Aber Aischylos und Pindar standen allerdings im Banne einer großen

priesterlichen Tradition, vor ihnen die Pythagoräer, die den

Demeterkult in die Mitte stellten und damit verrieten, wo der Kern

jener Mythologie zu suchen ist, noch früher die Mysterien von Eleusis

und die orphische Reformation des 7. Jahrhunderts und endlich die

Fragmente des Pherekydes und Epimenides, der +letzten+ -- +nicht

der ersten!+ -- Dogmatiker einer uralten Theologie. Hesiod und

Solon kennen die Idee des Erbfrevels, der an Kindern und Kindeskindern

gerächt wird, und die ebenfalls apollinische Lehre von der Hybris.

Platon aber schildert als Orphiker und Gegner einer homerischen

Lebensauffassung im Phaidon sehr alte Lehren von der Hölle und vom

Totengericht. Wir kennen die erschütternde Formel der Orphik, das

Nein der Mysterien gegenüber dem Ja der Agone, das ganz ohne Zweifel

schon um 1100 entstanden ist und zwar als Protest des Wachseins gegen

das Dasein: _soma sema_ -- dieser blühende antike Leib ein Grab!

Hier +fühlt+ er sich nicht mehr, in Zucht, Kraft und Bewegung; er

+erkennt+ sich und er erschrickt vor dem, was er begreift. Hier

beginnt die antike Askese, die durch strengste Riten und Sühnungen,

selbst durch den freiwilligen Tod die Befreiung von diesem euklidischen

Körperdasein sucht. Man versteht die vorsokratischen Philosophen

gründlich falsch, wenn sie gegen Homer reden: sie taten das nicht

als Aufklärer, sondern als Asketen, weil sie, die „Zeitgenossen“

des Descartes und Leibniz, in der strengen Überlieferung der großen

alten orphischen Religion herangewachsen waren, die in diesen

halbklösterlichen Denkerschulen im Schatten altberühmter Heiligtümer

ebenso treu bewahrt worden ist wie die gotische Scholastik an den ganz

geistlichen Universitäten des Barock. Vom Selbstmord des Empedokles

führt der Weg vorwärts zu dem der römischen Stoiker und rückwärts zu

„Orpheus“.

Aus diesen letzten Spuren erhebt sich nun doch ein leuchtender Umriß

der antiken Frühreligion. Wie alle gotische Inbrunst sich auf die

Himmelskönigin Maria richtete, die Jungfrau und Mutter, so entstand

damals ein Kranz von Mythen, Bildern und Gestalten um Demeter, die

Gebärende, um Gaia und Persephone, und um Dionysos, den Zeugenden,

chthonische und phallische Kulte und Feste und Mysterien von Geburt

und Sterben. Auch das war antik und leibhaft-gegenwärtig gedacht. Die

apollinische Religion betete den Leib an, die orphische verwarf ihn,

die der Demeter feierte die Augenblicke seiner Entstehung: Zeugung und

Geburt. Es gab eine das Geheimnis des Lebens scheu verehrende Mystik in

Lehren, Symbolen und Spielen, aber gleich daneben den Orgiasmus, denn

die Vergeudung des Leibes ist der Askese ebenso tief verwandt wie die

heilige Prostitution dem Zölibat; sie verneinen beide die Zeit. Es ist

die Umkehrung des apollinischen „Zurück“ vor der Hybris. Der Abstand

wird nicht geachtet, sondern aufgehoben. Wer das in sich erlebt hat,

ist „aus einem Sterblichen ein Gott geworden“. Es muß damals große

Heilige und Seher gegeben haben, die über die Gestalten des Heraklit

und Empedokles ebensoweit hinausragten wie diese über die kynischen

und stoischen Wanderredner. Dergleichen geschieht nicht ohne Name

und Person. Es gab, als überall die Sänge von Achill und Odysseus

erschollen, eine große, strenge Lehre an den berühmten Kultstätten,

eine Mystik und Scholastik mit ausgebildetem Schulwesen und mündlicher

Geheimtradition wie in Indien. Aber alles das ist versunken und die

Trümmer der Spätzeit beweisen kaum noch, daß es einmal da war.

Läßt man die Ritterpoesie und die Volkskulte ganz beiseite, so ist es

heute noch möglich, von dieser -- der -- antiken Religion etwas mehr

festzustellen. Aber dann muß auch der dritte Fehler vermieden werden:

die Gegenüberstellung von „römischer“ und „griechischer“ Religion.

Einen solchen Gegensatz gibt es gar nicht.

Rom ist nur +eine+ unter zahllosen antiken Städten der großen

Kolonisationszeit, von Etruskern gebaut und unter der etruskischen

Dynastie des 6. Jahrhunderts religiös erneuert; es ist wohl möglich,

daß die kapitolinische Göttergruppe Juppiter, Juno, Minerva, die

damals an Stelle der uralten Dreiheit Juppiter, Mars, Quirinus der

„Religion des Numa“ trat, irgendwie mit dem Familienkult der Tarquinier

zusammenhängt, wobei die Stadtgöttin Minerva ganz unverkennbar der

Athena Polias nachgebildet ist.[309] Man darf die Kulte dieser einen

Stadt nur mit denen +einzelner+ griechisch sprechender Städte

auf gleicher Altersstufe vergleichen, etwa Spartas oder Thebens, die

nicht im geringsten farbenreicher gewesen sind. Das wenige, was sich

da als allgemein hellenisch herausstellt, wird auch allgemein italisch

sein. Und was die Behauptung betrifft, daß die „römische“ Religion

im Unterschiede von derjenigen griechischer Stadtstaaten den Mythus

nicht gekannt habe -- woher wissen wir das? Wir würden von der großen

Göttersage der Frühzeit überhaupt nichts wissen, wenn wir auf den

Festkalender und die öffentlichen Kulte griechischer Einzelstädte

angewiesen wären, so wenig wie die Akten des Konzils von Ephesus von

der Frömmigkeit Jesu oder eine Kirchenordnung der Reformation etwas von

der franziskanischen Mystik ahnen lassen. Menelaos und Helena waren für

den lakonischen Staatskult Baumgötter, nichts weiter. Der antike Mythus

stammt aus einer Zeit, wo es die Polis mit ihren Festen und sakralen

Satzungen noch gar nicht gab, Athen so wenig als Rom. Er hat mit ihren

religiösen Aufgaben und Absichten, die sehr verstandesmäßig sind,

überhaupt nichts zu tun. Mythus und Kultus berühren sich in der Antike

noch weniger als anderswo. Und er ist auch gar keine Schöpfung des

ganzen hellenischen Kulturgebietes, nicht „griechisch“, sondern ebenso

wie die Kindheitsgeschichte Jesu und die Gralsage in hochbewegten

Kreisen engumgrenzter Gebiete entstanden, die Vorstellung vom Olymp

z. B. in Thessalien; von da aus wurde er Gemeinbesitz +aller+

Gebildeten von Zypern bis nach Etrurien hin und also auch in Rom. Die

etruskische Malerei setzt ihn als allbekannt voraus und mithin haben

ihn die Tarquinier und ihr Hof ebenfalls gekannt. Man mag mit dem

Ausdruck: an diesen Mythus „glauben“, jede Vorstellung verbinden, die

man will; sie wird von dem Römer der Königszeit ebenso gelten wie von

den Einwohnern Tegeas oder Korkyras.

Die beiden ganz verschiedenen Bilder, welche die heutige Wissenschaft

zustande gebracht hat, sind das Ergebnis nicht der Tatsachen, sondern

+der Methode+, die hier (Mommsen) vom Festkalender und den

Staatskulten, dort von der Dichtung ausgeht. Man braucht nur die

„lateinische“ Methode, die zu dem Bilde Wissowas geführt hat, auf die

griechischen Städte anzuwenden, um ein ganz ähnliches zu erhalten (etwa

in Nilssons „Griechischen Festen“).

Bedenkt man das, so erscheint die antike Religion durchaus als

innere Einheit. Die gewaltige, frühlinghafte Götterlegende des 11.

Jahrhunderts, die mit ihren seligen und tottraurigen Stimmungen an

Gethsemane, an Balders Tod, an Franziskus erinnert, ist durch und

durch „Theorie“, nämlich Schauen, ein Weltbild vor dem innern Auge und

zwar aus dem gemeinsamen inbrünstigen Wachwerden erlesener Kreise

fern von der Ritterwelt.[310] Die viel späteren Stadtreligionen aber

sind durchaus +Technik+, Kultus, und stellen also nur eine und

zwar eine ganz andere Seite der Frömmigkeit dar. Sie stehen dem

großen Mythus ebenso fern wie dem Volksglauben; sie beschäftigen sich

weder mit Metaphysik noch mit Ethik, sondern nur mit der Vollziehung

sakralrechtlicher Handlungen; und endlich stammt die Auswahl der Kulte

in den einzelnen Städten sehr oft und im Gegensatz zum Mythus nicht aus

einer einheitlichen Weltanschauung, sondern aus den zufälligen Ahnen-

und Familienkulten großer Geschlechter, die ganz wie in gotischer Zeit

ihren Heiligen zum Schutzherrn der Stadt gemacht haben und sich dessen

Feste und Verehrung vorbehielten. So waren die Luperkalien in Rom zu

Ehren des Flurgottes Faunus Vorrecht der Quinctier und Fabier.

Die chinesische Religion, deren große „gotische“ Zeit um 1300-1000

liegt und den Aufstieg der Dschoudynastie umfaßt, will mit äußerster

Vorsicht behandelt sein. Angesichts der flachen Tiefe und pedantischen

Schwärmerei der chinesischen Denker vom Schlage des Konfuzius und

Laotse, die alle im _ancien régime_ dieser Staatenwelt geboren

waren, scheint es sehr gewagt, auf eine Mystik und Legende großen Stils

am Anfang überhaupt schließen zu wollen, aber sie muß einmal dagewesen

sein. Allerdings, von diesen übervernünftigen Großstädtern erfahren wir

darüber nichts, so wenig wie von Homer, aber aus einem andern Grunde.

Was wüßten wir von der gotischen Frömmigkeit, wenn alle ihre Schriften

der Zensur von Puritanern und Rationalisten wie Locke, Rousseau und

Wolff verfallen wären! Und doch betrachtet man dies konfuzianische

+Ende+ chinesischer Innerlichkeit als deren Anfang, wenn nicht

gar der Synkretismus der Hanzeit als +die+ chinesische Religion

bezeichnet wird![311]

Wir wissen jetzt, daß es entgegen der allgemeinen Annahme ein mächtiges

altchinesisches Priestertum gab.[312] Wir wissen, daß im Texte des

Schuking Reste der alten Heldensänge und Göttermythen rationalistisch

verarbeitet und so erhalten geblieben sind; ebenso würden das Chouli,

Ngili und Schiking noch sehr vieles offenbaren, sobald man sie mit der

Überzeugung prüft, daß hier viel Tieferes vorliegen muß, als Konfuzius

und seinesgleichen begreifen konnten. Wir hören von chthonischen und

phallischen Kulten der frühen Dschouzeit, von einem heiligen Orgiasmus,

wobei der Götterdienst von ekstatischen Massentänzen begleitet war,

von mimischen Darstellungen und Wechselreden zwischen dem Gott und

der Priesterin, woraus sich vielleicht ganz wie in Griechenland das

chinesische Drama entwickelt hat.[313] Und wir ahnen endlich, weshalb

der überquellende Reichtum frühchinesischer Göttergestalten und Mythen

von einer Kaisermythologie verschlungen werden mußte. Denn nicht nur

alle Sagenkaiser, sondern auch die meisten Gestalten der Hia- und

Schangdynastie vor 1400 sind trotz aller Jahreszahlen und Chroniken

nichts als in Geschichte verwandelte Natur. Die Ansätze dazu liegen

tief in den Möglichkeiten jeder jungen Kultur. Der Ahnenkult versucht

immer, sich der Naturdämonen zu bemächtigen. Alle homerischen Helden

und ebenso Minos, Theseus, Romulus sind aus Göttern zu Königen

geworden. Im Heliand war Christus im Begriff es zu werden. Maria ist

die gekrönte Königin des Himmels. Es ist die höchste, ganz unbewußte

Art, in der Rassemenschen etwas verehren können: was groß ist, muß

von Rasse sein, mächtig, herrschend, Ahnherr ganzer Geschlechter.

Ein starkes Priestertum weiß diese Mythologie der Zeit sehr bald zu

vernichten, aber in der Antike hat sie sich halb und in China ganz

durchgesetzt, genau im Verhältnis zum Hinschwinden des priesterlichen

Elements. Die alten Götter sind jetzt Kaiser, Prinzen, Minister und

Gefolgsleute; Naturereignisse sind Herrschertaten und Völkerstürme

soziale Unternehmungen geworden. Es hätte den Konfuzianern gar nichts

erwünschter kommen können: da hatten sie den Mythus, der sozialethische

Tendenzen in unabsehbarer Menge aufnehmen konnte; sie brauchten die

Spuren des ursprünglichen Naturmythus nur zu tilgen.

Vor dem chinesischen Wachsein waren Himmel und Erde Hälften des

Makrokosmos, ohne Gegensatz und jede ein Spiegelbild der andern. Der

magische Dualismus fehlt dem Bilde ebenso wie die faustische Einheit

der wirkenden Kraft. Das Werden erscheint in der ungezwungenen

Wechselwirkung zweier Prinzipien, des _yang_ und _yin_, die

eher periodisch als polar gedacht sind. Dementsprechend gibt es zwei

Seelen im Menschen: die kwei entspricht dem _yin_, dem Irdischen,

Dunklen, Kalten; sie verwest mit dem Leibe; die _sen_ ist die

höhere, lichte und bleibende.[314] Aber von beiden Seelenarten gibt es

außerhalb des Menschen noch unzählige Mengen. Geisterscharen erfüllen

Luft, Wasser und Erde; alles ist von _kweis_ und _sens_

bevölkert und bewegt. Das Leben der Natur und das menschliche Leben

bestehen ganz eigentlich aus dem Spiel solcher Einheiten. Klugheit,

Glück, Kraft und Tugend hängen von ihrem Verhältnis ab. Askese

und Orgiasmus, die Rittersitte des _hiao_, die dem Vornehmen

befiehlt, den Frevel an einem Ahnen noch nach Jahrhunderten an den

Nachkommen zu rächen und eine Niederlage nicht zu überleben,[315]

und die vernunftgemäße Moral des _jen_, die nach dem Urteil des

Rationalismus aus dem Wissen folgt, gehen sämtlich aus der Vorstellung

von den Kräften und Möglichkeiten der _kwei_ und _sen_ hervor.

Alles das wird in dem Urwort _tao_ zusammengefaßt. Der Kampf

zwischen dem _yang_ und _yin_ im Menschen ist das _tao_

seines Lebens; das Weben der Geisterscharen draußen ist das _tao_

der Natur. Die Welt besitzt _tao_, insofern sie Takt, Rhythmus und

Periodizität hat. Sie besitzt _li_, Spannung, insofern man sie

erkennt und fertige Verhältnisse zur ferneren Anwendung daraus abzieht.

Zeit, Schicksal, Richtung, Rasse, Geschichte, alles das mit dem großen

Weltblick der ersten Dschouzeit angeschaut, liegt in diesem einen Wort.

Der Weg des Pharao durch den dunklen Gang zu seinem Heiligtum ist ihm

verwandt, das faustische Pathos der dritten Dimension ist es auch: aber

_tao_ ist doch von dem Gedanken der technischen Überwindung der

Natur weit entfernt. Der chinesische Park vermeidet die energische

Perspektive. Er legt Horizont hinter Horizont und lädt zum Wandeln ein,

statt auf ein Ziel zu weisen. Der chinesische „Dom“ der Frühzeit, das

Pi-yung, hat mit seinen Pfaden, die durch Tore, Gebüsche, über Treppen,

geschwungene Brücken und Plätze führen, niemals den unerbittlichen Zug

Ägyptens und den Tiefendrang der Gotik.

Als Alexander am Indus erschien, war die Frömmigkeit dieser drei

Kulturen längst in die geschichtslosen Formen eines breiten

Taoismus, Buddhismus und Stoizismus zerflossen. Aber wenig später

erhebt sich dann die Gruppe der magischen Religionen im Gebiet

zwischen der Antike und Indien, und etwa zur selben Zeit muß die

Religionsgeschichte der Maya und Inka begonnen haben, die für uns

hoffnungslos verloren ist. Ein Jahrtausend danach, als auch hier alles

innerlich vollendet war, erscheint auf dem so wenig verheißenden Boden

des Frankenreichs gänzlich überraschend und in steilem Aufstieg das

germanisch-katholische Christentum. Es ist hier wie überall: ob der

ganze Schatz von Namen und Bräuchen aus dem Osten kam, ob tausend

Einzelzüge aus uraltem germanischen und keltischen Fühlen stammen, die

gotische Religion ist etwas so unerhört Neues und in ihren letzten

Tiefen allen nicht zugehörigen Menschen so vollkommen unbegreiflich,

daß die Herstellung von Zusammenhängen an der geschichtlichen

Oberfläche ein Spiel ohne alle Bedeutung bleibt.

Die mythische Welt, die sich nun rings um diese junge Seele aufbaut,

ein Ganzes von Kraft, Wille und Richtung, unter dem Ursymbol des

Unendlichen gesehen, ein riesenhaftes Wirken fernhin, Abgründe des

Entsetzens und der Seligkeit, die sich plötzlich auftun -- das war den

Auserwählten dieser frühen Religiosität etwas ganz Natürliches, so daß

sie gar nicht den Abstand fanden, um es als Einheit zu „erkennen“. Sie

lebten darin. Vor uns aber, die durch dreißig Generationen von den

Ahnen getrennt sind, steht diese Welt so fremd und übermächtig da, daß

wir immer nur einzelne Seiten zu begreifen suchen und damit das Ganze

und Unteilbare mißverstehen.

Die väterliche Gottheit empfand man als die Kraft selbst, das ewige,

große und allgegenwärtige Wirken, die heilige Kausalität, die für

irdische Augen kaum eine greifbare Gestalt gewinnen konnte. Aber die

ganze Sehnsucht der jungen Rasse, das ganze Verlangen dieses mächtig

strömenden Blutes, sich in Demut vor dem +Sinn des Blutes+ zu

beugen, fand ihren Ausdruck in der Gestalt der Jungfrau und Mutter

Maria, deren Krönung im Himmel eins der frühesten Motive gotischer

Kunst geworden ist, eine Lichtgestalt in Weiß, Blau und Gold inmitten

der himmlischen Heerscharen. Sie beugt sich über das neugeborne Kind;

sie fühlt das Schwert im Herzen; sie steht zu Füßen des Kreuzes und

hält den Leichnam des toten Sohnes. Seit der Jahrtausendwende haben

Petrus Damiani und Bernhard von Clairvaux ihren Kult ausgebildet;

das Ave Maria und der englische Gruß entstanden und später bei den

Dominikanern der Rosenkranz. Zahllose Legenden umgaben sie und ihre

Gestalt. Sie hütet den Gnadenschatz der Kirche, sie ist die große

Fürbitterin. Im Kreise der Franziskaner entstand das Fest ihrer

Heimsuchung, bei den englischen Benediktinern noch vor 1100 das der

unbefleckten Empfängnis, das sie ganz aus der sterblichen Menschheit in

die Lichtwelt emporhob.

Aber diese Welt der Reinheit, des Lichts und der geistigsten

Schönheit wäre undenkbar gewesen ohne das Gegenbild, das davon

nicht zu trennen ist und zu den Höhepunkten der Gotik gehört, eine

ihrer unergründlichsten Schöpfungen, die man heute stets vergißt --

vergessen +will+. Während sie dort oben thront, lächelnd in

ihrer Schönheit und Milde, liegt eine andere Welt im Hintergrunde:

überall in der Natur und in der Menschheit webt es, brütet Unheil,

bohrt, zerstört, verführt: das Reich des Teufels. Es durchdringt

die ganze Schöpfung; es liegt überall auf der Lauer. Ein Heer von

Kobolden, Nachtfahrenden, Hexen, Werwölfen ist ringsum da und zwar in

menschlicher Gestalt. Niemand weiß von dem Nächsten, ob er sich nicht

den Unholden verschrieben hat. Niemand weiß von einem kaum erblühten

Kinde, ob es nicht schon eine Teufelsbuhle ist. Eine entsetzliche

Angst, wie vielleicht nur noch in ägyptischer Frühzeit, lastet auf

den Menschen, die jeden Augenblick in den Abgrund stürzen können. Es

gab eine schwarze Magie, Teufelsmessen und Hexensabbate, nächtliche

Feste auf Berghöhen, Zaubertränke und Besprechungen. Der Höllenfürst

mit seinen Verwandten -- Mutter und Großmutter, denn da er das

Sakrament der Ehe durch sein Dasein verhöhnt, darf er Weib und Kind

nicht haben --, mit den gefallenen Engeln und unheimlichen Gesellen ist

eine der großartigsten Schöpfungen der gesamten Religionsgeschichte,

im germanischen Loki kaum vorgedeutet. Ihre grotesken Gestalten mit

Hörnern, Klauen und Pferdehuf waren in den Mysterienspielen des

11. Jahrhunderts schon ganz ausgebildet, erfüllen allenthalben die

künstlerische Phantasie und sind aus der gotischen Malerei bis auf

Dürer und Grünewald nicht wegzudenken. Der Teufel ist schlau, bösartig,

schadenfroh und wird doch von den Mächten des Lichtes zuletzt geprellt.

Er und seine Brut sind launig, tolpatschig, erfinderisch und von

ungeheuerlicher Phantastik, die Verkörperung des Höllengelächters

gegenüber dem verklärten Lächeln der Himmelskönigin, aber auch des

faustischen Welthumors gegenüber dem Jammer zerknirschter Sünder.

Man kann sich die Wucht und Eindringlichkeit dieses Bildes nicht

groß, den Glauben daran nicht tief genug denken. Marienmythus und

Teufelsmythus haben sich zusammen ausgebildet und keiner ist ohne den

andern möglich. Der Unglaube an beide ist Todsünde. Es gibt einen

Marienkult der Gebete und einen Teufelskult der Beschwörungen und

Exorzismen. Der Mensch wandelt beständig über einem Abgrund, der unter

dünner Decke liegt. Das Leben in dieser Welt ist ein beständiger

verzweifelter Kampf mit dem Teufel, in dem jeder einzelne als Glied der

streitenden Kirche dreinschlagen, sich wehren, sich als Ritter erproben

muß. Von droben schaut die triumphierende Kirche der Engel und Heiligen

in ihrer Glorie zu. In diesem Ringen wirkt die himmlische Gnade wie

ein Schild. Maria ist die Beschützerin, in deren Schoß man flüchten

kann, und die Richterin, die den Kampfpreis erteilt. Beide Welten haben

ihre Legende, ihre Kunst, ihre Scholastik und Mystik. Auch der Teufel

kann Wunder tun. Was in keiner andern Frühreligion erscheint, ist die

sinnbildliche Farbe. Zur Madonna gehören das Weiß und Blau, zum Teufel

das Schwarz, Schwefelgelb und Rot. Die Heiligen und Engel schweben im

Äther, aber die Teufel springen und hinken und die Hexen sausen durch

die Nacht. Erst beide zusammen, Licht und Nacht, Liebe und Angst,

füllen die gotische Kunst mit ihrer unbeschreiblichen Innerlichkeit.

Das ist nichts weniger als „künstlerische“ Phantasie. Jeder Mensch

wußte die Welt bevölkert mit Scharen von Engeln und Teufeln. Die

lichtumgebenen Engel des Fra Angelico und der frührheinischen Meister

und die Fratzengesichter an den Portalen der großen Dome erfüllten

wirklich die Luft. Man sah sie, man fühlte überall ihre Anwesenheit.

Wir wissen heute gar nicht mehr, was ein Mythus ist, nämlich nicht ein

ästhetisch bequemes Sichvorstellen, sondern ein Stück leibhaftigster

Wirklichkeit, das ganze Wachsein durchwühlend und das Dasein bis ins

Innerste erschütternd. Diese Wesen sind ringsumher beständig da. Man

erblickte sie, ohne sie zu sehen. Man glaubte an sie mit dem Glauben,

der den Gedanken an Beweise als Lästerung empfindet. Was wir heute

Mythus nennen, unsere literaturgesättigte Schwärmerei für gotische

Farbigkeit, ist nichts als Alexandrinismus. Damals „genoß“ man ihn

nicht; der Tod stand dahinter.[316]

Denn der Teufel bemächtigte sich der menschlichen Seele und verführte

sie zu Ketzertum, Buhlschaft und Zauberei. Der Krieg gegen ihn

wurde auf Erden mit Feuer und Schwert und zwar gegen die Menschen

geführt, die sich ihm ergeben hatten. Es ist sehr bequem, das aus

diesen Jahrhunderten fortzudenken, aber ohne diese furchtbare

Wirklichkeit bleibt von der ganzen Gotik nichts als Romantik übrig.

Mit den liebeglühenden Hymnen an Maria stieg der Qualm unzähliger

Scheiterhaufen empor. Neben den Domen erhoben sich Galgen und Rad.

Damals lebte jeder in dem Bewußtsein einer ungeheuren Gefahr, nicht

vor dem Henker, sondern vor der Hölle. Ungezählte Tausende von Hexen

waren überzeugt, es zu sein. Sie haben sich selbst angezeigt, um ihre

Entsühnung gebeten, aus reinster Wahrheitsliebe ihre nächtlichen

Fahrten und Teufelspakte gebeichtet. Inquisitoren haben unter Tränen,

aus Mitleid mit den Gefallenen die Folter verhängt, um ihre Seele zu

retten. Das ist der gotische Mythus, aus dem die Kreuzzüge, die Dome,

die innigste Malerei und die Mystik hervorgegangen sind. In seinem

Schatten erblühte jenes gotische Glücksgefühl, dessen Tiefe wir uns

nicht einmal mehr vorstellen können.

Der Karolingerzeit war das alles noch fremd. Karl der Große hat im

ersten sächsischen Kapitular (787) den urgermanischen Glauben an

Werwölfe und Nachtfahrende (_strigae_) unter Strafe gestellt, und

noch um 1020 wird er als Irrglaube im Dekret des Burkard von Worms

verdammt, das aber nur noch in abgeschwächter Gestalt um 1140 in das

_decretum Gratiani_[317] überging. Cäsarius von Heisterbach war

bereits mit der ganzen Teufelslegende vertraut; in der _Legenda

Aurea_ ist sie ebenso wirklich und wirksam wie die Marienlegende.

1233, als man die Dome von Mainz und Speier einwölbte, erschien die

Bulle _Vox in Rama_, durch welche der Teufels- und Hexenglaube

kanonisch geworden ist. Es war nicht lange nach dem „Sonnengesang“ des

heiligen Franz, und während die Franziskaner im inbrünstigen Gebet vor

Maria knieten und ihren Kult ausbreiteten, rüsteten die Dominikaner

sich zum Kampf gegen den Teufel durch die Inquisition. Gerade weil

in der einen Gestalt die himmlische Liebe ihren Mittelpunkt gefunden

hatte, wurde die irdische dem Teufel verwandt. Das Weib ist die Sünde

-- so empfanden es die großen Asketen, wie sie es in der Antike, in

China und Indien empfunden hatten. Der Teufel herrscht nur durch das

Weib; die Hexe ist die Verbreiterin der Todsünden. Thomas von Aquino

hat die unheimliche Lehre vom Incubus und Succubus entwickelt. Innige

Mystiker wie Bonaventura, Albertus Magnus, Duns Scotus haben die

Metaphysik des Teuflischen vollkommen ausgebildet.

Der Untergang des Abendlandes, Zweiter Band · 第 33 / 62 段