als Gift und Lüge empfunden worden. Ein wahrhaft apokalyptischer Haß
richtet sich gegen Europa auf. Und „Europa“ war alles, was nicht
russisch war, auch Rom und Athen, ganz wie für den magischen Menschen
damals auch das alte Ägypten und Babylon antik, heidnisch, teuflisch
war. „Die erste Bedingung der Befreiung des russischen Volksgefühls
ist: von ganzem Herzen und aus voller Seele Petersburg zu hassen,“
schreibt Aksakow 1863 an Dostojewski. Moskau ist heilig, Petersburg
ist der Satan; Peter der Große erscheint in einer verbreiteten
Volkslegende als der Antichrist. Genau so redet es aus allen
Apokalypsen der aramäischen Pseudomorphose, vom Buche Daniel und Henoch
zur Makkabäerzeit bis auf die Offenbarung Johannis, Baruch und den IV.
Esra nach der Zerstörung Jerusalems, gegen Antiochus, den Antichrist,
gegen Rom, die babylonische Hure, gegen die Städte des Westens mit
ihrem Geist und Pomp, gegen die gesamte antike Kultur. Alles was
entsteht, ist unwahr und unrein: diese verwöhnte Gesellschaft, die
durchgeistigten Künste, die sozialen Stände, der fremde Staat mit
seiner zivilisierten Diplomatie, Rechtsprechung und Verwaltung. Es
gibt keinen größeren Gegensatz als russischen und abendländischen,
jüdisch-christlichen und spätantiken Nihilismus: den Haß gegen das
Fremde, das die noch ungeborene Kultur im Mutterschoß des Landes
vergiftet, und den Ekel vor der eignen, deren Höhe man endlich satt
ist. Tiefstes religiöses Weltgefühl, plötzliche Erleuchtungen, Schauder
der Furcht vor dem kommenden Wachsein, metaphysisches Träumen und
Sehnen stehen am Anfang, bis zum Schmerz gesteigerte geistige Klarheit
am Ende der Geschichte. In diesen beiden Pseudomorphosen mischen
sie sich. „Alle grübeln sie jetzt auf den Straßen und Marktplätzen
über den Glauben“, heißt es bei Dostojewski. Das hätte auch von
Jerusalem und Edessa gesagt werden können. Diese jungen Russen vor dem
Kriege, schmutzig, bleich, erregt, in Winkeln hockend und immer mit
Metaphysik beschäftigt, alles mit den Augen des Glaubens betrachtend,
selbst wenn sich das Gespräch dem Anschein nach um Wahlrecht, Chemie
oder Frauenstudium bewegte -- das sind die Juden und Urchristen
der hellenistischen Großstädte, die der Römer mit so viel Spott,
Widerwillen und heimlicher Furcht betrachtete. Es gab im zarischen
Rußland kein Bürgertum, überhaupt keine echten Stände, sondern
nur Bauern und „Herren“ wie im Frankenreiche. Die „Gesellschaft“
war eine Welt für sich, das Produkt einer westlerischen Literatur,
etwas Fremdes und Sündhaftes. Es gab keine russischen Städte. Moskau
war eine Pfalz -- der Kreml -- um den sich ein riesenhafter Markt
ausbreitete. Die Scheinstadt, die sich hineindrängt und herumlagert,
und alle die andern auf dem Boden des Mütterchen Rußland sind des
Hofes, der Verwaltung, der Kaufleute wegen da; aber was in ihnen
lebt, ist oben eine fleischgewordne Literatur, die „Intelligenz“ mit
angelesenen Problemen und Konflikten, und in der Tiefe entwurzeltes
Bauernvolk mit all der metaphysischen Trauer, Angst und dem Elend,
das Dostojewski mit ihm erlebt hat, mit dem beständigen Heimweh nach
der weiten Erde und dem bitteren Haß gegen die steinerne greisenhafte
Welt, in die der Antichrist sie verlockt hatte. Moskau besaß keine
eigene Seele. Die Gesellschaft war von westlichem Geist und das Volk
unten führte die Seele des Landes mit sich. Zwischen beiden Welten
gab es kein Verstehen, keine Vermittlung, keine Verzeihung. Will man
die beiden großen Fürsprecher und Opfer der Pseudomorphose verstehen,
so war Dostojewski ein Bauer, Tolstoi ein Mensch der weltstädtischen
Gesellschaft. Der eine konnte sich innerlich vom Lande nie befreien,
der andere hat es trotz allen verzweifelten Bemühens niemals gefunden.
+Tolstoi ist das vergangene, Dostojewski das kommende Rußland.+
Tolstoi ist mit seinem ganzen Innern dem Westen verbunden. Er ist der
große Wortführer des Petrinismus, auch wenn er ihn verneint. Es ist
stets eine westliche Verneinung. Auch die Guillotine war eine legitime
Tochter von Versailles. Sein mächtiger Haß redet gegen das Europa, von
dem er selbst sich nicht befreien kann. Er haßt es in sich, er haßt
sich. Er wird damit der Vater des Bolschewismus. Die ganze Ohnmacht
dieses Geistes und „+seiner+“ Revolution von 1917 spricht aus den
nachgelassenen Szenen: „Das Licht leuchtet in der Finsternis.“ Diesen
Haß kennt Dostojewski nicht. Er hat alles Westliche mit einer ebenso
leidenschaftlichen Liebe umfaßt. „Ich habe zwei Vaterländer, Rußland
und Europa.“ Für ihn hat das alles, Petrinismus und Revolution, bereits
keine Wirklichkeit mehr. Aus +seiner+ Zukunft blickt er wie aus
weiter Ferne darüber hin. Seine Seele ist apokalyptisch, sehnsüchtig,
verzweifelt, aber dieser Zukunft gewiß. „Ich werde nach Europa
fahren,“ sagt Iwan Karamasoff zu seinem Bruder Aljoscha, „ich weiß
es ja, daß ich nur auf einen Friedhof fahre, doch auf den teuersten,
allerteuersten Friedhof, das weiß ich auch. Teure Tote liegen dort
begraben, jeder Stein über ihnen redet von einem so heißen vergangenen
Leben, von so leidenschaftlichem Glauben an die vollbrachten eigenen
Taten, an die eigene Wahrheit, an den eigenen Kampf und die eigene
Erkenntnis, daß ich, ich weiß es im voraus, zur Erde niederfallen,
diese Steine küssen und über ihnen weinen werde.“ Tolstoi ist durchaus
ein großer Verstand, „aufgeklärt“ und „sozial gesinnt“. Alles was er um
sich sieht, nimmt die späte, großstädtische und westliche Form eines
Problems an. Dostojewski weiß gar nicht, was Probleme sind. Jener ist
ein Ereignis innerhalb der europäischen Zivilisation. Er steht in der
Mitte zwischen Peter dem Großen und dem Bolschewismus. Die russische
Erde haben sie alle nicht zu Gesicht bekommen. Was sie bekämpfen,
wird durch die Form, in der sie es tun, doch wieder anerkannt. Das
ist nicht Apokalyptik, sondern geistige Opposition. Sein Haß gegen
den Besitz ist nationalökonomischer, sein Haß gegen die Gesellschaft
sozialethischer Natur; sein Haß gegen den Staat ist eine politische
Theorie. Daher seine gewaltige Wirkung auf den Westen. Er gehört
irgendwie zu Marx, Ibsen und Zola. Seine Werke sind nicht Evangelien,
sondern späte, geistige Literatur. Dostojewski gehört zu niemand, wenn
nicht zu den Aposteln des Urchristentums. Seine „Dämonen“ waren in der
russischen Intelligenz als konservativ verschrien. Aber Dostojewski
sieht diese Konflikte gar nicht. Für ihn ist zwischen konservativ und
revolutionär überhaupt kein Unterschied: beides ist westlich. Eine
solche Seele sieht über alles Soziale hinweg. Die Dinge dieser Welt
erscheinen ihr so unbedeutend, daß sie auf ihre Verbesserung keinen
Wert legt. Keine echte Religion will die Welt der Tatsachen verbessern.
Dostojewski wie jeder Urrusse bemerkt sie gar nicht; sie leben in
einer zweiten, metaphysischen, die jenseits der ersten liegt. Was hat
die Qual einer Seele mit dem Kommunismus zu tun? Eine Religion, die
bei Sozialproblemen angelangt ist, hat aufgehört, Religion zu sein.
Dostojewski aber lebt schon in der Wirklichkeit einer unmittelbar
bevorstehenden religiösen Schöpfung. Sein Aljoscha ist dem Verständnis
aller literarischen Kritik, auch der russischen, entzogen; sein
Christus, den er immer schreiben wollte, wäre ein echtes Evangelium
geworden wie jene des Urchristentums, die gänzlich außerhalb aller
antiken und jüdischen Literaturformen stehen. Aber Tolstoi ist ein
Meister des westlichen Romans -- Anna Karenina wird von keinem zweiten
auch nur entfernt erreicht --, ganz wie er auch in seinem Bauernkittel
ein Mann der Gesellschaft ist.
Anfang und Ende stoßen hier zusammen. Dostojewski ist ein Heiliger,
Tolstoi ist nur ein Revolutionär. Von ihm allein, dem echten Nachfolger
Peters, geht der Bolschewismus aus: nicht das Gegenteil, sondern
die letzte Konsequenz des Petrinismus, die äußerste Herabwürdigung
des Metaphysischen durch das Soziale und eben deshalb nur eine neue
Form der Pseudomorphose. War die Gründung von Petersburg die erste
Tat des Antichrist, so war die Vernichtung der von Petersburg aus
gebildeten Gesellschaft durch sich selbst die zweite: so muß das
Bauerntum es innerlich empfinden. Denn die Bolschewisten sind nicht
das Volk, auch nicht ein Teil von ihm. Sie sind die tiefste Schicht
der „Gesellschaft“, fremd, westlerisch wie sie, aber von ihr nicht
anerkannt und deshalb vom Haß der Niedrigen erfüllt. Alles das ist
großstädtisch und zivilisiert, das Sozialpolitische, der Fortschritt,
die Intelligenz, die ganze russische Literatur, die erst romantisch und
dann nationalökonomisch für Freiheiten und Verbesserungen schwärmt.
Denn alle ihre „Leser“ gehören zur Gesellschaft. Der echte Russe ist
ein Jünger Dostojewskis, obwohl er ihn nicht liest, obwohl +und
weil er+ überhaupt nicht lesen kann. Er ist selbst ein Stück
Dostojewski. Wären die Bolschewisten, die in Christus ihresgleichen,
einen bloßen Sozialrevolutionär erblicken, geistig nicht so eng, sie
würden in Dostojewski ihren eigentlichen Feind erkannt haben. Was
dieser Revolution ihre Wucht gab, war nicht der Haß der Intelligenz.
Es war das Volk, das +ohne Haß+, nur aus dem Trieb, sich von
einer Krankheit zu heilen, die westlerische Welt durch ihren Abhub
zerstörte und diesen selbst ihr nachsenden wird, das stadtlose Volk,
das sich nach seiner eigenen Lebensform, seiner eigenen Religion,
seiner eigenen künftigen Geschichte sehnt. Das Christentum Tolstois
war ein Mißverständnis. Er sprach von Christus und meinte Marx. Dem
Christentum Dostojewskis gehört das nächste Jahrtausend.
3
Außerhalb der Pseudomorphose und um so kräftiger, je geringer die
Macht antiken Geistes im Lande liegt, drängen alle Formen einer echten
Ritterzeit hervor. Scholastik und Mystik, Lehnstreue, Minnesang,
Kreuzzugsbegeisterung -- das war alles in den ersten Jahrhunderten
der arabischen Kultur vorhanden, man muß es nur zu finden wissen. Es
gibt auch nach Septimius Severus noch dem Namen nach Legionen, aber
sie sehen im Osten aus wie das Gefolge eines Herzogs; Beamte werden
ernannt, aber eigentlich hat man einem Grafen ein Lehen übertragen;
während der Cäsarentitel im Westen in die Hände von Häuptlingen
fällt, verwandelt sich der Osten in ein frühes Khalifat, das mit dem
Lehnsstaat der reifen Gotik die erstaunlichste Ähnlichkeit hat. Im
Sassanidenreich, im Hauran, in Südarabien bricht eine echte Ritterzeit
an. Ein König von Saba, Schamir Juharisch, lebt wie Roland und König
Artus durch seine Heldentaten in der arabischen Sage fort, die ihn
durch Persien bis nach China ziehen läßt.[150] Das Reich von Maan im
ersten vorchristlichen Jahrtausend bestand neben dem israelitischen und
läßt sich in seinen Überresten mit Mykene und Tiryns vergleichen; die
Spuren reichen tief nach Afrika hinein.[151] Jetzt aber erblüht in ganz
Südarabien und selbst im abessinischen Gebirge die Feudalzeit.[152]
In Axum entstehen in frühchristlicher Zeit mächtige Schlösser und die
Königsgräber mit den größten Monolithen der Welt.[153] Hinter den
Königen steht ein Lehnsadel der Grafen (_kail_) und Statthalter
(_kabir_), Vasallen von oft zweifelhafter Treue, deren großer
Besitz die Hausmacht der Könige mehr und mehr einengt. Die endlosen
christlich-jüdischen Kriege zwischen Südarabien und dem Reich von
Axum[154] haben ritterlichen Charakter und lösen sich oft in
Einzelfehden auf, die von den Baronen von deren Burgen aus geführt
werden. In Saba herrschen die -- später christlichen -- Hamdaniden.
Hinter ihnen steht das christliche und mit Rom verbündete Reich von
Axum, das um 300 vom weißen Nil bis zur Somaliküste und dem persischen
Golf reicht und 525 die jüdischen Himjariten stürzt. 542 fand hier
der Fürstenkongreß von Marib statt, auf dem Byzanz und Persien durch
Gesandte vertreten waren. Noch heute liegen überall im Lande die
zahllosen Ruinen mächtiger Schlösser, von denen man in islamischer Zeit
sich nur denken konnte, daß sie von Geisterhänden erbaut seien. Die
Burg Gomdan war eine Festung von zwanzig Stockwerken.[155]
Im Sassanidenreich herrschte die Ritterschaft der Dinkane, und der
glänzende Hof dieser „Staufenkaiser“ des frühen Ostens ist in jedem
Betracht für den byzantinischen seit Diokletian vorbildlich geworden.
Noch viel später wußten die Abbassiden in ihrer neugegründeten Residenz
Bagdad nichts Besseres, als das Sassanidenideal eines höfischen
Lebens in großer Form nachzuahmen. In Nordarabien entwickelte sich an
den Höfen der Ghassaniden und Lachmiden eine echte Troubadour- und
Minnepoesie, und ritterliche Dichter fochten zur Kirchenväterzeit
„mit Wort, Lanze und Schwert“ ihre Wettkämpfe aus. Darunter war
auch ein Jude, Samuel, Burgherr auf Al Ablaq, der um fünf kostbarer
Panzer willen eine berühmte Belagerung durch den König von El Hira
aushielt.[156] Dieser Lyrik gegenüber ist die spätarabische, wie sie
seit 800 namentlich in Spanien blühte, nichts als Romantik, die zu
jener altarabischen Kunst in ganz demselben Verhältnis steht wie Uhland
und Eichendorff zu Walter von der Vogelweide.
Für diese junge Welt der ersten nachchristlichen Jahrhunderte hatten
unsere Altertumsforscher und Theologen keinen Blick. Mit den Zuständen
des spätrepublikanischen und kaiserlichen Roms beschäftigt, sehen sie
hier nur primitive und jedenfalls unbedeutende Verhältnisse. Aber die
Partherscharen, die wieder und wieder gegen römische Legionen anritten,
waren ritterlich begeisterte Mazdaisten. Es lag Kreuzzugsstimmung über
ihren Heeren. So hätte es mit dem Christentum werden können, wenn es
nicht ganz der Pseudomorphose verfallen wäre. Die Stimmung war auch
hier vorhanden. Tertullian sprach von der _militia Christi_
und das Sakrament wurde als Fahneneid bezeichnet. In den späteren
Heidenverfolgungen war Christus der Held, für den sein Gefolge zu Felde
zog, aber einstweilen gab es statt christlicher Ritter und Grafen
römische Legaten und statt der Schlösser und Turniere diesseits der
römischen Grenze nur Lager und Hinrichtungen. Aber trotzdem war es ein
echter Kreuzzug der Juden und kein eigentlicher Partherkrieg, der 115
unter Trajan losbrach und in dem als Vergeltung für die Zerstörung von
Jerusalem die ganze ungläubige -- „griechische“ -- Bevölkerung von
Cypern, angeblich 240000 Menschen, niedergemacht wurde. Nisibis ist
damals in einer vielbewunderten Belagerung von Juden verteidigt worden.
Das kriegerische Adiabene war ein Judenstaat. In allen Parther- und
Perserkriegen gegen Rom haben die bäuerlich-ritterlichen Aufgebote der
mesopotamischen Juden in der ersten Linie gefochten.
Aber nicht einmal Byzanz hat sich dem Geiste der arabischen
Feudalzeit ganz entziehen können, die unter einer Schicht spätantiker
Verwaltungsformen namentlich im Innern Kleinasiens zur Entstehung eines
echten Lehnswesens führte. Es gab da mächtige Geschlechter, deren
Vasallentreue unzuverlässig war und die alle den Ehrgeiz hatten, den
byzantinischen Thron in ihren Besitz zu bringen. „Anfänglich an die
Hauptstadt gebunden, die nur mit Erlaubnis des Kaisers verlassen werden
durfte, saß dieser Adel später auf seinen weitgedehnten Domänen in der
Provinz und bildete seit dem 4. Jahrhundert als Provinzaristokratie
einen wirklichen Stand, der im Laufe der Zeit für sich eine gewisse
Unabhängigkeit von der kaiserlichen Macht beanspruchte.“[157]
Das „römische Heer“ hat sich im Osten in weniger als zwei Jahrhunderten
aus einer modernen Armee in ein Ritterheer zurückverwandelt.
Die römische Legion ist durch die Maßnahmen der Severer um 200
verschwunden.[158] Im Westen sanken sie zu Horden herab; im Osten
entstand im 4. Jahrhundert ein spätes, aber echtes Rittertum.
Den Ausdruck gebraucht schon Mommsen, ohne seine Tragweite zu
erkennen.[159] Der junge Adlige erhielt eine sorgfältige Ausbildung
im Einzelkampf, zu Pferde, mit Bogen und Lanze. Kaiser Gallienus, der
Freund Plotins und Erbauer der Porta Nigra, eine der bedeutendsten und
unglücklichsten Erscheinungen aus der Zeit der Soldatenkaiser, bildete
um 260 aus Germanen und Mauren eine neue Art von berittener Truppe,
seine Gefolgstreuen. Es ist bezeichnend, daß in der Religion des
römischen Heeres die alten Stadtgottheiten zurücktreten und unter den
Namen des Mars und Herkules die germanischen Götter des persönlichen
Heldentums an die Spitze gelangen.[160] Die _palatini_ Diokletians
sind nicht ein Ersatz für die von Septimius Severus aufgelösten
Prätorianer, sondern ein kleines wohldiszipliniertes Ritterheer,
während die _comitatenses_, das große Aufgebot, in _numeri_,
„Fähnlein“ geordnet werden. Die Taktik ist die einer jeden Frühzeit,
welche auf persönliche Tapferkeit stolz ist. Der Angriff erfolgt in der
germanischen Form des Gevierthaufens („Eberkopfes“). Unter Justinian
ist das der Zeit Karls V. genau entsprechende System der Landsknechte
voll ausgebildet, die von Kondottieri[161] in der Art Frundsbergs
angeworben werden und unter sich Landsmannschaften bilden. Der Zug des
Narses wird von Prokop[162] ganz wie die großen Werbungen Wallensteins
beschrieben.
Aber daneben erscheint in diesen frühen Jahrhunderten auch eine
prachtvolle Scholastik und Mystik magischen Stils, die an den
berühmten Hochschulen des gesamten aramäischen Gebiets zu Hause ist:
den persischen von Ktesiphon, Resain, Dschondisabur, den jüdischen
von Sura, Nehardea und Pumbadita, denen anderer „Nationen“ in
Edessa, Nisibis, Kinnesrin. Hier sind die Hauptsitze einer blühenden
Astronomie, Philosophie, Chemie und Medizin, aber nach Westen hin
wird diese große Erscheinung durch die Pseudomorphose verdorben. Was
magischen Ursprungs und Geistes ist, geht zu Alexandria und Beirut in
die Formen griechischer Philosophie und römischer Rechtswissenschaft
über; es wird in antiken Sprachen niedergeschrieben, in fremde und
längst erstarrte Literaturformen gepreßt und durch die greisenhafte
Denkweise einer ganz anders angelegten Zivilisation verfälscht. Damals
und nicht mit dem Islam beginnt die arabische Wissenschaft. Aber weil
unsere Philologen nur das entdeckten, was in spätantiker Fassung in
Alexandria und Antiochia erschien, und von dem ungeheuren Reichtum der
arabischen Frühzeit und den wirklichen Mittelpunkten ihres Forschens
und Schauens nichts ahnten, konnte die absurde Meinung entstehen, „die
Araber“ seien geistige Epigonen der Antike gewesen. In Wirklichkeit
ist so gut wie alles, was -- von Edessa aus gesehen -- jenseits der
Philologengrenze dem heutigen Auge als Frucht spätantiken Geistes gilt,
nichts als der Widerschein früharabischer Innerlichkeit. Damit stehen
wir vor der Pseudomorphose der magischen Religion.
4
Die antike Religion lebt in einer ungeheuren Zahl von
+Einzelkulten+, die, in dieser Gestalt dem apollinischen Menschen
natürlich und selbstverständlich, jedem Fremden in ihrem eigentlichen
Wesen so gut wie verschlossen sind. Sobald Kulte von solcher Art
entstanden, gab es eine antike Kultur. Sobald sie in später Römerzeit
ihr Wesen veränderten, war die Seele dieser Kultur zu Ende. Außerhalb
der antiken Landschaft sind sie niemals echt und lebendig gewesen. Das
Göttliche ist stets an einen +einzelnen Ort gebunden+ und auf ihn
beschränkt. Das entspricht dem statischen und euklidischen Weltgefühl.
Das Verhalten des Menschen zur Gottheit hat die Form eines ebenfalls
ortsgebundenen Kultes, dessen Bedeutung +im Bilde+ der rituellen
Handlung und nicht in deren dogmatischem Hintersinn liegt. Wie die
Bevölkerung in zahllose nationale Punkte, so zerfällt ihre Religion
in diese winzigen Kulte, deren jeder von jedem andern vollständig
unabhängig ist. +Nicht ihr Umfang, sondern nur ihre Anzahl+ kann
zunehmen. Es ist die einzige Form des Wachstums innerhalb der antiken
Religion und sie schließt jede Mission vollständig aus. Denn diese
Kulte übt man aus, aber man gehört ihnen nicht an; es gibt keine
antiken „Gemeinden“. Wenn spätes Denken in Athen etwas Allgemeineres im
Göttlichen und Kultischen annimmt, so ist das nicht Religion, sondern
Philosophie, die sich auf das Denken einzelner beschränkt und auf das
Empfinden der Nation, nämlich der Polis, nicht im geringsten einwirkt.
Im schärfsten Gegensatz dazu steht die sichtbare Form der magischen
Religion, die Kirche, die Gemeinschaft der Rechtgläubigen, die keine
Heimat und keine irdische Grenze kennt. Von der magischen Gottheit gilt
das Wort Jesu: „Wo zwei oder drei versammelt sind in meinem Namen, da
bin ich mitten unter ihnen.“ Es versteht sich, daß für jeden Gläubigen
nur ein Gott der wahre und gute sein kann, die Götter der andern aber
falsch und böse sind.[163] Die Beziehung zwischen diesem Gott und dem
Menschen ruht nicht im Ausdruck, sondern in der geheimen Kraft, in der
Magie gewisser symbolischer Handlungen: damit sie wirksam sind, muß
man ihre Form und Bedeutung genau kennen und sie danach ausüben. Die
Kenntnis dieser Bedeutung ist ein Besitz der Kirche -- sie ist die
Kirche selbst als die Gemeinschaft der Kenner -- und damit liegt der
Schwerpunkt jeder magischen Religion nicht im Kult, sondern in einer
Lehre, im +Bekenntnis+.
Solange die Antike sich seelisch aufrecht hielt, bestand die
Pseudomorphose darin, daß alle Kirchen des Ostens in Kulte
westlichen Stils überführt wurden. Das ist eine wesentliche Seite
des Synkretismus. Die persische Religion dringt als Mithraskult ein,
die chaldäisch-syrische in den Kulten der Gestirngötter und Baale
(Jupiter Dolichenus, Sabazios, Sol invictus, Atargatis), das Judentum
in Gestalt eines Jahwekultes, denn die ägyptischen Gemeinden der
Ptolemäerzeit lassen sich nicht anders bezeichnen,[164] und auch das
früheste Christentum, wie die paulinischen Briefe und die römischen
Katakomben deutlich erkennen lassen, als Jesuskult. Mögen alle diese
Kulte, die etwa seit Hadrian die der echt antiken Stadtgötter völlig
in den Hintergrund drängen, noch so laut den Anspruch erheben, eine
Offenbarung des einzig wahren Glaubens zu sein -- Isis nennt sich
_deorum dearumque facies uniformis_ --, so tragen sie doch
sämtliche Merkmale des antiken Einzelkultes: sie vermehren deren Zahl
ins Unendliche; jede Gemeinde steht für sich und ist örtlich begrenzt;
alle diese Tempel, Katakomben, Mithräen, Hauskapellen sind Kultorte, an
welche die Gottheit nicht ausdrücklich, aber gefühlsmäßig gebunden ist;
aber trotzdem liegt magisches Empfinden in dieser Frömmigkeit. Antike
Kulte +übt man aus+, und zwar in beliebiger Zahl, von diesen
+gehört man einem einzigen an+. Die Mission ist dort undenkbar,
hier ist sie selbstverständlich, und der Sinn religiöser Übungen
verschiebt sich deutlich nach der lehrhaften Seite.
Mit dem Hinschwinden der apollinischen und dem Aufblühen der magischen
Seele seit dem zweiten Jahrhundert kehrt sich das Verhältnis um. Das
Verhängnis der Pseudomorphose bleibt, aber es sind jetzt Kulte des
Westens, +die zu einer neuen Kirche des Ostens werden+. Aus der
Summe von Einzelkulten entwickelt sich eine Gemeinschaft derer, welche
an diese Gottheiten und Übungen glauben, und nach dem Vorgange des
Persertums und Judentums entsteht ein neues Griechentum als magische
Nation. Aus der sorgfältig festgelegten Form der Einzelhandlung bei
Opfern und Mysterien wird eine Art Dogma über den Gesamtsinn dieser
Akte. Die Kulte können sich gegenseitig vertreten; man übt sie nicht
eigentlich aus, sondern „hängt ihnen an“. Und aus der +Gottheit des
Ortes+ wird, ohne daß jemand sich der Schwere dieser Wandlung bewußt
wäre, +die am Orte gegenwärtige Gottheit+.
So sorgfältig der Synkretismus seit Jahrzehnten durchforscht ist,
so wenig hat man doch den Grundzug seiner Entwicklung, zuerst die
Verwandlung östlicher Kirchen in westliche Kulte und dann mit
umgekehrter Tendenz die Entstehung der Kultkirche erkannt.[165] Aber
die Religionsgeschichte der frühchristlichen Jahrhunderte ist anders
gar nicht zu verstehen. Der Kampf zwischen Christus und Mithras als
Kultgottheiten in Rom erhält jenseits von Antiochia die Form eines
Kampfes zwischen der persischen und der christlichen Kirche. Aber
der schwerste Krieg, den das Christentum zu führen hatte, nachdem
es selbst der Pseudomorphose verfallen und deshalb mit dem Antlitz
seiner geistigen Entwicklung nach Westen gerichtet war, galt nicht der
wirklichen antiken Religion, die es kaum noch zu Gesicht bekam und
deren öffentliche Stadtkulte innerlich längst erstorben und ohne jede
Macht über die Gemüter waren, sondern dem Heidentum oder Griechentum
+als einer neuen und kraftvollen Kirche+, die aus demselben Geist
entstanden war wie es selbst. Es gab zuletzt im Osten des Imperiums
nicht eine Kultkirche, sondern zwei, und wenn die eine nur aus
Christusgemeinden bestand, so verehrten die Gemeinden der andern unter
tausend Namen mit Bewußtsein ein und dasselbe göttliche Prinzip.