Wesen einer Religion vielleicht am klarsten aus den Grenzen ihrer
Toleranz und es gab auch für die alten Stadtkulte solche Grenzen. Daß
sie stets in Mehrzahl vorhanden waren und ausgeübt wurden, gehört zu
ihrem eigentlichen Sinn und bedurfte deshalb überhaupt keiner Duldung.
Aber man setzte von jedem voraus, daß er vor der kultischen Form als
solcher Achtung habe. Wer, wie manche Philosophen oder auch Anhänger
fremdartiger Religionen, diese Achtung durch Wort oder Tat versagte,
lernte auch das Maß antiker Duldung kennen. Etwas ganz anderes liegt
den Verfolgungen magischer Kirchen untereinander zugrunde; da ist
es die henotheistische Pflicht gegen den wahren Glauben, welche
die Anerkennung des falschen verbietet. Antike +Kulte+ hätten
den Jesuskult unter sich ertragen. Die Kult+kirche+ mußte die
Jesuskirche angreifen. Alle großen Christenverfolgungen, denen die
späteren Heidenverfolgungen genau entsprechen, sind von ihr und
nicht vom „römischen“ Staate ausgegangen und sie waren nur insofern
politisch, als auch die Kultkirche zugleich Nation und Vaterland
war. Man wird bemerken, daß unter der Maske der Kaiserverehrung
sich +zwei+ religiöse Bräuche verbergen -- in den antiken
Städten des Westens, Rom an der Spitze, entstand der Einzelkult des
_divus_ als letzter Ausdruck jenes euklidischen Gefühls, wonach
es einen rechtlichen und also auch sakralen Übergang vom _soma_
des Bürgers zu dem eines Gottes gab; im Osten wurde daraus ein
Bekenntnis zum Kaiser als dem Heiland und Gottmenschen, dem Messias
aller Synkretisten, das deren Kirche durch eine höchste nationale
Form zusammengefaßt hat. Das Opfer für den Kaiser ist das vornehmste
+Sakrament+ dieser Kirche; es entspricht durchaus der christlichen
Taufe und man versteht, was die Forderung und Verweigerung dieser Akte
in den Zeiten der Verfolgung symbolisch zu bedeuten hatte. Alle diese
Kirchen besitzen Sakramente: heilige Mahlzeiten wie den Haomatrank der
Perser, das Passah der Juden, das Abendmahl der Christen, ähnliche
für Attis und Mithras; die Taufriten der Mandäer, der Christen, der
Isis- und Kybeleverehrer. Man könnte deshalb die einzelnen Kulte
der Heidenkirche fast als Sekten und Orden bezeichnen und würde für
das Verständnis ihrer scholastischen Kämpfe untereinander und die
gegenseitige Proselytenmacherei damit viel gewonnen haben.
Alle echt antiken Mysterien wie die von Eleusis und die, welche von
den Pythagoräern um 500 in unteritalischen Städten begründet worden
waren, sind an den Ort gebunden und durch einen sinnbildlichen Vorgang
bezeichnet. Innerhalb der Pseudomorphose lösen sie sich vom Orte;
sie können überall, wo Eingeweihte beisammen sind, vollzogen werden
und haben nun das Ziel der magischen Ekstase und eines asketischen
Lebenswandels: aus den Besuchern der Mysterienstätte hat sich ein
Orden entwickelt, der sie ausübt. Die Gemeinschaft der Neupythagoräer,
um 50 v. Chr. gegründet und den jüdischen Essäern nahe verwandt,
ist nichts weniger als eine antike Philosophenschule; sie ist ein
echter Mönchsorden und zwar nicht der einzige, der innerhalb des
Synkretismus die Ideale der christlichen Eremiten und islamischen
Derwische vorwegnimmt. Diese Heidenkirche besitzt ihre Einsiedler,
Heiligen, Propheten, Wunderbekehrungen, heiligen Schriften und
Offenbarungen.[166] In der Bedeutung des Götterbildes für den Kult
vollzieht sich eine sehr merkwürdige und noch kaum untersuchte
Wendung. Der größte Nachfolger Plotins, Jamblich, hat endlich um 300
das gewaltige System einer orthodoxen Theologie und priesterlichen
Hierarchie mit strengem Ritual für diese Heidenkirche entworfen, und
sein Schüler Julian hat sein ganzes Leben daran gesetzt und zuletzt
geopfert, um diese Kirche für die Ewigkeit aufzurichten.[167] Er
wollte sogar Klöster für meditierende Männer und Frauen einrichten
und eine Kirchenbuße einführen. Eine mächtige Begeisterung, die sich
bis zum Martyrium steigerte und weit über den Tod des Kaisers hinaus
andauerte, hat diese gewaltige Arbeit unterstützt. Es gibt Inschriften,
die man kaum anders übersetzen kann als: „Es ist nur ein Gott und
Julian ist sein Prophet.“[168] Zehn Jahre mehr und diese Kirche wäre
eine geschichtliche Tatsache von Dauer geworden. Endlich hat das
Christentum nicht nur ihre Macht geerbt, sondern in wichtigen Stücken
auch Form und Gehalt. Es ist nicht ganz richtig, wenn man sagt, die
römische Kirche habe sich den Bau des römischen Reiches angeeignet.
Dieser Bau +war+ schon eine Kirche. Es gab eine Zeit, wo beide
sich berührten. Konstantin der Große war Urheber des Konzils von Nicäa
und zugleich Pontifex Maximus. Seine Söhne, eifrige Christen, haben ihn
zum _divus_ erhoben und ihm den vorgeschriebenen Kult gewidmet.
Augustin wagte den kühnen Ausspruch, daß die wahre Religion vor dem
Erscheinen des Christentums in Gestalt der antiken vorhanden gewesen
sei.[169]
5
Wenn man das Judentum von Cyrus bis Titus überhaupt verstehen will, muß
man sich immer wieder drei Tatsachen ins Gedächtnis rufen, welche die
philologisch und theologisch voreingenommene Forschung zwar kennt, aber
in ihren Erwägungen nicht mitzählen läßt: die Juden sind eine „Nation
ohne Land“, ein _consensus_, und zwar in einer Welt +von lauter
Nationen gleicher Art+. Jerusalem ist zwar ein Mekka, ein heiliger
Mittelpunkt, aber weder die Heimat +noch das geistige Zentrum+
des Volkes. Endlich sind die Juden nur so lange eine einzigartige
Erscheinung der Weltgeschichte, als man sie von vornherein als solche
behandelt.
Gewiß sind die nachexilischen Juden im Gegensatz zu den „Israeliten“
vor dem Exil, was wohl zuerst Hugo Winckler erkannt hat, ein Volk
von ganz neuer Art, aber sie sind es nicht allein. Die aramäische
Welt begann sich damals in eine ganze Anzahl solcher Völker, darunter
Perser und Chaldäer,[170] zu gliedern, die alle in demselben Gebiet
und trotzdem in strenger Abgeschlossenheit voneinander lebten und
vielleicht schon damals die rein arabische Wohnart des Ghetto
aufgebracht haben.
Die ersten Vorverkünder der neuen Seele sind +die prophetischen
Religionen+, die mit einer großartigen Innerlichkeit um 700
entstanden und den urwüchsigen Gebräuchen des Volkes und seiner
Herrscher entgegentraten. Auch sie sind eine allgemein aramäische
Erscheinung. Je mehr ich über Amos, Jesaja, Jeremia und dann über
Zarathustra nachdenke, desto verwandter erscheinen sie mir. Was sie
zu trennen scheint, ist nicht ihr neuer Glaube, sondern das, was
sie bekämpfen: die einen jene wilde altisraelitische Religion, die
in Wirklichkeit ein ganzes Bündel von Religionen ist[171] mit dem
Glauben an heilige Steine und Bäume, mit zahllosen Ortsgöttern zu Dan,
Bethel, Hebron, Sichem, Beerseba, Gilgal, einem Jahwe (oder Elohim),
mit dessen Namen eine Menge ganz verschiedenartiger Numina bezeichnet
wird, mit Ahnenkult und Menschenopfern, Derwischtänzen und heiliger
Prostitution, untermischt mit undeutlichen Überlieferungen von Moses
und Abraham und vielen Bräuchen und Sagen der spätbabylonischen Welt,
die in Kanaan längst zu bäuerlichen Formen herabgesunken und erstarrt
waren; der andere jenen altvedischen, sicherlich ebenso vergröberten
Helden- und Wikingerglauben, der es wohl nötig hatte, durch das
immer wiederholte Lob des heiligen Rindes und seiner Zucht an die
Wirklichkeit erinnert zu werden. Zarathustra hat um 600, oft im Elend,
verfolgt und verkannt gelebt und ist als Greis in einem Kriege gegen
die Ungläubigen umgekommen,[172] ein Zeitgenosse des unglücklichen
Jeremia, der von seinem Volke seiner Prophezeiungen wegen gehaßt,
von seinem König gefangen gesetzt und nach der Katastrophe von den
Flüchtlingen nach Ägypten mitgeschleppt und dort erschlagen wurde.
Ich glaube nun, daß diese große Epoche noch eine dritte prophetische
Religion hervorgebracht hat.
Es darf die Vermutung gewagt werden, daß auch die „chaldäische“
Religion mit ihrem astronomischen Tiefblick und ihrer jeden neuen
Betrachter überraschenden Innerlichkeit damals und zwar durch
schöpferische Persönlichkeiten vom Range eines Jesaja aus Restgebilden
der altbabylonischen Religion entstanden ist.[173] Die Chaldäer
waren um 1000 wie die Israeliten eine Gruppe aramäisch redender
Stämme im Süden von Sinear. Noch heute wird die Muttersprache Jesu
zuweilen chaldäisch genannt. Zur Seleukidenzeit bezeichnet der Name
eine verbreitete religiöse Gemeinschaft und im besonderen deren
Priester. Die chaldäische Religion ist eine Astralreligion, was die
babylonische -- vor Hammurabi -- +nicht+ gewesen ist. Sie stellt
die tiefsinnigste Deutung des magischen Weltraumes, der Welthöhle mit
dem in ihr waltenden Kismet dar, die es gibt, und sie ist deshalb bis
in die spätesten Zustände der islamischen und jüdischen Spekulation die
Grundlage geblieben. Von ihr und nicht von der babylonischen Kultur
ist seit dem 7. Jahrhundert eine Astronomie als exakte Wissenschaft --
nämlich +als priesterliche Beobachtungstechnik+ von erstaunlichem
Scharfblick -- ausgebildet worden.[174] Sie hat die babylonische
Mondwoche durch die Planetenwoche ersetzt. Die volkstümlichste Gestalt
der alten Religion war Ischtar gewesen, die Göttin des Lebens und der
Fruchtbarkeit. Jetzt ist sie ein Planet. Tammuz, der sterbende und
im Frühling wieder auferstehende Vegetationsgott, wird ein Fixstern.
Es meldet sich endlich das henotheistische Gefühl. Für den großen
Nebukadnezar ist Marduk der eine und wahre Gott der Barmherzigkeit
und Nabu, der alte Gott von Borsippa, sein Sohn und Sendbote zu den
Menschen. Chaldäerkönige haben ein Jahrhundert hindurch (625-539) die
Welt beherrscht, aber sie waren auch die Verkünder der neuen Religion.
Sie selbst haben zu den Tempelbauten Ziegel getragen. Von Nebukadnezar,
dem Zeitgenossen des Jeremia, besitzen wir noch das Gebet an Marduk bei
seiner Thronbesteigung. An Tiefe und Reinheit steht es neben den besten
Stücken israelitischer Prophetendichtung. Die chaldäischen Bußpsalmen,
auch in Rhythmus und innerem Bau den jüdischen eng verwandt, kennen
die Schuld, deren der Mensch sich nicht bewußt ist, und das Leid, das
durch reumütiges Bekennen vor dem zürnenden Gott abgewehrt werden kann.
Es ist dasselbe Vertrauen auf die Barmherzigkeit der Gottheit, das
auch in den Inschriften des Baalstempels von Palmyra einen wahrhaft
christlichen Ausdruck gefunden hat.[175]
Der Kern der prophetischen Lehre ist bereits magisch: Es gibt einen
wahren Gott als Prinzip des Guten, mag es Jahwe, Ahura Mazda oder
Marduk-Baal sein; die andern Gottheiten sind ohnmächtig oder böse.
An ihn knüpft sich die messianische Hoffnung, sehr deutlich bei
Jesaja, aber mit innerer Notwendigkeit in den folgenden Jahrhunderten
überall durchbrechend. Es ist der magische Grundgedanke; in ihm
liegt die Annahme eines welthistorischen Kampfes zwischen Gut und
Böse, mit der Macht des Bösen über die mittlere Zeit und dem Endsieg
des Guten am jüngsten Tage. Diese Moralisierung der Weltgeschichte
ist Persern, Chaldäern und Juden gemeinsam. Aber mit ihr wird
auch schon der Begriff des bodenständigen Volkes aufgelöst und
die Entstehung magischer Nationen ohne irdische Heimat und Grenze
vorbereitet. Der Begriff des auserwählten Volkes taucht auf,[176] aber
es ist begreiflich, daß die Menschen von starker Rasse, die großen
Geschlechter voran, solch allzu geistliche Gedanken innerlich ablehnten
und dem Prophetentum gegenüber auf den alten kräftigen Stammesglauben
verwiesen. Nach den Untersuchungen von Cumont war die Religion der
persischen Könige polytheistisch und ohne das Haomasakrament, also
nicht ganz diejenige Zarathustras; dasselbe gilt von den meisten
israelitischen Königen und aller Wahrscheinlichkeit nach von dem
letzten Chaldäer Naboned, der gerade wegen seiner Ablehnung der
Mardukreligion von Cyrus mit Hilfe des eignen Volkes gestürzt werden
konnte. Die Beschneidung und die -- chaldäische -- Sabbatfeier sind als
Sakramente erst Erwerbungen des Exils.
Aber das babylonische Exil hatte zwischen Juden und Persern doch einen
gewaltigen Unterschied geschaffen, nicht in den letzten Wahrheiten
des frommen Wachseins, aber in allen Tatsachen des wirklichen Lebens
und damit auch in den tiefsten Gefühlen diesem Leben gegenüber. Es
waren die Jahwegläubigen, die heimkehren +durften+, und die
Anhänger Ahura Mazdas, die es ihnen +erlaubten+. Von zwei kleinen
Stammesgruppen, die zweihundert Jahre vorher vielleicht die gleiche
Zahl von waffenfähigen Männern besaßen, hatte die eine die Welt in
Besitz genommen, und während Darius im Norden die Donau überschritt,
dehnte seine Macht sich im Süden über Ostarabien bis zur Insel
Sokotra an der Somaliküste aus;[177] die andere war ein gänzlich
bedeutungsloses Objekt fremder Politik.
Das hat die eine Religion so herrenmäßig, die andere so unterwürfig
gemacht. Man lese Jeremia und dann die große Behistuninschrift des
Darius -- was für ein prachtvoller Stolz des Königs auf seinen
siegreichen Gott! Und wie verzweifelt sind die Gründe, mit denen die
israelitischen Propheten das Bild ihres Gottes in sich zu retten
suchen. Hier, im Exil, wo durch die persischen Siege die Augen
aller Juden sich auf die zarathustrische Lehre richteten, geht das
rein jüdische Prophetentum (Amos, Hosea, Jesaja, Jeremia) in das
+apokalyptische+ über (Deuterojesaja, Hesekiel, Sacharja). Alle
die neuen Visionen vom Menschensohn, vom Satan, den Erzengeln, den
sieben Himmeln, dem jüngsten Gericht sind +persische Fassungen des
gemeinsamen Weltgefühls+. Jesaja 41 erscheint Cyrus selbst, wie
der Messias gefeiert. Hat der große Schöpfer des zweiten Jesaja seine
Erleuchtung von einem Zarathustrajünger empfangen? Ist es möglich, daß
die Perser selbst die innere Verwandtschaft beider Lehren empfanden
und die Juden deshalb in die Heimat entließen? Gewiß ist, daß beide
die volkstümlichen Vorstellungen von den letzten Dingen geteilt und
den gleichen Haß gegen die Ungläubigen der altbabylonischen und
antiken Religion gefühlt und ausgesprochen haben, gegen alle fremden
Glaubensweisen überhaupt, nur nicht gegeneinander.
Aber man muß diese „Heimkehr“ doch auch einmal von Babylon aus
betrachten. Es war die große und rassekräftige Menge, die diesem
Gedanken in Wirklichkeit ganz fern stand, ihn nur als Gedanken,
als Traum gelten ließ, ohne Zweifel ein tüchtiger Bauern- und
Handwerkerschlag mit einem in Bildung begriffenen Landadel, der
ruhig in seinen Besitzungen blieb, und zwar +unter einem eigenen
Fürsten+, dem Resch Galuta, der seine Residenz in Nehardea
hatte.[178] Die Heimziehenden sind die Wenigsten, die Hartköpfigen,
die Eiferer. Es waren 40000, mit Weib und Kind. Das kann kein
Zehntel, nicht einmal ein Zwanzigstel der Gesamtzahl gewesen sein.
Wer diese Ansiedler und ihr Schicksal mit dem Judentum überhaupt
verwechselt,[179] der vermag in den tieferen Sinn aller folgenden
Ereignisse nicht einzudringen. +Die judäische Kleinwelt führte ein
geistiges Sonderleben, das von der gesamten Nation geachtet, aber
durchaus nicht geteilt wurde.+ Im Osten blühte die apokalyptische
Literatur, die Erbin der prophetischen, prachtvoll auf. Hier war eine
echte Volksdichtung zu Hause, von der ein Meisterwerk, das Buch Hiob,
mit seinem islamischen und gar nicht judäischen Geiste[180] übrig
geblieben ist, während eine Menge anderer Märchen und Sagen, darunter
Judith, Tobit, Achikar, sich als Motive durch alle Literaturen der
„arabischen“ Welt verbreitet haben. In Judäa gedieh nur das Gesetz; der
talmudische Geist erscheint zuerst bei Hesekiel[181] und verkörpert
sich seit 450 in den Schriftgelehrten (Soferim) mit Esra an der
Spitze. Von 300 v. bis 200 n. Chr. haben hier die Tannaim die Tora
ausgelegt und also die Mischna entwickelt. Weder das Auftreten Jesu
noch die Zerstörung des Tempels haben diese abstrakte Beschäftigung
unterbrochen. Jerusalem wurde das Mekka der Strenggläubigen; als
Koran wurde ein Gesetzbuch anerkannt, dem nach und nach eine ganze
Urgeschichte mit chaldäisch-persischen Motiven, aber in pharisäischer
Umgestaltung eingeordnet wurde.[182] Aber in diesem Kreise war kein
Platz für eine weltliche Kunst, Poesie und Gelehrsamkeit. Was im
Talmud an astronomischem, medizinischem und juristischem Wissen steht,
ist ausschließlich mesopotamischer Herkunft.[183] Wahrscheinlich
begann dort +schon im Exil+ jene chaldäisch-persisch-jüdische
Sektenbildung, die zu Beginn der magischen Kultur bis zur Stiftung
großer Religionen fortschritt und in der Lehre Manis den Gipfel
erreichte. „Das Gesetz und die Propheten“ -- +das ist beinahe der
Unterschied von Judäa und Mesopotamien+. In der späteren persischen
und jeder andern magischen Theologie sind beide Richtungen vereinigt,
nur hier haben sie sich +örtlich+ getrennt. Die Entscheidungen
von Jerusalem wurden allenthalben anerkannt; es fragt sich aber,
wie weit sie befolgt worden sind. Schon Galiläa war den Pharisäern
verdächtig; in Babylonien durfte kein Rabbiner geweiht werden. Von
dem großen Gamaliel, dem Lehrer des Paulus, wird gerühmt, daß seine
Verordnungen von den Juden „selbst im Auslande“ befolgt würden. Wie
unabhängig man in Ägypten lebte, beweisen die kürzlich entdeckten
Urkunden von Elefantine und Assuan.[184] Um 170 bittet Onias den
König um Erlaubnis, einen Tempel „nach den Maßen des jerusalemischen“
errichten zu dürfen, mit der Begründung, daß die vielen gesetzwidrig
bestehenden Tempel einen ewigen Hader unter den Gemeinden erregten.
Es ist noch eine zweite Betrachtung nötig. Das Judentum hat sich wie
das Persertum seit der Zeit des Exils aus sehr kleinen Stammesverbänden
ins Ungeheure vermehrt und zwar durch Bekehrung und Übertritte.
+Es ist die einzige Form der Eroberung, deren eine Nation ohne
Land fähig ist und den magischen Religionen deshalb natürlich und
selbstverständlich.+ Im Norden drang es über den Judenstaat Adiabene
schon früh bis zum Kaukasus vor, im Süden, wahrscheinlich längs des
persischen Golfes, nach Saba; im Westen gab es in Alexandria, Kyrene
und Cypern den Ausschlag. Die Verwaltung von Ägypten und die Politik
des Partherreiches lagen zum großen Teil in jüdischen Händen.
+Aber diese Bewegung geht einzig von Mesopotamien aus.+ Es ist
apokalyptischer und nicht talmudischer Geist darin. In Jerusalem
erfindet das Gesetz immer neue Schranken gegen die Ungläubigen. Es
genügt nicht, daß man auf Bekehrungen verzichtet. Man darf nicht einmal
einen Heiden unter seinen Vorfahren haben. Ein Pharisäer erlaubt sich,
dem allgemein beliebten König Hyrkan (135-106) zuzurufen, er solle
das Hohepriesteramt niederlegen, weil seine Mutter sich einmal in
der Gewalt der Ungläubigen befunden habe.[185] Es ist dieselbe Enge,
welche in der christlichen Urgemeinde Judäas als Widerstand gegen die
Heidenmission zum Vorschein kommt. Im Osten wäre niemand auch nur auf
den Gedanken gekommen, hier eine Grenze zu ziehen, es widerspricht
dem ganzen Begriff der magischen Nation. Aber daraus folgt +die
geistige Überlegenheit des weiten Ostens+. Mochte das Synedrion in
Jerusalem von unbestrittener religiöser Autorität sein, politisch und
damit geschichtlich ist der Resch Galuta eine ganz andere Macht. Das
übersieht die christliche wie die jüdische Forschung. Soviel ich weiß,
hat niemand die bedeutsame Tatsache beachtet, daß die Verfolgung durch
Antiochus Epiphanes sich überhaupt nicht gegen „das Judentum“, sondern
gegen Judäa richtete, und das führt zu einer Einsicht von noch viel
größerer Tragweite.
Die Zerstörung Jerusalems traf nur einen sehr kleinen Teil der Nation
und +politisch wie geistig bei weitem den unbedeutendsten+. Es
ist nicht wahr, daß das jüdische Volk seitdem „in der Zerstreuung“
gelebt hätte. Es lebte seit Jahrhunderten und nicht allein, sondern
zugleich mit dem persischen und anderen in einer Form, die an kein Land
gebunden war. Und man mißversteht auch den Eindruck dieses Krieges auf
das eigentliche Judentum, das von Judäa wie ein Zubehör betrachtet und
behandelt wurde. Man empfand den Sieg der Heiden und den Untergang
des Heiligtums in tiefster Seele[186] und hat in dem Kreuzzug von 115
die schwerste Rache genommen, aber das galt dem jüdischen und nicht
dem judäischen Ideal. Mit dem „Zionismus“ ist es damals wie früher
unter Cyrus und heute nur einer ganz geringen und geistig beschränkten
Minderheit ernst gewesen. Hätte man das Unglück wirklich als „Verlust
der Heimat“ empfunden, wie wir uns das nach abendländischem Gefühl
vorstellen, so wäre die Rückeroberung seit Mark Aurel hundertmal
möglich gewesen. Aber sie hätte dem magischen Nationalgefühl
widersprochen. Die ideale Form der Nation war die „Synagoge“, der
reine consensus wie die urkatholische „sichtbare Kirche“ und wie der
Islam, und gerade sie ist durch die Vernichtung von Judäa und dem hier
geltenden Stammesgeiste +erst ganz verwirklicht worden+.
Der Krieg Vespasians, der sich nur gegen Judäa richtete, war eine
Befreiung des Judentums. Denn erstens verschwand damit der Anspruch
der Bevölkerung dieses winzigen Gebietes, die eigentliche Nation
zu sein, und die Gleichsetzung ihrer kahlen Geistigkeit mit dem
Seelenleben des Ganzen. Die gelehrte Forschung, die Scholastik und
Mystik der östlichen Hochschulen kam zu ihrem Recht. Der Oberrichter
Karna hat, etwa gleichzeitig mit Ulpian und Papinian, an der Hochschule
von Nehardea das erste Zivilrecht zusammengestellt.[187] Und zweitens
rettete es diese Religion vor den Gefahren der Pseudomorphose, denen
das Christentum gleichzeitig erlag. Es hatte seit 200 v. Chr. eine halb
hellenistische Judenliteratur gegeben. Der Prediger Salomo (Koheleth)
enthält pyrrhonische Stimmungen. Die Weisheit Salomos, das zweite
Makkabäerbuch, Theodot, der Aristeasbrief und anderes folgen; es gibt
Stücke wie die Spruchsammlung Menanders, bei denen sich überhaupt nicht
ermitteln läßt, ob sie griechisch oder jüdisch sein sollte. Es gab um
160 Hohepriester, die aus hellenistischem Geist die jüdische Religion
bekämpften, und spätere Herrscher wie Hyrkan und Herodes, die dasselbe
mit politischen Mitteln versuchten. Diese Gefahr ist mit dem Jahre 70
sofort und endgültig zu Ende.
Es gab zur Zeit Jesu in Jerusalem drei Richtungen, die man +als
allgemein aramäische+ betrachten darf: die Pharisäer, Sadduzäer und
Essäer. Obwohl die Begriffe und Namen schwanken und die Ansichten der
christlichen wie der jüdischen Forschung sehr verschieden sind, darf
doch gesagt werden:
Die erste Gesinnung tritt am reinsten im Judaismus, die zweite im
Chaldäertum, die dritte im Hellenismus hervor.[188] Essäisch ist die
Entstehung des ordensartigen Mithraskultes im östlichen Kleinasien,
pharisäisch ist in der Kultkirche das System des Porphyrius. Die
Sadduzäer, obwohl sie in Jerusalem selbst als kleiner vornehmer Kreis
erscheinen -- Josephus vergleicht sie mit den Epikuräern --, sind
allgemein aramäisch durch ihre apokalyptischen und eschatologischen
Stimmungen, durch das, was in dieser Frühzeit dem Geiste Dostojewskis
verwandt ist. Sie und die Pharisäer verhalten sich wie Mystik und
Scholastik, wie Johannes und Paulus, wie Bundehesch und Vendidad
der Perser. Die Apokalyptik ist volkstümlich und in vielen Zügen
seelisches Gemeingut der ganzen aramäischen Welt. Das talmudische und
awestische Pharisäertum ist exklusiv und sucht jede Religion so schroff
als möglich abzusondern. Nicht der Glaube und die Visionen, sondern
der strenge Ritus, der gelernt und eingehalten werden muß, ist ihm das
Wichtigste, so daß nach seiner Ansicht der Laie aus Unkenntnis des
Gesetzes gar nicht fromm sein kann.