ewigen Wahrheiten, sobald man ihrer Bahn im Strom der Geschichte folgt,
wo sie eingeschlossen im Weltbilde lebender und sterbender Geschlechter
weitertreiben. Für jeden Menschen und seines Daseins kurze Spanne ist
die +eine+ Religion ewig und wahr, die das Schicksal ihm durch Ort
und Zeit seiner Geburt bestimmt hat. Mit ihr fühlt er, aus ihr bildet
er die Anschauungen und Überzeugungen seiner Tage. An ihren Worten
und Formen hält er fest, obwohl er sie beständig anders meint. Ewige
Wahrheiten gibt es in der Welt als Natur; in der Welt als Geschichte
gibt es ein ewig wechselndes Wahrsein.
Eine +Morphologie der Religionsgeschichte+ ist deshalb eine
Aufgabe, die nur der faustische Geist sich stellen und nur auf seiner
gegenwärtigen Stufe lösen kann. Die Forderung ist gegeben; der Versuch,
sich ganz von der eignen Überzeugung abzulösen, um sie alle als
gleichmäßig fremd vor sich zu sehen, muß gewagt werden. Wie schwer ist
das! Wer es unternimmt, muß die Kraft besitzen, nicht nur scheinbar
aus den Wahrheiten seines Weltverstehens herauszutreten, seien sie für
ihn auch nur als Summe von Begriffen und Methoden vorhanden, sondern
wirklich das eigne System bis auf den letzten Rest physiognomisch zu
durchdringen. Und ist es ihm selbst dann überhaupt möglich, in einer
einzigen Sprache, die doch in ihrem Bau und Geist die ganze geheime
Metaphysik seiner Kultur enthält, mitteilbare Einsichten über die
Wahrheiten anders sprechender Menschen zu gewinnen?
Da ist zuerst, über die Jahrtausende des ersten Zeitalters hin,[302]
das dumpfe Gewühl primitiver Bevölkerungen, die in eine chaotische
Umwelt starren, deren drückende Rätsel ihnen, ohne daß irgend jemand
ihrer logisch Herr werden könnte, stets gegenwärtig sind. Selig ist
ihnen gegenüber das Tier, das wach ist, aber nicht denkt. Ein Tier
ängstet sich nur vor einzelnen Gefahren, der frühe Mensch zittert vor
der ganzen Welt. Dunkel und ungelöst bleibt alles in und außer ihm.
Das Alltägliche und das Dämonische sind unentwirrbar und regellos
verstrickt. Eine furchtsame und peinliche Religiosität erfüllt den
Tag und um so seltener ist auch nur die Andeutung einer vertrauenden
Religion. Denn aus dieser elementaren Form der Weltangst führt kein
Weg zur verstehenden Liebe. Jeder Stein, auf den man tritt, jedes
Werkzeug, das man zur Hand nimmt, jedes Insekt, das vorüberschwirrt,
die Nahrung, das Haus, das Wetter können dämonisch sein, aber man
glaubt an die in ihnen lauernden Mächte nur, solange sie schrecken
oder solange +man sie braucht+. Es sind ihrer auch so genug.
Lieben kann man nur etwas, an dessen +dauerndes+ Dasein man
glaubt. Liebe setzt das Denken einer Weltordnung voraus, die Festigkeit
gewonnen hat. Die abendländische Forschung hat sich viel Mühe gegeben,
Einzelbeobachtungen aus allen Weltteilen zu ordnen und zwar nach
vermeintlichen Stufen, die vom Seelenglauben oder irgend einem andren
Anfang zu ihrem eigenen Glauben „hinaufführen“. Leider haben sie das
Schema nach den Wertschätzungen einer einzelnen Religion entworfen,
und Chinesen oder Griechen würden es ganz anders gemacht haben. Aber
eine solche Stufenfolge, die eine allgemeine Entwicklung auf ein
Ziel hin voraussetzt, gibt es überhaupt nicht. Die chaotische, aus
dem jeweiligen Verstehen des einzelnen Augenblicks geborne und doch
sinnvolle Umwelt primitiver Menschen ist stets etwas Gewachsenes
und in sich selbst Vollkommenes und Abgeschlossenes, oft von einer
jähen und schauerlichen Tiefe metaphysischer Ahnung. Sie enthält
immer ein System, und es macht wenig aus, ob es aus dem Schauen der
Lichtwelt teilweise abgezogen oder ganz darin verblieben ist. Ein
solches Weltbild „schreitet nicht fort“ und ebensowenig ist es eine
feststehende Summe von Einzelzügen, aus der man ohne Rücksicht auf
Zeit, Land und Volk den einen oder andern herausnehmen und vergleichen
dürfte, wie es gewöhnlich geschieht. Sie bilden vielmehr +eine Welt
von organischen Religionen+, die über die ganze Erde hin eigene
und sehr bezeichnende Arten des Entstehens, Reifens, Sichverbreitens
und Vergehens und eine vollkommene Eigenart in Aufbau, Stil, Tempo
und Dauer besaßen und in ihren letzten Gebieten heute noch besitzen.
Die Religionen der hohen Kulturen sind nicht entwickelter, sondern
anders. Sie liegen heller und geistiger im Lichte da, sie kennen
die verstehende Liebe, sie haben Probleme und Ideen, strenggeistige
Theorien und Techniken, aber die religiöse Symbolik des gesamten
Alltagslebens kennen sie nicht mehr. Die primitive Religiosität
durchdringt alles, die späten Einzelreligionen sind geschlossene
Formenwelten für sich.
Um so rätselhafter sind die Vorzeiten der großen Kulturen, durch und
durch primitiv noch, aber mit steigender Deutlichkeit vorwegnehmend
und in eine bestimmte Richtung weisend. Gerade diese Zeiten vom Umfang
mehrerer Jahrhunderte sollten für sich genau untersucht und verglichen
werden. In welcher Gestalt bereitet sich da das Kommende vor? Die
magische Vorzeit hat, wie wir sahen, den Typus der prophetischen
Religionen hervorgebracht, der zur Apokalyptik hinüberleitet. Worin
ist gerade +diese+ Form im Wesen +dieser+ Kultur tiefer
begründet? Oder weshalb ist die mykenische Vorzeit der Antike mit den
Vorstellungen tiergestaltiger Gottheiten ganz und gar erfüllt?[303]
Es sind nicht die Götter der Krieger oben im Megaron der mykenischen
Burgen, wo der Seelen- und Ahnenkult eine großartige, noch heute in
den Gräbern bezeugte Pflege findet, sondern die dort unten, in den
Hütten der Bauern geglaubten Mächte. Die großen menschenartigen
Götter der apollinischen Religion, die um 1100 durch eine gewaltige
religiöse Erschütterung entstanden sein müssen, tragen allenthalben
noch Züge ihrer dunklen Vergangenheit. Es gibt unter diesen Gestalten
kaum eine, die nicht durch Beinamen, Attribute oder verräterische
Verwandlungsmythen jenen Ursprung verriete. Hera ist für Homer
beständig die kuhäugige; Zeus erscheint als Stier und der Poseidon
der thelpusischen Legende als Roß. Apollon wird der Name für zahllose
primitive Numina; er war einmal Wolf (Lykeios) wie der römische Mars,
Widder (Karneios), Delphin (Delphinios), Schlange (der pythische
Apollon von Delphi). Als Schlange erscheinen Zeus Meilichios auf
attischen Grabreliefs, Asklepios, die Erinyen noch bei Aischylos (Eum.
126). Die auf der Akropolis gehaltene heilige Schlange wurde als
Erichthonios gedeutet. In Arkadien sah Pausanias noch das pferdeköpfige
Demeterbild im Tempel von Phigalia; die arkadische Artemis-Kallisto
erscheint als Bärin, aber auch die Priesterinnen der brauronischen
Artemis in Athen hießen _arktoi_. Dionysos, bald Stier bald Bock,
und Pan haben immer etwas Tierisches behalten. Psyche ist wie die
ägyptische Körperseele (_bai_) der Seelenvogel und damit beginnen
die zahllosen halbtierischen Gebilde, wie die Sirenen und Kentauren,
die das frühantike Naturbild ganz und gar erfüllen.
Aber mit welchen Zügen deutet die primitive Religion der
+Merowingerzeit+ den gewaltigen Aufschwung der Gotik voraus? Daß
es scheinbar dieselbe Religion ist, „das“ Christentum, beweist nichts
gegen den völligen Unterschied in der Tiefe. Denn wir müssen uns
darüber klar sein, daß der primitive Charakter einer Religion nicht
eigentlich in ihrem Bestande an Lehren und Bräuchen liegt, sondern im
Seelentum der Menschen, die sie sich aneignen, die mit ihnen fühlen,
sprechen und denken. Der Forscher muß sich mit der Tatsache vertraut
machen, daß das magische Christentum, und zwar das der Westkirche,
zweimal das Ausdrucksmittel einer primitiven Frömmigkeit geworden
ist und damit selbst eine primitive Religion, nämlich 500-900 im
keltisch-germanischen Abendland und heute noch im Russentum. Aber wie
hat sich die Welt in diesen „bekehrten“ Köpfen gespiegelt? Was hat man
sich -- einige Kleriker von byzantinischer Schulung etwa ausgenommen
-- bei diesen Zeremonien und Dogmen wirklich gedacht und vorgestellt?
Der Bischof Gregor von Tours, der doch immerhin den höchsten geistigen
Stand seiner Generation anzeigt, preist einmal das abgeschabte Pulver
vom Grabstein eines Heiligen: „O himmlisches Abführmittel, das alle
ärztlichen Rezepte übertrifft -- das den Unterleib reinigt wie
Skammoniensaft -- und alle Flecken vom Gewissen abwäscht!“ Es ist nicht
der Tod Jesu, der ihn als bloßes Verbrechen mit Zorn erfüllt, sondern
seine Auferstehung, die ihm dunkel wie eine athletische Kraftleistung
vorschwebt, was den Messias als großen Zauberer und damit den wahren
Heiland legitimiert. Daß die Leidensgeschichte einen mystischen Sinn
hat, ahnt er gar nicht.[304]
In Rußland sind die Beschlüsse der „Hundertkapitelsynode“ von 1551
ein Zeugnis allerprimitivster Gläubigkeit. Das Bartscheren und das
falsche Anfassen des Kreuzes erscheinen hier als Todsünde. Die
Dämonen werden dadurch beleidigt. Die „Synode des Antichrist“ von
1667 hat zu der ungeheuren Sektenbewegung des Raskol geführt, weil
das Kreuz fortan mit drei statt mit zwei Fingern geschlagen und der
Name Jesu Jissus statt Issus gesprochen werden sollte, wodurch für
die Strenggläubigen die Kraft dieser Zaubermittel über die Dämonen
verloren ging. Aber diese Wirkung der Furcht ist doch nicht alles
und nicht einmal das Mächtigste. Warum hat die Merowingerzeit nicht
die leisesten Spuren jener glühenden Inbrunst und Sehnsucht nach dem
Untergang im Metaphysischen aufzuweisen, welche die magische Vorzeit
der Apokalyptik und die ihr so nah verwandte russische im Zeitalter
des heiligen Synod (1721-1917) ausfüllt? Was ist es, das alle die
Märtyrersekten der Raskolniken seit Peter dem Großen zur Ehelosigkeit,
Armut und Pilgerfahrt, zu Selbstverstümmlungen, zu den furchtbarsten
Formen der Askese führte und im 17. Jahrhundert Tausende aus religiöser
Leidenschaft zu freiwilliger Selbstverbrennung getrieben hat? Die Lehre
der Chlüsten von den „russischen Christussen“, deren bis jetzt sieben
gezählt werden, die Duchoborzen mit ihrem Lebensbuch, das sie als Bibel
benützen und das von Jesus mündlich überlieferte Psalmen enthalten
soll, die Skopzen mit ihren grausigen Verstümmelungsgeboten, Dinge,
ohne die Tolstoi, der Nihilismus und die politischen Revolutionen
gar nicht verständlich sind[305] -- warum erscheint die Frankenzeit
dem gegenüber so stumpf und flach? Ist es richtig, daß nur Aramäer
und Russen religiöses Genie besitzen, und was hat man dann von dem
kommenden Rußland zu erwarten, jetzt, wo gerade im entscheidenden
Jahrhundert das Hemmnis der gelehrten Orthodoxie zerstört worden ist?
17
Primitive Religionen haben etwas Heimatloses wie Wolken und Winde.
Die Massenseelen der Urvölker haben sich zufällig und flüchtig zu
+einem+ Dasein geballt und zufällig bleibt das Irgendwo der
Wachseinsverbindungen aus Angst und Abwehr, die sich darüber breiten.
Ob sie bleiben oder wandern, ob sie sich ändern oder nicht, hat mit
ihrer innern Bedeutung nichts zu tun.
Eine tiefe Erdverbundenheit trennt die hohen Kulturen von diesem Leben
ab. Hier gibt es eine +Mutterlandschaft+ aller Ausdrucksgebilde,
und wie die Stadt, wie Tempel, Pyramide und Dom dort, wo ihre Idee
entstanden ist, auch ihre Geschichte vollenden +müssen+, so
ist die große Religion jeder Frühzeit mit allen Wurzeln des Daseins
dem Lande verbunden, über dem ihr Weltbild sich erhebt. Mögen die
heiligen Bräuche und Sätze später noch so weit getragen werden, ihre
innere Entwicklung bleibt trotzdem an den Ort ihrer Geburt gebannt.
Es ist ganz unmöglich, daß sich auch nur der leiseste Entwicklungszug
antiker Stadtkulte in Gallien fände oder ein dogmatischer Schritt des
faustischen Christentums in Amerika getan würde. Was sich vom Lande
löst, wird starr und hart.
Wie ein Aufschrei beginnt es jedesmal. Das dumpfe Gewühl von Scheu und
Abwehr geht plötzlich in ein reines und inbrünstiges Erwachen über,
das von der Mutter Erde aus, ganz pflanzenhaft aufblühend, die Tiefe
der Lichtwelt mit +einem+ Blick umfaßt und begreift. Wo überhaupt
ein Sinn für Selbstbetrachtung lebt, hat man diese Wandlung als innere
Wiedergeburt empfunden und begrüßt. In diesem Augenblick, niemals
früher und mit der gleichen Macht und Innigkeit niemals wieder, geht es
wie ein großes Leuchten durch die auserwählten Geister der Zeit, das
alle Furcht in seliger Liebe auflöst und das Unsichtbare plötzlich in
metaphysischer Verklärung hervortreten läßt.
Jede Kultur verwirklicht hier ihr Ursymbol. Jede hat ihre Art von
Liebe, nennen wir sie himmlisch oder metaphysisch, mit der sie ihre
Gottheit schaut, umfaßt, in sich aufnimmt, und die allen andern
unerreichbar oder unverständlich bleibt. Mag eine Lichthöhle die
Welt überwölben wie vor dem Blick Jesu und seiner Begleiter, mag die
kleine Erde in einer sternerfüllten Unendlichheit verschwinden, wie es
Giordano Bruno empfand, mögen die Orphiker den leibhaftigen Gott in
sich aufnehmen, mag Plotins Geist mit dem Geiste Gottes in der Ekstase
zur Henosis verschmelzen, mag der heilige Bernhard in der Unio mystica
mit dem Wirken der unendlichen Gottheit eins werden -- der Tiefendrang
der Seele ist immer dem Ursymbol dieser einen und keiner andern Kultur
unterworfen.
In der fünften Dynastie Ägyptens (2680-2540), welche auf die großen
Pyramidenbauer folgt, verblaßt der Kult des Horusfalken, dessen Ka
im regierenden Herrscher weilt. Die älteren Ortskulte und selbst
die tiefsinnige Thoutreligion von Hermopolis treten zurück. Die
Sonnenreligion des Re erscheint. Von seiner Pfalz aus westwärts
errichtet jeder König neben seinem Totentempel ein Reheiligtum, jener
ein Sinnbild des gerichteten Lebens von der Geburt bis zur Kammer mit
dem Sarkophag, dieses eins der großen und ewigen Natur. Zeit und Raum,
Dasein und Wachsein, Schicksal und heilige Kausalität stehen in dieser
gewaltigen Doppelschöpfung einander gegenüber wie in keiner zweiten
Architektur der Welt. Zu beiden führt ein gedeckter Weg empor; der zu
Re wird von Reliefs begleitet, welche die Macht des Sonnengottes über
die Pflanzen- und Tierwelt und den Wechsel der Jahreszeiten schildern.
Kein Götterbild, kein Tempel, nur ein Altar von Alabaster schmückt die
mächtige Terrasse, auf die bei Tagesanbruch hoch über dem Land der
Pharao aus dem Dunkel tritt, um den großen Gott zu begrüßen, der sich
im Osten erhebt.[306]
Diese frühe Innerlichkeit geht immer aus dem stadtlosen Lande
hervor, aus den Dörfern, Hütten, Heiligtümern, einsamen Klöstern und
Einsiedeleien. Hier bildet sich +die+ große Wachseinsgemeinschaft
der geistig Erwählten, die von dem großen Daseinsstrome des Helden-
und Rittertums innerlich durch eine ganze Welt geschieden ist. Die
beiden Urstände, Priestertum und Adel, das Schauen in den Domen und
die Taten von den Burgen aus, Askese und Minne, Ekstase und vornehme
Sitte, beginnen von hier aus ihre eigene Geschichte. Mag der Khalif
auch weltlicher Herrscher der Gläubigen sein, der Pharao in beiden
Heiligtümern opfern, der germanische König seine Ahnengruft unter
dem Dom begründen, nichts hebt den abgrundtiefen Gegensatz von Raum
und Zeit auf, wie er sich hier in den beiden Ständen spiegelt.
Religionsgeschichte und politische Geschichte, Geschichte der
Wahrheiten und der Tatsachen stehen sich unvereinbar gegenüber. In den
Domen und Burgen beginnt es, um sich in den stets wachsenden Städten
als Gegensatz von Wissenschaft und Wirtschaft fortzusetzen und in den
letzten Stufen der Geschichtlichkeit im Ringen von Geist und Gewalt zu
enden.
Aber beide Geschichten bewegen sich ganz auf der +Höhe+ des
Menschlichen. Das Bauerntum bleibt geschichtslos in der Tiefe. Es
begreift die Staaten so wenig wie die Dogmen. Aus der mächtigen
Frühreligion heiliger Kreise entwickeln sich in den frühen Städten
Scholastik und Mystik, in dem wachsenden Gewirr von Gassen und
Plätzen Reformation, Philosophie und weltliche Gelehrsamkeit, in den
Steinmassen der späten Großstädte Aufklärung und Irreligion. Der
Bauernglaube draußen ist „ewig“ und immer derselbe. Der ägyptische
Bauer verstand nichts von jenem Re. Er hörte den Namen und verehrte
weiterhin, während ein gewaltiges Stück Religionsgeschichte in den
Städten vorüberging, seine Tiergötter aus der Thinitenzeit, die mit
dem Fellachenglauben der 26. Dynastie wieder zur Herrschaft kamen.
Der italische Bauer betete zur Zeit des Augustus, wie er es lange
vor Homer getan hatte, und er tut es heute noch. Namen und Sätze
ganzer Religionen, die aufblühten und starben, sind aus den Städten
zu ihm gedrungen und haben den Klang seiner Worte verändert. Der
Sinn blieb ewig derselbe. Der französische Bauer lebt noch in seiner
Merowingerzeit: ob Freya oder Maria, ob Druiden oder Dominikaner, Rom
oder Genf: nichts berührt das Innerste seines Glaubens.
Aber auch in den Städten bleibt eine Schicht nach der andern
geschichtlich zurück. Es gibt über der primitiven Religion des Landes
noch eine Volksreligion der kleinen Leute im Untergrund der Städte
und in der Provinz. Je höher eine Kultur steigt, im Mittleren Reich,
in der Bramanazeit, zur Zeit der Vorsokratiker, der Vorkonfuzianer
und des Barock, desto enger wird der Kreis derer, denen die letzten
Wahrheiten ihrer Zeit wirklicher Besitz sind und nicht nur Name und
Schall. Wie viele Menschen gab es, die Sokrates, Augustin und Pascal
damals begriffen haben? Die Pyramide der Menschen spitzt sich auch
im Religiösen rasch und immer rascher zu, um mit dem Ende der Kultur
vollendet zu sein und von da an langsam zu zerfallen.
Um 3000 beginnen in Ägypten und Babylon die Lebensläufe zweier großer
Religionen. In Ägypten wird in der „Reformationszeit“ am Ausgang des
Alten Reiches der solare Monotheismus als Religion der Priester und
Gebildeten fest begründet. Alle alten Götter und Göttinnen -- die das
Bauerntum und die kleinen Leute in ihrer ursprünglichen Bedeutung
weiterhin verehrten -- sind nun Inkarnationen oder Diener des einen
Re. Auch die Sonderreligion von Hermopolis wird mit ihrer Kosmologie
dem großen System eingeordnet, und eine theologische Abhandlung bringt
selbst den Ptah von Memphis als das abstrakte Urprinzip der Schöpfung
mit dem Dogma in Einklang.[307] Es ist wie unter Justinian und Karl
V.: der städtische Geist hat die Herrschaft über die Seele des Landes
ergriffen; die Gestaltungskraft der Frühzeit ist zu Ende; die Lehre ist
innerlich fertig und wird von nun an durch vernunftgemäße Betrachtung
eher abgebaut als verfeinert. Die Philosophie beginnt. Dogmatisch
bedeutet das Mittlere Reich so wenig wie das Barock.
Seit 1500 setzen drei neue Religionsgeschichten ein, zuerst die
vedische im Pendschab, dann die urchinesische am Hoangho, zuletzt die
antike im Norden des ägäischen Meeres. So deutlich das Weltbild des
antiken Menschen mit seinem Ursymbol des stofflichen Einzelkörpers
vor uns steht, so schwer ist es, Einzelheiten der großen antiken
Frühreligion auch nur zu ahnen. Die Schuld tragen die homerischen
Gesänge, welche die Erkenntnis eher verhindern als unterstützen. Das
neue und dieser Kultur allein vorbehaltene Ideal der Gottheit war der
menschengestaltige Leib im Lichte, der Heros als Mittler von Mensch
und Gott -- das wenigstens bezeugt die Ilias. Mochte dieser Leib
apollinisch verklärt oder dionysisch in alle Lüfte verstreut werden, er
war in jedem Falle die Grundform alles Seins. Das _soma_ als Ideal
des Ausgedehnten, der Kosmos als Summe dieser Einzelkörper, das „Sein“,
das „Eine“ als das Ausgedehnte an sich, der Logos als dessen Ordnung
im Licht -- das alles trat damals in großen Gesichten vor das Auge
priesterlicher Menschen hin und zwar mit der vollen Gewalt einer neuen
Religion.
Aber die homerische Dichtung ist reine Standespoesie. Von den beiden
Welten des Adels und Priestertums, des Tabu und Totem, des Heldentums
und der Heiligkeit lebt hier nur die eine. Sie versteht die andere
nicht nur nicht, sie verachtet sie sogar. Wie in der Edda ist es
höchster Ruhm der Unsterblichen, die adlige Sitte zu kennen. Wenn
den Denkern der antiken Barockzeit von Xenophanes bis Platon diese
Götterszenen frech und flach erschienen, so hatten sie recht; es sind
dieselben Gefühle, aus welchen Theologie und Philosophie des späteren
Abendlandes die germanische Heldensage betrachtet haben, aber auch die
Dichtungen von Gottfried von Straßburg, Wolfram und Walter. Wenn die
homerischen Epen nicht verschollen sind wie die von Karl dem Großen
gesammelten Heldensänge, so ist das nur eine Folge davon, daß ein
ausgebildeter antiker Priesterstand nicht vorhanden war und die spätere
Geistigkeit der Städte also von einer ritterlichen und nicht einer
religiösen Literatur beherrscht worden ist. Die ursprünglichen Lehren
dieser Religion, die sich aus Widerspruch gegen Homer an den vielleicht
noch älteren Namen Orpheus knüpften, sind niemals aufgezeichnet worden.
Gleichwohl waren sie einmal da und wer weiß, was alles sich hinter
den Gestalten des Kalchas und Teiresias verbirgt. Eine mächtige
Erschütterung muß auch am Anfang dieser Kultur stehen, vom ägäischen
Meere bis nach Etrurien hin, aber man wird in der Ilias von ihr so
wenig finden, wie im Nibelungen- und Rolandslied von der Mystik und
Inbrunst des Joachim von Floris, des heiligen Franz, der Kreuzzüge
oder von der inneren Glut des „_Dies irae_“ jenes Thomas von
Celano, das an einem Minnehof des 13. Jahrhunderts vielleicht Gelächter
erregt hätte. Es müssen große Persönlichkeiten gewesen sein, welche
damals den neuen Weltblick in eine mythisch-metaphysische Form
brachten, aber wir wissen nichts von ihnen und nur die fröhliche,
helle, leichte Seite davon ist in den Gesang der Ritterhallen
eingegangen. War der „trojanische Krieg“ eine Fehde oder auch ein
Kreuzzug? Was bedeutet Helena? Auch die Eroberung Jerusalems ist
geistlich +und+ weltlich aufgefaßt worden.
In der homerischen Adelsdichtung blieben Dionysos und Demeter als
priesterliche Götter unbeachtet.[308] Aber auch bei Hesiod, dem Hirten
von Askra, der aus seinem Volksglauben heraus schwärmt und grübelt,
kann man so wenig wie bei dem Schuster Jakob Böhme die reinen Ideen
der großen Frühzeit finden wollen. Das ist die zweite Schwierigkeit.
+Auch die große Frühreligion war Standesbesitz+ und dem breiten
Volke weder erreichbar noch verständlich; auch die Mystik der frühesten
Gotik ist auf enge Kreise von Auserwählten beschränkt, durch das Latein
und die Schwere der Begriffe und Bilder versiegelt und weder dem
Bauerntum noch dem Adel seinem Vorhandensein nach überhaupt deutlich
bekannt. Deshalb sind auch die Ausgrabungen zwar für die antiken
Landkulte wesentlich, aber von jener Frühreligion lehren sie nichts,
so wenig wir aus einer Dorfkapelle über Abälard und Bonaventura lernen
können.