-- das wichtigste religiöse Ergebnis des 2. Jahrhunderts --, daß aus
der Lehre von Jesus keine Umgestaltung des Judentums, sondern eine
neue Kirche hervorgeht, die ihre Richtung nach Westen nimmt, während
das Judentum, ohne an innerer Kraft eingebüßt zu haben, sich dem
Osten zuwendet. Das 3. Jahrhundert gehört den großen Gedankenbauten
der Theologie. Man hat sich mit der geschichtlichen Wirklichkeit
abgefunden. Das Weltende ist in die Ferne gerückt und es entsteht
eine Dogmatik, welche das neue Weltbild erklärt. Der Anbruch der
Hochscholastik hat zur Voraussetzung, daß man an die Dauer der zu
begründenden Lehren glaubt.
Überblickt man diese Gründungen, so ergibt sich, daß die aramäische
Mutterlandschaft ihre Formen nach drei Richtungen hin entwickelt. Im
Osten bildet sich aus der zarathustrischen Religion der Achämenidenzeit
und den Resten ihrer heiligen Literatur die mazdaische Kirche mit
einer strengen Hierarchie und peinlichem Ritual, mit Sakramenten,
Messe und Beichte (_patet_). Wie erwähnt, ist durch Tanvasar
die Sammlung und Ordnung des +neuen+ Awesta begonnen worden;
unter Schapur I. sind, wie gleichzeitig im Talmud, die profanen Texte
medizinischen, juristischen und astronomischen Inhalts hinzugekommen;
der Abschluß erfolgte durch den Kirchenfürsten Mahraspand unter Schapur
II. (309-379), und es ist für die arabische Kultur selbstverständlich,
daß sogleich ein Kommentar in Pehlewisprache, der Zend, hinzukommt.
Das neue Awesta ist wie die jüdische und christliche Bibel ein
Kanon einzelner Schriften und wir erfahren, daß unter den seitdem
verlorenen Nasks (ursprünglich 21) sich ein Evangelium Zarathustras,
die Bekehrungsgeschichte des Vischtaspa, eine Genesis, ein Rechtsbuch
und ein Geschlechterbuch mit Stammbäumen von der Schöpfung bis zu den
Perserkönigen befanden, während bezeichnenderweise der Vendidad, nach
Geldner der „Levitikus“ der Perser, sich vollständig erhalten hat.
Ein neuer Religionsstifter erscheint 242 zur Zeit Schapurs I. in Mani,
der unter Verwerfung des „erlöserlosen“ Judentums und Griechentums
die gesamte Masse magischer Religionen zu einer der gewaltigsten
theologischen Schöpfungen aller Zeiten zusammenfaßt, für die er 276
durch die mazdaische Priesterschaft ans Kreuz geschlagen wurde.
Durch seinen Vater, der noch in späten Jahren seine Familie verließ
und in einen Mandäerorden trat, mit dem ganzen Wissen seiner Zeit
ausgerüstet, hat er die Grundgedanken der Chaldäer und Perser mit
denen des johanneischen, östlichen Christentums vereinigt, was vor ihm
ohne die Absicht einer Kirchengründung in der christlich-persischen
Gnosis des Bar Daisan versucht worden war.[277] Er faßt die mystischen
Gestalten des johanneischen Logos, den er mit dem persischen Vohu Mano
gleichsetzt, den Zarathustra der Awestalegende und den Buddha der
späten Texte als göttliche Emanationen auf und verkündet sich selbst
als den Paraklet des Johannesevangeliums und Saoshyant der Perser. Wie
wir jetzt aus den Turfanfunden wissen, unter denen sich auch Teile
der bis jetzt völlig verlorenen Schriften Manis befinden, war die
Kirchensprache der Mazdaisten, Manichäer und Nestorianer, unabhängig
von den jeweiligen Umgangssprachen, das Pehlewi.
Im Westen entwickeln, und zwar in griechischer Schriftsprache,[278]
die beiden Kultkirchen eine Theologie, die nicht nur verwandt, sondern
in ausgedehntem Maße identisch ist. Zur Zeit Manis beginnt die
theologische Verschmelzung der aramäisch-chaldäischen Sonnenreligion
und des aramäisch-persischen Mithraskultes zu einem System, dessen
erster großer „Kirchenvater“ um 300 Jamblich wird, ein Zeitgenosse
des Athanasius, aber auch Diokletians, der 295 den Mithras zum
henotheistischen Reichsgott erhebt. Seine Priester unterscheiden
sich seelisch wenigstens in nichts von den christlichen. Proklos,
ebenfalls ein echter Kirchenvater, empfängt in Träumen Erleuchtungen
über eine schwierige Textstelle und möchte außer Platons Timaios
und dem chaldäischen Orakelbuch, die für ihn kanonisch sind, alle
Philosophenschriften vernichtet sehen. Seine Hymnen, Zeugnisse der
Zerknirschung eines echten Eremiten, flehen Helios und andere Helfer
um Schutz gegen böse Geister an. Hierokles schreibt ein Moralbrevier
für Gläubige der neupythagoräischen Gemeinschaft, das man genau ansehen
muß, um es nicht für christlich zu halten. Der Bischof Synesios wird
von einem neuplatonischen zu einem christlichen Kirchenfürsten, ohne
daß eine Bekehrung stattgefunden hätte. Er behielt seine Theologie bei
und veränderte nur die Namen. Der Neuplatoniker Asklepiades konnte es
unternehmen, ein großes Werk über die Gleichheit aller Theologien zu
schreiben. Wir besitzen heidnische so gut wie christliche Evangelien
und Heiligenleben. Apollonios hat das Leben des Pythagoras, Marinos
das des Proklos, Damaskios das des Isidoros geschrieben: es besteht
gar kein Unterschied zwischen diesen Schriften, die mit einem Gebet
anfangen und schließen, und christlichen Märtyrerakten. Porphyrios
bezeichnet als die vier göttlichen Elemente Glaube, Liebe, Hoffnung und
Wahrheit.
Zwischen diesen Kirchen des Westens und Ostens entwickelt sich, von
Edessa aus gesehen nach Süden, die talmudische (die „Synagoge“) mit
aramäischer Schriftsprache. Die Judenchristen (z. B. Ebioniten und
Elkesaiten), Mandäer und Chaldäer waren nicht imstande, gegen diese
großen Gründungen aufzukommen, wenn man nicht die Kirche Manis als
neue Verfassung der chaldäischen Religion betrachtet. Sie sanken zu
Sekten herab, die zahllos im Schatten der großen Kirchen dahindämmerten
oder in ihren Verbänden aufgingen, wie die letzten Marcioniten und
Montanisten im Manichäertum. Es gab um 300 außer der heidnischen,
christlichen, persischen, jüdischen und manichäischen Kirche keine
magische Religion von Bedeutung mehr.
13
Mit der Hochscholastik beginnt seit 200 auch das Streben, die
+sichtbare+ und immer strenger gegliederte Gemeinschaft der
Gläubigen mit dem Organismus des Staates gleichzusetzen. Das folgt
mit Notwendigkeit aus dem Weltgefühl des magischen Menschen und führt
zur Verwandlung der Herrscher in Khalifen -- Beherrscher vor allem
der Gläubigen, nicht eines Gebietes -- und damit zur Auffassung der
Rechtgläubigkeit als der Voraussetzung wirklicher Staatsangehörigkeit,
zur Pflicht der Verfolgung falscher Religionen -- der heilige Krieg
des Islam ist so alt wie diese Kultur selbst und hat ihre ersten
Jahrhunderte vollkommen erfüllt --, zur Stellung der im Staate nur
geduldeten Ungläubigen unter eigenes Recht und Verwaltung -- denn das
göttliche Recht ist Ketzern versagt -- und damit zur Wohnweise des
Ghetto.
Zuerst ist im Mittelpunkt der aramäischen Landschaft, in Osrhoëne,
das Christentum um 200 Staatsreligion geworden. 226 wurde im
Sassanidenreich der Mazdaismus und unter Aurelian († 275) und vor
allem Diokletian (295) der durch den Divus-, Sol- und Mithraskult
zusammengefaßte Synkretismus im römischen Imperium Staatsreligion.
Konstantin geht seit 312, König Trdat von Armenien um 321, König Mirian
von Georgien einige Jahre später zum Christentum über. Im Süden muß
Saba schon im 3. und Axum im 4. Jahrhundert christlich geworden sein,
aber gleichzeitig wird das Himjarenreich jüdisch und Kaiser Julian
versucht noch einmal, die Heidenkirche zur Herrschaft zu bringen.
Den Gegensatz dazu bildet, wieder in allen Religionen dieser Kultur,
die Ausbreitung des Mönchtums mit seiner radikalen Abwendung von Staat,
Geschichte und der Wirklichkeit überhaupt. Der Widerstreit von Dasein
und Wachsein, von Politik also und Religion, Geschichte und Natur
läßt sich durch die Form der magischen Kirche und ihre Gleichsetzung
mit Staat und Nation doch nicht ganz überwinden; die Rasse bricht im
Leben dieser geistlichen Schöpfungen doch hervor und überwältigt das
Göttliche, eben weil es das Weltliche in sich aufgenommen hat. Aber
hier gibt es keinen Kampf zwischen Staat und Kirche wie in der Gotik
und deshalb bricht er innerhalb der Nation aus zwischen dem Weltfrommen
und dem Asketen. Eine magische Religion wendet sich ausschließlich
an den göttlichen Funken, das pneuma im Menschen, das er mit der
unsichtbaren Gemeinschaft der gläubigen und seligen Geister teilt. Der
übrige Mensch gehört dem Bösen und der Finsternis. Das Göttliche --
kein Ich, sondern gleichsam ein Gast -- soll aber in ihm herrschen und
das andere überwinden, unterdrücken, vernichten. In dieser Kultur ist
der Asket nicht nur der wahre Priester -- der Weltpriester genießt wie
im Russentum niemals wirkliche Achtung; meist darf er auch heiraten
--, sondern überhaupt der eigentlich Fromme. Außerhalb des Mönchtums
ist eine Erfüllung der religiösen Forderungen gar nicht möglich und
deshalb nehmen Büßergemeinschaften, Einsiedlertum und Kloster schon
früh einen Rang ein, den sie aus metaphysischen Gründen weder in Indien
noch in China erhalten konnten, vom Abendland ganz zu schweigen, wo die
Orden arbeitende und kämpfende, also dynamische Einheiten sind.[279]
Deshalb trennt sich die Menschheit der arabischen Kultur nicht in
„die Welt“ und in mönchische Kreise mit genau getrennten Gebieten der
Lebensart und den gleichen Möglichkeiten, die Gebote des Glaubens
zu erfüllen. Jeder Fromme +ist+ eine Art Mönch.[280] Zwischen
Welt und Kloster besteht kein Gegensatz, sondern nur ein Unterschied
des +Grades+. Magische Kirchen und Orden sind +gleichartige
Gemeinschaften+, die sich nur durch den Umfang unterscheiden lassen.
Die Gemeinschaft des Petrus war ein Orden, die des Paulus eine Kirche,
und die Mithrasreligion ist für die eine Bezeichnung fast zu groß, für
die andre zu klein.
+Jede magische Kirche ist selbst ein Orden+ und nur mit
Rücksicht auf die menschliche Schwachheit werden Stufen und Grade
der Askese nicht gesetzt, sondern erlaubt wie bei den Marcioniten
und Manichäern (_electi_ und _auditores_). Und eigentlich
ist eine magische Nation nichts andres als die Summe, +der Orden
aller Orden+, die in ihr immer kleinere und strengere Kreise
ziehen bis zum Eremiten, Derwisch und Säulenheiligen, an denen nichts
Weltliches mehr ist, deren Wachsein nur noch dem Pneuma gehört. Sieht
man von den prophetischen Religionen ab, aus und zwischen denen
mit der apokalyptischen Erregung immer zahlreichere ordensartige
Gemeinschaften entstanden, so waren es die beiden Kultkirchen des
Westens, deren zahllose Einsiedler, Wanderprediger und Orden sich
zuletzt nur durch den Namen der angerufenen Gottheit unterschieden.
Alle empfehlen sie Fasten, Gebet, Ehelosigkeit und Armut. Es ist sehr
fraglich, welche von beiden Kirchen um 300 asketischer gerichtet war.
Der neuplatonische Mönch Sarapion geht in die Wüste, um nur noch die
Hymnen des Orpheus zu studieren, Damaskios zieht sich, durch einen
Traum bestimmt, in eine ungesunde Höhle zurück, um beständig zu Kybele
zu beten.[281] Die Philosophenschulen sind nichts als asketische Orden;
die Neupythagoräer stehen den jüdischen Essäern nahe; der Mithraskult,
ein echter Orden, gestattet nur Männern den Zutritt zu seinen Weihen
und Gelübden; Kaiser Julian wollte heidnische Klöster erbauen. Das
Mandäertum scheint eine Gruppe von Ordensgemeinschaften verschiedener
Strenge gewesen zu sein, unter denen sich die Johannes’ des Täufers
befand. Das christliche Mönchtum beginnt nicht mit Pachomius (320),
der nur das erste Kloster gebaut hat, sondern mit der Urgemeinde in
Jerusalem. Das Matthäusevangelium[282] und fast alle Apostelgeschichten
sind Zeugnisse einer streng asketischen Gesinnung. Paulus hat es
nie gewagt, dem ausdrücklich zu widersprechen. Die persische und
nestorianische Kirche haben die mönchischen Ideale weiter entwickelt
und der Islam hat sie sich endlich in vollem Umfange zu eigen gemacht.
Die orientalische Frömmigkeit wird heute durchaus von den moslimischen
Orden und Bruderschaften beherrscht. Die gleiche Entwicklung nahm das
Judentum von den Karäern des 8. bis zu den polnischen Chassiden des 18.
Jahrhunderts.
Das Christentum, das noch im 2. Jahrhundert nicht viel mehr als ein
verbreiteter Orden gewesen war, dessen öffentliche Macht über die
Zahl der Mitglieder weit hinausging, wächst etwa seit 250 plötzlich
ins Ungeheure. Es ist die Epoche, in welcher die letzten Stadtkulte
der Antike verschwinden, +nicht vor der christlichen, sondern vor
der neu entstehenden Heidenkirche+. 241 brechen die Akten der
Arvalbrüder in Rom ab; 265 erscheinen die letzten Kultinschriften
in Olympia. Die Häufung der verschiedensten Priestertümer auf
eine Person wird gleichzeitig Sitte,[283] das heißt man empfindet
diese Bräuche nur noch als die einer einzigen Religion. Und diese
Religion tritt +werbend+ auf und verbreitet sich weit über
das griechisch-römische Stammgebiet hinaus. Dennoch ist um 300 die
christliche Kirche die einzige, welche sich über das ganze arabische
Gebiet ausgedehnt hat, aber gerade daraus folgt nun die Notwendigkeit
innerer Gegensätze, die nicht mehr auf der geistigen Anlage einzelner
Menschen, sondern auf dem Geist der einzelnen Landschaften beruhen und
die deshalb zum Zerfall des Christentums in mehrere Religionen geführt
haben und zwar für immer.
+Der Streit um die Wesenheit Christi+ ist das Feld, auf dem der
Kampf zum Austrag kommt. Es handelt sich um +Substanzprobleme+,
die in ganz derselben Form und Richtung auch das Denken aller andern
magischen Theologien erfüllen. Die neuplatonische Scholastik,
Porphyrios, Jamblich und vor allem Proklos haben solche Fragen
in westlicher Fassung und in enger Fühlung mit der Denkweise des
Philo und selbst des Paulus behandelt. Das Verhältnis zwischen
dem Ur-Einen, Nus, Logos, dem Vater und dem Mittler wird auf das
Substanzielle hin betrachtet. Handelt es sich um Ausstrahlung,
Teilung oder Durchdringung? Ist eins im andern enthalten, sind sie
identisch oder schließen sie sich aus? Ist die Trias zugleich Monas?
Im Osten, wo schon die Voraussetzungen des Johannesevangeliums und
der bardesanischen Gnosis eine andere Fassung dieser Probleme zeigen,
hat das Verhältnis Ahura Mazdas zum heiligen Geiste (Spenta Mainyu)
und das Wesen des Vohu Mano die awestischen „Väter“ beschäftigt,
und gerade in der Zeit der entscheidenden Konzile von Ephesus und
Chalcedon bezeichnet der vorübergehende Sieg des Zrvanismus (438-457)
mit dem Vorrang des göttlichen Weltlaufs (_zrvan_ als historische
Zeit) über die göttlichen Substanzen den Höhepunkt eines dogmatischen
Kampfes. Der Islam hat endlich die ganze Frage noch einmal aufgenommen
und mit Beziehung auf die Wesenheit Mohameds und des Koran zu lösen
versucht. Vorhanden ist das Problem, seit es ein magisches Menschentum
gibt, so gut wie mit dem faustischen Denken auch schon die spezifisch
abendländischen Willensprobleme an Stelle der Substanzprobleme gegeben
sind. Man braucht nicht nach ihnen zu suchen; sie sind da, sobald das
Denken der Kultur beginnt. Sie sind die Grundform dieses Denkens und
dringen in allen Untersuchungen hervor, auch wo man sie nicht sucht
oder gar nicht bemerkt.
Aber auch die drei landschaftlich vorbestimmten christlichen Lösungen
des Ostens, Westens und Südens sind von Anfang an vorhanden und schon
in den Hauptrichtungen der Gnosis -- etwa durch Bardesanes, Basilides
und Valentinus -- angelegt. In Edessa treffen sie zusammen. Hier
hallten die Straßen wider von dem Kampfgeschrei der Nestorianer gegen
die Sieger auf dem Konzil zu Ephesus und später von den εἶς-θεὀς-Rufen
der Monophysiten, die verlangten, daß der Bischof Ibas den Tieren im
Zirkus vorgeworfen werde.
Athanasius hatte, und zwar ganz aus dem Geist der Pseudomorphose heraus
und seinem heidnischen Zeitgenossen Jamblich in vielem verwandt, die
große Frage formuliert. Gegen Arius, der in Christus einen Halbgott
-- dem Vater nur wesens+ähnlich+ -- erblickte, behauptet er:
Vater und Sohn sind von +derselben+ göttlichen Substanz (θεότης),
die in Christus ein menschliches _soma_ angenommen hat. „Das
Wort ward Fleisch.“ Diese Formel des Westens ist abhängig von
anschaulichen Tatsachen der +Kult+kirche, das Verstehen der Worte
vom beständigen Erblicken des Bildhaften. Hier im bilderfreundlichen
Westen, wo eben jetzt Jamblich sein Buch über die Götterstatuen
schrieb, in denen das Göttliche substanziell anwesend ist und Wunder
wirkt,[284] ist neben dem abstrakten Verhältnis der Dreieinigkeit das
sinnlich-menschliche von Mutter und Sohn stets wirksam, und gerade
dieses ist aus den Gedankengängen des Athanasius nicht fortzudenken.
Mit der anerkannten Wesensgleichheit von Vater und Sohn war das
eigentliche Problem erst gestellt: das der geschichtlichen Erscheinung
des Sohnes selbst, wie sie aus dem magischen Dualismus aufgefaßt
werden müsse. In der Welthöhle gab es die göttliche und weltliche
Substanz, im Menschen den Anteil am göttlichen Pneuma und die mit dem
„Fleisch“ irgendwie verwandte Einzelseele. Wie stand es mit Christus?
Es ist entscheidend, eine Folge der Schlacht von Aktium, daß der
Streit in griechischer Sprache und auf dem Boden der Pseudomorphose
geführt wurde, ganz im Machtgebiet des „Khalifen“ der westlichen
Kirche. Schon Konstantin hat das Konzil von Nikäa, wo die Lehre des
Athanasius siegte, einberufen und beherrscht. Im aramäisch schreibenden
und denkenden Osten verfolgte man diese Ereignisse kaum, wie die
Briefe des Aphrahat beweisen. Man stritt nicht über das, was man
für sich längst entschieden hatte. Der Bruch zwischen Ost und West,
eine Folge des Konzils von Ephesus (431), trennte zwei christliche
+Nationen+, die der „Perserkirche“ und der „Griechenkirche“, aber
innerlich bestätigte er nur die ursprüngliche Verschiedenheit von zwei
landschaftlich durchaus getrennten +Denkweisen+. Nestorius und der
ganze Osten erblickten in Christus den zweiten Adam, den göttlichen
Gesandten des letzten Aion. Maria hat +einen Menschen+ geboren,
in dessen menschlicher und geschaffener Substanz (_physis_) die
göttliche, ungeschaffene +wohnt+. Der Westen sah in Maria die
Mutter +eines Gottes+: die göttliche und die menschliche Substanz
bilden in seinem Leibe (_persona_ in antikem Sprachgebrauch)[285]
eine Einheit (von Kyrill als ἕνωσις bezeichnet).[286] Als das Konzil
von Ephesus die „Gottesgebärerin“ anerkannt hatte, kam es in der Stadt
der berühmten Diana zu einer wahrhaft antiken Festorgie.[287]
Aber vorher schon hatte der Syrer Apollinaris die „südliche“ Fassung
verkündet: Im lebenden Christus ist nicht nur eine Person, sondern
eine einzige Substanz vorhanden. Die göttliche hat sich verwandelt,
nicht mit einer menschlichen vermischt (keine κρᾶσις, wie Gregor
von Nazianz gegen ihn behauptete; diese monophysitische Auffassung
läßt sich, was bezeichnend ist, am besten durch Begriffe Spinozas:
die +eine+ Substanz in einem andern Modus, ausdrücken). Die
Monophysiten nannten den Christus des Konzils von Chalcedon (451), wo
wieder der Westen seine Fassung durchgesetzt hatte, das „Götzenbild mit
den zwei Gesichtern“. Sie fielen nicht nur von der Kirche ab; es kam zu
erbitterten Aufständen in Palästina und Ägypten; als unter Justinian
die persischen Truppen, also Mazdaisten, bis zum Nil vordrangen, wurden
sie von den Monophysiten als Befreier begrüßt.
Der letzte Sinn dieses verzweifelten Kampfes, in dem es sich ein
Jahrhundert lang nicht um gelehrte Begriffe, sondern um die Seele
der Landschaft handelt, die +in ihren Menschen+ befreit sein
wollte, +war die Zurücknahme der Tat des Paulus+. Man muß sich
ganz in das Innerste der beiden neu entstehenden Nationen versetzen
und alle kleinen Züge der bloßen Dogmatik beiseite lassen: dann sieht
man, wie die Richtung des Christentums nach dem griechischen Westen
und seine geistige Verbindung mit der Heidenkirche ihren Gipfel
in der Tatsache erreicht hatte, daß der Herrscher des Westens das
Oberhaupt des Christentums überhaupt geworden war. Für Konstantin war
mit Selbstverständlichkeit die paulinische Gründung innerhalb der
Pseudomorphose +das+ Christentum; die Judenchristen petrinischer
Richtung waren eine ketzerische Sekte, die Ostchristen „johanneischer“
Art hat er gar nicht bemerkt. Als der Geist der Pseudomorphose auf
den drei entscheidenden Konzilen zu Nikäa, Ephesus und Chalcedon das
Dogma ganz und endgültig nach +seiner+ Veranlagung gefaßt hatte,
richtete sich die eigentlich arabische Welt mit Naturgewalt auf und zog
eine Grenze zwischen sich und ihm. Mit dem Ende der arabischen Frühzeit
tritt der endgültige Zerfall des Christentums in drei Religionen
ein, die sich symbolisch mit den Namen Paulus, Petrus und Johannes
bezeichnen lassen und von denen keine mehr die eigentliche und wahre
genannt werden darf, wenn man nicht historischen und theologischen
Vorurteilen nachgibt. Sie sind zugleich drei Nationen im Stammgebiet
der älteren griechischen, jüdischen und persischen, und sie bedienen
sich der von diesen entlehnten Kirchensprachen des Griechischen,
Aramäischen und Pehlewi.
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Die Ostkirche hatte sich seit dem Konzil von Nikäa durch eine
Episkopalverfassung mit dem Katholikos von Ktesiphon an der Spitze,
mit eigenen Konzilen, Liturgie und Recht organisiert; 486 wurde die
nestorianische Lehre als bindend angenommen und damit die Verbindung
mit Byzanz gelöst. Von da an haben die Mazdaisten, Manichäer und
Nestorianer ein gemeinsames Schicksal, das in der bardesanischen
Gnosis im Keime angelegt war. In der monophysitischen Südkirche kommt
der Geist der Urgemeinde wieder ans Licht und zu weiter Verbreitung;
sie steht mit ihrem starren Monotheismus und ihrer Bilderfeindschaft
dem talmudischen Judentum am nächsten und ist, was der Kampfruf εἷς
εός[288] schon vorausgedeutet hatte, mit jenem der Ausgangspunkt des
Islam geworden. Die Westkirche blieb mit dem Schicksal des römischen
Reiches, das heißt der zum Staat gewordenen Kultkirche verbunden. Sie
hat allmählich die Bekenner der Heidenkirche in sich aufgenommen.
Ihre Bedeutung liegt von nun an nicht mehr in ihr selbst, denn der
Islam hat sie fast vernichtet, sondern in dem Zufall, daß die jungen
Völker der neuen Kultur des Abendlandes das christliche System +von
ihr+ als Grundlage einer neuen Schöpfung empfingen,[289] und
zwar in der lateinischen Fassung des äußersten Westens, die für die
Griechenkirche selbst gar keine Bedeutung besaß. Denn Rom war damals
eine Griechenstadt und das Latein weit eher in Afrika und Gallien zu
Hause.
Was zum Wesen der magischen Nation gehört, ein Dasein, das in
Ausdehnung besteht, war von Anfang an wirksam gewesen. Alle diese
Kirchen trieben Mission und zwar nachdrücklich und mit gewaltigem
Erfolge. Aber erst in den Jahrhunderten, in welchen das Weltende
in die Ferne gerückt war und das Dogma für ein langes Dasein in
dieser Welthöhle aufgebaut wurde, in denen die Gruppe der magischen
Religionen sich an dem Substanzproblem endgültig klärte, nimmt die
Ausdehnung jenes leidenschaftliche Tempo an, das diese Kultur von
allen anderen unterscheidet und das in der Ausbreitung des Islam sein
eindrucksvollstes und letztes, aber keineswegs einziges Beispiel
gefunden hat. Die abendländischen Theologen und Historiker geben
von dieser gewaltigen Tatsache ein vollständig falsches Bild. Mit
dem Blick auf die Länder des Mittelmeers gebannt, bemerken sie nur
die Westrichtung, die mit ihrem Schema Altertum -- Mittelalter --
Neuzeit verträglich ist, und auch da beachten sie nur das vermeintlich
einheitliche Christentum, das für sie zu einer gewissen Zeit aus der
griechischen in eine lateinische Form übergeht, worauf der griechische
Rest ihren Blicken entschwindet.