es vom Empfinden abgezogen ist oder nicht. Es ist gar nicht möglich,
Verstandensein und Kausalität zu unterscheiden: beide Worte drücken
dasselbe aus. Wo etwas für uns „wirklich“ ist, sehen und denken wir
es in ursächlicher Form, so wie wir uns selbst und unser Tun als
Ur-Sache empfinden und kennen. Dies Ansetzen von Ursachen ist aber
nicht nur in der religiösen, sondern in der anorganischen Logik des
Menschen überhaupt von Fall zu Fall verschieden. Zu einer Tatsache wird
soeben dies und im Augenblick darauf etwas ganz anderes als Ursache
gedacht. Jede Art des Denkens hat für jedes ihrer Anwendungsgebiete
ein eigenes „System“. Im alltäglichen Leben kommt es nie vor, daß
derselbe Kausalzusammenhang genau so noch einmal gedacht wird. Noch in
der modernen Physik sind Arbeitshypothesen, das heißt Kausalsysteme
nebeneinander im Gebrauch, die sich teilweise ausschließen wie
die elektrodynamischen und thermodynamischen Vorstellungen. Dies
widerspricht dem Sinn des Denkens nicht, denn man „versteht“ bei
dauerndem Wachsein stets in Gestalt einzelner Akte, deren jeder seine
eigne kausale Einstellung besitzt. Die Ansicht, daß die ganze Welt als
Natur in bezug auf ein Wachsein durch eine einzige Kausalverkettung
geordnet sei, ist durch unser Denken, das stets nur Einzelzusammenhänge
denkt, gar nicht zu vollziehen. Sie bleibt ein Glaube; sie ist sogar
+der Glaube+ schlechthin, denn auf ihm beruht das religiöse
Weltverstehen, das überall, wo es etwas bemerkt, mit Denknotwendigkeit
Numina annimmt, flüchtige für Zufallsereignisse, an die es nie wieder
denkt, und dauernde, die etwa in Quellen, Bäumen, Steinen, Hügeln, den
Sternen, also an bestimmten Orten hausen oder wie die Gottheiten des
Himmels, des Krieges, der Weisheit überall gegenwärtig sein können.
Begrenzt sind sie nur innerhalb jedes einzelnen Denkaktes. Was heute
Eigenschaft eines Gottes, ist morgen selbst ein Gott. Andere sind
bald eine Vielheit, bald eine Person, bald ein unbestimmtes Etwas. Es
gibt unsichtbare (Gestalten) und unbegreifliche (Prinzipien), die dem
Begnadeten entweder erscheinen oder begreiflich werden können. Das
Schicksal[295] ist in der Antike (εἱμαρμένη) und in Indien (_rta_)
etwas, das als Ur-Sache über den vorstellbaren Gestaltgöttern steht;
das magische Schicksal ist aber eine Wirkung des einzigen und
gestaltlosen höchsten Gottes. Das religiöse Denken geht stets dahin,
in der Ursachenfolge Ordnungen des Wertes und Ranges zu unterscheiden
bis zu allerhöchsten Wesen oder Prinzipien, die allererste „waltende“
Ursachen sind. Fügung ist das Wort für das umfassendste aller auf
Wertung beruhenden Kausalsysteme. Wissenschaft ist im Gegensatz dazu
ein Verstehen, das von einem Rangunterschied der Ursachen grundsätzlich
absieht: was sie findet, ist nicht Fügung, sondern Gesetz.
Das Verstehen von Ursachen erlöst. Der Glaube an die gefundenen
Zusammenhänge bringt die Weltangst zum Weichen. Gott ist die Zuflucht
des Menschen vor dem Schicksal, das sich fühlen, erleben, aber nicht
denken, vorstellen, nennen läßt, das versinkt, solange das „kritische“
-- +scheidende+ -- furchtgeborne Verstehen Ursachen hinter
Ursachen greifbar, d. h. für das äußere oder innere Auge in optischer
Aufreihung feststellt, aber auch nur so lange. Es ist die verzweifelte
Lage des höheren Menschen, daß sein mächtiges Verstehenwollen sich in
beständigem Widerspruch zu seinem Dasein befindet. Es dient dem Leben
nicht mehr; herrschen kann es auch nicht; so bleibt etwas Ungelöstes in
allen bedeutenden Lagen. „Es darf sich einer nur für frei erklären, so
fühlt er sich den Augenblick als bedingt. Wagt er es, sich für bedingt
zu erklären, so fühlt er sich frei.“ (Goethe.)
Einen kausalen Zusammenhang innerhalb der Welt als Natur, von dem wir
überzeugt sind, daß er durch weiteres Nachdenken unmöglich verändert
werden könne, nennen wir Wahrheit. Wahrheiten „stehen fest“ und zwar
zeitlos -- absolut bedeutet +abgelöst von Schicksal und Geschichte,
abgelöst aber auch von den Tatsachen unseres eignen Lebens und
Sterbens+ --, sie befreien innerlich, trösten und erlösen, denn
die unberechenbaren Geschehnisse der Tatsachenwelt werden durch sie
entwertet und überwunden. Oder, wie es sich im Geiste spiegelt: mag die
Menschheit vergehen, die Wahrheit bleibt.
In der Umwelt wird etwas fest-gestellt, d. h. gebannt; der verstehende
Mensch hat das Geheimnis in Händen, sei es vor Zeiten einen mächtigen
Zauberspruch oder heute eine mathematische Formel. Ein Triumphgefühl
begleitet jede Erfahrung im Reiche der Natur, heute noch, durch die
über Absichten und Kräfte des Himmelsgottes, der Gewittergeister,
der Flurdämonen, oder über die Numina der Naturwissenschaft --
Atomkerne, Lichtgeschwindigkeit, Gravitation -- oder auch nur über die
abgezogenen Numina des mit seinem eigenen Bilde beschäftigten Denkens
-- den Begriff, die Kategorie, die Vernunft -- etwas festgestellt
und damit in den Kerker eines unveränderlichen Systems kausaler
Beziehungen gebracht wird. Erfahrung in diesem anorganischen, tötenden,
festmachenden Sinne, die etwas ganz anderes ist als Lebenserfahrung
und Menschenkenntnis, erfolgt aber in doppelter Weise: +als Theorie
und als Technik+,[296] religiös gesprochen +als Mythus oder Kultus+,
je nachdem der Gläubige die Geheimnisse seiner Umwelt erschließen oder
bezwingen will. Beides fordert eine hohe Entwicklung des menschlichen
Verstehens. +Beides kann aus dem Fürchten oder dem Lieben geboren
sein.+ Es gibt einen Mythus der Furcht wie den mosaischen und den
primitiven überhaupt und einen der Liebe wie den des Urchristentums und
der gotischen Mystik und ebenso eine Technik der abwehrenden und eine
andre der flehenden Beschwörung. Dies ist wohl auch der innerlichste
Unterschied von Opfer und Gebet:[297] so trennen sich primitives und
höheres Menschentum. Religiosität ist ein Zug der Seele, aber Religion
ist ein Talent. „Theorie“ fordert die Gabe des Schauens, die nicht
alle und wenige in erleuchtender Eindringlichkeit besitzen. Sie ist
Weltanschauung im ursprünglichsten Sinne, Anschauung der Welt, ob man
nun in ihr das Walten und Weben von Mächten, oder mit städtischem und
kälterem Geist, nicht fürchtend und liebend, sondern +neugierig+, den
Schauplatz gesetzmäßiger Kräfte erblickt. Die Geheimnisse von Tabu
und Totem werden im Götterglauben und Seelenglauben angeschaut und in
der theoretischen Physik und Biologie errechnet. „Technik“ setzt die
geistige Begabung des Bannens und Beschwörens voraus. Der Theoretiker
ist kritischer Seher, der Techniker Priester, der Erfinder Prophet.
Das Mittel aber, in dem die ganze geistige Kraft sich sammelt, ist die
durch die Sprache vom Sehen abgezogene +Form+ des Wirklichen,
deren Quintessenz sich nicht jedem Wachsein erschließt: die begriffene
Grenze, das mitteilbare Gesetz, der Name, die Zahl. Deshalb beruht jede
Beschwörung der Gottheit auf der Kenntnis ihres wirklichen Namens, auf
der Ausübung der nur dem Wissenden bekannten und zu Gebote stehenden
Riten und Sakramente in genau der richtigen Form und unter Gebrauch
der richtigen Worte. Das gilt nicht nur vom primitiven Zauberwesen,
sondern auch von jeder physikalischen Technik und noch viel mehr von
jeder Medizin. Deshalb ist Mathematik etwas Heiliges, das regelmäßig
aus religiösen Kreisen hervorgeht -- Pythagoras, Descartes, Pascal
-- und die Mystik heiliger Zahlen, der 3, 7, 12, ein wesentlicher
Zug aller Religion,[298] deshalb das Ornament und seine höchste Form
im Kultbau etwas Zahlenhaftes in gefühlter Gestalt. Es sind starre,
zwingende Formen, Ausdrucksmotive oder Mitteilungszeichen,[299] durch
welche innerhalb der Welt des Wachseins das Mikrokosmische mit dem
Makrokosmos in Verbindung tritt. In der priesterlichen Technik heißen
sie Gebote, in der wissenschaftlichen Gesetze. Beide sind Name und
Zahl, und der primitive Mensch würde keinen Unterschied finden zwischen
der Zauberkraft, mit welcher der Priester seines Dorfes die Dämonen und
der, mit welcher der zivilisierte Techniker seine Maschinen beherrscht.
Das erste und vielleicht das einzige Ergebnis des menschlichen
Verstehenwollens ist der +Glaube+. „Ich glaube“ ist das große Wort
gegen die metaphysische Angst und zugleich ein Bekenntnis der Liebe.
Mag das Forschen und Kennenlernen seinen Gipfel in einer plötzlichen
Erleuchtung oder einer erfolgreichen Berechnung haben, so wäre doch
alles eigene Empfinden und Begreifen ohne Sinn, wenn nicht die innere
Gewißheit von „etwas“ sich einstellte, das als das Andre und Fremde und
zwar genau in der ermittelten Gestalt in der Verkettung von Ursache und
Wirkung „+ist+“. Der Mensch als Wesen des sprachgeleiteten Denkens
kennt also als seinen höchsten geistigen Besitz den endlich errungenen
festen Glauben an dieses der Zeit und dem Schicksal entrückte Etwas,
das er schauend abgesondert und durch Name und Zahl gezeichnet hat.
Aber was das ist, bleibt zuletzt dennoch dunkel. Wurde die geheime
Logik des Alls damit selbst berührt oder nur ein Schattenbild? Das
ganze Ringen und Leiden, die ganze Angst des grübelnden Menschen
richtet sich auf diesen neuen Zweifel, der Verzweiflung werden
kann. Er braucht in seinem geistigen Tiefendrang den Glauben an
ein +letztes+ Etwas, das sich denkend erreichen, ein Ende des
Zertrennens, das keinen Rest von Geheimnis mehr übrig läßt. Die Winkel
und Abgründe seiner geschauten Welt müssen sämtlich durchleuchtet sein
-- nichts anderes kann ihn erlösen.
Hier geht der Glaube über in das aus dem Mißtrauen erwachsene Wissen
oder, was wahrer ist, in den Glauben an ein solches Wissen. Denn
diese Form des Verstehens ist durchaus abhängig von jener, später,
künstlicher und fragwürdiger. Es kommt hinzu, daß die religiöse
Theorie -- das gläubige Schauen -- zu einer priesterlichen Praxis
+führt+, die wissenschaftliche Theorie aber sich umgekehrt durch
jene aus der Praxis, dem technischen Wissen des alltäglichen Lebens
+ablöst+.[300] Der feste Glaube, der sich aus Erleuchtungen,
Offenbarungen, plötzlichen Tiefblicken ergibt, kann kritischer Arbeit
entbehren. Das kritische Wissen aber setzt den Glauben voraus, daß
seine Methoden genau zu dem führen, was man sucht, nicht zu neuen
Bildern, sondern zu „Wirklichem“. Aber die Geschichte lehrt, daß der
Zweifel am Glauben zum Wissen führt und der Zweifel am Wissen nach
einer Zeit des kritischen Optimismus wieder zurück zum Glauben. Je mehr
das theoretische Wissen sich vom gläubigen Hinnehmen befreit, desto
näher kommt es der Selbstaufhebung. Was übrig bleibt, ist einzig und
allein die technische Erfahrung.
Der ursprüngliche, dunkle Glaube erkennt überlegene Quellen der
Wahrheit an, durch welche Dinge, die eigenes Grübeln nie enträtseln
würde, offenbar, also gewissermaßen aufgeschlossen werden: prophetische
Worte, Träume, Orakel, heilige Schriften, die Stimme der Gottheit.
Der kritische Geist dagegen will, und er glaubt dessen fähig zu
sein, alle Einsichten nur sich selbst verdanken. Er mißtraut fremden
Wahrheiten nicht nur, er verneint sogar ihre Möglichkeit. Wahrheit
ist für ihn nur selbstbewiesenes Wissen. Die reine Kritik schöpft
ihre Mittel allein aus sich, aber es ist bald bemerkt worden, daß
eben damit das Wesentliche des Ergebnisses schon vorausgesetzt wird.
Das _de omnibus dubitandum_ ist ein Vorsatz, der sich gar nicht
verwirklichen läßt. Man vergißt, daß kritische Tätigkeit auf einer
+Methode+ beruhen muß, die nur scheinbar ebenfalls auf kritischem
Wege gefunden werden kann; in Wirklichkeit folgt sie aus der jeweiligen
Anlage des Denkens,[301] so daß also das Ergebnis der Kritik durch
die zugrundeliegende Methode bestimmt wird, diese selbst aber durch
den Daseinsstrom, der das Wachsein trägt und durchläuft. Der Glaube
an ein voraussetzungsloses Wissen kennzeichnet nur die ungeheure
Naivität rationalistischer Zeitalter. Eine naturwissenschaftliche
Theorie ist nichts als ein geschichtlich voraufgegangenes Dogma in
anderer Form. Den Vorteil davon hat allein das Leben in Gestalt einer
erfolgreichen Technik, zu welcher die Theorie den Schlüssel gibt. Es
war schon gesagt worden, daß über den Wert einer Arbeitshypothese
nicht die „Richtigkeit“, sondern die Brauchbarkeit entscheidet, aber
Einsichten von anderer Art, Wahrheiten im optimistischen Sinne, können
überhaupt nicht das Ergebnis rein wissenschaftlichen Verstehens sein,
das stets schon eine Ansicht voraussetzt, an der es sich kritisch,
+zerlegend+ betätigen kann: die Naturwissenschaft des Barock ist
eine fortschreitende Zerlegung des religiösen Weltbildes der Gotik.
Was Glaube und Wissen, Furcht und Neugier erzielen, ist nicht
Lebenserfahrung, sondern Erkenntnis der Welt als Natur. Die Welt als
Geschichte wird durch beides ausdrücklich verneint. Das Geheimnis
des Wachseins ist aber ein doppeltes: zwei angstgeschaffene, kausal
geordnete Bilder entstehen für das innere Auge: die „Außenwelt“ und als
ihr Gegenbild die „Innenwelt“. In beiden liegen echte Probleme; das
Wachsein ist durchaus in seinem eignen Reiche tätig. Das Numen heißt
dort Gott, hier Seele. Das kritische Verstehen denkt die Gottheiten des
gläubigen Schauens im Verhältnis zu ihrer Welt in mechanische Größen
um, ohne doch den Wesenskern zu verändern: Stoff und Form, Licht und
Finsternis, Kraft und Masse; und es zergliedert das Seelenbild des
ursprünglichen Seelenglaubens in gleicher Weise und mit dem gleichen
+vorbestimmten+ Ergebnis. Die Physik des Innern heißt systematische
Psychologie und sie entdeckt im Menschen als antike Wissenschaft
dingartige Seelen+teile+ (νοῦς, θυμός, ἐπιθυμία), als magische
Seelen+substanzen+ (_ruach_, _nephesch_), als faustische Seelen+kräfte+
(Denken, Fühlen, Wollen). Es sind die Gebilde, welche das religiöse
Nachdenken fürchtend und liebend in den kausalen Beziehungen von
Schuld, Sünde, Gnade, Gewissen, Lohn und Strafe weiter verfolgt.
Das Geheimnis des Daseins führt, sobald Glauben und Wissen sich ihm
zuwenden, zu einem verhängnisvollen Irrtum. Statt das Kosmische
selbst zu erreichen, das völlig außerhalb aller Möglichkeiten des
tätigen Wachseins liegt, wird das Bewegtsein des Leibes im Bilde
der Augenwelt sinnlich und das von ihm abgezogene Gedankenbild als
mechanisch-kausaler Zusammenhang begrifflich zergliedert. Aber das
wirkliche Leben +führt+ man; man erkennt es nicht. +Wahr ist
nur das Zeitlose.+ Wahrheiten liegen jenseits der Geschichte und
des Lebens; dafür ist das Leben selbst etwas jenseits aller Ursachen,
Wirkungen und Wahrheiten. Beides, die Kritik am Wachsein und am
Dasein, ist geschichtswidrig und lebensfremd. Aber im ersten Falle
entspricht das durchaus der kritischen Absicht und der inneren Logik
des Gegenstandes, den man meint, im letzten nicht. Der Unterschied von
Glauben und Wissen oder Furcht und Neugier oder Offenbarung und Kritik
ist also nicht der letzte. Wissen ist nur eine späte Form des Glaubens.
Aber +Glaube und Leben+, Liebe aus der geheimen Furcht vor der
Welt und Liebe aus dem geheimen Haß der Geschlechter, die Kenntnis
der anorganischen und das Fühlen der organischen Logik, Ursachen und
Schicksale -- das ist der tiefste aller Gegensätze. Hier entscheidet
es sich nicht, was für eine Art zu denken man hat -- ob religiös oder
kritisch -- oder worüber man denkt, sondern ob man ein Denker ist --
gleichviel über was -- +oder ein Täter+.
In das Gebiet der Tat greift das Wachsein erst dann hinüber, wenn es
+Technik+ wird. Auch religiöses Wissen ist Macht und Kausalitäten
kann man nicht nur feststellen, sondern auch handhaben. Wer das
geheime Verhältnis zwischen Mikrokosmos und Makrokosmos kennt, der
beherrscht es auch, sei es ihm offenbart worden oder habe er es den
Dingen abgelauscht. Und so ist der echte Tabumensch der Zauberer und
Beschwörer. Er zwingt die Gottheit durch Opfer und Gebet; er übt die
wahren Riten und Sakramente aus, weil sie Ursachen von unvermeidlichen
Wirkungen sind und jedem dienen +müssen+, der sie kennt. Er liest
in den Sternen und heiligen Büchern; in seiner geistigen Gewalt liegt
zeitlos und allem Zufälligen entrückt das +kausale+ Verhältnis
von Schuld und Sühne, Reue und Lossprechung, Opfer und Gnade. Durch
die Verkettung heiliger Gründe und Folgen ist er selbst ein Gefäß
geheimnisvoller Macht geworden und damit ebenfalls eine Ursache neuer
Wirkungen, an die man glauben muß, um ihrer teilhaftig zu werden.
Von hier aus versteht man, was die europäisch-amerikanische Welt
der Gegenwart so gut wie ganz vergessen hat, den letzten Sinn der
religiösen Ethik, der +Moral+. Sie ist überall dort, wo sie stark und
echt ist, ein Verhalten, das durchaus die Bedeutung +ritueller Akte und
Übungen+ besitzt, ein beständiges _exercitium spirituale_, mit Ignaz
von Loyola zu reden, nämlich +vor der Gottheit+, die dadurch besänftigt
und beschworen werden soll. „Was soll ich tun, daß ich selig werde?“
Dieses „Daß“ ist der Schlüssel zum Verständnis aller wirklichen Moral.
Ein Wozu und Weshalb liegt in der Tiefe, selbst in jenen feinsten
Fällen einiger Philosophen, die eine Moral „um ihrer selbst willen“
erdacht haben, also doch auch mit einem tiefgefühlten Wozu, das nur
von wenigen ihresgleichen gewürdigt werden kann. +Es gibt nur kausale
Moral+, d. h. eine +sittliche Technik+ auf dem Hintergründe einer
gläubigen Metaphysik.
Moral ist eine bewußte und planmäßige Kausalität des Sichverhaltens,
unter Absehen von allen Besonderheiten des wirklichen Lebens
und Charakters, etwas, das ewig und für alle gilt, zeitlos und
zeitfeindlich also und eben deshalb „wahr“. Auch wenn die Menschheit
gar nicht existierte, würde die Moral wahr und gültig sein -- so
ist die sittlich-anorganische Logik der als System begriffenen Welt
wirklich schon ausgesprochen worden. Nie würde man zugeben, daß sie
sich geschichtlich entwickeln oder vervollkommnen könne. Der Raum
verneint die Zeit: die wahre Moral ist absolut, ewig fertig und stets
dieselbe. In ihrer Tiefe liegt immer etwas Lebenverneinendes, ein
Enthalten, Entsagen, Entselbsten bis zur Askese, bis zum Tode. Schon
die sprachliche Fassung drückt es aus: die religiöse Moral enthält
Verbote, nicht Gebote. Das tabu ist, auch wo es scheinbar bejaht,
eine Summe von Verzichten. Sich befreien von der Tatsachenwelt, den
Möglichkeiten des Schicksals entfliehen, die Rasse in sich als den
beständig lauernden Feind betrachten: dazu bedarf es eines harten
Systems, der Lehre und der Übung. Keine Handlung sollte zufällig
und triebhaft sein, d. h. dem Blute überlassen bleiben. Sie soll
nach Gründen und Folgen bedacht und den Geboten entsprechend
„+ausgeführt+“ werden. Die äußerste Anspannung des Wachseins
ist notwendig, um nicht beständig der Sünde zu verfallen. Zuerst
Enthaltsamkeit von allem, was zum Blute gehört: der Liebe, der Ehe.
Liebe und Haß unter Menschen sind kosmisch und böse; die Liebe der
Geschlechter ist das äußerste Gegenteil der zeitlosen Liebe und Furcht
vor Gott und deshalb die Urschuld, um derentwillen Adam aus dem
Paradiese verstoßen wurde und die Erbsünde die Menschheit belastet.
Zeugung und Tod begrenzen das Leben des Leibes im Raume. Daß es der
+Leib+ ist, macht das eine zur Schuld, das andere zur Strafe.
Σῶμα σῆμα -- der antike Leib ein Grab! -- war das Bekenntnis der
orphischen Religion. Aischylos und Pindar haben das Dasein als Schuld
begriffen. Als Frevel empfinden es die Heiligen aller Kulturen, um es
durch Askese oder die tief mit ihr verwandte Vergeudung im Orgiasmus
abzutöten. Böse ist das Wirken innerhalb der Geschichte, die Tat,
das Heldentum, die Freude an Kampf, Sieg und Beute. Darin klopft der
Takt des kosmischen Daseins und übertönt und verwirrt das geistige
Schauen und Denken. Die Welt überhaupt, womit die Welt als Geschichte
gemeint ist, ist infam. Sie kämpft, statt zu entsagen; sie kennt die
Idee des Opfers nicht. Sie meistert die Wahrheit durch Tatsachen. Sie
entzieht sich, indem sie Trieben folgt, dem Denken von Ursache und
Wirkung. Und deshalb ist es das höchste Opfer, das der geistige Mensch
bringen kann, wenn er sie selbst den Mächten der Natur darbringt.
+Ein Stück von diesem Opfer ist jede moralische Handlung.+ Ein
sittlicher Lebenslauf ist eine ununterbrochene Kette solcher Opfer.
Vor allem das des Mitleids: da bringt der innerlich Mächtige dem
Machtlosen seine Überlegenheit dar. Der Mit-Leidende tötet etwas in
sich. Aber man verwechsle das Mitleid im großen religiösen Sinne nicht
mit der haltlosen Stimmung des alltäglichen Menschen, der sich nicht
beherrschen kann, und vor allem nicht mit dem +Rassegefühl der
Ritterlichkeit+, die überhaupt keine Moral der Gründe und Gebote
ist, sondern eine vornehme, +selbstverständliche Sitte+ aus dem
unbewußten Taktgefühl eines hochgezüchteten Lebens heraus. Was man in
zivilisierten Zeiten Sozialethik nennt, hat mit Religion gar nichts zu
tun und beweist durch sein Vorhandensein nur die Schwäche und Leere der
Religiosität, aus der alle Kraft metaphysischer Gewißheit und damit
die Voraussetzung einer echten, glaubensstarken und entsagenden Moral
verschwunden ist. Man denke etwa an den Unterschied von Pascal und
Mill. Sozialethik ist nichts als praktische Politik. Sie gehört als
sehr spätes Produkt derselben geschichtlichen Welt an, in der +die
Sitte+ auf der Höhe aller Frühzeiten als Edelmut und Ritterlichkeit
starker Geschlechter erscheint, gegenüber denen, die es im Leben der
Geschichte und des Schicksals schlecht haben, das was man heute in
wohlerzogenen Kreisen, die Takt und Zucht besitzen, gentlemanlike oder
Anstand nennt und dessen Gegenstück nicht die Sünde ist, sondern die
Gemeinheit. Das ist wieder der Unterschied von Dom und Burg. Diese
Gesinnung fragt nicht nach Geboten und Gründen. Sie fragt überhaupt
nicht. Sie liegt im Blute -- eben das bedeutet Takt -- und sie fürchtet
sich nicht vor Strafe und Vergeltung, sondern vor Verachtung, im
besonderen der Selbstverachtung. Sie ist nicht selbstlos, sondern folgt
gerade aus der Fülle eines starken Selbst. Aber das Mitleid hat, eben
weil es ebenfalls innere Größe verlangt, in ganz denselben Frühzeiten
seine heiligsten Diener wie Franz von Assisi und Bernhard von Clairvaux
gefunden, die eine Durchgeistigung des Entsagens besaßen, eine
Seligkeit in dem Sich-selbst-darbringen, eine ätherische, blutlose,
zeitlose, geschichtslose Caritas, in welcher die Furcht vor dem All
sich ganz in reine, fleckenlose Liebe verwandelt hat, eine Höhe der
kausalen Moral, deren späte Zeiten überhaupt nicht mehr fähig sind.
Um sein Blut zu bezwingen, muß man welches haben. Deshalb gibt es ein
Mönchtum großen Stils nur in ritterlichen und kriegerischen Zeiten,
und das höchste Symbol für den vollkommenen Sieg des Raumes über die
Zeit ist der zum Asketen gewordene Krieger, nicht der geborene Träumer
und Schwächling, der von Natur ins Kloster gehört, oder der Gelehrte,
der in seiner Stube an einem Moralsystem baut. Man sei doch kein
Heuchler -- was heute sich Moral nennt, die maßvolle Nächstenliebe und
die Betätigung anständiger Gesinnungen oder die Ausübung der Caritas
mit dem Hintergedanken der Erwerbung politischer Macht, ist nach dem
Maßstabe der Frühzeit nicht einmal Rittersinn von irgendwelchem Rang.
Noch einmal: Eine große Moral gibt es nur im Hinblick auf den Tod,
aus einer das ganze Wachsein erfüllenden Furcht vor metaphysischen
Gründen und Folgen, aus einer Liebe, die das Leben überwindet, aus
dem Bewußtsein, unentrinnbar im Banne eines kausalen Systems heiliger
Gebote und Zwecke zu stehen, das man als wahr verehrt und dem man
ganz angehören oder ganz entsagen muß. Eine beständige Spannung,
Selbstbeobachtung, Selbstprüfung begleitet die Ausübung dieser Moral,
die eine Kunst ist und neben der die Welt als Geschichte zu nichts
versinkt. Man sei Held oder Heiliger. In der Mitte liegt nicht die
Weisheit, sondern die Alltäglichkeit.
16
Gäbe es Wahrheiten abgelöst von den Daseinsströmen, so könnte es keine
Geschichte der Wahrheit geben. Gäbe es eine einzige, ewig richtige
Religion, so wäre Religionsgeschichte eine unmögliche Vorstellung. Aber
mag die mikrokosmische Lebensseite eines Einzelwesens noch so mächtig
entwickelt sein, sie liegt dem werdenden Leben doch wie eine Haut an,
durchschauert vom Takt des Blutes und ein beständiges Zeugnis von den
verborgenen Trieben kosmischen Gerichtetseins. Die Rasse beherrscht und
formt das gesamte Begreifen. Die Zeit verschlingt den Raum -- das ist
das Schicksal jedes wachen Augenblicks.
Trotzdem gibt es „ewige Wahrheiten“. Jeder Mensch besitzt sie in
Menge, insofern er verstehend sich in einer Gedankenwelt befindet,
in deren Zusammenhang sie unveränderlich feststehen, nämlich „eben
jetzt“, im Augenblick des Denkens, nach Grund und Folge, Ursache
und Wirkung eisern verklammert. Nichts in dieser Ordnung kann sich
verlagern, wie er glaubt, aber +eine+ Woge des Lebens hebt
sein waches Ich +und+ seine Welt. Der Einklang bleibt, aber er
hat +als Ganzes+, +als Tatsache+ eine Geschichte. Absolut
und relativ verhalten sich wie Querschnitt und Längsschnitt einer
Generationenfolge: der zweite sieht vom Raume ab, der erste aber von
der Zeit. Wer systematisch denkt, bleibt in der kausalen Ordnung
eines Augenblicks. Nur wer physiognomisch die Folge der Einstellungen
überblickt, erkennt die beständige Veränderung dessen, was wahr ist.