nachdem das schauende Empfinden das kritische Verstehen durchdringt
oder umgekehrt. Das magische Schauen ist bei Spinoza als _amor
intellectualis dei_ bezeichnet, bei den gleichzeitigen Sufisten
Mittelasiens als _mahw_ (Auslöschen in Gott). Es kann sich bis
zur magischen Ekstase steigern, die Plotin mehrmals und seinem Schüler
Porphyrios im hohen Alter einmal zuteil geworden ist. Die andere Seite,
die rabbinische Dialektik, erscheint bei Spinoza als geometrische
Methode und in der arabisch-jüdischen Spätphilosophie überhaupt als
Kalaam. Beides aber beruht auf der Tatsache, daß es ein magisches
Einzel-Ich nicht gibt, sondern ein einziges, in allen Erwählten
zugleich vorhandenes Pneuma, das zugleich Wahrheit ist. Es kann
nicht oft genug betont werden, daß der hieraus folgende Grundbegriff
des _idjma_ mehr ist als Begriff, daß er ein Erlebnis von
erschütternder Gewalt werden kann und daß alle Gemeinschaft magischen
Stils auf ihm beruht und damit von der aller anderen Kulturen abgehoben
ist. „Die mystische Gemeinde des Islam erstreckt sich vom Diesseits
in das Jenseits; sie reicht über das Grab hinaus, indem sie die
verstorbenen Muslime früherer Generationen, ja sogar die vorislamischen
Gerechten umfaßt. Mit ihnen allen fühlt sich der Muslim zu einer
Einheit verbunden. Sie helfen ihm und auch er kann ihre Seligkeit
noch durch Zuwendung eigener Verdienste steigern.“[260] Ganz dasselbe
haben sowohl die Christen wie die Synkretisten der Pseudomorphose
mit den Worten _polis_ und _civitas_ bezeichnet, die einst
eine Summe von Körpern bedeuteten und jetzt einen _consensus_
der Zugehörigen. Am berühmtesten ist Augustins _civitas dei_,
die weder ein antiker Staat ist noch eine abendländische Kirche,
sondern genau wie die Mithrasgemeinde, der Islam, der Manichäismus
und das Persertum eine Ganzheit von Gläubigen, Seligen und Engeln.
Da die Gemeinschaft auf dem _consensus_ beruht, so ist sie in
geistigen Dingen unfehlbar. „Mein Volk kann niemals in einem Irrtum
übereinstimmen“ hat Mohamed gesagt, und genau dasselbe setzt Augustin
in seinem Gottesstaat voraus. Von einem unfehlbaren päpstlichen
Ich oder irgendeiner andern Instanz zur Feststellung dogmatischer
Wahrheiten ist bei ihm keine Rede und kann es nicht sein: Das würde
den magischen Begriff des _consensus_ völlig zerstören. Das gilt
in dieser Kultur allgemein und nicht nur vom Dogma, sondern auch
vom Recht[261] und vom Staate überhaupt: Die islamische Gemeinschaft
umfaßt wie die des Porphyrios und Augustin die +ganze+ Welthöhle,
das Diesseits wie das Jenseits, die Rechtgläubigen wie die guten
Engel und Geister, und in dieser Gemeinschaft bildet der Staat nur
+eine kleinere Einheit der sichtbaren Seite+, deren Wirksamkeit
also durch das Ganze geregelt wird. Eine Trennung von Politik und
Religion ist also in der magischen Welt theoretisch unmöglich und
widersinnig, während der Kampf zwischen Staat und Kirche auch der
Idee nach in der faustischen Kultur notwendig und ohne Ende ist.
Weltliches und geistliches Recht sind schlechthin dasselbe. Neben
dem Kaiser von Byzanz steht der Patriarch, neben dem Schah der
Zarathustrotema, neben dem Resch Galuta der Gaon, neben dem Khalifen
der Scheich ül Islam, Vorgesetzter zugleich und Untergebener. Mit dem
gotischen Verhältnis von Kaiser und Papst hat das nicht die leiseste
Verwandtschaft und auch der Antike war jeder Gedanke daran fremd. In
der Schöpfung Diokletians ist zum ersten Mal diese magische Einbettung
des Staates in die Gemeinschaft der Gläubigen Wirklichkeit geworden,
und Konstantin hat sie ganz durchgeführt. Es war schon gezeigt
worden, daß Staat, Kirche und Nation eine geistige Einheit bilden,
eben den in der lebenden Menschheit sichtbar hervortretenden Teil des
rechtgläubigen _consensus_. Es war deshalb für die Kaiser eine
selbstverständliche Pflicht, als Beherrscher der Gläubigen -- das
ist der Teil der magischen Gemeinschaft, den Gott ihnen anvertraut
hat -- die Konzile zu leiten, um den _consensus_ der Berufenen
herbeizuführen.
11
Außer ihm gibt es aber noch ein anderes Offenbarwerden der Wahrheit,
das „Wort Gottes“ in einem ganz bestimmten rein magischen Sinne,
der dem antiken und abendländischen Denken gleich fern liegt und
deshalb die Quelle unzähliger Mißverständnisse geworden ist. Das
heilige Buch, in dem es sichtbar in Erscheinung getreten, in das
es mittels einer heiligen Schrift gebannt worden ist, gehört zum
Bestande jeder magischen Religion.[262] In diese Vorstellung sind drei
magische Begriffe verwoben, von denen jeder einzelne uns die größten
Schwierigkeiten bereitet, während ihr Getrenntsein und gleichzeitiges
Einssein unserem religiösen Verständnis unzugänglich bleibt, so
gern man sich immer wieder darüber getäuscht hat: +Gott+,
+der Geist Gottes+, +das Wort Gottes+. Was im Prolog des
Johannesevangeliums angedeutet ist: Im Anfang war das Wort und das
Wort war bei Gott und Gott war das Wort, das ist lange vorher in den
persischen Vorstellungen von Spenta Mainyu -- dem heiligen Geist, der
von Ahura Mazda verschieden und doch mit ihm eins ist, im Gegensatz zum
bösen (Angra Mainyu) -- und von Vohu Mano[263] und den entsprechenden
jüdischen und chaldäischen Begriffen wie etwas ganz Natürliches zum
Ausdruck gekommen und bildet den Kernpunkt in den Streitigkeiten des
vierten und fünften Jahrhunderts um die Substanz Christi. Aber ebenso
ist die „Wahrheit“ für das magische Denken +eine Substanz+[264]
und Lüge oder Irrtum die zweite. Es ist derselbe wesenhafte Dualismus
wie in dem Widerstreit von Licht und Finsternis, Leben und Tod, Gut
und Böse. Als Substanz ist die Wahrheit bald mit Gott, bald mit dem
Geiste Gottes, bald mit dem Wort identisch. Nur so kann man die ganz
substanziell gemeinten Aussprüche verstehen: „Ich bin die Wahrheit und
das Leben“ und „Mein Wort ist die Wahrheit“. Nur so begreift man auch,
mit welchen Augen der religiöse Mensch dieser Kultur das heilige Buch
betrachtete: In ihm ist die unsichtbare Wahrheit in eine sichtbare
Seinsart eingegangen, ganz ähnlich der Stelle Ev. Joh. 1, 14: Das Wort
ward Fleisch und wohnte unter uns. Nach dem Jasna ist das Awesta vom
Himmel herabgesandt worden und im Talmud heißt es, daß Moses die Tora
Band für Band von Gott empfangen habe. Eine magische Offenbarung ist
ein mystischer Vorgang, in welchem das ewige und unerschaffene Wort
der Gottheit -- oder +die Gottheit als Wort+ -- in einen Menschen
eingeht, um durch ihn die „offenbare“, sinnliche Gestalt von Lauten und
vor allem von Buchstaben zu erhalten. +Koran bedeutet „Lesung“+.
Mohamed hat in einer Vision im Himmel verwahrte Schriftrollen erblickt,
die er „im Namen des Herrn“ -- obwohl er nicht lesen gelernt hat --
entziffern konnte.[265] Das ist eine Form der Offenbarung, die in
dieser Kultur Regel und in den andern nicht einmal Ausnahme ist,[266]
aber sie hat sich erst seit Kyros herangebildet. Die altisraelitischen
Propheten und sicherlich auch Zarathustra sehen und hören in der
Verzückung Dinge, die sie später verbreiten. Das deuteronomische
Gesetzbuch ist 621 „im Tempel gefunden worden“, das heißt, es soll als
Weisheit der Väter gelten. Das erste und zwar sehr bewußte Beispiel
eines „Koran“ ist das Buch des Hesekiel, das der Autor in einer
ausgedachten Vision von Gott empfängt und „verschlingt“ (Kap. 3). Hier
ist in der denkbar gröbsten Form ausgedrückt, was später dem Begriff
und der Gestalt des gesamten apokalyptischen Schrifttums zugrunde
liegt. Aber allmählich gehörte eine solche +substanzielle+ Form
der Empfängnis zu den Bedingungen jedes kanonischen Buches. Aus
nachexilischer Zeit stammt die Vorstellung von den Gesetzestafeln,
die Moses am Sinai erhält. Später wurde für die ganze Tora, etwa seit
der Makkabäerzeit für die meisten Schriften des Alten Testaments ein
solcher Ursprung angenommen. Seit dem Konzil von Jabna (um 90 n. Chr.)
gilt das ganze Werk als „Eingebung“ im buchstäblichen Sinne. Aber ganz
dieselbe Entwicklung hat in der persischen Religion stattgefunden bis
zur Heiligsprechung des Awesta im 3. Jahrhundert, und der gleiche
Begriff der Eingebung erscheint in der zweiten Vision des Hermas,
in den Apokalypsen, den chaldäischen, gnostischen und mandäischen
Schriften und er liegt endlich wie etwas ganz Natürliches den
Vorstellungen der Neupythagoräer und Neuplatoniker von den Schriften
ihrer Meister stillschweigend zugrunde. Kanon ist der technische
Ausdruck für die Gesamtheit der Schriften, die von einer Religion als
eingegeben betrachtet werden. Als Kanon sind seit 200 die hermetische
Sammlung und das Corpus der chaldäischen Orakel entstanden, das letzte
ein heiliges Buch der Neuplatoniker, das der „Kirchenvater“ Proklos
allein neben Platons Timaios gelten ließ.
Die junge Jesusreligion hat ursprünglich wie Jesus selbst die jüdischen
Schriften als Kanon anerkannt. Die ersten Evangelien erheben durchaus
nicht den Anspruch, „das Wort“ der Gottheit in sichtbarer Gestalt zu
sein. +Das Johannesevangelium ist die erste christliche Schrift,
die mit offenbarer Absicht als Koran gelten will+, und von ihrem
unbekannten Schöpfer geht überhaupt erst der Gedanke aus, daß es einen
christlichen Koran geben könne und müsse. Die schwere Entscheidung, ob
die neue Religion mit der von Jesus geglaubten brechen solle, kleidet
sich mit innerer Notwendigkeit in die Frage, ob man die jüdischen
Schriften als Inkarnationen der +einen+ Wahrheit noch anerkennen
dürfe; sie ist von „Johannes“ schweigend und von Marcion laut verneint,
von den Kirchenvätern aber, was unlogisch war, bejaht worden.
Aus dieser metaphysischen Auffassung vom Wesen des heiligen Buches
ergibt sich, daß die Ausdrücke „Gott spricht“ und „die Schrift sagt“
in einer unserem Denken ganz fremden Weise völlig identisch sind. Es
erinnert an manche Märchenzüge in 1001 Nacht, daß Gott selbst in diese
Worte und Buchstaben gebannt ist und von dem Berufenen entsiegelt und
zum Offenbaren der Wahrheit gezwungen werden kann. Die Auslegung ist
wie die Eingebung ein Vorgang von mystischem Hintersinn (Mark. 1, 22).
Daher die Ehrfurcht, mit welcher diese kostbaren Handschriften verwahrt
werden, ihre so ganz unantike Verzierung mit allen Mitteln der jungen
magischen Kunst und die Entstehung immer neuer Schriftarten, die in den
Augen ihrer Gebraucher allein die Kraft besitzen, die herabgesandte
Wahrheit in sich zu bannen.
Aber ein solcher Koran ist dem Wesen nach unbedingt richtig und deshalb
unveränderlich und keiner Verbesserung fähig.[267] Es entwickelt sich
deshalb die Gewohnheit der geheimen Interpolationen, um den Text mit
den Überzeugungen der Zeit in Einklang zu bringen. Ein Meisterstück
dieser Methode sind die Digesten Justinians. Aber außer sämtlichen
Schriften der Bibel gilt das zweifellos auch von den Gathas des Awesta
und sogar von den damals umlaufenden Schriften des Plato, Aristoteles
und andrer Autoritäten der heidnischen Theologie. Viel wichtiger noch
ist die in allen magischen Religionen nachweisbare Annahme einer
geheimen Offenbarung oder eines geheimen Schriftsinns, die nicht durch
Aufzeichnung, sondern durch das Gedächtnis berufener Männer erhalten
und mündlich fortgepflanzt werden. Nach jüdischer Anschauung hat
Moses am Sinai außer der schriftlichen +noch eine geheime mündliche
Tora+ empfangen,[268] deren Aufzeichnung untersagt war. „Gott sah
voraus,“ heißt es im Talmud, „daß einst eine Zeit kommen werde, in der
sich die Heiden der Tora bemächtigen und zu Israel sprechen werden:
Auch wir sind Söhne Gottes. Dann wird der Herr sagen: Nur wer meine
Geheimnisse kennt, der ist mein Sohn. Und was sind die Geheimnisse
Gottes? Die mündliche Lehre.“[269] Der Talmud enthält also in seiner
allgemein zugänglichen Gestalt nur einen Teil des religiösen Stoffes,
und ebenso stand es mit den christlichen Texten der Frühzeit. Es ist
oft bemerkt worden,[270] daß Markus von der Versuchung und Auferstehung
nur in Andeutungen spricht und daß Johannes auf die Lehre vom Paraklet
nur anspielt und die Einsetzung des Abendmahls ganz fortläßt. Der
Eingeweihte verstand, was gemeint war, und der Ungläubige sollte es
nicht wissen. Später gab es eine wirkliche „Arkandisziplin“, wonach die
Christen über das Taufbekenntnis, Vaterunser, Abendmahl und anderes
Ungläubigen gegenüber Stillschweigen beobachteten. Bei den Chaldäern,
Neupythagoräern, Kynikern, Gnostikern und vor allen den Sekten von
den altjüdischen bis zu den islamischen hat das einen solchen Umfang
angenommen, daß uns ihre Geheimlehren zum großen Teil unbekannt sind.
Über das nur im Geist aufbewahrte Wort gab es einen +_consensus_
des Schweigens+, eben weil man des „Wissens“ der Zugehörigen sicher
war. Wir sind geneigt, gerade von dem Wichtigsten nachdrücklich und
deutlich zu reden, und kommen deshalb in Gefahr, magische Lehren
mißzuverstehen, weil wir das Ausgesprochene mit dem Vorhandenen und
den profanen Wortsinn mit der eigentlichen Bedeutung gleichsetzen. Das
gotische Christentum hatte keine Geheimlehre und deshalb ein doppeltes
Mißtrauen gegen den Talmud, in dem es mit Recht nur den Vordergrund der
jüdischen Lehre sah.
Aber rein magisch ist auch die Kabbala, die aus Zahlen,
Buchstabenformen, Punkten und Strichen einen geheimen Sinn erschließt
und die so alt sein muß wie das als Substanz herabgesandte Wort
überhaupt. Die Geheimlehre von der Schöpfung der Welt aus den
zweiundzwanzig Buchstaben des hebräischen Alphabets und die vom
Thronwagen in der Vision des Hesekiel sind schon zur Makkabäerzeit
nachweisbar. Eng damit verwandt ist die allegorische Auslegung der
heiligen Texte. Alle Traktate der Mischna, alle Kirchenväter, alle
alexandrinischen Philosophen sind voll davon; in Alexandria hat man den
ganzen antiken Mythus und sogar Platon nach dieser Methode behandelt
und mit den jüdischen Propheten -- Moses heißt dann Musaios --
verglichen.
Die einzige streng +wissenschaftliche+ Methode, welche ein
unveränderlicher Koran für die Fortentwicklung der Meinungen übrig
läßt, ist die kommentierende. Da der Theorie nach das „Wort“ einer
Autorität nicht verbessert werden kann, so kann es nur anders ausgelegt
werden. Man würde in Alexandria nie gesagt haben, daß Plato irre,
aber man „deutete“ ihn. Das geschieht in den streng ausgebildeten
Formen der Halacha, und deren schriftliche Festlegung hat die Gestalt
eines Kommentars, die alle religiösen, philosophischen und gelehrten
Literaturen dieser Kultur vollständig beherrscht. Nach dem Vorgang
der Gnostiker haben die Kirchenväter Schriftkommentare zur Bibel
verfaßt; zum Awesta entstand sogleich der Pehlewikommentar des Zend,
zum jüdischen Kanon die Midrasche, aber auch die „römischen“ Juristen
um 200 und die „spätantiken“ Philosophen, d. h. die Scholastiker der
werdenden Kultkirche gingen denselben Weg -- die seit Poseidonios
immer wieder ausgelegte Apokalypse dieser Kirche war Platons Timaios.
Die Mischna ist ein einziger großer Kommentar zur Tora. Aber als die
ältesten Ausleger selbst Autoritäten und ihre Schriften also Korane
geworden waren, schrieb man Kommentare zu Kommentaren wie der letzte
Platoniker Simplikios im Westen, die Amoräer, welche der Mischna
die Gemara hinzufügten, im Osten und in Byzanz die Verfasser der
kaiserlichen Konstitutionen zu den Digesten.
Am schärfsten ist diese Methode, welche jeden Ausspruch der Fiktion
nach bis zu einer unmittelbaren Eingebung zurückführt, in der
talmudischen und islamischen Theologie ausgebildet worden. Eine
neue Halacha oder ein Hadith sind nur gültig, wenn sie durch eine
ununterbrochene Kette von Gewährsmännern auf Moses oder Mohamed
zurückgeführt werden können.[271] Die feierliche Formel hierfür
lautete in Jerusalem: „Es komme über mich! So habe ich es von meinem
Lehrer gehört.“[272] Im Zend ist die Anführung der Gewährsmännerkette
Regel, und Irenäus hat seine Theologie damit gerechtfertigt, daß
von ihm eine Kette über Polykarp zur Urgemeinde gehe. In der
frühchristlichen Literatur tritt diese halachische Form mit solcher
Selbstverständlichkeit auf, daß man sie als solche gar nicht bemerkt
hat. Sie erscheint, abgesehen von der beständigen Berufung auf das
Gesetz und die Propheten, in den Überschriften der vier Evangelien
(„+nach+ Markus“), die einen Gewährsmann an der Spitze nennen
müssen, um für die von ihnen angeführten Worte des Herrn Autorität
zu sein.[273] Damit war die Kette bis zu der in Jesus verkörperten
Wahrheit hergestellt und man kann sich diese Verbindung im Weltbilde
eines Augustin oder Hieronymus nicht realistisch genug denken. Hierauf
beruht nun auch die seit Alexander sich allgemein verbreitende Sitte,
religiöse und philosophische Schriften mit Namen zu versehen wie
Henoch, Salomo, Esra, Hermes, Pythagoras, die als Gewährsmänner und
Gefäße göttlicher Wahrheit galten, in denen also einst „das Wort
Fleisch“ geworden war. Wir besitzen noch eine Anzahl von Apokalypsen
mit dem Namen Baruch, der damals mit Zarathustra gleichgesetzt wurde,
und wir machen uns kaum eine Vorstellung davon, was an Schriften unter
den Namen des Aristoteles und Pythagoras umlief. Die „Theologie des
Aristoteles“ war eins der einflußreichsten Bücher des Neuplatonismus.
Dies ist endlich die metaphysische Voraussetzung für Stil und
tieferen Sinn des Zitierens, das bei Kirchenvätern, Rabbinern,
„griechischen“ Philosophen und „römischen“ Juristen in ganz derselben
Weise geübt wird und das einerseits das Zitiergesetz Valentinians
III.[274] und andrerseits die Abscheidung von Apokryphen -- ein
grundlegender Begriff, der einen +Substanzunterschied+ innerhalb des
Schriftenbestandes feststellt -- aus dem jüdischen und christlichen
Kanon zur Folge gehabt hat.
12
Auf Grund solcher Untersuchungen wird es in Zukunft möglich sein,
eine Geschichte +der Gruppe magischer Religionen+ zu schreiben.
Sie bildet eine untrennbare Einheit des Geistes und der Entwicklung
und man glaube nicht, die einzelnen für sich unter Absehen von den
übrigen wirklich begreifen zu können. Ihre Entstehung, Entfaltung und
innere Festigung umfaßt die Zeit von 0-500. Sie entspricht genau dem
abendländischen Aufstieg von der kluniazensischen Bewegung bis zur
Reformation. Ein wechselseitiges Geben und Nehmen, ein verwirrend
reiches Aufblühen, Reifen, Umbilden, ein Überschichten, Wandern,
Einfügen, Abstoßen erfüllt diese Jahrhunderte, ohne daß sich irgendeine
Abhängigkeit des einen Systems von dem andern behaupten läßt; nur
die Formen und Fassungen werden getauscht; in der Tiefe ruht ein und
dasselbe Seelentum, das in allen Sprachen dieser Welt von Religionen
stets sich selbst zum Ausdruck bringt.
In dem weiten Reich altbabylonischen Fellachentums leben junge Völker.
Da bereitet sich alles vor. Die erste Ahnung regt sich um 700 in den
prophetischen Religionen der Perser, Juden und Chaldäer. Ein Bild
der Weltschöpfung von der Art, wie es später an den Anfang der Tora
trat, zeichnet sich in klaren Umrissen ab und damit ist ein Einsatz,
eine Richtung, ein Ziel der Sehnsucht gegeben. In weiter Zukunft wird
etwas erschaut, unbestimmt und dunkel noch, aber mit der innerlichsten
Gewißheit, daß es kommt. Mit dem Blick darauf, mit dem Gefühl einer
Sendung lebt man von nun an.
Die zweite Welle erhebt sich steil in den apokalyptischen Strömungen
seit 300. Hier erwacht das magische Weltbewußtsein und erbaut sich
eine Metaphysik der letzten Dinge in gewaltigen Bildern, denen schon
das Ursymbol der kommenden Kultur, die Höhle, zugrunde liegt. Die
Vorstellung von den Schrecken des Weltendes, dem jüngsten Gericht, der
Auferstehung, von Paradies und Hölle und damit der große Gedanke einer
Heilsgeschichte, in der das Schicksal von Welt und Menschheit eins
sind, brechen überall hervor, ohne daß man einem einzelnen Land und
Volk die Schöpfung zuschreiben könnte, und kleiden sich in wunderbare
Szenen, Gestalten und Namen. Die Messiasgestalt ist mit einem Schlage
fertig. Die Versuchung des Heilands durch den Satan wird erzählt.[275]
Aber zugleich quillt eine tiefe und sich beständig steigernde Angst
auf vor dieser Gewißheit einer unverrückbaren und sehr nahen Grenze
des Geschehens, vor dem Augenblick, in dem es nur noch Vergangenheit
gibt. Die magische Zeit, die „Stunde“, das höhlenhafte Gerichtetsein
gibt dem Leben einen neuen Takt und dem Worte Schicksal einen neuen
Inhalt. Der Mensch steht plötzlich ganz anders vor der Gottheit da.
In der Weihinschrift der großen Basilika von Palmyra, die lange als
christlich galt, wird Baal der Gute, Barmherzige, Milde genannt, und
dies Gefühl dringt mit der Verehrung des Rahman bis nach Südarabien; es
erfüllt die Psalmen der Chaldäer und die Lehre von dem gottgesandten
Zarathustra, die an die Stelle seiner Lehre getreten ist; und es bewegt
das Judentum der Makkabäerzeit, in der die meisten Psalmen entstanden,
und alle die längst vergessenen übrigen Gemeinschaften zwischen der
antiken und indischen Welt.
Die dritte Erschütterung erfolgt in der Zeit Cäsars und führt zur
Geburt der großen Erlösungsreligionen. Damit bricht der helle Tag
dieser Kultur an. Was nun folgt, ein oder zwei Jahrhunderte hindurch,
ist von einer Höhe des religiösen Erlebens, die nicht überboten, aber
auch nicht länger ertragen werden kann. Eine solche an Vernichtung
grenzende Spannung haben auch die gotische Seele, die vedische und jede
andere nur einmal in ihrer Morgenfrühe kennen gelernt.
Jetzt entsteht der große Mythus im persischen, mandäischen, jüdischen,
christlichen Glaubenskreise und in dem der westlichen Pseudomorphose,
nicht anders als zur indischen, antiken und abendländischen Ritterzeit.
So wenig als in dieser Kultur sich Nation, Staat und Kirche, göttliches
und weltliches Recht trennen können, so wenig gibt es einen deutlichen
Unterschied ritterlichen und religiösen Heldentums. Der Prophet
verschmilzt mit dem Streiter und die Geschichte eines großen Dulders
erhebt sich zum nationalen Epos. Die Mächte des Lichtes und der
Finsternis, fabelhafte Wesen, Engel und Dämonen, der Satan und die
guten Geister ringen miteinander; die ganze Natur ist ein Kampfplatz
vom Anfang der Welt bis zu ihrer Vernichtung. Tief unten in der
Menschenwelt ereignen sich die Abenteuer und Leiden der Verkünder,
religiösen Heroen und heldenmütigen Märtyrer. Jede Nation in dem Sinne,
wie er dieser Kultur angehört, besitzt ihre Heldensage. Im Osten wird
aus dem Leben des persischen Propheten eine epische Dichtung von
gewaltigem Umriß. Bei seiner Geburt erschallt das Zarathustralachen
durch alle Himmel und die ganze Natur antwortet ihm. Im Westen entsteht
zu der immer weiter ausgestalteten Leidensgeschichte Jesu, +dem
eigentlichen Epos der christlichen Nation+, der Märchenkreis um
seine Kindheit, der zuletzt eine ganze poetische Gattung ausfüllt.
Die Gestalt der Mutter Gottes und die Taten der Apostel werden wie
die Geschichten der abendländischen Kreuzzugshelden zum Mittelpunkt
ausgedehnter Romane (Thomasakten, Pseudoklementinen), die während
des 2. Jahrhunderts überall vom Nil bis zum Tigris entstehen. In
der jüdischen Haggada und in den Targumen sammelt sich eine Fülle
von Märchen um Saul, David, die Patriarchen und die großen Tannaim
wie Jehuda und Akiba[276] und die unerschöpfliche Phantasie dieser
Zeit ergreift auch den ganzen ihr erreichbaren Stoff spätantiker
Kultlegenden und Stifterromane (Leben des Pythagoras, Hermes,
Apollonios von Tyana).
Mit dem Ende des 2. Jahrhunderts klingt diese Erregung ab. Die Blüte
der epischen Dichtung ist vorüber und es beginnt die mystische
Durchdringung und dogmatische Zergliederung der religiösen Stoffe.
Die Lehren der neuen Kirchen werden in theologische Systeme gebracht.
Das Heldentum weicht der Scholastik, die Dichtung dem Denken, der
Seher und Sucher dem Priester. Die Frühscholastik, die um 200 endet
(entsprechend der abendländischen Epoche von 1200), umfaßt die gesamte
Gnosis im allerweitesten Sinne, das große Schauen: den Verfasser des
Johannesevangeliums, Valentinus, Bar Daisan und Marcion, die Apologeten
und ältesten Väter bis auf Irenäus und Tertullian, die letzten Tannaim
bis auf den Vollender der Mischna, Rabbi Jehuda, in Alexandria die
Neupythagoräer und Hermetiker. Das alles entspricht im Abendlande
der Schule von Chartres, Anselm von Canterbury, Joachim von Floris,
Bernhard von Clairvaux und Hugo von St. Victor. Die Hochscholastik
beginnt mit dem Neuplatonismus, mit Clemens und Origenes, den ersten
Amoräern und den Schöpfern des jüngeren Awesta unter Ardeschir
(226-241) und Schapur I., vor allem dem mazdaischen Hohepriester
Tanvasar. Zugleich beginnt die Ablösung einer höheren Religiosität von
der bäuerlichen, noch immer in apokalyptischer Stimmung verweilenden
Frömmigkeit des Landes, die sich von da an fast unverändert unter
wechselnden Namen bis in das Fellachentum der Türkenzeit erhält,
während in der städtischen und geistigeren Oberwelt die persische,
jüdische und christliche Gemeinschaft von der des Islam aufgenommen
werden.