angelegte Unterschied von empfindendem Verstehen und sprachlichem
Verstehen -- also von Auge und Buchstabe -- zu rein arabischen Methoden
der Mystik und Scholastik. Die apokalyptische Gewißheit, die Gnosis
im Sinne des 1. Jahrhunderts, wie sie Jesus verleihen wollte,[225]
das ahnende Schauen und Fühlen ist das der israelitischen Propheten,
der Gathas, des Sufismus und sie ist noch bei Spinoza, dem polnischen
Messias Baalschem[226] und bei Mirza Ali Mohamed, dem schwärmerischen
Begründer der Babistensekte (in Teheran hingerichtet 1850), erkennbar.
Die andere, die Paradosis, ist die eigentlich talmudische Methode der
Worterklärung, wie sie Paulus vollkommen beherrschte[227] und die
alle späteren Awestawerke durchdringt und ebenso die nestorianische
Dialektik[228] und die ganze Theologie des Islam.
Demgegenüber ist die Pseudomorphose ein völlig einheitliches
Gebiet sowohl des magischen gläubigen Hinnehmens (Pistis) als des
metaphysischen Innewerdens (Gnosis).[229] Den magischen Glauben
westlicher Form haben für die Christen Irenäus und vor allem Tertullian
formuliert. Des letzteren berühmtes _Credo quia absurdum_ ist der
Inbegriff dieser Glaubensgewißheit. Das heidnische Seitenstück bieten
Plotin in den Enneaden und Porphyrios besonders in der Schrift „Von der
Rückkehr der Seele zu Gott“.[230] Aber auch für die großen Scholastiker
der Heidenkirche gibt es den Vater (Nus), Sohn und das mittlere Wesen,
so wie es schon für Philo den Logos als erstgeborenen Sohn und zweiten
Gott gegeben hatte. Die Lehre von der Ekstase, von den Engeln und
Dämonen, von den beiden Seelensubstanzen ist ihnen allen geläufig und
Plotin wie Origenes, beide Schüler desselben Lehrers, zeigen, wie die
Scholastik der Pseudomorphose darin besteht, daß man die magischen
Begriffe und Gedanken an der Hand platonischer und aristotelischer
Texte durch planmäßiges Andersverstehen entwickelt.
+Der eigentliche Kernbegriff des gesamten Denkens der Pseudomorphose
ist der Logos+,[231] in seiner Anwendung und Entwicklung ihr
getreues Sinnbild. Von einer Einwirkung „griechischen“ -- antiken
-- Denkens kann gar keine Rede sein; es lebte damals kein Mensch,
in dessen geistiger Anlage der Logosbegriff Heraklits und der Stoa
auch nur von fern Platz gefunden hätte. Aber ebensowenig ist die
magische Größe, die gemeint war und die in persischen und chaldäischen
Vorstellungen als Geist oder Wort Gottes eine ebenso entscheidende
Rolle spielt wie in der jüdischen Lehre als Ruach und Memra, in
diesen Theologien, die in Alexandria nebeneinandersaßen, zur reinen
Entwicklung gekommen. Mit der Logoslehre ist eine antike Formel auf
dem Wege über Philo und das Johannesevangelium, dessen unauslöschliche
Wirkung auf den Westen auf scholastischem Gebiete liegt, nicht nur
ein Element der christlichen Mystik, sondern zuletzt ein +Dogma+
geworden.[232] Das war unvermeidlich. Dieses Dogma +beider+
Kirchen entspricht als Wissensseite durchaus der Glaubensseite,
welche durch die synkretistischen Kulte einerseits, die Marien- und
Heiligenkulte andrerseits dargestellt wurde. Gegen beides, Dogma wie
Kult, hat sich das Gefühl des Ostens seit dem 4. Jahrhundert erhoben.
Für das Auge aber wiederholt sich die Geschichte dieser Gedanken und
Begriffe in der Geschichte der magischen Architektur.[233] +Die
Grundform der Pseudomorphose ist die Basilika+; sie war vor den
Christen schon den Juden des Westens und den hellenistischen Sekten der
Chaldäer bekannt. Wie der Logos des Johannesevangeliums ein magischer
Urbegriff in antiker Fassung, so ist die Basilika ein magischer
Raum, dessen Innenwände den antiken Außenflächen eines Tempelkörpers
gleichen, ein verinnerlichter Kultbau. Die Bauform des reinen Ostens
ist der +Kuppelbau+, die +Moschee+, die ohne Zweifel lange
vor den ältesten christlichen Kirchen in den Tempeln der Perser und
Chaldäer, den Synagogen Mesopotamiens und vielleicht den Tempeln von
Saba angelegt war. Die Ausgleichsversuche zwischen West und Ost auf
den Konzilen der byzantinischen Zeit endlich werden durch die Mischform
der Kuppelbasilika symbolisiert. Denn in diesem Stück kirchlicher
Baugeschichte ist auch die große Wandlung zum Ausdruck gekommen,
welche mit Athanasius und Konstantin, den letzten großen Rettern des
Christentums eintrat. Der eine schuf das feste westliche Dogma und
das Mönchtum, in dessen Hände die erstarrende Lehre allmählich von
den Hochschulen hinüberglitt; der andere begründete den Staat der
christlichen Nation, auf den der Griechenname endlich überging: die
Kuppelbasilika ist das architektonische Symbol dieser Entwicklung.
[145] Vgl. S. 199 ff. u. 209 ff.
[146] Sie machte weniger als ein Hundertstel der Gesamtbevölkerung
des Reiches aus.
[147] Es ist zu bemerken, daß das Stammland der babylonischen
Kultur, das alte Sinear, in den kommenden Ereignissen keinerlei
Bedeutung hat. Für die arabische Kultur kommt nur das Gebiet
nördlich, nicht südlich von Babylon in Betracht.
[148] Dies ist auch für die Literaturen des Abendlandes wichtig:
die deutsche ist zum Teil lateinisch, die englische zum Teil
französisch geschrieben.
[149] Wollner, Untersuchungen über die Volksepik der Großrussen,
1879.
[150] Schiele, Die Religion in Geschichte und Gegenwart I, 647.
[151] Bent, The sacred City of the Ethiopians (London 1893) S.
134 ff. über die Trümmer von Jeha, deren südarabische Inschriften
Glaser in das 7.–5. Jahrh. v. Chr. setzt. d. h. Müller, Burgen u.
Schlösser Südarabiens (1879).
[152] Grimme, Mohammed S. 26 ff.
[153] Deutsche Aksum-Expedition (1913) Bd. II.
[154] Von Persien führt eine uralte Völkerstraße über die Meerengen
von Ormus und Bab el Mandeb durch Südarabien nach Abessinien und
dem Nil. Sie ist geschichtlich wichtiger als die nördliche über die
Landenge von Suez.
[155] Grimme S. 43; Abbildung der ungeheuren Ruine von Gomdan S.
81. Vgl. auch die Rekonstruktionen im deutschen Aksumwerk.
[156] Brockelmann, Gesch. d. arab. Lit. S. 34.
[157] Roth, Sozial- und Kulturgesch. d. Byzant. Reiches S. 15.
[158] Delbrück, Gesch. d. Kriegskunst II, S. 222.
[159] Ges. Schriften IV, S. 532.
[160] v. Domaszewski, Die Religion des röm. Heeres S. 49.
[161] _buccellarii_, Delbrück II S. 354.
[162] Gotenkrieg IV, 26.
[163] Und nicht etwa „nicht vorhanden“. Es heißt das magische
Weltgefühl mißverstehen, wenn man in die Bezeichnung „der wahre
Gott“ eine faustisch-dynamische Bedeutung legt. Der Götzendienst,
den man bekämpft, setzt die volle Wirklichkeit der Götzen und
Dämonen voraus. Die israelitischen Propheten haben nicht daran
gedacht, die Baale zu leugnen, und ebenso sind Mithras und Isis für
die frühen Christen, Jehovah für den Christen Marcion, Jesus für
die Manichäer teuflische, aber höchst reale Mächte. Daß man „an sie
nicht glauben“ soll, ist ein Ausdruck ohne Sinn für das magische
Empfinden; man soll sich nicht an sie +wenden+. Das ist, nach einer
längst geläufigen Bezeichnung, Henotheismus, nicht Monotheismus.
[164] Schürer, Geschichte des jüdischen Volkes im Zeitalter Jesu
Christi III S. 499. Wendland, Die hellenistisch-römische Kultur S.
192.
[165] Infolgedessen erscheint er als formloser Mischmasch aller
denkbaren Religionen. Nichts ist weniger richtig. Die Formenbildung
geht erst von West nach Ost, dann von Ost nach West.
[166] J. Geffcken, Der Ausgang des griech.-röm. Heidentums (1920)
S. 197 ff.
[167] Geffcken S. 131 ff.
[168] Geffcken S. 292 Anm. 149.
[169] _Res ipsa, quae nunc religio Christiana nuncupatur, erat apud
antiquos nec defecit ab initio generis humani, quousque Christus
veniret in carnem. Unde vera religio, quae jam erat, coepit
appellari Christiana_ (Retractationes I, 13).
[170] Auch der Chaldäername bezeichnet vor der Perserzeit eine
Stammesgruppe, später eine Religionsgemeinschaft.
[171] A. Bertholet, Kulturgesch. Israels (1919) S. 253 ff.
[172] Nach W. Jackson, Zoroaster, 1901.
[173] Die chaldäische Religion ist wie die talmudische ein
Stiefkind der religionsgeschichtlichen Forschung. Alle
Aufmerksamkeit richtet sich auf die Religion der babylonischen
Kultur, als deren Ausklang sie behandelt wird. Aber diese
Einschätzung schließt von vornherein jedes Verständnis aus. Das
Material ist ohne grundsätzliche Absonderung in allen Werken
über die assyr.-babyl. Religion zerstreut (H. Zimmern, Die
Keilinschriften u. d. alte Testament II; Gunkel, Schöpfung und
Chaos; M. Jastrow, C. Bezold usw.), wird aber andrerseits z. B. bei
Bousset, Hauptprobleme der Gnosis (1907) als für sich durchforscht
vorausgesetzt.
[174] Daß die chaldäische Wissenschaft den babylonischen Versuchen
gegenüber etwas ganz Neues ist, hat Bezold klar erkannt:
Astronomie, Himmelsschau und Astrallehre bei den Babyloniern (1911)
S. 17 ff. Das Ergebnis ist von vereinzelten antiken Gelehrten nach
deren Methode weiter behandelt worden, als angewandte Mathematik
nämlich, wobei kein Gefühl für Fernen mitsprach.
[175] J. Hehn, Hymnen und Gebete an Marduk, 1905.
[176] Chaldäer und Perser brauchten ihn sich nicht zu beweisen;
sie hatten durch ihren Gott die Welt besiegt. Die Juden aber
mußten sich an ihre Literatur klammern, die jetzt aus Mangel an
tatsächlichen zu einem theoretischen Beweise umgestaltet wurde.
Dieser einzigartige Besitz verdankt seinen Ursprung letzten Endes
der beständig drohenden Selbstverachtung.
[177] Glaser, Die Abessinier in Arabien und Afrika (1895), S.
124. Gl. ist überzeugt, daß man hier abessinische, Pehlewi- und
persische Keilinschriften wichtigster Art finden werde.
[178] Dieser „König der Verbannung“ war eine angesehene und
politisch maßgebende Persönlichkeit im persischen Reiche und ist
erst durch den Islam beseitigt worden.
[179] Die christliche und die jüdische Theologie tun es beide. Sie
unterscheiden sich nur, indem sie die israelitische Literatur, die
später in Judäa mit der Richtung auf den Judaismus umgearbeitet
worden ist, weiterhin in der Richtung entweder auf die Evangelien
oder auf den Talmud deuten.
[180] Aber ein pharisäischer Kopf hat es später doch durch die
Einfügung von Kap. 32-37 entstellt.
[181] Kap. 40 ff.
[182] Wenn die Annahme eines chaldäischen Prophetentums neben dem
des Jesaja und Zarathustra richtig ist, so ist es diese +junge,
innerlich verwandte und gleichzeitige+ Astralreligion und nicht
die babylonische, welcher die Genesis ihre merkwürdig tiefen
Weltschöpfungssagen ebenso verdankt, wie der persischen die
Visionen vom Weltende.
[183] S. Funk, Die Entstehung des Talmuds. 1919, S. 106.
[184] E. Sachau, Aram. Papyros und Ostraka aus Elefantine (1911).
[185] Josephus, Antiqu. 13, 10.
[186] Wie etwa die katholische Kirche die Zerstörung des Vatikans
empfinden würde.
[187] Vgl. S. 81.
[188] Bei Schiele, Die Religion in Gesch. u. Gegenwart III, 812
werden die beiden letzten mit vertauschten Namen bezeichnet; das
ändert aber nichts an der Erscheinung.
[189] Bousset, Rel. d. Jud. S. 532.
[190] Baruch, IV. Esra, die Urschrift der Offenbarung Johannis.
[191] So das Naassenerbuch (P. Wendland, Hellenist.-röm. Kultur,
S. 177 ff.), die „Mithrasliturgie“ (hrsg. von Dieterich), der
hermetische Poimandres (hrsg. von Reitzenstein), die Oden Salomos,
die Apostelgeschichten des Thomas und Petrus, die Pistis Sophia
usw., die ein noch viel primitiveres Schrifttum zwischen 100 v. und
200 n. Chr. voraussetzen.
[192] Ebensowenig wie Dostojewskis „Traum eines lächerlichen
Menschen“.
[193] Entscheidende Einblicke in diese frühmagische
Vorstellungswelt verdanken wir jetzt den Handschriftfunden von
Turfan, die seit 1903 nach Berlin gekommen sind. Damit wird endlich
das fälschende, durch die ägyptischen Papyrusfunde noch gesteigerte
Übergewicht des westlich-hellenistischen Stoffes aus unserem Wissen
und vor allem aus unseren Erwägungen beseitigt und alle bisherigen
Ansichten von Grund aus verändert. Jetzt endlich kommt der echte
und fast unberührte Osten zur Geltung in all den Apokalypsen,
Hymnen, Liturgien, Erbauungsbüchern der Perser, Mandäer, Manichäer
und zahlloser Sekten. Das Urchristentum wird damit erst wirklich in
den Kreis gerückt, dem es seinen inneren Ursprung verdankt. (Vgl.
H. Lüders, Sitz. Berl. Ak. 1914 und R. Reitzenstein: Das iranische
Erlösungsmysterium, 1921.)
[194] Lidzbarski, Das Johannesbuch der Mandäer, Kap. 66. Ferner
W. Bousset, Hauptprobleme der Gnosis (1907); Reitzenstein, Das
mandäische Buch des Herrn der Größe (1919), eine mit den ältesten
Evangelien etwa gleichzeitige Apokalypse. Über die Messiastexte,
die Höllenfahrttexte und die Totenlieder: Lidzbarski, Mandäische
Liturgien (1920) und das Totenbuch (vor allem das zweite und
dritte Buch des linken Genza) bei Reitzenstein, Das iran.
Erlösungsmysterium (vor allem S. 43 ff.).
[195] Hierzu Reitzenstein S. 124 ff. und die dort genannte
Literatur.
[196] Im Neuen Testament, das seine endgültige Fassung ganz im
Gebiet westlich-antiken Denkens erhielt, wird die mandäische
Religion und die ihr zugehörige Sekte der Johannesjünger nicht
mehr verstanden, wie überhaupt alles östliche hier wie versunken
erscheint. Es besteht aber außerdem eine fühlbare Feindseligkeit
zwischen der damals weitverbreiteten Johannesgemeinde und
den Urchristen (Apostelgesch. Kap. 18-19. Vgl. Dibelius, Die
urchristliche Überlieferung von Johannes dem Täufer). Die Mandäer
haben das Christentum später ebenso schroff abgelehnt wie das
Judentum; Jesus war für sie ein falscher Messias; in ihrer
Apokalypse vom Herrn der Größe wird das Erscheinen des Enosh
weiterhin verkündet.
[197] Nach Reitzenstein, Das Buch vom Herrn der Größe S. 65 ist er
als Johannesjünger in Jerusalem verurteilt worden. Nach Lidzbarski
(Mand. Lit. 1920, XVI) und Zimmern (Ztschr. d. D. Morg. Gesellsch.
1920 S. 429) weist der Ausdruck Jesus der Nazaräer oder Nasoräer,
der später von der christlichen Gemeinde auf Nazareth bezogen wurde
(Matth. 2, 23 mit einem unechten Zitat), auf die Zugehörigkeit zu
einem mandäischen Orden hin.
[198] z. B. Mark. 6 und dazu die große Wendung Mark. 8, 27 ff. Es
gibt keine zweite Religion, aus deren Entstehungszeit Stücke von so
treuherziger Berichterstattung erhalten sind.
[199] Ähnlich Mark. 1, 35 ff., wo er noch in der Nacht aufsteht und
eine einsame Stelle aufsucht, um sich im Gebet aufzurichten.
[200] Die Betrachtungsweise dieses Buches ist historisch. Sie
erkennt also die entgegengesetzte +als Tatsache+ an. Dagegen muß
die religiöse Betrachtung mit Notwendigkeit sich selbst +als wahr+,
die andere +als falsch+ erkennen. Dieser Zwiespalt läßt sich nicht
überwinden.
[201] Deshalb ist Mark. 13, aus einer noch älteren Schrift
übernommen, vielleicht das echteste Beispiel eines Gesprächs,
wie er sie täglich führte. Paulus zitiert I. Thess. 4, 15-17
ein anderes, das in den Evangelien fehlt. Dahin gehören die
unschätzbaren und von den Forschern -- die sich von dem
Evangelienton beherrschen lassen -- mißachteten Angaben des Papias,
der um 140 noch eine Menge guter mündlicher Überlieferung sammeln
konnte. Das Wenige, was von seinem Werk erhalten ist, genügt
vollständig, um den apokalyptischen Inhalt der täglichen Gespräche
Jesu erkennen zu lassen; Mark. 13 und nicht die „Bergpredigt“ gibt
den wirklichen Gesprächston. Aber als +seine+ Lehre sich in die
Lehre +von ihm+ verwandelt hatte, ging auch dieser Stoff aus seinen
Reden in den Bericht von seiner Erscheinung hinüber. In diesem
einen Punkte ist das Bild der Evangelien notwendig falsch.
[202] Jesus selbst wußte davon: Matth. 24, 5 u. 11.
[203] Die Bezeichnung Messias (Christus) ist altjüdisch, die
Bezeichnungen Herr (κύριος, _divus_) und Heiland (σωτήρ, Asklepios)
waren ostaramäischen Ursprungs. Innerhalb der Pseudomorphose wird
Christus +zum Namen+ und Heiland +zum Titel+ Jesu; Herr und Heiland
waren aber schon vorher die Titel des hellenistischen Kaiserkultes
geworden: darin liegt das ganze Schicksal des westlich gerichteten
Christentums. (Vgl. jetzt Reitzenstein, Das iran. Erlös.-Myst. S.
132 Anm.)
[204] Apostelgesch. 15; Gal. 2.
[205] Apostelgesch. 1, 14; vgl. Mark. 6.
[206] Matthäus vertritt Lukas gegenüber diese Auffassung. Es ist
das einzige Evangelium, in dem das Wort Ekklesia vorkommt und zwar
sind damit die +wahren Juden+ gemeint gegenüber der Masse, die
den Ruf Jesu nicht hören will. Das ist nicht Mission, so wenig
als Jesaja Mission getrieben hat. Gemeinde bedeutet hier einen
innerjüdischen Orden. (Die Vorschriften 18, 15-20 sind mit einer
allgemeinen Ausbreitung ganz unvereinbar.)
[207] Er zerfiel später selbst in Sekten, darunter die Ebioniten
und Elkesaiten (mit einem seltsamen heiligen Buch, dem Elxai:
Bousset, Hauptprobleme d. Gnosis S. 154).
[208] In der Apostelgeschichte und in allen Paulusbriefen werden
solche Sekten angegriffen; es gab wohl keine spätantike und
aramäische Religion oder Philosophie, die nicht eine Art Jesussekte
aus sich entstehen sah. Die Gefahr war sicherlich vorhanden, daß
die Leidensgeschichte nicht der Kern eines neuen Glaubens, sondern
ein integrierender Bestandteil aller schon vorhandenen wurde.
[209] Er hat sie genau gekannt. Viele seiner innerlichsten
Anschauungen sind ohne persische und mandäische Eindrücke
nicht denkbar, so Röm. 7, 22-24; I. Kor. 15, 26; Ephes. 5, 6
ff. mit einem Zitat persischen Ursprungs: Reitzenstein, Das
iran. Erlös.-Myst. S. 6 u. 133 ff. Aber für eine Vertrautheit
mit persisch-mandäischer Literatur beweist das nichts. Diese
Geschichten waren damals verbreitet wie die Sagen und Volksmärchen
früher bei uns. Man hörte als Kind davon erzählen; sie waren das
tägliche „Hörensagen“. Man wußte gar nicht, wie tief man in ihrem
Banne stand.
[210] Die frühe Mission im Osten ist kaum untersucht worden und
auch schwerlich noch in Einzelheiten festzustellen. Sachau, Chronik
von Arbela, 1915. Dors., Die Ausbreitung des Christentums in Asien,
Abh. Pr. Ak. d. Wiss., 1919. Harnack, Mission und Ausbreitung des
Christentums II, S. 117 ff.
[211] Die Forscher, die sich viel zu gelehrtenhaft um einen
Urmarkus, die Quelle Q, die Zwölferquelle u. a. streiten,
übersehen das grundsätzlich Neue. +Markus ist das erste „Buch“ des
Christentums+, etwas Planvolles und Ganzes. Dergleichen ist nie das
natürliche Ergebnis einer Entwicklung, sondern das Verdienst eines
einzelnen Mannes und es bedeutet gerade hier eine geschichtliche
Wendung.
[212] Markus ist eigentlich +das+ Evangelium. Nach ihm beginnen
die Parteischriften wie Lukas und Matthäus; der Ton des Berichtes
geht in den der Legende über und endet jenseits des Hebräer- und
Johannesevangeliums bei Jesusromanen wie den Evangelien des Petrus
und Jakobus.
[213] Wenn man das Wort katholisch im ältesten Sinne (Ignatius ad
Smyrn. 8) anwendet: die Allgemeinde als +Summe+ der Kultgemeinden,
so sind +beide+ Kirchen „katholisch“. Im Osten hat das Wort keinen
Sinn. Die Nestorianerkirche ist so wenig wie die persische eine
Summe, sondern eine magische Einheit.
[214] Ed. Meyer, Urspr. u. Anfänge d. Christentums, 1921, S. 77 ff.
[215] Etwa 85-155, vgl. jetzt Harnack, Marcion: Das Evangelium vom
fremden Gott (1921).
[216] Harnack a. a. O. S. 136 ff. N. Bonwetsch, Grundr. d.
Dogmengesch., 1919, S. 45 f.
[217] Es gehört zu den tiefsten Gedanken der gesamten
Religionsgeschichte und wird dem frommen Durchschnittsmenschen
immer unverständlich bleiben, daß Marcion das „Gerechte“ mit
dem Bösen gleichsetzt und in diesem Sinne das Gesetz des Alten
Testaments dem Evangelium des Neuen gegenüberstellt.
[218] um 150, vgl. Harnack a. a. O. S. 32 ff.
[219] Über die Begriffe Koran und Logos s. unten. Es ist wieder
wie bei Markus nicht die wichtigste Frage, welches seine Vorlagen
gewesen sind, sondern wie der ganz neue Gedanke zu einem solchen
Buch, das den Plan Marcions von einer Christenbibel vorwegnimmt
und überhaupt erst möglich macht, entstehen konnte. Das Buch setzt
eine große geistige Bewegung (im östlichen Kleinasien?) voraus,
die von Judenchristen kaum etwas weiß und auch der paulinischen --
westlerischen -- Gedankenwelt fernsteht, von deren Ort und Art wir
aber gar nichts wissen.
[220] Vohu mano, der Geist der Wahrheit, in Gestalt des Saoshyant.
[221] Auch Bardesanes und das System der Thomasakten stehen ihm und
„Johannes“ nahe.
[222] Harnack S. 24. Der Bruch mit der bestehenden Kirche erfolgte
144 in Rom.
[223] Harnack 181 ff.
[224] Sie hatten wie jede magische Religion auch eine eigene
Schriftart, die der manichäischen immer ähnlicher geworden ist.
[225] Matth. 11, 25 ff. und dazu Ed. Meyer, Urspr. u. Anf. d.
Christ. S. 286 ff., wo gerade die alte und östliche, also echte
Form der Gnosis beschrieben ist.
[226] Vgl. weiter unten.
[227] Ein drastisches Beispiel Gal. 4, 24-26.
[228] Loofs, Nestoriana, 1905, S. 165 ff.
[229] Die beste Entwicklung der den beiden Kirchen gemeinsamen
Gedankenmasse gibt Windelband, Gesch. d. Philosophie (1900) S.
177 ff.; eine Darstellung der Dogmengeschichte der Christenkirche
Harnack, Dogmengeschichte (1914); die genau entsprechende
„Dogmengeschichte der Heidenkirche“ bietet -- unbewußt -- Geffcken,
Der Ausgang des griechisch-römischen Heidentums (1920).
[230] Geffcken S. 69.
[231] Vgl. den nächsten Abschnitt.
[232] Harnack, Dogmengeschichte S. 165.
[233] Bd. I, Kap. III.
DIE MAGISCHE SEELE
8
Die Welt, wie sie sich vor dem magischen Wachsein ausbreitet, besitzt
eine Art von Ausgedehntheit, die höhlenhaft genannt werden darf,[234]
so schwer es dem Menschen des Abendlandes auch ist, im Vorrat seiner
Begriffe auch nur ein Wort ausfindig zu machen, mit dem er den Sinn des
magischen „Raumes“ wenigstens andeuten könnte. Denn „Raum“ bedeutet für
das Empfinden beider Kulturen durchaus zweierlei. Die Welt als Höhle
ist von der faustischen Welt als Weite mit ihrem leidenschaftlichen
Tiefendrang ebenso verschieden wie von der antiken Welt als Inbegriff
körperlicher Dinge. Das kopernikanische System, in dem die Erde sich
verliert, muß dem arabischen Denken wahnwitzig und frivol erscheinen.
Die Kirche des Abendlandes hatte vollkommen recht, wenn sie einer
Vorstellung widerstrebte, die mit dem Weltgefühl Jesu unvereinbar war.
Und die chaldäische +Höhlenastronomie+, die für Perser und Juden,
die Menschen der Pseudomorphose und des Islam etwas ganz Natürliches
und Überzeugendes hatte, wurde den wenigen echten Griechen, die sie zur
Kenntnis nahmen, nur durch ein Andersverstehen der räumlichen Grundlage
zugänglich.
Die mit dem Wachsein identische Spannung zwischen Makrokosmos und
Mikrokosmos führt im Weltbild jeder Kultur zu weiteren Gegensätzen
von symbolischer Bedeutung. Alles Empfinden oder Verstehen, alles
Glauben oder Wissen eines Menschen wird durch einen Urgegensatz
gestaltet, der sie zwar zu Tätigkeiten des Einzelnen, aber zum Ausdruck
der Gesamtheit macht. In der Antike kennen wir den jedes Wachsein
beherrschenden Gegensatz von Stoff und Form, im Abendlande den von
Kraft und Masse. Aber die Spannung verliert sich dort im Kleinen und
Einzelnen und entlädt sich hier in Wirkungszügen. In der Welthöhle
verharrt sie schwebend und im Hin und Her eines ungewissen Ringens
und erhebt sich damit zu jenem -- „semitischen“ -- Urdualismus, der
tausendgestaltig und doch immer derselbe die magische Welt erfüllt.
Das Licht durchschimmert die Höhle und wehrt sich gegen die Finsternis
(Joh. 1, 5). Beides sind magische Substanzen. Oben und Unten, Himmel
und Erde werden zu wesenhaften Mächten, die sich bekämpfen. Aber diese
Gegensätze des ursprünglichsten Sinnesempfindens mischen sich mit
denen des grübelnden und wertenden Verstehens: Gut und Böse, Gott und
Satan. Der Tod ist für den Schöpfer des Johannesevangeliums wie für
den strengen Moslim nicht das Ende des Lebens, sondern ein Etwas, eine
Kraft neben ihm, und beide streiten um den Besitz des Menschen.