Die Renaissance hat den starken Glauben der Gotik zur beständigen

Voraussetzung ihres Weltgefühls. Wenn Vasari von Cimabue und Giotto

rühmt, daß sie zuerst wieder der Natur als Lehrmeisterin folgten, so

war es eben diese gotische Natur, die von englischen und teuflischen

Scharen rings durchgeistert war und wie eine ewige Drohung im Lichte

dalag. Nachahmung der Natur war die Nachahmung ihrer Seele, nicht ihrer

Oberfläche. Man lasse doch endlich das Märchen von einer Erneuerung

des „Altertums“ fallen. Renaissance, _rinascita_, bedeutete

damals den +gotischen+ Aufschwung von 1000 an,[318] das neue

+faustische+ Weltgefühl, das neue Selbsterlebnis des Ich +im

Unendlichen+. Mochten einige Geister gelegentlich für die Antike

schwärmen, wie man sie sich dachte; das war ein Geschmack, nicht mehr.

Der antike Mythus war ein Unterhaltungsstoff, ein allegorisches Spiel;

durch seinen dünnen Schleier hindurch sah man den wirklichen, den

gotischen, nicht minder scharf. Als Savonarola auftrat, verschwand das

antike Getändel sofort von der Oberfläche des florentinischen Lebens.

Sie haben alle für die Kirche geschaffen und zwar mit Überzeugung;

Raffael war der innigste aller Madonnenmaler; ein fester Glaube an

das Teufelswesen und an die Erlösung von ihm durch die Heiligen liegt

dieser ganzen Kunst und Schriftstellerei zugrunde, und alle ohne

Ausnahme, Maler, Architekten, Humanisten, mochten sie die Namen Cicero,

Virgil, Venus, Apollo täglich im Munde führen, haben die Hexenbrände

allenthalben als etwas ganz Natürliches betrachtet und Amulette gegen

den Teufel getragen. Die Schriften des Marsilius Ficinus sind voll

von gelehrten Betrachtungen über Teufel und Hexen, Francesco della

Mirandola hat in elegantem Latein den Dialog „Die Hexe“ geschrieben,

um die feinen Köpfe seines Kreises vor der Gefahr zu warnen.[319] Als

Lionardo an der heiligen Anna selbdritt arbeitete, auf der Höhe der

Renaissance, wurde in Rom in bestem Humanistenlatein der Hexenhammer

geschrieben (1487). Der große Mythus der Renaissance war +dieser+,

und ohne ihn versteht man die prachtvolle, echt gotische Stärke dieser

antigotischen Bewegung nicht. Menschen, die den Teufel nicht um sich

spürten, hätten weder die Göttliche Komödie noch die Fresken in Orvieto

noch die Decke der Sixtina schaffen können.

Erst auf dem gewaltigen Hintergrunde dieses Mythus erwuchs der

faustischen Seele ein Gefühl von dem, was sie war. Ein Ich im

Unendlichen verloren; ganz und gar Kraft, aber in einer Unendlichkeit

größerer Kräfte ohnmächtig; ganz und gar Wille, aber voller Angst

für seine Freiheit. Das Problem der Willensfreiheit ist nie tiefer,

nie qualvoller durchdacht worden. Andere Kulturen haben es gar nicht

gekannt. Aber eben weil die magische Ergebung hier ganz unmöglich war,

weil es kein „es“ war, kein Teil eines allgemeinen Geistes, der dachte,

sondern ein einzelnes, kämpfendes Ich, das sich zu behaupten suchte,

wurde jede Grenze der Freiheit als eine Kette empfunden, die man durch

das Leben schleppte, und dieses selbst als ein lebendiger Tod. Wenn es

aber so war -- warum? +wofür+?

Aus dieser Einsicht erhob sich ein ungeheures Schuldbewußtsein, das

wie eine einzige verzweifelte Klage durch diese Jahrhunderte geht.

Die Dome richten sich immer bittender zum Himmel auf, die gotischen

Gewölbe werden wie ein Händefalten; kaum schimmert aus hohen Fenstern

ein tröstliches Licht in die Nacht der langen Kirchenschiffe. Die

atembeklemmenden Parallelfolgen des Kirchengesangs, die lateinischen

Hymnen sprechen von wundgescheuerten Knien und von Geißelhieben in

nächtlicher Zelle. Für den magischen Menschen war die Welthöhle eng und

der Himmel nah gewesen; hier war er unendlich fern; keine Hand schien

aus diesen Räumen herabzureichen, und um das verlorene Ich lagerte

sich höhnend die Teufelswelt. Deshalb wurde es die große Sehnsucht der

Mystik, entbildet zu werden von der Kreatur, wie Heinrich Seuse sagte,

sein selbst und aller Dinge ledig zu werden (Meister Eckart), das

Lassen der Ichheit (Theologie deutsch). Daneben erhob sich ein endloses

Grübeln und Sichhalten an Begriffe, die immer feiner und feiner

zerspalten wurden, um das Warum zu erfahren, und endlich der allgemeine

Schrei nach Gnade, nicht der magischen, die als Substanz herabkam,

sondern der faustischen, die den Willen losband.

+Frei wollen zu dürfen+ ist im tiefsten Grunde das einzige

Geschenk, das die faustische Seele vom Himmel erfleht. Die sieben

Sakramente der Gotik, von Petrus Lombardus als Einheit empfunden,

1215 auf dem Lateranskonzil zum Dogma erhoben, von Thomas von Aquino

mystisch begründet, haben nur diesen Sinn. Sie begleiten die einzelne

Seele von der Geburt bis zum Tode und schirmen sie vor den teuflischen

Mächten, die sich in den Willen einzunisten suchen. Denn sich dem

Teufel verschreiben heißt ihm +seinen Willen+ ausliefern. Die

streitende Kirche auf Erden ist die sichtbare Gemeinschaft derer, die

durch den Genuß der Sakramente begnadet sind, wollen zu können. Diese

Gewißheit des Freiseins erscheint verbürgt im Altarsakrament, das nun

von Grund aus umgedacht wird. Das Wunder der heiligen Wandlung, das

sich in den Händen des Priesters täglich vollzieht, die geweihte Hostie

im Hochaltar des Domes, in welcher der Gläubige die Anwesenheit dessen

spürte, der sich einst geopfert hatte, um den Seinen +die Freiheit

des Wollens+ zu gewähren -- das schuf ein Aufatmen, wie wir es uns

heute gar nicht mehr vorstellen können und für das zum Danke 1264 das

Hauptfest der katholischen Kirche, Fronleichnam, gestiftet worden ist.

Aber weit darüber hinaus greift das eigentlich faustische +Ursakrament

der Buße+. Es ist mit dem Marien- und dem Teufelsmythus die dritte

große Schöpfung der Gotik, aber es gibt beiden erst Tiefe und

Bedeutung; es deckt die letzten Geheimnisse der Seele dieser Kultur

auf und stellt sie damit abseits von allen andern. Mit dem magischen

Ursakrament der Taufe wurde der Mensch dem großen _consensus_

einverleibt; das eine große „Es“ des göttlichen Geistes nahm auch

in ihm seinen Sitz und für alles, was geschah, folgte daraus die

Pflicht der Ergebung. In der faustischen Buße aber liegt die +Idee

der Persönlichkeit+. Es ist nicht richtig, daß die Renaissance sie

entdeckt[320] habe. Sie hat ihr nur eine glänzende und flache Fassung

gegeben, so daß jeder sie plötzlich bemerken konnte. Geboren wurde

sie mit der Gotik; sie ist ihr innerstes Eigentum; sie ist mit dem

gotischen Geiste eins und dasselbe. Denn diese Buße vollbringt jeder

nur für sich allein. Er allein kann sein Gewissen erforschen. Er allein

steht reuig vor dem Unendlichen da; er allein muß in der Beichte seine

persönliche Vergangenheit verstehen und in Worte fassen, und auch die

Lossprechung, die Befreiung seines Ich zu neuem verantwortlichen Tun

erfolgt für ihn allein. Die Taufe ist ganz unpersönlich. Man empfängt

sie, weil man +ein+ Mensch, nicht weil man +dieser+ Mensch ist. Die

Idee der Buße aber setzt voraus, daß jede Tat ihren einzigartigen

Wert erst durch den erhält, der sie tut. Das ist es, was die

abendländische Tragödie von der antiken, chinesischen und indischen

unterscheidet, was unser Strafrecht immer deutlicher auf den Täter und

nicht die Tat gerichtet hat, was alle sittlichen Grundbegriffe aus

dem individuellen Tun und nicht aus der typischen Haltung ableitet.

Faustische Verantwortung statt magischer Ergebung, der einzelne Wille

statt des _consensus_, die Entlastung statt der Resignation: es ist der

Unterschied zwischen dem aktivsten und dem passivsten aller Sakramente

und leitet wieder zum Unterschied der Welthöhle von der Dynamik des

Unendlichen zurück. Die Taufe wird vollzogen, die Buße vollzieht jeder

einzelne in sich selbst. Aber die gewissenhafte Erforschung der eignen

Vergangenheit ist zugleich das früheste Zeugnis und die große Schule

+für den historischen+ Sinn des faustischen Menschen. Es gibt keine

zweite Kultur, in welcher das eigne Leben dem Lebenden Zug um Zug und

pflichtgemäß so bedeutend war, weil er dafür in Worten Rechenschaft

abzulegen hatte. Wenn Geschichtsforschung und Lebensbeschreibung

den Geist des Abendlandes von Anfang an auszeichnen; wenn beide im

tiefsten Grunde Selbstprüfung und Beichte sind, und das Dasein mit

einer Bewußtheit und bewußten Beziehung auf einen geschichtlichen

Hintergrund geführt wird, wie man es anderswo niemals auch nur für

möglich und erträglich gehalten hätte; wenn wir zuerst die Geschichte

aus dem Aspekt von Jahrtausenden zu betrachten gewöhnt sind, nicht

rhapsodisch und ausschmückend wie in der Antike und in China, sondern

+richtend+ -- mit der fast sakramentalen Formel im Untergrunde: _tout

comprendre, c’est tout pardonner_ -- so liegt der Ursprung davon in

diesem Sakrament der gotischen Kirche, in dieser beständigen Entlastung

des Ich durch +historische+ Prüfung und Rechtfertigung. Jede Beichte

ist eine Selbstbiographie. Diese eigentliche Befreiung des Willens

ist uns so notwendig, daß die versagte Lossprechung zur Verzweiflung,

ja zur Vernichtung führt. Nur wer die Seligkeit einer solchen innern

Freisprechung ahnt, begreift den alten Namen des _sacramentum

resurgentium_, des Sakraments der Wiedererstandenen.[321]

Wird die Seele in dieser schwersten Entscheidung auf sich selbst

verwiesen, so bleibt etwas Ungelöstes wie eine ewige Wolke über ihr.

Keine Einrichtung einer zweiten Religion hat vielleicht soviel

Glück in die Welt gebracht. Die ganze Inbrunst und himmlische Liebe

der Gotik ruhte auf der Gewißheit der vollen Erlösung durch die dem

Priester verliehene Kraft. Die Ungewißheit, die sich aus dem Verfall

dieses Sakraments ergab, ließ mit der tiefen gotischen Lebensfreude

auch die Marienwelt des Lichtes verblassen und die Teufelswelt blieb

in ihrer düsteren Allgegenwart allein zurück. An die Stelle der nie

mehr zu erreichenden Seligkeit trat der protestantische und vor allem

puritanische +Heroismus+, der auch ohne Hoffnung auf verlornem

Posten weiterkämpft. „Die Ohrenbeichte hätte dem Menschen nie sollen

genommen werden“, hat Goethe einmal bemerkt. Ein schwerer Ernst

breitete sich über die Länder, in denen sie abgestorben war. Die

Sitte, die Tracht, die Kunst, das Denken nahmen die nächtliche Farbe

des einzigen Mythus an, der übrig blieb. Es gibt nichts sonnenärmeres

als die Lehre Kants. „Jedermann sein eigener Priester“: zu dieser

Überzeugung mochte man sich durchkämpfen, soweit sie Pflichten, nie

soweit sie Rechte enthielt. Mit der innigen Gewißheit der Lossprechung

beichtet niemand sich selbst. Deshalb hat das ewig nagende Bedürfnis,

die Seele dennoch von ihrer Vergangenheit richtend zu entlasten, alle

höheren Formen der Mitteilung umgestaltet und in protestantischen

Ländern die Musik, die Malerei, die Dichtung, den Brief, das Denkerbuch

aus Mitteln der Darstellung zu solchen der Selbstanklage, Beichte und

schrankenlosen Konfession gemacht. Auch im katholischen Gebiet, vor

allem in Paris, begann mit dem Zweifel am Bußsakrament die Kunst als

Psychologie. Der Blick in die Welt verschwand vor dem endlosen Wühlen

im eigenen Innern. Statt des Unendlichen wurde die Mit- und Nachwelt

der Menschen als Priester und Richter angerufen. Persönliche Kunst

in dem Sinne, wie er Goethe von Dante, Rembrandt von Michelangelo

unterscheidet, ist ein Ersatz für das Sakrament der Buße, aber damit

befindet sich diese Kultur schon mitten in ihrer Spätzeit.[322]

18

Reformation bedeutet in allen Kulturen dasselbe: Rückführung der

Religion zur Reinheit ihrer ursprünglichen Idee, wie sie in den

großen Jahrhunderten am Anfang in Erscheinung getreten war. Diese

Bewegung fehlt in keiner Kultur, ob wir davon wissen wie in Ägypten

oder nicht wie in China. Sie bedeutet auch, daß die Stadt und damit der

bürgerliche Geist sich von der Seele des Landes allmählich befreien,

ihrer Allmacht entgegentreten und das Fühlen und Denken der stadtlosen

Urstände in Bezug auf sich selbst nachprüfen. Daß diese Bewegung in

der magischen und faustischen Kultur zur Abspaltung neuer Religionen

geführt hat, ist Schicksal und liegt nicht in ihrem Begriff. Es ist

bekannt, wie wenig unter Karl V. gefehlt hat, daß Luther der Reformator

der Gesamtkirche wurde.

Denn Luther war wie alle Reformatoren in allen Kulturen nicht der

erste, sondern +der letzte einer mächtigen Reihe+, die von

den großen Asketen des freien Landes zu städtischen Geistlichen

hinüberleitet. Reformation ist Gotik, ihre Vollendung und ihr

Testament. Luthers Choral: „Ein feste Burg“ gehört +nicht+ zur

geistlichen Lyrik des Barock. In ihm dröhnt noch das prachtvolle

Latein des _Dies irae_. Es ist das letzte gewaltige Teufelslied

der streitenden Kirche: „Und wenn die Welt voll Teufel wär“. Er, wie

alle Reformatoren, die seit 1000 aufstanden, bekämpfte die Kirche

nicht, weil sie zu anspruchsvoll, sondern weil sie es zu wenig war. Der

große Strom geht von Cluny über Arnold von Brescia, der die Rückkehr

der Kirche zu apostolischer Armut forderte und 1155 verbrannt wurde,

Joachim von Floris, der zuerst das Wort _reformare_ gebraucht, die

Spiritualen des Franziskanerordens, Jacopone da Todi, den Revolutionär

und Dichter des Stabat Mater, der durch den Tod seines jungen Weibes

vom Ritter zum Asketen wurde und Bonifaz VIII. stürzen wollte, weil er

die Kirche nicht streng genug verwaltete, über Wiclif, Hus, Savonarola

zu Luther, Karlstadt, Zwingli, Kalvin und -- Loyola. Sie wollen alle

das Christentum der Gotik innerlich vollenden, nicht überwinden. Und

ganz ebenso steht es mit Marcion, Athanasius, den Monophysiten und

Nestorianern, die auf den Konzilen von Ephesus und Chalcedon die Lehre

reinigen und zu ihrem Ursprung zurückführen wollen.[323] Aber auch die

antiken Orphiker des 7. Jahrhunderts waren die letzten und nicht die

ersten einer Reihe, die schon vor 1000 begonnen haben muß und ebenso

wie die Vollendung der Re-Religion mit dem Ausgang des Alten Reiches --

der ägyptischen Gotik -- einen Abschluß und keinen Neubeginn bedeutet.

Ganz ebenso gibt es eine reformatorische Vollendung der vedischen

Religion etwa im 10. Jahrhundert, worauf die brahmanische Spätzeit

einsetzt, und es muß im 9. Jahrhundert eine entsprechende Epoche in der

Religionsgeschichte Chinas gegeben haben.

Wie weit die Reformationen der einzelnen Kulturen sich auch sonst

unterscheiden mögen, sie wollen alle den Glauben, der sich allzuweit

in die Welt als Geschichte -- die „Zeitlichkeit“ -- verirrt hat,

in das Reich der Natur, des reinen Wachseins und des reinen,

zeitlosen, kausal durchherrschten Raumes zurückführen, aus der Welt

der Wirtschaft („Reichtum“) in die der Wissenschaft („Armut“), aus

patrizisch-ritterlichen Kreisen, denen auch Renaissance und Humanismus

angehören, in die geistlich-asketischen und endlich, was ebenso wichtig

als unmöglich war, aus dem politischen Ehrgeiz der Rassemenschen im

Priesterkleid in den Bereich der heiligen Kausalität, die nicht von

dieser Welt ist.

Man teilte damals im Abendland -- und die Lage war in den andern

Kulturen die gleiche -- das _corpus christianum_ der Bevölkerung

in die drei Stände des _status politicus_, _ecclesiasticus_

und _oeconomicus_ (Bürgertum) ein, aber da man von der Stadt und

nicht mehr von Pfalz und Dorf aus dachte, so gehörten zum ersten Stande

Beamte und Richter, zum zweiten die Gelehrten, und der Bauer wurde

vergessen. Von hier aus begreift sich der Gegensatz von Renaissance und

Reformation, der ein +Standesgegensatz+ ist und kein Unterschied

im Weltgefühl wie der von Renaissance und Gotik. Höfischer Geschmack

und klösterlicher Geist sind in die Stadt verpflanzt worden und stehen

sich hier gegenüber: in Florenz die Medici und Savonarola, im Hellas

des 8. und 7. Jahrhunderts die vornehmen Geschlechter der Polis,

in deren Kreise die homerischen Gesänge nun endlich aufgezeichnet

wurden, und die letzten, jetzt ebenfalls schreibenden Orphiker. Die

Renaissancekünstler und Humanisten sind die legitimen Nachfolger der

Troubadours und Minnesänger, und es führt eine Linie wie von Arnold

von Brescia zu Luther, so von Bertran de Born und Peire Cardinal über

Petrarca zu Ariost. Die Burg ist zum Stadthause und der Ritter zum

Patrizier geworden. Die ganze Bewegung haftet an Palästen, soweit sie

Höfe sind; sie beschränkt sich auf die Ausdrucksgebiete, die für eine

vornehme Gesellschaft in Betracht kamen; sie war heiter wie Homer,

weil sie höfisch war -- Probleme sind schlechter Geschmack; Dante und

Michelangelo haben wohl gefühlt, daß sie nicht dazu gehörten -- und

sie dringt über die Alpen an die Höfe des Nordens vor, nicht weil

sie Weltanschauung, sondern weil sie ein neuer Geschmack war. In der

„nordischen Renaissance“ der Handels- und Residenzstädte hat der feine

Ton des italienischen Patriziats lediglich den des französischen

Rittertums abgelöst.

Aber auch die letzten Reformatoren wie Savonarola und Luther waren

+städtische+ Mönche. Das unterscheidet sie bis ins Innerste von

Joachim und Bernhard. Ihre städtische und geistige Askese leitet

von der Einsiedelei stiller Täler zur Gelehrtenstube des Barock

hinüber. Das mystische Erlebnis Luthers, aus dem seine Lehre von der

Rechtfertigung hervorging, ist nicht das des heiligen Bernhard, der

Wälder und Hügel um sich und Wolken und Sterne über sich sah, sondern

das eines Mannes, der durch kleine Fenster auf Gassen, Hauswände

und Giebel hinausblickt. Die weite, gotterfüllte Natur liegt fern,

jenseits der Stadtmauer. Drinnen haust der vom Lande abgelöste freie

Geist. Innerhalb des städtischen, steinumgebenen Wachseins haben sich

Empfinden und Verstehen feindselig gesondert, und die städtische Mystik

der letzten Reformatoren ist durchaus die des reinen Verstehens, nicht

des Auges, eine Verklärung der Begriffe, welche die farbigen Gestalten

des frühen Mythus verblassen läßt.

Aber eben deshalb ist sie in ihrer wirklichen Tiefe die Sache der

Wenigsten. Nichts ist von der sinnlichen Fülle geblieben, die einst

auch dem Ärmsten einen Halt bot. Die gewaltige Tat Luthers ist eine

rein geistige Entscheidung. Er war nicht umsonst auch der letzte

große Scholastiker aus der Schule Occams.[324] Er hat die faustische

Persönlichkeit vollkommen befreit; zwischen ihr und dem Unendlichen

verschwindet die vermittelnde Person des Priesters. Sie ist jetzt

ganz allein, ganz auf sich selbst gestellt, ihr eigener Priester und

Richter. Aber das Volk konnte den befreienden Zug darin nur empfinden,

nicht verstehen. Es hat, und zwar mit Begeisterung, das Zerbrechen

sichtbarer Pflichten begrüßt; daß sie durch noch strengere, rein

geistige Pflichten ersetzt wurden, begriff es nicht mehr. Franz

von Assisi hat viel gegeben und wenig genommen, die städtischen

Reformatoren nahmen viel und gaben den meisten zu wenig zurück.

Die heilige Kausalität des Bußsakraments ersetzte Luther durch das

mystische Erlebnis der inneren Lossprechung „allein durch den Glauben“.

Darin kommt er Bernhard von Clairvaux sehr nahe: Das ganze Leben

eine Buße, nämlich eine ununterbrochene geistige Askese gegenüber

der sichtbaren im äußeren Werke. Die innere Lossprechung haben beide

als göttliches Wunder verstanden: Indem der Mensch sich verwandelt,

verwandelt er auch Gott. Was aber keine rein geistige Mystik ersetzen

kann, ist das Du draußen, in der freien Natur. Sie haben beide ermahnt:

Du mußt auch glauben, daß Gott dir vergeben hat; aber für jenen wurde

der Glaube durch die Macht des Priesters zum Wissen erhoben, für

diesen sank er zum Zweifel, zur Verzweiflung herab. Dies kleine, aus

dem Kosmischen abgelöste, in ein Einzeldasein verschlagene Ich, allein

in der schreckhaftesten Bedeutung, bedurfte der Nähe eines mächtigen

Du und um so mehr, je schwächer der Geist war. Darin liegt die letzte

Bedeutung des abendländischen Priesters, der seit 1215 durch das

Sakrament der Priesterweihe und den _character indelebilis_ aus

der übrigen Menschheit herausgehoben war: eine Hand, mit der auch der

Ärmste Gott ergreifen konnte. Diese +sichtbare+ Verbindung mit dem

Unendlichen hat der Protestantismus zerstört. Starke Geister eroberten

es sich zurück, den Schwachen ging es langsam verloren. Bernhard, dem

für sich das innere Wunder gelang, wollte doch den andern den milderen

Weg nicht nehmen; gerade für seine lichte Seele war die Marienwelt

überall in der lebendigen Natur das ewig Nahe und Hilfsbereite. Luther,

der nur sich, nicht die Menschen gekannt hat, setzte an die Stelle der

wirklichen Schwäche den geforderten Heroismus. Für ihn war das Leben

ein verzweifelter Kampf gegen den Teufel und den forderte er von jedem.

Und jeder stand in diesem Kampfe allein.

Die Reformation hat die ganze lichte und tröstende Seite des gotischen

Mythus beseitigt: den Marienkult, die Heiligenverehrung, die

Reliquien, die Bilder, die Wallfahrten, das Meßopfer. Der Teufels-

und Hexenmythus blieb, denn er war die Verkörperung und Ursache der

inneren Qual, die nun erst zu ihrer letzten Größe heranwuchs. Die Taufe

war wenigstens für Luther ein Exorzismus, das eigentliche Sakrament

der Teufelsbannung. Es entstand eine große, rein protestantische

Teufelsliteratur.[325] Von dem Farbenreichtum der Gotik blieb das

Schwarz, von ihren Künsten die Musik und zwar die Orgelmusik zurück.

Aber an Stelle der mythischen Lichtwelt, deren hilfreiche Nähe der

Volksglaube doch nicht entbehren konnte, tauchte nun aus längst

verschollener Tiefe ein Stück des altgermanischen Mythus wieder auf.

Es geschah so heimlich, daß es in seiner wahren Bedeutung noch gar

nicht erkannt worden ist. Man sagt zu wenig, wenn man von Volkssage

und Volksbrauch redet: Es war ein echter Mythus und ein echter Kultus,

der in dem festen Glauben an Zwerge, Kobolde, Nixen, Hausgeister,

schweifende Seelen, und in den mit heiliger Scheu geübten Riten,

Opferhandlungen und Bannungen steckt. In Deutschland wenigstens trat

die Sage unbemerkt an Stelle des Marienmythus. Maria hieß nun Frau

Holde und wo einst ein Heiliger gestanden hatte, erschien jetzt der

getreue Eckart. Im englischen Volk entstand etwas, das dort längst als

Bibelfetischismus bezeichnet worden ist.

Was Luther fehlte, ein ewiges Verhängnis für Deutschland, war der Blick

für Tatsachen und die Kraft der praktischen Organisation. Er hat weder

seine Lehre in ein klares System gebracht noch die große Bewegung

geleitet und ihr ein bestimmtes Ziel gesetzt. Beides leistete allein

sein großer Nachfolger Kalvin. Während die lutherische Bewegung im

mittleren Europa führerlos weitertrieb, betrachtete er seine Herrschaft

in Genf als den Ausgangspunkt einer planmäßigen Unterwerfung der Welt

unter das rücksichtslos zu Ende gedachte System des Protestantismus.

Deshalb wurde er und er allein eine Weltmacht. Deshalb war es der

Entscheidungskampf zwischen den Geistern Kalvins und Loyolas, der seit

dem Untergang der spanischen Armada die Weltpolitik im Staatensystem

des Barock und den Kampf um die Herrschaft der Meere völlig beherrscht

hat. Während Reformation und Gegenreformation in Mitteleuropa um eine

kleine Reichsstadt oder ein paar elende Schweizerkantone rangen, fielen

in Kanada, an der Gangesmündung, am Kap, am Mississippi Entscheidungen

zwischen Frankreich, Spanien, England und den Niederlanden, in denen

überall diese beiden großen Organisatoren der Spätreligion des

Abendlandes sich gegenüberstanden.

19

Die geistige Gestaltungskraft der Spätzeit beginnt nicht mit, sondern

nach der Reformation. Ihre eigentlichste Schöpfung ist die freie

Wissenschaft. Die Gelehrsamkeit war noch für Luther durchaus _ancilla

theologiae_ gewesen. Kalvin ließ den freigeistigen Arzt Servet

verbrennen. Das Denken der ägyptischen, vedischen und orphischen

Frühzeit empfand seine Bestimmung so, daß Kritik den Glauben zu

bestätigen hatte. Gelang es nicht, so war das kritische Verfahren

falsch. Wissen war gerechtfertigter, nicht widerlegter Glaube.

Jetzt aber ist die kritische Kraft des städtischen Geistes so groß

geworden, daß sie nicht mehr bestätigt, sondern prüft. Der Bestand an

Glaubenswahrheiten, und zwar mit dem Verstand, nicht mit dem Herzen

aufgenommen, wird das erste bloße Objekt zerlegender Geistestätigkeit.

Das unterscheidet die Scholastik der Frühzeit von der wirklichen

Philosophie des Barock und also auch neuplatonisches und islamisches,

vedisches und brahmanisches, orphisches und vorsokratisches Denken.

Die -- man möchte sagen profane -- Kausalität des Menschenlebens,

der Umwelt, des Erkennens wird Problem. Die ägyptische Philosophie

des Mittleren Reiches hat in +diesem+ Sinne den Wert des Lebens

abgemessen; vielleicht war ihr die chinesische -- vorkonfuzianische --

Spätphilosophie (etwa 800-500 v. Chr.) nahe verwandt, von der nur das

dem Kuan Tse († 645) zugeschriebene Buch einen dunklen Begriff gibt.

Ganz geringe Spuren deuten darauf hin, daß erkenntnistheoretische und

biologische Probleme im Mittelpunkt dieser echten und einzigen, ganz

verschwundenen Philosophie Chinas gestanden haben.

Der Untergang des Abendlandes, Zweiter Band · 第 34 / 62 段