Nation magischen Stils: „die Griechen“ des östlichen Sprachgebrauchs;
es ist der Inbegriff aller Menschen, welche den synkretistischen Kulten
anhängen und durch das _idjma_ der spätantiken Religiosität
zusammengehalten sind. Man erblickt nicht mehr die hellenistischen
Stadtnationen, sondern nur noch eine Gemeinde der Gläubigen, der
„Mysterienanbeter“, die unter dem Namen Helios, Jupiter, Mithras,
θεὸς ὕψιστος eine Art Jahwe oder Allah verehren. Griechentum ist im
ganzen Osten ein fester +religiöser+ Begriff, und er entspricht
durchaus der damaligen Wirklichkeit. Das Gefühl der _polis_ ist
fast erloschen, und eine magische Nation bedarf keines Vaterlandes
und keiner Einheit der Abstammung. Schon der Hellenismus des
Seleukidenreiches, der in Turkestan und am Indus Proselyten warb, war
seiner inneren Form nach dem nachexilischen Judentum und Persertum
verwandt. Der Aramäer Porphyrios, Schüler Plotins, hat später den
Versuch gemacht, dieses Griechentum als Kultkirche nach dem Vorbilde
der christlichen und persischen zu organisieren und Kaiser Julian
hat sie zur Staatskirche erhoben. Das war nicht nur ein religiöser,
sondern vor allem auch ein nationaler Akt. Wenn ein Jude dem Sol
oder Apollon opferte, so war er Grieche geworden. So tritt Ammonios
Sakkas († 242), der Lehrer des Plotin und wahrscheinlich des Origenes,
„von den Christen zu den Griechen“ über und ebenso Porphyrios, der
wie der römische Jurist Ulpian[142] ein Phöniker aus Tyrus war und
ursprünglich Malchus hieß.[143] Juristen und Beamte nehmen in diesem
Falle lateinische, Philosophen griechische Namen an. Das genügt heute
einer von philologischen Gesichtspunkten beherrschten Geschichts- und
Religionsforschung, um sie als Römer und Griechen im Sinne antiker
Stadtnationen zu behandeln. Wie viele unter den großen Alexandrinern
mögen aber Griechen nur im +magischen+ Sinne gewesen sein? Waren
Plotin und Diophant vielleicht der Geburt nach Juden oder Chaldäer?
Aber ebenso fühlten sich die Christen von Anfang an als Nation
magischen Stils und sie sind von den übrigen, Griechen („Heiden“)
wie Juden, nicht anders aufgefaßt worden. Diese haben ihren Abfall
vom Judentum ganz folgerichtig als Hochverrat und jene das werbende
Eindringen in die antiken Städte als Eroberung behandelt. Die Christen
aber bezeichneten die Andersgläubigen als τὰ ἔθνη. Als die Monophysiten
und Nestorianer sich von den Orthodoxen trennten, waren mit den neuen
Kirchen zugleich neue Nationen entstanden. Die Nestorianer werden seit
1450 durch den Mar-Schamun regiert, der zugleich Fürst und Patriarch
des Volkes ist und dem Sultan gegenüber genau die Stellung einnimmt,
die einst der jüdische Resch Galuta im Perserreich besaß. Man darf
dies aus einem ganz bestimmten Weltgefühl stammende und daher mit
Selbstverständlichkeit vorhandene Nationalbewußtsein nicht außer
acht lassen, wenn man die späteren Christenverfolgungen verstehen
will. Der magische Staat ist mit dem Begriff der Rechtgläubigkeit
untrennbar verbunden. Khalifat, Nation und Kirche bilden eine
innere Einheit. Adiabene trat +als Staat+ zum Judentum über,
Osrhoëne schon um 200 vom Griechentum zum Christentum, Armenien im
6. Jahrhundert von der griechischen zur monophysitischen Kirche.
Damit war jedesmal zum Ausdruck gebracht, daß der Staat mit der
Gemeinschaft der Rechtgläubigen als juristischer Person identisch
sei. Wenn im islamischen Staate Christen, im persischen Nestorianer,
im byzantinischen Juden leben, so gehören sie als Ungläubige ihm doch
nicht an und sind deshalb ihrer eigenen Gerichtsbarkeit überlassen (S.
79 ff.). Bedrohen sie durch ihre Zahl oder Mission den Fortbestand der
Identität von Staat und rechtgläubiger Kirche, so wird ihre Verfolgung
zur nationalen Pflicht. Deshalb sind im persischen Reiche zuerst die
Orthodoxen („Griechen“), später die Nestorianer verfolgt worden.
Diokletian, der als Khalif -- _dominus et deus_ -- die heidnische
Kultkirche mit dem Imperium verbunden hatte und sich durchaus als
Beherrscher +dieser+ Gläubigen fühlte, konnte sich auch der
Pflicht nicht entziehen, die zweite Kirche zu unterdrücken. Konstantin
wechselte die „wahre“ Kirche +und damit zugleich die Nationalität+
des Reiches von Byzanz. Von jetzt an geht der Griechenname langsam
und ganz unvermerkt auf die christliche Nation über und zwar auf die,
welche der Kaiser als Herrscher der Gläubigen anerkannte und auf den
großen Konzilen vertreten ließ. Daher das Ungewisse im geschichtlichen
Bilde des byzantinischen Reiches, das um 290 als antikes Imperium
organisiert und trotzdem von Anfang an ein magischer Nationalstaat
gewesen war, der unmittelbar danach (seit 312) die Nation wechselte,
ohne den Namen zu verändern. Unter dem Namen Griechen hat zuerst das
Heidentum als Nation die Christen, dann das Christentum als Nation
den Islam bekämpft. In der Verteidigung gegen diesen, die „arabische“
Nation, hat sich die Nationalität immer schärfer ausgeprägt und so sind
die heutigen Griechen ein Gebilde der magischen Kultur, das zuerst
durch die christliche Kirche, dann die heilige Sprache dieser Kirche,
endlich durch den Namen dieser Kirche entwickelt worden ist. Der Islam
hatte aus der Heimat Mohammeds den Arabernamen als Bezeichnung seiner
nationalen Einheit mitgebracht. Es ist ein Irrtum, diese „Araber“
mit den Beduinenstämmen der Wüste gleichzusetzen. Diese neue Nation
mit ihrer leidenschaftlichen und charaktervollen Seele ist durch den
_consensus_ des neuen Glaubens geschaffen worden. Sie ist so wenig
wie die christliche, jüdische und persische eine Einheit der Rasse und
mit einer Heimat verbunden; sie ist also auch nicht „ausgewandert“ und
hat vielmehr ihre ungeheure Ausdehnung durch die Aufnahme des größten
Teils der frühmagischen Nationen in ihren Verband erhalten. Diese
Nationen gehen mit dem Ende des ersten Jahrtausends sämtlich in die
Form von Fellachenvölkern über und als solche haben die Christenvölker
der Balkanhalbinsel unter türkischer Herrschaft, die Parsen in Indien
und die Juden in Westeuropa seitdem gelebt.
Die Nationen faustischen Stils treten seit Otto dem Großen in immer
bestimmteren Umrissen hervor und lösen die Urvölker der Karolingerzeit
sehr bald auf.[144] Um das Jahr 1000 bereits empfinden sich die
bedeutenderen Menschen überall als Deutsche, Italiener, Spanier oder
Franzosen, während kaum sechs Generationen früher ihre Ahnen sich im
Grunde ihrer Seele als Franken, Langobarden oder Westgoten gefühlt
hatten.
Der Völkerform dieser Kultur liegt wie der gotischen Architektur und
der Infinitesimalrechnung ein Hang zum Unendlichen zugrunde und zwar
im räumlichen wie im zeitlichen Sinne. Das Nationalgefühl umfaßt
einerseits einen geographischen Horizont, der für eine so frühe Zeit
und ihre Verkehrsmittel ungeheuer genannt werden muß und in keiner
anderen Kultur seinesgleichen hat. Das Vaterland +als Weite+,
als ein Gebiet, dessen Grenzen der Einzelne kaum je erblickt hat und
für dessen Schutz zu sterben er doch bereit ist, kann in seiner
symbolischen Tiefe und Mächtigkeit von Menschen fremder Kulturen nie
verstanden werden. Die magische Nation besitzt als solche überhaupt
keine irdische Heimat; die antike besitzt sie nur als Punkt, auf dem
sie sich zusammendrängt. Daß es schon in gotischer Zeit wirklich etwas
gab, worin sich Menschen im Etschtal und in den Ordensschlössern
Litauens als Glieder eines Verbandes fühlten, ist im alten China und
Ägypten völlig undenkbar und bildet den schroffsten Gegensatz zu Rom
oder Athen, wo alle Mitglieder des Demos sich gewissermaßen beständig
im Auge hatten.
Noch stärker ist das Pathos der Ferne im +zeitlichen+ Sinne. Es hat
der Idee des Vaterlandes, die aus dem nationalen Dasein +folgt+, eine
zweite vorangestellt, welche die faustischen Nationen überhaupt erst
+erzeugt+: +die dynastische+. Faustische Völker sind historische
Völker, Gemeinschaften, die sich nicht durch den Ort oder _consensus_,
sondern durch Geschichte verbunden fühlen; und als Sinnbild und Träger
des gemeinsamen Schicksals erscheint weithin sichtbar das herrschende
Haus. Für den ägyptischen und chinesischen Menschen war die Dynastie
ein Symbol von ganz anderer Bedeutung. +Hier+ bedeutet sie die Zeit,
insofern sie wollend und handelnd ist. Was man gewesen war, was man
sein wollte, das erblickte man im Dasein eines einzelnen Geschlechts.
Dieser Sinn wurde so tief empfunden, daß die Würdelosigkeit eines
Regenten das dynastische Gefühl nicht erschüttern konnte; die Idee,
nicht die Person stand in Frage. Und es geschah um der Idee willen,
daß Tausende für einen genealogischen Streit mit Überzeugung in den
Tod gingen. Antike Geschichte war für das antike Auge eine Kette von
Zufällen, die von Augenblick zu Augenblick führte; magische Geschichte
war für ihre Menschen die fortschreitende Verwirklichung eines von
Gott entworfenen Weltplanes, der sich zwischen Schöpfung und Untergang
an den Völkern und durch sie vollzog; faustische Geschichte ist für
unsern Blick ein einziges großes Wollen von bewußter Logik, in dessen
Vollendung die Nationen durch ihre Herrscher geführt und vertreten
werden. Das ist ein Zug der Rasse. Begründen läßt es sich nicht. So
hat man es empfunden und deshalb hat sich aus der Gefolgstreue der
germanischen Wanderzeit die Lehnstreue der Gotik, die Loyalität des
Barock und das nur scheinbar undynastische Nationalgefühl des 19.
Jahrhunderts entwickelt. Man täusche sich nicht über Tiefe und Rang
dieser Gefühle, wenn man die endlose Reihe der Eidbrüche von Vasallen
und Völkern und das ewige Schauspiel höfischer Kriecherei und gemeiner
Unterwürfigkeit mustert. Alle großen Symbole sind seelenhaft und können
nur in ihren höchsten Formen begriffen werden. Das Privatleben eines
Papstes steht zur Idee des Papsttums in keiner Beziehung. Gerade der
Abfall Heinrichs des Löwen bezeugt in einer Zeit der Nationenbildung,
wie stark ein bedeutender Herrscher das Schicksal „seines“ Volkes in
sich verkörpert fühlte. Er vertritt es vor der Geschichte und ist ihm
unter Umständen das Opfer seiner Ehre schuldig.
Alle Nationen des Abendlandes sind dynastischen Ursprungs. Noch in
der romanischen und frühgotischen Baukunst schimmerte die Seele
der karolingischen Urvölker durch. Es gibt keine französische
und deutsche Gotik, sondern eine salfränkische, rheinfränkische,
schwäbische, und ebenso eine westgotische -- Südfrankreich und
Nordspanien verbindende --, langobardische und sächsische Romanik.
Aber darüber breitet sich doch schon die Minderheit von Rassemenschen
aus, welche ihre Zugehörigkeit zu einer Nation im Sinne einer großen
historischen Sendung empfinden. Von ihnen gehen die Kreuzzüge aus,
in denen es wirklich ein deutsches und französisches Rittertum gibt.
Es ist das Kennzeichen faustischer Völker, daß sie sich der Richtung
ihrer Geschichte bewußt sind. Diese Richtung aber haftet an der
Geschlechterfolge. Das Rasseideal ist durchaus +genealogischer+
Natur -- in dieser Hinsicht ist der Darwinismus mit seinen Vererbungs-
und Abstammungslehren beinahe eine Karikatur der gotischen Heraldik --
und die Welt als Geschichte, in deren Bild jeder einzelne lebt, enthält
nicht nur den +Stammbaum der einzelnen Familie+, der herrschenden
voran, sondern auch den der Völker als Grundform alles Geschehens. Man
muß sehr genau zusehen, um zu bemerken, daß den Ägyptern und Chinesen
das faustisch-genealogische Prinzip mit den eminent historischen
Begriffen der Ebenbürtigkeit und des reinen Blutes ebenso fremd ist wie
dem römischen Adel und dem byzantinischen Kaisertum. Dagegen ist weder
unser Bauerntum noch das Patriziat der Städte ohne diese Idee denkbar.
Der gelehrte Begriff Volk, den ich oben zergliedert hatte, stammt
wesentlich aus dem genealogischen Empfinden der gotischen Zeit. Der
Gedanke eines Stammbaums der Völker hat den Stolz der Italiener, Erben
der Römer zu sein, und die Berufung der Deutschen auf ihre germanischen
Vorfahren zur Folge gehabt, und das ist etwas ganz anderes als der
antike Glaube an die zeitlose Abkunft von Helden und Göttern. Er hat
zuletzt, als seit 1789 die Muttersprache dem dynastischen Prinzip
hinzugefügt wurde, die ursprünglich rein wissenschaftliche Phantasie
von einem indogermanischen Urvolk zu einer tiefgefühlten Genealogie
der „arischen Rasse“ ausgestaltet, wobei das Wort Rasse fast eine
Bezeichnung für Schicksal geworden ist.
Aber die „Rassen“ des Abendlandes sind nicht die Schöpfer der
großen Nationen, sondern +ihre Folge+. Sie sind sämtlich zur
Karolingerzeit noch nicht vorhanden gewesen. Es ist das Standesideal
der Ritterschaft, das in Deutschland wie in England, Frankreich und
Spanien in verschiedener Richtung züchtend gewirkt und in weitem
Umfange das durchgesetzt hat, was heute innerhalb der einzelnen
Nationen als Rasse gefühlt und erlebt wird. Darauf beruhen, wie
erwähnt, die +historischen+ und deshalb der Antike ganz fremden
Begriffe des reinen Blutes und der Ebenbürtigkeit. Weil das Blut
des herrschenden Geschlechts das Schicksal, das Dasein der gesamten
Nation verkörpert, hat das Staatensystem des Barock eine rein
genealogische Struktur und die Mehrzahl der großen Krisen die Form von
Erbfolgekriegen angenommen. Noch die Katastrophe Napoleons, welche der
Welt für ein Jahrhundert ihre politische Gliederung gab, vollzog sich
in der Gestalt, daß ein Abenteurer es wagte, durch sein Blut das der
alten Dynastien zu verdrängen und daß dieser Angriff auf ein Symbol
dem Widerstand gegen ihn die historische Weihe gab. Denn alle diese
Völker waren +die Folge+ dynastischer Schicksale. Daß es ein
portugiesisches Volk gibt und damit auch einen portugiesischen Staat
Brasilien mitten im spanischen Südamerika, ist die Folge der Heirat
des Grafen Heinrich von Burgund (1095). Daß es Schweizer und Holländer
gibt, ist die Folge einer Auflehnung gegen das Haus Habsburg. Daß es
Lothringen als Namen eines Landes, aber nicht als Volk gibt, ist die
Folge der Kinderlosigkeit Lothars II.
Es ist die Kaiseridee, welche eine Anzahl von Urvölkern der
karolingischen Zeit zur deutschen Nation verschmolzen hat. Deutschland
und Kaisertum sind untrennbare Begriffe. Der Untergang der Staufer
bedeutete den Ersatz einer großen Dynastie durch eine Handvoll kleiner
und kleinster; er hat die deutsche Nation gotischen Stils noch vor dem
Beginn des Barock innerlich gebrochen, gerade damals, als in führenden
Städten -- Paris, Madrid, London, Wien -- das Nationalbewußtsein auf
eine geistigere Stufe gehoben wurde. Wenn der Dreißigjährige Krieg
nicht etwa die Blüte Deutschlands vernichtete, sondern im Gegenteil
dadurch, daß er in dieser trostlosen Form überhaupt möglich war, den
längst vollzogenen Verfall nur bestätigte und offenbarte, so war das
die letzte Folge des Sturzes der Hohenstaufen. Es gibt vielleicht
keinen stärkeren Beweis dafür, daß faustische Nationen dynastische
Einheiten sind. Aber die Salier und Staufer haben auch aus Romanen,
Langobarden und Normannen zum mindesten der Idee nach die italienische
Nation geschaffen, die erst über das Kaisertum hinweg an die Römerzeit
anknüpfen konnte. Wenn hier auch die fremde Gewalt den Widerstand
des Bürgertums hervorrief, der beide Urstände spaltete und den Adel
auf die kaiserliche, die Kirche auf die städtische Seite zog; wenn
auch in diesem Kampfe zwischen Ghibellinen und Guelfen der Adel früh
seine Bedeutung verlor und das Papsttum durch die antidynastischen
Städte zur politischen Vormacht emporstieg; wenn auch zuletzt nur ein
Gewirr winziger Raubstaaten übrig blieb, deren „Renaissancepolitik“
dem überfliegenden weltpolitischen Geiste der kaiserlichen Gotik
mit derselben Feindseligkeit gegenübertritt, wie Mailand einst dem
Willen Barbarossas, so ist doch das Ideal der Una Italia, für welches
Dante den Frieden seines Lebens geopfert hat, eine rein dynastische
Schöpfung der großen deutschen Kaiser. Die Renaissance hat mit dem
geschichtlichen Horizont des städtischen Patriziats die Nation von
seiner Erfüllung so weit abgeführt, als es möglich war, und das
Land während des ganzen Barock zum Objekt fremder Hausmachtpolitik
erniedrigt. Erst die Romantik von 1800 hat das gotische Gefühl wieder
erweckt und zwar in einer Stärke, welche das Gewicht einer politischen
Macht besaß.
Das französische Volk ist durch seine Könige aus Franken und Westgoten
zur Einheit verschmolzen worden. Es hat 1214 bei Bouvines zum ersten
Male gelernt, sich als Ganzes zu fühlen; und noch bedeutsamer ist die
Schöpfung des Hauses Habsburg, das aus einer Bevölkerung, die weder
Sprache noch Volkstum noch Überlieferung verband, die österreichische
Nation entstehen ließ, die ihre Proben -- die ersten, auch die
letzten -- in der Verteidigung Maria Theresias und im Kampfe gegen
Napoleon abgelegt hat. Die politische Geschichte der Barockzeit ist
im wesentlichen die Geschichte der Häuser Bourbon und Habsburg. Der
Aufstieg der Wettiner an Stelle der Welfen ist der Grund, weshalb
„Sachsen“ um 800 an der Weser und heute an der Saale liegt. Dynastische
Ereignisse, zuletzt das Eingreifen Napoleons haben bewirkt, daß die
Hälfte der Bayern an der Geschichte Österreichs teilnahm und daß der
bayerische Staat zum größeren Teil aus Franken und Schwaben besteht.
Die späteste Nation des Abendlandes ist die preußische, eine
Schöpfung der Hohenzollern, wie die Römer die letzte Schöpfung des
antiken Polisgefühls und die Araber die letzte aus einem religiösen
_consensus_ gewesen sind. Bei Fehrbellin hat sich die junge Nation
legitimiert, bei Roßbach siegte sie für Deutschland. Es war Goethe,
der mit seinem unfehlbaren Blick für geschichtliche Epochen die damals
entstandene Minna von Barnhelm als die erste deutsche Dichtung von
spezifisch nationalem Gehalt bezeichnete. Es ist wieder ein sehr tiefes
Zeugnis für die dynastische Bestimmtheit abendländischer Nationen,
daß Deutschland jetzt mit einem Schlage seine dichterische Sprache
wiederfand. Mit dem Zusammenbruch des staufischen Kaisertums war auch
die deutsche Literatur gotischen Stils zu Ende gewesen. Was in den
folgenden Jahrhunderten, der Großzeit aller westlichen Literaturen,
hier und da hervortrat, verdient diesen Namen nicht. Mit dem Siege
Friedrichs des Großen beginnt eine neue Dichtung: von Lessing bis
Hebbel, das heißt von Roßbach bis Sedan. Wenn damals der Versuch
gemacht wurde, den verlornen Zusammenhang durch bewußtes Anknüpfen erst
an die Franzosen, dann an Shakespeare, an das Volkslied, endlich durch
die Romantiker an die Poesie der Ritterzeit wiederherzustellen, so hat
das zum mindesten die einzigartige Erscheinung einer Kunstgeschichte
hervorgerufen, die fast ganz aus genialen Ansätzen besteht, ohne je ein
Ziel wirklich erreicht zu haben.
Am Ende des 18. Jahrhunderts vollzieht sich jene merkwürdige geistige
Wendung, durch welche das Nationalbewußtsein sich von dem dynastischen
Prinzip emanzipieren will. Scheinbar ist das in England schon früher
der Fall gewesen; manche werden an die Magna Charta von 1215 denken;
andern wird es nicht verborgen sein, daß gerade diese Anerkennung
der Nation durch ihren Repräsentanten dem dynastischen Gefühl eine
ungezwungene Vertiefung und Verfeinerung gegeben hat, von welcher
die Völker des Kontinents weit entfernt blieben. Wenn der moderne
Engländer der konservativste Mensch der Welt ist, ohne es zu scheinen,
und wenn infolgedessen seine Politik so viel von dem Notwendigen durch
nationalen Takt und schweigend statt durch laute Auseinandersetzungen
erledigt und deshalb bis jetzt die erfolgreichste gewesen ist, so
beruht das auf der frühen +Emanzipation des dynastischen Gefühls+
von dem Ausdruck der monarchischen Gewalt.
Dagegen bedeutet die französische Revolution in dieser Richtung
nur einen Erfolg des Rationalismus. Sie hat weniger die Nation als
den Begriff der Nation befreit. Den abendländischen Rassen ist das
Dynastische ins Blut gedrungen; dem Geist ist es eben deshalb ein
Ärgernis. Denn eine Dynastie repräsentiert die Geschichte, ist die
fleischgewordne Geschichte eines Landes, und der Geist ist zeitlos und
ungeschichtlich. Alle Ideen der Revolution sind „ewig“ und „wahr“.
Allgemeine Menschenrechte, Freiheit und Gleichheit sind Literatur
und Abstraktion, keine Tatsachen. Man mag das alles republikanisch
nennen; gewiß ist, daß es wieder eine Minderheit war, welche im Namen
aller das neue Ideal in die Welt der Tatsachen einzuführen suchte.
Sie wurde eine Macht, aber auf Kosten des Ideals. Sie hat in der Tat
nur die gefühlte Anhänglichkeit durch den überzeugten Patriotismus
des 19. Jahrhunderts ersetzt, durch einen nur in unserer Kultur
möglichen zivilisierten Nationalismus, der selbst in Frankreich
und heute noch unbewußt dynastisch ist, durch den Begriff +des
Vaterlandes als dynastischer Einheit+, der zuerst in der spanischen
und preußischen Erhebung gegen Napoleon, dann in den deutschen und
italienischen +dynastischen+ Einigungskämpfen hervortrat. Es
beruht auf dem Gegensatz von Rasse und Sprache, von Blut und Geist, daß
man dem Genealogischen nun das ebenfalls spezifisch abendländische
Ideal der Muttersprache entgegenstellt; es gab in beiden Ländern
Schwärmer, welche die einigende Gewalt der Kaiser- und Königsidee
durch die Verbindung von Republik und Poesie ersetzen zu können
glaubten. Es war etwas Rückkehr -- von der Geschichte -- zur Natur
darin. Die Erbfolgekriege sind durch Sprachenkämpfe abgelöst worden,
in denen eine Nation Fragmenten einer anderen ihre Sprache und damit
ihre Nationalität aufzuzwingen sucht. Aber niemand wird übersehen,
daß auch der rationalistische Begriff der Nation als Spracheinheit
vom dynastischen Gefühl zwar absehen, es aber nicht aufheben kann,
sowenig ein hellenistischer Grieche das Polisbewußtsein oder ein
moderner Jude das nationale _idjma_ innerlich überwindet. Die
„Muttersprache“ ist bereits ein Produkt dynastischer Geschichte. Ohne
die Capetinger würde es keine französische Sprache geben, sondern eine
romanisch-fränkische im Norden und eine provençalische im Süden; die
italienische Schriftsprache ist ein Verdienst der deutschen Kaiser,
vor allem Friedrichs II. Die modernen Nationen sind zunächst die
Bevölkerungen alter dynastischer Gebiete. Trotzdem hat der zweite
Begriff der Nation als schriftsprachlicher Einheit im Laufe des 19.
Jahrhunderts die österreichische vernichtet und die amerikanische
vielleicht geschaffen. Es gibt seitdem in allen Ländern zwei Parteien,
welche die Nation in einem entgegengesetzten Sinne vertreten, als
dynastisch-historische und als geistige Einheit -- Parteien der Rasse
und der Sprache --, aber diese Erwägungen greifen schon in die Probleme
der Politik hinüber (Kap. IV).
19
Im stadtlosen Lande war es der Adel, welcher zuerst die Nation in
einem höheren Sinne vertrat. Das Bauerntum, geschichtslos und „ewig“,
war Volk vor dem Anbruch der Kultur; es bleibt in sehr wesentlichen
Zügen Urvolk und es überlebt die Form der Nation. „Die Nation“ ist
wie alle großen Symbole der Kultur innerer Besitz weniger Menschen.
Man wird dazu geboren wie zur Kunst und zur Philosophie. Es gibt
auch da etwas, das dem Unterschied von Schöpfer, Kenner und Laien
entspricht und zwar in einer antiken Polis ebenso wie im jüdischen
_consensus_ und in einem Volk des Abendlandes. Wenn eine Nation in
Begeisterung aufsteht, um für ihre Freiheit und Ehre zu kämpfen, so
ist es immer eine Minderheit, welche die Menge im eigentlichsten Sinn
des Wortes „begeistert“. Das Volk wacht auf -- das ist viel mehr als
eine Redensart. Das Wachsein des Ganzen tritt wirklich erst jetzt in
Erscheinung. Alle diese einzelnen, die gestern noch mit einem Wirgefühl
einhergingen, das sich lediglich auf die Familie, den Beruf, vielleicht
den Heimatort erstreckte, sind heute plötzlich vor allem Männer ihres
Volkes. Ihr Fühlen und Denken, ihr Ich und damit das „Es“ in ihnen hat
sich bis in die Tiefe umgewandelt: es ist +historisch+ geworden.
Dann wird auch der geschichtslose Bauer Glied seiner Nation und es
bricht für ihn eine Zeit an, in der er Geschichte erlebt und nicht nur
vorüberziehen läßt.