Aber wichtiger als das alles erscheint der Gegensatz von +Geist und

Seele+ -- hebräisch _ruach_ und _nephesch_, persisch _ahu_ und _urvan_,

mandäisch _monuhmed_ und _gyan_, griechisch _pneuma_ und _psyche_ --,

der zuerst im Grundgefühl der prophetischen Religionen auftaucht, dann

die gesamte Apokalyptik durchsetzt und endlich alle Weltanschauungen

der erwachten Kultur bildet und leitet: bei Philo, Paulus und Plotin,

bei Gnostikern und Mandäern, bei Augustin und im Awesta, im Islam und

in der Kabbala. Ruach bedeutet ursprünglich den Wind, nephesch den

Atem.[235] Die nephesch ist immer irgendwie dem Leibe und Irdischen

verwandt, dem Unten, dem Bösen, der Finsternis. Ihr Streben ist das

„Hinauf“. Die ruach gehört zum Göttlichen, zum Oben und zum Lichte. Sie

bewirkt im Menschen, indem sie sich herabsenkt, das Heldentum (Simson),

den heiligen Zorn (Elias), die Erleuchtung des Richters, der ein Urteil

fällt (Salomo)[236] und alle Arten von Weissagung und Ekstase. Sie wird

ausgegossen.[237] Seit Jes. 11, 2 ist der Messias die Verkörperung der

ruach. Nach Philo und der islamischen Theologie zerfallen die Menschen

von Geburt in Psychiker und Pneumatiker (die „Auserwählten“ -- ein

echter Begriff der Welthöhle und des Kismet). Alle Söhne Jakobs sind

Pneumatiker. Für Paulus (I. Kor. 15) liegt der Sinn der Auferstehung

in dem Gegensatz von einem psychischen und einem pneumatischen

Leibe, der sich bei ihm, Philo und in der Baruchapokalypse mit dem

Gegensatz von Himmel und Erde, von Licht und Dunkelheit deckt.[238] Der

Heiland ist für ihn das himmlische Pneuma.[239] Im Johannesevangelium

verschmilzt er als Logos mit dem Lichte; im Neuplatonismus tritt er als

Nus oder das All-Eine nach antikem Begriffsgebrauch in Gegensatz zur

Physis.[240] Paulus und Philo haben nach „antiker“, also westlicher

Begriffsteilung Geist und Fleisch mit Gut und Böse gleichgesetzt,

Augustin als Manichäer[241] setzt beides mit persisch-östlicher

Begriffsverteilung als von Natur böse Gott als dem allein Guten

entgegen und begründet darauf seine Lehre von der Gnade, die sich in

gleicher Gestalt ganz unabhängig von ihm auch im Islam entwickelt hat.

Aber die Seelen in der Tiefe sind etwas Vereinzeltes; das Pneuma ist

eins und immer dasselbe. Der Mensch +besitzt+ eine Seele, aber

am Geiste des Lichts und des Guten +nimmt er nur teil+; das

Göttliche läßt sich in ihn herab, es verbindet so alle Einzelnen dort

unten mit dem Einen in der Höhe. Dieses Urgefühl, welches das gesamte

Glauben und Meinen aller magischen Menschen beherrscht, ist etwas ganz

einziges und trennt nicht nur ihre Weltanschauung, sondern auch jede

Art magischer Religiosität im Kern ihres Wesens von jeder andern. Diese

Kultur war, wie gezeigt worden ist, ganz eigentlich die der Mitte.

Sie hätte von den meisten andern deren Formen und Gedanken entlehnen

können; aber daß sie das nicht tat, daß sie trotz allen Aufdrängens

und Sichanbietens in diesem Grade Herrin ihrer eigenen inneren Form

geblieben ist, beweist die unüberbrückbare Tiefe des Unterschieds. Aus

den Schätzen der babylonischen und ägyptischen Religion hat sie kaum

einige Namen zugelassen; die antike und indische Kultur oder vielmehr

deren zivilisiertes Erbe: Hellenismus und Buddhismus haben ihren

Ausdruck verwirrt bis zur Pseudomorphose, aber ihr Wesen nicht einmal

berührt. Alle Religionen der magischen Kultur von den Schöpfungen des

Jesaja und Zarathustra bis zum Islam bilden eine vollkommene innere

Einheit des Weltgefühls, und so wenig im Awestaglauben auch nur ein

bramanischer Zug, im Urchristentum auch nur eine Spur antiken Gefühls

zu finden ist, sondern nur Namen, Bilder und äußere Formen, so wenig

hat das germanisch-katholische Christentum des Abendlandes auch nur

einen Hauch vom Weltgefühl jener Jesusreligion herübernehmen können,

als es deren ganzen Bestand an Sätzen und Bräuchen übernahm.

Während der faustische Mensch +ein Ich+ ist, eine auf sich

selbst verwiesene Macht, die in letzter Instanz über das Unendliche

entscheidet, während der apollinische Mensch als ein _soma_ unter

vielen nur für sich selbst einsteht, ist der magische Mensch mit seinem

geistigen Sein nur +Bestandteil eines pneumatischen Wir+, das

von oben sich herabsenkend in allen Zugehörigen ein und dasselbe ist.

Als Leib und Seele gehört er sich allein; aber etwas anderes, fremdes

und höheres weilt in ihm und deshalb fühlt er sich mit all seinen

Einsichten und Überzeugungen nur als Glied eines consensus, der als

Ausfluß des Göttlichen den Irrtum, aber auch jede Möglichkeit eines

wertsetzenden Ich ausschließt. Wahrheit ist für ihn etwas anderes

als für uns. Alle unsre auf +eigenem Einzel+urteil beruhenden

Erkenntnismethoden sind für ihn Wahnwitz und Verblendung, und ihre

wissenschaftlichen Ergebnisse ein Werk des Bösen, der den Geist

verwirrt und über seine Anlagen und Ziele getäuscht hat. Hier liegt das

letzte, uns ganz unfaßbare Geheimnis des magischen Denkens in seiner

höhlenhaften Welt: Die Unmöglichkeit eines denkenden, glaubenden,

wissenden Ich ist die Voraussetzung aller Grundvorstellungen

aller dieser Religionen. Während der antike Mensch seinen Göttern

gegenübersteht wie ein Körper dem andern, während das faustische,

wollende Ich in seiner weiten Welt das allmächtige Ich der ebenfalls

faustischen und wollenden Gottheit überall wirken fühlt, ist die

magische Gottheit jene ungewisse, rätselhafte Kraft der Höhe, die nach

Gutdünken zürnt oder Gnade spendet, sich in das Dunkel herabläßt oder

die Seele in das Licht hinaufhebt. An einen eigenen Willen auch nur zu

denken ist sinnlos, denn „Wille“ und „Gedanke“ im Menschen sind schon

Wirkungen der Gottheit auf ihn. Aus diesem unerschütterlichen Urgefühl,

das sich durch alle Bekehrungen, Erleuchtungen und Grübeleien nur

in seinem Ausdruck, nicht in seiner Art verändern läßt, ist mit

Notwendigkeit die Idee des göttlichen Mittlers entsprungen, dessen, der

diese Lage aus einer Qual in eine Seligkeit verwandelt, eine Idee, die

alle magischen Religionen zusammenfaßt und sie von den Religionen aller

andern Kulturen trennt.

Die Logosidee im weitesten Sinne ist, abgezogen aus dem magischen

Lichtempfinden der Höhle, dessen genaues Seitenstück im magischen

Denken. Sie bedeutet, daß von der unerreichbaren Gottheit sich ihr

Geist, ihr „Wort“ als Träger des Lichts und Bringer des Guten löst

und in Beziehung zum menschlichen Wesen tritt, um es emporzuheben, zu

erfüllen, zu erlösen. Dies Unterschiedensein dreier Substanzen, das

ihrem Einssein im religiösen Denken nicht widerspricht, ist bereits

den prophetischen Religionen bekannt. Ahura Mazdas lichtschimmernde

Seele ist das Wort (Jascht 13, 31) und sein heiliger Geist (_spenta

mainyu_) unterredet sich in einem der ältesten Gathas mit dem bösen

Geiste (_angra mainyu_, Jasna 45, 2). Die gleiche Vorstellung

durchzieht das ganze altjüdische Schrifttum. Wie der Gedanke bei

den Chaldäern in der Trennung von Gott und seinem Wort und in der

Gegenüberstellung von Marduk und Nabu ausgebildet ist und dann in

der gesamten aramäischen Apokalyptik mit Macht hervorbricht, so

ist er dauernd wach und schöpferisch geblieben, ist über Philo und

Johannes, Marcion und Mani in die talmudischen Lehren und von da in

die kabbalistischen Bücher Jezirah und Sohar, in die Konzile und die

Schriften der Kirchenväter, in das spätere Awesta und endlich in den

Islam eingegangen, wo Mohamed allmählich zum Logos geworden ist und als

der mystisch gegenwärtige, +lebende+ Mohamed der Volksreligion

mit der Christusgestalt verschmilzt.[242] Diese Vorstellung ist dem

magischen Menschen so selbstverständlich, daß sie sogar die streng

monotheistische Fassung des ursprünglichen Islam durchbrochen hat und

neben Allah als das Wort Gottes (kalimah), der heilige Geist (ruh) und

das „Licht Mohameds“ erscheint.

Denn für die Volksreligion ist das erste aus der Weltschöpfung

hervorgegangene Licht dasjenige Mohameds, in Gestalt eines Pfaus[243],

„aus weißer Perle“ erschaffen und von Schleiern umwallt. Aber der Pfau

ist schon bei den Mandäern der Gesandte Gottes und die Urseele[244]

und auf altchristlichen Sarkophagen das Sinnbild der Unsterblichkeit.

Die lichtspendende Perle, die das dunkle Haus des Leibes erhellt, ist

der in den Menschen eingegangene Geist, als Substanz gedacht, bei den

Mandäern wie in der Apostelgeschichte des Thomas.[245] Die Jezidi[246]

verehren den Logos als Pfau und Licht; sie haben die altpersische

Fassung der substanziellen Dreiheit nächst den Drusen am reinsten

bewahrt.

So kehrt der Logosgedanke immer wieder in das Lichtempfinden zurück,

aus dem er durch das magische Verstehen abgezogen worden war.

+Die Welt des magischen Menschen ist von einer Märchenstimmung

erfüllt.+[247] Teufel und böse Geister bedrohen den Menschen, Engel

und Feen schützen ihn. Es gibt Amulette und Talismane, geheimnisvolle

Länder, Städte, Gebäude und Wesen, geheime Schriftzeichen, das

Siegel Salomos und den Stein der Weisen. Und über alles ergießt sich

schimmernd das höhlenhafte Licht, das immer davon bedroht ist, durch

eine gespenstische Nacht verschlungen zu werden. Wem diese Bilderpracht

wunderlich erscheinen will, der bedenke, daß Jesus in ihr lebte und

daß seine Lehren nur aus ihr zu verstehen sind. Die Apokalyptik ist

nur eine zu höchster tragischer Gewalt gesteigerte Märchenvision.

Schon im Buche Henoch erscheinen der Kristallpalast Gottes, die

Edelsteinberge und das Gefängnis der abtrünnigen Sterne. Märchenhaft

ist die ganze erschütternde Vorstellungswelt der Mandäer und später

die der Gnostiker, der Manichäer, das System des Origenes und die

Bilder des persischen Bundehesch; und als die Zeit der großen Visionen

vorüber war, gingen diese Vorstellungen in eine Legendendichtung und

zahllose religiöse Romane über, von denen wir die christlichen Werke

der Kindheitsevangelien Jesu, der Thomasakten und der gegen Paulus

gerichteten Pseudo-Clementinen kennen. Es gibt eine Geschichte der von

Abraham geprägten 30 Silberlinge des Judas und ein Märchen von der

„Schatzhöhle“, in der tief unter dem Hügel von Golgatha der Goldschatz

des Paradieses und die Gebeine Adams ruhen.[248] Was Dante dichtete,

war eben Dichtung; dies alles aber war Wirklichkeit und die einzige

Welt, in der man beständig lebte. Ein solches Empfinden liegt Menschen,

die mit und in einem dynamischen Weltbilde leben, unerreichbar fern.

Wenn man ahnen will, wie fremd das Innenleben Jesu uns allen ist --

eine schmerzliche Einsicht für den Christen des Abendlandes, der seine

Frömmigkeit gern auch innerlich an ihn anknüpfen möchte -- und wie es

heute eigentlich nur von einem frommen Moslim nacherlebt werden kann,

so versenke man sich in diese Märchenzüge eines Weltbildes, das auch

das seinige war. Dann erst wird man erkennen, wie wenig das faustische

Christentum aus dem Reichtum der pseudomorphen Kirche herübergenommen

hat, nämlich nichts vom Weltgefühl, wenig von der inneren Form und viel

an Begriffen und Gestalten.

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Aus dem Wo folgt das Wann der magischen Seele. Es ist wieder nicht das

apollinische Haften an der punktförmigen Gegenwart und ebensowenig das

faustische Treiben und Drängen nach einem unendlich fernen Ziel. Hier

hat das Dasein einen andern Takt und daraus folgt für das Wachsein

ein anderer Sinn der Zeit als Gegenbegriff zum magischen Raume. Das

erste, was der Mensch dieser Kultur vom ärmsten Sklaven und Lastträger

bis zum Propheten und Khalifen als Kismet über sich fühlt, ist nicht

die grenzenlose Flucht der Zeiten, die den verlorenen Augenblick nie

wiederkehren läßt, sondern ein Anfang und ein Ende „dieser Tage“, die

unverrückbar gesetzt sind und zwischen denen das menschliche Dasein

eine von allem Ursprung an bestimmte Stelle einnimmt. Nicht nur der

Weltraum, auch die Weltzeit ist höhlenhaft, und daraus folgt eine

innerliche, echt magische Gewißheit: +daß alles „eine Zeit“ hat+,

von der Herabkunft des Erlösers an, deren Stunde in alten Texten

geschrieben stand, bis zu den kleinsten Verrichtungen des Alltags,

bei denen die faustische Eile sinnlos und unverständlich wird. Darauf

beruht auch die frühmagische, im besonderen chaldäische Astrologie.

Auch sie setzt voraus, daß alles in den Sternen geschrieben steht und

daß der wissenschaftlich berechenbare Gang der Planeten auf den Gang

der irdischen Dinge schließen lasse.[249] Das antike Orakel antwortete

auf die einzige Frage, die apollinische Menschen ängstigen konnte:

nach der Gestalt, dem Wie der kommenden Dinge. Die Höhlenfrage ist

das Wann. Die ganze Apokalyptik, das Seelenleben Jesu, seine Angst in

Gethsemane und die große Bewegung, die von seinem Tode ausgeht, werden

unverständlich, wenn man diese Urfrage magischen Daseins und ihre

Voraussetzungen nicht begreift. Es ist ein untrügliches Kennzeichen

für das Schwinden der antiken Seele, daß die Astrologie nach Westen

vordringend Schritt für Schritt die Orakel verdrängt. Niemand verrät

den Zwischenzustand klarer als Tacitus, dessen verwirrte Weltanschauung

seine Geschichtsschreibung ganz und gar beherrscht: Tacitus führt

einerseits, als echter Römer, die Macht der alten Stadtgottheiten ein;

daneben hat er, als intelligenter Weltstädter, eben diesen Glauben

an die Einwirkung der Götter als Aberglauben bezeichnet, endlich

aber als Stoiker -- und die Stoa war damals eine +magische+

Geistesverfassung -- von den sieben Planeten gesprochen, die das

Los der Sterblichen regieren. So kommt es, daß in den folgenden

Jahrhunderten die schicksalhafte Zeit selbst, nämlich die Höhlenzeit,

als beiderseitig begrenztes und deshalb dem inneren Auge erfaßbares

Etwas in der persischen Mystik als Zrvan über das Licht der Gottheit

gestellt wird und den Weltkampf zwischen Gut und Böse regiert. Der

Zrvanismus ist 438-457 in Persien Staatsreligion gewesen.

Auf dem Glauben, daß alles in den Sternen geschrieben steht, beruht

es auch im letzten Grunde, wenn die arabische Kultur die der Ären

geworden ist, das heißt der Zeitrechnungen von einem Ereignis an, das

man als ganz besondere Schickung empfand. Die erste und wichtigste

ist die allgemein aramäische, die um 300 mit dem Anwachsen der

apokalyptischen Spannung als „Seleukidenära“ entstand. Auf sie sind

viele andere gefolgt, darunter die sabäische um 115 v. Chr., deren

Ausgangspunkt wir nicht näher kennen; die diokletianische; die jüdische

Weltschöpfungsära, die 346 vom Synedrion eingeführt wurde;[250] die

persische vom Regierungsantritt des letzten Sassaniden Jezdegerd

(632) und die der Hedschra, welche in Syrien und Mesopotamien die

seleukidische erst abgelöst hat. Was außerhalb dieser Landschaft

entstand, ist lediglich praktische Nachahmung, wie die varronische

Zählung _ab urbe condita_, die der Marcioniten vom Bruch ihres

Meisters mit der Kirche (144) und auch die christliche von der Geburt

Jesu an (bald nach 500).

Weltgeschichte ist das Bild der lebendigen Welt, in das der Mensch

sich durch seine Geburt, durch Vorfahren und Nachkommen hineinverwebt

sieht und das er aus seinem Weltgefühl heraus zu begreifen sucht.

Das Geschichtsbild des antiken Menschen drängt sich um das rein

Gegenwärtige zusammen. Es enthält ein Sein, kein eigentliches Werden,

und als abschließenden Hintergrund den zeitlosen Mythus, rationalisiert

als goldenes Zeitalter. Dieses Sein aber war ein buntes Gewimmel

von Aufstieg, Niedergang, Glück und Unglück, ein blindes Ungefähr,

eine ewige Veränderung, aber in allem Wechsel doch immer dasselbe,

ohne Richtung, ohne Ziel, ohne „Zeit“. Das Höhlengefühl fordert

eine übersehbare Geschichte mit Weltanfang und Weltende, +die

zugleich Anfang und Ende der Menschheit sind+, als Akten einer

zaubergewaltigen Gottheit und dazwischen, in die Grenzen der Höhle

gebannt und von vorbestimmter Dauer, das Ringen des Lichtes mit der

Finsternis, der Engel und Jazatas mit Ahriman, Satan, Iblis, in

das der Mensch mit Geist und Seele verwickelt ist. Die gegenwärtige

Höhle kann von Gott zertrümmert und durch eine neue Schöpfung ersetzt

werden. Die persisch-chaldäischen Vorstellungen und die Apokalyptik

gewährten den Blick über eine Reihe solcher Aionen, und Jesus wie seine

ganze Zeit erwartete das Ende des bestehenden.[251] Daraus ergibt

sich ein historischer Blick über die gegebene Zeit, wie er heute noch

dem Menschen des Islam durchaus natürlich ist. „Die Weltanschauung

des Volkes zerfällt naturgemäß in die großen Teuer Weltentstehung,

Weltentwicklung, Weltuntergang. Für den so tief ethisch empfindenden

Moslim ist in der Weltentwicklung das Wesentlichste die Heilsgeschichte

und der ethische Lebensweg, die als ›Menschenleben‹ zusammengefaßt

werden. Dasselbe mündet in den Weltuntergang, der die Sanktion der

sittlichen Menschheitsgeschichte enthält.“[252]

Für das magische Menschendasein aber ergibt sich aus dem Gefühl von

+dieser+ Zeit und dem Erblicken +dieses+ Raumes eine ganz

einzige Art von Frömmigkeit, die ebenfalls höhlenhaft genannt werden

darf, eine +willenlose+ Ergebung, die das geistige Ich überhaupt

nicht kennt und das geistige Wir, das in den beseelten Leib eingegangen

ist, als bloßen Widerschein des göttlichen Lichtes empfindet. Das

arabische Wort hierfür ist „islam“, Ergebung, aber „islam“ war auch

die beständige Fühlweise Jesu und die jeder andern Persönlichkeit

von religiösem Genie, die in dieser Kultur hervorgetreten ist.

Antike Frömmigkeit ist etwas ganz anderes,[253] und wenn man aus

der Frömmigkeit der heiligen Teresia, Luthers oder Pascals das Ich

fortdenken wollte, das sich gegen das Göttlich-Unendliche behaupten,

sich vor ihm beugen oder in ihm erlöschen will, so wird nichts übrig

bleiben. Das faustische Ursakrament der Buße setzt ein starkes und

freies Wollen voraus, das sich selbst überwindet. Aber „islam“ ist

gerade +die Unmöglichkeit eines Ich als einer freien Macht+ dem

Göttlichen gegenüber. Jeder Versuch, der Wirkung Gottes mit einer

eigenen Absicht oder auch nur Ansicht entgegenzutreten, ist „masija“,

das heißt nicht ein böses Wollen, sondern der Beweis, daß die Mächte

der Finsternis und des Bösen Besitz von einem Menschen ergriffen und

das Göttliche daraus verdrängt haben. Das magische Wachsein ist der

bloße +Schauplatz+ eines Kampfes zwischen beiden Mächten und

nicht etwa eine Macht für sich. In dieser Art von Weltgeschehen gibt

es auch keine einzelnen Ursachen und Wirkungen mehr und vor allem

keine das All durchherrschende -- dynamische -- Kausalverkettung,

mithin auch keine +notwendige+ Verknüpfung von Schuld und

Strafe, keinen +Anspruch+ auf Lohn, keine altisraelitische

„Gerechtigkeit“. Dergleichen sieht die echte Frömmigkeit dieser Kultur

tief unter sich. Die Naturgesetze sind nichts für immer Gegebenes,

das Gott nur durch ein Wunder aufheben kann, sondern gewissermaßen

der Gewohnheitszustand des selbstherrlichen göttlichen Wirkens und

ohne innere -- logische, faustische -- Notwendigkeit. Es gibt in

der ganzen Welthöhle nur +eine+ Ursache, die allen sichtbaren

Wirkungen +unmittelbar+ zugrunde liegt, die Gottheit, die selbst

keine Gründe für ihre Handlungen mehr hat. Über solche Gründe auch nur

nachzudenken ist Sünde. Aus diesem Grundgefühl ergibt sich die rein

magische Idee der Gnade. Sie liegt allen Sakramenten dieser Kultur,

vor allem dem magischen Ursakrament der Taufe zugrunde und bildet den

innerlichsten Gegensatz zur Buße im faustischen Sinne. Die Buße setzt

den Willen eines Ich voraus, die Gnade kennt ihn gar nicht. Es war ein

großes Verdienst Augustins, diesen vollkommen islamischen Gedanken

mit unerbittlicher Logik entwickelt zu haben -- so eindringlich, daß

die faustische Seele seit Pelagius auf jedem Wege versucht hat, diese

für sie an Selbstvernichtung streifende Gewißheit zu umgehen und den

Ausdruck ihres eigenen Gottbewußtseins jedesmal in einem tiefen und

innigen Mißverstehen augustinischer Sätze fand. In Wirklichkeit ist

Augustin der letzte große Denker der früharabischen Scholastik und

nichts weniger als ein abendländischer Geist.[254]

Er war nicht nur zeitweise Manichäer, sondern ist es in sehr

wesentlichen Zügen auch als Christ geblieben; seine Nächstverwandten

findet man unter den persischen Theologen des jüngeren Awesta mit ihren

Lehren vom Gnadenschatz der Heiligen und der absoluten Schuld. Für ihn

ist Gnade die +substanzielle+ Einflößung von etwas Göttlichem in

das menschliche, ebenfalls substanzielle Pneuma.[255] Die Gottheit

strahlt es aus, der Mensch empfängt es, aber erwirbt es nicht. Bei

Augustin wie noch bei Spinoza[256] fehlt der Begriff der Kraft, und

das Freiheitsproblem bezieht sich bei beiden +nicht auf das Ich

und seinen Willen+, sondern auf den in einen Menschen versenkten

Teil des allgemeinen Pneuma und dessen Verhältnis zu dem Übrigen. Das

magische Wachsein ist der +Schauplatz+ eines Kampfes zwischen

den beiden Weltsubstanzen des Lichtes und der Finsternis. Die frühen

faustischen Denker wie Duns Scotus und Occam erblicken im dynamischen

Wachsein +selbst einen Kampf+ und zwar der beiden Kräfte des Ich,

des Willens und des Verstandes.[257] Und damit verwandelt sich die

Fragestellung Augustins unvermerkt in eine andere, die er selbst nie

begriffen hätte: Sind Wollen und Denken freie Kräfte oder nicht? Mag

man sie beantworten wie man will, so ist eins gewiß: Das einzelne Ich

hat diesen Kampf +zu führen und nicht zu dulden+. Die faustische

Gnade bezieht sich auf den Erfolg des Wollens und nicht die Art einer

Substanz. „Gott hat geruht,“ heißt es im Westminsterbekenntnis (1646),

„gemäß dem unerforschlichen Rat seines eigenen Willens, nach welchem

er Erbarmen erweist oder versagt, wem er will, den Rest der Menschheit

zu übergehen.“ Die andere Auffassung, daß die Idee der Gnade jeden

eigenen Willen und jede Ursache ausschließt mit Ausnahme der einen,

daß es Sünde ist, auch nur zu fragen, warum ein Mensch leidet, ist

in einer der gewaltigsten Dichtungen der Weltgeschichte zum Ausdruck

gekommen, die mitten in der arabischen Vorzeit entstanden ist und an

innerer Größe in dieser ganzen Kultur nicht ihresgleichen hat: Das Buch

Hiob.[258] Es sind die Freunde Hiobs, die nach einer Schuld suchen,

denn der letzte Sinn alles Leidens in dieser Welthöhle ist ihnen --

wie den meisten Menschen dieser und jeder anderen Kultur und also auch

den heutigen Lesern und Beurteilern dieses Werkes -- aus Mangel an

metaphysischer Tiefe unzugänglich. Nur der Held selbst ringt sich zur

Vollendung durch, zum reinen Islam, und er wird damit zu der einzig

möglichen tragischen Gestalt, die magisches Fühlen neben den Faust

stellen kann.[259]

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Der Untergang des Abendlandes, Zweiter Band · 第 27 / 62 段