Geschichte hat und die Nation in sich erlebt, vertreten fühlt
und führen will, eine zweite entsteht, zeitlose, geschichtslose,
literarische Menschen, Menschen der Gründe und Ursachen, nicht des
Schicksals, welche, dem Blut und dem Dasein innerlich entfremdet, ganz
denkendes Wachsein, für den Begriff der Nation keinen „vernünftigen“
Inhalt mehr entdecken. Sie gehören ihr wirklich nicht mehr an, denn
Kulturvölker sind Formen von Daseinsströmen; Kosmopolitismus ist
eine bloße Wachseinsverbindung von „Intelligenzen“. Es ist Haß gegen
das Schicksal darin, vor allem gegen die Geschichte als Ausdruck des
Schicksals. Alles Nationale ist rassehaft bis zu dem Grade, daß es
keine Sprache findet und in allem, was Denken fordert, ungeschickt und
hilflos bis zum Verhängnis bleibt. +Kosmopolitismus ist Literatur+
und bleibt es, sehr stark in den Gründen und sehr schwach in ihrer
Verteidigung nicht mit neuen Gründen, sondern mit dem Blute.
Aber eben deshalb kämpft diese geistig weit überlegene Minderheit
mit geistigen Waffen und sie darf es, weil Weltstädte reiner
Geist, wurzellos und an sich schon zivilisierter Gemeinbesitz
sind. Die gebornen Weltbürger und Schwärmer für Weltfrieden und
Völkerversöhnung -- im China der kämpfenden Reiche, im buddhistischen
Indien, im Hellenismus und heute -- sind +die geistigen Führer des
Fellachentums+. _Panem et circenses_ -- +das ist nur eine
andere Formel für Pazifismus+. Ein antinationales Element ist in
der Geschichte aller Kulturen stets vorhanden gewesen, ob wir davon
Kunde haben oder nicht. Das reine auf sich selbst gestellte Denken
war immer lebensfremd und also geschichtsfeindlich, unkriegerisch,
rasselos. Es sei an den Humanismus und Klassizismus, an die Sophisten
Athens erinnert, an Buddha und Laotse, um von der leidenschaftlichen
Verachtung alles nationalen Ehrgeizes durch die großen Verteidiger
priesterlicher und philosophischer Weltanschauungen zu schweigen. Diese
Fälle mögen noch so verschieden sein, sie gleichen sich darin, daß
das Weltgefühl des Rassemäßigen, der politische und deshalb nationale
Tatsachensinn -- _right or wrong, my country!_ --, der Entschluß,
Subjekt und nicht Objekt der historischen Entwicklung zu sein --
denn etwas Drittes gibt es nicht --, kurz der Wille zur Macht durch
eine Neigung überwältigt wird, deren Führer sehr oft Menschen ohne
ursprüngliche Triebe, aber desto mehr auf Logik versessen sind, in
einer Welt der Wahrheiten, Ideale und Utopien zu Hause, Büchermenschen,
welche das Wirkliche durch das Logische, die Gewalt der Tatsachen durch
eine abstrakte Gerechtigkeit, das Schicksal durch die Vernunft ersetzen
zu können glauben. Es fängt an mit den Menschen der ewigen Angst,
die sich aus der Wirklichkeit in Klöster, Denkerstuben und geistige
Gemeinschaften zurückziehen und die Weltgeschichte für gleichgültig
erklären, und endet in jeder Kultur bei den Aposteln des Weltfriedens.
Jedes Volk bringt solchen -- geschichtlich betrachtet -- Abfall hervor.
Schon die Köpfe bilden physiognomisch eine Gruppe für sich. Sie nehmen
in der „Geschichte des Geistes“ einen hohen Rang ein -- eine lange
Reihe berühmter Namen ist darunter --, vom Standpunkt der wirklichen
Geschichte aus betrachtet sind sie minderwertig.
Das Schicksal einer Nation mitten in den Ereignissen ihrer Welt hängt
davon ab, wie weit es der Rasse glückt, diese Erscheinung geschichtlich
unwirksam zu machen. Es ist vielleicht heute noch nachzuweisen, daß in
der chinesischen Staatenwelt das Reich von Tsin um 250 v. Chr. deshalb
den Endsieg erfocht, weil seine Nation allein sich von den Stimmungen
des Taoismus frei erhalten hatte. Jedenfalls hat das römische Volk
über den Rest der Antike gesiegt, weil es die Fellacheninstinkte des
Hellenismus für die Haltung seiner Politik auszuschalten wußte.
Eine Nation ist Menschentum in lebendige Form gebracht. Das praktische
Ergebnis weltverbessernder Theorien ist regelmäßig eine +formlose und
deshalb geschichtslose+ Masse. Alle Weltverbesserer und Weltbürger
vertreten Fellachenideale, ob sie es wissen oder nicht. +Ihr
Erfolg bedeutet die Abdankung der Nation innerhalb der Geschichte,
nicht zugunsten des ewigen Friedens, sondern zugunsten anderer.+
Der Weltfriede ist jedesmal ein einseitiger Entschluß. Die _pax
Romana_ hat für die späteren Soldatenkaiser und germanischen
Heerkönige nur die eine praktische Bedeutung: eine formlose
Bevölkerung von hundert Millionen zum Objekt des Machtwillens kleiner
Kriegerschwärme zu machen. Dieser Friede kostete die Friedlichen Opfer,
gegen welche die der Schlacht von Cannä verschwinden. Die babylonische,
chinesische, indische und ägyptische Welt gingen aus einer Erobererhand
in die andere und bezahlten den Kampf mit ihrem eigenen Blute. Das war
ihr -- Friede. Als die Mongolen 1401 Mesopotamien eroberten, haben
sie aus 100000 Schädeln der Bevölkerung von Bagdad, die sich nicht
gewehrt hatte, ein Siegesdenkmal aufgeschichtet. Allerdings, mit dem
Erlöschen der Nationen ist eine Fellachenwelt über die Geschichte
geistig erhaben, endgültig zivilisiert, „ewig“. Sie kehrt im Reich der
Tatsachen in einen natürlichen Zustand zurück, der zwischen langem
Dulden und vorübergehendem Wüten auf und ab schwankt, ohne daß mit
allem Blutvergießen -- das durch keinen Weltfrieden je geringer wird
-- sich etwas ändert. Einst hatten sie für sich geblutet, jetzt müssen
sie es für andere und oft genug nur zu deren Unterhaltung -- das ist
der Unterschied. Ein handfester Führer, der zehntausend Abenteurer
versammelt, kann schalten, wie er will. Gesetzt, die ganze Welt wäre
ein einziges Imperium, so wäre damit lediglich der Schauplatz für die
Heldentaten solcher Eroberer der denkbar größte geworden.
Lever doodt als Sklaav: das ist ein altfriesischer Bauernspruch. Die
Umkehrung ist der Wahlspruch jeder späten Zivilisation und jede hat
erfahren müssen, wieviel er kostet.
[112] Das geht so weit, daß die großstädtische Arbeiterschaft sich
als +das+ Volk bezeichnet und damit das Bürgertum, mit dem sie kein
Gemeingefühl verbindet, von diesem Begriffe ausschließt, aber das
Bürgertum von 1789 hatte es nicht anders gemacht.
[113] Ed. Meyer, Ursprung und Geschichte der Mormonen (1912) S. 128
ff.
[114] In Mazedonien haben Serben, Bulgaren und Griechen im
19. Jahrhundert christliche Schulen für die türkenfeindliche
Bevölkerung gegründet. Wenn in einem Dorfe zufällig serbisch
unterrichtet wurde, so bestand schon die folgende Generation aus
fanatischen Serben. Die heutige Stärke der „Nationen„ ist also
lediglich eine Folge der früheren Schulpolitik.
[115] Über die Skepsis Belochs bezüglich der angeblichen dorischen
Wanderung vgl. seine Griechische Gesch. I, 2, Abschn. VIII.
[116] C. Mehlis, Die Berberfrage (Archiv f. Anthropologie 39,
S. 249 ff.), wo auch über die Verwandtschaft norddeutscher und
mauretanischer Keramik und sogar vieler Fluß- und Bergnamen
berichtet wird. Die alten Pyramidenbauten in Westafrika sind
einerseits den nordischen Hünengräbern, andererseits den
Königsgräbern des Alten Reiches nahe verwandt. (Einige Abbildungen
bei L. Frobenius, Der kleinafrikanische Grabbau, 1916.)
[117] Die Bevölkerung der griechisch-römischen Welt, 1886.
[118] Geschichte der Kriegskunst, zuerst 1900.
[119] Ramses III., der sie schlug, hat ihren Zug in seinen Reliefs
von Medinet Habu abgebildet, W. M. Müller, Asien und Europa 366.
[120] Die eben deshalb den sinnlosen Begriff Geistesadel erfunden
haben.
[121] Obwohl gerade in Rom die Freigelassenen, also in der Regel
Menschen ganz fremden Blutes, das Bürgerrecht erhalten und schon
der Zensor Appius Claudius (310) Söhne ehemaliger Sklaven in
den Senat aufnahm. Einer von ihnen, Flavius, ist damals schon
kurulischer Ädil geworden.
[122] Die ältesten datierten Zeugnisse der iranischen Sprache,
Zeitschr. f. vgl. Sprachf. 42, S. 26.
[123] S. oben S. 177.
[124] Ed. Meyer a. a. O., S. 1 ff.
[125] Zum folgenden vgl. Kap. III.
[126] Gesch. d. Altertums, I, § 590 f.
[127] Andreas und Wackernagel, Nachr. d. Gött. Ges. d. Wiss., 1911,
S. 1 ff.
[128] S. weiter unten.
[129] Vgl. S. 125 ff.
[130] Vgl. Kap. IV A.
[131] S. oben S. 68 ff. Der Sklave gehört nicht zur Nation. Die
Einstellung von Nichtbürgern in das Heer einer Stadt, die in
Zeiten der Not unvermeidlich wurde, ist deshalb auch immer als
Erschütterung des nationalen Gedankens empfunden worden.
[132] Schon die Ilias verrät den Hang, sich im Kleinen und
Kleinsten als Volk zu fühlen.
[133] Man sollte doch beachten, daß weder Plato noch Aristoteles
in ihren politischen Schriften sich das ideale Volk anders als in
der Polisform denken können, aber ebenso natürlich ist es, daß
die Denker des 18. Jahrhunderts auch „die Alten“ als Nationen im
Geschmack Shaftesburys und Montesquieus sahen; nur sollten +wir+
darüber hinaus sein.
[134] S. oben S. 79 ff.
[135] F. N. Finck, Die Sprachstämme des Erdkreises (1915) S. 29.
[136] Wohl gegen Ende des 2. Jahrhunderts n. Chr. Vgl. S. 78 ff.
[137] Eine lose Gruppe edomitischer Stämme, die mit Moabitern,
Amalekitern, Ismaeliten u. a. damals eine ziemlich gleichförmige,
hebräisch sprechende Bevölkerung bildeten.
[138] Vgl. S. 199.
[139] Südlich vom Wansee. Die Hauptstadt ist Arbela, die alte
Heimat der Göttin Ischtar.
[140] Arch. f. Anthrop. Bd. 19.
[141] Ztschr. f. Ethnol. 1919.
[142] Digesten 50, 15.
[143] Geffcken, Der Ausg. des griech.-röm. Heident. (1920) S. 57.
[144] Ich bin überzeugt, daß die Nationen Chinas, die zu Beginn
der Dschouzeit im Gebiet des mittleren Hoangho in großer Zahl
entstanden, ebenso wie die Gauvölker des ägyptischen Alten Reiches,
von denen jedes eine Hauptstadt und eine besondere Religion besaß
und die noch zur Römerzeit förmliche Religionskriege gegeneinander
führten, ihrer inneren Form nach den Völkern des Abendlandes
verwandter gewesen sind als den antiken und arabischen. Indessen
ist die Forschung auf solche Fragen noch gar nicht aufmerksam
geworden.
DRITTES KAPITEL
PROBLEME DER ARABISCHEN KULTUR
HISTORISCHE PSEUDOMORPHOSEN
1
In einer Gesteinsschicht sind Kristalle eines Minerals eingeschlossen.
Es entstehen Spalten und Risse; Wasser sickert herab und wäscht
allmählich die Kristalle aus, so daß nur ihre Hohlform übrig bleibt.
Später treten vulkanische Ereignisse ein, welche das Gebirge sprengen;
glühende Massen quillen herein, erstarren und kristallisieren ebenfalls
aus. Aber es steht ihnen nicht frei, es in ihrer eigenen Form zu tun;
sie müssen die vorhandenen ausfüllen und so entstehen gefälschte
Formen, Kristalle, deren innere Struktur dem äußeren Bau widerspricht,
eine Gesteinsart in der Erscheinungsweise einer fremden. Dies wird von
den Mineralogen Pseudomorphose genannt.
Historische Pseudomorphosen nenne ich Fälle, in welchen eine fremde
alte Kultur so mächtig über dem Lande liegt, daß eine junge, die hier
zu Hause ist, nicht zu Atem kommt und nicht nur zu keiner Bildung
reiner, eigener Ausdrucksformen, sondern nicht einmal zur vollen
Entfaltung ihres Selbstbewußtseins gelangt. Alles was aus der Tiefe
eines frühen Seelentums emporsteigt, wird in die Hohlformen des fremden
Lebens ergossen; junge Gefühle erstarren in ältlichen Werken und statt
des Sichaufreckens in eigener Gestaltungskraft wächst nur der Haß gegen
die ferne Gewalt zur Riesengröße.
Dies ist der Fall der arabischen Kultur. Ihre Vorgeschichte liegt ganz
im Bereiche der uralten babylonischen Zivilisation,[145] die seit zwei
Jahrtausenden die Beute wechselnder Eroberer war. Ihre „Merowingerzeit“
wird durch die Diktatur der winzigen persischen Stammesgruppe[146]
bezeichnet, eines Urvolkes wie die Ostgoten, dessen zweihundertjährige,
kaum bestrittene Herrschaft eine unendliche Müdigkeit dieser
Fellachenwelt zur Voraussetzung hat. Aber seit 300 v. Chr. geht eine
große Erweckung durch die jungen Völker dieser vom Sinai bis zum Zagros
aramäisch redenden Welt.[147] Ein neues Verhältnis des Menschen
zu Gott, ein völlig neues Weltgefühl durchdringt wie zur Zeit des
trojanischen Krieges und der Sachsenkaiser alle bestehenden Religionen,
mögen sie die Namen des Ahura Mazda, Baal oder Jahwe tragen; überall
drängt es einer großen Schöpfung zu, aber in eben dem Augenblick und
so, daß ein innerer Zusammenhang nicht ganz unmöglich ist -- denn
die Macht des Persertums beruhte auf seelischen Voraussetzungen, die
gerade jetzt verschwanden --, erschienen die Makedonier, von Babylon
aus gesehen ein neuer Schwarm von Abenteurern wie alle früheren, und
breitete eine dünne Schicht antiker Zivilisation über die Länder bis
nach Indien und Turkestan. Die Diadochenreiche hätten zwar unvermerkt
Staaten vorarabischen Geistes werden können; das Seleukidenreich,
das sich mit dem aramäischen Sprachgebiet geradezu deckte, war es
schon um 200. Da aber wurde es seit der Schlacht bei Pydna in seinem
westlichen Teile nach und nach dem antiken Imperium eingefügt und also
der mächtigen Wirkung eines Geistes unterworfen, dessen Schwerpunkt in
weiter Ferne lag. Hier bereitet sich die Pseudomorphose vor.
Die magische Kultur ist geographisch und historisch die mittelste
in der Gruppe hoher Kulturen, die einzige, welche sich räumlich und
zeitlich fast mit allen andern berührt. Der Aufbau der Gesamtgeschichte
in unserem Weltbilde hängt deshalb ganz davon ab, ob man ihre innere
Form erkennt, welche durch die äußere gefälscht wird; aber gerade
sie ist aus philologischen und theologischen Vorurteilen und mehr
noch infolge der Zersplitterung der modernen Fachwissenschaft bis
jetzt nicht erkannt worden. Die abendländische Forschung ist seit
langem nicht nur dem Stoff und der Methode, sondern auch dem Denken
nach in eine Anzahl von Fachgebieten zerfallen, deren widersinnige
Abgrenzung es verhindert hat, daß man die großen Fragen auch nur sah.
Wenn irgendwo, so ist das „Fach“ für die Probleme der arabischen
Welt zum Verhängnis geworden. Die eigentlichen Historiker hielten
sich an das Interessengebiet der klassischen Philologie, aber deren
Horizont endete an der antiken Sprachgrenze im Osten. Infolgedessen
haben sie die tiefe Einheit der Entwicklung diesseits und jenseits
dieser seelisch gar nicht vorhandenen Schranke nie bemerkt. Das
Ergebnis war die Perspektive Altertum -- Mittelalter -- Neuzeit, die
+durch den griechisch-lateinischen Sprachgebrauch+ abgegrenzt
und zusammengehalten wird. Axum, Saba und auch das Sassanidenreich
waren für den Kenner der alten Sprachen, der sich an „Texte“
hielt, nicht erreichbar und deshalb geschichtlich so gut wie nicht
vorhanden. Die Literaturforscher, ebenfalls Philologen, verwechselten
den Geist der Sprache mit dem der Werke. Was im aramäischen
Gebiet griechisch geschrieben oder auch nur erhalten war, wurde
einer „spätgriechischen“ Literatur einverleibt und daraufhin eine
eigene Periode dieser Literatur angesetzt. Die Texte in anderen
Sprachen fielen nicht in ihr Fach und wurden deshalb zu anderen
Literaturgeschichten künstlich zusammengefaßt. Aber gerade hier lag
das stärkste Beispiel dafür vor, daß keine Literaturgeschichte der
Welt sich mit einer Sprache deckt.[148] Es gab hier eine geschlossene
Gruppe magischer Nationalliteraturen von einheitlichem Geist, aber in
+mehreren+ Sprachen, darunter auch den antiken. Denn eine Nation
magischen Stils hat keine Muttersprache. Es gibt eine talmudische,
manichäische, nestorianische, jüdische, sogar eine neupythagoräische
+National+literatur, aber keine hellenische oder hebräische.
Die Religionsforschung zerlegte das Gebiet in Einzelfächer nach
+westeuropäischen+ Konfessionen, und für die christliche Theologie
ist wieder die „Philologengrenze“ im Osten maßgebend gewesen und ist
es noch. Das Persertum fiel in die Hände der iranischen Philologie.
Weil die Awestatexte in einem arischen Dialekt nicht abgefaßt, aber
verbreitet wurden, ist dies gewaltige Problem als Nebenaufgabe für
Indologen betrachtet worden und verschwand damit völlig aus dem
Gesichtskreis der christlichen Theologie. Für die Geschichte des
talmudischen Judentums ist endlich, da die hebräische Philologie
mit der alttestamentlichen Forschung +ein+ Fach bildet, kein
weiteres Fach abgegrenzt worden und es wurde deshalb in allen großen
Religionsgeschichten, die ich kenne, die jede primitive Negerreligion
-- weil es eine Völkerkunde als Fach gibt -- und jede indische
Sekte in Betracht ziehen, vollständig +vergessen+. Das ist
die gelehrte Vorbereitung der größten Aufgabe, welche der heutigen
Geschichtsforschung gestellt ist.
2
Die römische Welt der Kaiserzeit hat ihre Lage wohl geahnt. Die
späten Schriftsteller sind voll von Klagen über die Entvölkerung
und geistige Verödung Afrikas, Spaniens, Galliens und vor allem der
antiken Stammgebiete, Italiens und Griechenlands. Ausgenommen von
diesem verzweifelten Umblick sind regelmäßig die Provinzen, welche zur
magischen Welt gehören. Syrien besonders ist dicht bevölkert und blüht
wie das parthische Mesopotamien dem Blute wie der Seele nach prachtvoll
auf. Das Übergewicht des jungen Ostens ist jedem fühlbar und mußte
endlich auch politisch zum Ausdruck kommen. Die revolutionären Kriege
zwischen Marius und Sulla, Cäsar und Pompejus, Antonius und Oktavian
sind von hier aus betrachtet ein Stück Vordergrundsgeschichte, hinter
welcher immer deutlicher der Versuch einer Emanzipation dieses Ostens
von dem geschichtslos werdenden Westen, einer erwachenden von einer
Fellachenwelt hervortritt. Die Verlegung der Hauptstadt nach Byzanz
war ein großes Symbol. Diokletian hatte Nikomedien gewählt, Cäsar an
Alexandria oder Ilion gedacht; Antiochia wäre in jedem Falle richtiger
gewesen. Aber dieser Akt vollzog sich drei Jahrhunderte zu spät: es
waren die entscheidenden der magischen Frühzeit.
Die Pseudomorphose beginnt mit Aktium -- +hier hätte Antonius siegen
müssen+. Es war +nicht+ der Entscheidungskampf zwischen
Römertum und Hellenismus, der zum Austrag kam; der ist bei Cannä und
Zama ausgefochten worden, von Hannibal, der das tragische Geschick
hatte, in Wirklichkeit nicht für sein Land, sondern für das Hellenentum
zu kämpfen. Bei Aktium stand die ungeborne arabische Kultur gegen die
greisenhafte antike Zivilisation. Es handelte sich um apollinischen
oder magischen Geist, um die Götter oder den Gott, um Prinzipat oder
Khalifat. Antonius’ Sieg hätte die magische Seele befreit; seine
Niederlage führte die starre Kaiserzeit über ihre Landschaft herauf.
Der Ausgang würde den Folgen der Schlacht von Tours und Poitiers 732
vergleichbar sein, wenn dort die Araber gesiegt und „Frankistan“ zu
einem Khalifat des Nordostens gemacht hätten. Arabische Sprache,
Religion und Gesellschaft wären in einer herrschenden Schicht heimisch
geworden, Riesenstädte wie Granada und Kairuan wären an Loire und
Rhein entstanden, das gotische Gefühl wäre gezwungen worden, sich in
den längst erstarrten Formen von Moschee und Arabeske auszudrücken
und statt der deutschen Mystik besäßen wir eine Art von Sufismus. Daß
das Entsprechende in der arabischen Welt wirklich geschah, war die
Folge davon, daß die syrisch-persische Bevölkerung keinen Karl Martell
hervorgebracht hat, der mit Mithridates, Brutus und Cassius oder
Antonius und über sie hinaus Rom bekämpfte.
Eine zweite Pseudomorphose liegt heute vor unseren Augen: das
petrinische Rußland. Die russische Heldensage der Bylinenlieder
erreicht ihren Gipfel in dem Kiewschen Sagenkreise vom Fürsten
Wladimir (um 1000) und seiner Tafelrunde und dem Volkshelden Ilja von
Murom.[149] Der ganze unermeßliche Unterschied zwischen der russischen
und der faustischen Seele liegt schon zwischen diesen Gesängen und
den „gleichzeitigen“ der Artus-, Ermanarich- und Nibelungensagen
der Wanderzeit in der Form des Hildebrand- und Walthariliedes. Die
russische Merowingerzeit beginnt mit dem Sturz der Tartarenherrschaft
durch Iwan III. (1480) und führt über die letzten Ruriks und die ersten
Romanows bis auf Peter den Großen (1689-1725). Sie entspricht genau
der Zeit von Chlodwig (481-511) bis zur Schlacht von Testri (687),
mit welcher die Karolinger tatsächlich die Herrschaft erhielten. Ich
rate jedem, die fränkische Geschichte des Gregor von Tours (bis 591)
und daneben die entsprechenden Abschnitte bei dem altväterischen
Karamsin zu lesen, vor allem die über Iwan den Schrecklichen, Boris
Godunow und Schuiski. Die Ähnlichkeit kann nicht größer sein. Auf
diese Moskowiterzeit der großen Bojarengeschlechter und Patriarchen,
in der beständig eine altrussische Partei gegen die Freunde westlicher
Kultur kämpfte, folgt mit der Gründung von Petersburg (1703) die
Pseudomorphose, welche die primitive russische Seele erst in die
fremden Formen des hohen Barock, dann der Aufklärung, dann des 19.
Jahrhunderts zwang. Peter der Große ist das Verhängnis des Russentums
geworden. Man denke sich seinen „Zeitgenossen“ Karl den Großen, der
planmäßig und mit seiner ganzen Energie das durchsetzt, was Karl
Martell durch seinen Sieg soeben verhindert hatte: die Herrschaft
des maurisch-byzantinischen Geistes. Es bestand die Möglichkeit,
die russische Welt nach Art der Karolinger oder der Seleukiden zu
behandeln, altrussisch nämlich oder „westlerisch“, und die Romanows
haben sich für das letzte entschieden. Die Seleukiden wollten Hellenen,
nicht Aramäer um sich sehen.
Der primitive Zarismus von Moskau ist die einzige Form, welche noch
heute dem Russentum gemäß ist, aber er ist in Petersburg in die
dynastische Form Westeuropas umgefälscht worden. Der Zug nach dem
+heiligen+ Süden, nach Byzanz und Jerusalem, der tief in allen
rechtgläubigen Seelen lag, wurde in eine weltmännische Diplomatie
mit dem Blick nach Westen verwandelt. Auf den Brand von Moskau,
die großartig symbolische Tat eines Urvolkes, aus welcher der
Makkabäerhaß gegen alles Fremde und Fremdgläubige redet, folgt der
Einzug Alexanders in Paris, die heilige Allianz und die Stellung im
Konzert der westlichen Großmächte. Ein Volkstum, dessen Bestimmung es
war, noch auf Generationen hin geschichtslos zu leben, wurde in eine
künstliche und unechte Geschichte gezwängt, deren Geist vom Urrussentum
gar nicht begriffen werden konnte. Späte Künste und Wissenschaften
wurden hereingetragen, Aufklärung, Sozialethik, weltstädtischer
Materialismus, obwohl in dieser Vorzeit Religion die einzige Sprache
war, in der man sich und die Welt verstand; in das stadtlose Land mit
seinem ursprünglichen Bauerntum nisteten sich Städte fremden Stils wie
Geschwüre ein. Sie waren falsch, unnatürlich, unwahrscheinlich bis in
ihr Innerstes. „Petersburg ist die abstrakteste und künstlichste Stadt,
die es gibt,“ bemerkt Dostojewski. Er hatte, obwohl er dort geboren
war, ein Gefühl, als ob sie sich eines Morgens mit den Sumpfnebeln
zugleich auflösen könnte. So, geisterhaft, unglaubwürdig, lagen die
hellenistischen Prunkstädte überall im aramäischen Bauernland. So hat
Jesus sie in seinem Galiläa gesehen. So muß Petrus empfunden haben, als
er das kaiserliche Rom erblickte.