Aber schon vor ihm hatte die Heidenkirche, was in seiner ungeheuren

Tragweite nicht beachtet und +als Missionsarbeit+ überhaupt

nicht erkannt wird, den größten Teil der Bevölkerung von Nordafrika,

Spanien, Gallien, Britannien und längs der Rhein- und Donaugrenze

für die synkretistischen Kulte gewonnen. Von der Druidenreligion,

die Cäsar in Gallien angetroffen hatte, war zur Zeit Konstantins

wenig mehr vorhanden. Die Angleichung einheimischer Ortsgötter an

die Namen der großen -- magischen -- Gottheiten der Kultkirche, vor

allem Mithras-Sol-Jupiter, hat seit dem 2. Jahrhundert den Charakter

einer werbenden Tätigkeit und dasselbe gilt von der Ausdehnung des

späteren Kaiserkultes. Die Mission des Christentums würde hier nicht

so erfolgreich gewesen sein, wenn die ihr nahe verwandte andre

Kultkirche nicht vorangegangen wäre. Aber diese Mission beschränkte

sich durchaus nicht auf Barbaren. Noch im 5. Jahrhundert hat der

Missionar Asklepiodot die karische Stadt Aphrodisias vom Christentum

zum Heidentum bekehrt.

Die Juden haben, wie schon gezeigt worden ist, eine großartige

Mission nach Süden und Osten getrieben. Über Südarabien sind sie

bis ins innere Afrika gedrungen, und zwar vielleicht vor oder kurz

nach Christi Geburt, im Osten sind sie schon im 2. Jahrhundert in

China nachzuweisen. Im Norden trat später das Chazarenreich mit der

Hauptstadt Astrachan zum Judentum über. Von dort aus sind Mongolen

jüdischer Religion bis ins Innere Deutschlands gedrungen und 955 mit

den Ungarn auf dem Lechfeld geschlagen worden. Jüdische Gelehrte der

spanisch-maurischen Hochschulen baten um 1000 den Kaiser von Byzanz um

Schutz für eine Gesandtschaft, welche die Chazaren befragen sollte, ob

sie die Nachkommen der verlornen Stämme Israels seien.

Mazdaisten und Manichäer haben vom Tigris aus beide Imperien, das

römische und chinesische, bis zu den äußersten Grenzen durchzogen.

Als Mithraskult gelangte das Persertum bis nach Britannien; die

manichäische Religion war um 400 eine Gefahr für das griechische

Christentum geworden; manichäische Sekten gab es noch zur Zeit der

Kreuzzüge in Südfrankreich; aber beide Religionen waren gleichzeitig

in östlicher Richtung längs der chinesischen Mauer, wo die große

mehrsprachige Inschrift von Kara Balgassun die Einführung des

manichäischen Bekenntnisses im Uigurenreich meldet, bis nach Schantung

gelangt. Persische Feuertempel entstehen im Innern Chinas, seit 700

erscheinen in chinesischen astrologischen Schriften persische Ausdrücke.

Die drei christlichen Kirchen sind überall diesen Spuren gefolgt.

Als die Westkirche den Frankenkönig Chlodwig bekehrte (496), war die

Mission der Ostkirche schon bis nach Ceylon und in die chinesischen

Garnisonen am Westende der großen Mauer gelangt, die der Südkirche

in das Reich von Axum. Als seit Bonifatius (718) Deutschland bekehrt

wurde, waren die nestorianischen Missionare nahe daran, das chinesische

Mutterland zu gewinnen. 638 sind sie in Schantung eingewandert. Kaiser

Gaodsung (651-84) ließ in allen Provinzen Kirchen errichten, um 750

wurde im kaiserlichen Palast christlich gepredigt, 781 war nach einer

noch erhaltenen Denksäule in Singanfu mit aramäisch-chinesischer

Inschrift „ganz China von den Palästen der Eintracht bedeckt“. Aber

es ist im höchsten Grade bedeutsam, daß die in religiösen Dingen doch

erfahrenen Konfuzianer die Nestorianer, Mazdaisten und Manichäer für

Anhänger einer einzigen „persischen“ Religion gehalten haben,[290] so

wie die Bevölkerung der weströmischen Provinzen Mithras und Christus

nicht deutlich unterschied.

Den Islam muß man als den Puritanismus der gesamten Gruppe

frühmagischer Religionen betrachten, der nur in Form einer neuen

Religion aufgetreten ist und zwar im Bereich der Südkirche und des

talmudischen Judentums. In dieser tieferen Bedeutung und nicht

allein in der Wucht des kriegerischen Ansturms liegt das Geheimnis

seiner märchenhaften Erfolge. Obwohl er aus politischen Gründen

eine erstaunliche Toleranz übte -- der letzte große Dogmatiker der

Griechenkirche, Johannes Damaszenus, war unter dem Namen Al Mansor

Schatzmeister des Khalifen --, sind Judentum und Mazdaismus und die

christlichen Süd- und Ostkirchen sehr rasch und so gut wie vollständig

in ihm verschwunden. Der Katholikos von Seleukia, Jesujabh III.,

klagt, daß gleich bei seinem ersten Auftreten Zehntausende von

Christen übergegangen seien, und in Nordafrika, der Heimat Augustins,

fiel die gesamte Bevölkerung sofort dem Islam zu. Mohamed starb 632.

641 schon war das ganze Gebiet der Monophysiten und Nestorianer und

also das des Talmud und Awesta in islamischem Besitz. 717 stand man

vor Konstantinopel und auch die Griechenkirche war in Gefahr, zu

verschwinden. Schon 628 hatte ein Verwandter Mohameds dem chinesischen

Kaiser Tai Dsung Geschenke überbracht und die Erlaubnis zur Mission

erhalten. Seit 700 gibt es in Schantung Moscheen, und 720 wird von

Damaskus aus den längst in Südfrankreich stehenden Arabern der Befehl

erteilt, das Frankenland zu erobern. Zwei Jahrhunderte später, als

im Abendland aus den Resten der Westkirche eine neue religiöse Welt

entstand, war der Islam im Sudan und auf Java angelangt.

Aber der Islam bedeutet doch nur ein Stück +äußerer+

Religionsgeschichte. Die innere Geschichte der magischen Religion

ist mit Justinian ebenso zu Ende wie die der faustischen mit Karl

V. und dem Konzil von Trient. Jeder Blick in irgend ein Buch über

Religionsgeschichte lehrt, daß „das“ Christentum +zwei Zeitalter

großer Gedankenbewegung+ kennen gelernt hat, 0-500 im Orient

und 1000-1500 im Okzident.[291] Aber das sind +zwei Frühzeiten

zweier Kulturen+ und sie umfassen auch die Religionsentwicklung

zugehöriger, aber nichtchristlicher Formen. Justinian hat nicht, wie

es immer heißt, durch die Schließung der Hochschule von Athen (529)

der antiken Philosophie ein Ende gemacht. Dergleichen gab es seit

vielen Jahrhunderten nicht mehr. Er hat, vierzig Jahre vor der Geburt

Mohameds, +die Theologie der Heidenkirche+ abgeschlossen und

ebenso, was man hinzuzufügen vergißt, durch die Schließung der Schulen

von Antiochia und Alexandria +auch die christliche+. Die Lehre

war fertig, wie sie es im Abendland mit dem Konzil von Trient 1564 und

dem Augsburger Bekenntnis 1540 ebenfalls war. Mit der Stadt und dem

Geiste ist die religiöse Schöpferkraft zu Ende. Um 500 wird der Talmud

abgeschlossen und 529 wurde in Persien die Reformation des Mazdak, die

den Wiedertäufern des Abendlandes nicht unähnlich eheliches Leben und

weltlichen Besitz verwarf und die von König Kobad I. gegen die Macht

der Kirche und der Adelsgeschlechter unterstützt worden war, durch

Chosru Nuschirwan blutig unterdrückt und die awestische Lehre damit

endgültig festgelegt.

[234] Nach einem Ausdruck von L. Frobenius, Paideuma (1920) S. 92.

[235] Auch die Seelensteine auf den jüdischen, sabäischen und

islamischen Gräbern heißen nephesch. Sie sind unverkennbar

Sinnbilder des „Hinauf“. Zu ihnen gehören die ungeheuren

Stockwerkstelen in Axum aus dem 1.–3. Jahrh. n. Chr., also der

großen Zeit magischer Frühreligionen. Die längst umgestürzte

Riesenstele ist der größte Einzelstein, den die Kunstgeschichte

überhaupt kennt, größer als alle ägyptischen Obelisken. (Deutsche

Aksum-Expedition Bd. 2, S. 28 ff.).

[236] Hierauf beruht die gesamte Idee und Praxis des magischen

Rechts, vgl. S. 85.

[237] Jes. 32, 15; IV. Esra 14, 39; Apost-Gesch. 2.

[238] Reitzenstein, Das iran. Erlösungsmysterium S. 108 f.

[239] Bousset, Kyrios Christos S. 142.

[240] Windelband, Gesch. d. Phil. (1900) S. 189 ff.;

Windelband-Bonhöffer, Gesch. d. antiken Phil. (1912) S. 328 f.;

Geffcken, Der Ausgang des griech.-röm. Heidentums (1920) S. 51 f.

[241] Jodl, Geschichte der Ethik I S. 58.

[242] M. Horten, Die religiöse Gedankenwelt des Volkes im heutigen

Islam (1917) S. 381 ff. Von den Schiiten ist der Logosgedanke auf

Ali übertragen worden.

[243] Wolff, Muhammedanische Eschatologie 3, 2 ff.

[244] Johannesbuch der Mandäer Kap. 75.

[245] Usener, Vortr. u. Aufs. S. 217.

[246] Die „Teufelsanbeter“ in Armenien: M. Horten, Der neue Orient

(1918), März. Der Name entstand, weil sie den Satan nicht als

Wesen anerkannten und deshalb das Böse durch sehr verwickelte

Vorstellungen vom Logos selbst ausgehen ließen. Dasselbe Problem

hat unter dem Eindruck sehr alter persischer Lehren auch die Juden

beschäftigt; man beachte den Unterschied von II. Sam. 24, 1 und I.

Chron. 21, 1.

[247] M. Horten, a. a. O. S. XXI. Das Buch ist die beste Einführung

in die wirklich bestehende Volksreligion des Islam, die von der

offiziellen Lehre beträchtlich abweicht.

[248] Baumstark, Die christl. Literaturen d. Orients I, S. 64.

[249] Vgl. S. 248. Die babylonische Himmelsschau hat zwischen

astronomischen und atmosphärischen Elementen nicht deutlich

unterschieden und z. B. die Bedeckung des Mondes durch Wolken

ebenfalls als „Finsternis“ behandelt. Ihren Wahrsagungen diente das

jeweilige Himmelsbild +nur als Anhalt+, wie andrerseits die Leber

des Opfertiers. Aber die Chaldäer wollten den +wirklichen+ Gang der

Gestirne vorausberechnen. Hier setzt die Astrologie also eine echte

Astronomie voraus.

[250] B. Cohn, Die Anfangsepoche des jüd. Kalenders, Sitz. Pr.

Akad., 1914. Aus einer totalen Sonnenfinsternis wurde damals,

natürlich mit Hilfe der chaldäischen Astronomie, das Datum des

ersten Schöpfungstages berechnet.

[251] Die persische Gesamtzeit ist 12000 Jahre. Für die heutigen

Parsen ist 1920 das 11550. Jahr.

[252] M. Horten, Die religiöse Gedankenwelt des Volkes im heutigen

Islam, S. XXVI.

[253] Es ist eine große Lücke in unserer Forschung, daß wir eine

Reihe von Werken über die antike Religion und besonders ihre Götter

und Kulte besitzen, aber keines über antike Religiosität und ihre

Geschichte.

[254] „Er ist in Wahrheit Abschluß und Vollendung der christlichen

Antike, ihr letzter und größter Denker, ihr geistlicher Praktiker

und Volkstribun. Von hier aus muß er zuerst verstanden werden. Was

dann spätere Zeiten aus ihm gemacht haben, ist eine andere Frage.

Seinen eigentlichen, antike Kultur, kirchlich-episkopale Autorität

und innerlichste Mystik zusammenfassenden Geist können sie gar

nicht fortgesetzt haben, da sie, von anderen Verhältnissen umgeben,

andere praktische Aufgaben vor sich hatten.“ (E. Troeltsch,

Augustin, die christliche Antike und das Mittelalter (1915) S.

7.) Seine Macht beruht wie die Tertullians auch darauf, daß seine

Schriften nicht ins Lateinische übersetzt, sondern in dieser

+heiligen+ Sprache der abendländischen Kirche +gedacht+ waren. Eben

das schließt beide von dem Gebiet aramäischen Denkens aus. Vgl.

oben S. 274 f.

[255] _Inspiratio bonae voluntatis_ (_De corr. et grat. 3_).

„Guter Wille“ und „böser Wille“ sind ganz dualistisch die zwei

entgegengesetzten Substanzen. Dagegen ist für Pelagius Wollen eine

+Tätigkeit+ ohne moralische Qualität. Erst was man will hat die

+Eigenschaft+, gut oder böse zu sein, und die Gnade Gottes besteht

in der _possibilitas utriusque partis_, der Freiheit, dieses

oder jenes zu wollen. Gregor I. hat die augustinische Lehre ins

Faustische umgedeutet, wenn er lehrte, daß Gott einzelne Menschen

verworfen habe, weil er ihren bösen Willen vorauswußte.

[256] Bei Spinoza finden sich alle Elemente der magischen

Metaphysik, mag er auch noch so sehr bemüht sein, die

arabisch-jüdische Vorstellungswelt seiner spanischen Lehrmeister,

vor allem des Moses Maimonides, durch die abendländische des frühen

Barock zu ersetzen. Der einzelmenschliche Geist ist für ihn kein

Ich, sondern nur ein Modus des einen göttlichen Attributes, der

_cogitatio_ (= Pneuma). Er protestiert gegen Vorstellungen wie

„Wille Gottes“. Gott ist +reine Substanz+ und an Stelle unserer

dynamischen Kausalität im All entdeckt er nur die Logik der

göttlichen _cogitatio_. Alles das findet sich auch bei Porphyrios,

im Talmud, im Islam und ist faustischen Denkern wie Leibniz und

Goethe so fremd wie möglich (Allgem. Gesch. d. Philos. in Kultur

der Gegenwart I, v, S. 484, Windelband).

[257] „Gut“ ist hier also eine Wertschätzung und keine Substanz.

[258] Seine Entstehungszeit entspricht der Karolingerzeit. Ob

damals eine Dichtung von gleichem Range wirklich entstanden ist,

wissen wir nicht. Daß es möglich war, beweisen Schöpfungen wie die

Völuspa, Muspilli, der Heliand und die Gedankenwelt des Johannes

Scotus.

[259] Der Hinweis auf den Islam ist längst geschehen, so Bertholet,

Kulturgesch. Israels S. 242.

[260] Horten a. a. O. S. XII.

[261] Siehe oben S. 78.

[262] Es bedarf kaum der Erwähnung, daß die Bibel in allen

Religionen des germanischen Abendlandes in einem ganz anderen

Verhältnis zum Glauben steht, nämlich in dem einer +Urkunde+ im

streng historischen Sinne, gleichviel ob man sie als inspiriert

und deshalb jenseits aller Textkritik stehend betrachtet oder

nicht. Ähnlich ist das Verhältnis des chinesischen Denkens zu den

kanonischen Büchern.

[263] Von Mani mit dem johanneischen Logos gleichgesetzt. Vgl. auch

Jascht 13, 31: Ahura Mazdas lichtschimmernde Seele ist das Wort.

[264] So wird _aletheia_ (Wahrheit) überall im Johannesevangelium

und _drug_ (Lüge) für Ahriman in der persischen Kosmologie

gebraucht. Ahriman erscheint oft wie ein Diener der Drug.

[265] Sure 96, vgl. 80, 11 und 85, 21, wo es in einer andern Vision

heißt „Dies ist ein herrlicher Koran auf einer verwahrten Tafel“.

Das Beste hierüber hat Ed. Meyer gesagt, Geschichte der Mormonen S.

70 ff.

[266] Der antike Mensch erhält im Zustande höchster leiblicher

Erregung die Kraft, bewußtlos Künftiges zu verkünden. Aber

diese Visionen sind sämtlich ganz unliterarisch. Die antiken

sibyllinischen Bücher, die mit der späteren christlichen Schrift

gleichen Namens gar nichts zu tun haben, wollen nichts sein als

eine Sammlung von Orakeln.

[267] Vgl. S. 86.

[268] IV. Esra 14; S. Funk, Die Entstehung des Talmuds S. 17;

Hirschs Kommentar zu Exod. 21, 2.

[269] Funk a. a. O. S. 86.

[270] So Ed. Meyer, Urspr. u. Anf. d. Christ. S. 95.

[271] Im Westen sind Plato, Aristoteles und vor allem Pythagoras

als Propheten in diesem Sinne behandelt worden. Was bis zu ihnen

zurückgeführt werden konnte, galt als Wahrheit. Deshalb ist die

Reihe der Schulhäupter immer wichtiger geworden und man hat auf

ihre Feststellung -- oder Erfindung -- oft mehr Arbeit verwendet

als auf die Geschichte der Lehre selbst.

[272] Fromer, Der Talmud S. 190.

[273] Wir verwechseln heute Autor und Autorität. Das arabische

Denken kennt den Begriff des geistigen Eigentums nicht. Er würde

sinnlos und sündhaft sein, denn es ist das +eine+ göttliche

_pneuma_, das den einzelnen zum Gefäß und Mundstück wählt. Nur

insofern ist er „Autor“, gleichviel ob er das Empfangene auch

selbst niederschreibt oder nicht. „Evangelium nach Markus“

bedeutet: Markus +bürgt+ für die Wahrheit dieser Botschaft.

[274] S. 86.

[275] Vendidad 19, 1 ist es Zarathustra, der versucht wird.

[276] M. J. ben Gorion, Die Sagen der Juden, 1913.

[277] Die dem Johannesevangelium zugrunde liegende Lehre muß

er durch mündliche Überlieferung sehr genau gekannt haben.

Auch Bar Daisan († 254) und die aus seinem Kreise stammende

Apostelgeschichte des Thomas stehen der paulinischen Lehre

ganz fern, was sich bei Mani zu schroffer Feindschaft und der

Bezeichnung des geschichtlichen Jesus als bösen Dämon steigert. Wir

erhalten hier einen Einblick in das Wesen des fast unterirdischen

östlichen Christentums, das von der griechisch schreibenden

Kirche der Pseudomorphose nicht beachtet wurde und deshalb der

Kirchengeschichte bis jetzt entgangen ist. Aber aus dem Osten

Kleinasiens stammten auch Marcion und Montanus; hier ist das

in der Grundlage persische, aber jüdisch und dann christlich

überschichtete Naassenerbuch entstanden, und weiter östlich,

vielleicht im Matthäuskloster bei Mossul, hat um 340 Aphrahat jene

seltsamen Briefe geschrieben, an deren Christentum die westliche

Entwicklung von Irenäus bis Athanasius spurlos vorübergegangen ist.

Die Geschichte des nestorianischen Christentums beginnt tatsächlich

schon im 2. Jahrhundert.

[278] Denn die lateinischen Schriften z. B. des Tertullian und

Augustin sind, soweit sie nicht übersetzt wurden, durchaus

wirkungslos geblieben. In Rom selbst war Griechisch die eigentliche

Sprache der Kirche.

[279] Der faustische Mönch bezwingt seinen bösen Willen, der

magische die böse Substanz in sich. Dualistisch ist nur das zweite.

[280] Die Reinheits- und Speisegesetze des Talmud und Awesta

greifen viel tiefer in das tägliche Leben ein als etwa die

Benediktinerregel.

[281] Asmus, Damaskios (Philos. Bibl. 125 (1911)). Das christliche

Anachoretentum ist +jünger+ als das heidnische: Reitzenstein, Des

Athanasius Werk über das Leben des Antonius (Sitz. Heid. Ak. 1914,

VIII, 12).

[282] Bis zu der Forderung 19, 12, die Origenes wörtlich befolgt

hat.

[283] Wissowa, Religion und Kultus der Römer S. 493; Geffcken S. 4

u. 144.

[284] Das ist auch die metaphysische Grundlage der bald beginnenden

christlichen Bilderverehrung und der Erscheinung wundertätiger

Marien- und Heiligenbilder.

[285] Vgl. S. 69.

[286] Die Nestorianer protestierten gegen die Maria _theotokos_,

die Gottgebärende, der sie den Christus _theophoros_, den Gott in

sich tragenden, entgegenstellten. Darin kommt zugleich der tiefe

Unterschied zwischen einer bilderfreundlichen und bilderfeindlichen

Religiosität zum Vorschein.

[287] Man beachte die „westlichen“ Substanzfragen in Proklos’

gleichzeitigen Schriften, vom doppelten Zeus, der Trias von πατήρ,

δύναμις, νόησις, die zugleich νοητόν sind usw., Zeller, Philosophie

der Griechen V, 857 ff. Ein wirkliches Ave Maria ist der schöne

Hymnus des Proklos an Athene: „Wenn aber ein böser Fehl meines

Daseins mich in Banden schlägt -- ach, ich weiß es ja selbst,

wie ich von vielen unheiligen Taten hin und her geworfen werde,

die ich in meiner Verblendung begangen --, so sei mir gnädig, du

Sanftmütige, du Heil der Menschheit, und laß mich nicht furchtbaren

Strafen zur Beute am Boden liegen, denn ich bin und bleibe dein

Eigentum“ (Hymn. VII, Eudociae Aug. rel. A. Ludwich, 1897).

[288] Allah il Allah.

[289] Und ebenso das Russentum, das den Schatz bisher verschlossen

aufbewahrt hat.

[290] Hermann, Chines. Geschichte (1912) S. 77.

[291] Ein drittes, „gleichzeitiges“, wird in der ersten Hälfte des

nächsten Jahrtausends in der russischen Welt folgen.

PYTHAGORAS, MOHAMED, CROMWELL

15[292]

Religion nennen wir das Wachsein eines Lebewesens in den Augenblicken,

wo es das Dasein überwältigt, beherrscht, verneint, selbst vernichtet.

Das rassehafte Leben und der Takt seiner Triebe werden klein und

dürftig vor dem Blick in die ausgedehnte, gespannte und lichterfüllte

Welt; +die Zeit weicht dem Raume+. Die pflanzenhafte Sehnsucht

nach Vollendung erlischt und das tierhafte Urgefühl der Angst vor dem

Vollendetsein, dem Richtungslosen, dem Tode bricht hervor. Nicht Hassen

und Lieben, sondern Fürchten und Lieben sind die Grundgefühle der

Religion. Haß und Furcht unterscheiden sich wie Zeit und Raum, wie Blut

und Auge, wie Takt und Spannung, wie Heldenhaftes und Heiliges. Aber

ebenso verschieden ist Liebe im rassehaften und Liebe im religiösen

Sinne.

Alle Religion ist dem Lichte verwandt. Das Ausgedehnte wird auch

religiös als Augenwelt von dem Ich als Lichtmitte aus erfaßt. Gehör und

Getast werden dem Gesehenen eingeordnet und das +Unsichtbare+,

dessen Wirkungen man sinnlich verspürt, wird zum Inbegriff des

Dämonischen. Alles, was wir mit den Worten Gottheit, Offenbarung,

Erlösung, Fügung bezeichnen, ist irgendwie ein Element der belichteten

Wirklichkeit. Der Tod ist für den Menschen etwas, das er sieht und

sehend erkennt, und im Hinblick auf den Tod ist die Geburt das

+andre+ Geheimnis: beide begrenzen für das Auge das gefühlte

Kosmische als Leben eines Leibes im Lichtraum.

Es gibt eine tiefe, auch den Tieren bekannte Furcht +vor+ dem

mikrokosmischen Freisein im Raume, vor dem Raume selbst und seinen

Mächten, vor dem Tode, und eine andere Furcht +für+ das kosmische

Strömen des Daseins, das Leben, die gerichtete Zeit. Die erste weckt

eine dunkle Ahnung, daß die Freiheit im Ausgedehnten eine neue und

tiefere Art von Abhängigkeit als die pflanzenhafte ist. Sie läßt das

Einzelwesen im Gefühl seiner Schwäche die Nähe und Verbindung mit

anderen suchen. Die Angst führt zum Sprechen und eine Art von Sprache

ist jede Religion. Aus der Angst vor dem Raume erheben sich die Numina

+der Welt als Natur+ und die +Götterkulte+. Aus der Angst für die Zeit

entstehen die Numina +des Lebens+, des Geschlechtes, des Staates mit

ihrem Mittelpunkt im +Ahnenkult+. Das ist der Unterschied von _tabu_

und _totem_,[293] denn auch das Totemistische erscheint stets in

religiöser Form, aus einer heiligen Scheu vor dem, was dem Verstehen

selbst entzogen und ewig fremd ist.

Die höhere Religion bedarf der wachen Spannung gegen die Mächte des

Blutes und Daseins, die immer in der Tiefe lauern, um ihr uraltes

Recht über diese +jüngere+ Seite des Lebendigen wieder an sich zu

nehmen: „+Wachet+ und betet, daß Ihr nicht in Anfechtung fallet.“

Trotzdem ist Erlösung ein Grundwort jeder Religion und ein ewiger

Wunsch für jedes wache Wesen. In diesem allgemeinen, fast vorreligiösen

Sinne bedeutet er das Verlangen nach Befreiung von den Ängsten und

Qualen des Wachseins, nach +Entspannung der Spannungen+ des

furchtgebornen Denkens und Grübelns, nach Lösung und Aufhebung des

Bewußtseins von der Einsamkeit des Ich im All, der starren Bedingtheit

aller Natur und dem Blick auf die unverrückbare Grenze alles Seins, das

Alter, den Tod.

Auch der Schlaf erlöst. Der Tod selbst ist der Bruder des Schlafs.

Auch der heilige Wein, der Rausch bricht die Strenge der geistigen

Spannungen und ebenso der Tanz, die dionysische Kunst und jede andere

Art von Betäubung und Außersichsein. Das ist ein Entrinnen aus dem

Wachsein mit Hilfe des Daseins, des Kosmischen, des „es“, +die

Flucht aus dem Raume in die Zeit+. Aber höher als das alles steht

die eigentlich religiöse Überwindung der Angst +durch das Verstehen

selbst+. Die Spannung zwischen Mikrokosmos und Makrokosmos wird

zu etwas, das man liebt, in das man sich ganz versenken kann.[294]

Dies nennen wir +Glauben+ und mit ihm beginnt das menschliche

Geistesleben überhaupt.

Der Untergang des Abendlandes, Zweiter Band · 第 30 / 62 段