oder als

Metaphysik heimlich verachten; Wert besitzt nur das kritisch gesicherte

Verstehen. Und Geheimnisse sind nichts als Beweise der Unwissenheit.

Die neue +geheimnislose+ Religion heißt in ihren höchsten

Möglichkeiten Weisheit, σοφία; ihr Priester ist der Philosoph und ihr

Anhänger der Gebildete. Nur für den Ungebildeten ist die alte Religion

unentbehrlich, meint Aristoteles,[329] und das ist durchaus die Meinung

von Konfuzius und Gotamo Buddha, Lessing und Voltaire. Man kehrt zur

Natur zurück, von aller Kultur, aber es ist keine erlebte, sondern

eine bewiesene, aus dem Verstand geborene und ihm allein zugängliche

Natur, die für das Bauerntum gar nicht vorhanden ist, und man wird von

ihr nicht erschüttert, sondern in eine empfindsame Stimmung versetzt.

Natürliche Religion, Vernunftreligion, Deismus, das ist alles nicht

erlebte Metaphysik, sondern begriffene Mechanik, das, was Konfuzius

„Gesetze des Himmels“ und der Hellenismus Tyche nennt. Einst war

Philosophie die Dienerin der jenseitigsten Religiosität, jetzt kommt

die Empfindung auf, Philosophie müsse Wissenschaft sein, nämlich

Erkenntniskritik, Naturkritik, Wertkritik. Zwar fühlt man, daß sie auch

jetzt nichts ist als abgeschwächte Dogmatik, Glaube an ein Wissen, das

reines Wissen sein +möchte+. Man spinnt Systeme aus scheinbar

gesicherten Anfängen heraus, aber man sagt zuletzt doch nur statt

Gott Kraft und statt Ewigkeit Erhaltung der Energie. Allem antiken

Rationalismus liegt der Olymp, allem abendländischen die Lehre von den

Sakramenten zugrunde. Deshalb schwankt diese Philosophie hin und her

zwischen Religion und Fachwissenschaft und wird in jedem Falle anders

definiert, je nachdem der Urheber noch etwas vom Priester und Seher in

sich hat oder reiner Fachmann und Techniker des Denkens ist.

„Weltanschauung“ ist der eigentliche Ausdruck für ein aufgeklärtes

Wachsein, das unter Leitung des kritischen Verstehens sich in einer

götterlosen Lichtwelt umsieht und die Sinne Lügen straft, sobald sie

etwas empfinden, was der gesunde Menschenverstand nicht anerkennt. Was

einst Mythus war, das Wirklichste des Wirklichen, unterliegt jetzt der

Methode des Euhemerismus, die nach jenem Gelehrten ihren Namen trägt,

welcher um 300 v. Chr. die antiken Gottheiten für Menschen erklärte,

die sich einst verdient gemacht hatten. In irgend einer Form erscheint

dies Verfahren in jeder aufgeklärten Zeit. Es ist euhemeristisch,

wenn die Hölle als das böse Gewissen, der Teufel als die böse Lust

und Gott als die Schönheit der Natur gedeutet werden. Dahin gehört es

auch, wenn auf attischen Grabsteinen um 400 an Stelle der Stadtgöttin

Athene eine Göttin Demos angerufen wird -- was andrerseits der

jakobinischen Göttin Vernunft sehr nahe kommt -- wenn Sokrates von

seinem Daimonion und andre Denker dieser Zeit vom Νοῦς statt von Zeus

sprechen. Konfuzius sagt „Himmel“ statt Schang ti, das heißt er glaubt

nur an Naturgesetze. Ein ungeheuerlicher Akt des Euhemerismus ist die

„Sammlung“ und „Ordnung“ der kanonischen Schriften Chinas durch die

Konfuzianer, die in Wirklichkeit eine Vernichtung fast aller alten

religiösen Werke und die rationalistische Verfälschung des Restes

bedeutete. Wäre es möglich gewesen, so hätten die Aufklärer des 18.

Jahrhunderts sich ebenso um das Erbe der Gotik verdient gemacht.[330]

Konfuzius gehört durchaus in das „18. Jahrhundert“ Chinas. Laotse,

der ihn verachtet, steht inmitten des Taoismus, einer Bewegung,

die nacheinander protestantische, puritanische und pietistische

Züge zum Vorschein gebracht hat, und beide verbreiten zuletzt eine

praktische Weltstimmung auf dem Hintergrunde einer ganz mechanistischen

Weltanschauung. Das Wort Tao hat seine Grundbedeutung im Verlauf

der chinesischen Spätzeit ebenso beständig verändert, und zwar in

mechanistischer Richtung, wie „Logos“ in der antiken Geistesgeschichte

von Heraklit bis Poseidonios und „Kraft“ von Galilei bis zur Gegenwart.

Was einst Mythus und Kultus großen Stils gewesen war, heißt in dieser

Religion der Gebildeten +Natur+ und +Tugend+, aber Natur

ist ein vernünftiger Mechanismus und +Tugend ist Wissen+: darüber

sind Konfuzius, Buddha, Sokrates und Rousseau einer Meinung. Von

Gebet und Betrachtungen über das Leben nach dem Tode hielt Konfuzius

wenig, von Offenbarungen gar nichts. Wer sich viel mit Opfern und

Kulten beschäftigt, ist ungebildet und unvernünftig. Gotamo Buddha und

sein Zeitgenosse Mahavira, der Stifter des Jainismus, die beide aus

der Staatenwelt am unteren Ganges, östlich vom alten brahmanischen

Kulturgebiet stammten, haben bekanntlich weder den Gottesbegriff noch

einen Mythus und Kultus anerkannt. Von der wahren Lehre Buddhas ist

wenig mehr festzustellen. Alles erscheint in die Farbe der späteren

Fellachenreligion seines Namens getaucht. Aber einer der zweifellos

echten Gedanken über das „ursachmäßige Entstehen“ ist die Ableitung

des Leidens +aus dem Nichtwissen+, nämlich der „vier edlen

Wahrheiten“. Das ist echter Rationalismus. Nirwana ist bei ihm eine

rein geistige Ablösung und entspricht durchaus der Autarkeia und

Eudaimonia der Stoiker. Es ist der Zustand des verstehenden Wachseins,

für welchen das Dasein nicht mehr vorhanden ist.

Für den Gebildeten solcher Zeiten ist der Weise das große Ideal.

Der Weise kehrt zur Natur zurück, nach Ferney oder Ermenonville, in

attische Gärten oder indische Wälder; es ist die geistigste Art,

Großstädter zu sein. Der Weise ist der Mensch der rechten Mitte. Seine

Askese besteht in einer maßvollen Geringschätzung der Welt zugunsten

der Meditation. Die Weisheit der Aufklärung wird nie die Bequemlichkeit

stören. Moral auf dem Hintergrunde des großen Mythus war immer ein

Opfer, ein Kult, bis zur härtesten Askese, bis zum Tode. Tugend auf

dem Hintergrunde der Weisheit ist eine Art von heimlichem Genuß, ein

feinster, geistigster Egoismus, und damit wird aus dem Sittenlehrer

jenseits der echten Religion ein Philister. Buddha, Konfuzius, Rousseau

sind Erzphilister bei aller Erhabenheit ihrer Gedankengänge, und nichts

kann über die Pedanterie der sokratischen Lebensweisheit hinweghelfen.

Zu dieser, man möchte sagen Scholastik des gesunden Menschenverstandes

gehört mit innerer Notwendigkeit eine rationalistische Mystik der

Gebildeten. Die Aufklärung des Abendlandes ist englischen Ursprungs

und das Ergebnis des Puritanismus: Von Locke geht der gesamte

Rationalismus des Festlands aus. Gegen ihn vor allem lehnen sich in

Deutschland die Pietisten auf (seit 1700 die Herrnhuter Brüdergemeinde,

Spener und Francke, in Württemberg Oetinger), in England die

Methodisten (1738 Wesley von Herrnhut aus „erweckt“). Es ist wieder

der Unterschied von Luther und Kalvin, daß diese sich alsbald zu einer

Weltbewegung organisierten und jene in mitteleuropäischen Konventikeln

verloren. Die Pietisten des Islam finden sich im +Sufismus+, der

nicht „persischen“, sondern allgemein aramäischen Ursprungs ist und

sich im 8. Jahrhundert von Syrien aus über die ganze arabische Welt

verbreitet. Pietisten oder Methodisten sind die indischen Laien, die

kurz vor Buddha die Erlösung vom Kreislauf des Lebens (_sansara_)

durch Versenkung in die Gleichheit von Brahman und Atman lehrten,

aber auch Laotse und seine Anhänger und trotz ihres Rationalismus

die kynischen Bettelmönche und Wanderprediger und die stoischen

Erzieher, Hausgeistlichen und Beichtväter des frühen Hellenismus.[331]

Es sind Steigerungen möglich bis zur rationalistischen Vision,

deren klassisches Beispiel Swedenborg ist, die bei den Stoikern und

Sufis eine ganze religiöse Phantasiewelt hervorgebracht hat und die

Umbildung des Buddhismus zum Mahayana vorbereitet. Die Entwicklung

des Buddhismus und Taoismus in ihrer ursprünglichen Bedeutung ist der

methodistischen in Amerika sehr ähnlich, und es ist kein Zufall, daß

beide am unteren Ganges und südlich des Jangtsekiang, also in den

jungen Siedelungsgebieten beider Kulturen zur vollen Blüte gelangt sind.

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Der Untergang des Abendlandes, Zweiter Band · 第 35 / 62 段