sich als die Gemeinde der Endzeit in Jerusalem festsetzten und im
Tempel verkehrten. Für diese einfachen Leute, darunter seine Brüder,
die ihn anfangs durchaus abgelehnt hatten, und die Mutter, die nun an
den hingerichteten Sohn glaubte,[205] war die Macht der judäischen
Überlieferung noch stärker als der apokalyptische Geist. Ihre Absicht,
die Juden zu überzeugen, mißlang, obwohl anfangs sogar Pharisäer
übertraten; sie blieben eine der vielen Sekten innerhalb des Judentums
und man kann das Ergebnis, das „Bekenntnis des Petrus“, wohl so
ausdrücken, daß sie selbst das wahre, das Synedrion aber das falsche
Judentum vertraten.[206]
Das letzte Schicksal dieses Kreises[207] ist in Vergessenheit geraten
unter der Wirkung, welche die neue apokalyptische Lehre in der ganzen
Welt magischen Fühlens und Denkens sehr bald hervorrief. Unter den
späteren Anhängern Jesu waren viele, die wirklich rein magisch
empfanden und von pharisäischem Geiste ganz frei waren. Sie haben
lange vor Paulus die Missionsfrage stillschweigend für sich gelöst.
Sie konnten gar nicht leben, ohne zu verkünden, und sie haben vom
Tigris bis zur Tiber überall kleine Kreise gesammelt, in denen die
Jesusgestalt in allen denkbaren Auffassungen mit der Masse schon
vorhandener Gesichte und Lehren verschmolz.[208] Hier ergab sich ein
zweiter Zwiespalt, der ebenfalls in den Worten Heiden- und Judenmission
enthalten ist und der viel wichtiger wurde als jener im voraus
entschiedene Streit zwischen Judäa und der Welt: Jesus hatte in Galiläa
gelebt. Sollte die Lehre von ihm nach West oder Ost gerichtet sein? Als
Jesuskult oder als Erlöserorden? In engster Fühlung mit der persischen
oder der synkretistischen Kirche, die damals beide in Bildung begriffen
waren?
Darüber hat Paulus entschieden, die erste große Persönlichkeit in der
neuen Bewegung, die erste, die sich nicht nur auf Wahrheiten, sondern
auch auf Tatsachen verstand. Als junger Rabbiner aus dem Westen und
Schüler eines der berühmtesten Tannaim hatte er die Christen als
eine innerjüdische Sekte verfolgt. Nach einer Erweckung, wie sie
damals oft vorkam, wandte er sich den vielen kleinen Kultgemeinden
des Westens zu und schuf aus ihnen eine Kirche +seiner+ Prägung.
Von hier an haben sich die heidnische und die christliche Kultkirche
im Gleichschritt und in engster Wechselwirkung bis zu Jamblich und
Athanasius (beide um 330) entwickelt. Im Angesicht dieses großen
Ziels hat er für die Jesusgemeinde in Jerusalem eine kaum verhehlte
Verachtung. Es gibt im Neuen Testament nichts Peinlicheres als den
Anfang des Galaterbriefes: er hat seine Tätigkeit auf eigene Faust
unternommen und so gelehrt und aufgebaut, wie es ihn gut dünkte.
Endlich, nach vierzehn Jahren, geht er nach Jerusalem, um die alten
Gefährten Jesu durch seine geistige Überlegenheit, den Erfolg und
die Tatsache seiner Unabhängigkeit von ihnen zu dem Eingeständnis zu
zwingen, daß seine Schöpfung die wahre Lehre enthalte. Petrus und die
Seinen, allem Tatsächlichen fremd, haben die Tragweite der Besprechung
nicht erkannt: von da an war die Urgemeinde überflüssig.
Paulus war Rabbiner dem Geiste und Apokalyptiker dem Gefühl nach.
Er erkannte den Judaismus an, aber +als Vorgeschichte+.
Infolgedessen gab es von nun an zwei magische Religionen mit derselben
heiligen Schrift, nämlich dem Alten Testament. Aber dazu gehörte eine
doppelte Halacha, die eine in der Richtung auf den Talmud, durch
die Tannaim zu Jerusalem seit 300 v. Chr. entwickelt, die andere
durch Paulus begründet und durch die Kirchenväter vollendet, in der
Richtung auf das Evangelium. Die ganze Fülle der Apokalyptik aber
mit ihrer Erlöserverheißung, die damals umging,[209] zog er in die
Erlösungs+gewißheit+ zusammen, so wie sie +ihm allein+ vor
Damaskus unmittelbar offenbart worden war. „+Jesus ist der Erlöser
und Paulus ist sein Prophet+“: das ist der volle Inhalt seiner
Verkündigung. Die Ähnlichkeit mit Mohamed kann nicht größer sein. Weder
die Art der Erweckung noch das prophetische Selbstbewußtsein noch die
Folgerungen daraus für das alleinige Recht und die unbedingte Wahrheit
ihrer Auslegung sind verschieden.
Mit Paulus erscheint der +Stadtmensch+ und mit ihm die
„Intelligenz“ in diesem Kreise. Die andern, mochten sie auch
Antiochia und Jerusalem kennen, haben doch das Wesen solcher Städte
nie begriffen. Sie lebten erdverbunden, ländlich, ganz Seele und
Gefühl. Hier erschien ein in den Großstädten antiken Stils gewachsener
Geist, der nur in Städten leben konnte, der das bäuerliche Land weder
begriff noch achtete. Mit Philo hätte er sich verständigen mögen, mit
Petrus nicht. Er zuerst hat das Auferstehungserlebnis +als Problem
gesehen+, und das selige Schauen der ländlichen Jünger verwandelte
sich in seinem Kopfe in einen Streit geistiger Prinzipien. Wie war das
doch anders -- das Ringen in Gethsemane und die Stunde von Damaskus:
ein Kind und ein Mann, Seelenangst und geistige Entscheidung, Ergebung
in den Tod und Entschluß zum Wechsel der Partei. Er hatte in der
neuen Judensekte zuerst eine Gefahr für die pharisäische Lehre von
Jerusalem gesehen; plötzlich begriff er, daß die Nazarener „recht
hatten“ -- ein Wort, an das man bei Jesus gar nicht denken kann; nun
verteidigt er ihre Sache gegen den Judaismus und erhebt sie damit zu
einer +geistigen Größe+, während sie bisher das Wissen um ein
Erlebnis gewesen war. Eine geistige Größe -- aber damit drängt er das
Verteidigte ganz unbewußt den andern geistigen Mächten näher, die es
damals gab: +den Städten des Westens+. Im Umkreis der reinen
Apokalyptik gab es keinen „Geist“. Die alten Gefährten konnten ihn gar
nicht verstehen. Sie müssen ängstlich und traurig auf ihn geblickt
haben, als er auf sie einredete. Ihr lebendiges Jesusbild -- Paulus
hatte ihn ja nie gesehen -- verblaßte vor diesem grellen Licht der
Begriffe und Sätze. Von nun an wurde aus der heiligen Erinnerung ein
Schulsystem. Aber Paulus hatte ein ganz richtiges Gefühl für die wahre
Heimat seiner Gedanken. Er hat seine Missionsreisen sämtlich nach
Westen gerichtet und den Osten überhaupt nicht beachtet. +Er hat das
antike Staatsgebiet nie verlassen.+ Warum ging er nach Rom, nach
Korinth und nicht nach Edessa oder Ktesiphon? +Und warum nur in die
Städte und niemals von Dorf zu Dorf?+
Paulus +allein+ hat diese Entwicklung der Dinge veranlaßt. Seiner
praktischen Energie gegenüber kamen die Gefühle aller andern nicht
in Betracht. Damit war über die städtische und westliche Tendenz
der jungen Kirche entschieden. Die letzten Heiden wurden später
_pagani_ genannt, die Leute auf dem Lande. Es erhob sich eine
ungeheure Gefahr, die nur durch die Jugend und urwüchsige Kraft des
werdenden Christentums abgewehrt worden ist: das Fellachentum der
antiken Weltstädte griff mit beiden Händen danach und die Spuren
blieben deutlich zurück. Wie weit entfernt war das doch vom Wesen Jesu,
der ganz mit dem Lande und seinen Menschen verbunden gelebt hatte! Er
hatte die Pseudomorphose gar nicht bemerkt, in deren Mitte er geboren
war, und trug auch nicht den leisesten Zug von ihr in seiner Seele, und
nun, ein Menschenalter hernach, als seine Mutter vielleicht noch lebte,
war das, was aus seinem Tode aufgewachsen war, schon ein Mittelpunkt
für das Formwollen der Pseudomorphose geworden. Die antiken Städte
waren bald der einzige Schauplatz der kultischen und dogmatischen
Entwicklung. Nach Osten breitete sich die Gemeinschaft nur verstohlen
aus, wie um nicht bemerkt zu werden.[210] Um das Jahr 100 gab es schon
Christen jenseits des Tigris, aber sie sind samt ihren Überzeugungen
für den Gang der kirchlichen Entwicklung so gut wie nicht vorhanden.
Aus der nächsten Umgebung des Paulus ist nun auch die zweite Schöpfung
hervorgegangen, welche die Gestalt der neuen Kirche wesentlich bestimmt
hat. Daß es Evangelien gibt, ist, so sehr die Persönlichkeit und
Geschichte Jesu eine dichterische Gestaltung forderte, die Tat eines
einzelnen, des Markus.[211] Was Paulus und Markus vorfanden, war
eine feste Tradition in den Gemeinden, +das+ „Evangelium“, ein
fortgesetztes Hörensagen und Weiterberichten, das durch formlose und
unbedeutende Aufzeichnungen in aramäischer und griechischer Sprache
gestützt, aber keineswegs dargestellt wurde. Daß einmal wichtige
Schriften entstehen würden, war gewiß, aber aus dem Geist des Kreises,
der mit Jesus +gelebt+ hatte, und dem Geist des Ostens überhaupt
wäre eine kanonische Sammlung seiner Aussprüche, die auf den Konzilien
ergänzt, abgeschlossen und mit einem Kommentar versehen wurde, das
Natürliche gewesen und dazu eine Jesusapokalypse mit der Parusie als
Mittelpunkt. Die Ansätze dazu wurden durch das Evangelium des Markus,
das um 65, gleichzeitig mit den letzten Paulusbriefen und griechisch
wie diese geschrieben ist, gänzlich abgebrochen. Damit ist der
Verfasser, der die Bedeutung seines kleinen Werkes gar nicht ahnte,
eine der allerwichtigsten Persönlichkeiten nicht nur des Christentums,
sondern der arabischen Kultur überhaupt geworden. Alle älteren Versuche
verschwanden. Nur Schriften in Evangelienform blieben als Quellen
über Jesus zurück. Das war so selbstverständlich, daß von nun an
„Evangelium“ aus der Bezeichnung eines Inhalts zu der einer Form
wurde. Das Werk stammt aus dem Wunsch paulinischer, literaturgewohnter
Kreise, die nie einen Gefährten Jesu von ihm hatten reden hören. Es
ist ein +apokalyptisches Lebensbild aus der Ferne+; das Erlebnis
ist durch Erzählung ersetzt, so schlicht und aufrichtig, daß man die
apokalyptische Tendenz gar nicht bemerkt.[212] Aber sie bildet dennoch
die Voraussetzung. Nicht die Worte Jesu, sondern die Lehre von ihm in
der paulinischen Fassung ist der Stoff. Das erste christliche Buch geht
aus der Schöpfung des Paulus hervor, aber diese selbst ist ohne das
Buch und seine Nachfolger sehr bald nicht mehr zu denken.
Denn jetzt entstand, was Paulus, ein inbrünstiger Scholastiker, nie
gewollt, was er aber durch die Richtung seiner Tätigkeit unvermeidlich
gemacht hatte, +die Kultkirche christlicher Nation+. Während
die synkretistische Glaubensgemeinschaft in dem Maße, wie sie zum
Selbstbewußtsein gelangte, die zahllosen alten Stadtkulte und die
neuen magischen zusammenzog und diesem Gefüge durch einen höchsten
Kult henotheistische Form gab, wurde der Jesuskult der ältesten
Westgemeinden so lange zerlegt und bereichert, bis aus ihm eine ganz
ähnlich gebaute Masse von Kulten entstanden war.[213] Um die Geburt
Jesu, von der die Jünger nichts gewußt haben, bildete sich eine
Kindheitsgeschichte. Bei Markus kommt sie noch nicht vor. Zwar sollte
schon in der altpersischen Apokalyptik der Saoshyant als Heiland der
letzten Tage von einer Jungfrau geboren werden; der neue westliche
Mythus aber war von ganz anderer Bedeutung und hatte unermeßliche
Folgen. Denn nun erhob sich im Gebiet der Pseudomorphose neben Jesus
als dem Sohne und weit über ihn hinaus die Gestalt der Gottesmutter,
der Mutter Gottes, ebenfalls ein schlichtes Menschenschicksal von so
ergreifender Gewalt, daß es all die tausend Jungfrauen und Mütter
des Synkretismus, Isis, Tanit, Kybele, Demeter und alle Mysterien von
Geburt und Leiden überragte und zuletzt in sich aufnahm. Nach Irenäus
ist sie die Eva einer neuen Menschheit. Origenes verficht ihre dauernde
Jungfräulichkeit. Durch die Geburt des Erlösergottes hat eigentlich
+sie+ die Welt erlöst. Die Theotokos Maria, die Gottesgebärerin,
war das große Ärgernis der Christen jenseits der antiken Grenze, und
die aus dieser Vorstellung entwickelten Lehrsätze gaben zuletzt den
Anlaß für Monophysiten und Nestorianer, sich abzulösen und die reine
Jesusreligion wiederherzustellen. Aber als die faustische Kultur
erwachte und eines großen Symbols bedurfte, um ihr Urgefühl für die
unendliche Zeit, die Geschichte und die Folge der Geschlechter sinnlich
zu fassen, da hat sie +die Mater dolorosa und nicht den leidenden
Erlöser+ in die Mitte des germanisch-katholischen Christentums der
Gotik gestellt, und durch ganze Jahrhunderte blühender Innerlichkeit
ist diese Frauengestalt der eigentliche Inbegriff faustischen
Weltgefühls und das Ziel aller Dichtung, Kunst und Frömmigkeit gewesen.
Noch heute nimmt im Kult und in den Gebeten der katholischen Kirche
und vor allem im Gefühl der Gläubigen Jesus den zweiten Platz nach der
Madonna ein.[214]
Neben dem Marienkult entstanden die unzähligen Kulte der Heiligen,
deren Zahl die der antiken Ortsgottheiten sicherlich aufwog, und als
die heidnische Kirche zuletzt erlosch, konnte die christliche den
ganzen Schatz örtlicher Kulte unter der Form der Heiligenverehrung in
sich aufnehmen.
Aber Paulus und Markus haben noch etwas anderes entschieden, dessen
Tragweite gar nicht überschätzt werden kann. Es war die Folge
+seiner+ Mission, daß das Griechische die Sprache der Kirche
und ihrer heiligen Schriften, voran des ersten Evangeliums, wurde,
wofür ursprünglich nicht einmal die Wahrscheinlichkeit vorlag. Eine
heilige +griechische+ Literatur -- man bedenke, was das alles
einschloß. Die Jesuskirche wurde von ihrem seelischen Ursprung
künstlich abgetrennt und einem fremden, gelehrten angeheftet. Die
Fühlung mit dem Volkstum des aramäischen Mutterlandes ging verloren.
Von da anhatten die beiden Kultkirchen die gleiche Sprache, die gleiche
begriffliche Überlieferung, die gleichen Bücherschätze derselben
Schulen. Die viel ursprünglicheren aramäischen Literaturen des Ostens,
die eigentlich magischen, geschrieben und gedacht in der Sprache Jesu
und seiner Gefährten, waren damit von der Mitwirkung am Leben der
Kirche abgeschnitten. Man konnte sie nicht lesen, man verfolgte sie
nicht mehr, man vergaß sie endlich. Möchten auch die heiligen Texte
der persischen und jüdischen Religion awestisch und hebräisch abgefaßt
sein, so war doch die Sprache ihrer Urheber und Erklärer, die Sprache
der gesamten Apokalyptik, aus welcher die Lehre Jesu und die Lehre
von ihm herangewachsen waren, und endlich die der Gelehrten an allen
Hochschulen Mesopotamiens das Aramäische. Das alles entschwand nun aus
dem Gesichtskreis und an seine Stelle traten Plato und Aristoteles, die
von den Scholastikern beider Kultkirchen in gemeinsamer Arbeit und in
gleichem Sinne mißverstanden wurden.
Den letzten Schritt in dieser Richtung wollte der Mann tun,
welcher Paulus an organisatorischer Begabung gleich, an geistiger
Gestaltungskraft weit überlegen war, der an Sinn für das Mögliche
und Tatsächliche aber hinter ihm zurückstand und deshalb mit seinen
großartigen Absichten gescheitert ist: Marcion.[215] Er erblickte in
der Schöpfung des Paulus mit allen ihren Folgen nur die Unterlage zur
Stiftung der eigentlichen Erlöserreligion. Er empfand das Sinnlose
der Tatsache, daß Christentum und Judentum, die sich rücksichtslos
verwarfen, dieselbe heilige Schrift, nämlich den +jüdischen+ Kanon
besitzen sollten. Es erscheint uns heute unfaßlich, daß es hundert
Jahre lang wirklich so war. Man bedenke, was der heilige Text für jede
Art magischer Religiosität bedeutet. Hierin sah er die eigentliche
„Verschwörung gegen die Wahrheit“ und eine dringende Gefahr für die
von Jesus gewollte und nach seiner Ansicht noch nicht verwirklichte
Lehre. Paulus, der Prophet, hat das Alte Testament +für erfüllt und
abgeschlossen+ erklärt; Marcion, der Religionsstifter, erklärt es
für +überwunden und abgeschafft+. Er will alles Jüdische bis
auf den letzten Rest ausschalten. Er hat sein Leben hindurch nichts
bekämpft als das Judentum. Wie jeder echte Religionsstifter und jede
im Religiösen schöpferische Zeit, wie Zarathustra, die israelitischen
Propheten, wie die homerischen Griechen und die zum Christentum
bekehrten Germanen hat er die alten Götter in verworfene Mächte
verwandelt.[216] Jehovah ist als der Schöpfergott das „gerechte“ +und
also das böse+,[217] Jesus als Verleiblichung des Erlösergottes
in dieser bösen Schöpfung das „fremde“, also das gute Prinzip. Das
magische und im besonderen persische Grundgefühl ist ganz unverkennbar.
Marcion stammte aus Sinope, der alten Hauptstadt des mithridatischen
Reiches, dessen Religion schon durch die Namen seiner Könige bezeichnet
wird. Hier war einst der Mithraskult entstanden.
Aber zu dieser neuen Lehre gehörte auch eine neue heilige Schrift.
Das für die ganze Christenheit bis dahin kanonische „Gesetz und die
Propheten“ war +die Bibel des Judengottes+, die gerade damals
vom Synedrion in Jabna endgültig zusammengestellt worden war. Die
Christen hatten also ein teuflisches Buch in Händen. Marcion stellte
ihr nun die Bibel des Erlösergottes entgegen und zwar in gleicher
Weise aus Schriften geordnet, die bis dahin als bloße Erbauungsbücher
ohne kanonisches Ansehen in den Gemeinden umliefen:[218] an die Stelle
der Tora setzte er das -- +eine und wahre+ -- Evangelium, das er
aus mehreren, nach seiner Überzeugung verdorbenen und verfälschten
Einzelevangelien einheitlich aufbaute, an die Stelle der israelitischen
Propheten die Briefe des +einzigen Jesuspropheten+ Paulus.
Damit wurde Marcion der eigentliche Schöpfer des Neuen Testaments.
Aber deshalb muß nun die ihm eng verwandte Gestalt jenes rätselhaften
Unbekannten genannt werden, der nicht lange vorher das Evangelium „nach
Johannes“ geschrieben hatte. Er wollte damit die +eigentlichen+
Evangelien weder vermehren noch ersetzen, sondern er hat, anders als
Markus, mit vollem Bewußtsein etwas ganz Neues geschaffen, +das erste
„heilige Buch“+ im christlichen Schrifttum, den Koran der neuen
Religion.[219] Das Buch beweist, daß man diese Religion bereits als
etwas Fertiges und Dauerndes empfand. Der Jesus ganz erfüllende und
noch von Paulus und Markus geteilte Gedanke, daß das Weltende da sei,
liegt hinter „Johannes“ und Marcion weit zurück. Die Apokalyptik ist
zu Ende und die Mystik beginnt. Nicht die Lehre Jesu, auch nicht die
paulinische von ihm ist der Inhalt, sondern das Geheimnis des Weltalls,
der Welthöhle. Von einem Evangelium ist keine Rede; nicht die Gestalt
des Erlösers, sondern das Prinzip des Logos ist Sinn und Mitte des
Geschehens. Die Kindheitsgeschichte wird wieder verworfen: ein Gott
wird nicht geboren; er ist da und wandelt in Menschengestalt auf
Erden. Und dieser Gott ist eine Dreiheit: Gott, der Geist Gottes, das
Wort Gottes. Dies heilige Buch des frühesten Christentums enthält zum
erstenmal das magische Substanzproblem, das die folgenden Jahrhunderte
ausschließlich beherrscht und endlich zum Zerfall der Religion in drei
Kirchen geführt hat; und zwar steht es, was auf manches hindeutet, der
Lösung am nächsten, die der nestorianische Osten als wahr vertreten
hat. Es ist trotz oder gerade wegen des griechischen Wortes Logos das
„+östlichste+“ der Evangelien und dazu kommt, daß es Jesus gar
nicht als Bringer der letzten und ganzen Offenbarung gelten läßt. Er
ist der zweite Gesandte. Es wird +noch ein anderer+ kommen (14,
16. 26; 15, 26). Das ist die erstaunliche Lehre, die Jesus selbst
verkündet, und das Entscheidende in diesem geheimnisvollen Buche. Hier
enthüllt sich plötzlich der Glaube des magischen Ostens. Wenn der
Logos nicht geht, kann der Paraklet[220] nicht kommen (16, 7), aber
zwischen beiden liegt der letzte Aion, das Reich Ahrimans (14, 30).
Die von paulinischem Geist beherrschte Kirche der Pseudomorphose hat
das Johannesevangelium lange bekämpft und erst anerkannt, nachdem die
anstößige, dunkel angedeutete Lehre durch eine paulinische Deutung
verdeckt worden war. Wie es eigentlich damit stand, lehrt die auf
mündliche Tradition hinweisende Bewegung der Montanisten (um 160 in
Kleinasien), die in Montanus den erschienenen Paraklet und das Weltende
verkündeten. Sie fanden ungeheuren Zulauf. In Karthago bekannte sich
Tertullian seit 207 zu ihnen. Um 245 hat Mani, der mit den Strömungen
des östlichen Christentums sehr vertraut war,[221] in seiner großen
Religionsschöpfung den paulinischen, menschlichen Jesus als Dämon
verworfen und den johanneischen Logos als den wahren Jesus anerkannt,
sich selbst aber als den Paraklet des Johannes bezeichnet. In Karthago
wurde Augustin Manichäer und es will viel sagen, daß beide Bewegungen
endlich mit derjenigen Marcions verschmolzen sind.
Kehren wir zu Marcion selbst zurück, so hat er den Gedanken des
„Johannes“ durchgeführt und eine Christenbibel geschaffen. Und nun
ging er, fast ein Greis, als die Gemeinden des äußersten Westens
entsetzt vor ihm zurückwichen,[222] daran, eine eigene Erlöserkirche
von meisterhaftem Aufbau zu gründen.[223] Sie war 150-190 eine Macht
und erst im folgenden Jahrhundert gelang es der älteren Kirche, die
Marcioniten zum Range einer Sekte herabzudrücken, obwohl sie noch viel
später im weiten Osten bis nach Turkestan hin eine große Bedeutung
hatten und zuletzt, was für ihr Grundgefühl sehr bezeichnend ist, mit
den Manichäern verschmolzen sind.[224]
Trotzdem ist seine gewaltige Tat, bei welcher er das Beharrungsvermögen
des Vorhandenen im Vollgefühl seiner Überlegenheit unterschätzt hatte,
nicht fruchtlos gewesen. Er war wie Paulus vor ihm und Athanasius nach
ihm ein Retter des Christentums in einem Augenblick, wo es zu zerfallen
drohte, und es tut der Größe seiner Gedanken gewiß keinen Eintrag,
daß der Zusammenschluß nicht durch sie, sondern im Widerstand gegen
sie erfolgt ist. Die frühkatholische Kirche, das heißt +die Kirche
der Pseudomorphose+, ist in ihrer großen Form erst um 190 und zwar
aus der Notwehr gegen die Kirche Marcions entstanden, indem sie deren
ganze Organisation übernahm. Aber sie hat auch die Bibel Marcions
durch eine andere von genau derselben Anlage ersetzt: Evangelien
und Apostelbriefe, die sie dann mit dem Gesetz und den Propheten zu
einer Einheit verband. Und sie hat endlich, nachdem schon durch die
Verbindung der beiden Testamente über die Auffassung des Judentums
entschieden war, auch Marcions dritte Schöpfung, seine Erlöserlehre,
bekämpft, indem sie mit der Ausbildung einer eigenen Theologie auf
Grund +seiner+ Stellung der Probleme begann.
Aber diese Entwicklung erfolgte ausschließlich auf antikem Boden
und damit war auch die gegen Marcion und seine Ausschaltung des
Judaismus aufgerichtete Kirche für das talmudische Judentum, dessen
geistiger Schwerpunkt jetzt ganz in Mesopotamien und an dessen
Hochschulen lag, lediglich ein Stück hellenistischen Heidentums. Die
Zerstörung Jerusalems war ein grenzsetzendes Ereignis, das in der
Tatsachenwelt durch keine geistige Macht überwunden werden konnte.
Wachsein, Religion und Sprache sind innerlich viel zu nahe verwandt,
als daß die vollständige Trennung eines griechischen Sprachgebiets
der Pseudomorphose und eines aramäischen der eigentlich arabischen
Landschaft nicht seit dem Jahre 70 zwei Sondergebiete magischer
Religionsentwicklung geschaffen hätte. Am Westrande der jungen Kultur
waren die heidnische Kultkirche, die von Paulus dorthin verwiesene
Jesuskirche und das griechisch redende Judentum vom Schlage Philos
sprachlich und literarisch so ineinandergedrängt, daß das letzte dem
Christentum noch im ersten Jahrhundert anheimfiel und dieses mit dem
Griechentum eine +gemeinsame+ frühe Philosophie ausbildete. Im
aramäischen Sprachgebiet vom Orontes bis zum Tigris aber standen
Judentum und Persertum, die jetzt beide in Talmud und Awesta eine
strenge Theologie und Scholastik schufen, in enger Wechselwirkung, und
beide Theologien haben seit dem 4. Jahrhundert +den stärksten Einfluß
auf das der Pseudomorphose widerstrebende Christentum aramäischer
Sprache+ ausgeübt, bis es sich in Gestalt der nestorianischen Kirche
abgelöst hat.