Neupythagoräer. Sie besaßen geheime Schriften;[189] im weiteren Sinne
sind sie die Vertreter der Pseudomorphose und sie verschwinden deshalb
mit dem Jahre 70 vollständig aus dem Judentum, während gerade jetzt die
christliche Literatur eine rein griechische wurde, nicht zum wenigsten
deshalb, weil das hellenisierte westlichste Judentum den nach Osten
weichenden Judaismus verließ und allmählich im Christentum aufging.
Aber auch die Apokalyptik, eine Ausdrucksform des stadtlosen und
stadtfeindlichen Menschentums, ist innerhalb der Synagoge sehr bald zu
Ende, nachdem sie unter dem Eindruck der Katastrophe noch einmal eine
wunderbare Blüte erlebt hatte.[190] Als es sich entschieden hatte, daß
die Lehre Jesu nicht zu einer Reform des Judentums, sondern zu einer
neuen Religion heranwuchs, und um 100 die tägliche Fluchformel gegen
die Judenchristen eingeführt wurde, verblieb die Apokalyptik für den
kurzen Rest ihres Daseins der jungen Religion.
6
Das Unvergleichliche, womit das junge Christentum sich über alle
Religionen dieser reichen Frühzeit hinaushebt, ist die Gestalt Jesu. Es
gibt in all den großen Schöpfungen jener Jahre nichts, was sich ihr zur
Seite stellen ließe. Wer damals seine Leidensgeschichte las und hörte,
wie sie sich kurz vorher begeben hatte: den letzten Zug nach Jerusalem,
das letzte bange Abendmahl, die Stunde der Verzweiflung in Gethsemane
und den Tod am Kreuz, dem mußten alle Legenden und heiligen Abenteuer
von Mithras, Attis und Osiris flach und leer erscheinen.
Hier gibt es keine Philosophie. Seine Aussprüche, von denen manche den
Gefährten noch im hohen Alter Wort für Wort im Gedächtnis hafteten,
sind die eines Kindes mitten in einer fremden, späten und kranken Welt.
Es gibt keine sozialen Betrachtungen, keine Probleme, keine Grübelei.
Wie eine stille selige Insel ruht das Leben dieser Fischer und
Handwerker am See Genezareth mitten in der Zeit des großen Tiberius,
fernab von aller Weltgeschichte, ohne irgendeine Ahnung von den Händeln
der Wirklichkeit, während rings die hellenistischen Städte leuchten
mit ihren Tempeln und Theatern, der feinen westlichen Gesellschaft
und den lärmenden Zerstreuungen des Pöbels, den römischen Kohorten
und der griechischen Philosophie. Als seine Freunde und Begleiter
Greise geworden waren und der Bruder des Hingerichteten dem Kreise in
Jerusalem vorstand, sammelte sich aus den Worten und Erzählungen, die
überall in den kleinen Gemeinden im Umlauf waren, ein Lebensbild von
so ergreifender Innerlichkeit, daß es eine eigene Darstellungsform
hervorrief, die weder in der antiken noch in der arabischen Kultur
Vorbilder hat: das Evangelium. Das Christentum ist die einzige Religion
der Weltgeschichte, in welcher ein Menschenschicksal der unmittelbaren
Gegenwart zum Sinnbild und Mittelpunkt der gesamten Schöpfung geworden
ist.
Eine ungeheure Erregung, wie die germanische Welt sie um das Jahr
1000 kennen lernte, ging damals durch das ganze aramäische Land. Die
magische Seele war erwacht. Was in den prophetischen Religionen wie
eine Ahnung lag, was zur Zeit Alexanders in metaphysischen Umrissen
hervortrat, das erfüllte sich jetzt. Und diese Erfüllung weckte in
unnennbarer Stärke das Urgefühl der Angst. Es gehört zu den letzten
Geheimnissen des Menschentums und des freibeweglichen Lebens überhaupt,
daß die Geburt des Ich und die der Weltangst ein und dasselbe sind. Daß
sich vor einem Mikrokosmos ein Makrokosmos auftut, weit, übermächtig,
ein Abgrund von fremdem, lichtüberstrahltem Sein und Treiben, das läßt
das kleine, einsame Selbst scheu in sich zurückweichen. Eine Angst
vor dem eigenen Wachsein, wie sie Kinder zuweilen überfällt, lernt
kein Erwachsener in den schwärzesten Stunden seines Lebens wieder
kennen. Diese Todesangst lag auch über dem Anbruch der neuen Kultur. In
dieser Morgenfrühe magischen Welthewußtseins, das verzagt, ungewiß,
dunkel über sich selbst war, fiel ein neuer Blick auf das nahe Ende
der Welt. Es ist der erste Gedanke, mit dem bis jetzt jede Kultur zum
Bewußtsein ihrer selbst kam. Ein Schauer von Offenbarungen, Wundern,
letzten Einblicken in den Urgrund der Dinge überfiel jedes tiefere
Gemüt. Man dachte, man lebte nur noch in apokalyptischen Bildern. Die
Wirklichkeit wurde zum Schein. Seltsame und grauenvolle Gesichte wurden
geheimnisvoll herumerzählt, aus wirren und dunklen Schriften verlesen
und sofort, mit unmittelbarer innerer Gewißheit begriffen. Von einer
Gemeinschaft zur andern, von Dorf zu Dorf, wanderten solche Schriften,
von denen sich gar nicht sagen läßt, daß sie einer einzelnen Religion
angehören.[191] Sie sind persisch, chaldäisch, jüdisch gefärbt, aber
sie haben alles aufgenommen, was damals in den Gemütern umging. Die
kanonischen Bücher sind national, die apokalyptischen international
im wörtlichen Sinne. Sie sind da, ohne daß jemand sie verfaßt zu
haben scheint. Ihr Inhalt verschwimmt und lautet heute so und morgen
anders. Sie sind aber auch nichts weniger als „Dichtung“.[192] Sie
gleichen den furchtbaren Portalgestalten an den romanischen Kathedralen
Frankreichs, die ebenfalls keine „Kunst“, sondern steingewordene
Angst sind. Jeder kannte diese Engel und Dämonen, diese Himmel- und
Höllenfahrten göttlicher Wesen, den Urmenschen oder zweiten Adam, den
Gesandten Gottes, den Heiland der letzten Tage, den Menschensohn, die
ewige Stadt und das jüngste Gericht.[193] In den fremden Städten und
an den Hochsitzen des strengen persischen und jüdischen Priestertums
mochte man die Unterscheidungslehren begrifflich feststellen und um sie
streiten, hier unten im Volk gab es fast keine Einzelreligion, sondern
eine allgemeine magische Religiosität, die alle Seelen erfüllte, die
sich an Einblicke und Bilder jedes denkbaren Ursprungs heftete. Der
jüngste Tag war nahe herangekommen. Man erwartete ihn. Man wußte, daß
„er“ jetzt erscheinen müsse, von dem in allen Offenbarungen die Rede
war. Propheten standen auf. Man schloß sich zu immer neuen Gemeinden
und Kreisen zusammen, in der Überzeugung, die angeborene Religion
nun besser erkannt oder die wahre gefunden zu haben. In dieser Zeit
ungeheuerster, von Jahr zu Jahr wachsender Spannung ist, ganz nahe
der Geburt Jesu, neben zahllosen Gemeinschaften und Sekten auch die
mandäische Erlösungsreligion entstanden, deren Stifter oder Ursprung
wir nicht kennen. Wie es scheint, stand sie trotz ihres Hasses
gegen den Judaismus von Jerusalem und ihrer Vorliebe gerade für die
persischen Fassungen des Erlösungsgedankens dem volkstümlichen Glauben
des syrischen Judentums sehr nahe. Aus ihren wundervollen Schriften
tritt jetzt ein Stück nach dem andern zutage. Überall ist „er“, der
Menschensohn, der in die Tiefe gesandte Erlöser, der selbst erlöst
werden muß, das Ziel der Erwartung. Im Johannesbuch spricht der Vater,
im Hause der Vollendung hoch aufgerichtet, von Licht umflossen, zu
seinem eingeborenen Sohn: Mein Sohn, sei mir ein Bote -- gehe in die
Welt der Finsternis, in der es keinen Lichtstrahl gibt -- der Sohn ruft
empor: Vater der Größe, was habe ich gesündigt, daß du mich in die
Tiefe gesandt hast? Und endlich: Ohne Fehler stieg ich empor und nicht
war Fehl und Mangel an mir.[194]
Alle Züge der großen prophetischen Religionen und der ganze Schatz
tiefster Einsichten und Gestalten, der sich seitdem in der Apokalyptik
gesammelt hatte, liegen hier gemeinsam zugrunde. Von antikem Denken und
Fühlen ist in diese Unterwelt des Magischen nicht ein Hauch gedrungen.
Die Anfänge der neuen Religion sind wohl für immer verschollen. Eine
geschichtliche Gestalt des Mandäertums aber tritt mit ergreifender
Deutlichkeit hervor, tragisch in ihrem Wollen und Untergang wie Jesus
selbst: es ist Johannes der Täufer.[195] Dem Judentum kaum noch
angehörig und von einem mächtigen Hasse -- er entspricht genau dem
urrussischen Hasse gegen Petersburg -- gegen den Geist von Jerusalem
erfüllt, predigt er das Ende der Welt und das Nahen des Barnasha, des
Menschensohns, der +nicht mehr der verheißene nationale Messias der
Juden, sondern der Bringer des Weltbrandes ist+.[196] Zu ihm ging
Jesus und wurde einer seiner Jünger.[197] Er war dreißig Jahre alt, als
die Erweckung über ihn kam. Die apokalyptische und im besonderen die
mandäische Gedankenwelt erfüllte von nun an sein ganzes Bewußtsein.
Nur scheinhaft, fremd und bedeutungslos lag die andere Welt der
geschichtlichen Wirklichkeit um ihn her. Daß „er“ jetzt kommen und
dieser so unwirklichen Wirklichkeit ein Ende machen werde, war seine
große Gewißheit und für sie trat er wie sein Meister Johannes als
Verkünder auf. Noch jetzt lassen die ältesten ins Neue Testament
aufgenommenen Evangelien diese Zeit hindurchschimmern, in der er in
seinem Bewußtsein nichts war als ein Prophet.[198]
Aber es gibt einen Augenblick in seinem Leben, wo die Ahnung und
dann die hohe Gewißheit über ihn kommt: Du bist es selbst. Es war
ein Geheimnis, das er zuerst kaum sich selbst, dann seinen nächsten
Freunden und Begleitern eingestand, die nun die selige Botschaft in
aller Stille mit ihm teilten, bis sie die Wahrheit endlich durch den
verhängnisvollen Zug nach Jerusalem vor aller Welt zu offenbaren
wagten. Wenn irgend etwas die vollkommene Reinheit und Ehrlichkeit
seiner Gedanken verbürgt, so ist es der Zweifel, ob er sich nicht doch
vielleicht täusche, der ihn immer wieder ergriffen hat und von dem
seine Jünger später ganz aufrichtig erzählt haben. Da kommt er in seine
Heimat. Das Dorf läuft zusammen. Man erkennt den ehemaligen Zimmermann,
der seine Arbeit verlassen hat, und ist entrüstet. Die Familie, seine
Mutter, die zahlreichen Brüder und Schwestern schämen sich seiner und
wollen ihn festnehmen. Da, als er all die bekannten Augen auf sich
gerichtet fühlt, wird er verwirrt und die magische Kraft weicht von ihm
(Mark. 6). In Gethsemane mischen sich Zweifel an seiner Sendung[199]
mitten in die entsetzliche Angst vor dem Kommenden und noch am Kreuz
vernahm man den qualvollen Ruf, daß Gott ihn verlassen habe.
Selbst in diesen letzten Stunden lebte er ganz im Bilde seiner
apokalyptischen Welt. Er hat nie eine andere wirklich um sich gesehen.
Was den Römern, die unter ihm Wache standen, als Wirklichkeit
galt, war ihm ein Gegenstand ratlosen Staunens, ein Trugbild, das
sich unversehens in nichts auflösen konnte. Er besaß die reine und
unverfälschte Seele des stadtlosen Landes. Das Leben der Städte,
der Geist im städtischen Sinne waren ihm gänzlich fremd. Hat er das
halbantike Jerusalem, in das er als der Menschensohn einzog, wirklich
gesehen und in seinem geschichtlichen Wesen verstanden? Das ist das
Ergreifende der letzten Tage, dieser Zusammenstoß von Tatsachen und
Wahrheiten, von zwei Welten, die sich nie verstehen werden: daß er gar
nicht wußte, was mit ihm geschah.
So ging er in der Fülle des Verkündens durch sein Land, aber dieses
Land war Palästina. Er war im antiken Imperium geboren und lebte unter
den Augen des Judaismus von Jerusalem, und sobald seine Seele aus ihrem
Schauen und dem Gefühl ihrer Sendung heraus um sich blickte, stieß sie
auf die Wirklichkeit des römischen Staates und des Pharisäertums. Der
Widerwille gegen dieses starre und eigensüchtige Ideal, den er mit dem
ganzen Mandäertum und ohne Zweifel mit dem jüdischen Landvolke des
weiten Ostens teilte, geht als erstes und dauerndes Merkmal durch alle
seine Reden. Ihm graute vor diesem Wust verstandesmäßiger Formeln, der
der einzige Weg zum Heil sein sollte. Dennoch war es nur eine andre
Art von Frömmigkeit, die seiner Überzeugung mit rabbinischer Logik das
Recht bestritt.
Hier stand nur das Gesetz gegen die Propheten. Als Jesus aber vor
Pilatus geführt wurde, +da traten sich die Welt der Tatsachen und
die der Wahrheiten unvermittelt und unversöhnlich gegenüber+, in
so erschreckender Deutlichkeit und Wucht der Symbolik, wie in keiner
zweiten Szene der gesamten Weltgeschichte. Der Zwiespalt, der allem
freibeweglichen Leben von Anfang an zugrunde liegt, schon damit,
daß es ist, daß es Dasein +und+ Wachsein ist, hat hier die
höchste überhaupt denkbare Form menschlicher Tragik angenommen. In
der berühmten Frage des römischen Prokurators: Was ist Wahrheit? --
das einzige Wort im Neuen Testament, das Rasse hat -- +liegt der
ganze Sinn der Geschichte+, die Alleingeltung der Tat, der Rang
des Staates, des Krieges, des Blutes, die ganze Allmacht des Erfolges
und der Stolz auf ein großes Geschick. Darauf hat nicht der Mund,
aber das schweigende Gefühl Jesu mit der andern, über alles Religiöse
entscheidenden Frage geantwortet: +Was ist Wirklichkeit?+ Für
Pilatus war sie alles, für ihn selbst nichts. Anders kann echte
Religiosität der Geschichte und ihren Mächten niemals gegenüberstehen,
anders darf sie das tätige Leben nie einschätzen, und wenn sie es
dennoch tut, so hat sie aufgehört Religion zu sein und ist selbst dem
Geist der Geschichte verfallen.
+Mein Reich ist nicht von dieser Welt+ -- das ist das letzte
Wort, von dem sich nichts abdeuten läßt und an dem jeder ermessen muß,
wohin Geburt und Natur ihn gewiesen haben. Ein Dasein, das sich des
Wachseins bedient, oder ein Wachsein, welches das Dasein unterwirft;
Takt oder Spannung, Blut oder Geist, Geschichte oder Natur, Politik
oder Religion: hier gibt es nur ein Entweder-Oder und keinen ehrlichen
Vergleich. Ein Staatsmann kann tief religiös sein, ein Frommer kann
für sein Vaterland fallen -- aber sie müssen beide wissen, auf
welcher Seite sie wirklich stehen. Der geborne Politiker verachtet
die weltfremden Betrachtungsweisen des Ideologen und Ethikers mitten
in seiner Tatsachenwelt -- er hat recht. Für den Gläubigen sind aller
Ehrgeiz und Erfolg der geschichtlichen Welt sündhaft und ohne ewigen
Wert -- er hat auch recht. Ein Herrscher, der die Religion in der
Richtung auf politische, praktische Ziele verbessern will, ist ein Tor.
Ein Sittenprediger, der Wahrheit, Gerechtigkeit, Frieden, Versöhnung
in die Welt der Wirklichkeit bringen will, ist ebenfalls ein Tor. Kein
Glaube hat je die Welt verändert und keine Tatsache kann je einen
Glauben widerlegen. Es gibt keine Brücke zwischen der gerichteten
Zeit und dem zeitlos Ewigen, zwischen dem Gang der Geschichte und dem
Bestehen einer göttlichen Weltordnung, in deren Bau „Fügung“ das Wort
für den höchsten Fall von Kausalität ist. +Das ist der letzte Sinn
jenes Augenblicks, in dem Pilatus und Jesus sich gegenüberstanden.+
In der einen, der historischen Welt ließ der Römer den Galiläer ans
Kreuz schlagen -- das war sein Schicksal. In der andern war Rom der
Verdammnis verfallen und das Kreuz die Bürgschaft der Erlösung. Das war
„Gottes Wille“.[200]
+Religion ist Metaphysik, nichts anderes+: _Credo, quia
absurdum._ Und zwar ist erkannte, bewiesene, für bewiesen
gehaltene Metaphysik bloße Philosophie oder Gelehrsamkeit. Hier ist
+erlebte+ Metaphysik gemeint, das Undenkbare als Gewißheit, das
Übernatürliche als Ereignis, das Leben in einer nichtwirklichen,
aber wahren Welt. Anders hat Jesus auch nicht einen Augenblick
gelebt. Er war kein Sittenprediger. In der Sittenlehre das letzte
Ziel der Religion sehen, heißt sie nicht kennen. Das ist neunzehntes
Jahrhundert, „Aufklärung“, humanes Philistertum. Ihm soziale Absichten
zuschreiben ist eine Lästerung. Seine gelegentlichen Sittensprüche,
soweit sie ihm nicht nur zugeschrieben sind, dienen lediglich der
Erbauung. Sie enthalten gar keine neue Lehre. Es waren Sprichwörter
darunter, wie sie damals jeder kannte. Seine +Lehre+ war einzig
die Verkündigung der letzten Dinge, deren Bilder ihn beständig
erfüllten: der Anbruch des neuen Weltalters, die Herabkunft des
himmlischen Gesandten, das letzte Gericht, ein neuer Himmel und
eine neue Erde.[201] Einen andern Begriff von Religion hat er nie
gehabt und einen andern besitzt überhaupt keine wahrhaft innerliche
Zeit. +Religion ist durch und durch Metaphysik, Jenseitigkeit+,
Wachsein inmitten einer Welt, in welcher das Zeugnis der Sinne nur
den Vordergrund aufhellt; Religion ist das Leben in und mit dem
Übersinnlichen, und wo die Kraft zu solchem Wachsein, die Kraft,
auch nur daran zu glauben, fehlt, da ist die wirkliche Religion zu
Ende. Mein Reich ist +nicht+ von dieser Welt -- nur wer das
ganze Gewicht dieser Einsicht ermißt, kann seine tiefsten Aussprüche
begreifen. Erst späte, städtische Zeiten, die solcher Einblicke
nicht mehr fähig waren, haben den Rest von Religiosität auf die Welt
des äußeren Lebens bezogen und die Religion durch humane Gefühle
und Stimmungen, die Metaphysik durch Sittenpredigt und Sozialethik
ersetzt. In Jesus findet man das gerade Gegenteil. „Gebt dem Cäsar, was
des Cäsars ist“ -- das heißt: Fügt euch den Mächten der Tatsachenwelt,
duldet, leidet und fragt nicht, ob sie „gerecht“ sind. Wichtig ist nur
das Heil der Seele. „Sehet die Lilien auf dem Felde“ -- das heißt:
Kümmert euch nicht um Reichtum +und Armut+. Sie fesseln beide
die Seele an die Sorgen dieser Welt. „Man muß Gott dienen oder dem
Mammon“ -- da ist mit dem Mammon die +ganze+ Wirklichkeit gemeint.
Es ist flach und feige, die Größe aus dieser Forderung fortzudeuten.
Zwischen der Arbeit für den eignen Reichtum und der für die soziale
Bequemlichkeit „aller“ hätte er überhaupt keinen Unterschied
empfunden. Wenn er vor dem Reichtum erschrak und wenn die Urgemeinde
in Jerusalem, die ein strenger Orden war und kein Sozialistenklub,
den Besitz verwarf, so liegt darin der größte überhaupt denkbare
Gegensatz zu aller „sozialen Gesinnung“: nicht weil die äußere Lage
alles, sondern weil sie nichts ist, nicht aus der Alleinschätzung,
sondern aus der unbedingten Verachtung des diesseitigen Behagens gehen
solche Überzeugungen hervor. Aber es muß allerdings etwas da sein,
dem gegenüber alles irdische Glück zu nichts versinkt. Es ist wieder
der Unterschied von Tolstoi und Dostojewski. Tolstoi, der Städter
und Westler, hat in Jesus nur einen Sozialethiker erblickt und wie
der ganze zivilisierte Westen, der nur verteilen, nicht verzichten
kann, das Urchristentum zum Range einer sozialrevolutionären Bewegung
herabgezogen und zwar aus Mangel an metaphysischer Kraft. Dostojewski,
der arm war, aber in gewissen Stunden fast ein Heiliger, hat nie an
soziale Verbesserungen gedacht -- was wäre der Seele damit geholfen,
wenn man das Eigentum abschafft?
7
Unter den Freunden und Schülern, die der furchtbare Ausgang des Zuges
nach Jerusalem innerlich vernichtet hatte, verbreitete sich nach
einigen Tagen die Kunde von seiner Auferstehung und Erscheinung. Was
das für solche Seelen und eine solche Zeit bedeutete, können späte
Menschen niemals ganz nachempfinden. Damit war die Erwartung der
gesamten Apokalyptik jener magischen Frühzeit erfüllt: am Ende des
gegenwärtigen Aion der Aufstieg des erlösten Erlösers, des zweiten
Adam, des Saoshyant, Enosh oder Barnasha oder wie man „ihn“ sonst noch
vorstellen und nennen mochte, in das Lichtreich des Vaters. Damit war
die verkündete Zukunft und das neue Weltalter, „das Himmelreich“,
unmittelbare Gegenwart geworden. Man befand sich im entscheidenden
Punkt der Heilsgeschichte. Diese Gewißheit hat den Weltblick des
kleinen Kreises vollkommen verändert. „Seine“ Lehre, wie sie aus
seiner milden und edlen Natur geflossen war, sein inneres Gefühl
vom Verhältnis zwischen Mensch und Gott und dem Sinn der Zeiten
überhaupt, das mit dem einen Wort Liebe erschöpfend bezeichnet war,
trat zurück und die +Lehre von ihm+ trat an ihre Stelle. Als
„der Auferstandene“ wurde ihr Lehrer eine neue Gestalt innerhalb der
Apokalyptik und zwar die wichtigste und abschließende. Aber damit war
aus dem Zukunftsbilde ein Erinnerungsbild geworden. Es war etwas ganz
Entscheidendes und in der gesamten magischen Gedankenwelt Unerhörtes,
dies Eintreten einer selbsterlebten Wirklichkeit in den Kreis der
großen Gesichte. Die Juden, darunter der junge Paulus, und die Mandäer,
darunter die Jünger des Täufers, haben es leidenschaftlich bestritten.
Für sie war er ein falscher Messias, von dem schon die ältesten
persischen Texte gesprochen hatten.[202] Für sie sollte „er“ auch
fernerhin noch kommen; für die kleine Gemeinde war er eben dagewesen.
Sie hatten ihn gesehen, mit ihm gelebt. Man muß sich ganz in dies
Bewußtsein versetzen, um seine ungeheure Überlegenheit in einer solchen
Zeit zu begreifen. Statt eines Ungewissen Blickes in die Ferne ein
Stück ergreifender Gegenwart, statt der wartenden Angst die befreiende
Gewißheit, statt einer Sage ein miterlebtes Menschenschicksal. Es war
wirklich eine „frohe Botschaft“, die man verkündete.
Aber wem? Schon in den ersten Tagen erhebt sich die Frage, welche
über das ganze Schicksal der neuen Offenbarung entschied. Jesus und
seine Freunde waren Juden von Geburt, aber sie gehörten nicht zum
judäischen Lande. Hier in Jerusalem erwartete man den Messias der alten
heiligen Bücher, der allein für das jüdische Volk im ehemaligen Sinne
einer Stammesgemeinschaft kommen sollte. Das ganze übrige aramäische
Land aber erwartete den Erlöser +der Welt+, den Heiland und
Menschensohn aller apokalyptischen Schriften, mochten sie jüdisch,
persisch, chaldäisch oder mandäisch abgefaßt sein.[203] Im einen
Falle waren Tod und Auferstehung Jesu nur ein örtliches Ereignis, im
andern bedeuteten sie eine Weltwende. Denn während überall sonst die
Juden eine magische Nation ohne Heimat und Einheit der Abstammung
geworden waren, hielt man in Jerusalem an der Stammesauffassung fest.
Es handelte sich nicht um „Juden-“ oder „Heidenmission“: der Zwiespalt
liegt viel tiefer. Das Wort Mission bedeutet hier durchaus zweierlei.
Im Sinne des Judaismus bedurfte es eigentlich keiner Werbung; im
Gegenteil, sie widersprach der Messiasidee. Die Begriffe Stamm und
Mission schließen sich aus. Die Angehörigen des auserwählten Volkes
und im besonderen die Priesterschaft hatten sich lediglich +zu
überzeugen+, daß die Verheißung jetzt erfüllt war. Im andern
Falle aber lag in der Idee der magischen, auf dem _consensus_
beruhenden Nation, daß mit der Auferstehung die volle und endgültige
Wahrheit und also mit dem _consensus_ über sie +die Grundlage
der wahren Nation+ gegeben war, die sich nun ausdehnen mußte, bis
sie alle älteren, der Idee nach unvollkommenen in sich aufgenommen
hatte. „Ein Hirt und eine Herde“ -- das war die Formel für die neue
+Weltnation+. Die Nation des Erlösers war mit der Menschheit
identisch. Überblickt man die Vorgeschichte dieser Kultur, so ergibt
sich, daß die Streitfrage des Apostelkonzils[204] schon 500 Jahre
vorher durch die Tat entschieden war: das nachexilische Judentum mit
einziger Ausnahme des in sich abgeschlossenen Kreises von Judäa hatte
wie die Perser, die Chaldäer und alle andern im ausgedehntesten Maße
unter den Ungläubigen geworben, von Turkestan bis nach Innerafrika,
ohne Rücksicht auf Heimat und Abkunft. Darüber stritt man nicht. Es
kam dieser Gemeinschaft gar nicht zum Bewußtsein, daß es anders sein
könne. Sie selbst war ja bereits das Ergebnis +eines nationalen
Daseins, das in Ausdehnung bestand+. Die altjüdischen Texte waren
ein sorgfältig behüteter Schatz und die richtige Auslegung, die
Halacha, behielten sich die Rabbiner vor. Die apokalyptische Literatur
bildete dazu das äußerste Gegenteil: geschrieben, um schrankenlos
alle Gemüter zu wecken, war sie in der Ausdeutung jedem einzelnen
anheimgestellt.